SCARLATTI, Alessandro: LA COLPA, IL PENTIMENTO, LA GRAZIA

  • Alessandro Scarlatti (1660-1725):


    LA COLPA, IL PENTIMENTO, LA GRAZIA

    (Schuld, Reue, Gnade)

    Passions-Oratorium in zwei Teilen für drei Solostimmen (SSA) und Orchester

    Text von Pietro Kardinal Ottoboni


    Uraufführung am Karmittwoch 1708 im Palazzo Ottoboni in Rom.



    DIE ALLEGORIEN


    La Colpa, Schuld (Sopran)

    Il Pentimento, Reue (Alt)

    La Grazia, Gnade (Sopran)



    ERKLÄRUNGEN ZUM WERK


    Zunächst gilt es festzustellen, dass dieses Passions-Oratorium auf einer gänzlich anderen Konzeption beruht, als beispielsweise die Werke Bachs. Hier ist nicht der Bibeltext mit eingestreuten Arien und Ensemblesätzen reflektierenden Inhalts vertont, sondern wird die Diskussion der Allegorien Schuld, Reue und Gnade über das Thema, wie der sündige Mensch Gnade vor Gott finden kann, geführt. Das Fazit - am Schluss des Werkes gezogen und vom katholischen Dogma beeinflusst - lautet, dass Gottes Gnade nur durch Reue erlangt werden kann. Das im Finalchor besungene Kreuz


    O Croce unica speme del Mortale, che geme fra catene

    Oh Kreuz, du einzige Hoffnung der Sterblichen, die in ihren Ketten schmachten,

    so wie deine kostbare Frucht der Welt die Freiheit gegeben hat.

    Geleite du jedes gläubige Herz zum Angesicht des Schöpfers.


    wirkt wie eine Erinnerung an den einzig-richtigen Weg, am Jüngsten Tag jenes Ziel auch zu erreichen.


    Eingestreut in seinen Text hat Ottoboni einzelne Verse der Jeremia (zugeschriebenen) Klagelieder (allerdings nicht in Latein, sondern in italienischer Sprache), und Scarlatti lässt diese Threni psalmodierend vortragen, unterlegt sie jedoch mit einem Orchestersatz, der mit harmonischen Kühnheiten jene Lamenti intensiv kommentiert. Es sind im übrigen Texte, in denen zu Zeiten des durch Nebukadnezar zerstörten Jerusalemer Tempels die Juden zur Umkehr aufgefordert wurden. Der Dichter-Kardinal hat die Verse unverändert der ersten Nokturn der Gründonnerstagsmatutin entnommen, sie jedoch als Arien ins italienische übersetzt. Auch ist die eindringliche Mahnung zur Umkehr variabel gestaltet, einerseits als Arientext, dann wieder als Accompagnato und als Schlussterzett, das den ersten Teil beschließt:


    Gnade: Undankbares Jerusalem, unwürdige Tochter,

    Wende dich zurück zu deinem Herrn und Vater, der dich ruft.

    Schuld: Solange sie in Ketten gefesselt daliegt,

    Woher sollte sie den Antrieb nehmen,

    Diese zu lösen, um zum Vater zurückzukehren?

    Reue: Lass ab von der Sünde und seine Schuld wird sie nicht mehr ketten.

    Auch die Fesseln, die du siehst, werden ihrem Sehnen Flügel verleihen.


