Beiträge von Glockenton

    Nix Belcanto, er hat dort "Les Troyens" gehört.

    Ja, wenn jemand "Les Troyens" von Berlioz als "Belcanto" bezeichnet, wird das in der Musikwissenschaft oder unter Opernkennern tatsächlich als unpräzise oder irreführend empfunden - zurecht; das war meine Ungenauigkeit, habe es noch einmal nachgesehen.

    Allenfalls könnte man schon sagen, dass manche Gesangspartien eine belcantistische Gesangstechnik erfordern – das ist jedoch etwas anderes als die irreführende Einordnung des Werkes als Belcanto-Oper.
    So oder so, beides ist eher nicht meine Welt...

    Gruß:hello:

    Glockenton

    Die neuesten ST-Serien kenne ich kaum – dafür aber die alten aus dem 24. Jahrhundert umso besser.

    Bei Voyager, sich noch im Deltaquadranten befindend, wird Mahler mehrfach über die Lautsprecher des ganzen Schiffs gejagt, weil irgendeine Alien‑Inspektion, die Jagd auf Telepathen macht, das so verlangt.

    Und Picard hat bekanntlich eine Schwäche für Shakespeare und Belcanto‑Opern (ganz im Gegensatz zu mir...), was in First Contact recht deutlich wird.


    In einer Folge der Originalserie entdeckt Spock frisch geschriebene Noten auf einem Klavier. Stil und Handschrift: eindeutig Brahms.
    Es stellt sich heraus, dass das Alien, mit dem sie es dort zu tun haben, auf der Erde in verschiedenen Rollen im Laufe der Geschichte auftrat – eben auch als Brahms.


    „Captain, this is Brahms“, sagt Spock trocken und natürlich vollkommen emotionslos zu Kirk und zeigt auf den im Raum stehenden Komponisten, der dort allerdings völlig anders aussieht, als der uns bekannte Komponist.

    Ich mochte Star Trek schon als Kind und Jugendlicher, weil es einerseits so wissenschaftlich‑ernst daherkam und andererseits völlig irre.

    Wenn man in den Weiten des Universums unterwegs ist, denkt man vermutlich an vieles – aber sicher nicht

    ausgerechnet an Brahms - wunderbar.


    Noch meine Vermutung zum Thema: Musik von hoher Qualität – was auch in der Klassik keineswegs selbstverständlich ist – wird wohl immer ihre Liebhaber finden, doch es werden in Zukunft vermutlich noch weniger sein als heute.


    Gruß:hello:
    Glockenton

    Hallo Jakobus,

    schön, dass Du die Möglichkeit hast, den HD800S einmal selbst zu hören!


    Eine größere Bühne als die des HD800S wirst Du meines Erachtens kaum irgendwo bekommen.

    Die wichtigste Maßnahme, um sie noch weiter auszureizen, ist ein hochwertiger Kopfhörerverstärker mit symmetrischem Ausgang in Verbindung mit einem guten symmetrischen Kabel.

    Solltest Du gebraucht beispielsweise an einen Violectric V281 kommen, hättest Du auf jeden Fall einen hervorragenden Partner für den HD800S – übrigens ebenso für den HD650.


    Was Deinen Hinweis auf die hohen Stimmen betrifft: Wahrscheinlich bemerkst Du gerade, dass der Kopfhörer in diesem Frequenzbereich eine gewisse Betonung aufweist.

    Trotz der Überarbeitung gegenüber dem ursprünglichen HD800 zählt der HD800S nach wie vor eher zu den „hell“ abgestimmten Hörern.

    Genau dieser Umstand hat mich seinerzeit zur 600er-Linie geführt, letztlich zum HD650. Hier erhält man weder eine helle Abstimmung noch die eher dunkle Tonalität mancher Audeze-Modelle, sondern eine insgesamt sehr neutrale und klangfarbenrichtige Wiedergabe.

    Vor allem dem HD600 und dem HD650 wird eine besonders natürliche tonale Balance nachgesagt, wobei der HD650 in den musikalisch wichtigen Bereichen der Celli und oberen Bässe etwas wärmer und substanzreicher klingt als der HD600.

    Der „Nachteil“ der 600er-Serie besteht darin, dass man die weiten räumlichen Dimensionen der 800er-Serie nicht bekommt. Es klingt tatsächlich deutlich stärker „nach Kopfhörer“, wobei natürlich auch die jeweilige Aufnahmequalität eine wichtige Rolle spielt.


    Die Live-Mitschnitte der Beethoven-Symphonien mit Thielemann aus Wien auf Blu-ray sind räumlich hervorragend aufgenommen und liegen zudem in High-Resolution-Qualität vor. Auch der Schlussapplaus ist vollständig enthalten.

    Als ich neulich die fabelhaft interpretierte Zweite Symphonie von Beethoven in dieser Konstellation – Violectric V200 und HD650 – hörte, nutzte ich den anschließenden Applaus für einen Vergleich mit meinen anderen Kopfhörern sowie meinen Lautsprechern (Martin Logan Electromotion ESL).

    Keines dieser Systeme klang auch nur annähernd so authentisch nach echtem Applaus – der bekanntlich aus einer Vielzahl schneller Transienten besteht – wie der HD650. Ähnlich wie früher mit dem HD800 konnte man mühelos einzelne Zuhörer mit ihrem jeweils individuellen Klatschrhythmus heraushören.

    Bei den anderen Kopfhörern und auch bei den Lautsprechern wirkte das Klangbild auf mich etwas „telefonartig“, eher wie ein zusammenhängendes Rauschen, bei dem jener Frequenzbereich der hohen Stimmen stärker hervortritt.

    Der tonale Unterschied zum HD800 besteht für mich – soweit die Erinnerung reicht – vor allem darin, dass der HD650 im unteren Frequenzbereich mehr Substanz und Wärme bietet. Celli und Stimmen besitzen mehr Körper, während im oberen Frequenzbereich jene zusätzliche Betonung fehlt, die bei der 800er-Serie mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden ist.


    Die Schnelligkeit bei Transienten beherrscht der HD650 ebenfalls, allerdings nur in Verbindung mit einem entsprechend leistungsfähigen Verstärker. Ansonsten wird der Eine oder Andere vielleicht den bekannten "Sennheiser-Veil" bemerken.

    Letztlich hängt die Entscheidung zwischen HD650 und HD800S davon ab, was einem wichtiger ist: die außergewöhnlich große Bühne des HD800S oder eine möglichst neutrale und natürlich anmutende Tonalität, wie sie der HD650 für mein Empfinden bietet.

    Gute und kräftige Kopfhörerverstärker sollten bei beiden Kopfhörern dazugehören, sonst könnte man ggf. etwas enttäuscht sein.

    Das Beste wäre, wenn Du das in Ruhe mit den entsprechenden Probanten an einem guten KHV vergleichen könntest. Dann stellst Du fest, was Dir wichtig ist.

    Gruß:hello:

    Glockenton

    Ein Einwand meinerseits (der weitaus banaler ist als Holgers Argumente) besteht darin, dass wir uns mit dem Anhören von Darbietungen auf alten Instrumenten selbst betrügen. Wir reden uns ein, dass wir damit eine Hörerfahrung der damaligen Zeit nachvollziehen, aber ich möchte das bezweifeln. Wir hören etwas als "anders" und "unvollkommen" (im Sinne von "weniger glatt"), das für Menschen der damaligen Zeit eine normale Hörerfahrung gewesen sein dürfte. Wenn wir eine Beethoven-Sonate auf einem alten Instrument hören, nachdem wir x Einspielungen auf heutigen Flügeln gehört haben, dann holen wir das Stück gewissermaßen aus seiner heutigen Kanoniserung heraus und machen eine (für uns) neue Hörerfahrung. Das hat aber nichts mit der Hörerfahrung eines damaligen Menschen zu tun. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das Finale der Mondschein-Sonate für die Hörerschaft zu Beethovens Zeit ob seiner musikalischen Faktur ein Schock war. Das ist es für uns nicht, sondern es ist ein bekanntes Stück des klassischen Kanons. Wenn wir jetzt z. B. einen Brautigam auf altem Instrument mit diesem Stück hören, fühlt sich das erstmal neu, ungewohnt und aufregend an, und wir meinen, damit eine Hörerfahrung des frühen 19. Jahrhunderts nachzuvollziehen. Das tun wir nicht, sondern wir schaffen bestenfalls ein Surrogat dieser Hörerfahrung. Natürlich kann man auch ein Surrogat als gewinnbringend empfinden und genießen.

    Ich finde, da hast Du einen klugen Gedanken gelassen ausgesprochen :thumbup:

    Meine abschließenden Gedanken zum Thema:


    Dieser Thread müsste eigentlich schon seit Langem tot sein. Dass er es nicht ist, liegt vor allem an der besonderen Konstellation seiner Teilnehmer:


    Da ist zunächst jemand, der sich erkennbar auf einer Mission wähnt: eine kompromisslos fanatische Pro‑Hammerklavier‑Position, nach der Beethoven oder Schubert auf einem modernen Flügel zwar irgendetwas sein mögen – aber eben nicht Beethoven oder Schubert.

    Durch systematische HIP‑Postings (nicht nur in diesem Thread) und eine schiere Masse an Beiträgen entsteht der Eindruck, „wir alle“ – bis auf wenige Uneinsichtige – hätten uns längst zu Jüngern dieser „Bewegung“ bekehren lassen.

    Man nennt es dann „Umdenken“, „Neuorientierung“ oder – intellektuell aufpoliert – „Paradigmenwechsel“.


    Und tatsächlich sammelt dieser "Prediger des reinen Hammerklavier‑Evangeliums" scheinbar hier immer mehr Anhänger um sich, die ähnliche Positionen vertreten, wenn auch nicht immer ganz so kompromisslos.

    Auf der anderen Seite stehen jene, die man im Jargon der Gegenseite wohl als „Ewig‑Gestrige“ bezeichnen würde:

    Menschen, die sich angeblich einfach nicht die Zeit genommen haben, ihre „eingefahrenen, alten Hörgewohnheiten“ zu überwinden, die das "Ungewohnte" ablehnen, weil es ihnen fremd klingt, und dabei die angeblich immensen "Vorteile des Hammerklaviers für das Werkverständnis“ überhören.

    Der Standhafteste dieser „Unbelehrbaren“ ist in diesem Thread Dr. Holger Kaletha.


    Auch ich zähle mich zu denen, die den Klang des Hammerklaviers am Ende einfach nicht mögen.
    Hier noch einmal meine Kritikpunkte, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:



    Kurzer Ton

    Durch die kurze Sustain‑Phase ist die Illusion eines singenden Spiels erheblich schwerer zu erreichen als auf einem modernen Flügel oder einem guten Upright.


    Drahtiger Klang


    Die Obertöne erzeugen oft eine drahtige, bisweilen blecherne Klangfarbe – von den tiefsten Bässen bis zum Diskant.


    Mangelnde Klangfülle

    Das orchestrale Aufbrausen, das man durch Pedalwirkung auf einem modernen Flügel erzielen kann, bleibt auf dem Hammerklavier deutlich blasser und weniger differenziert.


    Begrenzte dynamisch‑klangliche Differenzierung

    Viele musikalisch notwendige Nuancen, die Pianisten auf modernen Instrumenten selbstverständlich gestalten, sind auf dem Hammerklavier mechanisch kaum oder gar nicht möglich. Dadurch gehen Feinheiten verloren, die ein großes Werk eigentlich verdient hätte.

    Kurz gesagt: Es klingt mir nicht gut, nicht schön – und damit für mich auch nicht richtig.


    All das zusammengenommen führt oft zu einer nur scheinbar an der Rhetorik orientierten und agogisch eher schwankenden Spielweise, die den Werken nicht immer zugutekommt.
    Ich höre dort oftmals, wie jemand versucht, aus der Not eine Tugend zu machen.


    Ein Komponist hat ausgehend von seiner Urinspiration zu einem Werk zunächst einen musikalischen Ausdruck im Kopf:

    Harmonie, Melodie, Rhythmus. Erst danach stellt sich die Frage, ob dieser musikalische Ausdruck besser durch ein Streichquartett, ein Orchester oder ein Klavierstück in der materiellen Welt Gestalt gewinnt.

    Auch das gern bemühte Argument „Hätte Schubert den modernen Flügel gekannt, hätte er anders komponiert“ überzeugt mich nicht.

    Ein Steinway aus der Zukunft hätte seine Musik nicht plötzlich in Richtung Rachmaninow oder Chick Corea verschoben. Die musikalische Idee ist am Ende bestimmender als das Instrument, und die speiste sich bei Schubert aus jenen Werken der Musikgeschichte, die ihm bekannt waren.


    Das Schöne am modernen Flügel ist seine Flexibilität:

    Man kann auf ihm überzeugend Gibbons (siehe Gould), Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, aber ebenso Debussy, Bartók oder Chick Corea darstellen.

    Ein Schubert wäre also keineswegs geradezu gezwungen gewesen, seine Werke umzuschreiben, wenn ihm ein Raumschiff aus der Zukunft plötzlich einen modernen Steinway in sein Wohnzimmer gebeamt hätte.


    All diese Argumente wurden hier jedoch bereits in unzähligen Varianten ausgetauscht.


    Meine These zur Diskussion:

    Ohne Dr. Holger Kaletha, der dem "Hammerklavier‑Propheten" und seinen Followern wortgewaltig und tapfer widerspricht, wäre dieser Thread schon längst so gut wie tot. Einigkeit erzeugt nun einmal Passivität und Langeweile.

    Statt also ständig auf Holger herumzuhacken und bösartige Spitzen zu setzen („wenn der etwas ablehnt, muss es ja gut sein, das bestelle ich mir!“), könnte man eher dankbar sein, dass im ansonsten eher öden Meinungsgleichklang jemand bereit ist, eine begründete Gegenposition zu vertreten. Dass er aus philosophischem Hintergrund argumentiert, ist seinem Werdegang geschuldet und damit völlig legitim.


    Ich selbst argumentiere eher aus der Sicht des praktischen Musikers und Hörers.

    Oft führt das – wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven – zu ähnlichen Ergebnissen mit ihm.
    Nicht immer, wie bei Brahms 1 und Beethoven 5 und 3 unter Karajan, aber so ist das Leben.


    Meine Empfehlung an Holger – in aller Bescheidenheit:

    Es lohnt die Mühe nicht.
    Auch nach diesem Beitrag wird man vermutlich wieder einzelne Sätze herausgreifen, auseinandernehmen und „zurechtrücken“.

    Wer immer das letzte Wort haben muss, hat damit nicht automatisch recht – er sagt damit vor allem etwas über sich selbst aus.

    Diesen Aspekt sollte man immer im Auge behalten.


    Damit ist auch mein letztes Wort in dieser Diskussion gesagt, und ja, ich werde mich daran halten.


    Gruß:hello:

    Glockenton

    Hallo Jakobus,


    es ist tatsächlich so, dass ein Audiosystem immer dann im Vorteil ist, wenn es die Unterschiede in der Aufnahmequalität klar herausarbeitet.
    Wäre das nicht der Fall, klängen auch hervorragende Aufnahmen nicht besonders beeindruckend.


    Problematisch wird es nur, wenn Audiokomponenten so abgestimmt werden, dass sie den Vorlieben betuchter Herren mit "eher klassikfernem" Musikgeschmack entgegenkommen.

    Ein Beispiel wäre Klipsch: Hat man darüber einmal ein Saxofon oder eine E‑Gitarre gehört, fällt sofort der sehr schnelle, anspringende Live‑Charakter auf. Wow, sagt man dann auf der Hifi-Messe.

    Die Bachsche h‑Moll‑Messe jedoch kann darüber – je nach Aufnahme – absurd harsch und schrill wirken, etwa im hellen Klangbild der Suzuki‑Einspielung.

    Wer Klipsch kauft, hört meist Bluesrock oder härtere Genres...


