Beiträge von Hartmut Spiesecke

    Ich traue mich jetzt mal, etwas Wasser in den Wein zu geben:

    Mich haben diese Quartette sehr enttäuscht. Ich finde sie streckenweise sogar langweilig. Zwischen den Zeilen lese ich das auch bei lutgra: Falls WoO 37 (entstanden in Beethovens Todesjahr) nach Opus 18 klingt, dann sind das rund 20 Jahre Abstand (um nicht zu sagen: Rückstand). Auch die Bezüge zu Haydn (der zwei Generationen älter war als Ries) bestärken mich in einer kritischen Einschätzung. Unter den vielen Kleinmeistern des frühen 19. Jahrhunderts war Ries einer der sehr kleinen.


    Wer widerspricht mir mit Verve?

    Nach meinen Hörerfahrungen hat die Räumlichkeit stark mit der Aufnahmetechnik zu tun. Ganz anders ist das mit der heute üblichen Phrasierung, die (historisch plausibel) stärker abphrasiert. Da klingen selbst Aufnahmen aus derselben Entstehungszeit sehr unterschiedlich: Man vergleiche die Mozart-Aufnahmen des Alban-Berg-Quartetts aus den 1980er Jahren mit denen des Kuiken-Quartetts, das damals schon auf historischen Instrumenten mit anderer Spielweise spielte. Das mag jeder selbst beurteilen - die klanglichen Unterschiede sind immens.


    Ich erinnere mich noch gut an meine Begeisterung der Beethoven-Symphonien mit Karajan Mitte der 80er, die ich heute nicht mehr habe. So ändert sich der eigen Geschmack (meiner jedenfalls). :-)

    Ich besitze fast alle Aufnahmen des Guarneri Quartetts auf LP und höre sie auch immer wieder gerne. Während meiner New Yorker Jahre (1986-90) habe ich sie regelmäßig live gehört. Ich habe auch noch ihr allerletztes Konzert in Stuttgart miterlebt. Dabei traf ich eine bratschende Musiklehrerin, die ihre ganze Schulklasse mitgebracht hatte, weil als Studentin ihr größter Traum gewesen war, bei Michael Tree zu studieren, was sich aber aus irgendwelchen Gründen nicht realisieren liess. Leider ist er dies Jahr 84-jährig an den Folgen einer Parkinson-Erkrankung verstorben. Kennst Du das Buch über die vier, unbedingt lesenswert.


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    Danke für den Hinweis, lutgra! Die "Autobiographie der Guarneris habe ich vor 25 Jahren mit Leidenschaft gelesen. :-)


    Ein geniales Buch zum kulturgeschichtlichen Thema schrieb übrigens Gert Kaiser 1995: Der Tod und die schönen Frauen.

    Von Schubert stammt auch das Streichquartett d-Moll, D810, gleichen Namens. Dass Schubert Jahre später das musikalische Thema des Kunstliedes als Basis für ein ganzes Streichquartett nimmt, spricht für sich.


    Genau genommen hat Schubert das Liedthema nicht zur Basis eines gesamten Streichquartetts gemacht, sondern nur das Thema für einen Variationensatz genutzt - ein damals sehr übliches Verfahren. Das Quartett erhielt den Beinamen - nicht von Schubert übrigens - wegen des Lied-Zitats.
    Die Aufnahme mit dem Guarneri-Quartett war vor fast 40 Jahren meine erste Quartett-LP überhaupt. Ich habe sie so verinnerlicht, dass mir ein objektiveres Urteil unmöglich ist ...

    Ich habe im letzten Jahrtausend diese Aufnahme der Streichquartette von Gade gekauft:




    mit dem Kopenhagener Streichquartett gekauft. Für mich waren sie eine echte Entdeckung und eine Bereicherung des Repertoires.
    Allerdings ist diese Aufnahme momentan nur gebraucht erhältlich, und andere kenne ich leider nicht.

    @Johannes: Ich stimme Dir gerne in fast allem zu:
    Schubert hat die terzverwandten Tonarten keineswegs als Erster "gefunden"; allerdings fällt mit im Moment kein Komponist ein, der die Tonarten vor Schubert quasi chromatisch disponiert.
    Die Kontrapunktik tritt in manchen Werken des späten Beethoven neben (aber nicht vor) die motivische Arbeit, das sehe ich wie Du. Aber das erklärt die Harmonie nur teilweise.


    ABQ: Der rauhe Klang ist gerade das Aufregende dieser Aufnahme. Ich verstehe sie auch als damals ziemlich radikalen Gegenpol zu den klanglich viel glatteren Aufnahmen zum Beispiel des Melos-Quartetts mit den Schubert-, Brahms- und Mendelssohn-Quartetten. Allerdings fehlt mir auch die Wiederholung der Exposition: musikalisch unplausibel und angesichts einer Gesamtlänge der CD von unter 50 Minuten auch technisch völlig unnötig.

