Dr. Pingel´s Führer durch den Bibeldschungel

  • Einleitung 1


    Dies ist die zweite Auflage eines längeren Themas, das ich für Freunde und Bekannte erstellt habe. Der Anlass ist eigentlich immer derselbe. Jemand sagt: "Jetzt muss ich mal die Bibel von Anfang bis Ende lesen." Das ist so etwas wie sich auf einem Gummiboot in Manaus auf den Amazonas zu wagen, um den Regenwald zu erkunden. Fast alle, die sowas mit der Bibellektüre versucht haben, scheitern spätestens im Buch Leviticus. Warum, das werden wir noch sehen.

    Das Problem ist übrigens nicht die Übersetzung, da gibt es viele gute (etwa die Zürcher Bibel ist sehr genau übersetzt). Allerdings ist Luther immer noch am schönsten, obwohl auch seine Übersetzung vorsichtig modernisiert wurde. So wurde grundsätzlich das Wort Weib durch Frau ersetzt.

    Bibelerklärung gibt es in drei Varianten: 1. wissenschaftliche Kommentare. Die sind für einen Laien ungeeignet; vor allem muss man da schon Hebräisch können (Preisfrage nebenbei: welcher große deutsche Dichter - berühmt sein Die Leiden des jungen Werthers - lernte Hebräisch als Junge?) 2. erbauliche Kommentare, von Frommen für Fromme. Die sind für einen normalen Menschen mit Bildung ungeeignet. 3. Kinderbibeln.

    Was ich hier versuche, gibt es sonst nirgendwo, nämlich eine Anleitung für Gebildete, also besonders für Taminos, denn viele geistliche Musik ist ohne Kenntnis der Bibel nicht zu verstehen.

    Die Bibel ist kein Buch, sondern eine Bibliothek, viele Autoren haben an ihr geschrieben. Fremd sind uns nicht nur die Sprachen, sondern auch die Weltbilder, die Kulturen und der Glaube unterschiedlicher Völker und Menschen.

    Ich versuche, hier die Lektüre zu vereinfachen, indem ich die Bücher gliedere, Hintergrundkommentare abgebe, unwichtige Kapitel zum Überspringen "freigebe", Fragen stelle und auf wichtige Stellen hinweise.

    Ich mache das nicht zum ersten Mal. Die Voraussetzungen sind Studium und diverse Examina, darunter das gefürchtete Biblicum (meine Note verrate ich nur am Telefon), bei dem so ungefähr der Inhalt aller Kapitel des AT und NT verlangt wird. Auch später als Lehrer habe ich, vor allem in der Unterstufe, die schönsten Geschichten erzählt oder vorgelesen. Das ist es auch, was die meisten Erwachsenen interessiert, nicht die Brandopfer, die Sabbatgesetze, die Schlachtenbilder, die Stammtafeln des AT und auch nicht theologische Spitzfindigkeiten und dogmatische Öde, wie sie manchmal im NT herrschen.

    Owe, war sint verswunden alliu miniu jar! Ist mir mein leben getroumet, oder ist es war? (Walther von der Vogelweide)

  • Einleitung 2 (praktische Hinweise)


    1. Die Bibel wird so zitiert: Gn 1,1-2,4a bedeutet: Genesis (oder 1. Buch Mose) erstes Kapitel, erster Vers bis zum 2. Kapitel und dem ersten Teil des Verses 4 (das ist der erste Schöpfungsbericht). Oder: Mt 6, 9-13. Das ist aus dem NT, Matthäusevangelium, Kapitel 6, die Verse 9-13 (das Vaterunser).


    2. Lesen müsst ihr selbst, aber mit Anleitung ist das einfacher.


    3. Bilder gab es nur in der 1. Auflage. Die wurde per E-Mail verschickt, da brauchte ich auf die Bildrechte keinen Gedanken zu verschwenden. Hier sei Alfred davor. Ab und zu werde ich die Bilder beschreiben, weil auch Cartoons ihre Pointe haben. Beispiel: man sieht die Arche Noah, schon weit vom Ufer entfernt. Dort steht traurig ein Einhorn.


    4. Es geht hier um Historie, nicht um Religion. Hier wird nicht diskutiert, hier gibt es keine Konfessionen, keinen Papst und keine Kirche.