    Für Freunde des Dark Metal (ich bin es definitiv nicht!) empfehle ich dann in Kopfhörerforen gern einen Audeze LCD‑2.

    Durch seinen hervorragenden Tieftonbereich und die entspannte Hochtonabstimmung klingt das Gekreische dort deutlich weniger anstrengend als etwa über einen AKG K702, der genau in diesem Bereich eher zuviel als zuwenig des Guten gibt.


    Bei klassischer Musik geht es m.E. darum, dass sehr gute und gute Aufnahmen – und von den zweiten gibt es viele – so natürlich und angenehm wie möglich wiedergegeben werden.

    Dafür braucht es:


    • hohe Linearität
    • schnelle Transienten
    • überzeugende Klangfarbentreue

    Nach allem, was ich bisher gehört habe, bin ich in dieser Hinsicht beim Sennheiser HD650 endlich fündig geworden, und das nach Jahrzehnten der immer sehr kostspieligen Suche.

    Ich nehme ja gelegentlich meine Orgel auf der Orgelempore auf – neuerdings sogar in 32 Bit / 96 kHz – im ORTF‑Verfahren mit zwei Røde NT5-Mikrofonen, die im Kirchenschiff auf Höhe der zweiten Bankreihe leicht nach oben zeigen und in Ohrenhöhe einer stehenden Person positioniert sind.
    Da ich täglich stundenlang an diesem Instrument arbeite, kenne ich sein Timbre sehr genau.

    Und genau hier überzeugt mich der HD650: Die Klangfarben stimmen einfach. Beim ersten bangen Testhören nach meinem Gebrauchtkauf war das auch meine Reaktion: Ja, genau, so soll es klingen.

    Auch mit Streichern arbeite ich ab und zu. So harsch, wie sie über viele HiFi‑Anlagen klingen, spielen i.d.R. höchstens Anfänger – nicht aber Profis.

    Mit großem Genuss habe ich dann neulich die Brahms‑Violinsonaten mit Mutter/Orkis gehört – endlich einmal klanglich entspannt und überaus natürlich.


    Von Kopfhörern der 600er‑Serie darf man keine überwältigende Bühne erwarten. Sie tun schlichtweg das, was ein Kopfhörer tun soll: wiedergeben, was auf der Aufnahme enthalten ist.

    Der HD800 bzw. HD800S bietet dagegen eine riesige Bühne – allerdings durch die schräg angewinkelten Treiber auch etwas künstlich erzeugt, was man wissen sollte.

    Selbst nicht wirklich räumliche Aufnahmen wirken darüber etwas räumlich. Wenn Du aber genau das suchst, ist der HD800S sicher der richtige Hörer: extrem schnelle Transienten, enorme Bühne.
    Aber: Die Klangfarbengenauigkeit des HD650 erreicht er nicht ganz. Trotz des abgemilderten 6‑kHz‑Peaks bleibt der HD800S ein Vertreter der „hellen“ Kopfhörer.


    Ich kann mich Holger nur anschließen: Du solltest den HD800S unbedingt direkt mit den 600er‑Modellen vergleichen.


    Ehrlich gesagt wunderte es mich etwas, dass Du Dir den teuren neuen HD660S2 zugelegt hast. Er kostet ja deutlich mehr als der HD650.

    Man sagt ihm nach, dass er mit ein wenig mehr Biss in Höhen und Tiefbass auf die Vorlieben der "Dire‑Straits‑HiFi‑Messe‑Fraktion" abgestimmt sei.

    Ob er klangfarblich wirklich die beste Wahl für Klassikfreunde ist, bezweifle ich – gehört habe ich ihn allerdings noch nicht. Schlecht wird er beileibe nicht sein. Hier sprechen wir von Vergleichen auf hohem Niveau.


    Zum HD650 muss ich allerdings anmerken, dass er einen kräftigen, hochwertigen Kopfhörerverstärker benötigt, der ihn – wie jemand im Open‑End‑Music‑Forum einmal in anderem Zusammenhang schrieb – „ordentlich an die Kandare nimmt“.

    An schwachen Verstärkern stellt sich sonst möglicherweise ein gewisser Vorhang ein („Sennheiser‑Veil“), den man als störend empfinden kann.

    Mein Violectric V200 hat jedoch mehr als genug Kraft, und darüber bin ich sehr froh.


    Noch einmal zur 800er- vs. 600er- Serie:
    Die gewaltige Bühne des HD800 vermisse ich tatsächlich nicht mehr, weil mir mittlerweile die Klangfarbentreue viel wichtiger ist: Eine Geige soll wie eine Geige klingen, eine Stimme wie eine Stimme. Das ist am Ende das angenehmste Klangbild.

    Eine annähernd große Bühne wie ein HD800S bietet z.B. der AKG K712 Pro, den ich auch besitze. Das Ohr gewöhnt sich ohnehin sehr schnell an größere oder kleinere Bühnen, wie ich bei Vergleichen immer wieder feststelle.

    Obwohl der K712 Pro ein toller und spielfreudiger Hörer ist, klingen Violinen und colla-parte mitgehende Stimmen/Instrumente über den HD650 natürlicher, entspannter, einfach weniger angestrengt.

    Dafür rücken die Instrumentengruppen etwas näher heran. Das müsstest Du tatsächlich einmal für Dich selbst vergleichen.


    Bei technisch extrem guten Aufnahmen – wie dieser hier:



    …höre ich über den HD650 links die Geigerin, rechts den Cellisten und dahinter das Klavier in echter 3D‑Tiefe (Schumann, Piano Trio in G Minor, Op. 17), so als ob man perfekt ausgerichtete Lautsprecher vor sich hat.


    Wie die Tontechniker diese Tiefenstaffelung selbst ohne binaurale Technik hinbekommen haben, weiß ich nicht. Jedenfalls grenzt es an Zauberei.

    Auch die Transienten – Pizzicato, Anstrich, explosive Dynamik – sind hier extrem schnell.

    Mehrfach hatte ich den Eindruck, dass mein Fußboden bei tiefen Tönen mitschwingt oder das kleine Tischchen neben mir mitvibriert.
    „Ja, habe ich denn die Lautsprecher an?“ dachte ich.
    Nein – sie waren aus. Aber die auf der Aufnahme enthaltenen Raumfrequenzen wirkten so realistisch, dass mein Gehirn tatsächlich glaubte, der Boden schwinge mit.


    Solche Erlebnisse zeigen, wie wichtig es ist, einen Kopfhörer bzw. eine Anlage zu haben, die hervorragende Aufnahmen auch als solche herausstellen kann.
    Diese Aufnahme war für mich ein purer Genuss, sowohl musikalisch als auch aufnahmetechnisch. Für mich hängen diese Dinge übrigens zusammen, aber das sehen die Meisten hier anders.
    Wenn alles perfekt klingt, habe ich mehr von der Musik.


    Gruß:hello:
    Glockenton

    Die gerissene Umschreibung hat aber offenbar ihr Ziel erreicht.


    Ich habe die vierwörtrige Parenthese von Glockenton ...

    ... durchaus gelesen. Wozu dann aber erst überhaupt Frau Leonhardt erwähnen, quasi als "Platzhalter" für die Erstsemester-Klavierstundentin?

    Nix da gerissen und auch nicht kriminell.


    Ich habe Frau Leonhardt nur deshalb erwähnt, um sie in meinem fiktiven Szenario ausdrücklich aus der Schusslinie zu nehmen – gerade nicht, um sie in irgendeiner Weise zu kritisieren.
    Das fiktive Szenario diente einzig dazu, die Prioritäten von jemandem wie Ulli besser zu verstehen, der sich sehr stark für das Hammerklavier engagiert.

    Er selbst schrieb ja, dass er bereit wäre, über 200 Euro und 200 Kilometer mehr in Kauf zu nehmen, um die D 960 nicht mit Uchida – bei der man seiner Ansicht nach eher sie als das Werk höre – sondern auf dem Hammerklavier zu erleben.

    Und zwar selbst dann, wenn es sich nur um eine hypothetische Klavierstudentin im ersten Semester handeln würde, solange sie nur auf dem Hammerklavier spielt.


    Das ist aus meiner Sicht ein bemerkenswerter Aspekt, der mich durchaus erstaunt. Ich könnte eine solche Wahl nicht wirklich nachvollziehen, aber selbstverständlich hat jeder seine eigenen Prioritäten.

    Schön wäre nur, wenn man nicht versuchen würde, meine Worte absichtlich misszuverstehen, oder wie hieß es bei Herrn Gysi: Missverstehen sie mich richtig....;)


    Gruß:hello:

    Glockenton

    Wer hingegen prinzipiell immer dem Hammerklavier den Vorzug gibt, selbst wenn der oder die Ausführende – anders als Frau Leonhardt ! – sehr vorhersehbar bestenfalls eine musikalisch nichtssagende Interpretation abliefert, dem könnte man eine unheilbare, nicht mehr ernstzunehmende und geradezu ins Religiöse abdriftende Fanatisierung unterstellen.


    Das würde ich aber lieber lassen :saint::angel:


    Wenn also Frau Uchida und Frau Leonhardt zeitgleich und nur 20 km voneinander entfernt Schuberts D 960 konzertant aufführten und beide Karten beispielsweise 200 Euro kosteten, müsste ich mich für eines der beiden Konzerte entscheiden.


    Und wenn es 200 km und 200 € mehr wären ... wäre die Sache für mich klar: modernes Instrument kommt überhaupt nicht in Frage: ich möchte das Werk hören und nicht Frau Uchida (deren Spiel ich übrigens sehr schätze).

    Eigentlich spricht dieser Dialog ja schon für sich.
    Wenn man also tatsächlich der Ansicht ist, dass eine Schubert‑D960‑Aufführung auf einem Hammerklavier — gespielt von einer, sagen wir, eher mittelmäßigen Erstsemester‑Klavierstudentin — dem Werk näher komme als eine Interpretation von Mitsuko Uchida auf einem Steinway, dann folgt daraus konsequenterweise:

    Man würde sogar 200 Euro mehr bezahlen und 200 Kilometer weiter fahren, nur um die Studentin auf dem Hammerklavier zu hören. Denn das sei dann wirklich „Schubert“, während Uchida — die man ansonsten durchaus schätzt — angeblich nur „Uchida“ und eben nicht "das Werk" spiele. Hmm - nun gut.

    Mir ist es zwar unmöglich, diese doch einigermaßen extreme Sichtweise nachzuvollziehen, aber selbstverständlich sind solche Positionen absolut legitim und durch die (offiziell) immer noch garantierte Meinungsfreiheit gedeckt!


    Solange solche absolut kompromisslosen Haltungen nicht irgendwann in reale Gewalt umschlagen – etwa in Molotow‑Cocktails auf die Steinway‑Fabrik oder Schießereien bei einem Uchida‑Konzert –, bleibt das alles völlig unproblematisch ;);)^^ , wie ich finde.

    Nur der Klarheit halber möchte ich zusätzlich zu den verwendeten Emojis ausdrücklich ergänzen, dass meine Bemerkung rein humoristisch. also mit einem Augenzwinkern gemeint war.

    Es besteht daher kein Anlass, sich darüber ernsthaft aufzuregen.... :cheers::angel:


    Gruß:hello:

    Glockenton

    in diesem Video spricht Hurwitz über "The Death of Historically Informed Performance" und schafft das seltsame Kunststück zu dokumentieren, dass er nichts von dem versteht, worüber er spricht.

    Ich habe das Video vollständig angehört und teile diesen Eindruck merkwürdigerweise nicht.
    Im Gegenteil: Gerade hier zeigt Hurwitz aus meiner Sicht durchaus einen bemerkenswerten Grad an Durchblick, dem ich ihm nicht immer zugetraut habe.

    In vielen Punkten kann ich ihm nicht widersprechen, selbst wenn ich wollte, aber das näher auszuführen, würde den Rahmen dieses Threads sprengen.

    Und ein eigener Thread zu seinen Ausführungen wäre für mich wenig reizvoll – diese Meta‑Diskussionen führen erfahrungsgemäß selten weiter.


    Mir ist es ohnehin lieber, solche Fragen anhand konkreter Musikbeispiele zu erörtern, die allen zugänglich sind.

    Das scheint mir ergiebiger zu sein und macht mir deutlich mehr Freude als theoretisches Herumphilosophieren auf der Metaebene...

    Gruß:hello:

    Glockenton

    Immerhin hast Du dir Lahusen angehört. Die Aufnahme hat bei ihrem Erscheinen vor über 20 Jahre für einiges Aufsehen gesorgt, weil das Hammerklavier hier so gar nicht gemütlich klingt, wie man es bis dahin kannte. Ich habe ihre Bedeutung für mich erst im Laufe der Jahre entdeckt. Er hat auch noch die Gasteiner Sonate D. 850 aufgenommen. Und inzwischen ziehe ich diesen Klang dem polierten und glatten Schönklang vor, da hat sich nach und nach, unterstützt durch Lektüre usw., die Sozialisation verändert.

    Immerhin? Natürlich habe ich mir die Aufnahme angehört :)

    Mir geht es hier tatsächlich um die Musik – nicht darum, irgendwelche intellektuellen Fechtereien rechthaberisch zu gewinnen.

    Wenn diese Aufnahme für mich musikalisch überzeugender wäre als alle anderen, würde ich das auch ohne Zögern so sagen.


    Doch bestimmte klanglich-mechanische Probleme sind nun einmal vorhanden: ein leicht verstimmt wirkender Grundcharakter, eine gewisse Drahtigkeit im Forte, ein bautechnisch bedingt eingeschränktes und aufgrund der fehlenden Klangfülle weniger ernstzunehmendes orchestrales Aufbrausen bei gedrücktem Pedal, die mechanisch bedingte Dominanz der linken Hand gegenüber der rechten und ein deutlich eingeschränktes Cantabile derselben.


    All das erinnert mich eher an eine „Klafünf“ (wie man in Berlin früher humoristisch sagte) als an ein wirklich gesangsfähiges "Klavier".
    Ein weiterer Punkt wäre die Fähigkeit zum echten Pianissimo. Das verlinkte Beispiel enthält solche Stellen zwar nicht, aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass z.B. eine Uchida auf dem modernen Flügel ein überzeugenderes, beinahe verhauchtes Pianissimo überzeugender gestalten kann. Die bautechnischen Gegebenheiten des Hammerklaviers setzen dem Interpreten hier aller Wahrscheinlichkeit nach deutlich engere Möglichkeiten.


    Vor diesem Hintergrund kann ich die Beschreibung des Fehlens eben solcher Mängel als „polierten und glatten Schönklang“ nicht ganz nachvollziehen.


    Ist es nicht ein wenig so, als würde man das Fehlen eines elektrischen Blinkers oder elektrischer Scheibenwischer bei einem historischen Auto als Vorteil gegenüber einem modernen Fahrzeug umdeuten wollen?

    Ich finde schon...aber wenn jemand - um im Bild zu bleiben- unbedingt lieber ein Fahrzeug aus dem Jahre 1920 gegenüber einem W123 240D im Bestzustand vorzieht, dann soll er es gerne tun:)


    Für mich geht es bei der Frage der Instrumente schlicht darum, ob die Musik in ihrer Ausdruckskraft ungehindert zur Geltung kommen kann.

    Das ist bei Uchida, Brendel oder auch Paul Lewis auf jeden Fall so, bei jedem auf seine Art.

    Gruß:hello:
    Glockenton

    Das sind vier wunderbare Aufnahmen der Sonate! Ich würde nicht sagen, dass sie besser sind, sie sind halt komplett anders und nicht vergleichbar.

    Ich höre hier lediglich drei wunderbare Aufnahmen – und eine, die ohne die Besonderheit des Hammerflügels höchstwahrscheinlich kaum Beachtung fände.

