Beiträge von Christian B.

    Lieber Willi,


    op. 106 habe ich mir noch nicht angehört, aber von den mittleren Sonaten bin ich hingerissen - im Vergleich dazu finde ich Igor Levit mit seiner Genauigkeit fast schon akademisch. Es ist so ein wunderbar freies Spiel, wie man es heute ganz, ganz selten zu hören bekommt. Musik pur.


    Gerade komme ich übrigens von einem Beethoven-Klavierabend mit Evgeny Kissin. Ich mag ja seine Beethoven-CD sehr und der Abend ließ fast keine Wünsche offen. Nur bei der Waldsteinsonate hat er bei den berühmten Glissandi tatsächlich geschummelt. Ob ihm da die Kraft ausgegangen ist? Er schien im Finalsatz Probleme mit der rechten Hand zu haben.


    Viele Grüße

    Christian


    Bisher konnte mich Fazil Say noch nicht überzeugen, aber mit seiner Gesamtaufnahme scheint er einen großen Wurf vorgelegt zu haben. Jedenfalls bin ich am Wochenende aus dem Hören gar nicht mehr rausgekommen. Eine sehr beglückende Aufnahme voller Poesie und Klangsinn!
    Viel besser als seine manirierten bisherigen Beethoven-Einspielungen. Sehr natürlich, immer singend - und die kleinen Sonaten wie op.14 sind eine Entdeckung. Bin aber noch nicht durch und die bekannten Sonaten habe ich mir noch nicht angehört.


    Viele Grüße

    Christian

    Himmlisch fand ich übrigens u.a. die wenigen "Berceuse"-Takte, die man irgendwo in der Doku sah. ABM mit Chopin gehört zu meinen vielen Bildungslücken.


    Eine Lücke, die zu schließen sich sehr lohnt! Seinen Chopin finde ich in seiner unsentimentalen, strengen Art einzigartig! Und wie Holger anderswo ja ausführlich beschrieben hat, sind seine unterschiedliche Aufnahme der 2. Sonate eine Klasse für sich. Und natürlich die späten Mazurken!

    Habe es gefunden, die Stelle ist gleich zu Beginn der Doku - ein Off-Kommentar Cord Garbens über eine schwarz-weiß-Aufnahme einer Aufführung von Beethovens op. 111. Cord Garben sagt hier: "Man spürt in einem Konzert von ABM, dass die Leute erstarren. Richtig, er hat sie an der Hand. Man spürt, dass der Saal explodieren könnte. Weil ABM das Stück inszeniert. Er inszeniert sein Spiel im Gegensatz zu anderen, die einfach fantastisch spielen."


    Holger meinte hierzu ja, dass ABM nichts inzeniere und dass Cord Garben ihn deswegen trotz 18 Jahren Zusamenarbeit nicht verstanden habe. Das fand ich etwas verwegen ;-)


    Ich verstehe Cord Garben nun so, dass er damit nicht auf den sehr streng wirkenden Auftritt und seine wenige Gesten anspielt, sondern dass ABM die Stücke durch sein Spiel gleichsam auf ein Podest hebt, von dem aus sie wie von außen zu betrachten sind. Er wühlt nicht in einem Stück, sondern er stellt es aus oder er inszeniert es zur gefälligen Betrachtung. Das kann ich gut nachvollziehen.


    Viele Grüße

    Christian

    Dann hake ich da jetzt doch mal ein, da mich das mit der "Inszenierung" interessiert: Wie hast du Garbens Hinweis auf eine Selbstinszenierung Michelangelis aufgefasst? Und hast du sie im Konzert auch so erlebt, "wie Garben das meint"?

    Hallo Leiermann,


    ich müsste mir dafür die Stelle in der Doku jetzt noch mal genau ansehen, finde sie aber gerade nicht.

    Kannst Du mir mit einem ungefähren timecode helfen?


    Viele Grüße

    Christian

    Interessant, lieber Uranus! Aber wäre es nicht einfacher, die Sendung aus der Mediathek einfach herunterzuladen? Das ist technisch sehr einfach und wird von den Sender geduldet, obwohl es rechtlich eine Grauzone ist. Aber für den Privatgebrauch ist es erlaubt und die Qualität ist vermutlich besser als bei einer Aufzeichnung.


    Die Doku ist wirklich toll, vor allem wenn ABM KV 466 probt und ziemlich wild mitsingt. Wunderbar.

    Ich war übrigens bei einem der Ravel-Konzerte mit Celibidche 1992 dabei.

    Es war wirklich etwas Besonderes, vor allem die Zugaben.


    Dass er sich daraufhin mit Cord Garben wegen eines Beleuchtungsproblems überworfen hat, wusste ich nicht. Natürlich ist der Ausfall eines Scheinwerfers für einen Pianisten ein großes Problem. Es war aber nicht in dem Konzert, in dem ich war, da bin ich mir sicher. Insgesamt hat er damals ja vier Konzerte gegeben.


    Viele Grüße

    Christian

    Wenn etwas evident ist, dann das, dass ABM nie etwas inszeniert musikalisch.