    Eine Warnung muss ich allerdings doch aussprechen: das ist keine Lektüre für religiöse Fundamentalisten, die die Bibel wörtlich auslegen. Zentraler "Vatikan" dieser Einstellung ist "Der Rat für die Irrtumslosigkeit der Bibel", Chicago 1977 (International Council on Biblical Inerrancy; Näheres bei Google).


    5. Der Hase ist ein Wiederkäuer

    so steht es in Leviticus 11,6 (3.Mose).

    Das ist ein Beispiel für Sachverhalte in der Bibel, die nicht stimmen. Man kann sich gut vorstellen, wie die Israeliten die mümmelnden Hasen mit den kauenden Kühen verglichen haben und sich gesagt haben: Aha, das kennen wir! Die Hasen wird es gefreut haben. Aber wenn die Bibel unfehlbar ist, dann auch im kleinsten Detail. Davon gehe ich nicht ab. Ich denke auch, dass Gott bei der Erschaffung der Tiere den Hasen nicht als Wiederkäuer geplant hatte.

    Ein anderes, ernsteres Beispiel: vor allem die Evangelikalen in den USA pochen auf die Gültigkeit der Gesetze des AT. So zitieren sie das Verbot der männlichen Homosexualität (Lev. 20,13). Großzügig wird dann gesagt. Aber wir bringen sie nicht um, wie es in der Bibel steht. Das ist, was man Fundamentalismus à la carte nennt; man pickt sich das raus, was man gebrauchen kann. So ist das im AT aber nicht gemeint. Das obige Gesetz enthält als integralen Bestandteil die Vorschrift, beide Männer zu töten. Tut man das nicht, ist man ein Gesetzesbrecher.

    Fundamentalismus ist auch dies, dass man sich nur bestimmte Gesetze aussucht, andere ablehnt. So steht in Lev. (3.Mose), 25, 23: Grund und Boden darf nicht für immer verkauft werden, denn das Land ist mein (Jahwes).... Haben wir da schon mal etwas von unseren Evangelikalen gehört? Übrigens ist der Hase immer noch kein Wiederkäuer. Sollte man ihn mit Wiederkäuern kreuzen?

    Owe, war sint verswunden alliu miniu jar! Ist mir mein leben getroumet, oder ist es war? (Walther von der Vogelweide)

    2 Mal editiert, zuletzt von Dr. Pingel ()

  • Kapitel 1: Genesis 1,1 - 2, 4a, der erste Schöpfungsmythos


    Genesis ist griechisch und bedeutet Ursprung. Im Hebräischen heißt es bereschit, im Anfang. So beginnt also die Bibel: im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. We haaretz hajeta tohu wabohu (und die Erde war wüst und leer).

    Dann folgt die Geschichte mit den Schöpfungstagen und den jeweiligen Arten der Lebewesen. Hier kann man schon sehen, dass die Reihenfolge ein Produkt von damaligem wissenschaftlichen Denken gewesen ist. Das war es auch, allerdings war es babylonische Wissenschaft, die die Israeliten in ihrer babylonischen Gefangenschaft kennengelernt hatten (hierzu gibt es umfassende Auskünfte in meinem thread Jerusalem 586 ante).

    Dieser Mythos hat in der Reihenfolge der Schöpfungen ganz sachlichen Charakter, am Ende steht die Erschaffung des Menschen, und zwar Mann und Frau gleichzeitig. Dagegen berichtet der 2. Schöpfungsbericht (siehe Kapitel 2), dass der Mann am Anfang geschaffen wird, dann die Lebewesen und zum Schluss die Frau!

    Die jüdische Oberschicht (die Bauern mussten nicht mit ins Exil) bestand auch aus Priestern, die dann das babylonische Weltbild übernahmen, aber es in ihre Gedankenwelt umschrieben. So wurden die Sonne, Mond und Gestirne von Göttern zu Lampen und Leuchten herabgestuft.

    Auch wenn diese Geschichte die Wissenschaft der Zeit darstellt, so ist es formal für uns ein Mythos. Evangelikale Amerikaner versuchen immer wieder, in den Schulplänen diese Sicht der Schöpfung zu zementieren (Kreationismus).