    Das alles sage ich in diesem speziellen Fall sehr ungern, weil der Bruder der Pianistin einer meiner ganz großen Helden seit Jahrzehnten ist und auch immer bleiben wird.
    Aber man muss bei der Wahrheit bleiben und sich nicht wie ein Lokalpolitiker verhalten, der auf jedes Schützenfest und jede Einweihung (sei es nun Kirche oder Moschee) muss und dort, um wiedergewählt zu werden, stets runde, diplomatische Worthülsen im Sinne einer möglichst umfassenden Inklusion von sich gibt.
    In der Kunst – sowohl in der Komposition als auch in der Ausübung – gibt es nun einmal ein besser und ein schlechter. Wäre das anders, müsste man kühn behaupten können, dass Bachs Vokalwerke auch nicht besser seien als das, was sich ein Campino im Laufe seines Lebens so zusammengesungen hat.


    Beim von mir angeführten Händel-Beispiel Karajan vs. Harnoncourt wäre es – jedenfalls für mich – ebenfalls völlig abwegig, von „nur anders“ oder „kann man ja nicht vergleichen“ zu sprechen.

    Die musikalische Überlegenheit der Concentus-Aufnahme ist hier massiv und erdrückend – und das aus so vielen Gründen, dass der Platz nicht ausreichen würde, sie alle aufzuzählen.
    Und ja: Diese Aufnahmen sind selbstverständlich vergleichbar, denn es werden dieselben Noten desselben Komponisten gespielt.

    Genauso verhält es sich bei den Schubert-Aufnahmen: Es sind dieselben Noten desselben Komponisten, fehlerfrei gespielt – die Grundlage für eine Vergleichbarkeit ist also selbstverständlich gegeben.

    Wenn also Frau Uchida und Frau Leonhardt zeitgleich und nur 20 km voneinander entfernt Schuberts D 960 konzertant aufführten und beide Karten beispielsweise 200 Euro kosteten, müsste ich mich für eines der beiden Konzerte entscheiden.

    Ich würde mich dann für die Aufführung entscheiden, von der ich vermute, dass sie musikalisch überzeugender klingt, dass ich dort große Musik in einer großartigen und berührenden Interpretation erleben werde. Und diese Wahl fiele ganz gewiss nicht auf Frau Leonhardt – so leid es mir tut.
    Wer hingegen prinzipiell immer dem Hammerklavier den Vorzug gibt, selbst wenn der oder die Ausführende – anders als Frau Leonhardt ! – sehr vorhersehbar bestenfalls eine musikalisch nichtssagende Interpretation abliefert, dem könnte man eine unheilbare, nicht mehr ernstzunehmende und geradezu ins Religiöse abdriftende Fanatisierung unterstellen.


    Natürlich gibt es auch eine Ebene, auf der man nur noch von „anders“ sprechen kann, weil alles – bei aller Unterschiedlichkeit – auf derart hohem Niveau erklingt. Das ist etwa bei einigen Bachkantaten der Fall, wenn sie von Herreweghe oder Suzuki dirigiert wurden.
    Dort von „besser“ oder „schlechter“ zu sprechen, wird dann tatsächlich schwierig.


    Ich ziehe inzwischen den farbenreicheren, unausgeglichenen Ton des historischen Instruments dem ausgeglicheneren Ton des modernen Instruments vor, möchte dieses aber keinesfalls missen.

    ....weswegen man Dir keine geradezu ins Religiöse und Missionarische abdriftende Fanatisierung unterstellen kann, und das ist ja auch gut so :thumbup:


    Was den farbenreicheren und unausgeglichenen Ton des historischen Instruments (ein heutiger Flügel ist ja ebenfalls ein historisches Instrument) betrifft, so sehe bzw. höre ich einen deutlichen Unterschied zwischen Böhmflöte und Traverso oder zwischen moderner Oboe und Barockoboe – und dann etwa zwischen einem Bösendorfer und einem Hammerklavier.
    Die Böhmflöte ist lauter, weniger farbenreich und klingt – solo gespielt – in Bachs Flötensonaten nahezu brutal gegenüber der für diese Musik m.E. am Ende doch recht eindeutig überlegenen Traverso.
    Ähnliches gilt für die Oboen.


    Eine ähnliche Analogie bei den Klavieren zu ziehen, halte ich jedoch für wenig überzeugend. Man blendet dabei aus, dass das noch relativ junge Hammerklavier – im Gegensatz zur Barockoboe – kein bereits ausgereiftes und perfektioniertes Instrument war.

    Die klavierbautechnischen Veränderungen späterer Jahrzehnte waren durch den Wunsch nach echten Verbesserungen motiviert: sowohl klanglich als auch hinsichtlich der expressiven Möglichkeiten.
    Bei Traverso vs. Böhmflöte ging es hingegen primär um Lautstärke und Durchsetzungsfähigkeit im immer größer werdenden Orchester.


    Selbstverständlich passen die Lautstärkeverhältnisse von Barockoboe und Traverso zu einem barock besetzten Orchester besser. Auch mischen sich diese Instrumente aufgrund ihrer Obertonstruktur klanglich homogener.
    Wenn man mit einem Barockorchester wie etwa dem Freiburger Barockorchester Mozart oder spätere Musik spielt und Klavierkonzerte auf dem Programm stehen, sollte man natürlich einen Hammerflügel verwenden – allein schon wegen der klanglichen Vermischung.

    Ein heruntergestimmter moderner Flügel wäre ein klanglich-historischer Stilbruch.

    Doch muss man deshalb auch Mozart, Beethoven und Schubert (oder gar Brahms und Bruckner) auf alten Instrumenten spielen?
    Hier mein Standpunkt:

    Schütz, Bach und Händel sollten, wenn möglich, auf alten Instrumenten gespielt werden – es gereicht ihnen fast immer zum Vorteil, vorausgesetzt, die Interpreten sind gut.
    Mozart, Beethoven und Schubert hingegen kann man bereits sehr schön auf heutigen Instrumenten spielen. Ob ich eine Gran Partita lieber auf alten oder neuen Instrumenten höre, hängt für mich weniger vom Instrumentarium als von der jeweiligen Spielweise ab.

    Beides kann sehr schön sein.
    Bei Klavierkonzerten jedoch zöge ich ein modernes Kammerorchester vor, weil man dieses mit einem heutigen Flügel kombinieren kann.


    Im Streaming seit kurzem verfügbar ist die legendäre Einspielung des früh verstorbenen Nikolaus Lahusen, die absolut nichts Biedermeierliches hat und auf unerhörte Weise in Schuberts Welt eintaucht und jedem Stimmungswechsel mit großer Sensibilität nachspürt:

    Er bemüht sich wirklich redlich und spielt auch dynamischer als Frau Leonhardt, aber es fällt schwer, die aufbrausende Dramatik des Crescendos angesichts dieses Klangbildes musikalisch so ernst zu nehmen, dass man tatsächlich davon ergriffen wird.
    Ich höre da einen irgendwie immer leicht verstimmt wirkenden Klang, selbst wenn das Instrument für die Aufnahme sicher gestimmt wurde.
    Diese Passage zeigt zudem einen weiteren Nachteil des Instruments: Die rechte Hand müsste dynamisch deutlicher von der linken abgesetzt werden, damit die linke nicht – wie bei Klavierschülern – zu laut dazwischenhämmert und den Gesang der rechten Hand überdeckt.

    Doch dieser Gesang gerät zusätzlich durch die kurze Sustainphase des Hammerklaviers in Bedrängnis.

    Das kantable, also am Gesang orientierte Spiel, ist für jede historische Komposition – insbesondere für Schubert und spätere Musik – essentiell, wie die historischen Standardwerke immer wieder betonen.
    Ich las in diesem Thread weiter oben das abwertende Wort „die Singerei“.

    Wenn einem das Cantabile ohnehin egal ist, hat man sich aus einer halbwegs ernsthaften Diskussion über Musik eigentlich verabschiedet.

    Die übliche Argumentation lautet: Schubert kannte es ja nicht anders und wollte es so.
    Aber erzwingt seine Musik nicht geradezu ein Mehr an Gesanglichkeit in den Kantilenen und ein Mehr an Klangfülle im orchestralen Aufbrausen (Wandererfantasie)?
    Vieles, was bei Bach auf modernen Instrumenten schwer zu erreichen ist – sprechende Artikulation, befriedigende Klangbalance –, gelingt auf alten Instrumenten leichter.
    Hier jedoch lassen sich viele aus der Musik selbst entstehenden Ausdrucksparameter leichter auf einem Steinway als auf einem Hammerklavier realisieren – wenn sie auf letzterem überhaupt möglich sind.


    Ich sehe es für mich so:

    Spielt man mit historischen Instrumenten Klavierkonzerte der Wiener Klassik, bleibt einem tatsächlich nichts anderes übrig, als ein Hammerklavier zu verwenden.

    Bei der Sololiteratur jedoch sehe ich den heutigen Flügel im großen Vorteil – und dazu zähle ich auch wunderbare Steinways aus den 1920er Jahren.

    Bei den Klavierkonzerten muss man entscheiden, was einem am Ende wichtiger ist: der historische Orchesterklang oder die musikalisch vorteilhafteren Möglichkeiten eines modernen Flügels.
    Wenn ich etwa Frau Uchida in den Mozart-Klavierkonzerten mit dem Orchester des Mozarteums höre, vergesse ich all diese Fragen und tauche tief in die Musik ein.
    Das gelingt mir bei Hammerklaviereinspielungen nie, weil die Unzulänglichkeiten des Instruments stets hörbar im Wege stehen.
    Das genannte Orchester hingegen ist mit den Prinzipien der historischen Aufführungspraxis offensichtlich vertraut und setzt sie mit großer musikalischer Verve um (DG-Aufnahme).


    Wenn ich Schnabel, Kempff, Rubinstein, Richter, Berman, Ashkenazy, Brendel, Ushida usw. auf dem modernen Flügel höre, bin ich ganz gefangen von der Musik und denke: göttlich, dieser Schubert - und vergesse über das Wunder dieser Musik ganz einfach, welches Instrument da gespielt wird. Bei allen Aufnahmen mit dem Hammerflügel dagegen dreht sich nicht der Planet Instrument um die Sonne der Musik, sondern umgekehrt ist der Planet "historisches Instrument" das Zentrum des musikalischen Weltalls, um das sich alle Musik-Sonnen drehen.

    Das hätte ich nicht besser sagen können, lieber Holger.
    Am Ende entscheide ich mich immer für das Primat der Musik.

    Wenn auf dem alten Instrument die bessere Musik möglich wird, dann sehr gern, her damit, siehe mein Händelvergleich.
    Wenn nicht, dann bevorzuge ich das "musikalischere" Instrument, um es ziemlich verkürzt zu formulieren.

    Wir leben heute und wollen diese Musik heute so eindrücklich und intensiv wie möglich erleben – und dieser Anspruch wiegt für mich schwerer als der buchalterische Wunsch nach korrekter historischer Information.
    Klänge Schubert auf einem Synthesizer am besten, dann hätte ich auch damit kein Problem. Nur ist es nun einmal definitiv nicht so – man kann es sich kaum vorstellen … ;-)

    Was den Vergleich von querstand betrifft:
    Die Vertreter der historischen Instrumente liefern hier eine respektable Aufführung ab, die ich durchaus mit Gewinn anhören kann. Es klingt ein wenig wie aus einer fremden Welt – auf jeden Fall interessant.
    Wenn ich dann jedoch zur Version mit Pahud/Le Sage wechsle, werde ich im wahrsten und doppelten Sinne des Wortes "mitgenommen", in den Sog der Musik gezogen und ergriffen.
    Ich erkenne an, dass die Traverso klanglich mehr Verschattungen bieten kann, aber die größere Dynamik beider heutigen Instrumente wird für mich dem Ausdruckswillen Schuberts gerechter.
    Hier werde ich stärker an den eigentlichen künstlerischen Kern – die Motivationsquelle für diese Töne – herangeführt.


    Gruß:hello:
    Glockenton

    Die Vorgehensweise, ein und dasselbe Werk einmal auf dem Hammerklavier und einmal auf dem modernen Flügel direkt nebeneinanderzustellen, scheint mir tatsächlich der zielführendste Weg zu sein.

    Danach sollten dem unvoreingenommenen und musikalisch hörenden Menschen die meisten Fragen beantwortet sein.
    Wenn man die verlinkte Zitterbart‑Interpretation mit Ashkenazy vergleicht, bleiben hinsichtlich Klanglichkeit und musikalischem Ausdruck kaum noch Zweifel zurück.

    Ich möchte zwei weitere, von mir sehr geschätzte Aufnahmen ergänzen:




    Außerdem lohnt vielleicht ein Blick auf Schuberts Impromptu B‑Dur (D 935 Nr. 3).

    Hier mit Alfred Brendel:



    und hier auf dem Hammerklavier mit Trudelies Leonhardt:



    Wo hier die ganz große Kunst erklingt, die den Hörer innerlich erschüttern kann, und wo dagegen eine doch eher harmlose Biedermeierlichkeit mit deutlichen klanglichen und daraus resultierenden musikalischen Defiziten (etwa mangelndem Cantabile) zu hören ist – das lässt sich, so meine ich, sehr klar unterscheiden.

    „Irgendwie reizvoll“ oder gar "erhellend" kann ich diese Defizite jedenfalls nicht finden.


    Dass es angesichts solcher nachvollziehbarer Beispiele überhaupt noch Diskussionsbedarf geben soll, erschließt sich mir kaum – und ich könnte problemlos noch viele weitere Beispiele anführen.

    Entscheidend sollte doch nicht die musikwissenschaftliche oder sonstwie intellektuelle Argumentation über Instrumente und Ästhetik sein, sondern das real hörbare Ergebnis.


    Hört man etwa die Variation, die bei Brendel um 3:38 einsetzt (bei Leonhardt um 4:16), dann bleiben für mich keine Fragen offen; doch diese Gewissheit stellt sich schon in den ersten Takten ein.

    Die oft bemühte Analogie, historische Instrumente seien grundsätzlich für die Musik ihrer Zeit überlegen, wird meiner Wahrnehmung nach zunehmend schwächer, je weiter man in der Musikgeschichte voranschreitet.


    Beim Barockorchester hingegen passt es tatsächlich sehr gut – wie etwa im Händel‑Vergleich zwischen Karajan



    und Harnoncourt:



    Hier geht es natürlich nicht nur um Klang, sondern ganz wesentlich um die sprechende bzw. nicht sprechende Spielweise.
    Wie kaum ein anderer arbeitet der vollmusikalische Harnoncourt den konzertanten (concertare = streiten) Kontrast zwischen dem fast brutalen Behaupten des Tuttis und den weichen, flehentlich bittenden Geigen des Concertinos heraus („bitte seid lieb, bitte Herr Vater, seid doch nicht so scharf…“).
    So wie sein Barockorchester hier spielt, bläst er für mich jedenfalls auch die meisten heutigen HIP‑Aufnahmen regelrecht vom Platz.


    Eine solche ohrenscheinliche Überlegenheit besitzt das Hammerklavier gegenüber dem modernen Flügel jedoch nicht – wie die angeführten Beispiele meines Erachtens klar zeigen.
    Da ich musikhistorische Informationen beim Hören oder Musizieren nicht als Eigenwert betrachte, sondern es mir auf das hochemotionale Erlebnis und das inhaltliche Verständnis der Werke ankommt, ziehe ich in diesem Barockorchester-Fall die Concentus‑Aufnahme vor, und in den anderen "Klavier-Fällen" die Aufnahmen mit Ashkenazy, Uchida und Brendel, und zwar eindeutig.

    Gruß:hello:
    Glockenton

    Wenn es einmal nicht nach Schulorchester, sondern nach wirklich großer, ergreifender Musik klingen soll, greife ich bei Beethovens Siebter immer wieder am liebsten zu Solti.

    Er war ein hochemotionaler, ja geradezu radikaler Musiker, der seine enorme Energie in eine rhythmisch präzise, klanglich hochkultivierte und unmittelbar ins Herz treffende Expressivität zu bündeln verstand.