    Darüber könnte man aber nun aber wirklich disktutieren. Wobei für mich "inszenieren" in keinster Weise negativ ist und ich verstehe sehr gut, wie Cord Garben das meint. Auch finde ich, dass er sehr viel Geduld gezeigt hat. Man muss nicht jeden Irrsinn mitmachen.


    Vielen Dank für den Hinweis auf die Doku mit einigen wirklich faszinierenden Einblicken!


    Und da vielleicht doch der eine oder andere im 21 Jh. angekommen ist: man kann die Doku in der sehr guten Arte Mediathek noch eine ganze Weile ansehen. Wer programmiert denn noch einen Videorekorder oder so ein Gerät?


    Viele Grüße

    Christian

    Anders als bei der RT-Debatte scheint in diesem Falle ja wenig Bereitschaft unter Taminos vorhanden zu sein, die wesentlichen Interpretationsfragen zu diskutieren, muss ich konstatieren. :(


    Schöne Grüße

    Holger

    Lieber Holger,


    ich habe Dir ja gesagt, dass es keine gute Idee ist, daraus zwei threads zu machen, so bin ich bspw. nicht fähig, aus dem anderen thread in diesem thread zu zitieren. Das ist mir zu umständlich. Leider habe ich gerade auch wenig Zeit, aber ich werde mich in jedem Fall noch zur Sache melden. Badura-Skoda konnte mich jedenfalls nicht überzeugen.

    Ein radikale, abgründige Aufnahme hat die kürzlich verstorbene Dina Ugorskaja rausgebracht:



    Viele Grüße

    Christian

    Auch beim Wiederhören fällt diese Aufnahme bei mir durch, das ist mir einfach zu holperig und zu stockend. Dabei mag ich ja Arraus eigenwillige, späte Schubert Aufnahmen aus den 80ern wie D.894, D.935 und D.946 sehr (und damit stehe ich ziemlich alleine da), aber bei der früher aufgenommen Sonate D.960 hat er keinen guten Tag gehabt: Zu viel Stückwerk, zu gewollt und vor allem temporal - wie Willi sagen würde - zu wackelig.


    Die oben abgebildete Box mit Liveaufnahmen ist großartig! Nur leider spielt er da keinen Schubert,


    Viele Grüße

    Christian

    Vielen Dank für die ausführliche Besprechung dieser Arrau-Aufnahme, lieber Holger! Da geht es mir ganz ähnlich!!! Obwohl ich Arrau sehr schätze, konnte ich mit dieser Einspielung wenig bis nichts anfangen. Diese Temposchwankungen sind bei Schubert für mich problematisch. Ich habe auch seine Ansichten über die Sonate in dem Interview-Buch gelesen, aber auch diese haben mir die Aufnahme nicht nähergebracht. Teilweise fand ich sie schrecklich hölzern. Und wie gesagt, ich bewundere Arrau sehr, er ist für mich einer der wenigen ganz großen Pianisten. Ich hatte das Glück, ihn noch live zu erleben, die Klangfülle war unvergleichlich. Jetzt werde ich mir diese Aufnahme also noch einmal anhören und dabei Deine spannenden Ausführungen bedenken!


    Viele Grüße

    Christian

    Eine fantastische Aufnahme des G-Dur Konzertes schenkt uns die Komponistin und Pianistin Gabriela Montero!

    Noch nie habe ich den zweiten Satz so eindringlich und lebending ausgesungen gehört, das ist eine Entdeckung! Wie sie hier den harmonischen Rückungen nachspürt, da stockt mir der Atem! Und im Finale dann das Tempo anzieht! Einfach toll!


    Viele Grüße

    Christian


    Neu eröffnet meine Kolumne (mit einer Einleitung und Beiträgen zu Artur Schnabel und Wilhelm Kempff):


    Franz Schubert: Romantiker, klassischer Romantiker? Interpretationswege am Beispiel der Klaviersonate B-Dur D 960

    Wieso gibt es denn jetzt zu dieser Sonata zwei threads? Das finde ich nicht gut, könnte Ihr das nicht bitte zusammenlegen, bzw. warum stellst Du, lieber Holger, Deine Besprechungen denn nicht bereits in dem vorhandenen thread ein??? Das wäre für Mitleser und gelegentliche Mitschreiber viel einfacher.


    Viele Grüße

    Christian

    Das abschließende Prestissimo spielt Rubinstein noch einmal mit all seiner pianistischen Fähigkeit, dynamisch, rhythmisch perfekt und mit großer Ausdruckskraft. Großartig auch, wie er ab Takt 441 in den an- und absteigenden Vierteln mit den raschen Dynamikwechseln das Tempo herausnimmt und sich ganz auf den Ausdruck konzentriert. Ebenso verfährt er mit den Glissandi ab Takt 465, wo er auch die Virtuosität zu Gunsten der Expressivität hintanstellt.

