Beiträge von Bertarido

    Jawohl. Es gibt eine neue – m.E. gelungene – Einspielung, und zwar diese hier:

    D'accord! Soeben ging sie hier zu Ende und ich bin absolut begeistert.

    Ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen und bedanke mich bei ihnen dafür, hier für diese Aufnahme geworben zu haben. Ich gebe zu, dass ich gegenüber japanischen Interpreten gewisse Vorbehalte habe, wenn es um europäisches Kernrepertoire geht, aber diese sensationell gut gelungene Aufnahme zeigt, dass man sich davon freimachen sollte. Auch aufnahmetechnisch exzellent (ich hörte die SACD-5.1-Spur). Die erste HIP-Einspielung der 9., die mich wirklich begeistert hat. Ich bin jetzt sehr neugierig auf Suzukis Missa solemnis-Aufnahme, die ich mir demnächst zulegen werde.

    Das soll und kann jeder halten wie er will, gibt aber niemand das Recht, ältere Aufnahmen als "Vergewaltigung am Werk" zu verunglimpfen.

    Ich habe das Recht, über diese Aufnahme zu sagen was mir beliebt. Und davon werde ich mich von Dir bestimmt nicht abbringen lassen.


    Vor allem fällt mir der Widerspruch auf, der darin liegt, auf der einen Seite größtmögliche historische Treue einzufordern, auf der anderen Seite aber dem Regisseur totale künstlerische Freiheit einzuräumen :no: . Ich will aber hier keine neue RT-Debatte starten oder polemisieren. Schließlich sind wir anders herum ähnlich inkonsequent, wenn wir zwar librettotreue Inszenierungen bevorzugen, aber, zumindest bei älteren Produktionen, es auch hinnehmen, dass transponiert oder gekürzt wird.

    So ist es, liebe Mme. Cortese. So ist jeder auf seine Weise inkonsequent. :) Wenn ich mich gegen Transponierungen ausspreche, dann hat das aber nicht einmal etwas mit historischer Korrektheit zu tun, sondern ich möchte einfach nur die Noten hören, die der Komponist aufgeschrieben hat.

    Dann wollen wir doch dem Leopold Simoneau keinen Vorwurf daraus machen, dass es seinerzeit anders gehandhabt wurde.

    Einverstanden. :) Ich gebe Dir ja Recht, dass es damals etablierte Praxis war, Partien zu transponieren. Auch Partien in Barock-Opern, die für Altkastraten vorgesehen waren, wurden gerne transponiert und mit Baritonen besetzt (Placido Domingo als Giulio Cesare) <X. Aber heute, wo es zum Glück genug Alternativen gibt, haben solche Aufnahmen allenfalls historischen Wert und gehören m.E. keineswegs "in jede gute Opern-Diskothek".

    Léopold Simoneau muß seine Partie zwar, im Gegensatz zu Nicolai Gedda (unter Louis de Froment, EMI), transponieren, das tut aber seiner außergewöhnlichen Leistung keinen Abbruch. Dieser "Orphée" sollte Platz in jeder guten Opern-Diskothek finden.

    Die Pariser Fassung dieser Oper sieht in der Rolle des Orphée einen Haute-Contre vor. Wenn man die hohen Töne nicht erreicht, sollte man diese Partie nicht singen. Sie zu transponieren betrachte ich als eine Vergewaltigung des Werk. :(

    Dies ist eigentlich nicht der Ort, um über das Für und Wider von originalsprachlichen Aufführungen zu streiten, darüber sind an passenderen Stellen auch schon alle Argumente ausgetauscht worden. Ich bin bekanntlich ganz der Meinung von Lustein:

    Wie ich schon vor einiger Zeit im Thread Don Carlos gesagt habe, muss ein Stück in der Originalsprache gesungen werden, das ist vom stilistischen Standpunkt aus unerlässlich. Eine andere Sprache als die, für die die jeweilige Oper geschrieben wurde, zerstückelt die Phrasen, und das ist nicht schön.