    Ein Mythos erklärt, dass Zustände und menschliches Handeln der Gegenwart bestimmt sind durch uralte Handlungen der Götter. Die literarische Form eines Mythos ist in der Regel eine Erzählung, denn schriftliche Aufzeichnungen kamen später. Viele Mythen werden dadurch wachgehalten und zelebriert, dass sie mit einem Ritus verbunden sind. Beispiel 1: Im Alten Orient gab es viele Feiertage, aber keinen festen Tag in der Woche, wie den Sabbat und später den Sonntag. Begründung für die Einrichtung eines festen freien Tages in der Woche: Am 7. Tage ruhte Jahwe von der Schöpfung aus. Beispiel 2: Die Taufe erinnert an die Geschichte im NT, bei der Johannes der Täufer (richtig! der aus Salomé) Jesus tauft. Viele Religionsgemeinschaften lehnen daher die Kindertaufe ab; außer dem gehört das Eintauchen des ganzen Körpers in fließendem Wasser dazu, weil das die alte Geschichte richtig abbildet.

    Wissenschaftler haben schon im 19.Jahrhundert entdeckt, dass die ersten Bücher der Bibel eine Kompilation aus 3 Quellen ist: die erste ist die sog. Priesterschrift, P. Die ist für den hier besprochenen Abschnitt verantwortlich (die beiden anderen sind E und J. Sie werden später erklärt).

    Musikalisch kommt das babylonische Exil besonders in der Musik vor Bach zum Tragen, etwa in Motetten wie dieser: super flumina Babylonis. Meine Lieblingsmotette ist die von Tomàs Luis de Victoria.



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  • Kapitel 2: Genesis 2, 4b-25, der zweite Schöpfungsmythos


    Diese zweite Erzählung ist vollkommen anders als die erste. In der ersten wird ja immerhin der Versuch einer wissenschaftlichen Klassifizierung gemacht. Hier aber wird fabuliert; man kann sich das Lagerfeuer dazu gut vorstellen, dazu Lammrippchen oder Kamelgulasch mit Stockbrot. Man darf nicht vergessen, dass diese Geschichten am Anfang alle erst mal erzählt und mündlich weitergegeben wurden, denn die meisten Menschen damals konnten nicht schreiben und lesen. Die Quelle hier nennt man J, den Jahwisten, weil er den Namen des Schöpfers Jahwe schreibt und nicht elohim, wie die Priesterschrift (P). Der Jahwist, von dem einige Wissenschaftler glauben, dass sie eine Frau gewesen ist, hat im 9.Jahrhundert (ante) gelebt. Seine Erzählweise ist archaisch bildhaft, der gesellschaftliche Hintergrund ist streng patriarchalisch.

    Wenn man eine Tabelle anlegt, in der die Reihenfolge der einzelnen Schöpfungstaten beider Berichte einander genau gegenübergestellt wird, können schon Grundschulkinder und Unterstufenschüler erkennen, dass es hier fundamentale Unterschiede gibt.

    Einzelheiten:

    * Gott erschafft nicht Mann und Frau gleichzeitig, sondern schneidet ganz zum Schluss dem Adam eine Frau aus einer seiner Rippen (Redensart: das kann ich mir doch nicht aus den Rippen schneiden). Im Hebräischen steht hier das Wort bana , was schaffen, bauen, sogar basteln heißen kann.

    * Im Paradies sind die Menschen Vegetarier.

    * Bei Beerdigungen wird gesagt Asche zu Asche, Erde zu Erde.Das stammt aus dieser Geschichte.

    * Der Mann heißt im Hebräischen isch, die Frau ischah. Dieses Wortspiel (Mann, Männin) funktioniert im Deutschen nicht.

    * Sie waren ein Leib, besser ein Fleisch. Das bezieht sich zuerst nicht auf Sex, sondern auf den zu erzeugenden Nachwuchs.


    Es ist kein Wunder, dass Haydns Schöpfung mehr vom 2. Bericht inspiriert ist.


    Nachbemerkung: mir ist völlig unverständlich, wie man die Unfehlbarkeit der Bibel behaupten kann, wenn schon die beiden ersten Kapitel sich derart massiv widersprechen, ja, sich kategorisch ausschließen.

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  • Kapitel 3: Genesis 3, Paradies, Sündenfall, Vertreibung


    Dies ist die berühmte Geschichte, bei der in knappster Form eine Menschheitsgeschichte erzählt wird: das Paradies, die Schlange, die Versuchung, der zentrale Baum, dessen Frucht (von einem Apfel steht da nichts) allwissend macht, die Vertreibung, die Flüche, die Wahrnehmung von Nacktheit und Scham.

