Beiträge von Bertarido

    Ich habe noch einen Nachtrag zu Leonard Bernstein als Mozart-Dirigent. Bekanntlich wurde Bernstein die große Ehre zuteil, von der Harvard University zu den renommierten Norton Lectures eingeladen zu werden, wie vor ihm u.a. T. S. Eliot, Igor Strawinski und Paul Hindemith. Bernstein entwickelte in den sechs Vorträgen unter dem einem Werk von Charles Ives entlehnten Titel "The Unanswered Question" eine an Noam Chomskys generativer Grammatik orientierte Musiktheorie, natürlich angereichert mit vielen Musikbeispielen. Eines dieser Beispiele ist Mozarts Symphonie Nr. 40 in g-moll. Die Erläuterungen, die Bernstein dazu am Klavier gibt, sind sehr instruktiv, auch ohne Kenntnis des vorher entwickelten theoretischen Hintergrundes:


    Summa summarum ist das also gar nicht so wenig, so dass mir die Nennung Bernsteins in diesem Thread durchaus gerechtfertigt erscheint.

    Auf jeden Fall! Bernstein war derjenige, den hier zu nennen ich mir noch vorgenommen hatte, aber es ist gut, dass Du mir zuvor gekommen bist, da man von mir als bekennendem Bernstein-Verehrer ohnehin nichts anderes erwartet hätte. Ich finde seine Mozart-Aufnahmen überwiegend sehr gelungen, gerade die früheren mit dem NYP, wo die Tempi noch etwas zügiger sind als in seiner Spätphase. Auch die Aufnahmen des Requiems und der c-moll-Messe finde ich hervorragend. Wenn es denn mal eine Non-HIP-Aufnahme sein soll, ist Bernstein meistens meine erste Wahl.


    Zwei DVDs habe ich noch zu ergänzen:


       

    Warum ist es eigentlich nicht möglich, dass mal mehrere User von beiden Seiten gemeinsam eine Übertragung im Fernsehen anschauen, um hinterher darüber zu diskutieren

    Liebe Mme. Cortese, das könnte man tun, aber dann muss man sich vorher dazu verabreden. Sich hinterher darüber zu beschweren, dass die "andere Seite" die Übertragung nicht gesehen hat, finde ich unangebracht. Und die Behauptung, wer diese "Tosca" nicht gesehen habe, sei nicht wirklich an Oper interessiert, ist natürlich völlig abwegig.


    Abgesehen davon glaube ich nicht, dass es wirklich etwas bringen würde, denn es werden doch nur wieder beide Seiten ihre Positionen bekräftigen. Oder glaubst Du ernsthaft, dass jemand wie Gerhard Wischniewski sich z.B. auf die "Tosca" aus Aix eingelassen hätte, die während der Festspiele in diesem Sommer auf Arte übertragen wurde?

    Danke für die Einschätzung, lieber Joseph. Ich habe die DVD mit der 1986er Aufzeichnung gestern gehört und war musikalisch sehr angetan davon. Was Du zu den Sängern schreibst, deckt sich mit meiner Wahrnehmung, wobei ich die Oper lange nicht so gut kenne wie Du und auch wenig Vergleiche habe, denn Verdi höre ich sehr selten.

    Es würde mich interessieren, wie die Verdi- und Karajan-Kenner (ich bin beides nicht) die spätere Aufzeichnung von den Salzburger Osterfestspielen 1986 mit teilweise gleicher Besetzung beurteilen:



    Auch hier wird nur die vieraktige italienische Fassung aufgeführt.

    Ich habe mir vor Jahren Scherchens späten Live-Zyklus von 1965 aus Lugano, komplett in erstaunlich gutem Rundfunk-Stereo, zugelegt [...]

    Tja, lieber Joseph, das ist nun ein gutes Beispiel dafür, wie individuell unterschiedlich die Anforderungen an die Klanqualität sind. Ich habe in diese Scherchen-Aufnahmen auch einmal hineingehört, weil sie hier im Forum von verschiedener Seite als referenzwürdig gelobt werden, aber für mich ist das, was Du als "erstaunlich gutes Rundfunk-Stereo" bezeichnest, nicht anhörbar.

    Am Sonntag sendete DLF Kultur in seiner Sendung "Interpretation" ein zweistündiges Gespräch mit Jürgen Kesting über die Balladen von Carl Loewe mit vielen (auch sehr historischen) Aufnahmen.

    Auch von mir herzlichen Dank für diesen Hinweis. Ich habe mir die Sendung gestern mit großem Gewinn angehört, sie hat mir Loewe näher gebracht.

    Ich hatte meine erste Stereoanlage als Teenie (ca.mit 14) Jahren bekommen und mir dazu meine 1. Ispophon Selstbauboxen gebaut.

