Ich verstehe die Frage nicht. Ich schätze es, wenn sie auf einem Cembalo gespielt wird (gerne Isolde Ahlegrimm), kenne ebenso einnehmende Aufnahmen am Flügel (Zhou Xiao Mei etwa) und Bearbeitungen bis hin zum kleinen Kammerorchester (Münchinger, Marriner). Was ist nun die Frage? Anders als Du bin ich durchaus der Auffassung, daß es kein richtig und kein falsch gibt in diesem Punkt.
Mein Text ist bei Dir offensichtlich auf Verständnisschwierigkeiten gestoßen, lieber Thomas.
Schau ggf. noch einmal nach:
Seine (Bachs) Lautensuiten sind der musikalischen Grundidee nach im Wesentlichen identisch mit den Cellosuiten, nur transponiert und harmonisch bzw. satztechnisch angepasst.
Ähnlich verhält es sich bei der Kunst der Fuge:
Muss das nun zwingend Cembalomusik sein, oder ist ein Ensemble aus Streichern – oder Streichern plus Bläsern – ebenso „richtig“ oder sogar „authentisch“?
Der eigentliche musikalische Impuls eines Komponisten liegt ja möglicherweise im Abstrakten: in Harmonie, Rhythmus und Melodie.
Damit sage ich ja gerade, dass ich Aufführungen mit Orchester und Gesang (!) – wie sie vor einiger Zeit von der Netherlands Bach Society zu hören waren – ebenso legitim und authentisch finde wie Leonhardts Cembaloeinspielung und, meinetwegen, auch eine gute Aufnahme auf dem modernen Flügel (siehe insbesondere den geschwärzten Textteil).
Leonhardt selbst war übrigens der Ansicht, dass es sich tatsächlich um ein Tasteninstrument handeln müsse – für ihn also um das Cembalo –, und er hat dazu, wenn ich mich nicht irre, sogar eine recht überzeugend begründete wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht.
Ich hingegen habe genau das ja gerade nicht behauptet.
Anders als Du bin ich durchaus der Auffassung, daß es kein richtig und kein falsch gibt in diesem Punkt.
Verkehrt verstanden – siehe oben. In diesem Punkt bin ich ja derselben Meinung, weil ich vom Gedanken der abstrakten Musik ausgegangen bin, vom rein musikalischen Impuls. Bei diesem Werk ist ein solcher Ansatz natürlich weit eher denkbar als etwa bei den Années von Liszt, die man – darüber besteht hoffentlich Einigkeit – auf einem Klavier und besser nicht auf einem Akkordion spielen sollte
Die KdF kann man durchaus auf dem Klavier spielen, die Années hingegen müssen auf dem Flügel vorgetragen werden.
Wenn es nun darum geht, bestimmte musikalische Ideen praktisch umzusetzen – etwa einen möglichst kantablen Vortrag, feinste Abstufungen in den Begleitstimmen, leicht hervorgehobene Dissonanzen mit ihren entspannenden Auflösungen oder größere melodische Linien –, dann ist jenes Instrument tatsächlich das nachvollziehbar bessere, das die Intentionen des Komponisten und des interpretierenden Pianisten am überzeugendsten trägt und hörbar macht, so dass es vom Herzen zum Herzen gehen kann, nicht wahr.
Das ändert nichts daran, daß eine Aufführunmg mit modernem, Flügel abenso Gültigkeit hat.Genau das ist aber der Punkt, den ihr (Du und Holger) euch weigert zu verstehen. Und das macht den Austausch hier so unersprießlich. Schade.
Woran es liegen könnte, dass der „Austausch unersprießlich“ erscheint, habe ich ja zu beschreiben versucht. Sicher nicht an Holger und mir, vielleicht aber eher an einer gewissen missionarischen Fixierung auf die alten Tasteninstrumente.
Auch hier scheinst du uns missverstanden zu haben:
Wir sagen doch gerade, dass eine Aufführung auf einem modernen Flügel sehr wohl eine hohe Gültigkeit besitzt – ja, dass sie uns musikalisch oft wesentlich mehr zu geben hat.
Denn die gesanglichen und generellen klanglich‑expressiven Möglichkeiten des „modernen“ Instruments (die es, wie gesagt, bereits um 1887 gab, wie ein mir bekannter, hervorragend klingender Steinway aus dieser Zeit beweist) übersteigen jene der alten Instrumente hörbar.
Bei den Streichinstrumenten ist die Lage jedoch eine völlig andere.
Barockgeigen und moderne Geigen unterscheiden sich für barocke Musik grundlegend: Die heutigen Instrumente wurden auf ein anderes Klangideal hin umgebaut, und das sprechende Spiel der barocken Klangrede gelingt auf den alten Geigen einfacher und natürlicher, was auch am Barockbogen liegt.
Die Entwicklung der Geigen war schon damals im Grunde bereits abgeschlossen. Eine Jacobus Stainer, etwa von Marie Leonhardt gespielt, klingt für mich in Bachkantaten besser als jede Stradivari.
Eine Geige, wie sie etwa ASM spielt, klingt natürlich anders und ist für Brahms’ Violinsonaten auch besser geeignet – aber sie klingt nicht grundsätzlich besser, vor allem nicht für Bach oder ältere Musik.
Bei den Klavieren hingegen war die Entwicklung tatsächlich eine andere: Der Weg zum heute üblichen Yamaha CFX war erst um die Jahrhundertwende mehr oder weniger abgeschlossen, nicht früher.
Und selbst wenn man das für den Musiker sehr wichtige Spielgefühl als Nicht‑Pianist nicht nachempfinden kann, so kann man es doch hören – jedenfalls meiner Meinung nach.
Man denke im Übrigen nur an die praktische Umsetzung im Konzertbetrieb:
Für Schubert bräuchte man ein entsprechendes Hammerklavier, für Mozart womöglich wieder ein anderes, für Bach ein deutsches Cembalo, für Chopin einen Érard usw.
Wer soll das bezahlen, wer soll diese Instrumente warten und transportieren?
Ganz abgesehen davon, dass ich aus den mehrfach genannten musikalischen Gründen gar nicht finde, dass eine solche Vorgehensweise klanglich vorteilhaft wäre, ist sie schon rein praktisch kaum realisierbar.
Auch als Privatperson, die zu Hause vielleicht Platz für ein möglichst hohes Upright-Piano hat, würde ich mich eher für ein ggf. nicht mehr ganz neues Instrument von Bösendorfer, Hoffmann, Steinway, Grotrian-Steinweg, Feurich, Yamaha oder einem traditionsreichen Hersteller wie Steingraeber & Söhne interessieren – sicher aber nicht für ein Hammerklavier, das vom Repertoire her so deutlich eingeschränkt ist.
Auf Aufnahmen ziehe ich immer das musikalischste, ja: das am schönsten klingende Instrument vor.
Wenn ein Radu Lupu seinen Brahms auf einem Bösendorfer einspielt, dann ist er authentisch – weil er damit ganz er selbst sein kann und die musikalischen Parameter, die Brahms verlangt, vollkommen überzeugend umsetzen kann.
Aber bitte: Wenn jemand z.B. für Schuberts Winterreise unbedingt so einen drahtig klingenden Kasten hören möchte – ich erinnere mich dunkel an eine entsprechende Aufnahme, die hier im Forum diskutiert wurde –, dann soll er das gerne tun.
Solange ich da nicht mithören oder irgendwann gar mitmachen muss oder in diese Richtung mitmissioniert werden soll...
Gruß![]()
Glockenton