    Es handelt sich hier um einen erklärenden Mythos, der die Grunddaten des Lebens, denen jeder Mensch unterworfen ist, verständlich macht. Das tut er, indem er diese Daten auf intiatorisches Handeln von Gott und den ersten Menschen zurückführt. Vieles, was den Menschen im Alltag begegnet, geschieht zum ersten Mal nach der Schöpfung.

    *der Vorrang des Mannes (...er soll dein Herr sein...)

    * die Vertreibung, die zur Folge hat, dass der Mensch die Erde mühsam bearbeiten muss, aus der er geschaffen ist

    * der Begräbnisspruch: Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden

    * die Schmerzen der Frauen bei Schwangerschaft und Geburt, die die Strafe für die Übertretung der Frau sind

    * die Feindschaft des Menschen und der Schlange (die Schlange war im Orient damals ein gefährliches Tier, siehe etwa im Orfeo, wo Eurydike an einem Schlangenbiss stirbt)

    * die billige Ausrede des Mannes, der alles auf seine Frau schiebt


    Eine schwere theologische Hypothek hat dieses Kapitel, nämlich die Konstruktion der Erbsünde. Diese Geschichte dient auch dazu, zu postulieren, dass alle Menschen Sünder sind, sogar, wenn sie auf die Welt kommen oder sogar, wenn sie als Babys sterben. Diese Debatte kann hier nicht geführt werden.


    Ein amüsanter Anthropozentrismus findet sich hier auch, nämlich der Abendspaziergang Gottes in der Abendkühle. Jeder, der den Süden kennt, weiß davon. Am Ende der Matthäuspassion von Bach wird das sogar zitiert: Am Abend, da es kühle ward, ward Adams Fallen offenbar... Es ist eine meiner Lieblingsarien, ich verweise hier auf den Bass Stephen McLeod in der Aufnahme unter Herreweghe. Erleichtert sind auch viele Hörer, dass nach mindestens drei Stunden das Stück auf die Zielgerade einbiegt, allerdings erwartet dann einen noch einer der allerschönsten Chöre, die je geschrieben wurden:Wir setzen uns mit Tränen nieder.

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  • Kapitel 4: Gn 4,1-16, Brudermord


    Diese Geschichte kennt jeder, aber sie wirft mehr Fragen auf als dass sie sie beantwortet.

    1. Ist das eine Parabel über die Universalität der Gewalt?

    2. Ist es eine Reminiszenz von der Entwicklung der Nomaden (Abel) zum großen Fortschritt der Sesshaftigkeit mit Ackerbau und Viehzucht (Kain)?

    3. Warum akzeptiert Gott das Opfer Abels, aber nicht das des Kain?

    4. Woran sehen die Brüder, wessen Opfer akzeptiert wird oder nicht?

    5. Warum steht der Erzähler auf der Seite Kains, obwohl ihm ja auch eine schreckliche Strafe droht?

    6. Worin bestand das Kainsmal?


    Bemerkenswert ist auch hier der "Mythos des Blutes". Das Blut ist der Sitz des Lebens, der Seele bei Mensch und Tier. Daher darf es auch nicht verzehrt werden, was die Konsequenz der Schlachtung in Form des Schächtens hat. Ich meine, dass das Schächten für Muslime und Juden in speziellen Betrieben in Deutschland erlaubt ist. Parallel dazu gab es vor Jahren eine hitzige Debatte über die Beschneidung von Jungen in der jüdischen und muslimischen Religion. Der Kompromiss lautete hier, dass die Beschneidung nur von Ärzten vorgenommen werden darf

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  • Kapitel 5: Gn 4, 17-26, Kains Frau und weitere Nachkommen


    Wir rekapitulieren: nach dem Tod Abels gab es drei Menschen auf der Welt, Adam, Eva, Kain. In Vers 15 bekommt Kain ein Schutzmal, das ihn vor seinen Verfolgern schützen sollte. Wer aber sollte das sein, wenn es doch noch gar keine anderen Menschen gab und die Tiere, die es gab, das sicher nicht lesen konnten.

    Es kommt noch besser. In Vers 17 wird berichtet, dass Kain seine Frau schwängert, die dann den Henoch zur Welt bringt. Wo kommt denn diese Frau her? Eva wird es ja nicht gewesen sein, denn Blutschande gleich am Anfang war wohl nicht die Wahl. Unsere Freunde, die Fundamentalisten, sagen: das zu berichten, war nicht nötig, weil es zu ausführlich gewesen wäre8-). Oder, noch besser, Eva hat viele Kinder bekommen, darunter auch Mädchen, und eines dieser Mädchen wurde Kains Frau. Das Verbot der Geschwisterehe kam erst später.:pfeif: Vers 23 sagt eindeutig, dass Eva den Sohn Seth bekommt, als Ersatz für Abel.

