Beiträge von Glockenton

    Joseph II. : Die DVDs habe ich ja zum Glück. Als ich sie kaufte, empfand ich vieles davon als langweilig - ähnlich wie Bertarido- aber mit der Zeit lernte ich Böhms Ansatz zu schätzen.

    Ob es sinnvoll ist, sich überhaupt bei Musik-DVDs/Blue-rays das bewegte Bild anzusehen, kann man diskutieren. Man hört definitiv mehr, wenn man den Bildschirm ausschaltet.

    Gerade hier bei Böhm sieht man einen streng aussehenden alten Herrn, der die Musik nur irgendwie zu überwachen scheint. Wenn man jedoch selbst einmal mit Orchestern und Dirigenten gearbeitet hat, dann kennt man diese Prozesse, die beim Musizieren ablaufen, etwas besser, sozusagen aus einer anderen als der Zuschauer- oder Zuhörerperspektive.

    Ich selbst habe vor einigen Wochen als begleitender Pianist mit Musikern des Orchesters Oslo Philharmonie und einem Chor eine CD mit aufgenommen. Da der Dirigent und Komponist für mich in diesem Jahr vorher bei einer wichtigen Messe als Orgel-Vertretung einsprang, habe ich es ihm Gegenzug für ihn gemacht, obwohl es mich von der Arbeitsmenge her anstrengte.

    Was ich aber sagen will:

    Die sozusagen telepathische Verbindung, die Böhm mit dem Orchester hat, kann man nur an seiner rechten Hand und an den Augen erahnen. Er kennt seine Leute so gut, dass er kaum noch etwas machen oder anzeigen muss.

    Aber gerade bei diesen Mozart DVDs hört man m.E. mehr, wenn man nur hört ohne zu sehen.


    Bertarido : Es wäre interessant zu wissen, ob Dich diese Aufnahme der Symphonie Nr. 39 mit Böhm auch langweilen würde, wenn Du sie vorher nicht in der sehr anderen Interpretation Harnoncourts gehört hast. Das kann ich mir kaum vorstellen. Aber es kommt auch darauf an, welche Qualitäten einer Aufführung man überhaupt hören möchte.

    Hier beeindruckt mich wie gesagt die perfekte Balance, die rhythmische Klarheit, das perfekte Zusammenspiel ( auch das Verklingen von Tönen ist z.B. bei der Einleitung exakt zusammen), die Wärme der Streicher und auch der Blechbläser und das durchaus vorhandene Temperament. Es bleibt hinsichtlich der Akzente im Rahmen, wovon aber m.E. der Aspekt des Geschichtenerzählens profitiert. Das ist schon wichtig, dass man in eine musikalische Geschichte mit hineingenommen wird, durchaus auch mit der Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob ich näher zuhören möchte, oder eben nicht. Ob Mozart ein im wagnerschen Sinne Überwältiger ist, ist eben die Frage. Werde ich sozusagen wider Willen durch eine Geschichte durchgerissen, oder bekomme ich sie erzählt?


    Holger : Danke erst einmal!

    Ich habe jetzt Urlaub und damit wieder etwas Zeit gefunden, hier hineinzulesen.

    Der Aspekt der Vorhersehbarkeit der für diese Musik ggf. überbetonten Kontraste ist bei Harnoncourt sicher vorhanden. Aber andererseits ist er auch in seinem Ideenreichtum und seiner Ausdruckskraft tatsächlich genial und teilweise wirklich faszinierend gewesen. Ob es noch Mozart ist, bzw. dem zuträglich ist, ist dann eben die Frage.


    Die von Dir gezeigte Aufnahme....bei meinem Anspielen über JPC klang sie verdächtig nach Mono. Die ist wohl recht alt?

    Aber bei Track 1 haben wir es wieder, diesen wunderbaren Ton des Geschichtenerzählers.


    LG

    Glockenton

    Ja, wirklich sehr schade, dass es dazu nicht mehr kam, denn seine Art Mozart zu dirigieren hätte auf jeden Fall eine bessere Aufnahmequalität verdient, als es damals bei den Aufnahmen mit dem BPO noch möglich war.


    Auch eine Neuaufnahme aller Schubert-Symphonien wäre schön gewesen, aber es gibt ja einige Live-Mitschnitte der späten Konzerte, darunter eine überirdisch mystische "Unvollendete" ( auch mit den Wiener Philharmonikern). Auch die spätere DG-Aufnahme der 5. Schuberts übertrifft musikalisch und technisch die alte Version aus DG-Gesamtaufnahme.



    Gruß

    Glockenton



    PS: Danke für die Aufklärung hinsichtlich des technischen Problems.

    Noch einmal habe ich in die neue Harnoncourt-Aufnahme zum Vergleich hineingehört. Dass es auf jeden Fall sehr faszinierend klingt, höre ich natürlich! Was die Freiheit der Ausdrucksmittel und das Durchleuchten der möglichen Bedeutungen einer Partitur anbelangt, war Harnoncourt auf jeden Fall ein Gigant. Die Frage ist immer dieselbe: will man sich erschrecken lassen oder will man lieber genießen? Es klingt in diesem Fall so verschieden, dass man in diesem Fall daran zweifeln könnte, ob es sich um ein und dieselbe Partitur handelt. Ist das bei beiden Mozart? Ja, schon, wobei das Mozartbild Harnoncourts ein sehr existenziell-dramatisches ist. Irgendwie hat er oft sehr recht, dann aber kommen wegen einer gewissen Unbalance Zweifel auf.

    Wahrscheinlich wäre Mozart von beiden Interpretationen schockiert...


    Wenn es jedoch um den Vergleich mit anderen HIP-Gruppen geht, dann ziehe ich alledings Harnoncourt meistens vor, vor allem gegenüber dem für mich schwer erträglichen Jacobs, aber auch anderen Leuten, die meinen das es mit ruppigen Akzenten und dergleichen schon getan wäre. Herreweghe indes mag ich jedoch hier und da gerne hören.

    Während ich gerade meine iTunes-Bibliothek mit den (viel zu) vielen Harnoncourt-CDs meines im Frühjahr verstorbenen Vaters ergänze, lasse ich diese Aufnahme vom Rechner spielen:



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    ...und höre die Symphonie Nr. 39 mit den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhms Leitung.

    Für mich klar die Referenzaufnahme dieser Symphonie. Im Gegensatz zu Böhms anderer DG-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern steht hier die Aufnahmetechnik den heutigen guten CDs eigentlich kaum nach, vielleicht sogar überhaupt nicht.

