Beiträge von Christian B.

    Lest doch mal bitte genau - von Beginn war davon die Rede, dass nur Patricia Wulf ihren Namen hergegeben hat - eben weil sie damals stark genug war, nein zu sagen: „Acht der neun Frauen legen Wert auf ihre Anonymität. Einzig die Mezzosopranistin Patricia Wulf, heute 61 Jahre alt, steht namentlich zu den Vorwürfen gegen den achtundsiebzigjährigen Künstler. Keine der Frauen kann Dokumente für die Vorfälle, also Notizen, Fotos, Sprachaufzeichnungen vorlegen. Die Datierungen sind aber von AP überprüft und durch Hotelbuchungen sowie Besetzungspläne bestätigt worden; zudem gäbe es Aussagen von Kollegen, die ähnliche Verhaltensweisen von Domingo beobachtet hätten. (FAZ)


    Es wurde also recherchiert und geprüft und ist nicht aus der Luft gegriffen. Einen Prozess wird es eh nicht geben.

    Was mich wirklich empört, ist, dass Frauen, die diese Kraft von Patricia Wulf nicht hatten, dafür jetzt großspurig verurteilt werden.

    Aber es sind nicht sie, die sich - mutmaßlich - etwas zu Schulden haben kommen lassen.


    Viele Grüße, Christian

    Ich finde, dass ein Klassikforum über diese Ereignisse diskutieren muss - erschreckenderweise erfährt man hier allerdings mehr über das Forum und seine Teilnehmer, als einem lieb sein kann. Wie viele andere schätze auch ich Placido Domingo und James Levine sehr. Nur ein Idiot würde ihre Leistung diskreditieren. Aber bei Levine war es bspw. so, dass erst jetzt rauskaum, dass es schon bei seiner Wahl in München Diskussionen und deutliche Hinweise gab, die im Stadtrat niedergebügelt worden sind. Warum sollte man das ausblenden? Wenn wir die Kunst eines Domingo und eines Levine so lieben, vielleicht müssen wir dann auch diesen Preis bezahlen? Hat Kunst vielleicht manchmal einen Preis, der nicht mit Geld zu erbringen ist? Siehe auch die Diskussion um Barenboims Machtspiele. Das sind Fragen, über die kann man nachdenken, finde ich.


    Richtig schlimm finde ich den Satz, dass die Opfer zu feige waren, um Anzeige zu erstatten. So etwas zu sagen ist einfach nur traurig - und wer so was sagt, hat sich nie mit Opfern ausgeinandergesetzt, geschweige denn, Ihnen zughört. Einfach nur zuhören würde ja genügen. Allein deshalb werde ich diese "unappetitliche" Thematik hier weiterverfolgen.


    Viele Grüße

    Christian

    Fassungslos macht mich immer wieder, daß es inzwischen schon zur Normalität gehört, daß in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen immer wieder eine neu Sau gefunden wird, die durch das Dorf getrieben wird. Jedesmal erhebt sich die bange Frage: Und wer mag nun der Nächste sein?


    Nemorino

    Und mich machen solche ahnungslosen Kommententare fassungslos - ich empfehle den weiter oben verlinkten Beitrag auf Capriccio von Martin Zeyn.


    Ich arbeite seit 20 Jahre in der Filmbranche, die in den letzten Jahren ja auch von einige Skandalen heimgesucht wurde (bspw. Dieter Wedel). Die Argumente gegen die Berichterstattung finden sich 1:1 hier im Forum wieder: Warum melden diese Frauen sich erst jetzt? Sie wollen doch nur Kapital draus schlagen usw. Worauf ich hinaus will ist aber, dass sich meine Branche das zum Glück nicht lange angesehen und kurzerhand eine Vertrauensstelle gegründet hat. Vor allem die Sender haben hier ihre Verantwortung wahrgenommen. Diese Vertrauensstelle wurde meines Erachtens sehr solide ausgestattet und ich hätte gedacht, dass das bald wieder zurückgefahren wird. Irrtum, die haben leider sehr, sehr viel zu tun und kommen kaum hinterher. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn es nun die eine oder andere Sau erwischt. Diese Zeiten sind einfach vorbei, auch wenn das einige hier noch nicht begriffen haben.