    Die großartige Decca‑CD-Einspielung aus Chicago ist auf YouTube leider nur in sehr schwacher Klangqualität verfügbar.


    Deshalb verweise ich den geneigten Hörer auf die deutlich besser klingende Live‑Aufführung mit dem "goldenen Klang" der Wiener Philharmoniker.
    Auch diese Interpretation ist musikalisch ausgesprochen gelungen :jubel::thumbup:





    Gruß:hello:
    Glockenton

    Und noch einmal: Wer immer die Wanderer Fantasie nur auf einem modernen Instrument zu akzeptieren bereit ist, dem wünsche ich damit viel Vergnügen.

    Dankeschön :)

    Vor allem in der Interpretation von Alfred Brendel auf einem Steinway-Flügel wird hörbar, welch bemerkenswerte und mitreißende musikalische Erfahrung daraus entsteht, wenn ein Ausnahme‑Schubertinterpret die kammermusikalischen wie auch die orchestralen Aspekte dieser Musik überzeugend und emotional berührend herausarbeitet.
    Ich bin sehr froh, dass Brendel dabei nicht zu früh an klangliche oder mechanische Grenzen stieß, sondern wirklich ausmusizieren konnte, was in der Musik angelegt ist.

    Nebenbei gesagt stößt man als Pianist selbst auf dem modernsten Flügel schnell an persönliche oder instrumentenbedingte Grenzen – Grenzen, die oft eng mit den eigenen technischen Herausforderungen verknüpft sind. Auf dem Hammerklavier wird das sicher nicht leichter.

    Mir erschließt sich – abgesehen vom musealen Aspekt – nicht recht, warum man sich freiwillig noch größere Schwierigkeiten aufladen sollte, zumal das Ergebnis gegenüber dem modernen Flügel weder klanglich noch musikalisch einen wirklichen Vorteil bietet.
    Die Wanderer‑Fantasie ist ohnehin schon extrem schwer zu spielen; auch ein Brendel musste dafür enorm investieren.


    Übrigens habe ich den Thread sporadisch mitverfolgt und möchte zu der Diskussion um „hässlich“ und angebliche Ableitungen wie „Hass“ ein paar Gedanken beisteuern:

    es erscheint mir als problematisch, aus der Verwendung des Wortes "hässlich" gleich moralische Kategorien abzuleiten.

    In der Musik begegnen wir ständig den Polen schön und hässlich – im Unterricht, in der Klangbeschreibung, im Vergleich von Instrumenten oder Anschlagsarten.

    Das gehört ganz selbstverständlich zum musik-ästhetischen Vokabular. Wenn jemand einen Klang als scheppernd, blechern oder drahtig empfindet, dann ist das zunächst einmal eine legitime Wahrnehmung und fällt eindeutig unter die "musikalische Meinungsfreiheit".
    Merkwürdig wird es m.E. erst, wenn offensichtliche klangliche Schwächen alter Instrumente gerade zu deren besonderen Vorzügen verklärt werden.

    Dann erinnert mich dann eher an „des Kaisers neue Kleider“ als an eine fachliche bzw. nüchterne Analyse.


    Man muss, wie ich finde, nicht jedes ästhetische Urteil gleich sprachlich weichzeichnen, nur weil heute geradezu inflationär mit Begriffen wie „Hassrede“ hantiert wird. Das geschieht im politischen Bereich meist dann, wenn man dem Meinungsgegner auf der inhaltlich‑argumentativen Ebene nichts wirklich Substanzielles entgegenzusetzen hat.


    Die Kategorie des Hässlichen existiert also tatsächlich in der Musik – und ich finde, man darf sie auch benennen.

    Gruß:hello:

    Glockenton






    Lieber Holger,


    danke für Deine interessanten Beiträge über das Thema Kabel etc.

    Zu meiner konkreten Situation:

    Gegenüber meinem Pro‑Ject ist der Violectric für meine Ohren am Ende doch der klanglich überlegene Verstärker. Er verfügt allerdings – wie oben beschrieben – nur über Klinkenausgänge.

    Der Pro‑Ject hat dagegen einen symmetrischen Ausgang. Beim HD800 meinte ich damals, im Vergleich zur Klinkenwiedergabe einen Vorteil des symmetrischen Anschlusses zu hören, etwa eine etwas breitere Bühne.

    Ob der HD650 nun mit einem symmetrischen Anschluss am Pro‑Ject oder mit einem Klinkenanschluss am Violectric besser klänge, müsste man letztlich ausprobieren. Das ständige und vor allem umständliche Umstecken macht den Vergleich allerdings nicht ganz einfach, Stichwort akustisches Gedächtnis.


    Die eigentliche Frage ist daher:
    Kann ein klanglich überlegener Verstärker ins Hintertreffen geraten, weil er „nur“ unsymmetrisch angeschlossen wird, während ein weniger guter KHV symmetrisch betrieben wird?


    Ich vermute fast, dass in diesem Fall dennoch der Violectric gewönne.

    Die Gründe sind hier:


    • mehr Stromreserven
    • bessere Kontrolle
    • niedrigere Ausgangsimpedanz
    • stabilere Lastführung
    • neutralere, aber musikalische Abstimmung


    Der klangliche Grundcharakter eines Verstärkers wiegt meist schwerer als der Vorteil eines symmetrischen Anschlusses – besonders bei Kopfhörern wie dem HD650, die nicht extrem empfindlich auf symmetrische vs. unsymmetrische Ansteuerung reagieren. Er profitiert vor allem von einer stabilen Mittenabbildung, die der Violectric sehr gut liefern kann.

    Ergo: Um den Vorteil eines symmetrischen Anschlusses und die klangliche Überlegenheit eines Violectric zu kombinieren, müsste es für mich am Ende wohl doch der V281 sein.

    Und der ist, wie gesagt, schwer zu finden – und noch schwerer zu bezahlen....

    Naja, irgendwann wird -hoffentlich- eine Lebensversicherung ausgezahlt, aber das dauert noch.

    Hoffentlich ist der Euro gegenüber der norwegischen Krone dann noch etwas wert, aber unsere hervorragenden hiesigen Politiker sorgen ja gerade dafür, dass die NOK schlecht dasteht, vor allem gegenüber der dänischen Krone. Und genau dahin will ich in Urlaub fahren...

    Gruß:hello:

    Glockenton

    Lieber Glockenton und lieber Holger, das waren sehr interessante Beiträge. Nachdem ich das alles gelesen habe, schwanke ich zwischen Sennheiser HD 650, 660 S2 und 800 S oder 820. Ich frage mich ob sich die Anschaffung eines 800S oder 820 überhaupt lohnt, da ich eh "nur" streame. Dann stellt sich die nächste Frage, ob der angefressene Apfel überhaupt die große Bühne für den 800S bieten kann. Andererseits gibt es hier sehr attraktive Angebote für den 650 und 660 S2. :/ Ich bin leider nicht so technisch versiert, wie ihr, um das zu durchschauen. Ich wäre Euch für einen Hinweis dankbar.

    Hallo Jakobus,


    es kommt ganz darauf an, was Du möchtest und welches Klangbild Du bevorzugst.


    Apple Music und die Frage nach Lossless


    Apple Music bietet sowohl Lossless als auch Hi‑Res Lossless:

    • Lossless: 16‑bit/44,1 kHz bis 24‑bit/48 kHz
    • Hi‑Res Lossless: bis 24‑bit/192 kHz
    • Das ist technisch auf dem Niveau von Qobuz und TIDAL (FLAC/MQA).


    Wichtig ist jedoch: Bluetooth überträgt immer AAC, also niemals lossless.

    Für echtes Hi‑Res benötigt man:


    einen externen DAC, oder

    eine Anlage/einen Verstärker mit integriertem DAC, der ALAC (das verlustfreie Format bei Apple) direkt verarbeiten kann.

    In der App deines Mobiltelefons oder Nettbretts musst Du Hi‑Res in den Einstellungen aktivieren.

    Anschließend gehst Du per Kabel in einen DAC. Nur so erhältst Du den hochaufgelösten Klang – vorausgesetzt, die jeweilige Aufnahme liegt in entsprechender Qualität vor.


    Zu den Kopfhörern

    Ich kann von den genannten Modellen den HD650 empfehlen, weil er meiner Meinung nach das neutralste und klangfarbenrichtigste Klangbild liefert. Ich stelle bei meinen YouTube-Streifzügen auch oft fest, dass bei allen neuen Kopfhörern, die es gibt, ein großer Teil der Studioprofis das auch so sehen.
    Im Vergleich zum HD800S ist seine Bühne kleiner, aber selbst der gegenüber dem HD800 etwas entschärfte HD800S tendiert weiterhin zu einem helleren Klangbild, schlankeren Bässen und dem bekannten Peak um 6 kHz – wenn auch weniger ausgeprägt als beim HD800.

    Der HD800S zieht Bühne und Musiker weiter auseinander und schafft mehr Distanz. Die Transientenschnelligkeit ist jedoch beeindruckend. Für komplexe Chor‑ und Orchesterwerke kann das faszinieren, für EDM dagegen ginge es für mich schon bald in Richtung Katastrophe, und das nicht nur wegen der nicht so starken Tiefbässe.


    Der HD650 klingt für mich natürlicher und ist inzwischen mein Klassikkopfhörer schlechthin. Ich habe mit ihm meinen Idealklang gefunden – umso erstaunlicher, als ich viele deutlich teurere Modelle gehört und besessen habe.

    Man dürfte es im Grunde genommen niemanden erzählen...

    Wenn ich etwa Julia Fischers Mozart‑Violinkonzerte höre und direkt zwischen meinen Systemen vergleiche, denke ich beim HD650: "Ja, SO muss eine Violine klingen - genau so". Gleiches gilt für Stimmen und Chöre, auch Orchester.

    Die "kleinere" Bühne gegenüber einem HD800 oder K712pro ist eine Frage der Gewöhnung. Nach einigen Minuten öffnet sie sich, und man kann – wie beim HD800 – gewissermaßen „um die Musiker herumgehen“.

    Die oberen Bässe, in denen die musikalische Wärme sitzt, gelingen dem HD650 für mein Empfinden am besten. Ich habe ihn beim Vergleichen manchmal abgenommen und gedacht: Moment, laufen die Lautsprecher noch? – taten sie aber nicht.

    Das geschah, weil ich den Eindruck hatte, die Reflexionen des Raums für die Kontrabässe etc. gehört zu haben. Da dachte ich, es sei mein Hörraum, der etwas Raum um die Bässe etc. herum durch die Lautsprecherwiedergabe hinzufügte.

    Stattdessen befanden sich diese Informationen auf der Aufnahme. Mit anderen Kopfhörern ist mir das bisher nicht passiert.


    Gegenüber einem hervorragend auflösenden Stax L300 (den ich dem HD800 so deutlich vorzog, dass ich den Sennheiser nach einer Schamfrist von einem Jahr verkauft habe) höre ich keine wirklichen Auflösungsdefizite.
    Die Unterschiede sind eher tonal (Stax etwas heller, sehr gute Klangfarben, doch der HD650 in den Mitten dennoch etwas natürlicher) und räumlich (Stax wirkt "transparent-freier-offener" und vertikal größer durch die Lambda‑Bauweise, weniger "nach Kopfhörer").


    Zum Begriff „musikalische Anlage“

    Diesen Ausdruck habe ich lange als HiFi‑Schwurbelei abgelehnt. Seit ich jedoch die Unterschiede im DAC‑Bereich – etwa zwischen Yamaha, Pro‑Ject und Marantz – kennenlernte, begann ich das sehr anders zu beurteilen.
    Und spätestens seit ich den HD650 habe, bin ich vom Begriff des „musikalischen Klangs“ überzeugt.


    Die Frage ist:
    Will man eine Anlage, die Details hervorhebt, die selbst im Konzertsaal (selbst auf Dirigentenhöhe) mit menschlichen Ohren so nicht hörbar sind? Ist dafür die tonale Balance nicht ganz so wichtig? Da wäre ein HD800S die richtige Wahl.
    Oder will man richtige und glaubwürdige Klangfarben, die ja durch korrekt wiedergegebene Obertöne und eine lineare Abstimmung entstehen und eine natürliche Räumlichkeit, die nicht durch Kunstgriffe wie schräg sitzende Treiber erzeugt wurde?

    Dann ist der HD650 eine sehr gute Wahl für den Klassikhörer.

    Auf Hifi-Messen sind solche „musikalische“ Anlagen oft eher im Nachteil. Dort möchte man knallige Transienten, spektakuläre Details, unmittelbare Präsenz. Man hört z.B. einen Blues-Sänger, knallige Kontrabass-Intros und das Rutschen der Saiten auf einer Akustikgitarre. Wow, wow!


    Solche Systeme können bei guten, normalen Klassikaufnahmen dann aber schnell scharf, schrill oder trötend wirken.

    Diese Erkenntnisse habe ich über viele Jahre gesammelt – und es war nicht immer die billigste Art, klüger zu werden....

    Den HD660S2 habe ich nicht selbst gehört, aber nach allem, was sich als Quintessenz aus vielen Tests, Messungen und Hörberichten herauskristallisiert, scheint er eher für das typische HiFi‑Publikum abgestimmt zu sein:

    etwas präsenter, direkter und mit mehr Punch. Für den klassischen Musikliebhaber scheint er dagegen tendenziell weniger geeignet zu sein als der HD650, der in Stimmen, Streicherfarben und natürlicher Wärme weiterhin als die musikalischere und farbtreuere Referenz gilt.


    Vom HD820 würde ich auch aus klanglichen Gründen deutlich abraten. Die Glasabdeckungen sollen gewisse Reflexionen erzeugen, die zu verfärbten Mitten und einem unnatürlichen, leicht hohlen Klang führen.

    Der Bass ist stärker, aber weniger kontrolliert, und die Bühne wirkt kleiner und weniger frei als beim HD800S. Der große Vorteil der riesigen Bühne des HD800S ist damit auch in Frage gestellt.
    Zusammengefasst ist das für Klassik aus meiner Sicht alles andere als ideal. Der hohe Preis steht zudem in keinem Verhältnis zur gebotenen "musikalischen" Qualität.


    Wenn es Dir möglich ist, versuche am besten im direkten Vergleich zu hören.
    Falls nicht, müsstest Du blind bestellen und gegebenenfalls vom Rückgaberecht Gebrauch machen.


    Übrigens:

    Meine Erfahrungen mit dem HD650 bringen mich zunehmend dazu, mir über mein langfristiges Ziel Gedanken zu machen – nämlich irgendwann die Harbeth M30.2 XD ins Auge zu fassen.

    Nach allem, was ich über sie in Erfahrung bringen konnte, scheint ihr Klangcharakter dem des HD650 am nächsten zu kommen: natürlich, farbstark, unaufgeregt und "musikalisch".


    Die Harbeth M30.2 XD ist bekannt für ihre tonale Natürlichkeit, besonders im Mittelton. Viele beschreiben sie als „musikalisch“, „farbenrichtig“, „langzeittauglich“ – exakt die Attribute, die ich beim HD650 höre und liebe.

    Genau wie er klingt sie weniger spektakulär, sondern vielmehr"richtig".
    Der Entwickler von Harbeth (Alan Shaw) arbeitet bei der Abstimmung seiner Lautsprecher zunächst mit Sprachaufnahmen. Damit überprüft er, ob die Klangfarben wirklich natürlich wiedergegeben werden.

    Das hat einen einfachen Grund: Unser Gehör ist aufgrund unserer Lebenserfahrungen am stärksten auf die menschliche Stimme kalibriert. Wenn ein Lautsprecher Sprache korrekt und farbrichtig abbildet, stimmt in der Regel auch die Wiedergabe von Instrumenten und komplexen musikalischen Strukturen.
    Die Philosophie hierbei lautet: Wenn die Stimme stimmt, dann stimmt alles.