    Zu den umfassenden Aufnahmekenntnissen vieler Diskutanten hier kann ich kaum beitragen. Meine erste Aufnahme des Schubert-Quintetts war die mit dem Alban-Berg-Quartett und Heinrich Schiff, und die haut mich bis heute so vom Hocker, dass ich sie weitgehend mit dem Werk selbst identifiziere. Das geht mir sonst nie so und ist schlecht für eine halbwegs objektive Betrachtung. Deswegen lasse ich sie gleich sein.


    An die Tonartdiskussion des Jahres 2008 möchte ich gerne anknüpfen: Nach meinem Verständnis sind reine Quintenzirkel-Betrachtungen schon bei Schubert nicht adäquat. Schubert konzipiert seine Tonart-Disposition erkennbar anders, nämlich häufig in beliebigen Terzverwandtschaften ("mediantisch" ist als zu ungenauer Terminus in der Musikwissenschaft zwar verpönt, trifft aber manchen Sachverhalt) oder wie hier chromatisch. Und dann liegen Des-Dur und Ces-Dur ganz nahe neben C-Dur. Das mediantische E-Dur des zweiten Satzes ist als "himmlische Tonart" ein musikalischer Topos.


    Zwei weitere Beispiele: Schuberts 4. Symphonie in c-moll hat in allen Sätzen Passagen in Des-Dur. Auch Ces-Dur (3. Satz) und b-moll finden sich mehrfach. Schubert - ich erlaube mir diese saloppe Formulierung - fegt hier durch die Tonarten, und zwar nicht durch den Quintenzirkel, sondern eben die chromatische Tonleiter rauf und runter. Und falls ich mich recht erinnere, ergibt eine Analyse der letzten B-Dur-Klaviersonate, dass Schubert hier streng genommen nicht in B-Dur endet, sondern den Quintenzirkel so lange absteigt, bis er in Ceses-Dur endet, das dann der Lesbarkeit halber als B-Dur notiert ist.


    Ich denke übrigens, dass genau in dieser Tonartendisposition eine Eigenheit Schuberts gegenüber Beethoven liegt. Beethovens freie Harmonik zum Beispiel in den späten Quartetten erklärt sich aus dem Fortschritt der motivischen Arbeit. Schubert disponiert die Harmonik selbst als musikalisches Movens - darin klar eine romantische Musikästhetik ausprägend.


    Ist das nachvollziehbar und plausibel?

    Ich habe von 1984 bis 1989 Jahren bei Carl Dahlhaus studiert und kann mich an diesen "Lücke-Terminus" nicht erinnern. Wo hat er ihn denn formuliert?
    Dahlhaus wendete sich ausdrücklich gegen die Vorstellung eines "Gänsemarsches der Epochen" (Benjamin) und gegen die Vorstellung eines romantischen "Oberhauses" über dem "Biedermeier-Souterrain". Außerdem kannte er so außergewöhnlich viel Musik, dass er selber die "Lücke"-These einen Satz später relativiert haben müsste, falls er sie selber formuliert hätte.


    Allerdings dürfen wir uns spätestens ab etwa 1730 eine dezidierte europäische Musikkultur vorstellen, in der Mozart nach Italien reiste, Händel in der Musikhauptstadt Europas, in London, wirkte. Das setzte sich mit der Weiterentwicklung nationaler Musikstile im 19 Jahrhundert konsequent fort. Insofern ist die zeitliche "Lücke" überhaupt nur dann eine, wenn man französische, schwedische, dänische, tschechische und andere Kompositionen unberücksichtigt ließe - das halte ich für unplausibel.


    Auf den Fokus der Musikdramatik hat schon Johannes Roehl sehr zutreffend verwiesen. Die Nichtberücksichtigung symphonischer Dichtungen wiegt noch schwerer, schließlich ist das eine der plausiblen Weiterentwicklungen der klassischen und frühromantischen deutschen Symphonik.


    Umgekehrt: Wenn man den Fokus auf deutsche Komponisten und traditionelle Formanlage (Viersätzigkeit) legt - dann sind Raff, Spohr Gernsheim nicht ernsthaft die Wegbereiter der 1. Symphonie von Brahms. Insofern (und nur insofern) ist an der These etwas dran: Brahms hat von Beethoven und Schumann gelernt. Seine Symphonien greifen insofern weit zurück und sind sehr eigenständig weiterentwickelt. Eine Kontinuität von Beethoven über Raff zu Brahms und Bruckner wird man an Notenbeispielen kaum belegen können. Und diese Feststellung ist kein Werturteil, sondern ein analytisches. (Das behaupte ich auch nach "Analyse und Werturteil" - ebenfalls aus der Feder des zitierten Dahlhaus.) Damit meine ich: Vielleicht gab es die zeitliche Lücke nicht so wie behauptet - das Traditionsbewusstsein machte allerdings zu Brahms einen Sprung.