    Interessieren würde mich, ob es inzwischen solche Vertrauensstellen auch im Opernbetrieb gibt? Offenbar ja nicht.


    Nachtrag: Es gibt aber auch solche Stimmen https://www.welt.de/icon/partn…T0bgh-CUZi6TNed2V_7d8H5hY

    Zu Kachelmann möchte ich die Urteilsbegründung in Erinnerung rufen, die offenbar viele schon wieder vergessen haben:

    „Der heutige Freispruch beruht nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld von Herrn Kachelmann und damit im Gegenzug von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin überzeugt ist. Es bestehen aber nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme begründete Zweifel an der Schuld von Herrn Kachelmann. Er war deshalb nach dem Grundsatz ‚in dubio pro reo‘ freizusprechen.


    Zur Domingo-Berichterstattung empfehle ich diesen Kommentar von Martin Zeyn auf Capriccio:

    https://www.facebook.com/br.ca…M34jTMXUM&fref=nf&__xts__[0]=68.ARDy4B4i1p1fxqWkeSviitutwHP_4c_7PU_BDN4qLuXVnepM6xzJr-uOJEnj0fJ1X1vihDoTrASzlWxj3MMGGwbdSlB9dFIfk0tkC-WFRMgBHyUD6n3kmEwNK_EJ-lHc4VEqfA6YDFI9auWCzcdxhPagl4N6eoL-ryv8pBMVcWA9gVS8CTAYotX3N2Ehgzx9s-HV7_Q7vBjjAS0dbDSnljfkUSm8-O_CuoG1mqicMo59v4KDZDPrOiREJ1Zphjm3xLhglPYz6ZAJ8CpdhbPoVEgnq5KTX1e3Jq1xDa5EVfeiKV_xZDrxcwmz1AxrN6LuhJWOcpm_mVAmv-Cep4ws19paC70J1LgsLGb9QA

    "Nach dem Orchester in Philadelphia und der Los Angeles Opera zieht auch die Oper von San Francisco Konsequenzen aus den Vorwürfen gegen Opernlegende Plácido Domingo. Sie strich ein für Oktober geplantes Konzert mit Domingo, nachdem neun Frauen ihm sexuelle Belästigung und unangemessenes Verhalten vorwarfen. Acht Sängerinnen und eine Tänzerin hatten der Nachrichtenagentur AP berichtet, der Opernsänger und Dirigent habe sich ihnen unerwünscht sexuell genähert - dieses Verhalten sei lange ein offenes Geheimnis in der Opernwelt gewesen.

    Die Frauen sagten, Domingo habe sie in sexuelle Beziehungen zwingen wollen, indem er ihnen Jobs angeboten habe. In einigen Fällen habe er die Frauen bestraft, wenn sie seine Annäherungen verweigerten. Sechs Frauen erklärten, sie hätten sich durch anzügliche Annäherungsversuche seitens Domingo unwohl gefühlt. Beinahe drei Dutzend weitere Personen aus Opernkreisen sagten, sie hätten unangemessenes, sexuell-gefärbtes Verhalten von Domingo beobachtet. [...]

    Philadelphias Oper gab nach dem Bericht bekannt, Domingo sei nicht länger eingeladen, bei einem Eröffnungskonzert Mitte September zu erscheinen. Das Haus fühle sich verpflichtet, dass es dort ein "sicheres, unterstützendes, respektvolles und angemessenes Umfeld" gebe. Es war die erste Reaktion nach der Veröffentlichung der Vorwürfe. Die Oper in Los Angeles, wo Domingo seit 2003 Direktor ist, teilte mit, sie werde mithilfe von auswärtigen Beratern die Anschuldigungen untersuchen. Aus San Francisco hieß es, obwohl das unangemessene Verhalten in San Francisco stattgefunden haben soll, sei die Oper ihren "strengen Regeln gegen sexuelle Belästigung verpflichtet und verlangt von allen Mitglieder, die höchsten Standards professionellen Verhaltens einzuhalten."Der Opernsänger nannte die Anschuldigungen "zutiefst beunruhigend und wie dargelegt, unzutreffend". Er müsse aber auch anerkennen, dass die heutigen Anstandsregeln sich deutlich von denen früherer Jahre unterschieden." (SZ)




    mein persönlicher Eindruck, dass ihre Interpretationen, die ich in den letzten Monaten zu Gehör bekommen habe, stark auf die Sentimentalisierung des Augenblicks setzen - auf Kosten des großen Zusammenhangs und -halts, der auch der Reflexion bedarf.

