Beiträge von Christian B.

    Gavrilov habe ich Ende der 80er Jahre zweimal live erlebt, einmal spielte er u.a. Schumanns Carnaval und man hatte ein bisschen Angst, ob das der Flügel überlebt. Aber es war ein tolles Konzert, volles Risiko, pianistisch auf höchstem Niveau, ein leidenschaftlicher, virtuoser Schumann! Und dann habe ich ihn noch mit den Französischen Suiten von Bach gehört, die er ja sogar zweimal aufgenommen hat. An diesem Abend war sein Spiel viel filigraner, er hat sich weiterentwickelt - aber auch schrecklich viele Fehler gemacht, die man bei Bach eben alle hört. Sogar in der Zugabe bei der letzten Note. Danach ist er meines Wissens nicht mehr in München aufgetreten. Neben der oben abgebildeten neuen Aufnahme gibt es noch eine neue Live-Aufnahme den Symphonischen Etüden. Leider kann ich nicht feststellen, dass er zu seiner alten Form zurückgefunden hat. Die Tempi sind teilweise arg überzogen und wirken unnatürlich, zudem schwanken sie.


    Viele Grüße, Christian

    Vielen Dank fürs genaue Hineinhören, lieber Holger! Ich schätze an dieser Einspielung gerade, dass sie so wenig idiomatisch klingt und tatsächlich sehr konsequent keinen Wiener Charme versprüht, sondern statt dessen die Stücke als Werke aus Schuberts letzter Lebensphase erforscht. Horowitz müsste ich mal wieder hören. Gerade im Vergleich zu Zimerman finde ich Sokolov aber bei den ersten drei Stücken von D.935 doch viel freier im Spiel und facettenreicher in den Schattierungen. Zimermans Positivismus fand ich hier immer etwas zu geradlinig, er bleibt für mich zu ‚stabil’ an der Oberfläche.


    Viele Grüße, Christian

    Den eigenen Thread dazu hat dann Holger gestartet mit einer lesenswerten Beschreibung von Shukovs letzter CD.


    Igor Shukov (1936-2018)


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Ich habe Ende der 80er Jahren Shukow zweimal in München gehört, einmal mit einem reinen Scriabin-Programm und dann unter anderem mit Bachs Chiaconne für die linke Hand und der dritten Chopin-Sonate. Vor allem die letztgenannte Aufführung hat mich sehr beeindruckt!

    Ich gebe offen zu, dass sich in meiner Sammlung einige russische Pianisten finden, teilweise der originellen Interpretationsansätze wegen (Maria Yudina), teils der Verbindung von Emotion und auslotendem Tiefgang in Verbindung mit einer vorzüglichen Technik.Hier erwähne ich abseits der üblichen Verdächtigen vor allem Maria Grinberg, Tatjana Nikolayeva, Igor Shukov oder imitri Bashkirov. Inwiefern ein spezifischer Stil bei den Schülern russischer Pianisten weiterlebt kann ich schlecht beurteilen. Der Unterrich war jedenfalls durchaus nachgesucht, und ich verweise da auf die unzeitig früh verstorbene Brigitte Engerer, die mit aller Gewalt bei Stanislav Neuhaus studieren wollte und das auch tat. Zu Brigitte Engerer lassen sich hier ein paar Brosamen nachlesen:


    Brigitte Engerer


    Liebe Grüße vom Thomas :hello:

    Vielen Dank für den Hinweis auf den Thread von Brigitte Engerer! Ich wusste nicht, dass sie bei Stanislav Neuhaus studiert hat - woher auch. Aber ihr fulminanter, zuweilen auch etwas harter Zugriff in den frühen Decca-Aufnahmen passt dazu. Noch mehr gefallen mir aber ihre späten, wunderbar differenzierten Aufnahmen - ihr zweiter Carnaval ist ein diskographischer Höhepunkt! Und von Liszts 'Harmonies poétiques' dürfte es kaum eine sinnlichere Einspielung geben! Sie hat ja auch Duos mit dem Russen Boris Berezovksy aufgenommen - wo haben sie sich kennengelernt?


