Beiträge von Dieter Stockert

    Ich erinnere mich gut. Und ganz schlimm war es in den Anfangsjahren bei tamino als noch mehr Regietheaterjünger hier wüteten.

    Das war wohl lange vor meiner Zeit. Und da ich mich mit angesprochen fühle: In der Diskussion über »Opernaufführungen als Übertragungen per Rundfunk und Fernsehen« habe ich doch tatsächlich eine Aida-Inszenierung aus Verona kritisiert (Beitrag 1144), das aber auch begründet. Würdest Du das als »gewütet« bezeichnen?


    Im übrigen gefällt mir der Begriff » Regietheaterjünger« gar nicht. Nur weil man einen bestimmten Inszenierungs-»Stil« mag oder ihn zumindest nicht von vornherein verteufelt, sondern nur die Möglichkeit einräumt, dass ein Sinn dahintersteht, muss man kein Freund des Regietheaters sein, so wie man umgekehrt, wenn man lieber »konventionelle« Inszenierung anschaut, deswegen noch lange kein Feind des Regietheaters sein muss.

    Ich lasse Bertarido ja auch seine Überzeugung, ich habe - im Gegensatz zu ihm - seine Beiträge zwar manchmal widerlegt […]

    Da muss etwas an mir vorbeigegangen sein, denn ich kann mich jetzt nicht daran erinnern. Und auch wenn ich mich von Gerhards Art, sich hier zu äußern, immer wieder zu entsprechenden Seitenbemerkungen herausgefordert fühle, so bin ich doch eigentlich und in erster Linie an der Sache interessiert, unabhängig davon, wessen Feder ein Argument nun zu Papier gebracht haben mag. Deshalb wäre ich dankbar dafür, wenn man mir die Stellen zeigen könnte.


    […] aber ihn bisher immer noch als einen der vernünftigsten Diskussionspartner aus den Befürwortern des Regisseurstheaters bezeichnet.

    Was ist bei Bertarido anders?


    Bertarido […] dessen Beiträge ich ja weiterhin beachte

    Ich lese das als Nummer 4.

    das ist genau das, was mich an den Regietheatern so aufregt: Diese maßlose Arroganz gegenüber allen, die lieber Theater gemäß den Librettoangaben genießen. Die sind dann alle dumm, reaktionär, lächerlich, konservativ, rechts, bigott u. s. w.

    Aber nicht doch, das ist ein grandioses Missverständnis. Kritisiert wird eben nicht, dass jemand die Oper auf eine bestimmte Weise liebt. Kritisiert wird, wenn diese Liebhaber nicht akzeptieren wollen, dass es auch andere Sichtweisen gibt. Und kritisiert wird die Sprechweise, mit der die anderen Sichtweisen dann schlecht gemacht werden.

    Dann entsteht eben der Eindruck, dass der vermeintliche Vermittler in Wahrheit nur einer Seite, nämlich den RT-Hassern, zu Hilfe eilt, indem er das Unsägliche beschönigend und beschwichtigend als sagbar hinstellt.

    Dieser Eindruck entsteht, zumindest bei mir, übrigens auch aus einem anderen Grund: Wenn Sixtus gelegentlich versucht zu schlichten und dabei von den Diskutanten ein anständiges Benehmen einfordert, so geschieht das auf so allgemeine Weise und mit so zurückhaltenden Worten, dass die Betroffenen auf der Seite der »RT-Gegner« anscheinend überhaupt nicht auf die Idee kommen, sie könnten auch gemeint sein, und er sieht auch keine Veranlassung, das dann gegebenenfalls klarzustellen, während er mit der Gegenseite doch ganz anders umgeht.

    Das ist in groben Zügen meine Vorstellung von einer sinnvollen Heranführung an die musikdramatischen Schlachtrösser vergangener Jahrhunderte.

    Und da gibt es eben auch andere Vorstellungen, wie hier im Forum, insbesondere von Holger, schon mehrfach gezeigt wurde. (Und außer dem »Kindergartenargument« oder verunglimpfenden Bezeichnungen habe ich hier noch keine wirklichen Argumente dagegen lesen können.)

    aber wenn ein Regisseur einer Oper eine völlig veränderte Handlung überstülpt oder krampfhaft nach "Aktualisierungen" sucht, dann ist das in meinen Augen nicht mehr die Oper, die ich liebe.

    Aber muss man das deswegen in den Schmutz ziehen? Das hätte dann für mich mehr mit Psychologie als mit Liebe zur Oper zu tun.


    @ Dieter
    Danke, dass du mich als "Herrn" titulierst.