    Es stimmt handwerklich, musikalisch und vom Orchesterklang einfach alles. Die Instrumente sind perfekt ausbalanciert, auch die Pauke und die Blechbläser....einfach alle. Die Streicher sind auch im Forte immer im Klang warm und angenehm, doch niemals verschmiert. Alles ist im Gegenteil durch die sehr genaue und perfekte Artikulation und das schon kammermusikalisch zu nennende Zusammenspiel enorm transparent. Die Tempi sind stimmig, so dass man alle schnellen Noten klar nachvollziehen kann, und die fehlende Überpunktierung in der Einleitung ( 1. Satz) empfinde ich als so etwas von wohltuend.

    So sehr ich die Beiträge Harnoncourts zur Gestik, Rhetorik, Phrasierung und Artikulation auch schätze, aber ich höre es in seinem Stil oft nicht mehr so gerne, natürlich immer abgesehen von den CDs, die er mit Gulda aufnahm.

    Eine Aspekt ist hierbei auch, dass ich zwar bei Dirigenten die persönliche Note sehr schätze, aber am liebsten doch den Komponisten und nicht vor allem den Dirigenten hören möchte. Nun sind die alten Harnoncourt-Aufnahmen mit dem Concertgebouw-Orkest durchaus noch vertretbar, obwohl ich mich auch hier manchmal frage, ob es durch die ständig herausgehobenen Blechbläser nicht etwas steif-militärisch und im scharfen Kontrast mit den lyrischen Stellen einfach zu vorhersehbar werden kann. Über Spotify kann ich die späte CD mit dem "Oratorium" der letzten drei Symphonien hören. Hier gibt es - wie zu erwarten- im Detail durchaus erhellende und aparte Ideen, und auch eine große Freiheit im Umgang mit den selbst erkannten Mitteln, aber die Knallereien mit der Pauke und den Naturtrompeten sind derart vorhersehbar und wirken auf mich - wie gesagt- etwas steif, fast wie eine Marschmusik. Das gilt jetzt für den mit dem Concentus gespielten Mozart-Spätstil Harnoncourts, nicht nur für die Nr. 39. Das mitunter scharfe Orchesterklangbild, bei dem es kaum klangliche Verschmelzungen gibt, geht im Punkt "Mut zur Hässlichkeit" weit über das hinaus, was in den 80er- Jahren in Amsterdam eingespielt wurde. Von wegen "im Alter wurde er milder".

    Im Gegenteil: die genannte Oratoriums-CD geht vom rein handwerklichen noch durchaus, aber das auf 3Sat oder arte übertragene Live-Konzert zeigte mir, dass ihm solche Sachen wie Zusammenspiel und andere fundamentale Grundlagen aufgrund seines wahnsinnigen Ausdruckswillens bald egal zu sein schienen. Das wäre ihm in den 80er-Jahren so nicht passiert, meine ich.


    Bei Böhm fallen diese Kritikpunkte weg.

    Wenn ich also die 39 in dieser Böhm-WPO-Aufnahme höre, dann empfinde ich ein reifes Mozartglück.

    Es ist mir auch mittlerweile egal, wie es denn zu Mozarts Zeit klang. Zu Mozarts Zeiten hätten sie einen verstört angesehen, wenn man gesagt hätte, wir müssen den Händel im genauen Barockklang und in genau dieser und jener Spielweise wie zu Händels Lebzeiten aufführen. Den hier zu hörenden Klang des "heutigen" Orchesters mag ich -für Mozart jedenfalls- einfach mehr. Die - wie ich finde- Unsitte heutiger moderner Kammerorchester, es dem COE unter Harnoncourt nachzumachen und Naturtrompeten wegen des schärferen Schmetterklangs einzusetzen, kann ich immer weniger ertragen.

    Die modernen Blechbläser klingen weniger schmetternd, sondern wärmer und voller ( wenn man sie in guter Balance zum Rest des Orchesters einsetzt) und gerade das mag ich.

    Trotzdem klingt es beim Böhm nicht nach Wagner, sondern ausgewogen, warm und in jeder Hinsicht balanciert.


    Aus diesen Gründen möchte ich die o.g. CD unter der Rubrik "wichtige Mozart-Dirigate der Vergangenheit" empfehlen, dabei aber gerne hinzufügen, dass es bei bestimmten Aufnahmen eine gewisse zeitlose Güte gibt. Das ist bei dieser CD m.E. der Fall. Auch die 40-g-moll ist genau jene Aufnahme, die ich von allen Einspielungen am besten ertragen kann. Wenn ich jedoch darauf auch noch einginge, würde der Beitrag zu lang werden.


    Gruß

    Glockenton


    PS: bekomme es wieder mit dem Link/Bild nicht hin. Amazon-Schaltfläche und die ASIN-Nr. in die Mitte, wie immer. Wieso geht es nicht? Habe es sowohl mit Windows-Egde als auch Google-Chrome versucht, aber ohne Erfolg. Verzweiflung, Wut und Schrecken....

    Das liegt an AMAZON. nicht an Die oder uns. Das Bild ist nir mit 1000 Tricks zu verlinken - hat aber den Vermerk: Bild nicht verfügbar....... MOD 001 Alfred

    Ich freue mich, dass ich mit meiner sehr positiven Einschätzung der neuen Brahms-Aufnahme Barenboims offensichtlich nicht alleine stehe. Für mich ist bei der Ersten zwar immer noch der späte Karajan live in Tokyo die Über-Referenz, aber Barenboim macht für mich hier die beste Alternative zu dieser Aufnahme, was auch für die anderen Symphonien im Vergleich zu den Karajan-Aufnahmen ( und den in seiner Tradition stehenden Einspielungen Rattles und Abbados) gilt.

    Auch ich habe recht viele Einspielungen und kenne noch mehr über Spotify-Premium.


    Für diese neue Aufnahme spricht im Übrigen auch die sehr gute Aufnahmequalität. Ich habe es mir als High-Res. von HD-Tracks heruntergeladen.

    Really good, indeed.


    Gruß

    Glockenton

    Höre seit Tagen eigentlich nur eine SACD, nämlich die Gergiev-Aufnahme der Walküre von Wagner:



    Besonders angetan hat es mir das hier kraftvoll und gleichzeitig delikat vorgetragene Hunding-Motiv im ersten Akt. Ich höre es rauf und runter ( ca. bei "Müd am Herd fand ich den Mann" geht es los...), es verfolgt mich sogar nachts in die Träume. Auf dem Klavier liegen die Noten, um Wagners Arrangiertechniken anhand dieses Motivs zu verstehen, auszukosten und davon für eigene Sachen zu lernen.


    Gruß

    Glockenton

    Ich freue mich, hier dem Kollegen farinelli uneingeschränkt zustimmen zu können.