    Und nein, ich spreche kein Wort tschechisch :). Ich erkenne aber an, dass es auch ein Argument für die Aufführung in deutschen Übersetzungen gibt, und das ist die Verständlichkeit des gesungenen Textes und damit die Erfassbarkeit des Stoffes, wenngleich ich dieses Argument in Zeiten von Übertiteln nicht für besonders stark halte. Und wenn man eine Oper zuhause von der CD hört, kann man ohnehin eine deutsche Übersetzung des Librettos mitlesen und so auch dem im Original gesungenen Text problemlos folgen. Aber ich weiß, dass die Meinungen da auseinander gehen.


    Hier habe ich nun aber zwei Einlassungen gelesen, die ich nicht unwidersprochen lassen kann:

    "Die verkaufte Braut" ist für mich der Präzedenzfall, der beweist, wie wirkungstötend es sein kann, aus Prinzip heraus immer in der Originalsprache zu singen. Bei Italienisch, Französisch ist es richtig, bei den slawischen Sprachen wie Tschechisch, Polnisch oder Jugoslawisch nicht. Der Unterschied zwischen uns ist, dass Du es rein vom Gesanglich-Musikalischen her betrachtest. Ich jedoch von der Gesamtwirkung ausgehe. Der ganze gerade in dieser Oper liegende köstliche Humor geht verloren, wenn der Text nicht zu verstehen ist. Wie sollen wir jemals das breite Publikum und die Jugend für die Oper begeistern können, wenn die Hürde, sich der Klassik zu nähern noch durch sprachliche Verständnisprobleme erhöht wird. Dadurch bleiben wir im elitären Elfenbeinturm allein und nehmen der Oper die Breitenwirkung, die sie verdient.

    Wie gesagt verstehe ich ja, dass man gerne alle Opern in seiner Muttersprache hören möchte, weil man sie sonst schlechter bis gar nicht versteht, aber der Unterschied, der hier zwischen Italienisch und Französisch auf der einen und slawischen Sprachen auf der anderen Seite konstruiert wird, ist hanebüchen. Es ist doch wirklich abwegig anzunehmen, dass "das breite Publikum" oder "die Jugend" eine auf Italienisch oder Französisch gesungene Oper versteht, wo es selbst bei einer deutsch gesungenen Oper oft schwierig ist, dem Text zu folgen. Die Menge derer, die das in einem typischen Opernpublikum auf Italienisch oder Französisch können, dürfte im einstelligen Prozentbereich liegen. Wenn überhaupt, dann gibt es nur eine Fremdsprache, die gerade "die Jugend" heute gut genug beherrscht, um auch eine Oper verstehen zu können: Englisch. Folglich dürfte man allenfalls noch englischsprachige Opern im Original aufführen.


    Lieber operus, dass Du hier Gesang in Italienisch oder Französisch gelten lassen willst, in Tschechisch oder Russisch hingegen nicht, hat meine Erachtens nur einen Grund: Lieb gewordene Gewohnheiten. Bei der "Prodaná nevěsta" hast Du es ja selbst zugegeben.


    Völlig absurd ist dann folgendes Argument:


    Slawische Sprachen wirken, vor allem gesungen, in westeuropäischen Ohren gewöhnungsbedürftig.

    Dass ein westeuropäischer Zuhörer slawische Sprachen gewöhnungsbedürftig findet, soll Grund genug sein, einen so gravierenden Eingriff in das Stück zu rechtfertigen, wie es eine Übersetzung des Librettos darstellt? Dann dürften Wagner und Strauss im Ausland überhaupt nur noch in den Landessprachen aufgeführt werden, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die deutsche Sprache in fast allen nicht-deutschen Ohren sehr gewöhnungsbedürftig anhört, vor allem gesungen. :D Die Stabreime im "Ring" finde ich auch immer noch sehr gewöhnungsbedürftig und plädiere daher dafür, den Text komplett umzudichten. Gewöhnungsbedürftig für viele Ohren sind auch die Disharmonien in Strauss' "Elektra", die man dann am besten gleich umkomponieren sollte. Von "Wozzeck" und "Lulu" ganz zu schweigen, hier wären revidierte Aufführungsfassungen herzustellen, die die zarten Ohren der Zuhörer nicht mehr mit gewöhnungsbedürftigen Klängen behelligen. :hahahaha:

    Nur durch Neues wird Oper spannend.