    Eleonore Büning schreibt in ihrem Nachruf in der FAZ:


    "Brigitte Engerer, geboren in Tunis am 27.Oktober 1952, erhielt mit fünf Jahren ihren ersten Klavierunterricht, sie wurde mit elf Jahren ans Pariser Konservatorium geholt. Mit siebzehn fiel sie bei ihrem ersten internationalen Wettbewerb auf, woraufhin sie von Stanislaw Neuhaus, dem Sohn von Heinrich Neuhaus, nach Moskau eingeladen wurde. In seiner Obhut studierte sie neun Jahre lang. So ist die Engerer also, trotz ihrer tunesisch-französischen Wurzeln, recht eigentlich eine der letzten Enkelschülerinnen von Neuhaus, und ihre Klavierkunst trägt den Stempel bester russischer Prägung: brillante Technik, vereint mit romantischem Esprit, dazu tiefempfundenes Sentiment."



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    Lieber Holger, eine gute Idee, diesen Thread über die russische Pianistenschule aufzulegen, wo viele derzeit nicht gut auf Russen zu sprechen sind. Die Russen können sich glücklich schätzen,. über viele sehr gute Pianisten/innen verfügen zu können.

    :hello:

    Ja, das sehe ich auch so! Ein wichtiger Thread, wobei ich den Eindruck habe, dass aus der sogenannten russischen Klavierschule in den letzten Jahren nur noch wenige außergewöhnliche Künstler wie bspw. Denis Kozhukin oder der bekannte Daniil Trifonov hervorgegangen sind. Oder täusche ich mich?

    Viele Grüße, Christian

    Hallo Alfred,


    dadurch, dass Du meinen obigen Beitrag hierher verschoben hast, wird der Bezug unverständlich.

    Du hattest in dem thread "Über das Interesse an Pianisten - Eine Betrachtung" folgendes geschreiben und darauf bezieht sich mein Beitrag #75:


    "Der umstrittene Thread

    Aktive Pianisten unserer Tage - aber NICHT aus Russland.

    war in gewisser Hinsicht ein Volltreffer."


    Viele Grüße

    Christian

    Ich freue mich schon auf Deine Einschätzung, lieber Holger!


    moderato: ich habe leider auch keine Noten. Die Spielzeiten des ersten Impromptus D. 935 reichen von 9:30 (Perahia) bis 13:30 (Sokolov, Arrau). Leonskaja, die ich sehr schätze, liegt bei 12:35. Vielleicht täusche ich mich und alle Pianisten spielen alle Wiederholungen.


    Viele Grüße

    Christian

    In guter Willi-Tradition hier noch die Zeiten von Sokolov:


    Schubert: 4 Impromptus, Op. 142, D. 935 - No. 1 in F Minor. Allegro moderato (Live) 13:46

    Schubert: 4 Impromptus, Op. 142, D. 935 - No. 2 in A Flat Major. Allegretto (Live) 08:36

    Schubert: 4 Impromptus, Op. 142, D. 935 - No. 3 in B Flat Major. Theme and 5 Variations (Live) 12:53

    Schubert: 4 Impromptus, Op. 142, D. 935 - No. 4 in F Minor. Allegro scherzando (Live) 08:34


    Ich glaube, dass nur Arrau sich noch etwas mehr Zeit nimmt. Wobei viele Pianisten vermutlich auch nicht alle Wiederholungen spielen.


    Mit den langsamen Tempi einhergeht eine faszinierende und vor allem bei den Wiederholungen hochdramatische Innenschau mit kleinsten Dynamik-Abstufungen, wie ich sie so noch nie gehört habe.


    Viele Grüße

    Christian

    Und ich möchte ergänzen, dass das oben von Willi eingestellte YouTube-Video von Lupu seiner lyrischen Qualitäten wegen auch sehr stark ist. So schade, dass Willi hier nicht mehr schreibt. (Ich habe ihn kontaktiert, aber es hat wohl nichts gebracht.)


    Willi, wir vermissen Dich!