    Es passt zwar nicht recht an diese Stelle, soll aber nicht unerwähnt bleiben:


    Geiger kennen Pleyel selbstverständlich von seinen Violinduos! Von den sehr einfachen Opus 8 über die anmutigen Opus 48 bis zu den konzert Antenne Opus 23 ist da einiges zu entdecken. Sie sind ganz vom Instrument gedacht und "liegen" daher gut.


    Musikalisch haben sie weder die Intelligenz von Haydn noch auch nur annähernd die Genialität Mozarts. Sie sind im besten Sinne Gebrauchsmuster; daher trifft nach meinem Verständnis Alfreds Begriff des Musikantischen es am besten.


    Von Opus 23 gibt es auch eine Aufnahme aus Ungarn, die damals auch auf (inzwischen vergriffener) DVD erschienen war.


    Mit einem Hinweis auf des konzert Antenne Duo für Violine und Viola Opus 69 endet dieser kleine Exkurs.

    Im Mai gab es sogar eine Sondersendung von 37 Grad im ZDF zu dem Vorfall. Und es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass Arzberger jedenfalls keinen Mordversuch unternommen hat, weil er zu diesem Zeitpunkt unter Drogen stand und nicht zurechnungsfähig war.

    Zu den genialen Aufnahmen großer und kleiner "Komponistengeister" zählt Rudolf Buchbinders Einspielung der Diabelli-Variationen - eine CD mit Beethovens Werk, die andere mit den Variationen von 50 anderen Kopmponisten. Keine mir bekannte Aufnahme spiegelt die Vielfalt dieser Zeit so wieder wie diese. Zur Zeit ist sie vergriffen, aber das Cover steuere ich gerne bei.


    Anmerkung der Moderation:

    Inzwischen mit neuem Cover verbiliilgt erhältlich

    MOD 001 Alfred 14.7.2020

    Die Aufnahme der Czerny-Quartette haben mich sehr positiv überrascht. Sie sind tatsächlich frühromantische Musik, die mit einigen klanglichen Überraschungen aufwartet.



    Auf jeden Fall wird diese Überraschung eilen, wer Carl Czerny nur aus den niedlichen oder etwas virtuoseren musikalischen Kleinodien der Klavierübungsliteratur kennt. Ich habe mich als Schüler jedenfalls gefreut, mit Czerny nicht nur technische Studien, sondern wirklich kleine Charakterstücke üben zu können - das ist wirklich Musik, was man ja von Etüden leider nur selten behaupten kann.


    Weit darüber hinaus gehen die eingespielten vier Streichquartette. Man kann den Anspruch hören, den der Komponist selbst dabei gehabt hat. Die Quartette sind wirklich hervorragend gearbeitet, ein echter kammrmusikalischer Satz klingt hier. Hätte ich raten müssen, hätte ich die Entstehungszeit freilich doch 20 Jahre früher geschätzt. In den in den 1850er Jahren entstandenen Quartetten von Czerny klingt keinerlei Nähe zu Brahms an (zugegeben: dessen Quartette entstanden später), sondern eher eine zu Mendelssohn und Schubert. Stilistisch ist das eher frühe Romantik - was dem Hören freilich keinen Abbruch tut. Zu Czernys Lebzeiten sind die Quartette nicht erschienen - sie hätten dessen Image als Klavierpädagoge sicher auf interessante Weise erweitert.


    Allein: Von einer "Gesamteinspielung" kann eigentlich keine Rede sein. Angeblich gibt es 20 oder gar 40 Streichquartette Czernys; hier handelt es sich eher um eine Gesamteinspielung der bisher bekannten Quartette. Nun denn: Eine Entdeckung ist es allemal, und zwar eine positive. Die 4 Musiker spielen überzeugend und liefern ein klares Plädoyer.

    Stimmenliebhaber hat es schon geschrieben: Selbstverständlich kann Don Giovanni auf nichts anderes als die Hölle hoffen - man hört ja auch den gesamten Abend nichts Geist-reiches von ihm. ;-) Das scheint mir auch deswegen wichtig, weil ansonsten der Schrecken des Endes seinen Sinn verlöre. Denn das abschließende Ensemble verdeckt ja kaum, dass Don Giovannis Höllenfahrt davor die Grenzen der Oper sprengt.
    Insofern kommt es gerade darauf an: Das Erschrecken ist umso größer, je eher man sich vorher mit Don Giovanni offen oder heimlich identifiziert hat.
    Zu Mozarts Opern hat übrigens vor schon 25 Jahren Ivan Nagel sein geniales Buch über "Autonomie und Gnade" geschrieben - sehr lesenswert!