    Hier haben wir wieder den Fundamentalismus à la carte. Wenn die Bibel irrtumslos ist, dann auch in diesen Fragen. Da ist es peinlich, wenn man sich durch haarsträubende Verrenkungen da herauswinden will.

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  • Kapitel 6: Gn 5 (P). Von Adam zu Noah


    Am besten dieses Kapitel querlesen; es hat die Aufgabe, die Zeit zwischen der Schöpfung und der Sintflut, dem nächsten großen "Event", zu überbrücken. Außerdem ist ein Stammbaum immer eine Legitimation.

    Einige interessante Verse gibt es aber doch (alle in Gn 5).

    2: Mann und Frau werden zugleich genannt, analog zu Gn 1, man hat daher dieses Kapitel der Priesterschrift (P) zugeschrieben.

    18: Jared wird 962 alt. Jared ist in den USA ein durchaus beliebter Name, der Schwiegersohn von Trump heißt Jared Kushner, hoffen wir, dass er nicht 962 Jahre alt wird.

    23-24: So betrug Henochs ganze Lebenszeit 365 Jahre. Henoch wandelte mit Gott, und auf einmal war er nicht mehr da, denn Gott hatte ihn hinweggenommen.

    27: Methuschelach (deutsch Methusalem) war der älteste Mensch überhaupt, 969 Jahre. Ich finde es unfair, dass ihm nicht die 1000 gegönnt wurden. Der Name ist als Vorname völlig unbekannt.

    Interessant ist auch, dass das Alter bis zur Geburt eines Sohnes gezählt wird, danach wird die Restsumme und dann die Gesamtsumme angeben. Es scheint damals schon Matheatheisten gegeben zu haben.

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  • Kapitel 7: Gn 6-9 (J und P). Das Paradies für Fische: die Sintflut


    a. Vorbemerkung

    Die Lösung gleich vorweg: die Fische waren nicht mitverurteilt, ihr Lebensraum, das Wasser, wurde erheblich vergrößert und sie konnten sich sehr vermehren, denn keine Angel, kein Netz drohte ihnen. Nach Kains Frau ist dies die zweite Nonchalance der biblischen Autoren, die sich solche Fragen nicht stellten. Die dritte Frage war die Frage eines Mädchens aus der 6.Klasse, nachdem ich ausführlich über den 2. Tempel erzählt hatte, wobei das Allerheiligste völlig leer war und nur vom Hohenpriester einmal im Jahr betreten werden durfte: "Ja, wer hat denn da geputzt?"

    Lokale und globale Katastrophen gab es schon immer, jeder kennt sie, daher brauche ich sie nicht zu rekapitulieren, vielleicht bis auf "Kathryna" (New Orleans) und den Tsunami in Asien. Es ist schon seltsam, in solcher Zeit wie heute sich mit der Sintflut zu befassen, auch wenn die Variante "Pandemie" heißt. Auch damals gab es Parallelen, wie sie etwa im Gilgamesch-Epos beschrieben werden (Babylon, ca. 2000 v. Chr.). Dort dauert die Flut 6 Tage und ertränkt die ganze Menschheit.

    Die Quellen in Gn 6-9 verteilen sich gleichmäßig auf J und P, was uns hier aber nicht interessieren muss.


    b. Die Vorgeschichte

    Die Menschheit war, so wird in Gn 6 berichtet, war verderbt. Verderbt (nicht verdorben!) ist im religiösen Slang immer ein lasterhaftes Leben, wie es Fromme und übrigens auch Muslime dem Rest der Bevölkerung vorwerfen. Man könnte fast sagen: "Wein, Weib und Gesang!" "Alles Fleisch auf der Erde wird vernichtet"; hier sind wohl alle Lebewesen gemeint, vor allem die, die atmen (7, 15: der Lebensodem).

    Gott bereut die Erschaffung des Menschen und beschließt, Menschen und Tiere auszurotten, Noah aber und seine Familie zu verschonen. Das ist wohl ein wenig unlogisch, denn damit wird ja angedeutet, dass es hinterher weiter gehen soll.

