Ich glaube, bei der Klassik ist der Schaden zumindest bei den reinen Audio-Medien geringer als das Potential für die langfristige Erschließung neuer Käufer / Zielgruppen.
Eine Lehrerin befragte vor wenigen Jahren Ihre Abiturklasse, welche(r) SchülerIn (noch) über einen CD-Player bzw. eine Audio-Anlage verfüge. Von den 25 Schülern gab lediglich einer an, in seinem Jugendzimmer eine Anlage stehen zu haben. Die AV-Medienrezeption der Anderen war fast ausschließlich nicht tonträgergebunden bzw. beschränkte sich auf die Nutzung von Handys, Streaming mit dem PC / Notebook und mobilen MP3-Playern, unterwegs mit für E-Musik klanglich höchst unerfreulichen Billig-Ohrstöpseln. Über den Anteil rezipierter E-Musik aus Onlinemedien dürfte analog der weiter fortschreitenden Abwendung von klassischen Musikformen und die Entfernung von einstmals selbstverständlichen Bildungsstandards dürfte bei der Reflexion dieses Wandels manche Träne zu vergießen sein. 
Hilft aber alles nichts. Obwohl die hiesigen Musikinstituionen sicherlich noch nie so ein breites, attraktives und altersdiversifiziertes Education-Angebot wie in der Gegenwart hatten, erreichen diese Angebote häufig doch nur -aber immerhin- den restbürgerlich sozialisierten Nachwuchs, der aus eigenen Kulturerlebnissen kritische Maßstäbe und Erwartungen gegenüber Medien und ein Urteilsvermögen aufbauen kann.
Zumindest der Medienwandel bzw. die Abkehr von den"alten Medien" lässt sich sicherlich nicht mehr umkehren. Der hiermit nicht zwingend verbundene, aber doch symptomatische Verfall innerer und äußerer Qualität vieler Medienangebote bis zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk auf Grund fehlernder Vergleichsmaßstäbe nicht als Defizit wahrgenommen. Wie sollen diese jungen Menschen die Potentiale bzw. Defizite ohne Referenzen erkennen? Fraglich ist, ob Menschen, die die Welt und ihre Mediengeschichte online - quasi per Maus oder Handyklick - entdeckt haben, wegen im Regelfall unerkannter oder selbst wahrgenommener Potentiale koventioneller AV-Medien ihr bisher lebenslanges Medienverhallten einfach so über den Haufen werfen und sich ihre kleine Studentenbude für viel Geld mit CDs vollstapeln, wenn die Musik, die ihnen wiichtig ist, auf eine Festplatte oder in einen blauen Apfel passt. Mit der ständigen und häufig auch noch kostenlosen Verfügbarkeit von Medien entfällt für den Großteil der heranwachsenden Medienkonsumenten die gefühlte Notwendigkeit, Selbstverständlichkeit und damit die Zahlungsbereitschaft für Qualitätsmedien - zumindest bei Angeboten, deren Defizite nicht bemerkt oder toleriert werden. Möglicherweise treten an Stelle der für uns essentiellen Tonträger Computerspiele, für die sich aus Sicht vieler Nutzer die Zahlung lohnt. Hinzu tritt das ungemein antiquierte Gefühl, sich in Zeiten halbvirtueller Alltagsgestaltung und Lebenswelten platzraubender Medien zu bedienen, die letzendlich doch nicht die Selbstverständlichkeit bieten, auf alles immer ohne Barrieren zugreifen zu können. Für diese Menschen muss es sich absurd anfühlen, für einen Kurzurlaub oder ein Wochenende auf dem Land den großen oder kleinen Mobilitätsbedarf an CD-Stapeln von A nach B zu transportieren oder ins Auto zu laden - um hypothetisch gerade das hören zu können - was man gerne hören würde.