    :saint: Meine erste LP war Beethoven Eroica- Klemperer (EMI, 1959) natürlich nur in Stereo. Nie wäre ich auf die Idee gekommen mir jemals eine Mono-Platte zuzulegen. Mein Klangempfinden war von Anfang an darauf gerichtet. Hörspass gab es nur in Stereo !

    Das war bei mir nicht anders, lieber Wolfgang. Ich habe auch als Teenager angefangen, so richtig Musik zu hören. Anfangs noch primär die damals gerade aktuelle Rock/Pop-Musik, aber auch viel Elektronik (Tangerine Dream, Klaus Schulze, etc.) Jeder hatte damals seine erste HiFi-Anlage zu Hause, die natürlich stolz im Freundeskreis präsentiert und verglichen wurde. Untereinander wurden Musikkassetten ausgetauscht, um an Aufnahmen der LPs zu kommen, die andere besaßen. Und natürlich haben wir viel aus dem Radio aufgenommen, wo damals die Songs noch bis zum Ende gespielt wurden, ohne dass jemand hineinquatschte. Dir ist Mal Sondocks Hitparade sicher auch noch in Erinnerung. Mit der Zeit erwachte bei mir das Interesse an Klassik, und zum Glück kam dann bald die CD auf den Markt, so dass ich meine bis dato wenigen Klassik-LPs schnell durch CDs ersetzen konnte. Endlich kein Knistern mehr beim Abspielen, welche Wohltat! Zu der Zeit hat in meinem Bekanntenkreis an Mono überhaupt niemand auch nur einen Gedanken verschwendet, eine Mono-Aufnahme zu kaufen war für uns so unvorstellbar wie ein Grammophon anzuschaffen. ^^

    Die einen legen Wert dauf, daß man jedes einzelne Instrument heraushören kann

    die andern betrachten das als barbarsich, der Klang soll sich vermischen und als Klangwolke den Hörer erreichen,

    so wie man bei einer Speise nicht die einzelenen Zutaten herausschmecken soll, sondern die ---Komposition

    Ich bekenne mich eindeutig als zur ersten Gruppe gehörend, ich bevorzuge einen analytisch-transparenten Klang, bei dem jedes Instrument erkennbar und ortbar ist. Ein verwaschenes Klangbild (um nicht Klangbrei zu sagen) ist mir ein Graus. Das ist für mich auch eines der wesentlichen Kriterien bei der Beurteilung von Aufnahmen, was erklären könnte, dass andere manchmal bei derselben Aufnahme zu gänzlich anderen Bewertungen der Klangqualität kommen.

    Ich zitiere hierzu einen alten Beitrag des hier leider nicht mehr aktiven Theophilus, der Folgendes schrieb:

    Hm, da müsste man dann doch mal nachforschen, ob das korrekt ist. Leider wird Theophilus die Frage, woher er diese Information hat, nicht mehr beantworten können. Nun sitze ich fast immer vorne in der Mitte, wenn ich ins Konzert gehe, kann also sein, dass mir die mangelnde Ortbarkeit in anderen Bereichen deswegen noch nicht aufgefallen ist.


    Ich frage mich auch, was der "Stereo-Effekt" überhaupt ist. Sollte nicht das Ideal darin bestehen, das Klangbild in einem Konzertsaal unter optimalen Bedingungen möglichst genau zu reproduzieren? Es gibt zumindest Label, die genau das als ihren Anspruch kommunizieren. Natürlich kann man eine Musik-Reproduktion von vornherein auch als Kunstprodukt verstehen und gar nicht erst anstreben, dass diese wie im Konzertsaal klingen soll. Aber damit entfernen wir uns vom Thema dieses Threads.

    hingewiesen, dass das Klangerlebnis im echten Konzertsaal selbst auf den besten Plätzen niemals den Stereo-Effekt herbeiführt, den eine gute Aufnahme unter idealen Voraussetzungen erzeugt. Die plastische Räumlichkeit ist letztlich ein Kunstprodukt. Von künstlichen Studio-Spielereien wie Phase 4 Stereo von Decca ganz zu schweigen. Hört man also vornehmlich nur zu Hause, kann die Ernüchterung in natura ganz erheblich sein. Da nehme ich mich gar nicht aus. Bei meinem letzten Konzertbesuch vor einer Woche fiel mir diese Diskrepanz zum ersten Mal ganz deutlich auf, selbst auf einem an sich guten Platz im Parterre. Mir war es beinahe, als fehlte die Räumlichkeit fast komplett und erinnerte es eher an eine Mono-Wiedergabe. Ernüchtert verließ ich das künstlerisch durchaus gelungene Konzert.