    Auch ich habe viele Vergleiche über Spotify Premium gezogen und bin bei dieser Walküre hängengeblieben. Schon mit der nahezu wie WAV klingenden Auflösung dieses Streaming-Dienstes klingt für mich die Aufnahmequalität sehr ansprechend. Ich sage das im vollen Bewusstsein darüber, dass die technische Qualität einer Aufnahme am Ende sehr wenig von irgendwelchen Samplingfrequenzen und dergleichen abhängt, wenn auf dieser Ebene schon ein gewisses Niveau erreicht ist.


    Die Interpretation des Dirigenten und das Orchesterspiel empfinde ich durchgehend als sehr gut nachvollziehbar, unter die Haut gehend und wohlklingend. Hier könnte man nun sehr sehr viel schreiben, weil ja eben so eine Wagner-Oper sehr lang ist. Jedenfalls hat Gergiev mit seinem Orchester sehr gut gearbeitet. Schon das Vorspiel - so gespielt für mich eines der tollsten Stücke der Musikgeschichte überhaupt- lässt mich niemals ruhig sitzenbleiben. Das ist viel besser als jeder Drogenrausch....


    Die Sänger haben mich bisher überzeugt ( habe noch nicht bis zum Ende durchgehört...)

    Ich finde es gut, wenn das Vibrato unter Kontrolle bleibt, so dass man die einzelnen Töne noch erkennen kann. Für meinen Geschmack sollte man auch eine gute Balance zwischen rhetorischem Engagement und Schönsingen finden. Es darf nicht zum bellenden Sprechgesang werden, andereseits aber auch nicht in bloßer und zahmer Legato-Langeweile ertrinken.

    Sehr wichtig finde ich auch, dass möglichst deutlich und akzentfrei gesungen wird - sorry an alle Sänger aus fernen Ländern...

    So wie ich es höre, ist das hier aber alles gut gelungen.

    Ich bin selbst sehr erstaunt, dass eine russische Produktion auf diesem Niveau daherkommt. Deshalb habe ich mir die SACDs auch soeben bestellt....


    Allerdings dachte ich mir im Überschwang, dass das Rheingold mit Gergiev ebenso toll gelungen wäre. Ich hörte also hinein und war über die slawische Aussprache und den irgendwie gebremsten Auftritt des Alberichs doch recht erschrocken.

    Das kann ich auf die Dauer ehrlich gesagt nicht ertragen, ebensowenig das schon extreme, ausgeleiert klingende Vibrato des Loge in der neuesten Rattle-Aufnahme ( nicht die mit den Berliner Philharmonikern). Dessen Alberich klingt ja wirklich wie ein unangenehmer, böser Bube.

    Um eine Alternativaufnahme zu Bayreuth/Barenboim ( Blueray) zu finden, muss ich wohl noch etwas suchen.

    "Alte Schinken", gar noch aus der Mono-Zeit interessieren mich da nicht. Ich finde schon, dass zu einem Wagner-Erlebnis ein möglichst voller und modern aufgenommener Orchesterklang gehört. Es geht ja bei Wagner weniger um leicht fassliche Melodien, sondern um expressive Harmonien und Instrumentation. Die Sänger "surfen" mit ihren Linien auf eben dieser harmonisch-klanglicher Textur. Von daher verstehe ich nicht, wenn sich jemand in Sachen Wagner nur für Sänger interessieren kann.


    Allerdings verstehe ich gut, dass ein schlechter Sänger eigentlich in der Lage ist, alles zu zerstören, d.h. dass er ein wahnsinnig gut spielendes Orchester, sogar auch seine gut singende Kollegen irgendwie ad absurdum führen kann. Man wird dann ständig auf den Boden der Tatsachen zurückgestoßen. Eine gute Aufführung besteht ja darin, dass man vergisst, wie schwer es eigentlich ist, solche Noten in klingende Musik umzusetzen.


    Mein Traum-Walküre scheine ich also gefunden zu haben. Mir gefällt die Oper wegen ihrer von Anfang an durchscheinenden Ernsthaftigkeit eh sehr gut.


    Gruß

    Glockenton

    Man muss sich, so glaube ich, immer auch fragen, mit welcher Motivation ein Artikel wie dieser überhaupt geschrieben und (weiter-)veröffentlicht wird. Darüber kann man nur mutmaßen.

    Tatsache ist jedoch, dass hier durchaus Negativa aus dem persönlichen Bereich zusammengetragen wurden, wenn auch Lobendes aus dem künstlerischen Bereich anstandshalber hinzugefügt wurde.


    Wäre es möglicherweise etwas naiv anzunehmen, dass das bewusste Bekennen von Sünden, die ein Anderer beging, hier nur aus rein informativen Gründen erfolgte, sozusagen um Öffentlichkeit zu schaffen, damit Missstände abgestellt werden können?

    Es könnte ja schließlich auch sein, dass manche Leute ihn aus bestimmten Gründen einfach nicht mehr an dieser Stelle sehen und hören wollen. Wenn man da mit triftigen künstlerischen Gründen nicht punkten kann, weil man sich damit auf das Glatteis des Fachgebietes begeben müsste, dann nimmt man ggf. auch andere Dinge her, um den erwünschten Abgang des Mannes zu erreichen. Ausschließen möchte ich jedenfalls nicht, dass es sich vielleicht nur um eine Intrige handelt, bei der gezielte Informationen an die Presse durchgestochen wurden.


    Dass Barenboim bei einer Aufführung angeblich den größeren Zusammenhang nicht so richtig herstellen konnte, sei doch einmal dahingestellt. Ob man es selbst auch so gehört hätte, ist nicht sicher, eben weil es auch stark von der eigenen Konzentration des Hörers abhängt. Wenn ich mit hoher Konzentration die gesamte 5. oder 9. in Karajans Interpretation höre, dann erfahre ich auch, dass er es tatsächlich schaffte, einen Bogen vom ersten bis zum letzten Takt zu spannen. Das geht mir aber nicht so, wenn ich mitten in der Symphonie mit dem Hören einsteige, oder wenn ich z.B. spät abends nicht mehr so konzentriert zuhören kann.


    Ich weiß nicht, wie ich es hinsichtlich der hier im Mittelpunkt stehenden Wutausbrüche sähe, wenn ich mir über längere Zeit als unsichtbarer Beobachter ein Bild von all diesen Dingen machen könnte. Wie jedoch der Verfasser des Artikels an die Informationen kam, bleibt unerwähnt. Ebenso bleibt die Frage unbeantwortet, ob es sich hier um belastbare und bestätigte Fakten oder um akribisch zusammengetragene Gerüchte handelt. Aufgrund der Presseskandale der letzten Zeit ( nicht nur wegen Relotius) sehe ich es so, dass man Presseartikel oder Fernsehnachrichten mit einer gesunden Skepsis genießen sollte.