Natürlich wird es immer Menschen geben, die (irgendwann doch) dem Reiz des Dinglichen erliegen, das dann gerne retro = cool sein darf. Man kann staunen, dass sich in (Vinyl-)Plattenläden zahlreiche Teens tummeln, die die Quintessenz der (U-)Musikgeschichte und ikonische Alben mit nach Hause nehmen - sammeln - jagen - besitzen möchten. Aber dann am besten und streng in den Grenzen und Schubladen eines etablierten und möglichst allgemeingültigen Kanons für die essentiellen und desirablen Dinge / Medien des Lebens - man könnte mit einer eigenen Entscheidung ja was falsch machen oder -viel schlimmer- an der Fassade des überlegenen Geschmacks kratzen oder -wie kürzlich im "Zeit-Magazin" treffend ausgedrückt- die Legende vom eigenen sorgfältig kuratierten Leben beschädigen.
Wenn 10-20 % der gebildeten Twens mit fortschreitendem Alter zukünftig noch CDs, die per se nicht (ganz so) cool sind, kaufen - finde ich das sehr optimistisch. Menschen werden weiterhin Musik brauchen und Menschen werden sich weiterhin durch ihren Medienkonsum ausdrücken und sich in ihm wiederfinden. Aber der Anspruch und das Bewusstsein, sämtliche Medienformen und -angebote in hoher oder höchster Qualität zu konsumieren wird bezogen auf die reinen Audio-Medien schwinden und für die meisten Menschen eine nachrangige Priorität haben.
Für den Kern der individuell als bedeutungsvoll empfundenen Aufnahmen und anspruchsvolle Konsumenten mit Qualitätsanspruch werden Tonträger / CDs bis auf weiteres sicherlich weiterhin eine Rolle spielen. Aber die mehr als 60-jährige Kontinuität einer steten generationellen Medienerneuerung mit entsprechender Umsatzgarantie für herkömmliche AV-Medien scheint schwankend und gebrochen. In Deutschland sind weniger als 20 unabhängige bzw. inhabergeführte größere Fachgeschäfte für Klassik-CDs verblieben. Die CD-Abteilungen der meisten großen Elektronikmärkte werden immer weiter eingedampft. Wer meint, dies sei eines der Symptome des langsamen Todes oder einer zumindest ernsthaften Bedrohung einer hinreichend anpassungsfähigen Medienwirtschaft, hat vielleicht Recht. Die Vielfalt, Breite und Qualität des klassischen Tonträgerangebots, die wir als Taminos kennen, schätzen und lieben gelernt haben, wird es in dieser Breite in nicht so ferner Zukunft nach meiner Einschätzung nicht mehr geben. Diesen Trend können wir Taminos mit den wenigen Tausend Musikfreunden auf der Welt, die ein uns vergleichbaren Medienkonsum aufweisen, sicherlich nicht aufhalten. Mit den jetzt unglaublich günstigen (8., 10., oder 15) nochmals verbilligten Wiederausgaben und sinkenden Verkaufszahlen von Neuerscheiinungen alllein kann das aktuelle Produktionsvolumen sicherlich nicht aufrecht erhalten werden. Irgendwann werden die Distributionskosten des verbliebenen Tonträgervertriebs so hoch sein, dass sich dieser auf Mainstream und potentielle Bestseller beschränkt. Anstelle der relativ hochpreisigen Track-Preise einzelner MP3-Titel werden Flatrates treten, die mit wenigen Ausnahmen den legalen Zugriff auf das digitalisierte Erbe der verbliebenen kleinen Plattenfirmen und großen Medienkonzerne (bei Universal entspräche dies im Bereich der E-Musik bzw. Decca / Philips / DGG sicherlich mehr als 15.000 Alben) ermöglichen.
Bevor ich zur Ausgangsfrage und Youtube zurückkomme,möchte ich als weiteres Beispiel für meine These bzw. den zu erwartenden und notwendigen Wandel möglicher Geschäftsmodelle die von mir sehr geschätzte und häufig genutzte Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker anführen, die je nach Anspruch und Sichtweise des Nutzers Ersatzkonzert und Bildschallplatte sein kann und will und mit einzelnen Tiiteln mit gewisser Verkaufserwartung -sinnvollerweise- nunmehr vom neugeründeten BPhil-Label flankiert wird.