    Diese Beobachtung überrascht mich sehr, denn ich habe bisher nie die Erfahrung gemacht, dass die Räumlichkeit in einem guten Konzertsaal schlechter ist als bei der Stereo-Wiedergabe zu Hause. Im Gegenteil wird im Konzertsaal überhaupt erst ein wirklich räumlicher Klang in allen Dimensionen möglich, bei der Stereo-Wiedergabe kommt der Schall eben immer nur von vorne. Und die Dynamik des Live-Ereignisses erreicht man zu Hause ohnehin nicht. Allerdings kann der Klang im Konzertsaal im schlimmsten Fall (schlechte Akustik des Saals und/oder ungünstiger Platz) auch schlechter sein als zu Hause, von störenden Nebengeräuschen durch flüsternde Nachbarn, knisternde Bonbontüten, Husten etc. ganz abgesehen. Daher empfinde ich die Vorteile eines Live-Erlebnisses im Konzert auch nicht als so gravierend, dass ich öfter Konzerte besuche. Insofern stimme ich dem Schlusssatz zu:

    Wozu zwischen 50 und 100 EUR hinlegen für ein flüchtiges Klangerlebnis, das man daheim kostenlos weit besser hinbekommt und jederzeit wiederholen kann, könnte man sich da fast fragen.

    Welche Klangqualität noch als akzeptabel betrachtet wird, sollte doch jeder Musikhörer für sich selbst entscheiden dürfen. Die jeweiligen Gewohnheiten und Vorlieben haben sicherlich auch etwas mit der Motivation zu tun, die dem Musikhören zugrunde liegt. Wer sich z.B. als Melomane und Stimmenliebhaber versteht, der wird wahrscheinlich auch alte Schellack-Schätzchen gerne hören, weil darauf eine Generation von Sängerinnen und Sängern verewigt wurde, die ihm immer noch als Referenz gelten und die es auf anderen Tonträgern eben nicht gibt. Und wenn man das Primat der Interpretation über alles stellt, dann hört man z.B. seinen Furtwängler natürlich auch in Mono. Dagegen habe ich überhaupt nichts einzuwenden. Ich selbst bin allerdings primär ein Genuss-Hörer, und Genuss empfinde ich nur, wenn die Klangqualität gewissen Mindestanforderungen genügt. Das ist bei Mono-Aufnahmen definitiv nicht der Fall, und auch bei frühen oder einfach nur schlechten Stereo-Aufnahmen nicht. Da mag dann eine Furtwängler-Aufnahme einer Beethoven-Symphonie interpretatorisch noch so grandios sein, es interessiert mich einfach nicht, weil ich sie nicht hören will. Und es nervt mich ehrlich gesagt, wenn man das dann als oberflächlich oder sonstwie abwertend bezeichnet oder meint, Mono oder Stereo sollten keine Rolle spielen.


    Meine Haltung ist also: Interpretation und klangliche Qualität tragen beide gleichermaßen zur Bewertung einer Aufnahme bei. Und ebenso, wie eine misslungene Interpretation eine Aufnahme im schlimmsten Falle wertlos macht, gilt dies für eine schlechte Klangqualität.

    Oper ohne Kostüme und Kulisse ist freilich möglich, obwohl man sich dann fragen kann, ob die Nichtkostüme und die Nichtkulisse nicht eben auch wieder eine Art von Kostüm und Kulisse darstellen. Also: Ein Alltagsgewand ist auf der Bühne auch wieder ein Kostüm und eine leere Bühne hat auch eine Rückwand.

    Klar, jede Form von Gewandung ist ein Kostüm, und auf der Bühne ist alles Kulisse. Ich will beides nicht abschaffen, sondern bin nur gegen das unbedingte Festhalten an den Kostümen und Kulissen, von denen wir glauben, dass Komponist und Librettist sie im Sinn hatten. (Insofern war meine Formulierung nicht präzise genug.) Kostüme und Kulissen sind Teil der Realisierung einer Oper, die immer wieder anders ausfällt.

    Man führt eine Oper doch nicht wegen ihrer Aussage aus, sondern, weil sie als Kunstwerk nach wie vor von Interesse ist! In erster Linie z.B. wegen der Musik ...

    Okay, ich habe es überspitzt formuliert. ;) Ich denke aber schon, dass man eine Oper nicht nur ihrer Musik wegen aufführt, sondern auch deswegen, weil sie uns heute noch etwas zu sagen hat. Eine Oper ist eben keine Symphonie, sie hat als Theaterstück einen außermusikalischen Gehalt. Und die Aufgabe eines Regisseurs ist es für mich, diesen Gehalt in seiner Aktualität herauszustellen, womit natürlich immer auch eine Interpretation verbunden ist.


    Im übrigen: Für das Kunstwerk Oper sind Kostüme und Kulissen in keiner Weise konstitutiv.

    Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass die Aussage in der jeweiligen Oper gleichsam zeitlos ist und uns auch noch heute etwas zu sagen hat.

