Beiträge von Dieter Stockert

    Man sehe übrigens wie präzise die Regie hier gearbeitet hat. Jede Bewegung bei den Gästen des Festes ist genau festgelegt, niemand steht unbeteilig erum, jeder nimmt auf seine Art Anteil.

    In der Tat, ein Anfang mit einer solchen Personenführung nimmt einen schon gleich dafür ein. Da geht es mir wie bei Peter Steins Zauberflöte, die ich auch bezaubernd fand, wo sich bei mir aber danach dennoch ein gewisses Unbehagen eingestellt hat, weil der Eindruck entstand, dass dabei vielleicht doch wichtige Tiefenschichten des Werks auf der Strecke geblieben waren. Das führt mich zu:


    Die von Dir empfohlene Coppola-Inszenierung aus Rom kann - wie ich finde - lediglich auf den ersten Blick überzeugen (siehe hier), ist aber schon auf den zweiten Blick arg langweilig (siehe hier).

    Wenn man vergleichen will: Bei Alfreds Link findet sich die entsprechende Szene ab 1:41:50.

    Interessant finde ich, dass sowohl die Traditionalisten auf ihr Kosten kommen können als auch jene, die den Wald und die Wollfschlucht nicht brauchen, um in die Seelen der Beteiligten blicken zu können, wo sich nach meiner festen Überzeugung die eigentlichen Schluchten und Abgründe auftun.

    Das, finde ich, ist eine Aussage, gegen die alle Einwände, die manche gegen bestimmte Arten von Inszenierung, modern oder traditionell, vorbringen, zweitrangig werden.

    Ich würde gerne den Niederländer Pieter Wispelwey ergänzen. Er spielt das ganze Repertoire, und zwar sowohl auf »authentischen« als auch modernen Instrumenten. Beim Werbepartner jpc finden sich Einspielungen unter anderem von Bach, Beethoven, Berlioz, Brahms, Britten, Chopin, Crumb, Dvorak, Franck, Gubaidulina, Haydn, Hindemith, Lalo, Ligeti, Lutoslawski, Mendelssohn, Prokofieff, Saint-Saens, Schostakowitsch, Schumann, Sessions, Telemann, Tscherepnin, Vivaldi, Walton. Die Bachschen Suiten für Violoncello hat er schon dreimal eingespielt (jedesmal »freier«, gelöster, sanglicher in der Interpretation), deshalb stelle ich dieses Bild hier ein:

    In der Süddeutschen Zeitung steht heute ein Artikel mit aufschlussreichen Zahlen, die den vermeintlichen oder tatsächlichen Aufschwung relativieren. So sei die Anzahl der in Deutschland geförderten Orchester von 168 im Jahr 1992 auf nun 130 gesunken. Die Planstellen für Musiker seien von 12159 auf 9816, also 20 Prozent weniger, gesunken. Und die Musiker würden zwar »noch öfter, noch länger, für noch weniger Geld« spielen. 40 der verbliebenen 130 Orchester arbeiten aber zum »Haustarif«, das heißt unter Gehaltsverzicht von durchschnittlich 10 Prozent, »damit nicht noch mehr Stellen gestrichen werden«.

    Wenn ich die bisherigen Regiearbeiten des Herrn auf Fotos sehe, dann würde mich das bereits von der Premiere fernhalten:


    http://www.christianvongoetz.com/de/inszenierungen/


    Gerade sind Frittenbuden und Wohnwagen immens angesagt bei Neuinszenierungen.

    Nur schade, dass die von Dir verlinkten Fotos gerade nicht darauf schließen lassen. Ich sehe da nur tolle, eindrucksvolle, phantasievolle Bühnenbilder, die weit weg sind von einem wie auch immer gearteten Einheitsstil. Freilich sagt das letztlich nichts aus über die tatsächliche Qualität der Inszenierungen und ich wäre dumm, dazu etwas zu sagen.
    Aber zu Holgers Hirsch kann ich nur sagen: Herrlich!

    Herumgewinke vor Beginn, damit auch jeder, den man irgendwie kennt, merken soll, daß man auch an dem kuturellen Ereignis teilnimmt

    Das ist nun aber sehr polemisch. Ich mag das ja auch nicht, aber nicht jede, die herumwinkt (nach meinem Eindruck sind es meistens Frauen), tut dies aus dem von Dir genannten Grund, sondern einfach weil es dazugehört, sich zu begrüßen, und weil dieses soziale Element für manche Menschen eben wichtiger ist als für andere.