    Viele Grüße, Christian

    Lieber Holger, die B-Dur Sonate hat er meiner Erinnerung nach vor vielen Jahren für ein anderes Label herausgebracht, davon spreche ich hier nicht. Sein Spiel hat sich auf dieser CD verändert, finde ich, nicht mehr um jeden Preis expressiv, mehr nach Innen gekehrt. Vielleicht war es ein besonderer Abend. Und vielleicht achte ich besonders drauf, weil die Zeiten so schrecklich sind.
    Viele Grüße, Christian

    Ich finde die Ausgrenzung einer Nation in einem Thread rassistisch.

    Für ein Kultur Forum absolut unwürdig, peinlich und untragbar.


    Und es gehört schon was dazu, das dann in unseren Zeiten und vor dem Hintergrund des Krieges, der diesen Thread ausgelöst hat, nicht nur als Erfolg darzustellen, sondern als VOLLTREFFER.


    Liebe Alfred, bitte denke da doch noch einmal etwas länger darüber nach.


    Viele Grüße

    Christian

    Auf seiner jüngsten DG-Live-Veröffentlichung spielt Grigory Sokolov die vier Improptus D.935 mit einer Hingabe und Zartheit, die ihresgleichen sucht. Vor ein paar Jahren kam ja schon - zusammen mit Beethoven op. 106 - eine Aufnahme von D.899 und D.946 heraus, aber ich konnte ihr wenig abgewinnen und fand sie etwas maniriert.


    Wie verwandelt nun jedoch der zweite Zyklus D.935. Seit Arraus später, dunkler Einspielung - pianistisch leider nicht mehr ganz rund - hat niemand diesen Zyklus so traumverloren und nuancenreich gespielt wie Sokolov. Unbedingt anhören! Auf der Einspielung sind noch drei Haydn-Sonate in Moll enthalten und auch wieder einige zauberhafte Zugaben (u.a. Schubert D.899,4 (!) D. 817 (!!), Rameau, Chopin und Debussy).


    Seine beste Aufnahme bei der DG, finde ich!



    Viele Grüße

    Christian

    Es wird unserem Image schaden - wir werden dann auch gemieden.


    Lg Alfred

    Also das ist meiner Meinung nach Quatsch. Ich würde von einem Kulturforum wie Tamino erwarten, dass in diesen Zeiten ein differenzierter Austausch über russische Künstler stattfindet. So wie teilweise ja auch in dem Gergiev-Thread. Das schadet dem Forum ja nicht, sondern belebt es. Und ich bleibe dabei: ein Pianisten-Thread, der eine Nation ausschließt, ist diskriminierend und wirft ein schlechtes Licht auf das Forum!


    Viele Grüße, Christian

    Hallo Orfeo,


    vielen Dank! Du bist bezüglich Egorov sehr gut informiert und hast Quellen über das Internet hinaus, so scheint es mir.

    Kannst Du uns mehr über die Hintergründe erzählen, das würde mich sehr interessieren?


    Viele Grüße

    Christian

    Obowohl ich diesen Thread wie die meisten Beiträge über Pianisten aufmerksam verfolge und ihm einige Entdeckungen verdanke, möchte ich nun doch einmal anmerken, dass dieses Vorhaben auf mich ausgesprochen diskriminierend wirkt, auch wenn es vermutlich nicht so gemeint ist.


    Jedenfalls finde ich diesen thread sehr unglücklich, es wirkt, als wolle man hier russische Künstler ausschließen.


    Viele Grüße

    Christian

    Das ist eine der interessantesten Beethoven-Aufnahmen der letzten Jahre - schade dass es von Gorlatch so wenig zu hören gibt!


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    Lieber Peter,


    ich danke neuerlich für Deine Ausführungen und Hinzufügungen zur Vita Gergievs, die für mich lehrreich waren. Gerne hätte ich mich noch zu dieser und jener (meist frühen) Einspielung geäußert, doch wurde mir kürzlich an anderer Stelle nachgesagt, ich würde dadurch eine Lobpreisung des musikalischen Gottseibeiuns betreiben, und mir ferner unterstellt, ich hätte mich unzureichend über die jüngsten Ereignisse informiert. Es wurde auch eine hier vertretbare Zensur ins Spiel gebracht. Unter diesen Umständen habe ich mich dazu entschieden, mich zum Thema Gergiev auf absehbare Zeit nicht mehr zu äußern, um Missverständnissen vorzubeugen.