    Psychoakustisch ist das tatsächlich korrekt:
    Die menschliche Stimme ist das, worauf unser Hörsystem am stärksten trainiert ist — Formanten, Obertöne, Artikulation, Resonanzen.

    Darum gelten Harbeth‑Lautsprecher (und hier insbesondere die M30.2 XD) für viele klassikbewegte High-Ender als Referenz für natürliche Klangfarben, genau wie der HD650 im Kopfhörerbereich.


    Es gibt eine schöne Anekdote über Alan Shaw, den Entwickler von Harbeth. Auf einer HiFi‑Messe sprach er mit einem Vertriebsmitarbeiter darüber, dass die meisten High‑End‑Hörer eigentlich Klassikfans seien.

    Der Verkäufer meinte daraufhin: „Dann lass uns doch hier einmal Klassik vorführen.“
    Gesagt, getan – und der Vorführraum leerte sich innerhalb kürzester Zeit. Das passierte gleich zweimal hintereinander.

    Für Shaw war das ein Schlüsselmoment. Er erkannte, dass ein großer Teil des Messepublikums gar nicht das sucht, was Harbeth traditionell auszeichnet: natürliche Klangfarben, korrekte Obertöne, stimmige Mitten und eine realistische Darstellung akustischer Instrumente. Also entwickelte er zusätzlich Modelle, die stärker auf das typische „HiFi‑Publikum“ abgestimmt sind – mit mehr Präsenz, mehr Punch und einem spektakuläreren Klangbild. Sie wollen halt weniger Musik, als vielmehr ihre Anlagen hören.


    Das Gute ist: Die M30.2 XD gehört ausdrücklich nicht zu diesen „Showroom‑Lautsprechern“. Sie ist diejenige, die – genau wie der HD650 im Kopfhörerbereich – auf musikalische Richtigkeit, Klangfarben, Stimmen und Natürlichkeit ausgelegt ist.

    Sie richtet sich damit klar an den Klassikfreund und an Hörer, die eine authentische, unaufgeregte und farbstark-überzeugende Wiedergabe bevorzugen.

    Aber ich komme ins Plaudern - es gehört nicht in diesen Thread.
    Wenn einer diese Lautsprecher hat und gleichzeitig Klassik hört, kann er sich ja bei mir melden...;)


    Gruß:hello:

    Glockenton

    Heute angekommen,


    mir gefällt das gut. Wenn man die Orgelkonzerte nicht kennen würde könnte man sagen, das gehört so. Aber wenn ich ehrlich bin, mit Orgel ist es schon besser. Immerhin ist die Tonqualität ist sehr gut.


    Hallo kalli,

    vielen Dank für den guten Tip, habe gerade in die Ausschnitte reingehört.
    Es gefällt mir auch richtig gut.
    Diese Kombination von heutigem Flügel und zwar historisch sehr informierten, dabei aber immer sehr lebendig-musikalischem, ja im besten Sinne sprechenden Spiel, kann mich ansprechen.
    Der Klang mag historisch nicht korrekt sein, aber es macht große Freude, der Musik zuzuhören.
    Werde mal sehen, ob ich die CD auf TIDAL finde, dann kann ich sie gleich noch im Auto hören...

    Gruß:hello:
    Glockenton

    Ja, lieber Holger, beim SA‑CD 10 haben sie tatsächlich einen enormen mechanischen und elektronischen Aufwand betrieben.

    Selbst in der diskret aufgebauten Kopfhörerstufe kommen die hauseigenen HDAM‑Module zum Einsatz, inklusive dreistufiger Gainanpassung.


    Der sehr hohe Preis des SA‑CD 10 ergibt sich nach meinen Recherchen aus extrem kostspieligen Kernkomponenten:


    • dem exklusiven, massiven SACDM‑3‑Laufwerksmechanismus
    • der aufwendigen MMM‑Signalverarbeitung (Marantz Musical Mastering, DAC)
    • dem massiven, kupfergeschützten Dreischicht‑Chassis (das Gerät wiegt stolze 33 kg)
    • den getrennten, kräftigen Ringkerntransformatoren für die analogen und digitalen Hauptstufen


    Die Kopfhörerbuchse ist dagegen „nur“ ein -allerdings auch hier hochwertiges- Zusatzfeature.

    Bei einem spezialisierten externen KHV für etwa 1.500 € fließt hingegen das gesamte Entwicklungsbudget ausschließlich in die perfekte Stromversorgung und Verstärkung für Kopfhörer.

    Ich würde daher für den SA‑CD 10 keinen wirklich guten externen Kopfhörerverstärker in Zahlung geben.


    Interessant fand ich es, einfach nur einmal die reinen Leistungsdaten zu vergleichen:


    Der Marantz SA‑CD 10 liefert am Kopfhörerausgang 130 mW an 32 Ohm.
    Für normale, leicht anzutreibende dynamische Kopfhörer oder In‑Ears ist das völlig ausreichend. Problematisch wird es jedoch bei modernen High‑End‑Kopfhörern – insbesondere leistungshungrigen Magnetostaten oder extrem hochohmigen Klassikern (300 oder 600 Ohm von Sennheiser oder Beyerdynamic). Diese „verhungern“ an 130 mW dann doch recht schnell.

    Dein Lehmann Linear MK II liefert an 32 Ohm immerhin 260 mW, bei 60 Ohm sogar 400 mW.

    Man sieht also deutlich, dass der Lehmann gegenüber dem Kopfhörerausgang des SA‑CD 10 die doppelte Leistung bereitstellt – und das mit seinem ebenfalls sehr audiophilen Class‑A‑Prinzip.


    Zum Vergleich habe ich mir einmal die Daten des ebenfalls aus Deutschland stammenden Violectric HPA V200 angesehen, mit dem ich ja tatsächlich sehr zufrieden bin:

    An 32 Ohm liefert er 2000 mW, also volle 2 Watt.
    Violectrics Entwickler Fried Reim hat den V200 intern mit extrem hoher Betriebsspannung und großzügigen Stromreserven ausgelegt, damit die Leistung bei sinkender Impedanz keinesfalls einbricht.
    Schon beim bloßen Blick auf das Innenleben wird klar, dass Violectric hier keinerlei Kompromisse eingehen wollte:

    wp-1696962908824-1.jpg


    Ich hätte also den Marantz SA‑CD 10 also auch sehr gerne im Bestand (dafür müsste ich finanziell allerdings komplett auf eine reine Kopfhöreranlage umsteigen – und selbst dann würde das Geld kaum reichen…), aber selbst in dieser Konstellation würde ich ehrlich gesagt weder deinen Lehmann noch meinen Violectric hergeben wollen...
    Ich meine sogar, den Lehmann (ich weiß nicht mehr, ob es genau deiner war) einmal am HD800 im Laden gehört zu haben.

    Eigentlich wollte ich damals nur den Hörer kennenlernen. Die Kombination mit dem KHV hat mich jedoch so begeistert, dass mir klar war, den HD800 früher oder später besitzen zu müssen.

    Als das Geld später bereitstand, informierte ich mich weiter und kam zu dem Schluss, dass ich einen solchen Kopfhörer nicht mit einer Standard‑Kopfhörerbuchse „entehren“ sollte.

    Zunächst kaufte ich einen kleinen KHV von Lake People, landete nach vielen Recherchen aber beim V200, den ich in Oslo hören konnte und der mich im Vergleich zu meinem kleinen KHV sofort überzeugte.

    Sehr viele Forenbeiträge im englisch‑ und deutschsprachigen Raum schwärmten damals von der Kombination HD800 und V200 – völlig zurecht, wie ich fand.


    Vor allem im Mittenbereich geschah so viel mehr – ich konnte bei einem Barockorchester z.B. deutlich besser hören, was die Musiker an den Violen machten, Kleindynamik, Anstrich, Artikulation, Vibratodosierung....

    So erwarb ich diesen KHV, der mit seiner Panzerverarbeitung und seiner elektronischen Überdimensionierung später auch als Ausgangspunkt für weitere Violectric‑Modelle diente, etwa den V281, den ich wegen seines symmetrischen Ausgangs immer noch sehr gerne hätte.


    4021558168.jpg


    Seinerzeit hörte ich in Oslo bei einem anderen Händler den Vergleich zwischen Klinke und symmetrischem Anschluss am HD800, allerdings mit anderen KHVs.

    Der Unterschied zugunsten der symmetrischen Verkabelung war für mich so deutlich, dass ich ernsthaft nach dem V281 Ausschau hielt – ihn aber wegen immens hoher Gebrauchtpreise oder fehlender Angebote nie bekommen konnte.
    Auch jetzt ist er auf der wichtigsten norwegischen Gebrauchtbörse (finn.no) überhaupt nicht zu finden. Wer ihn verkauft, muss wohl verrückt sein…


    Vor einigen Jahren kaufte ich daher ein symmetrisches Kabel für den Sennheiser und dazu gebraucht den Head Box DS 2B von Pro‑Ject Audio Systems.


    WEB_Image_Pro-Ject_Head_Box_DS2_B_-_Sort_Balansert_128152_2-1703960583_plid_130255.webp


    Das Gerät war wie neu und ich konnte es günstig erwerben. Damit war ich durchaus zufrieden. Der HD800 klang daran symmetrisch sehr schön, aber ich konnte wegen des Kabelwechsels keinen wirklich brauchbaren Vergleich mit dem unsymmetrischen Anschluss machen.
    Momentan nutze ich den symmetrischen Ausgang geraden nicht mehr, weil der HD800 ja weg ist und ich sonst keine symmetrischen Kabel besitze.

    Für etwas über 50 € gäbe es zwar bei Hifi Occ ein symmetrisches Kabel für den HD650, aber ob dieser dann symmetrisch am ProJect wirklich besser klänge als mit Klinke am V200? Ich weiß ich nicht und könnte es wohl nur über einen Hörtest (=kaufen) feststellen.
    Beim K712 Pro und beim HD650 ziehe ich den etwas klarer definierten Klang des V200 vor, während Beyerdynamic‑Kopfhörer für mich am DS 2B etwas runder und angenehmer klingen.

    Böte mir jemand einen Tausch zwischen dem V281 und dem Pro‑Ject DS 2B an, schlüge ich sofort zu. Leider wird das nicht passieren…||;) Der Mann müsste entweder unseriös oder ein Idiot sein...:D


    Spielte Geld absolut keine Rolle, wäre der Violectric HPA V324 wohl mein Endgame‑Produkt.


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    Manchmal spiele ich sogar mit dem Gedanken, komplett auf Kopfhörer umzusteigen und statt eines Hauses mit Lautsprechern in eine kleinere Eigentumswohnung zu ziehen.

    Andererseits gibt es viele gute Gründe, das nicht zu tun… allein schon die Einsamkeit meines jetzigen Lebens (keine Nachbarn) ist ein Vorteil, auf den ich nur ungern verzichten würde.


    Außerdem habe ich viele Jahre lang täglich bereut, die Sequel II und die Aerius i von Martin Logan jemals verkauft zu haben. Diesen Fehler mache ich nicht noch einmal!
    Zudem habe ich ja nun mit der Marantz‑Endstufe MM7025 hinter dem NR1200 genügend Leistungsreserven, um mit den Impedanzverläufen der Elektrostaten problemlos klarzukommen.

    Gruß:hello:

    Glockenton

    Lieber teleton,


    vielen Dank für Deinen Beitrag!


    Meine Einschätzung zum K712:

    Wenn ich ihn nicht schon hätte und er hier in Norwegen zu einem guten Preis erhältlich wäre (was aktuell leider nicht der Fall ist), würde ich ihn mir definitiv holen. Er wird irgendwann ein Klassiker sein, wie ich vermute.


    Die Unterschiede zum ebenfalls sehr guten K702 sind zwar hörbar, aber nicht dramatisch. Ich kenne den K702 allerdings nur aus der Erinnerung und nicht aus einem direkten A/B‑Vergleich. Auf YouTube fand ich einen Rosa‑Rauschen‑Vergleich, der zeigte, dass der K712pro im Bereich um 3–4 kHz weniger „shouty“ abgestimmt ist – ein recht typisches Merkmal der K7xx‑Reihe. Auch der Bassbereich soll etwas ausgeprägter sein. Hier kannst du das Rosa-Rauschen hören:


    Für mich ist er linearer als der K702 abgestimmt, doch die Frage ist, ob man das Lineare, den neutraleren Klang überhaupt mag. Für mich als Klassikhörer ist klar, dass die Neutralität nicht = langweilig sein muss, sondern der Klangfarbentreue der Instrumente und der Stimmen zugute kommt. Eine Klarinette klingt nun einmal am besten so, wie sie wirklich klingt - finde ich.


    Bei EDM fehlt mir mit dem K712pro nichts, und auch bei Klassik kann ich nicht wirkliche Defizite erkennen.

    Erst wenn ich vom HD650 komme, merke ich, dass in puncto natürlich‑organische Grundtonwärme und absoluter Klangfarbenehrlichkeit noch mehr möglich ist.

    Dafür bietet der K712pro eine sehr große Bühne und trägt sich äußerst angenehm, während beim HD650 die klanglichen Akteure näher an einen heranrücken und die gleichzeitig entspannt wirkende Separation vor einem "schwarzen Hintergrund" stärker hervortritt.

    Seinen Komfort möchte ich mit "sehr angenehm" beschreiben, aber eben nicht "äußerst angenehm", so wie beim AKG.

    Für mein Empfinden klingt der HD650 gerade in den entscheidenden Mitten einfach nur „genau richtig“.

    Das ist aber natürlich individuell, da jeder eine andere HRTF und eine andere Ohr‑ und Kopfform hat. Für diejenigen Mitleser, die sich fragen, wovon ich gerade rede: Man gebe einmal bei Google im AI-Mode die Frage ein "was ist die HRTF"....


    Solltest Du, lieber teleton, also die Möglichkeit haben, diese – oder andere – hervorragenden Kopfhörer direkt zu vergleichen, wäre das natürlich ideal.

    Ich konnte damals im Oslo Hifi Center an einer großen Kopfhörerwand sehr viel mit einem ausgezeichneten Moon‑Amp vergleichen. Wie Du siehst, haben sie heute allerdings nicht mehr alles im Programm, jedenfalls sieht es im Netz so aus.
    Früher standen dort noch zusätzlich Modelle von Sennheiser, AKG, Beyerdynamic, Grado (die für mich absurd klangen), HEDD oder Hifiman.

    Inzwischen konzentrieren sie sich offenbar stärker auf edle und teure Geräte, wodurch der eigentlich interessante Vergleich über verschiedene Preisklassen hinweg leider immer schwieriger wird.


    Dabei zeigt meine „Kopfhörergeschichte“ aus meiner Sicht sehr deutlich, dass ein höherer Preis in diesem Bereich nicht automatisch besseren Klang bedeutet.
    Wäre der Wiederverkaufswert nicht gegeben, käme ein Tausch meines HD650 gegen die dort angebotenen Modelle (siehe Link) für mich nicht infrage.

    Eine Ausnahme wäre höchstens der Stax SR‑X9000 samt Top‑Verstärker, den man dort nicht sieht. Vor einigen Jahren hatten sie ihn dort. Da ich mich aber als am L300/L500-Interessierter ausgab, wollten sie mir den SR-X9000 natürlich nicht vorspielen, wohl aus verkäuferischer Sorge, dass ich dann lieber 20 Jahre lang spare und gar nichts kaufe, weil der ja so viel besser sein wird....
    Heute nehme ich jedenfalls an: er wird wohl etwas besser sein, aber der klangliche Zugewinn steht in einem sagen wir doch eher problematischen Verhältnis zu den Mehrkosten. Das ist dann eine Frage des Geldbeutels und des Gewissens.


    Ab der Klasse der Sennheiser‑600er‑Serie (also Hd600, HD650 und HD660S2) führt ein höherer Preis meiner Meinung nach nicht zwangsläufig zu besserem Klang – im Gegenteil, je nach persönlicher Präferenz kann es sogar schlechter werden.