    Wer sich natürlich den Terminkalender derart vollpackt, wird wohl nervlich etwas angespannter sein, als jemand, der sich viel Zeit für Freizeit, Entspannung und Urlaub nimmt. Aber ein eigenes Bild von der Lage kann man sich ja selbst nicht machen.


    "Brahms hin, Brahms her" - das sehe ich aber nicht so!

    Wenn hier ein wunderbarer Brahms als neue CD vorgelegt wurde, was den Katalog der wahrlich nicht wenigen Aufnahmen sehr bereichert, dann ist das keineswegs ein Ausdruck von künstlerischem Stillstand. Dieser Brahms ist - wie ich finde, glücklicheweise- keine Revolution, sondern eine Evolution, d.h. ein reifer Ausdruck eines Lebens mit diesen Werken.

    Wenn es stimmt, dass es wegen Nichtigkeiten Wutausbrüche gab, dann ist das bedauerlich und sollte abgestellt werden.


    Wie jedoch der Brahms ( oder der Wagner, oder der Schumann....) klingt, wird auch nach Jahrzehnten und darüber hinaus die bei weitem bedeutendere Frage sein.


    Gruß

    Glockenton

    Von vielen dieser Dinge wusste ich nichts. Sollte es stimmen, was dort steht- und ich habe jetzt keinen Anlaß, das in Zweifel zu ziehen, dann finde ich es bedauerlich, dass er sich manchmal so verhält.


    Man sollte die Führungsperson Barenboim vom Dirigenten, und den Dirigenten wieder vom Pianisten trennen, wobei es bei den musikalischen Berufen auch gemeinsame positive Eigenschaften gibt.


    Mich hat dieser Thread an sich nur interessiert, weil ich in den letzten Monaten diesen Musiker für mich an sich neu entdeckt habe, hier allerdings den eher reifen bis späten Dirigenten. Seine früheren Aufnahmen, etwa der Brahms-Violinsonaten mit ihm als Pianisten konnten mich im Vergleich zu Anderen nicht besonders überzeugen.


    Sein Repertoire und seine musikalischen Interessen sind ja faktisch wesentlich breiter ausgeprägt, als der Bereich, den ich musikalisch an mich heranlassen möchte. Ich äußere mich zu ihm jetzt also als Interpreten für die deutsche Romantik, sprich Brahms , Schumann und Wagner.

    Hier habe ich für die entsprechenden Werke nicht nur eigene Aufnahmen im Bestand, die ich gut kenne, sondern kann über Spotify-Premium in guter Qualität sehr umfangreiche Vergleiche anstellen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich Barenboims Ansatz als späten Dirigenten überaus mag und bei vielen Vergleichen vorzog, was mich selbst überraschte.


    Das Orchester klingt bei ihm voll, warm und dunkel. Nie nervt er mit übereilten Tempi, sondern ist in der Lage, innerhalb eines ausgewogenen Zeitmaßes die Musik zum Aufblühen und zum Atmen zu bekommen.

    Er setzt die musikalischen Mittel mit großer Erfahrung und Weisheit ein - z.B. nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Agogik.


    Seine neue Gesamtaufnahme der Brahms-Symphonien finde ich zum Niederknien.




    Für mich ist das die erste echte Alternative zu den von mir bevorzugten Aufnahmen Karajans, Abbados und Rattles, die alle aus dem "Karajan-Klang" und seinem typischen Ansatz hervorgegangen sind.

    Bei Barenboims "neuen Brahms" sind es z.B. die leisen Stellen, bei denen er eine derartige Spannung erreicht, dass ich beim Hören die Luft anhalte. Wo andere noch mf-"durchsägen" dirigiert er ein wunderbares weiches piano, jedoch mit mindestens der gleichen Energie, die von einer Note zur nächsten erkennbar wird und aus der Bewegung der Phrase sowie der Harmonik/Melodik herrührt.


    Seine Aufnahme des Parsifal mit den Berliner Philharmonikern verdient wirklich den Status einer Referenz.




    Schmeichelnd dahinströmender Luxusklang im Orchester, durchaus auch mit enormen Ausbrüchen; und musikalisch gesehen finde ich das, was er da macht, äußerst hochwertig und nachvollziehbar. Wenn dann noch gute Sänger, wie die unvergleichliche Waltraud Meier dazukommen, dann freue ich mich schon auf die nächste Mußestunde, bei der ich wieder Zeit für diese Aufnahme habe.


    Auch seine letzte Aufnahme der Schumann-Symphonien ist jene, die ich im Vergleich mit all den anderen großartigen Aufnahmen am Ende behielte, wenn ich nur eine behalten dürfte.




    Für mich ist er als später Dirigent vom Orchesterklang und interpretatorisch klar in der deutschen, von Wagner und Furtwängler geprägten Tradition angesiedelt. Das schätze ich sehr.


    Was den Pianisten Barenboim anbelangt: es gibt wohl kaum einen Dirigenten, der pianistische so gut "drauf" ist, wie eben Barenboim. Da er aber sehr viel macht, sich aber dennoch durchaus sehr schwere Dinge aufs Programm setzt, macht er sich damit natürlich auch mit Leuten vergleichbar, die außer Klavierspielen nichts anderes im Bereich der Musik machen.


    Nicht immer tut er sich damit einen Gefallen.

    Neulich hörte ich ein Mozart-Klavierkonzert mit ihm und den Berliner Philharmonikern......ich glaube, es war auch YouTube. Das Orchester spielte vom Klang einfach edel und wunderbar, eben beseelt und perfekt. Dass er daran auch einen Anteil hat, glaube ich schon. Allerdings habe ich dann doch z.B. Uchida, Brendel oder Gulda im Ohr. Dagegen hörte sich sein nahezu fehlerfreies Live-Spiel dann noch eher danach an, dass man froh war, dass er ohne hörbare Negativa durchaus anständig und passabel durchkam, also nicht steckenblieb, bzw. herauskam.

    Auf dem Niveau der "Nur-Pianisten" hörte ich seine Klavieranteile nicht. Auch das Orchester hörte sich in meinen Gehörgängen einen Hack "höherwertiger" als sein - wie gesagt immer noch enorm gutes- Klavierspiel an.

    Nun lässt er sich offensichtlich von kaum jemanden etwas sagen, schon gar nicht von mir, den er nicht einmal kennt.

    Hätte es aber doch einen Sinn, dann riete ich ihm, das Klavierspielen im Live-Konzert den Spezialisten zu überlassen und sich aufs Dirigieren zu beschränken.