    Die Aufnahme Szerings, die mich am meisten geprägt hat, ist seine Aufnahme der Bach-Solowerke, die bereits mehrfach wiederaufgelegt wurde.



    Sie ist enorm ernsthaft, vielleicht fehlt ihr in manchen Tanzsätzen die Leichtigkeit. Szeryng glich das aber mit enormer Texttreue und völlig unaffektiertem Ton locker aus. Falls es der Stimmführung dient, brach er die Akkorde auch mal umgekehrt, also von oben nach unten. Insgesamt ist dies eine Lesart, mit der die Sonaten und Partiten herausragend erschlossen sind.

    Meine erste Begegnung mit Bernd Alois Zimmermanns Musik war 1981 ebenfalls die Ekklesiastische Aktion. Ich war beeindruckt von der Kraft der Musik und der Gewalt der Textzitate! Das Zerreißen eines großen Bogens Papier erheiterte mich damals, hat aber im Zusammenhang der Texte durchaus Sinn!
    Wenig später hörte ich die Soldaten an der Deutschen Oper Berlin und spürte auch hier den Ausdruck von Gewalt. Die Simultanszene ist nach wie vor eine der eindrucksvollsten Opernszenen, die ich je erlebt habe.

    Als Schüler habe ich Siegfried Palm Anfang der 1980-er Jahre mal in Berlin mit dem Horntrio von Ligeti gehört. Eine Aufnahme davon gibt es meines Wissens nach nicht. Ligeti war ein Schwerpunktkomponist bei den Berliner Festwochen, Palm und Kollegen spielten nach meiner Erinnerung in der Akademie der Künste.
    Palms Spielhaltung werde ich nie vergessen: Es stellte das Cello sehr flach und Lag fast über seinem Instrument. Von der Optik her wirkte er wie eine Karikatur - sein Spiel war hochkonzentriert und beeindruckend.

    Hüb',


    das meiste teile ich. Wichtig ist allerdings, dass das Klassiksegment (anders als Rock und Pop) wesentlich durch kleinere Labels mitgestaltet wird. Deren Anteil ist jedenfalls deutlich höher als in anderen Repertoirebereichen, und deswegen trifft Deine Beschreibung nur auf einen Teil des Marktes zu.
    Aus meiner Sicht ist das auch klar zu erkennen: Neben den Zweit-, Dritt- und XXX.-Verwertungen gibt es eben auch unglaublich viele Neu- und Erstveröffentlichungen von früher abseitigem Repertoire. Kaum ein Tamino-Aktiver kann doch wohl von sich behaupten, allein den Klassikmarkt vollständig zu überblicken. Und in dieser Situationsbeschreibung liegt natürlich auch die Chance, dass der VÖ-Trend neben den Majors bunt und vielfältig bleibt - egal ob auf CD oder online.

    Ich möchte gerne Musik hören, und zwar in möglichst guter Qualität. Woher die technisch kommt, ist mir im Grunde völlig egal.
    Die Archivierung von Downloads scheint mir grundsätzlich nicht weniger Fragen aufzuwerfen als die von CDs. Festplatten müssen jedenfalls immer ein Backup haben und alle paar Jahre ersetzt werden, was sie in dieser Hinsicht komplizierter macht als CDs - die halten in der Regel ein paar Jahrzehnte - aber auch nicht länger.
    Ich verfüge zu Hause über Abspielgeräte für (fast) alle möglichen Formate: LP, CD, DVD, DVD-Audio, SACD, BluRay. Nur die verblichenen Cassetten- und VHS-Rekorder habe ich nicht ersetzt. Allerdings stoßen auch bei mir die Lagerkapazitäten an ihre Füllgrenze ...
    Das haptische Erlebnis der CD ist eh begrenzt. Vermissen werde ich teilweise die Booklet- Infos, hier wünsche ich mir umfangreiche Datenbanken, die auch das Recherchieren und Archivieren erleichtern!
    Kurzum: Die CD wird es noch ein paar Jahre geben. Meine Kinder hören die Musik längst online vom PC und finden das ganz normal - das ist es auch. Sobald auch hochauflösende klassische Musikaufnahmen (im weitesten Sinn) gut verfügbar sind, werde ich mir auch ein Abo für unbegrenzten Zugang kaufen.