    Sofia Gubaidulina wurde noch nicht genannt. Und Alois Hába, der mit Viertel-, Fünftel-, Sechstel- und Zwölfteltönen experimentiert und immerhin fast zwanzig Werke für Streichquartett vorgelegt hat, sollte vielleicht auch dabei sein. Dann könnte ich mir Ernst Krenek vorstellen (6. Quartett).
    Geht es auch darum, dass unterschiedliche Länder vertreten sein sollten? Dann würde ich für Dänemark Vagn Holmboe nennen, der es auf immerhin 20 Streichquartette gebracht hat. Und für Spanien Cristóbal Halffter, für Korea Isang Yun.

    Das ist aber sicher nicht so einfach, lieber Holger, wenn man mit tonaler Musik großgeworden ist. Aber man kann es wahrscheinlich lernen.

    Eine Methode: Ich habe vor etlichen Jahren – damals hatte ich noch erheblich weniger CDs als heute – meine Sammlung einmal konsequent von Anfang bis Ende komplett durchgehört, und zwar in der Reihenfolge der Geburtstage der Komponisten, bis ich endlich in der Neuzeit angekommen war. Das hat ein gutes Jahr gedauert. Aber dadurch bin ich langsam und sozusagen unmerklich an die zeitgenössischen Kompositionen herangeführt worden und nun gefielen mir zum Beispiel auch Stücke von Lachenmann oder anderen, denen ich vorher überhaupt nichts abgewinnen konnte. (Allerdings würde das heute allein von der Menge her so wohl nicht mehr funktionieren. Ich müsste doch sehr selektieren, um damit noch zu Lebzeiten fertig zu werden.)

    [Pli selon pli] Aber der Gesang geht mir so auf den Geist, dass das Stück dadurch als Ganzes für mich ungeniessbar wird. Der Gesang erregt im wahrsten Sinne des Wortes physisches Unwohlsein bei mir. Was machen wir da ?(. Wie geht es anderen damit?

    Ich habe das Stück leider noch nie gehört, erst jetzt den kurzen, von Holger eingestellten Schnipsel. Wie geht es mir damit? Wie immer habe ich ein Problem mit der Klangqualität. Man wird einfach verdorben, wenn man über Jahre von der heimischen Stereoanlage eine gute Wiedergabe gewöhnt ist. Aber ansonsten? Mich stört, auch wie immer, dass ich vom Text praktisch nichts verstehe. Aber dieses Problem habe ich auch bei Schubert-Liedern. Und das war’s auch schon an Negativem. Und auch wenn meine Frau bei solchen Sachen sagen würde »Stimmen die noch oder spielen sie schon?«, so finde ich diese Musik, und das schließt auch den Gesang ein, wenn ich die Stimme einfach mal als Instrument sehe, faszinierend, abwechslungsreich und überhaupt nicht hässlich oder abstoßend oder ungenießbar. (Kleine Abschweifung: Bei den CDs liegst Du »mit ohne« den Apostroph natürlich richtig und ich ergänze nur den Verweis auf eine entsprechende Seite: http://www.apostrophitis.de/links_awards.htm. Aber Dein Doppel-s in »ungenießbar« ist – außer in der Schweiz – natürlich ungenießbar.)

    [Musikalische Schönheit] als in Atonalität erfahrbar definieren zu wollen ist nur zulässig, wenn man ihren Wesenskern nicht dort, also auf der Ebene klanglicher Sinnlichkeit, sondern auf der der musikalischen Wahrheit ansetzt.
    Damit aber wird sie zu einem musikalischen Phänomen, das in seiner Rezeption nur über einen hohen Grad von Rationalität zugänglich wird.


    Es ist aber ein verbreitetes Mißverständnis, daraus zu schließen, Neue Musik sei eine Sache nur für den Kopf.


    Wenn ich, wie ich oben geschrieben habe, diese Musik zwar nicht verstehe, sie mir aber direkt »ins Ohr« geht, dann scheint mir das doch genau dafür ein Beleg zu sein: Neue Musik ist eben nicht eine Sache (nur) für den Kopf.