    Wie dem auch sei: Am Ende ist es für unsereiner egal, ob der Mann nett ist oder nicht. Wie es im Konzert und auf den Aufnahmen klingt, ist für uns jedenfalls das Entscheidene.


    Das ist bei Wagner ja nicht anders: es ist am Ende egal, was der damals für Meinungen und Charaktereigenschaften hatte. Neulich las ich, wie jemand sich über Thielemann echauffierte, der es sich "zu einfach" mache, wenn er dazu sagt" C-Dur ist C-Dur". Nein, er macht es sich nicht "zu einfach", sondern er übt seinen Beruf aus. Es geht ja nicht anders. Entweder dirigierst Du Wagner oder Du lässt es gleich bleiben und verfasst Texte , in denen Du all Deinen "Bauchschmerzen" mit Wagner Ausdruck verleihst.

    Du kannst aber nicht mit 2568 Bedenken und Bauchschmerzen in die Probe gehen und dann den Einsatz für die Bässe im Vorspiel zum Rheingold geben. Da muss man voll in der Musik sein.Du brauchst nicht den Wagner als Person zu lieben oder gar anzuhimmeln, aber es ist sehr hilfreich, wenn man diese Musik liebt, denn sie ist nun einmal sehr sehr gut.


    So extrem wie für Dirigenten ist die Situation für den "Nur-Hörer" nicht. Aber auch CD-Hörern kann, ja muss es am Ende egal sein, ob der Chefdirigent auch öfters schlechte Seiten an den Tag legt oder legte. Böhms Proben sollen die Nervenkraft seiner ja durchaus extrem professionellen Musiker hier und da überfordert haben. Mag sein - aber ich kann ja gar nicht anders, als bei seiner Spätaufnahme der 5. von Schubert mit den WPO dies alles zu vergessen und mich der wunderbar zelebrierten Musik hinzugeben. Mein Interesse für Barenboims Musizieren ist unabhängig von seiner privaten (Un-)Art.


    Zudem stehen ja wenigstens einige wenige positive Sätze im Text:


    "In Proben mit Musikern kann Daniel Barenboim außergewöhnlich geduldig und ruhig sein, an ein unbekanntes Stück extrem langsam herangehen, um Musikern die Möglichkeit zu geben, die Noten zu lernen. Er kann auch elektrisieren: Über eine Probe von Tschaikowskys Vierter Symphonie erzählt ein Musiker: »Es war unmöglich, sich nicht voll reinzuknien. Er war sorgfältiger und hatte mehr Energie als die meisten 40-jährigen Dirigenten.« »Ich habe als junge Musikerin bei ihm eine Wagner-Oper sofort verstanden«, erzählt eine Akademistin. »Bei ihm entsteht das ganz natürlich, als ob es gar kein riesiges Werk wäre.« "


    Nun denn- da haben wir ja die Dinge, auf die es am Ende besonders ankommt.


    Gruß

    Glockenton

    Höre seit gestern Abend immer bei Gelegenheit in diese Rheingold-Aufnahme unter Rattles Leitung über Spotify-Premium hinein:




    Mir gefällt sehr gut, dass das sehr gut aufspielende Orchester so unglaublich räumlich und luftig aufgenommen wurde. Die Stimmen klingen natürlich und präsent. Als Süchtiger gehört für mich zum Wagner-Rausch auch ein berauschendes Klangerlebnis.

    Es geht mir nicht in erster Linie um "schöne Stimmen", jedoch kann es sein, dass es mich ziemlich stört, wenn zu vibratogeschwängert oder unverständlich gesungen wird.


    Alberich klingt hier sehr typisch nach Alberich, ein unsympathischer, unangenehmer Typ...


    Loge könnte für meinen Geschmack passagenweise mit weniger Vibrato singen.


    Um das letzte Quäntchen Aufnahmequalität zu bekommen, könnte ich mir die Aufnahme in High-Res. herunterladen. Ich weiß jedoch noch nicht so ganz.....werde es wohl demnächst machen.


    Der Parsifal bleibt jedoch ganz klar meine Lieblingsoper.


    Gruß

    Glockenton

    Nun ist es vielleicht an der Zeit, hier einmal etwas über meinen Neuzugang zu berichten.

    Seit ca. einer Woche besitze ich einen neuen Kopfhörer, und zwar den Beyerdynamic DT 1990 pro.


    pic_dt1990pro_16-05_perspective_v1-webartikel_1.jpg

    Aufgrund meiner geographischen Verhältnisse war ich beim Kauf auf Test, Rezensionen und Erfahrungsberichte angewiesen. Was schaute ich mir also an? Alles, was ich irgendwie lesen kann, also Deutsch, Englisch, Norwegisch/Dänisch. Auch auf Youtube gab es eine Menge von Material zu sichten, meistens ins englischer Sprache.

    So eine Recherche gibt einem bisweilen auch Aufschluss über die Absurdität des Menschseins an sich. Viele Leute lieben es, sich beim Reden zuzuhören....

    Zudem muss man versuchen herauszufiltern, was nun ein echter Test oder eher so eine Art Productplacement ist, was ja leider auch auf einen großen Teil der „Tests“ aus den Hifi-Zeitschriften zutrifft ( gestern las ich einen Test, bei dem jemand behauptete, dass er beim Streamen von High-Res-Dateien den Unterschied zwischen einem PC und einem Mac plus jeweils gleichem High-End-DAC heraushören konnte.....nun ja...)

    Eine zusätzliche Schwierigkeit besteht ja darin, dass die allerwenigsten Leute das besprochene Equipment für klassische Musik nutzen. Viele der mich interessierenden Kriterien finden also nicht statt, stattdessen sehr viel Aussagen, wie z.B. Death Metal über die armen Kopfhörer klingt. Ich versuchte also eine Menge zwischen den Zeilen zu lesen und auffällige Gemeinsamkeiten zu finden.


    Kann ich dieses Verfahren für jemanden empfehlen, der sich einen Kopfhörer kaufen will? Nein!

    Nichts ersetzt eigene, ausgiebige Hörvergleiche.

    Habe ich denn nun Glück mit meinem Kauf gehabt? JA !!


    Nahezu alle Besprechungen, egal auf welchem Medium, sprachen vom sogenannten „Beyer-Peak“ der in den Höhen auch bei diesem Hörer nervig werden könne. Doch jedenfalls dieser mein Hörer hat diese anstrengende Höhenanhebung im Bereich der ersten Violinen und ihrer Obertöne nicht, ganz im Gegensatz zum Sennheiser HD800, den ich ja immer noch im Bestand habe und zum Vergleich hören kann.