Trotz meiner Wertschätzung für dieses kostenpflichtige, aber gemessen an der Gegenleistung preiswerte Medienangebot, stelle ich als anspruchsvoller Hörer und regelmäßiger Besucher der Berliner Philharmonie fest, dass die Concert Hall - wen wundert's- weder atmosphärisch noch vom Klangeindruck das echte Konzerterlebnis ganz ersetzen kann. Es ist unglaublich, welche Aufnahmequalität mit der heutigen Technik in Live-Konzerten (Blu-ray und CD-Veröffentlichungen, Go-Live in der Kölner Philharmonie und in der Concert Hall möglich ist). Die Klangqualität kann superb sein. Andererseits sind bsp. in der Concert-Hall Aufnahmen, deren Klangqualität hinter mancher dreißig bis fünfzig Jahre alter Schallplatte zurücksteht). Die neueste Technik allein ist auch in der Medienproduktion kein Garant für eine gegenüber der Vergangenheit stets verbesserte Qualität, wie sie uns die Marketingexperten vermitteln wollen. Dennoch ist es müßig (vom blöden DAB mal abgesehen), pauschalisert zu behaupten, dass mit bestimmten Medienarten und einer dauerhaften "Befreiung" der Musik vom Tonträger zwingend und bis in alle Ewigkeit Qualitätsverschlechterungen auf der einen oder anderen Ebene verbunden sein müssen.
In den letzten 15 Jahren haben sich die Umsatzanteile der Klassik-Unternehmen erheblich von der CD zu DVD-/BluRay-Veröffentlichungen verschoben, während die Unitel-Produktionen der 70er-90er im Hinblick auf die kläglichen LD-und VHS-Verkäufe zumindest für diese Verwertungsart kaum kostendekend gewesen sein dürften und einen verschwindend geringen Teil des Gesamtumsatzes ausmachten. In weiteren 2-4 Jahren wird sicherlich auch die Streaming-Technologie so fortgeschritten sein, dasss auch Universal & Co. sowohl bei klassischen Musikproduktionen als auch im Bereich Film / Serien und U-Musik verschiedene pauschalierte Angebote (vgl. der Concert-Hall einschl. der schon jetzt live (in Kinos) übertragenen Aufführungen aus der MET und anderen Häusern) neben Einzelmedien anbieten wird, wenn Sie dieses Feld nicht komplett Amazon und anderen Vertriebsgiganten (die bereits jetzt über die Einzellizenzen und die erforderliche Infrastruktur für solche Angebote verfügen) überlassen wollen. Auch wenn wir diese Entwicklungen in unserer Traditionalität und Begeisterung für Tonträger mit erheblicher Skepsis sehen: Die Welt und unser Medienerbe durch diese Entwicklung nicht untergehen. Im Gegenteil: Ich bin fest überzeugt, dass wir uns diesen möglichen neuen Angeboten annähern werden, wie wir andere Medienwechsel als Konsumenten begleitet und gefördert haben.
Es erscheint fast paradox, dass ausgerechnet die von mir geschätzte Valentina Lisitsa als Inbegriff der über Youtube bekannt gewordenen Künstlerin bei Decca im letzten Jahr (mit heute historischer Technik einschließlich Studer-Bandmaschine aus den 70ern) eine echt analoge Schallplatte (CD wurde mit hard disc recording aufgezeichnet) bei einem Major Label (die erste seit fast 30 Jahren?) aufgenommen hat und dieses Projekt initiiert hat: http://www.youtube.com/watch?v=ibyU6SH48z0
Zu Youtube: Auch hier wird das Qualitätsniveau vom Fortschritt verbesserter digitaler Standards profitieren. Das Spektrum der Angebote reicht bereits jetzt von Aufzeichnungen aktueller und historischer musikalischer Sternstunden über nie kommerziell veröffentlichte Dokumente unserer Lieblingskünstler und aufgetauchte Veröffentlichungen vom ehemals grauen Markt bis zu qualitativ bestechenden oder ohrenfeindlich quiekenden Nachwuchskünstlern. Kurz: Es gibt sehr viel - wenn gleich bei weitem nicht alles. Insbeondere kann Youtube (noch) schon vom Spektrum der verfügbaren Aufnahmen unsere in der Regel gewaltigen Mediensammlungen nicht ersetzen.