    Ich habe es Dir nur nachgemacht.


    Sicherlich hast du keine philosophischen Traktate in dich hineingefressen. Aber das kannst du ja hier gründlich nachholen....

    Philosophische Traktate habe ich hier noch nicht entdeckt, dafür aber interessante und auch ganz auf die Praxis bezogene Ausführungen etwa zur Aufführungsgeschichte.

    Ich halte es aber für ausgesprochen unverschämt, einem dann Ignoranz und Inkompetenz in Sachen Oper zu unterstellen. Gerhard, Marcel Joho und ich beschäftigen sich vermutlich schon länger mit der Oper als die Herren Stockert, Kaletha und Bertarido zusammengenommen, auch wenn wir nicht so viele theoretische Traktate über Ästhetik und Aufführungsgeschichte in uns hineingefressen haben. Vermutlich bewegen wir uns in euren Augen eben deshalb auf der alleruntersten Stufe der Erkenntnis.

    Es wäre schön, wenn Du da nicht pauschalieren würdest. So habe ich zum Beispiel noch gar keine solchen »theoretischen Traktate« (gibt’s auch praktische?) gelesen, geschweige denn in mich hineingefressen. Und dass ich – im Gegensatz zu »Herren« wie Dir oder Gerhard oder Sixtus – bisher nur über eine extrem begrenzte Erfahrung mit Opern verfüge, habe ich nie verschwiegen. Wenn sich da also jemand »auf der alleruntersten Stufe der Erkenntnis« bewegt, dann bin das allenfalls ich.
    Es wäre übrigens noch schöner, wenn Du etwas zu Holgers Bericht über die konkrete Aufführung sagen könntest. Ich habe sie nicht gesehen, sondern nur den Trailer (https://www.youtube.com/watch?v=iYgFgqTEsj4) kann mich also auch nicht dazu äußern, außer dass ich die eine kurze Szene, als Margarethe ihr Kind ertränkt – und auf der Bühne in dem Moment ansonsten anscheinend »gar nichts los ist« – außerordentlich berührend fand, da war ich den Tränen nahe.

    Mach es wie ich, ignoriere einfach diese Beiträge. […] Die Beiträge, von denen ich von vorn herein weiß, dass sie Schund verherrlichen - und ich sage es noch einmal, damit sei Adjutant wieder ein "gefundenes Fressen" hat - ignoriere ich einfach..

    Für das »gefundene Fressen« sorgt Gerhard schon selber: Nummer 2 und 3 auf der »Ignorier-Liste«, nur gut zweieinhalb Stunden später. Man merkt, er hat etwas aufzuholen.
    Hätte er doch nur den Eröffnungsbeitrag von Holger gelesen, dann wäre es wohl nicht zu seiner grotesken Bemerkung gekommen, Holgers Beiträge »haben mit der Oper ohnehin wenig zu tun«. Aber wer weiß? Es gelingt ihm ja auch, Sixtus’ »Muss das sein, dass es hier schon gar nicht mehr um die Aufführung geht, sondern nur noch um ideologische Klischees, um hasserfüllte Feindseligkeit kontra herablassenden Spott?« auf jeden anderen, nur nicht auf sich selbst zu beziehen.

    Ich habe es mir aber nicht durchgelesen

    Es sollte in einer Diskussion doch eigentlich das Selbstverständlichste sein, dass man dem anderen Gesprächspartner zumindest zuhört. Zu sagen bzw. zu schreiben, man habe den Beitrag des Anderen nicht einmal zur Kenntnis genommen, das macht jede Diskussion von vornherein sinnlos und da wäre es eigentlich anständiger, sich gar nicht zu äußern. Ich finde, so ein Verhalten ist eine Schande für das Tamino-Forum.

    Aber wieso können Musikliebhaber ein Interesse daran haben, eine Aufnahme eines Werkes als die optimale Empfehlung auszugeben?


    Als ich angefangen habe, überwiegend klassische Musik zu hören, war für mich klar, dass ich mir immer nur eine Einspielung eines Werkes kaufen würde. Es gab ja so viel für mich zu entdecken, da konnte ich mich nicht mit mehrere Fassungen ein- und desselben Stückes aufhalten. Mit der Zeit hat sich das dann, natürlich und glücklicherweise, geändert. Aber bis dahin war »Referenzaufnahme« ein wichtiges Kriterium. Und das wird es für viele Nicht-»Hardcore«-Klassikhörer wohl immer noch sein.