    Was, erfahren wir nicht? Warum die Tiere (auch die Saurier, aber die hätten die Arche sowieso versenkt!8-)) mit ausgerottet werden, denn worin sollte ihre Schuld bestehen? Wir erfahren nicht, warum Noah und seine Familie verschont bleiben sollten. Noah "bunkert" für sich und seine Familie Nahrungsvorräte, von den Tieren erfahren wir in dieser Hinsicht nichts. Nicht gemeint sein kann, dass die Tiere sich gegenseitig zur Nahrung dienen sollten, denn auch die Tiere sollten ja überleben. Außerdem: wieso blieben die Fische verschont? Konnte Noah eigentlich mit wenigen Mitarbeitern ein solch riesiges Schiff bauen?

    Nachtrag: Kap. 6,1 enthält eine seltsame Geschichte; da ist von Göttersöhnen die Rede, deren Kinder Riesen waren. Däniken meinte, dass damit Aliens von einem anderen Planeten gemeint seien.




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  • c. Der Bau


    Es gibt eine genaue Bauanleitung, 3 Stockwerke sind geplant, in allen Stockwerken abgetrennte Appartements, wahrscheinlich, um die Tiere vor dem Wunsch zu bewahren, sich gegenseitig als Nahrung zu betrachten.

    Von allen Tieren werden je 7 Paare der reinen Tiere aufgenommen, von den anderen je 1 Paar. Viren zählen ja nicht als Tiere. Als alle in der Arche sind, schließt Gott hinter ihnen ab (7,16).


    d. Die Flut (Kap.7)

    Die Schleusen des Himmels und der Erde öffnen sich, die "Glocke" läuft voll, sodass das Wasser sogar die Berge bedeckt. Noah war 600 Jahre alt, als er die Arche baute und seine Familie mit aufnimmt, dazu die Tiere (ich hoffe, es gab damals noch keine Holzwürmer:pfeif:). Um die Geschichte zu verstehen, muss man das alt-orientalische Weltbild kennen.


    e. Exkurs: das alt-orientalische Weltbild


    Hierzu gibt es eine Zeichnung, aber ich darf das nicht abdrucken (Abmahnung!). Daher folgt hier eine etwas mühsame Beschreibung.

    Was wir unter dem leeren Weltraum verstehen, war damals die Urflut ("tehom"), bestehend aus Salzwasser. Farbe blau, das konnte man ja am Himmel sehen.

    In ihr schwimmt ein seltsames Gebilde, nämlich eine Scheibe, die Erde. Sie wird getragen von den "Säulen der Erde" (Hiob 9,6 und 26,11). Darüber wölbt sich eine Art Glashalbkugel, die sehr fest sein musste, weil sie die Fluten des Urmeeres zurückhalten musste. Eine sehr feste Feste nennt man im Lateinischen "firmamentum", ein Ausdruck, den wir noch heute gebrauchen.

    Oben am Firmament war die Beleuchtung angebracht, Sonne, Mond und Sterne. Dazu gab es oben noch eine Reihe Schleusen, durch die Regen und Schnee herunterkam (die wir heute noch als Schleusen des Himmels bezeichnen). Die Schleusen unten auf der Scheibe dienten dazu, Bäche und Flüsse in die Scheibe zu leiten.

    Die Sintflut wird jetzt klar: 40 Tage öffnen sich sämtliche Schleusen oben und unten. Die Glasglocke läuft so voll, dass auch die Berge mit Wasser bedeckt sind. Diese Situation hat Bestand für 150 Tage.

    Die Sintflutgeschichte ist eine spannend erzählte, daher war es kein Wunder, dass Unterstufenkinder immer davon begeistert waren. Es gab einen Bastelbogen, der die Arche, die Personen und eine Menge Tiere zum Ausschneiden enthielt. Am spannendsten war es dann, wenn die Kinder von sich aus neue Tiere hinzufügten, etwa die Saurier oder Phantasietiere. Selbst "Alf" kam vor.

    Zur Sintflut gibt es eine lange Liste von wunderbaren Comics. Drei von ihnen (6.Klasse) stelle ich hier vor (die Originale haben die Kinder natürlich mitgenommen).

    1. Zwei (!) Saurier hinter der Arche. Saurier 1: "Warum müssen wir immer hinterher schwimmen?" Saurier 2:"Kannst du uns etwa klein zaubern?"

    2. Man sieht eine Arche, bewohnt von Menschen und Holzwürmern, die "Titanic" heißt. Noah sagt: "Ich dachte, es geschieht erst am 15.4.1912!"