    Lieber Willi,


    ich zitiere oben Deine schöne Besprechung von Arthur Rubinsteins Aufnahme, die mir gerade im Vergleich zur Neuaufnahme von Igor Levit angehört habe. Rubinstein ist großartig! WAs für eine Energie, was für ein Farbenreichtum, was für eine Vitalität! Nur die Glissandi spielt er meines Erachtens nicht, deswegen habe ich hier Deinen Texts zitiert. Er spielt die Akkorde etwas langsamer und setzt sie ab - warum auch immer. Aber das schmälert seine Aufnahme nicht im Geringsten! Mit Gilels für mich die beste Aufnahme, wobei Gilels noch explosiver ist.


    Viele Grüße

    Christian

    Angeregt von diesem thread höre ich mir gerade einige Rubinstein-Aufnahmen an. Zuletzt seine späte Aufnahme von Beethovens Sonate op. 31,3. Eine hinreißende, beglückende Aufnahme mit ganz viel Verstädnis für die Form - und was für ein Klangsinn!!! Ich muss sagen, so zu spielen traut sich heute dann doch fast niemand mehr. Ich habe zum Vergleich kurz in die neue Aufnahme von Igor Levit reingehört - und war leider gelangweilt (was aber noch kein Urteil über diese Aufnahme sein soll, ich habe nur kurz in drei Sätze reingehört! Die späten Sonaten von ihm sind stark).


    Ich habe die Einspielung in dieser Ausgabe (Rubinstein Collection Vol. 79, 1999):

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    Viele Grüße

    Christian

    Vielen Dank für Deine Bemühungen! Ich denke diese Aufnahmen sind vor allem aus Platzgründen bei den „unreleased recordings“ gelandet. Die darauf ebenfalls enthaltene erste Aufnahme der Schubert B-Dur Sonate ist ja auch schon 1999 in der Box veröffentlicht worden (mit interessanten editorischen Angaben zur Entstehung!).

    Inzwischen habe ich aber bei einer US-Amazon-Review gefunden, was ich gesucht habe: 'Rubinstein told a Gramophone interviewer in 1968: "Sometimes I don't succeed in achieving what I want. There are tapes of Schubert's late sonatas and of the Schumann Fantasie. They're in the can, as they say, but I find them artificial and laboured; the right spirit is not there".


    Viele Grüße

    Christian

    Hallo Barere,


    die Aufnahme der Fantasie op. 17 kam wohl erstmals 1980 auf Vinyl heraus, aufgenommen wurde sie bereits 1965 in Rom. Sind denn dem Booklet der Rubinstein Collection von 1999 - ich habe diese Aufname in der älteren Version mit weißem Cover von 1987 - darüber weitere Informationen zu entnehmen?

    Rubinstein starb 1982, also muss er dem Release doch noch zugestimmt haben?


    Herzliche Grüße

    Christian

    Lieber Christian,


    gibt es vielleicht noch einen Konzertmitschnitt der Fantasie von Rubinstein?

    Leider nicht!


    Schumann live gibt es von ihm den Carnaval (aus Holland), die Fantasiestücke und ich meine mich zu erinnern, dass die Symphonischen Etüden auch live aufgenommen worden sind. Und einige kleinere Stücke natürlich.


    Gilels war ja übrigens auch der Meinung, dass Schumann oft viel zu schnell gespielt wird.


    Viele Grüße, Christian

    Seine Aufnahme der Fantasie op. 17 bewegt sich allerdings am Rande einer Fehlinterpretation.

    Also so weit würde ich nicht gehen, vor allem im ersten Satz gelingt es ihm, der Musik ihr Geheimnis zu belassen. Und das können die wenigsten. Der zweite Satz ist allerdings merkwürdig blass. Ganz anders die Fantasiestücke, die er auch mehrmals aufgenommen hat. Ganz wunderbar!


    Liebe Grüße, Christian

    Um den Pianisten Barenboim ist es dagegen merkwürdig still geworden.

    Durchaus nicht! Anbei einige besondere und wie ich meine gelungene Aufnahmen - bei der Schubert-Box möchte ich insbesondere auf die Sonate D.959 hinweisen, deren Durchführung im ersten Satz niemand so sinnstiftend gestaltet wie Barenboim!


       


    Das Cover von THE WARSAW RECITAL wird leider nicht angezeigt.


    Viele Grüße

    Christian

    Hallo nomorino,


    aber die Fantasie ist nun alles andere als ein gelassenes Werk, insofern war das vielleicht von mir ein falsches Wort. Bei vielen Interpreten fällt der erste Satz ja oft auseinander zwischen den ruhigen und den leidenschaftlichen Passagen, das ist bei Rubinstein anders, er wahrt den Überblick und wählt insgeamt eher ein gemäßigtes Tempo. Ich sehe schon, heute Abend werde ich wieder mal in diese Aufnahme reinhöhren, die mir einige Rätsel aufgibt.


    Horowitz' Live-Aufnahme der Fantasie ist berühmt wegen der Patzer, die ihm u.a. am schwierigen Ende des zweiten Satzes unterliefen (veröffentlich nur auf der LIVE AND UNEDITED-Ausgabe). Das ist schon sehr, sehr aufregend anzuhören, aber er trifft das Werk insgesamt nicht so gut wie die Humoreske - da bin ich voll bei Dir, dass ihm hier was Besonderes gelungen ist.



    Viele Grüße

    Christian