    Wie klingt er denn nun, der DT 1990?

    Extrem detailliert, entspannt, dennoch natürlich und neutral, mit einer angenehmen, aber immer glaubhaften Grundtonwärme. Die virtuelle Bühne ist groß und wirklich sehr trennscharf, allerdings nicht so extrem wie beim HD800. Es klingt sowohl beim leisen als auch beim lauten Hören angenehm und „musikalisch“. Die Klavieranschläge und auch die Sustainphase eines Klaviertons scheint mir schnell und natürlich zu klingen.

    Es werden zwei Sets von Ohrenpolstern geliefert, wobei das nicht standardmäßig montierte mehr analytisch und weniger grundtonwarm klingen soll. Da ich es aber gerade so wie es jetzt ist als gut und richtig empfinde, habe ich bisher nicht das Bedürfnis verspürt, die anderen Polster auszuprobieren.


    Vergleich zum HD800:

    Wie schon erwähnt, ist die die Bühne nicht jener vom Kopfhörergefühl wegführende, etwas künstlich-virtuelle Raum des HD800, der natürlich auch seine eigene hohe Faszination entfalten kann. Dennoch ist alles enorm trennscharf. Als ich gestern mit dem DT1990 Abend hörte, habe ich einmal erschrocken den Hörer abgenommen, weil ich dachte, dass zusätzlich die Studiomonitore liefen, weil ich bei dieser, wie ich nun feststellte auch technisch hervorragend gelungenen Aufnahme so etwas wie eine Tiefenstaffelung glaubte zu hören, was ja eigentlich nicht sein kann. Ich nehme an, dass es aufgrund der Trennschärfe und guten Lokalisierung zu solchen Effekten kommen kann. Wohl liegt es auch daran, dass ich die Studiomonitore direkt vor mir sehe und weiß, wie meine auf genügend Schlaf angewiesene Frau reagiert, wenn sie den Schrei der Kundry im zweiten Akt oder das "Haha" des Klingsors um 23.50 Uhr aus meinem Zimmer vernimmt, welcher sich gerade darüber echauffiert ( "Pfui!"), dass sich diese Urteufelin ( Herodias war sie, und was noch?) wieder beim Rittergesipp herumtrieb.... ;)

    Der nervige Peak bei 6kHz ist hier nicht vorhanden. Es klingt mir beim DT1990 pro insgesamt tonal besser ausgewogen und einheitlicher. Der HD800 scheint aber – wohl aufgrund auch seiner Höhenanhebung- noch etwas extremer die Mikrodetails herauszuschälen. Wieviel das noch mit dem natürlichen Hören im Konzert zu tun hat, wäre eine andere Frage.

    Der Grundton und die Mitten sind beim HD800 etwas schlanker als beim DT 1990pro.


    Vergleich zum Audeze LCD-X

    Der Magnetostat verfügt über eine noch größere Grundtonfülle und Wärme, kann auch im echten Tiefbass etwas punkten, also in jenem Bereich, der eher im Kino,als in Klassik vorkommt, von Orgelmusik oder Kesselpauken einmal abgesehen.

    Die Mitten sind sehr aufgelöst und die Bühne ist noch etwas breiter als beim DT1990. Die Panorama-Trennschärfe des DT 1990 hat er nicht ganz.

    Der mir am stärksten auffallenden Unterschied findet in den Höhen statt. Diese sind beim LCD-X etwas ins Milde tendierend. Manche sprechen von einem Roll-off, niemand jedoch von „dumpf“, denn das würde auch so nicht stimmen. Meines Erachtens klingt er jedoch schon etwas dunkler, als es der Wirklichkeit entspräche. Dadurch kann, ja muss man ihn auch lauter hören, um sozusagen noch möglichst alles Details mitzubekommen. Aufgrund der enormen insgesamten Auflösung geht das auch, weil ja nichts an diesem Klang nervt. Besonders für Aufnahmen mit zu Spitzen oder gläsernden Höhen wäre er dann die erste Wahl. Allerdings klingen ja gerade die neueren Klassikaufnahmen zum Glück nicht mehr so spitz, wie es in Zeiten des Wirtschaftswunders und der LP manchmal noch in Mode war. Die mir besonders ans Herz gewachsene Parsifal-Aufnahme



    klang mir mit ihm irgendwann zu „gedeckelt“. Auch so manche Bachkantate leidet bei ihm im Chor unter mangelnder Textverständlichkeit, weil eben diese Konsonaten schwer zu hören sind, wenn sie von der Aufnahmetechnik eh schon nicht gerade betont werden ( sollen sie ja auch nicht). Ein Wechsel auf den HD800 brachte in Sachen Wagner jedoch den gegenteiligen Effekt: das war mir bei den ersten Violinen so, als ob sie sich im Forte in meine Ohren hineinsägten (übertrieben gesagt, alles finde hier auf hohem Niveau statt!)

    Ich wünschte mir also einen ausgewogeneren, neutralen, mir behagenden und gleichzeitig auch hochauflösenden High-End-Klang, der dennoch auch ein solides „warmes“ Grundtonfundament bietet. So kam es, dass ich durch die sehr intensive Netzrecherche auf den DT1990 stieß.

    Lange war ich mir auch nicht sicher, ob der Amiron der gleichen Firma nicht doch die bessere Wahl wäre. Nun, den habe ich nicht gehört, allerdings muss ich schon sagen, dass ich mit dem Klang des DT1990 pro für meine Klassik-Tonträger sehr zufrieden bin. Das relaxt-warme Klangbild habe ich ja schon mit dem Audeze. Wenn ich die Möglichkeit irgendwann habe, werde ich jedoch gerne auch den Amiron einmal anhören - natürlich, denn so etwas interessiert mich ja!


    Der Wirkungsgrad des DT1990 ist so, dass man m.E. schon einen Kopfhörerverstärker braucht. Zudem sind seine klanglichen Potentiale hoch genug, die Vorteile eines guten KHVs auch umzusetzen. Ich verwende immer noch den Violectric HPA-V200, der von der Verarbeitung her wie ein Panzerschrank oder ein Volvo 240 Kombi daherkommt. Ich mag das.


    Ach ja: Thema Verarbeitung!

    Die sollte ich schon noch erwähnen, denn sie ist beim DT1990 außerordentlich stabil und hochwertig. Offensichtlich ist dieses „pro“ schon ein echter Hinweis auf die Zielgruppe und nicht nur ein Marketing-Gag.

    Vom Anpressdruck her ist der DT1990 allerdings auch schon eher „pro“. Mir war er am Anfang zu stark, so dass ich ihn einige Nächte über einen Studiomonitor spannte, damit sich das etwas gibt, was auch so funktionierte. Ansonsten sitzt er angenehm und gut auf meinem Schädel.