    Wenn die Aussagen nicht zeitlos wären und uns auch heute noch etwas zu sagen hätten, brauchte man die Oper nicht aufführen.

    Dazu bedarf es aber nicht zwingend einer Aktualisierung von Zeit und Raum. Zeitlosigkeit drückt sich ja gerade dadurch aus, dass man etwa den Figaro von Mozart auch heute problemlos im Stile von 1786 spielen kann und sich trotzdem dabei denken: Großartig, die Grundaussage trifft doch auch heutzutage noch zu. Auch in Rokokokostümen wird es nicht automatisch zum Museum.

    Genau hier gehen die Meinungen auseinander. Wenn die Aussagen z.B. des "Figaro" zeitlos sind, warum dann Rokoko-Kostüme? Behindern solche Kostüme nicht eher die Erfassung dieser zeitlosen Aussagen? Welchen Nutzen haben sie dann noch?

    Manchmal hilft schon ein neuer Intendant! Schlechte Fußballtrainer werden auch rausgeschmissen. Und ein neues Konzept der Verantwortlichen.

    La Roche

    Der Erfolg eines Fußballtrainers bemisst sich an den Ergebnissen der Spiele und dem Tabellenplatz am Ende der Saison. Der Erfolg eines Intendanten ist nicht so eindimensional zu beurteilen. Ganz gewiss ist es nicht alleiniges Kriterium (wenn es überhaupt eines ist), ob die Produktionen einer "Mehrheit" gefallen (welche Mehrheit das auch immer sein soll).

    Ein Museum sei also per se etwas Minderwertiges. Es spiegle ja "nur" Kram von vorgestern wider. :pinch:

    Ich weiß natürlich nicht, wie lustein darüber denkt, aber ich halte Museen keineswegs für minderwertig, ganz im Gegenteil. Ich habe sogar selbst einmal für eines gearbeitet, und zwar mit Überzeugung. Aber Theater als Museum zu begreifen ist schlicht und einfach ein Missverständnis. Das ist ebenso so unsinnig wie der hier oft bemühte Vergleich einer Regiearbeit mit dem Überpinseln eines Gemäldes.


    Ich sehe da ein Fragezeichen: genau, die dies nicht meinen die bleiben Folgerichtig draussen. Die haben Schnauze voll! Die hat das Theater verloren!

    Hier bliebe nur die Frage: Was muss sich beim Theater verändern, um diesem Personenkreis zurück zu holen.

    Vielleicht muss sich ja auch etwas bei diesem Personenkreis verändern. :)

    So sehr ich die Vorbehalte gegen Vogt auch teile, aber Windgassen war definitiv eine andere Klasse. Vogt ist ein gerade noch akzeptabler Lohengrin, mehr kaum. Windgassen hingegen war m. E. eigentlich in allen Wagner-Tenorpartien mehr als annehmbar und in einigen sogar großartig (im 1955er Keilberth-Ring etwa).

    Das sehe ich ganz genauso.

    Leider ist die Alternative, dass die andere politische Seite die Kunst einfach einspart. Das wäre noch schlechter. Unterm Strich schaut es einfach katastrophal aus für die Bühnen, und da die Forderung nach einem "besseren" Publikum, die von linker Seite so gerne erhoben wird, nicht viel bewirken wird, kommen dann die Kompromisse. Also alles modernisiert aber mit eher moderater Propaganda durchsetzt.

    :rolleyes:

    Ich hätte von Dir als Moderator eigentlich erwartet, dass Du nemorino auf die Forenregel "Themen, wie Politik, Religion, Weltanschauungen sind generell nicht gestattet" hinweist, statt das platte Linken-Bashing aufzugreifen. Aber da bist Du selbst wohl zu sehr Partei. :(

    Liebe Freunde,

    nur :thumbdown::thumbdown::thumbdown: oder :thumbup::thumbup::thumbup: scheint mir bei allem Respekt vor Euer Meinung und der Wertschätzung Eurer Person als Reaktion auf den Eingangsbeitrag zu wenig zu sein.

    Nun gut...


    Der kulturelle Auftrag des Theater heißt für mich, zwar, auch Aktuelles auf die Bühne zu bringen, aber auch die vorhandene Kultur und Tradition zu pflegen.

    Die Pflege der Kultur besteht eben gerade nicht darin, Opern über Jahrhunderte hinweg unverändert aufzuführen. Theater soll kein Museum sein, auch wenn es viele gerne so hätten. Wie es gehen muss, hat lustein richtig beschrieben:


    Zusammenfassend liegt der kulturpolitische Auftrag der Theater darin, es zu einem Spiegel der Gegenwart zu machen, der die verschiedenen gesellschaftspolitischen Strömungen aufnimmt und auf das Publikum zurückwirft.