    Demgegenüber will ich hier den Nachweis versuchen, dass die vielgeschmähte „Avantgarde“ sehr wohl auch (wenn auch sicher nicht nur) Werke hervorgebracht hat, die „schön“ sind, denen zuzuhören einen Genuss bedeutet (auch wenn der vielleicht erarbeitet sein will), dass es auch hier Musik gibt, die das Gefühl und nicht nur den Verstand anspricht.

    So ging es mir von Anfang an etwa mit Schönbergs Zwölftonmusik oder mit Elliot Carter und anderen. Ich ›verstehe‹ diese Musik nicht, aber sie geht mir ins Ohr.


    Ein Beispiel, das mir hier gut zu passen scheint, ist Stockhausen, der mich überhaupt nicht interessiert hat, weil ich mit Religiosität oder Spiritualität nichts anfangen kann und mich schon Titel die mit Tierkreiszeichen zu tun haben, oder die »Donnerstag aus Licht« lauten, einfach abschrecken (warum mag ich eigentlich Bach?). Aber nachdem ich neulich nun doch einmal angefangen habe, etwas von Stockhausen zu hören (wobei da ja eigentlich nichts dabei war, das ich als atonal bezeichnen würde: Amour, Der kleine Harlekin, Wochenkreis, Gesang der Jünglinge, Kontakte), bin ich ganz begeistert. Ich höre da wunderschöne kurze Melodien, die ganz schlicht wirken, die mir aber dennoch höchst kunstvoll vorkommen.


    So, nach dem Appetitanreger von Bertarido muss ich mir doch gleich noch einmal das Violinkonzert von Alban Berg anhören (ich habe die Einspielung von Antje Weithaas mit dem Sinfonieorchester Stavamger unter Steve Sloane).

    Geanu das ist es. Ich will das alle BESITZEN. Ander Verfahren liefern mich den Anbietern aus, wenn Download-Dienste aus welchen Gründen auch immer gewisse Interpreten aus dem Angebot nehmen.


    Ich glaube, Du verwechselst hier Download und Streaming. Auch ich will die Musik, die ich kaufe, besitzen (das geht mir auch mit Büchern so), und ich möchte mir keine Sorgen machen müssen, ob ich dann in zwei Jahren auch noch darauf zugreifen kann. Deshalb ist Streaming für mich völlig uninteressant und ich beschränke mich auf gekaufte Downloads (möglichst in Studio-Master-Qualität, also besser als CD), die ich dann »besitze«. CDs kaufe ich in der Regel nur noch dann, wenn die Aufnahme nicht anders verfügbar ist oder wenn beim Download kein Booklet als PDF angeboten wird.

    Ich habe keine "physischen" CD mehr.

    Dann hast Du entweder alles neu als Download gekauft oder Du hast die gerippten CDs verkauft, verschenkt oder vernichtet. In diesem Fall hättest Du auch die entsprechenden Dateien auf der Festplatte löschen müssen.


    Aber das Platzproblem ist natürlich auch dann entschärft, wenn man die gerippten CDs noch in seinem Besitz hat, weil man sie dann ja nicht mehr unbedingt leicht zugänglich aufbewahren muss – Kellerregale oder Schachteln auf dem Dachboden tun es auch.

    Nach den Jahren ist man natürlich im Vorteil gegenüber den früheren Bekennern ihrer Unwissenheit, weil die Chancen größer sind, den einen oder anderen Namen schon mal gehört zu haben, weil er inzwischen bekannter geworden ist. Meine Liste:


    9 Billy, Bertrand de
    16 Carmignola, Giuliano
    19 Ciccolini, Aldo
    20 Corti, Alessio
    22 Endres, Michael
    24 Fink, Bernarda
    26 Florez, Juan Diego
    27 Garanca, Elina
    35 Hagen, Clemens
    50 Kehrer, Rudolf
    56 Kühmeier, Genia
    58 Loriod, Yvonne
    66 Müller-Schott, Daniel
    78 Pluhar, Christina
    83 Ramey, Samuel
    91 Scholz, Katrin
    96 Suwanai, Akiko
    101 van Dam, José
    104 Wilson, Roland
    105 Yinon, Israel

    Als Erstes mussten wir einen Sprecherziehungskursus mit sich ständig wiederholenden Eselsübungen zu Vokalen und Konsonanten absolvieren und wo auch geübt wurde, die Sprache aus der Kehle vor die Zunge zu verlegen, so dass auch ein Flüstern hinten im Saale verständlich wurde.