    Welchen höre ich nun am meisten?

    Im Moment gerade den DT1990, wahrscheinlich auf aufgrund des Neuen-Spielzeug-Phänomens, aber auch, weil ich mit ihm das Thema Kopfhörer und Technik am ehesten vergesse. Ich bin ganz schnell tief drin in der Musik und auch im Aufnahmeraum. Man kann sich die Musiker und Sänger sehr gut vorstellen. Jedes kleinste Atmen und Mitgrunzen des Dirigenten bleibt einem nicht verborgen.

    Für mir zu dunkel erscheinende Aufnahmen greife ich zum HD800, für zu grell abgemischte Produktionen zum gnädigen LCD-X.

    Ich scheue mich noch davor, einen von diesen zu verkaufen, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich es hinterher bitter bereuen würde…


    Fazit: Als Klassikhörer kann ich den Klassikhörern den Beyerdynamics DT1990 pro aus eigener Erfahrung sehr empfehlen. Macht es aber nicht so wie ich, sondern hört ihn Euch-wenn möglich- mit Euch sehr bekannten eigenen CDs ausgiebig im Vergleich an, falls Ihr Euch zufällig auch für einen solchen Hörer in der Preisklasse interessiert.

    Das Schöne an ihm ist ja nebenbei gesagt auch der noch tragbare Preis, wobei man schon sagen muss, dass man ihm einen guten KHV gönnen sollte. Den hatte ich ja zum Glück schon. Die Notwendigkeit eines teuren Extra-Speiseteils mit integriertem KHV ist ja immer auch ein Kaufhindernis, wenn es um das Thema Stax geht. Mich hätte aufgrund eines Nerd-Reviews auf Youtube ( der Typ hat die Kamera immer auf dem Kopf, so dass einem beim Zusehen fast schlecht wird, zudem scheut er auch vor Flüchen eher nicht zurück....) der SR-L300 schon interessiert. Dieser soll- lt. dem Nerd, bei dem ja durchaus auch einige sehr brauchbare und vernünftige Sätze dabeisein können, sogar besser als der SR-L700 klingen, der wesentlich teurer ist und vor allem eine nicht ganz so lächerlich schlechte Plastik-Verarbeitung aufweisen soll ( im Verhältnis zum Preis den Stax aufruft).


    Gruß

    Glockenton


    Jetzt habe ich die Aufnahme bis zum Ende mit dem Audeze-LCD-X über Spotify-Premium gehört.

    Mir gefällt es so gut, dass ich kurz danach die CDs bestellt habe.

    Mit allen Beteiligten es so wundervoll hinzubekommen, ist schon der helle Wahnsinn.

    Es aber komponiert zu haben, übersteigt bei weitem mein Fassungsvermögen.

    Orchestral ist es allererste Qualität, mit so manchem unter die Haut gehenden Ausbruch, den Barenboim schön ausspielen lässt. Noch schöner sind jedoch die zarten und mystischen Stellen.

    Alles im Orchester geschieht in klanglich-musikalischer Hochkultur und mit in den Raum der Musik sich hineinbegebender Emphase. Dieses Orchester ist der reine Luxus.

    Auch die Sänger finde ich sehr gut, wobei ich vor allem bei Waltraud Meier regelmäßig dahinschmelze.


    Alles in allem kann mich das hier sehr begeistern! :jubel::thumbup::thumbup::hail::hail::hail::hail:


    Gruß

    Glockenton


    PS: ich hoffe, dass der Amazon-Link jetzt klappt. Offensichtlich geht es bei mir mit dem Google-Chrome, nicht aber mit dem Windows-Egde-Browser - warum auch immer.

    Ich höre seit Tagen in Wagners Parsifal hinein, erst meine Karajan-CD, dann später diese Barenboim-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern und der wunderbaren Waltraud Meier:


    [jpc]2553544[/jpc]



    Recht verständnislos nehme ich eine negative Kritik bei Amazon zur Kenntnis und höre weiter, vor allem gerne den Schluss des 1. Aktes. Diese Musik gehört für mich mit zum Großartigsten, was sich ein Mensch hat einfallen lassen, Bachs Musik jetzt einmal ausgenommen. Wagner verwendet seine bekannten Leitmotive, aber scheint hinsichtlich seiner Fähigkeiten und seines Ideenreichtums, daraus musikalisch immer etwas Neues zu machen, keine Grenzen zu kennen. Wer sich für eine effektive Harmonisierung und Orchestrierung interessiert, der wird in dieser Gralsmusik seinen persönlichen Gral finden.


    Die Berliner Philharmoniker unter Barenboim spielen den Wagner-Sound mit voller Hingabe, die Sänger finde ich gut und sogar der Chor singt fast nie mit zu tiefer Intonationen bei den heiklen A-Capella-Stellen gegen Ende des ersten Aktes. Das habe ich schon wesentlich schlechter gehört....

    Die Aufnahmetechnik ist gut.


    Ich überlege mir, die Aufnahme irgendwo zu bestellen, schon alleine wegen der Waltraud Meier, die ich als Kundry definitiv am liebsten höre.


    Gruß

    Glockenton

    Die große C-Dur vom Schubert ist ja auch eines der absoluten Highlights in Böhms Interpretationsschaffen. Am Ende ist mir seine Sicht auf das Stück die liebste, dann gefolgt von Wand.


    Die Probe macht mir auch deutlich, dass er nicht nur in der Probe gegrantelt hat, sondern seine Musiker durchaus auch lobte, und das gar nicht so selten.


    Gruß
    Glockenton

    Was der Kennedy sonst so macht, weiß ich ja nicht, will ich auch gar nicht wissen.
    Dass er jedoch seinen Bach sehr ordentlich und auf hohem Niveau mit den Berliner Philharmonikern spielte, habe ich mitverfolgen können.
    Gut, am liebsten höre ich auch da die Elisabeth Wallfisch mit dem Orchestra of the Age of Enlightement- das ist dann schon noch eine andere Welt. Aber Kennedy kann seriös und auf sehr hohem Niveau spielen, selbst wenn er mit Sonnenbrille oder einer Kleidung unterwegs ist, die nicht typisch für die klassische Konzertwelt ist.
    Gerade bei CDs kann einem das ja egal sein. Wichtig ist, dass er als Musiker seriös und sich dem Komponisten unterordnend spielt - eine Frage von innerer Reife und Können. Auch Gulda trat in Cordhose und Pullover auf, aber was für ein Mozart, was für ein Beethoven war das!