    3. Die Arche ist eine Galeere, auf der die Tiere an den Rudern schuften. Vorne gibt Noah mit einer Trommel den Rhythmus an.

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  • f. Das Ende der Flut


    Nach 150 Tagen versiegen die Schleusen des Himmels und der Erde, d.h., vom Himmel regnet es nicht mehr, die Schleusen der Erde werden auf Abfluss geschaltet. Erzählerisch sehr schön ist die Geschichte, wie Noah Tiere aussendet, damit er prüfen kann, wie weit die Wasser abgelaufen sind. Ein Rabe kommt wohl zurück, Taube 1 auch. Nach 7 Tagen kommt Taube 2 zurück und trägt ein Ölblatt im Schnabel, danach kommt sie nicht zurück. Die Arche landet auf dem Berg Ararat (findige Forscher fanden Holzreste, die die Reste der Arche sein sollten). Noah nimmt das Dach ab (ohne Kran!), alle gehen raus.

    Die Taube mit dem Ölblatt im Munde wird in der Matthäuspassion zitiert, und zwar im Accompagnato "Am Abend, da es kühle ward", das der Arie "Mache dich mein Herze rein". Ich zitiere jetzt nicht diese Stelle, bei YouTube gibt es viele Aufnahmen. Auch eine theologische Deutung und Erklärung findet sich dort unter dem Stichwort "Ralf Popken".


    g. Bund und Wein (Gn 9)


    Auf dem Ararat baut Noah einen Altar und opfert ein Ganzopfer als Brandopfer (der Ausdruck dafür ist "Holocaust" - alles wird verbrannt). Gott schließt einen Bund mit Noah und schwört, die Erde nie mehr zu vernichten. Der Grund dafür ist seltsam: eine Vernichtung ist sinnlos, weil der Mensch unheilbar böse ist(8,21). Das Zeichen für den Bund ist der Regenbogen. Der Mensch erhält die Herrschaft über die Welt, besonders über die Tiere.

    Noah beginnt übrigens jetzt mit dem Weinbau, mit Erfolg, wie wir wissen.

    In 9, 18-28 wird eine seltsame Geschichte erzählt, vom betrunkenen Noah und den unterschiedlichen Reaktionen und Aktionen seiner 3 Söhne. Das sollte man selber lesen. Nur das, was im Text schamvoll als Blöße betrachtet wird, ist natürlich Noahs Penis.

    Sem, der Auserwählte, ist der Stammvater und Namensgeber der semitischen Völker.




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  • Kapitel 9: Gn 10-11, der erste Wolkenkratzer


    Kapitel 10 und 11, 10-32 sind weitere Listen, an denen das AT reich, unser Interesse allerdings arm ist. Interessant ist höchstens 10, 8, in dem Nimrod als Jäger und Gewaltherrscher genannt ist. Näheres erfahren wir nicht, höchstens werden bei uns die Jäger mehr oder weniger spöttisch als "Nimrod" bezeichnet; zu Gewaltherrschern reicht es eh nicht.

    Interessant ist noch, dass natürlich nur Söhne genannt werden, denn nur die setzen die Nachfolge fort.

    Die Funktion dieser Listen ist eine Verbindung von Noah zu Abraham.

    Spannend ist die Beschreibung der Errichtung des Turms zu Babylon. Hier hat die Archäologie große Fortschritte gemacht; es gibt einige Vorbilder für unsere Geschichte. Allerdings sah der Turm nicht so aus, wie ihn Brueghel gemalt hat, sondern es war ein Turm mit aufeinanderfolgenden, nach oben kleiner werdenden Plattformen.

    Insgesamt ist das AT ein vollkommen humorfreies Buch, eine Ausnahme könnte 11,5 sein. Die Menschen sind stolz auf ihren Skyscraper, aber Gott muss sich tief herunterbeugen, um ihn überhaupt zu sehen; das erinnert ein wenig an die Geschichte von Liliput.

    Die Funktion dieses Mythos ist, die Sprachenvielfalt und die daraus entstehende Verwirrung zu erklären (das hebräische Verb für "verwirren" und das Wort "Babel" waren sich ähnlich, sodass hier eine Volksetymologie entstand).


    Dies ist das Ende des 1. Buches von Dr. Pingel´s Wanderführer durch den Bibeldschungel. Nach einer Pause geht es weiter mit dem 2. Buch, den sog. Erzvätergeschichten.

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