    Es gibt Leute, die den K712pro dem K812pro vorziehen, und noch mehr, die den HD650 klar gegenüber dem HD800/HD800S bevorzugen.

    Wir kennen es aus anderen Lebensbereichen: Gibt man mehr Geld aus, bekommt man in der Regel bessere Qualität.
    Im Audiobereich gilt das ab einer gewissen Schwelle jedoch nicht mehr zwingend. Es kann so sein, aber es muss nicht so sein.

    Das macht die Auswahl zwar nicht leichter, eröffnet aber auch Chancen: Menschen mit normalem Budget – und nicht nur ältere, sehr wohlhabende Herren, die eher ihre Anlagen als die Musik hören – können hochwertige Audioqualität erleben und damit tief in die Musik eintauchen.

    Man muss eben "nur" das für einen persönlich Richtige finden, was oft einige Umwege und Fehlkäufe bedeutet, weil man vieles erst zu Hause wirklich beurteilen kann. Das zeigt ja auch meine "Kopfhörergeschichte".


    So glaubte ich z.B. eine Zeit lang der Erzählung, der Amiron von Beyerdynamic sei ideal für mich als Klassikhörer.

    Also bestellte ich ihn – und gab ihn nach ein, zwei Tagen sofort zurück. Das war zwar rechtlich möglich, mir aber unangenehm.

    Doch was soll man auch machen, wenn die Vergleichsmöglichkeiten im Laden immer geringer werden?

    Dieser Hörer hatte für mich eine unerträgliche V‑Shape‑Signatur: viel Bass, zu viele Höhen und zu wenig Mitten. Ein Vergleich mit dem DT1990pro oder dem DT1770pro, die ich ja schon besaß, machte das sofort deutlich.
    Ich bin mir fast sicher, dass ich auch Deinen Beyerdynamic DT 990 Edition 250Ohm gegenüber dem Amiron vorzöge.


    Man kann sich also nicht allzu sehr auf den Preis verlassen, wenn es darum geht, die klangliche Qualität einzuschätzen, gerade bei Kopfhörern.


    Gruß:hello:
    Glockenton

    Lieber Glockenton,


    ein toller Bericht! Das ist bei Dir ja das reinste Kopfhörer-Paradies! ^^

    Danke, lieber Holger, ich mag es ja auch so :)


    Ich nutze mehrere Zuspieler.
    Für CDs kommt ein Marantz CD6004 über den Audioausgang des Players zum Einsatz, für SACDs, DVD‑Audio und Blu‑ray dient ein Sony BD‑S6700 als Laufwerk.

    Dessen Audiosignal geht per Coax direkt in den Marantz NR1200, während das Bildsignal für Blu‑rays an den Philips‑Smart‑TV geführt wird.
    Der Klangunterschied zwischen Audio über HDMI (via Fernseher) und der direkten Coax‑Verbindung in den DAC des NR1200 ist jederzeit zu Gunsten der Coax-Verbindung nachvollziehbar.

    Gerade bei DSD‑Material (SACDs – etwa viele der Suzuki‑Kantaten) treten über HDMI bei lauteren Stellen unangenehme digitale Artefakte auf. Das zeigt schon, dass der Umweg über den Fernseher für Audio keine gute Idee ist.


    Als dritte Quelle steht – unsichtbar, aber dank Bluetooth-Maus in Reichweite – ein ausrangierter Windows‑10‑Gaming‑PC, dessen einzige Aufgabe darin besteht, über MediaMonkey „virtuelle CDs“ abzuspielen.
    Hier geht das Audiosignal ebenfalls per HDMI direkt in den NR1200. Der leitet dann das Videosignal wieder zurück an den Fernseher.

    Klanglich hat sich für mich klar gezeigt, dass der WASAPI‑Output des MediaMonkey die beste Lösung ist, weil er die Windows‑Audioarchitektur umgeht. Das habe ich erst vor etwa einer Woche entdeckt…
    Auf dem MediaMonkey liegen über 1600 Alben, größtenteils meine im ALAC‑Format gerippten CDs (lossless), die ich aber immer noch greifbar habe.

    Der Rest besteht aus Alben, die ich mit dem TunePat‑Downloader von TIDAL in bis zu 24/96 als FLAC gespeichert habe. So kann ich die für mich wichtigen Aufnahmen jederzeit offline hören.

    Die vierte Klangquelle ist TIDAL‑Connect über die HEOS‑Schnittstelle der Marantz/Denon‑Geräte. Der NR1200 hängt per LAN am Router, in den sich auch mein Smartphone einwählt.
    Starte ich TIDAL auf dem Handy und wähle „Marantz NR1200“ als Ausgabegerät, schaltet der Receiver automatisch auf den HEOS‑Eingang um.


    Abgesehen vom CD‑Player läuft also praktisch mein gesamter übriger Klang über den internen DAC des NR1200.
    Früher hatte ich einen externen DAC von Pro‑Ject, der in den einschlägigen Zeitschriften hochgelobt wurde.

    Ich wurde mit seinem Klang aber nie warm, im wahrsten Sinne des Wortes.
    Für meinen Geschmack – und in Kombination mit meinen Martin Logan Electromotion ESL – war er zu hell, etwas streng und harsch.

    Das wurde mir erst richtig klar, als ich bestimmte Aufnahmen parallel laufen ließ: einmal über den Pro‑Ject, dann über den Marantz‑CD‑Player oder den NR1200.

    Die Marantz‑Geräte hatten immer die Nase vorn: musikalischer, seidiger, entspannter, mit mehr Fülle im Bass und Grundton.

    Das in Worte zu fassen ist schwierig, aber seitdem bin ich vom typischen „musikalischen“ Marantz‑Klang noch überzeugter als zuvor.


    Vor dem NR1200 hatte ich einen Yamaha‑Verstärker. Zusammen mit meinen damaligen Klipsch‑Lautsprechern (RF7 MK3) war das Ergebnis bei Bach-Suzuki geradezu absurd hell und aggressiv.

    Der erste Hörmoment mit dem Marantz war eine Wohltat – da brauchte ich keinen AB‑Vergleich. Die Klipsch-Hörner konnten das sehr sehr genau herausarbeiten.

    Der Unterschied war ab Takt 1 eindeutig. Ich war ehrlich außerordentlich erleichtert, denn ich hatte schon befürchtet, dass die oft zitierten Verstärker‑Klangunterschiede nur Hifi‑Prosa von industrienahen Journalisten sein könnten und somit viel Geld verbrannt sein könnte.

    Doch für mich hat sich die Investition in Marantz tatsächlich gut hörbar gelohnt.
    Der Pro‑Ject‑DAC könnte für eher dunkel abgestimmte Lautsprecher durchaus passen – für meine aber nicht.


    Gemini schätzt, dass ein Upgrade auf den mittlerweile nur noch gebraucht erhältlichen Marantz HD‑DAC1 gegenüber meinen internen DACs vielleicht eine Verbesserung von rund 10 % bringen würde.

    Vielleicht läuft mir irgendwann ein gebrauchtes Exemplar über den Weg – wobei das finanziell eher unwahrscheinlich ist. An meine Ohren kommt jedenfalls nur Wasser und Marantz… ;)

    Es kann sogar sein, dass der interne DAC des Marantz CD60 noch etwas besser klingt als der HD‑DAC1, ja, ich vermute es sogar fast.
    Zum Kauf dieses Players kann ich jedenfalls nur gratulieren. Er enthält einen DAC in Referenzqualität und verfügt über sehr edle HDAM-Module.

    Man bewirbt ihn damit, dass er dem audiophilen Liebhaber der klassischen Marantz-Klangsignatur sehr entgegenkäme.
    Das muss schon ein tolles Erlebnis sein, damit hören zu können. Man könnte mit den RCA-Ausgängen des CD60 direkt in einen hochwertigen KHV und dann in so einen Referenzkopfhörer gehen. Dann schleifst Du noch das Signal durch, wenn möglich an Deine Lautsprecheranlage UND Deine zukünftige eigene Stax-Welt (einer aus der SR-009-Reihe?) denn die brauchen ja ihre eigenen Verstärker.
    Wenn es dann nicht gut klingt, kann es nur an der Aufnahme liegen....


    Es ist schon merkwürdig, wenn man darüber nachdenkt, wie alles begann:

    Bei mir war es in der Kindheit ein Sennheiser HD 424. Später, zur Konfirmation, bekam ich für damalige Verhältnisse erstaunlich viel Geld – und was habe ich mir davon gekauft? Einen AKG K340, ein Teilelektrostat.

    Für mich war das ein Quantensprung, und der junge Mann war entsprechend begeistert.

    Danach folgte der Jecklin‑Float‑Elektrostat, der frei über den Ohren schwebte. Sowohl ihn als auch den späteren AKG K701 hatte ich viele Jahre im Einsatz.

    Als ich dann erwachsen und verheiratet war, ging es mit dem Sennheiser HD 800 weiter. An dieser Stelle knüpft auch die Beschreibung meines Beitrags an.

    Kopfhörer und Lautsprecher haben mich immer fasziniert. Gleichzeitig merkte ich im Laufe der Zeit – bei meinen Ansprüchen und den finanziellen Grenzen – dass man klanglich betrachtet mit guten Kopfhörern deutlich mehr „hochwertigen Klang pro Euro“ bekommt.

    Vor allem, was die Klangtextur betrifft. Zur Verschiedenartigkeit der räumlichen Darstellung habe ich ja schon weiter oben etwas geschrieben.


    Viel Spaß mit dem edlen Marantz :)


    LG:hello:
    Glockenton

    Kopfhörer und klassische Musik – persönliche Erfahrungen und Vergleiche

    Ich habe in den letzten Jahren einige neue Erfahrungen mit hochwertigen Kopfhörern gesammelt und dachte, dass es vielleicht sinnvoll sein könnte, sie hier zu teilen.

    Der Beitrag ist etwas länger geraten, aber vielleicht hilft er dem einen oder anderen, der auf der Suche nach Orientierung ist.

    1. Ausgangspunkt: Meine bisherigen Kopfhörer

    Wenn man in diesem Thread zurückblättert, sieht man, dass ich schon einige anspruchsvolle Modelle besessen habe – darunter den Sennheiser HD800, den AKG K812 Pro und den Audeze LCD‑X.
    Alle drei habe ich inzwischen verkauft, allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen.

    Wo ich heute gelandet bin, möchte ich im Folgenden schildern.


    2. Sennheiser HD800 – Präzision, Bühne, aber tonal nicht ganz ausgewogen
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    Der HD800 ist vermutlich das schnellste Kopfhörersystem, das ich je gehört habe.
    Ein Beispiel: Bei Liveaufnahmen aus dem Wiener Musikverein (Blu‑ray, Beethoven, Thielemann) hörte man bei anderen Kopfhörern oder Lautsprechern ein diffuses, meerähnliches Rauschen im Applaus.

    Beim HD800 hingegen konnte man einzelne Personen mit ihrem jeweils eigenen Klatschtempo identifizieren. Die Bühne ist riesig, die Separation der Akteure beeindruckend, und der Hörer schafft eine deutliche räumliche Distanz.

    Warum habe ich ihn dennoch verkauft?

    • Tonal aus der Balance: Die Höhen waren mir auf Dauer zu hell, besonders bei Violinen.
    • Übernatürliche Detailauflösung: Der HD800 lässt einen teils mehr hören, als man in der Realität hören würde. Mikrofone hören anders als Ohren – und der HD800 folgt eher dem Mikrofon.
    • Für elektronische Musik ungeeignet: Techno/Trance überforderte er mit seiner analytischen Genauigkeit sofort. Nicht das ich das dauernd höre, aber es zeigt vielleicht eine Tendenz. Für gewisse klassische Musik ist er geeignet.

    Trotzdem: Ich hätte ihn gerne als Zweithörer behalten – insbesondere den HD800S. Aber man muss ja auch wirtschaftlich bleiben.


    3. AKG K812 Pro – ähnlich schnell, natürlicher, voller, aber leider konstruktive Schwächen


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    Parallel zum HD800 hatte ich mir den AKG K812 Pro zugelegt.
    Er bot eine ähnlich schnelle Transientenwiedergabe, klang aber im Bass, Grundton und in den Mitten fülliger und natürlicher.

    Die Höhen waren weniger betont als beim HD800, ohne dass der Hörer insgesamt dunkel wirkte. Die Bühne war groß, aber nicht ganz so gigantisch wie beim Sennheiser.

    Klanglich war er für mich oft die angenehmere Wahl – wenn er denn funktionierte.

    Das Problem:

    Der rechte Kanal wird über ein im Bügel verlaufendes Kabel versorgt.

    Genau dort trat immer wieder ein Kabelbruch auf.

    Harman ersetzte mir den Hörer dreimal (!) auf Kulanz.

    Beim dritten Austausch verlor ich den Glauben an eine dauerhafte Lösung und tauschte ihn, neu wie er war, beim Händler gegen einen anderen Hörer ein.


    Durch lange Hörsessions an einer großen Kopfhörerwand in Oslo und durch viele Rezensionen kam ich nämlich auf den Audeze LCD‑X.



    4. Audeze LCD‑X – mächtig, warm, beeindruckend, aber am Ende zu dunkel

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    Innerhalb der damaligen Audeze‑Familie war der LCD‑X seinerzeit der „hellste“ Vertreter.
    LCD‑3 und vor allem der LCD‑2 galten ja als ausgesprochen dunkle Hörer („King of Darkness“, wie Audiophile ihn nannten).

    Damals wollte ich unbedingt jedes kleinste Anstrichgeräusch hören – und dafür schien der LCD‑X trotz seiner relativen Dunkelheit am geeignetsten.

    Was mir aber gefiel:


    • Sehr fülliger Klang, exzellente Tiefbässe
    • Hervorragend aufgelöste Mitten
    • Angenehmer Tragekomfort trotz hohen Gewichts
    • Fantastisch für Hörner, Posaunen, Techno und Trance (für Letzteres bis heute m.E. einer der besten Hörer überhaupt)

    Aber:

    • In den oberen Höhen (ca. 4–8 kHz) wirkte er am Ende doch etwas dumpf.
    • EQ kam für mich nicht infrage – ich mag keine künstlichen Eingriffe, und meine auch, dass man deren Konsequenzen am Ende meisten mit negativen Konsequenzen hört.
    • Insgesamt war er mir schließlich zu dunkel.


    Also habe ich ihn verkauft und wunderte mich, dass es mir nicht so sehr leidtat.


    5. Beyerdynamic DT1990 Pro – der verlässliche Arbeiter mit der Verarbeitung eines Panzers

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    Den DT1990 Pro hatte ich schon länger im Bestand, weil ich seit vielen Jahren vom DT770 Pro aus dem Studiobereich sehr überzeugt war.

    Was ihn auszeichnet:


    • Crispe Höhen, sehr detailliert
    • Für einen offenen Hörer erstaunlich guter Bass
    • Transparente Mitten, die mich an den LCD‑X erinnerten, nur weniger „lush“ aber gleichzeitig nicht ganz so linear und homogen
    • Bei manchen Aufnahmen – etwa Bachkantaten mit Suzuki – konnte man im Tutti besser hören, dass zusätzlich zum Continuo‑Orgelpositiv ein Cembalo mitlief. Diese Vorzüge teilt er mit dem HD800.

    Irgendwann musste ich mir für einige Jahre eingestehen, dass ich viel häufiger zum DT1990 griff als zum LCD‑X.
    Also blieb der Beyer – und der Audeze ging.


    6. Beyerdynamic DT1770 Pro – geschlossen, kräftig, erstaunlich linear


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    Da ich auch mit Cubase und Studio‑Setups arbeite, kam später noch der DT1770 Pro dazu.
    Er nutzt die gleichen Tesla‑Treiber wie der DT1990, ist aber geschlossen.
    Was zeichnet ihn aus?