    Das bringt es für mich sehr, sehr gut auf den Punkt! Ich war von ihrer Schubert-Aufnahme ebenfalls enttäuscht.


    Viele Grüße

    Christian

    Vielen Dank für diese interessanten Hintergrundinformationen zu Mravinsky! Ein unglaublicher Musiker, und ich muss sagen, dass der Ausbruch kurz nach der Mitte des ersten Satzes der 6. Symphonie unter ihm atemberaubend ist. Aber man muss auch nicht immer alles miteinander vergleichen und ich kann gute Aufnahmen in ihrer jeweiligen Unterschiedlichkeit auch nebeneinander stehen lassen. Mravinskys rauhe, extrem energetische Lesart finde ich jedoch sehr, sehr überzeugend.


    Beste Grüße

    Christian

    Lieber Christian,


    den Zyklus habe ich von Brendel - "Pensée des Morts" als Einzelaufnahme von Svjatoslav Richter, das ist natürlich unglaublich! Den Zyklus gilt es auch wiederzuentdecken. "Invocation" höre ich mir gleich mal an! :)

    Lieber Holger,


    Brendel hat nur die vier bekanntesten Stücke aus dem zehnteiligen Zyklus aufgenommen. Da gibt es noch einiges zu entdecken.


    Viele Grüße

    Christian

    Außer JLang, der schon seit langem nicht mehr schreibt in Tamino (wo ist er nur abgeblieben?), scheint sich ja Niemand für Liszt zu interessieren.

    Oh doch, nur interessiere ich mich mehr für die "Harmonies poétiques et religeuses". Den virtuosen, aber auch ein wenig leerlaufenden "Ungarischen Rhapsodien" kann ich nichts nichts abgewinnen... Aber ich werde es gerne noch einmal versuchen.


    Viele Grüße

    Christian

    Die temporalen Schwankungen bei dieser Sonate sind enorm:


    Arrau (Philips Aufnahme 70er Jahre): ca. 22:54

    HieYon Choi (2019): ca. 16:23


    Die größte Unterschiede gibt es im dritten Satz, den man sehr unterschiedlich anlegen kann.


    Die junge Pianisten HieYon Choi begeistert mit mitreißendem, stürmisch-perfektem Spiel, Arrau ist mir hier zunächst etwas zu schwerfällig, das Liedhafte der Melodie verschwindet, doch in der vierten Variation geht sein Konzept dann wundebar auf und keiner erreicht so eine Ausdruckswucht wie der Chilene, so dass ich nicht zu entscheiden vermag, wer hier vom Tempo richtig liegt.


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    Es ist so eine wunderbare Sonate, vielen Dank für das Wiederbeleben dieses Threads! Ich hoffe, dass Willi sie bei seiner Sonaten-Besprechung bald nach vorne zieht. In meiner persönlichen Wahrnehmung stand diese Sonate immer ein bisschen in Schatten von op. 110, aber das hat sich in der letzten Zeit geändert. Im dritten Satz hat Beethoven eine Melodie von so unvergleichlicher Schönheit komponiert (vor allem in der Wiederholung in der höheren Lage in der ersten Variation!), dass es mir immer wieder die Sprache verschlägt.

    Wie bei allen großen Klavier-Meisterwerken bin ich auch bei dieser Sonate ein krankhafter Sammler guter Aufnahmen, besonders überzeugt hat mich zuletzt die Einspielung eines Pianisten, der meines Wissens mit Beethoven-Sonaten bisher noch gar nicht in Erscheinung getreten ist, nun aber gleich ein ganzes Album vorlegt - und seine sonore, leidenschaftliche Aufnahme von op. 109 sucht Ihresgleichen! Ich spreche von Philippe Entremont!



    Viele Grüße

    Christian

    Ich habe die Aufnahme in einer etwas älteren Variante der tollen 7-CD Box "Yuri Egorov: The Master Pianist", die es - wie ich soeben erst feststelle - für 15.99 immer noch bei amazon gibt! Unbedingt empfehlenswert:



    Warum klappt das Verlinken nicht?