    Ich jedenfalls halte mir bei allem Kopfschütteln inzwischen vor Augen, dass der besagte Gewöhnungseffekt immer größere Teile des Publikums erfasst, sie paralysiert und das Gebotene hinnehmen lässt - nach der Devise: Die werden schon ihre Gründe haben. Ich glaube, das nennt man Dekadenz.


    Nachdenkliche Grüße von Sixtus


    Zum Nachdenken: Ich sehe ja – bis jetzt, ich möchte das ändern – nur sehr wenige Opern. Und früher – heute wird es nicht mehr so sein – hätte mich eine solche Inszenierung viel eher in die Oper gebracht als eine »herkömmliche«. Das hat und hatte also nichts mit Gewöhnung zu tun. Irgendwelche Qualitäten muss es da also doch geben.

    Aber warum muss der Thread tituliert sein "K L A S S I S C H E R G E S A N G"? Geht es auch etwas weniger pompös, oder soll dies "raumfüllende Autorität" sein?


    Es gibt hier, wo es doch oft schnell hin und her geht und das Korrekturlesen nicht so wichtig genommen wird, dann doch wieder übergenaue Leser. Mir ist der Fehler erst aufgefallen, als der erste Beitrag im Kasten war - eine Minute zu spät. Und was wird da alles hinein interpretiert! […] Aber wer unter euch ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein!


    Dann antworte ich mal für hasiewicz, denn auch ich hatte den gleichen Gedanken: Mit Übergenauigkeit hat das natürlich gar nichts zu tun. Aber Tippfehler oder orthografische Besonderheiten fallen nun mal im Titel mehr ins Auge als irgendwo im Beitragstext, und wenn dann noch dazu alles groß geschrieben ist, lässt sich das einfach nicht mehr übersehen. Dass die Großschreibung – »pompös« – ein Versehen war, hast Du ja inzwischen klargestellt. Man kommt leicht mal unbeabsichtigt auf die Feststelltaste. Freilich bleiben mir dabei die ganzen Leerzeichen – »raumfüllende Autorität« – doch ein Rätsel, zumal dann zwischen dem R und dem G eigentlich ein doppeltes Leerzeichen hätte stehen müssen.
    Und was das Hineininterpretieren angeht, so finde ich die Formulierungen von hasiewicz doch nicht böse gemeint, sondern eher witzig-ironisch. Und meine Anmerkung, dass Versalschreibung in Foren allgemein als Schreien aufgefasst wird, war nur als Information gedacht. Es wäre töricht, jemandem mit den von Dir beschriebenen Computerkenntnissen so eine Absicht zu unterstellen.

    Es ging, denke ich, darum, dass da 17 durch Leerzeichen getrennte Großbuchstaben standen, wo eigentlich zwei Wörter hätten sein sollen. Aber inzwischen hat eine gnädige Seele das ja korrigiert. (Nachtrag: Im Internet gilt das Schreiben in Versalien – obwohl es das hier wegen der Leerzeichen ja streng genommen gar nicht war – als lautes Schreien.)

    Ich kann nur sagen, dass Teufel-Lautsprecher preislich überteuert sind für das, was sie bieten (sie sind eigentlich schlecht) und dass ich von daher auch keinen besonderen Vertrauensvorschuss in andere Produkte dieses Herstellers setzen würde.

    Einer der Siege des sich (meinem Eindruck nach) mittlerweile im Todeskampf befindenden überzogenen Feminismus (Frauenrechte sind gut, aber wie immer kann man auch hier über das Ziel hinausschießen) besteht ja darin, dass man als Mann bloß nicht zugeben darf, dass man ein provozierend-reizvolles Outfit auch als das empfindet, was es nun einmal ist und auch sein soll.


    … und eben gerade nicht sein soll! Auch wenn die meisten oder vielleicht auch alle Männer so gestrickt sein sollten, dass sie ein solches Erscheinungsbild als sexy, reizvoll, anmachend empfinden, so wäre es ein Trugschluss anzunehmen, dass eine Frau, die sich so anzieht, genau diese Wirkung beabsichtigt. In vielen, oder den meisten, Fällen dürfte es nur darum gehen, hübsch und attraktiv zu sein oder damit zu »spielen«, so wie Holger es bei Yuja Wang vermutet, aber doch ohne das Bedürfnis, Männer zu provozieren, aufreizend zu wirken oder gar deswegen »angemacht« zu werden.

    Ein kleiner Teilsatz von Dir hat mich elektrisiert: Vereinsamung als Klassikhörer in der Provinz gegen Tamino. Das ist ja Spitze wenn unsere Diskussionen über klassische Musik und unsere oft sehr lebhaften Diskussionen hier im Forum gegen Vereinsamung helfen.