    Dass der Mensch von Natur aus rückfällig und undankbar ist, weiß der Dichter-Kardinal Ottoboni, denn er hat die Klagevorwürfe des Gekreuzigten aus der Karfreitagsliturgie paraphrasiert. Dabei geht er noch ein Stück weiter als er es in der Übertragung der Jeremia-Verse ins italienische getan hat. Ottoboni sucht und findet Antworten der Einsicht und der Reue mit der Androhung des Jüngsten Gerichts (was in der katholischen Karfreitagsliturgie jedoch nicht vorkommt). Es ist eine Stelle beim Propheten Micha (6, 2-4), die von Popule meus… ( Was habe ich dir getan, mein Volk, und womit habe ich dich beleidigt? Das sage mir! Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus dem Diensthause erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam...)spricht und die hier eingeflochten ist. Der Theologe Ottoboni schreibt also dem Dichter Ottoboni den Hintergrund von Gottes Strafgericht auf das Papier. Dass Scarlatti die Textstelle vom Jüngsten Gericht musikalisch durch vier Trompeten und eine Posaune und deren martialische Klänge zum Streicherchor und der Stimme der Schuld musikalisch darstellt, zeigt dem Hörer empfindungsmäßig, dass der Komponist auch das Genre der Opera seria beherrschte - diese Stelle hätte ein entsprechendes Werk auch geziert.


    Erst nach der anschließenden Bitte um Gottes Gnade wird der liturgische Bezug, der ohnehin nur locker aufrechterhalten ist, vollständig aufgegeben; stattdessen wird auf eine gefestigte Glaubensüberzeugung abgehoben und der Aufruf und die Zustimmung zur Kreuzesnachfolge thematisiert. Wenn auch Bachs Passionskonzeption eine ganz andere ist, so sind doch verschiedene Accompagnati im zweiten Teil (Ingrato core und D'orror, di doglia pieno beispielsweise) sowohl ausdruckmäßig als auch inhaltlich mit den Ariosi der „gläubigen Seele“ bei Bach vergleichbar. Eine interessante Eigenheit der Partitur sei an dieser Stelle erwähnt, dass der Komponist nämlich immer wieder die Anweisungen „segue subito“ niederschreibt, was darauf hindeutet, dass er die vielen, relativ kurzen Teile des Oratoriums als große, ineinander übergehende Blöcke konzipiert hat.


    Zur Quellenlage ist festzuhalten, dass zwei Partituren erhalten geblieben sind: Eine in der Sammlung des Grafen Schönborn in Wiesentheid und eine in der Dresdner Landesbibliothek. Letztere ist erheblich kürzer und weicht zudem von der Wiesentheid-Partitur ab. Die erstgenannte Fassung dürfte jedoch die ursprüngliche sein und diente der Einspielung von La Stagione unter Michael Schneider als Vorlage, insofern auch dieser Besprechung. Sie enthält einen zehnstimmigen Schlusschor, der auf einer psalmodierenden Melodiekonzeption beruht. Die Dresdner Partitur hingegen könnte in den abweichenden Teilen aus der Feder von Johann Adolf Hasse stammen, der als Dresdner Hofkapellmeister das Werk seines verehrten Meisters vielleicht dort aufgeführt hat. Sie zeigt auf, dass sich der Musikgeschmack inzwischen doch entscheidend verändert hatte.


    Bemerkenswert ist die Wahl der Tonarten in diesem Werk; Scarlatti verwandte nicht nur alle vierundzwanzig Tonarten des Quintenzirkels, sondern ordnete sie auch ganz bestimmten Ausdrucksbereichen zu: Die „Lamentationen“ werden beispielsweise in b-Moll oder es-Moll notiert, der Schlusschor steht in fis-Moll.


    Abschließend sei noch auf ein musikgeschichtlich interessantes Detail hingewiesen: In der Passions- und Osterzeit des Jahres 1708 waren die Palazzi von Kardinal Ottoboni (dem Vizekanzler des Hl. Stuhls) und des Prinzen Ruspoli Schauplatz von Oratorienaufführungen, und das innerhalb von nur vier Tagen. Am Karmittwoch wurde Scarlattis Werk im Palast von Ottoboni uraufgeführt, am Ostersonntag dann Händels „La Resurrezione“ beim Prinzen Ruspoli. Unter den Ausführenden beim erst 23jährigen Händel gehörten auch zwei der besten Musiker der Zeit, nämlich Arcangelo Corelli und Bernardo Pasquini.



    © Manfred Rückert für den Tamino-Oratorienführer 2020

    unter Hinzuziehung des Librettos und der Erläuterungen im Booklet folgender Aufnahme


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    MUSIKWANDERER