    Ich würde es so formulieren: Nur durch neue Sichtweisen auf alte Werke wird Oper spannend.

    Wir brauchen das moderne Musiktheater oder meinetwegen auch das Regietheater.

    Völlig d'accord. Und das sage ich, obwohl ich in diesem Jahr mindestens ebenso viele misslungene Produktionen gesehen habe wie gelungene.

    Es besteht nicht der geringste Grund, über Katharina Wagner herzuziehen. Sie ist eine der fähigsten Leiterinnen der Bayreuther Festspiele, die die Geschichte je gesehen hat.

    Was die eingeladenen Regisseure betrifft, stimme ich dem mit Abstrichen zu, die Produktionen waren überwiegend gelungen oder sind interessant gescheitert. Diese Verdienste kann man aber auch Wolfgang Wagner nicht absprechen, der mit z.B. Götz Friedrich, Patrice Chéreau, Harry Kupfer, Heiner Müller oder Alfred Kirchner auch einige der besten und innovativsten Regisseure seiner Zeit verpflichtet hat, die damals bei den konservativen Wagnerianern alles andere als beliebt waren. Im Gegensatz zu der Ära ihres Vaters, in der in Bayreuth auch die besten Wagner-Sängerinnen und -Sänger der jeweiligen Zeit anzutreffen waren, ist das Niveau in diesem Bereich m.E. unter Katharina allerdings deutlich gesunken.

    Ich verstehe sehr gut, dass jemand, der sich für die historische Entwicklung des Gesangs interessiert, solche alten Aufnahmen hört, weil das die einzige Möglichkeit ist, um zu erfahren, wie damals wirklich gesungen wurde. Ebenso leuchtet mir ein, dass jemand, der gerne Interpretationsvergleiche von Klavierstücken anstellt, einmal hören möchte, wie Rachmaninow ein bestimmtes Stück interpretiert hat. Ich höre aber Musik nicht aus einem solchen akademischen Interesse heraus, sondern primär deswegen, weil sie mich emotional berührt und bewegt. Und das tut sie nur, wenn der Klang eine bestimmte Qualität hat. Folglich interessieren mich historische Aufnahmen nicht besonders.

    Ich weiß, dass Rachmaninow ein bedeutender Pianist war, aber ich habe trotzdem kein Interesse daran, mir blechern klingende Mono-Aufnahmen aus den 1930ern anzuhören. Liszt und Chopin waren auch bedeutende Pianisten, und ich werde nie eine Aufnahme von ihnen hören, weil es keine gibt. Mahler war ein bedeutender Dirigent, und ich werde nie eine Aufnahme mit ihm hören können. Wenn ich das verschmerzen kann, werde ich auch auf die Rachmaninow-Aufnahmen verzichten können, ohne das Gefühl zu haben, "etwas Wesentliches im Leben verpaßt" zu haben. ^^

    Ich habe den Eindruck, dass Du etwas zu oft glaubst, die Mehrheit würde so denken wie Du.

    Mono-Hörer würde ich jetzt nicht zwingend als Mehrheit ansprechen wollen.

    Das glaube ich wohl auch. ^^

    Auch eine technisch mäßig aufgenommene historische Aufnahme kann musikalisch so aufregend sein, dass man die Aufnahmetechnik schlicht vergisst.

    Die Verallgemeinerung von "ich" zu "man" halte ich hier nicht für gerechtfertigt.

    Historische Aufnahmen in Mono haben für meinen Geschmack so viele Vorzüge, dass sie diesen Nachteil bei weitem aufwiegen. Um ein Beispiel zu nennen: Toscaninis hochexplosiv-spannende Aufnahme von Debussys La Mer lässt Mono-Unräumlichkeit für mich einfach völlig vergessen. Dafür feuere ich dann etliche musikalisch durchschnittliche, hifidele Stereo-Aufnahmen gerne in die Ecke. Die bleiben bei nämlich mir einfach nicht bleibend im Gedächtnis - im Unterschied zum Mono-Toscanini.