Wenn ich von mir ausgehe, erreicht Youtube meinen sehr gehobenen Anspruch an die technische Qualität meistens nicht. Aber die Angebote ermöglichen dennoch manch interessante Erkenntnis oder einen qualifizierten ersten Eindruck. Was den nächsten die Medienrezeption der heutigen Teens und Twens angeht, gehe ich jedoch klar davon aus, dass Youtube überwiegend an Stelle des Kaufs und der Nutzung von Tonträgern tritt und insofern mittelfristig zu weiteren Umsatzeinbußen bei den kriselnden Plattenfirmen tritt. Aber wie viele Menschen werden für die E-Musik gewonnen, die nicht im Konzertsaal, mit Education-Programmen und häuslichem Musizieren groß geworden sind. Und es ist überhaupt nicht absehbar, ob diese Nutzer nicht irgendwann doch bereit sind, für Musik-Flatrates oder ihre Lieblingsstücke Geld für zeitgemäße, marktgerechte Angebote auszugeben? Ich sehe das grundsätzlich optmistisch. Vor allem übernehmen Medienportale wie Youtube die Rolle des Kulturvermittlers, bei der man ohne Schwellenhemmung gewollt oder versehentlich in eine neue Welt eintauchen und diese für sich erschließen kann. Dies ist der Schallplatte jenseits der gebildeten Stände nur bedingt gelungen. Endlich sind Kultur- und Bildungsinhalte - letztlich das klingende Weltkulturerbe - erstmals voraussetzungslos und unbeschränkt für jedermann an jedem Ort mit Internetzugang verfügbar. Musizierende und musikliebende Menschen können sich heute mit Inhalten in einer Breite und Qualität auseinandersetzten, die jahrzehntelang oder in der Weltgeschichte bisher unbekannt oder verschlossen war(en). Vielleicht mag meine Sichtweise manchem Tamino zu egalitär vorkommen, aber ich finde diesen universalen Kultur- und Informationsanspruch und Zugang für alle legitim, zu dessen Verwirklichung Youtube einen Beitrag leistet. An Stelle unseres bisher auf Tonträger fokussierten Medienkonsums mit entsprechender Zahlungsbereitschaft kann eine verantwortungsvolle Neuorientierung auf unterschiedlichste Medienangebote treten, die bei entsprechender Qualität neben unserer Versorgung mit dem Grundnahrungsmittel Musik mit oder trotz zu erwartender Ressourcenverschiebungen auch einen monetärem Beitrag zum Erhalt und der Vielfalt von Kultur(en) leistet. Ich stelle zur Disposition, dass ein solcher verantwortungsbewusster Umgang bzw. eine Neubewertung unseres individuellen Medienbudgets z.B. Spenden an Kulturträger und Künstler anstelle feststehender Gebühren und Kaufpreise treten lassen kann.
Ich hoffe inständig, dass kommende Generationen ein Bewusstsein für den Wert - und nicht den Preis- unseres kulturellen Erbes entwickeln und dies in Wertschätzung und ein entsprechend geleitetes Handeln mündet. In diesem Sinne sehe ich Youtube nicht als Ende sondern den Beginn eines Weges bzw. Ausdruck einer veränderten Rezeption, die Musik zum Erklingen - nicht zum Verstummen- bringt. 
Mit freundlichen Grüßen
Ottavio