    Ich hatte dabei allerdings nur Vereinsamung in dem Sinn gemeint, dass man in der Provinz weniger Gleichgesinnte als in einer Großstadt finden dürfte, mit denen man sich – im direkten persönlichen Umgang – über klassische Musik austauschen könnte.

    Beruhigt und erleichtert nehme ich zur Kenntnis, dass ich nicht der Einzige bin, der diesen Zustand als deprimierend empfindet

    Ich kann das einerseits ganz gut nachvollziehen. Aber die Welt bleibt nicht stehen, sie wird auch nicht schlechter, und die Entwicklung scheint mir doch in verschiedene Richtungen gleichzeitig zu gehen. Ich kann heute zu Hause jeden Tag Musik hören in einer Wiedergabequalität und mit einer Vielfalt des Angebots, von der ich vor wenigen Jahrzehnten nicht zu träumen gewagt hätte. Und das sehe ich auch in anderen Bereichen (Bleisatz gegen die heutigen Möglichkeiten der Typografie, Provinzzeitung gegen elektronische Informationsangebote, Vereinsamung als Klassikhörer in der Provinz gegen Tamino). Es ist allerdings hilfreich, wenn man sich abgewöhnt, das, was man nicht versteht oder zu dem man keinen Zugang hat, als kulturell weniger wertvoll zu betrachten.



    und dass darüber hinaus auch noch ein paar mehr den Mut haben, dies zu beklagen. […]

    Es fällt mir immer wieder auf, dass man angeblich Mut braucht, um bei uns bestimmte Dinge an- und auszusprechen. Das kann ich nun ganz und gar nicht nachvollziehen. Mut brauche ich, wenn ich in der Türkei den Staatspräsidenten kritisiere. Aber heute in Deutschland kulturelle Entwicklungen zu beklagen, was soll dazu bitteschön an Mut erforderlich sein?

    Ich lese gerade im Booklet von Hardy Rittners Brahms-Aufnahme bei der Musikproduktion Dabringhaus + Grimm (Volume 3):


    Zitat

    In ihrem Bestreben, das nachweisbar Richtige zu tun, stützt sich die historische Auf‌führungspraxis so weit sie kann auf Fakten, die für eine musikalische Darstellung relevante Entscheidungen, wie etwa die Wahl des Instrumentariums, absichern und unanfechtbar machen sollen. Trotz und auch gerade aufgrund all ihrer Bemühungen um das historisch Korrekte erliegt eine solche Herangehensweise jedoch zuweilen der Gefahr der Überbewertung einzelner historischer Fakten einerseits und einem vorschnellen Ausschließen davon evtl. abweichender sinnvoller Lösungen andererseits. So mündet die Tatsache, dass Brahms einen wie den hier verwendeten J. B.-Streicher-&-Sohn-Salon-Flügel bis zu seinem Tode besaß, häufig in der Fehlannahme, er habe sonst nichts anderes gespielt oder geschätzt, seine Musik müsse demnach auf einem Streicher gespielt werden. Noch immer wird kaum gesehen, dass Brahms durchaus viel konzertierte und dabei vielfach die modernsten Flügel antraf.

    Dies ist ja wohl der umgekehrte Fall: man nimmt ein Musikstück und macht dazu einen Film, der die Stimmung der Musik bildlich übersetzt. Also Film zur Musik und nicht Musik zum Film...


    In der Tat. Wobei mir die Musik schon gleich in den ersten Sekunden (und dann durchgehend) süßlicher vorkam als die Farbstimmung der Bilder und insofern eigentlich nicht so besonders gut passend (als Kontrast war’s wiederum zu wenig). Ich hatte aber gleichzeitig den Eindruck, dass die Musik für sich allein wohl eher bestehen könnte, während ich die Bebilderung als ziemlich nichtssagend empfand.

    Und die Presse ist reine Hofberichterstattung, wie ich regelmäßig der Süddeutschen entnehme.


    Es wäre in der Tat interessant, die Besprechung aus der heutigen Süddeutschen Zeitung mal in der Diskussion über ehrliche Rezensionen ›auseinanderzunehmen‹. Und nachdem in der Süddeutschen auch berichtet wird, dass Netrebko diese Rolle in ebendieser Inszenierung singen/spielen wollte, wäre das doch vielleicht auch Futter für die Diskussion über Prominente und ihre Abneigung gegen das Regietheater in Bonmot und Zitat …