    Das finde ich gut. Und ich würde ja eigentlich meinen, dass so etwas bei einer professionellen Schauspiel-Ausbildung erst recht dazu gehört. Aber da habe ich keinen Einblick.

    Ich finde es übrigens "hochkurios", dass Stimmenliebhaber mich "ignoriert", aber keine Gelegenheit zu einer Anfeindung auslässt, wenn ihm ein Beitrag von mir unter die Augen kommt.

    Kurios finde ich es auch, wenn Du dich als »glühenden Regietheater-Verfechter« bezeichnen lassen musst. Ist es wirklich so schwer zu verstehen, dass jemand, der sich differenziert zu einer Sache äußert und sie nicht von vornherein verdammt, deswegen noch lange kein glühender Verfechter davon sein muss?

    Und es kann sich auch im Studio eine Ausnahmesituation ergeben, die dazu führt, dass die Musiker sozusagen über ihre Erschöpfung hinauswachsen. Jordi Savall beschreibt das im Beiheft zu seiner Aufnahme von Beethovens Eroica. (Wer mehr wissen möchte: Es ging um die Aufnahme im Studio im Januar 1994. Savall hatte mit seinem Orchester Le Concert des Nations sieben Tage intensiv geprobt, ein paar Wochen später wurde die Probenarbeit vor einer Tournee wieder aufgenommen. Eine Live-Aufnahme zu wagen schien Savall noch nicht ratsam. Aber »angesichts der bei allen Konzerten erzielten hervorragenden Resultate« entschloss er sich zu einer Studioaufnahme. Er schreibt dazu: »Nach dem Konzert im Gran Teatre del Liceu in Barcelona beschloss ich also, einen Tag ­(besser gesagt, einen Abend und die darauff‌folgenden Nachtstunden) der für die Einspielung der Werke Arriagas vorgesehenen Zeit zu opfern, um auf einem guten Tonträger festzuhalten, was wir nach zwei Wochen intensiver Proben und drei öffentlichen Konzerten mit dieser immensen dritten Symphonie Beethovens anzufangen wussten.« Nach langem Ausprobieren für die Balance-Einstellungen usw. und der Aufnahme der Coriolan-Ouvertüre ging es gegen Mitternacht an die Eroica. Um 7.30 Uhr früh war das Zeitlimit erreicht. Die Musiker waren aber bereit und willens, die Aufnahme fertig zu stellen und nun »erlebten wir einen dieser magischen Momente, die entstehen, wenn übergroße Müdigkeit uns zwingt, die ganze geistige Kraft einzusetzen, die man gewöhnlich ›Beseelung‹ nennt, diese Energie aus der Tiefe, auf die wir zurückgreifen, wenn das Fleisch und der Körper kaum noch über Reserven verfügen. / Bis dahin hatten wir den ›Trauermarsch‹ noch nie mit einer derartigen Dramatik und Bewegung gespielt. Alle Musiker mobilisierten ihre letzten physischen und psychischen Energiereserven, um diesen einzigartigen Augenblick dramatischer Kraft, voller Hingabe an einen wirklichen Schmerz, hervorzubringen. Sie waren wie getragen von einer mächtigen tragischen Gefühlsquelle, die zugleich individuell und kollektiv war.«

    Ich hatte in den letzten Tagen ausführlich Gelegenheit, die Yoyo-Geräte von Cambridge Audio zu hören. Für das, was sie kosten, finde ich die Wiedergabe erstaunlich gut und vor allem – für mich ein wichtiges Kriterium – nicht auf spektakulären, effektvollen Sound gezüchtet, der dann bald nur noch nervt, sondern auch längere Zeit am Stück recht gut anhörbar.

    Andererseits ist das aber auch wieder einmal eine "Bertarido"-typische Pauschalverumglimpfung einer Inszenierung, die nicht seinem Geschmack entspricht, wie sie so aber angeblich ja aber nur immer von der Gegenseite kommt... :no: :no: :no:


    Naja, zwischen »altbacken« auf der einen Seite und »willkürlich«, »verunstaltet«, »verdreht«, »entstellt«, »absurd«, »verschandelt« andererseits besteht für mich schon noch ein ziemlich großer Unterschied.