    Das ist ja auch vollkommen legitim. Ebenso legitim ist es, so wie Wolfgang/teleton und ich keinen Gewinn aus dem Hören von Aufnahmen zu ziehen, die bestimmte Mindestanforderungen an Klangqualität nicht erfüllen. Man sollte hier einfach individuelle Präferenzen akzeptieren.

    Aber die Orchesterfarben sind doch vom Raum unabhängig ...

    Das Problem eines Vergleichs ist ja, dass Mono-Aufnahmen immer alt sind, weil heute keine mehr hergestellt werden. Man müsste also Mono-Aufnahmen mit zur gleichen Zeit entstandenen Stereo-Aufnahmen vergleichen (bei mir fallen beide durchs Raster), oder man müsste spaßeshalber eine heutige Digital-Aufnahme in Mono abmischen. Die hätte dann nicht mehr den altersbedingten Qualitätsnachteil. Dabei würde wahrscheinlich herauskommen, dass bei Klaviermusik oder Lied-Aufnahmen die Nachteile von Mono nicht so groß sind, während bei Chor- und Orchesterwerken und Opern der Verlust an räumlicher Ortung ein gravierender Nachteil ist.

    Ich habe noch einen Nachtrag zu Leonard Bernstein als Mozart-Dirigent. Bekanntlich wurde Bernstein die große Ehre zuteil, von der Harvard University zu den renommierten Norton Lectures eingeladen zu werden, wie vor ihm u.a. T. S. Eliot, Igor Strawinski und Paul Hindemith. Bernstein entwickelte in den sechs Vorträgen unter dem einem Werk von Charles Ives entlehnten Titel "The Unanswered Question" eine an Noam Chomskys generativer Grammatik orientierte Musiktheorie, natürlich angereichert mit vielen Musikbeispielen. Eines dieser Beispiele ist Mozarts Symphonie Nr. 40 in g-moll. Die Erläuterungen, die Bernstein dazu am Klavier gibt, sind sehr instruktiv, auch ohne Kenntnis des vorher entwickelten theoretischen Hintergrundes:


    Summa summarum ist das also gar nicht so wenig, so dass mir die Nennung Bernsteins in diesem Thread durchaus gerechtfertigt erscheint.

    Auf jeden Fall! Bernstein war derjenige, den hier zu nennen ich mir noch vorgenommen hatte, aber es ist gut, dass Du mir zuvor gekommen bist, da man von mir als bekennendem Bernstein-Verehrer ohnehin nichts anderes erwartet hätte. Ich finde seine Mozart-Aufnahmen überwiegend sehr gelungen, gerade die früheren mit dem NYP, wo die Tempi noch etwas zügiger sind als in seiner Spätphase. Auch die Aufnahmen des Requiems und der c-moll-Messe finde ich hervorragend. Wenn es denn mal eine Non-HIP-Aufnahme sein soll, ist Bernstein meistens meine erste Wahl.


    Zwei DVDs habe ich noch zu ergänzen:


       

    Warum ist es eigentlich nicht möglich, dass mal mehrere User von beiden Seiten gemeinsam eine Übertragung im Fernsehen anschauen, um hinterher darüber zu diskutieren

    Liebe Mme. Cortese, das könnte man tun, aber dann muss man sich vorher dazu verabreden. Sich hinterher darüber zu beschweren, dass die "andere Seite" die Übertragung nicht gesehen hat, finde ich unangebracht. Und die Behauptung, wer diese "Tosca" nicht gesehen habe, sei nicht wirklich an Oper interessiert, ist natürlich völlig abwegig.


    Abgesehen davon glaube ich nicht, dass es wirklich etwas bringen würde, denn es werden doch nur wieder beide Seiten ihre Positionen bekräftigen. Oder glaubst Du ernsthaft, dass jemand wie Gerhard Wischniewski sich z.B. auf die "Tosca" aus Aix eingelassen hätte, die während der Festspiele in diesem Sommer auf Arte übertragen wurde?