    • Noch bessere Basswiedergabe
    • Räumlich naturgemäß etwas enger, aber für mich kein Nachteil, eigentlich kaum hörbar
    • Über die Jahre wirkte er auf mich sogar linearer als der DT1990 – allerdings nur im direkten Vergleich hörbar

    7. Einstieg in die Stax-Elektrostaten: Die Stax L‑Serie

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    Da ich auch Elektrostaten von Martin Logan besitze, wollte ich irgendwann die Stax‑Lambda‑Reihe ausprobieren: L300, L500 und L700.

    Der Verkäufer in Oslo wollte mir eigentlich nur L500 und L700 vorführen – und hoffte natürlich auf den L700‑Verkauf.
    Doch es kam anders: Ich entschied mich für den L300, den er nur zufällig herumliegen hatte, den ich aber anschloß, sobald er den Raum verließ....


    Warum der L300?

    • Für mich bot er die gleiche Transparenz und Natürlichkeit wie die größeren Modelle
    • Gleichzeitig etwas mehr Sparkle in den Höhen
    • Und er war der günstigste – was mich aber nicht störte

    Eine Zeit lang konnte ich ihn noch direkt mit dem HD800 vergleichen.
    Er war ähnlich schnell, ähnlich räumlich – aber ohne die nahezu künstlich übertriebene Bühne des Sennheisers und tonal ohne diesen Höhenpeak.


    Eine Einschränkung gibt es beim L300: Der Kopfbügel ist konstruktiv tatsächlich eine Art Sollbruchstelle, und wie bei vielen anderen Besitzern brach auch bei meinem Exemplar nach einigen Wochen das Plastik. Glücklicherweise fand ich über eBay einen japanischen Anbieter, der Metallbügel für den L500/L700 verkauft – und diese passen problemlos auch auf den L300. Seitdem nutze ich den Hörer mit diesem stabilen Ersatzbügel, und damit ist das Thema dauerhaft erledigt.


    8. AKG K712 Pro – unterschätzt, aber einzigartig

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    Den K712 Pro besitze ich ebenfalls seit Jahren.
    Anfangs hörte ich ihn wenig, da ich die das Klangbild mehr trennenden Modelle von Beyerdynamics vorzug, doch inzwischen nutze ich ihn immer häufiger.


    Seine Stärken:

    • unschlagbarer Tragekomfort
    • fast so große Bühne wie der HD800
    • sehr gute Transparenz und Auflösung, dabei nicht nur sezierend, sondern auch verbindend.
    • spielfreudig und leichtfüßig
    • deutlich bessere Basswiedergabe als der K701
    • insgesamt macht er für sich genommen einen schön linearen Eindruck

    Ich werde ihn vermutlich nie verkaufen.


    9. Die Sennheiser‑600er‑Serie – und warum der HD650 mich sehr überraschte

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    Durch viele Reviews und Vergleichsvideos wurde ich auf die legendäre Sennheiser‑600er‑Serie aufmerksam, die immerhin schon 1993 "geboren" wurde.
    Besonders in Kunstkopf‑Vergleichen auf YouTube klangen diese Hörer bei meinen Recherchen dem Originalsignal verblüffend ähnlich – deutlich näher als etwa ein HD800/HD800S oder ein AKG K701/K702.


    Ich fand schließlich einen wenig gebrauchten HD650 (von 2023, neue Polster) und kaufte ihn vom Erlös des DT1990 Pro.

    Tatsächlich erwartete ich eine gewisse Enttäuschung – Stichwort „Sennheiser‑Vorhang“.
    Doch das Gegenteil trat ein:

    Der Sennheiser HD650 ist für mich der natürlichste und neutralste Hörer, den ich je auf dem Kopf hatte.

    Rein von den natürlichen Klangfarben und der tonalen Balance ist der HD650 das Beste, was ich je gehört habe – sogar noch etwas natürlicher als der ganz hervorragende Stax L300, der -nur im direkten Vergleich- minimal heller wirkt.


    Was mich beim HD650 beeindruckt:

    • Das Gehirn erkennt sofort: „Ja, genau so klingt diese Stimme oder diese Barockoboe wirklich.“ Es ist eine schwer erklärbare Intuition, die einem sagt: das passt!
    • Stimmen haben Fleisch, Celli und Kontrabässe vollen, warmen Grundton, Oboen und Klarinetten Korpus.
    • Bei einer Aufnahme hatte ich neulich das Gefühl, akustisch um die Barockpauke herumgehen zu können.

    Die Bühne ist zwar kleiner als beim K712 Pro – eher wie ein paar Reihen weiter vorne im Konzert.

    Von „enger Bühne“ zu sprechen, wie es manche tun, wäre jedoch Unsinn.
    Es werden über diesen Hörer im Netz so manche Gerüchte verbreitet. Manche stimmen, manche aber auch nicht.

    Er klingt nämlich gar nicht dunkel, sondern - wie ich finde- einfach nur richtig.

    Aus meiner Sicht ein echter Volltreffer.


    11. Welcher Hörer für welche Musik? – meine aktuelle Praxis


    Stax L300

    Ideal für hochauflösende Aufnahmen mit großem Raum, z.B.
    Harnoncourt, Matthäus‑Passion (3. Aufnahme), DVD‑Audio 24/96.


    AKG K712 Pro

    Für lange Filme oder Serien – leicht, bequem, räumlich, spielfreudig, auch EDM, aber das höre ich wie gesagt selten.


    Beyerdynamic DT1770 Pro

    Für mächtiges Bassfundament: Orgel, EDM, große Orchesterwucht, ebenfalls sehr gute Auflösung.


    Sennheiser HD650

    Für Bachkantaten (z.B. Suzuki) und alles, was nach natürlichen Klangfarben verlangt.
    Er zähmt die bei Martin Logan und Stax oft zu stark hervortretenden metallischen Formanten eines Peter Kooij und der japanischen Tenöre, ein Obertonproblem, das hauptsächlich im Tutti auftreten kann.

    Allerdings muss man erwähnen: der HD650 hat 300 Ohm und braucht daher einen kräftigen Kopfhörerverstärker. Es kann sein, dass er sonst tatsächlich ins Langweilige abrutscht - meine Vermutung.
    Ich muss für ihn meine beiden KHVs deutlich weiter aufdrehen als bei allen anderen Hörern.

    Vor allem der Violectric V200 treibt ihn jedoch mit seiner überdimensionierten Elektronik mühelos an.

    Den HD650 würde ich nicht an die Kopfhörerbuchse eines Vollverstärkers oder CD‑Players hängen – dort schöpft er sein Potential kaum aus.


    Warum ich das alles mache....


    Vielleicht halten mich manche wegen der vielen Hörer und des langen Textes für komplett verrückt.
    Nun, damit werde ich wohl leben müssen.

    Mir geht es darum, der imaginierten Realität so nahe wie möglich zu kommen – eine Art akustisches Holodeck, falls den Begriff jemand aus Star Trek kennt.

    Es ist wie ein Raum, in dem man Kirchen oder Konzertsäle „betreten“ kann und die besten Musiker für einen persönlich spielen.

    Mit einer guten Kopfhöreranlage und hochwertigen Klassikaufnahmen kann diese Illusion erstaunlich real werden. Wenn musikalisch alles sehr gut ist, nimmt mich die bessere Wiedergabequalität emotional mehr mit, weil ich einfach mehr Dinge hören kann, die auf der Aufnahme enthalten sind, z.B. wie musikalisch ein Viola im Barockorchester gespielt wurde. Bei schlechten Systemen gehen solche Dinge unter.
    Mit einem guten Kopfhörer vergisst man die Nachteile der Lautsprecherwiedergabe – vor allem die eigentlich nie positiven Einflüsse des eigenen Hörraums.
    Übrigens stört es mich überhaupt nicht, dass die meisten Aufnahmen keine genuinen Kunstkopfproduktionen sind.
    Eben diese typische „Kopfhörerperspektive“ bei eigentlich für Lautsprecher gemasterten Aufnahmen empfinde ich gar nicht als Nachteil – im Gegenteil: Ich mag dieses Gefühl, mitten in der Musik zu sitzen.


    Und auch wenn es mir eh keiner glaubt:

    Ich mache das alles nur aus musikalischen Gründen. Hauptsächlich jedenfalls…;)


    Gruß:hello:
    Glockenton

    PS:
    Wenn ich mir einen der verkauften Kopfhörer zurückwünschen dürfte, wäre es der AKG K812 Pro – dann allerdings mit einer deutlich solideren Kabelführung im Bügel. Er ist ein analytischer Kopfhörer, aber einer von der seltenen Sorte, die trotz ihrer Präzision eine starke und unmittelbare emotionale Bindung zur Musik herstellen.


    Wenn ich alle Hörer bis auf einen abgeben müsste, würde es auf eine Entscheidung zwischen dem HD650 und dem L300 hinauslaufen.
    Wirklich festlegen könnte ich mich kaum – im Moment würde die Wahl vielleicht sogar auf den HD650 fallen. Und das verblüfft mich geradezu.

    Erstaunlich, dass eine so bedeutende Pianistin wie Mitsuko Uchida in diesem Thread bislang noch nicht erwähnt wurde.

    Diese Aufnahme - wie viele andere, die jetzt unter dem Namen Decca laufen, sind z.B. bei JPC gerade nicht erhältlich. Auf TIDAL kann man die Aufnahmen hören.
    Ich selbst habe vieles von ihr als körperliche CD im Bestand.

    Viele zentrale Werke der Wiener Klassik — darunter sämtliche Mozart-Klavierkonzerte, einiges der Klaviermusik Schuberts und auch Beethoven — hat sie bei Philips in herausragender Qualität eingespielt.

    Philips befand sich damals in einer echten Luxus-Situation: Mit Brendel und Uchida standen dort meiner Meinung nach die beiden stärksten Interpreten dieses Repertoires unter Vertrag, und beide haben ihre wichtigsten Aufnahmen, teils sogar Gesamteinspielungen, für dieses Label realisiert.


    Gruß:hello:
    Glockenton

    Geändert hat sich mein Musikgeschmack eigentlich nicht; vielmehr wurde er bestärkt – oft gerade durch Widerspruch.


    Hier gab es früher zum Beispiel jemanden, der Johannes Brahms als eher mittelmäßig hinstellte. Das führte dazu, dass meine Brahms-Begeisterung nur noch stärker wurde.


    Auch manche Abwertungen von Dirigenten wie Harnoncourt oder Karajan – die ich, jeweils in sehr unterschiedlichem und klar umrissenem Repertoire, bis heute sehr schätze – haben meine Wertschätzung für diese Interpreten eher vertieft, auch wenn ich mir zutraue, die Arbeit dieser Herren differenzierter als früher hören zu können.


    Durch Holger und Willi wurde ich zudem verstärkt auf Michelangeli und Giulini aufmerksam – ein wirklicher Gewinn.


    Alfreds Begeisterung für Karl Böhm wiederum brachte mich dazu, diesem Dirigenten immer wieder einmal meine Aufmerksamkeit zu widmen. Besonders schätze ich seine Schubert-Aufnahmen, vor allem die Fünfte mit dem VPO und die späte Einspielung der „Unvollendeten“ – für mich völlig unerreicht. Auch seine Bruckner Vierte gehört zu den CDs, die man, wie ich finde, besitzen sollte. In dieser Hinsicht hat Tamino mich dann doch beeinflusst, wenn ich es mir recht überlege.
    Seine „Zauberflöte“ mit FiDi und Wunderlich stand für mich allerdings schon vorher völlig außer Konkurrenz.


    Auch das kritische Herabreden von Thielemann führte dazu, dass ich mir seine Beethoven-Einspielungen aus Wien auf Blu-ray zulegte. Es sind tatsächlich großartige Aufnahmen, und ich bin den Verreißern für diese besonderen „Empfehlungen“ sehr dankbar.
    Ähnlich verhielt es sich seinerzeit mit den überschwänglichen Empfehlungen für Gardiners Bach-Aufnahmen: Zunächst lehnte ich sie fast vollständig ab (das war überzogen), inzwischen erkenne ich jedoch einiges davon durchaus als gelungen an. Meistens zog und ziehe ich dennoch andere vor – vor allem Herreweghe und Suzuki.


    All dies sollte nicht als Trotz oder gar Unbelehrbarkeit missverstanden werden. Widerspruch setzt vielmehr einen Denkprozess in Gang: Warum schätzt man eigentlich diesen oder jenen Künstler? Und warum empfindet man manches, das stark gepusht wird, als in Wirklichkeit schwach oder schlichtweg fürchterlich? Hat der, der einem widerspricht, am Ende gar einen Punkt?


    Sehr bereichernd war für mich auch der Thread über "Alternativen zu Steinway", der mein Bewusstsein für die unterschiedlichen Klangsignaturen verschiedener edler Klavierbaufirmen geschärft hat.

    Das führte dazu, dass ich überhaupt mehr Klaviermusik hörte.


    Wenn man sich dieses „Warum“ immer wieder sprachlich bewusstmacht, lernt man viel – auch für das eigene Musizieren. Und das ist sehr gut.


    Gruß:hello:
    Glockenton

    Aus verschiedenen und sehr vielen Gründen, die ich hier jetzt aus Zeitgründen nicht ausführen kann, sind für mich immer noch diese beiden Fischer-Dieskau-Aufnahmen Referenz:





    Wenn ich nur eine behalten dürfte, wäre es die mit Brendel.

    Es ist ein Gipfeltreffen zweier Schubert-Giganten, dass es so nicht wieder geben wird (gilt auch für den Schwanengesang).

    Brendels Klavierklang- und Klavierspiel macht für mich übrigens die Diskussionen über das verwendete Instrument (Klavier oder sonst irgendetwas) bzw. Flügel oder Hammerklavier komplett obsolet.

    Wenn es so ist, dann ist es wirklich gut und vor allem hochmusikalisch.

    Gruß:hello:

    Glockenton

    Sehr prägend, vor allem für die Alte-Musik waren auch Nikolaus und Alice Harnoncourt, die ja für ihn das entscheidende Rückrat in seinem Leben war.

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    Beide haben in legendären Duos (sie Stainer-Barockvioline, er Barockcello) des Bachschen Kantatenwerks sehr eigene und unvergleichliche Interpretationen eingespielt, die von der sprechenden, hochmusikalischen Spielweise (Dynamik, Artikulation, Vibratoeinsatz...) und der sehr persönlichen Tongebung her mich auch heute noch überzeugen können.

    Hier ein Beispiel:



    Gruß:hello:
    Glockenton

    Danke für den Tip mit Austbø . Habe das als CD gefunden und bestellt.


    Gruss aus Bruchsal


    Karl-Heinz

    Hallo kalli,

    das freut mich sehr, auch dass Du die CD noch gefunden hast.
    Mir gelang das nicht....

    Aber sie ist für mich sowohl bei TIDAL als auch bei Apple-music zum Streamen verfügbar, was mir erst einmal reicht.

    Viel Freude :)

    Gruß:hello:
    Glockenton

    Lieber Holger,


    danke für Deine Antwort 😊

    Es freut mich wirklich, hier doch noch eine Reaktion zu bekommen – erwartet hatte ich es nicht unbedingt.


    Diese späten Klavierstücke von Johannes Brahms sprechen mich in letzter Zeit immer stärker an. Sie faszinieren mich, ja, sie machen mich stellenweise richtig betroffen.


    An zwei Stücken kann ich das vielleicht verdeutlichen:


    Romanze in F‑Dur „Andante“

    Intermezzo in Es‑Moll „Andante, largo e mesto“


    Die Romanze in F‑Dur wirkt für mich wie ein Rückblick.
    Anfangs choralartig, gesammelt, fast wie eine stille Andacht.
    Es ist zwar Dur, aber für mich kein heiteres Stück, sondern ein Abschied – vielleicht ein Blick auf etwas Liebes, das nicht mehr erreichbar ist.