    Beste Grüße

    Hallo Joseph II, ich würde eine sachliche Diskussion über Gergievs Aufnahmen sehr begrüßen, beispielsweise seiner Mahler- und Bruckner Aufnahmen - in München hat er ja den gesamten Zyklus aufgenommen und ich bin noch unschlüssig, was ich davon halten soll.


    Viele Grüße, Christian

    Es hat sich doch gelohnt, diesen alten Thread - Danke fürs Zusammenführen! - aus der Versenkung zu holen.

    Ich denke aber, dass die Schreibweise "Youri" richtig ist und nicht "Yuri"

    Holger: Die Emi/Warner-Box lohnt sich sehr!


    Auf Spotify gibt es zusätzlich noch einige wunderbare Live-Aufnahmen (auch die vergriffenen Box, auf die weiter oben Joseph II. hinweist), aber es gibt auch zwei Konzerte aus Californien:


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    Mit Erstaunen stelle ich soeben fest, dass es noch keinen Thread über den großartigen russischen Pianisten Youri Egorov gibt.


    1954 in Kazan geboren, studierte er zunächst bei einer Schülerin von Yakov Zak und dann bei diesem selbst am Moskauer Konservatorium. 1974 gewann er beim Tchaikovsky-Wettbewerb den dritten Preis, 1976 nützte er ein Konzert in Rom, verließ die UdSSR und zog nach Amsterdam. Mit nur 33 Jahren stirbt er in Amsterdam. Weitere Details findet man bei Wiki.


    Ich möchte vor allem auf seine großartigen Schumann-Aufnahmen hinweisen - es gibt kaum eine bessere Kreisleriana und auch sein Carnaval ist ganz fantastisch. Spannungsgeladen, groß im Ton, leidenschaftlich, mitreißend, auf die Innenstimmen hörend, und vor allem: voller Poesie! Von den selten überzeugend dargebotenen Noveletten spielte er leider nur die Nummern 1 und 8, aber diese beiden Aufnahmen wiegen alle mir bekannten Gesamtaufnahmen auf. Bei der Nummer 8 finde ich ihn noch zwingender als Richter - der hier eigentlich nicht zu übertreffen ist. Und auch die wunderbaren Bunte Blätter hat er eingespielt - elektrisierend!


    Es lohnt sich wirklich sehr, sich mit diesem russischen Pianisten auseinanderzusetzen! Vor einiger Zeit sind auch tolle Live-Aufnahmen aus Pasadena, Kalifornien, von ihm erschienen. Davon später mehr.



    Viele Grüße

    Christian

    Da ich den ganzen Artikel nicht einstellen darf, ein Hinweis auf einen lesenswerten Artikel heute in der FAZ von Jürgen Kesting über Gergiev.

    Daraus ein kurzes Zitat (Zitieren verletzt kein Copyright!):


    "In einem jüngst veröffentlichten Gesprächsbuch distanziert Gergiev sich allerdings deutlich von Putins Homophobie, betont jedoch, der Herr des Kremls habe die Kultur in ihrer Bedeutung für das russische Selbstverständnis wiederbelebt. Ob Gergiev das politische Ziel ahnte? Auch konnte er nicht mit Sicherheit wissen, dass sein Mentor zum Monster mutieren sollte. Und wenn er jetzt im Westen geblieben wäre, hätte er etwas sagen können? Den Preis hätten die vielen Mitarbeiter seiner Theater und seine Familie bezahlt, worauf Thomas Sanderling am Montag hinwies, nachdem er sein Amt in Nowosibirsk niedergelegt hatte."


    Quelle

    https://www.faz.net/aktuell/fe…agt-17864411.html?premium