    Hier müsste das Video an der richtigen Stelle beginnen:



    Im Intermezzo in Es‑Moll direkt danach scheint sich dann etwas sehr Dunkles zusammenzuziehen.
    Für mich bilden diese beiden Stücke zusammen einen zweiteiligen Abschied:
    zuerst ein letztes Erinnern an eine gemeinsame, fast gläubige Andacht –
    und dann die Todesschatten, die beginnen, den Sprechenden zu umfloren.


    Ich höre darin Botschaften vom nahenden Ende, nicht dramatisch, sondern würdevoll und menschlich wahr.
    Vielleicht ist das zu persönlich, aber für mich klingt dieses Stück wie eine Botschaft aus der Nähe des herannahenden Totenbetts.
    Für mich stellen sich diese Eindrücke dann stärker ein, wenn ich nicht direkt an diesen Stelle starte, sondern die CD sozusagen "hintereinanderwech" höre, wie der Bielefelder sagen würde. Man braucht wahrscheinlich eine Zeit, sich innerlich auf die Musik einzulassen.


    Austbø stellt sich nicht vor diese Musik, sondern lässt sie durch sich hindurch sprechen.
    Das überzeugt mich.
    Meine Frau fand einen norwegischen Artikel, in dem Austbø als ein bisschen eigenbrötlerisch, als Außenseiter oder Non-Konformist dargestellt wurde.

    Für mich ist das eher ein Qualitätsmerkmal. Gerade diese Musik braucht jemanden, der nicht im Mittelpunkt stehen will, sondern sich zurücknimmt – so wie er es tut.

    LG:hello:
    Glockenton

    PS: ich hoffe, Du denkst an Bach/Brendel.... eine Empfehlung für den erfahrenden Freund der Klaviermusik :thumbup:

    Durch Zufall bin ich gestern Abend auf YouTube auf die Brahms‑Aufnahmen des norwegischen Pianisten Håkon Austbø gestoßen.



    (Man findet die CDs auch bei JPC, allerdings dort unter "nicht mehr erhältlich")


    Ich nahm an, nur kurz hineinzuhören – aber es kam ganz anders. Am Ende saß ich fast eine Stunde da und hörte weiter, Stück für Stück, wie in einen Sog gezogen. Diese Einspielungen haben etwas, das mich überrascht und berührt hat, und ich möchte versuchen, ein paar Eindrücke zu formulieren.


    Was mich zuerst traf, war der Raum, die Akustik der Aufnahme.


    Diese Aufnahmen öffnen sich nach hinten, als würde der Flügel nicht im Studio stehen, sondern in einem akustisch atmenden und die Klaviertöne gesanglich tragenden Kirchenschiff. Der Raum wird damit zu einem dritten Interpreten: er verlängert die Cantilenen, lässt die Obertöne und „sympathectic resonances“ des Flügels schweben und gibt der Musik eine Tiefe, eine Dimension, die man weniger „hört“, als dass man sie betritt.

    Mit geschlossenen Augen entsteht kein „Klavier im Wohnzimmer“, sondern eine „akustische Einsicht“ in einen Klangraum, in dem Brahms durch seine Musik wirklich sprechen kann. Obschon ich auf hochwertige Kopfhörer von Stax, AKG oder Beyerdynamics hätte wechseln können, bin ich bei den Martin Logan Electromotion ESL plus 2x Klipsch SPL 150 Reference Premiere II-Subwoofer und Marantz-Elektronik geblieben, weil durch die Lautsprecherwiedergabe diese räumliche Tiefe besonders gut erlebt werden kann.


    Austbø selbst spielt seinen Brahms mit einer Musizierhaltung, die ich selten finde, aber die ich oft suche: „innerlich alt“ (oder sagen wir „gereift“), philosophisch, ohne jede Eitelkeit. Er drängt nichts, er erklärt nichts, er zeigt nichts vor.

    Er lässt Brahms einfach geschehen. Und genau das tut einer solchen Musik sehr gut, wie ich finde.


    Ich kenne die Intermezzi gut, und für mich bleibt Radu Lupu in diesen Stücken immer noch unübertroffen: dieser vom Pedal her nie zu trockene und von der Musizierhaltung her insgesamt entrückte Tonfall, seine innere Glut, die nie zu laut wird, seine Wärme, die aus dem Schweigen über die erkannten inneren Wahrheiten der musikalischen Botschaft kommt; über durchaus existenzielle Wahrheiten, die Brahms seiner Nachwelt auf Notenblättern hinterließ.


    Doch Austbø ist der erste Pianist, den ich in diesen Werken vollumfänglich ertragen kann, ohne dabei Lupu zu vermissen oder gleich zur Lupu-Aufnahme zu wechseln.

    Nicht, weil er ähnlich wäre – das ist er nicht wirklich. Sondern weil er eine eigene, und mich jedenfalls überzeugende Wahrheit findet: klar, ruhig, weise, mit einer altersgereiften Demut.


    Besonders im Intermezzo in B‑moll op. 117 Nr. 2 wurde mir das bewusst, aber auch in vielen anderen Stücken.

    Dieses Intermezzo hat für mich persönlich denselben Rang wie das Poco Allegretto aus der Dritten Symphonie: eine Musik, die nicht nur tröstet, sondern offenkundig durch die Erfahrungen eines gelebten Lebens entstand, wodurch sie den Zuhörer zu verstehen scheint und von diesem verstanden werden kann. Obschon solche Töne sehr emotional sind, kann man niemals sagen, dass sie sentimental wären, und das ist auch sehr gut so.


    Wer Brahms wirklich zuhört, ein musikalisches Ohr hat und versteht, was hier gesagt wird, der schweigt danach, weil ihm unmittelbar klar wird, dass er nach dem Hören schon fast zu viel weiß.

    Brahms selbst hat ja einmal gesagt: „Ich spreche durch meine Musik.“

    Und wenn man diese Sprache versteht, gibt es danach schlicht und ergreifend nichts mehr zu sagen.


    Vielleicht ist das der Grund, warum mich diese Aufnahmen so gefesselt, ja getroffen haben. Austbø spielt Brahms nicht als Virtuosenmusik, nicht als biedermeierliches oder gar sentimentales Dekor, sondern als Reflexionen einer Lebenszeit.

    Als Musik eines alten Mannes, der zurückblickt – mit Wärme, mit einer gewissen Müdigkeit, mit Güte und nur nacherlebtem, doch nicht mehr wirklich aktuellem Zorn.

    Es ist ein Brahms ohne Pathos, ohne Überzeichnung, ohne gefühlige Schminke — aber mit Seele, Struktur und innerer Glut.


    Ein so gespielter Brahms kommt an jenem Punkt an, an dem er mehr als nur „Tonsetzer“ ist, sondern Mensch, Erinnerung, Wärme, Schwere, Humor, Schmerz und Lebensweisheit in einem.


    Und genau so erklingt hier seine Musik: weder eitel oder glänzend, nicht virtuos um der Virtuosität willen, sondern es klingt vielmehr nach einem gereiften Menschen, der bereits alles gesehen hat, und nun mit einigen warmen, schweren Atemzügen noch einmal seine Welt zusammenfasst.


    Brahms’ Heiterkeit ist nie leicht und seine Fröhlichkeit ist oftmals durchdrungen von der Erkenntnis der Vergänglichkeit.

    Sein Optimismus ist melancholisch grundiert, während seine Trauer liebend, und der Strom seiner an einigen Stellen geradezu ausgeschütteten Liebe (ich spreche hier auch über die Symphonien) gerade wegen des durchlebten Schmerzes besonders anrührend ist.


    Obgleich gerade der späte Brahms durch seine motivischen Entwicklungen kompositionstechnisch in die Zukunft wies, ist -für mich jedenfalls- die Aussage seiner Musik eher der Blick zurück und nicht nach vorn.


    Das alles kann und man natürlich auch bei Lupu hören, und der Brahmsfreund sollte die Aufnahme Lupus mit seinen Solo-Klavierwerken auf jeden Fall im Bestand haben, doch auch hier bei Austbø ist es auf eine sehr eigene Weise zu erfahren.

    Die Einspielung des Norwegers besitzen neben derjenigen von Lupu für mich auf jeden Fall eine eigene künstlerische Legitimität, ein Profil, welches die eine Bereicherung für den Freund der Brahmsschen Töne sein kann.


    Ich wollte das nur einmal teilen. Vielleicht geht es jemandem ähnlich, der diese Aufnahmen hört.


    Gruß:hello:

    Glockenton

    Ich verstehe die Frage nicht. Ich schätze es, wenn sie auf einem Cembalo gespielt wird (gerne Isolde Ahlegrimm), kenne ebenso einnehmende Aufnahmen am Flügel (Zhou Xiao Mei etwa) und Bearbeitungen bis hin zum kleinen Kammerorchester (Münchinger, Marriner). Was ist nun die Frage? Anders als Du bin ich durchaus der Auffassung, daß es kein richtig und kein falsch gibt in diesem Punkt.

    Mein Text ist bei Dir offensichtlich auf Verständnisschwierigkeiten gestoßen, lieber Thomas.
    Schau ggf. noch einmal nach:


    Seine (Bachs) Lautensuiten sind der musikalischen Grundidee nach im Wesentlichen identisch mit den Cellosuiten, nur transponiert und harmonisch bzw. satztechnisch angepasst.


    Ähnlich verhält es sich bei der Kunst der Fuge:


    Muss das nun zwingend Cembalomusik sein, oder ist ein Ensemble aus Streichern – oder Streichern plus Bläsern – ebenso „richtig“ oder sogar „authentisch“?


    Der eigentliche musikalische Impuls eines Komponisten liegt ja möglicherweise im Abstrakten: in Harmonie, Rhythmus und Melodie.


    Damit sage ich ja gerade, dass ich Aufführungen mit Orchester und Gesang (!) – wie sie vor einiger Zeit von der Netherlands Bach Society zu hören waren – ebenso legitim und authentisch finde wie Leonhardts Cembaloeinspielung und, meinetwegen, auch eine gute Aufnahme auf dem modernen Flügel (siehe insbesondere den geschwärzten Textteil).
    Leonhardt selbst war übrigens der Ansicht, dass es sich tatsächlich um ein Tasteninstrument handeln müsse – für ihn also um das Cembalo –, und er hat dazu, wenn ich mich nicht irre, sogar eine recht überzeugend begründete wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht.
    Ich hingegen habe genau das ja gerade nicht behauptet.

    Anders als Du bin ich durchaus der Auffassung, daß es kein richtig und kein falsch gibt in diesem Punkt.

    Verkehrt verstanden – siehe oben. In diesem Punkt bin ich ja derselben Meinung, weil ich vom Gedanken der abstrakten Musik ausgegangen bin, vom rein musikalischen Impuls. Bei diesem Werk ist ein solcher Ansatz natürlich weit eher denkbar als etwa bei den Années von Liszt, die man – darüber besteht hoffentlich Einigkeit – auf einem Klavier und besser nicht auf einem Akkordion spielen sollte;)
    Die KdF kann man durchaus auf dem Klavier spielen, die Années hingegen müssen auf dem Flügel vorgetragen werden.


    Wenn es nun darum geht, bestimmte musikalische Ideen praktisch umzusetzen – etwa einen möglichst kantablen Vortrag, feinste Abstufungen in den Begleitstimmen, leicht hervorgehobene Dissonanzen mit ihren entspannenden Auflösungen oder größere melodische Linien –, dann ist jenes Instrument tatsächlich das nachvollziehbar bessere, das die Intentionen des Komponisten und des interpretierenden Pianisten am überzeugendsten trägt und hörbar macht, so dass es vom Herzen zum Herzen gehen kann, nicht wahr.

    Das ändert nichts daran, daß eine Aufführunmg mit modernem, Flügel abenso Gültigkeit hat.Genau das ist aber der Punkt, den ihr (Du und Holger) euch weigert zu verstehen. Und das macht den Austausch hier so unersprießlich. Schade.

    Woran es liegen könnte, dass der „Austausch unersprießlich“ erscheint, habe ich ja zu beschreiben versucht. Sicher nicht an Holger und mir, vielleicht aber eher an einer gewissen missionarischen Fixierung auf die alten Tasteninstrumente.


    Auch hier scheinst du uns missverstanden zu haben:

    Wir sagen doch gerade, dass eine Aufführung auf einem modernen Flügel sehr wohl eine hohe Gültigkeit besitzt – ja, dass sie uns musikalisch oft wesentlich mehr zu geben hat.

    Denn die gesanglichen und generellen klanglich‑expressiven Möglichkeiten des „modernen“ Instruments (die es, wie gesagt, bereits um 1887 gab, wie ein mir bekannter, hervorragend klingender Steinway aus dieser Zeit beweist) übersteigen jene der alten Instrumente hörbar.


    Bei den Streichinstrumenten ist die Lage jedoch eine völlig andere.

    Barockgeigen und moderne Geigen unterscheiden sich für barocke Musik grundlegend: Die heutigen Instrumente wurden auf ein anderes Klangideal hin umgebaut, und das sprechende Spiel der barocken Klangrede gelingt auf den alten Geigen einfacher und natürlicher, was auch am Barockbogen liegt.

    Die Entwicklung der Geigen war schon damals im Grunde bereits abgeschlossen. Eine Jacobus Stainer, etwa von Marie Leonhardt gespielt, klingt für mich in Bachkantaten besser als jede Stradivari.

    Eine Geige, wie sie etwa ASM spielt, klingt natürlich anders und ist für Brahms’ Violinsonaten auch besser geeignet – aber sie klingt nicht grundsätzlich besser, vor allem nicht für Bach oder ältere Musik.


    Bei den Klavieren hingegen war die Entwicklung tatsächlich eine andere: Der Weg zum heute üblichen Yamaha CFX war erst um die Jahrhundertwende mehr oder weniger abgeschlossen, nicht früher.
    Und selbst wenn man das für den Musiker sehr wichtige Spielgefühl als Nicht‑Pianist nicht nachempfinden kann, so kann man es doch hören – jedenfalls meiner Meinung nach.


    Man denke im Übrigen nur an die praktische Umsetzung im Konzertbetrieb:

    Für Schubert bräuchte man ein entsprechendes Hammerklavier, für Mozart womöglich wieder ein anderes, für Bach ein deutsches Cembalo, für Chopin einen Érard usw.
    Wer soll das bezahlen, wer soll diese Instrumente warten und transportieren?


    Ganz abgesehen davon, dass ich aus den mehrfach genannten musikalischen Gründen gar nicht finde, dass eine solche Vorgehensweise klanglich vorteilhaft wäre, ist sie schon rein praktisch kaum realisierbar.


    Auch als Privatperson, die zu Hause vielleicht Platz für ein möglichst hohes Upright-Piano hat, würde ich mich eher für ein ggf. nicht mehr ganz neues Instrument von Bösendorfer, Hoffmann, Steinway, Grotrian-Steinweg, Feurich, Yamaha oder einem traditionsreichen Hersteller wie Steingraeber & Söhne interessieren – sicher aber nicht für ein Hammerklavier, das vom Repertoire her so deutlich eingeschränkt ist.

    Auf Aufnahmen ziehe ich immer das musikalischste, ja: das am schönsten klingende Instrument vor.

    Wenn ein Radu Lupu seinen Brahms auf einem Bösendorfer einspielt, dann ist er authentisch – weil er damit ganz er selbst sein kann und die musikalischen Parameter, die Brahms verlangt, vollkommen überzeugend umsetzen kann.


    Aber bitte: Wenn jemand z.B. für Schuberts Winterreise unbedingt so einen drahtig klingenden Kasten hören möchte – ich erinnere mich dunkel an eine entsprechende Aufnahme, die hier im Forum diskutiert wurde –, dann soll er das gerne tun.

    Solange ich da nicht mithören oder irgendwann gar mitmachen muss oder in diese Richtung mitmissioniert werden soll...


    Gruß:hello:

    Glockenton