    Beim Garrett ist es etwas anders. Für mich hat der sich schon durch seine Rock-Eskapaden das letzte Quäntchen an Kultur kaputtgemacht. Ich keine mit ihm das Brahms-Violinkonzert. Es ist durchaus nicht schlecht, aber ein Vergleich mit Julia Fischer macht dann schon klar, dass es eben doch noch anders geht.



    Was jedoch dieser Currentzis sich leistet, entzieht sich m.E. jeder seriösen Diskussion. Da gibt es sogar wesentlich anständigere Sachen mit Lang Lang, z.B. ein Beethoven-Klavierkonzert ( das erste, meine ich mich zu erinnern) mit dem wunderbaren Christoph Eschenbach als Dirigenten. Eschenbach hätte das Konzert m.E. am besten gleich selbst spielen sollen, aber der Lang Lang bleibt auf weiten Strecken durchaus seriös und ordentlich. Ich hörte es neulich im Radio und wusste nicht, wer das war. Ich dachte mir " wow, endlich mal einer der das anständig, rhythmisch sauber und singend spielt". Als ich dann im DAB-Display des Autos las, wer die Interpreten waren, war ich einerseits überrascht, andererseits auch nicht, weil ich ja das Konzert mit dem Eschenbach als Solisten und Karajan als Dirigenten kannte. Auch da ist mir Reife, Anstand und Kultur in jedem kleinen Winkel des Klanggeschehens aufgefallen. Diese Dinge sind es, die so eine Aufnahme über Jahrzehnte und länger wertbeständig bleiben lassen. Wildes und eitles Geschrammel hingegen kann man - wenn überhaupt- vielleicht einmal hören, danach geht es einem schnell auf die Nerven und man möchte gerne zu Beethoven ( oder wie der Komponist gerade heißt) zurückkehren.


    Die Partitur eines Komponisten ist kein Trittbrett zur eitlen Selbstdarstellung, jedenfalls innerhalb der Welt der echten Kunst.
    Dieser Erkenntnis will sich der Herr Currentzis offensichtlich nicht fügen. Er sollte besser versuchen, mit echtem Können zu überzeugen, statt sich im Mätzchenmachen zu ergehen.



    Gruß
    Glockenton

    Zitat aus der Kritik:


    "....und es vermeidet beim Spiel der Streichinstrumente weitgehend das Vibrato. Das haben andere Ensembles auch schon so gemacht unter Dirigenten wie Christopher Hogwood, John Eliot Gardiner oder Nikolaus Harnoncourt."



    Stimmt auf jeden Fall für Harnoncourt nicht. Für ihn war das Vibrato ein wichtiges Ausdrucksmittel, von welchem er ständig Gebrauch machte. Auch das Non-Vibrato war bei ihm immer eine bewusste Sache, sehr musikalisch begründet.


    Mit dem Anti-Vibrato-Wahn eines Norrington etwa hat Harnoncourts Ansatz hinsichtlich Vibrato gar nichts zu tun.


    Man kann es auf Video-Aufnahmen sehen, man könnte es hören, wenn man den genauer hinhören könnte ( das spreche ich dem Kritiker glatt ab) und ich weiß es auch ja von ihm persönlich, da ich mit Harnoncourt einmal ein Gespräch darüber hatte.


    Ich bin auch mit der Kritik nicht einverstanden, weil der Verriss viel zu zahm ausfällt.


    Was das von Willi gepostete Video anbelangt, kann ich nur sagen: Das ist sehr furchtbar, hat mit klassischer Musik und Kultur schon kaum noch etwas zu tun.
    Der Järvi mag dem einem oder anderen Hörer ungewohnt erscheinen, aber was für eine Klang- und Spielkultur, was für eine Präzision im Rhythmischen uvm. im Vergleich zu diesem peinlichen Auftritt dort. Dirigieren ist kein Selbsterfahrungstrip, Beethoven keine Trittbrett für plakatives Geschrummse. Leider ist es so, dass dieser grausige Clip erstmals die von mir meistens als absurd angesehene HIP-These Alfreds zu bestätigen scheint. Wenigstens ab jetzt scheint sie Gültigkeit zu erlangen. Das ist ganz und gar unerträglich :cursing: , einer ernsthaften Diskussion nicht würdig.



    Diese Symphonie schätze ich sehr in Karajans und Böhms Interpretationen, die beide recht unterschiedlich sind, doch beide auf ihre Weise sehr gut. Auch den Thielemann mag ich, der an den wuchtigen Stil der Vor-Karajan-Zeit anknüpft.
    Bei Hogwood z.B. kann das Problem aufkommen, dass man sagt: " ach ja, alte Instrumente, transparent.....aber dann wird`s irgendwann langweilig".


    Nun könnte ich über viele Interpretationen in diesem Stil weitermachen, aber ich will es gar nicht.
    Die haben alle ein Merkmal gemeinsam: es wird von seriösem Künstlern interpretiert, so unterschiedlich es sein mag.


    Dieser Herr dort und seine Truppe haben jedoch den Boden der Seriösität verlassen. Sie machen Show, und zwar eine schlechte. Ja, und was machen die denn da mit dem Tuch? Was soll bloß dieser Blödsinn? So ein Tuch hat mit den konkreten Noten Beethovens nichts zu tun, aber rein gar nichts.

    Ich bin sehr für gute Unterhaltungsmusik, ob es nun David Foster mit Chaka Khan, Toto, Chick Corea oder die WDR-Bigband sein mag. Aber auch diese Damen und Herren arbeiten als sehr seriöse Künstler. Bei dem Video dort oben sehe ich mehr oder weniger deutlich einen Selbsterfahrungstrip verbunden mit einer zeitgeistig billigen Publikumsanmache sowie neumodischem Firlefanz mit Kindern und Tuch. Verstecken die sich unter dem Tuch vor dieser traurigen Darbietung? Meine Güte! Nein, solches Zeugs hat überhaupt nichts "zu sagen", und nein, der Beethoven braucht so etwas nicht, um auch heute noch verstanden zu werden. Die Musik heißt nicht für umsonst "Klassik", weil sie aufgrund ihrer Qualität die Zeiten überdauert. Solche Versuche wie dort bezweifeln das und wollen dem "in die Jahre gekommenen" Ludvig van mal ein bisschen nachhelfen.



    Ok, ich höre besser auf...muss jetzt auch los um meine Tochter abzuholen.



    Gruß
    Glockenton

    Ich nutze Spotify gerne, gerade im Auto, weil es dann über Apple-Carplay schön über die Autoanlage läuft.
    Aber auch zu Hause brauche ich es oft, um neue Aufnahmen kennenzulernen, auch jene, über die hier diskutiert wird.
    So ist z.B. die neue Brahms-Gesamtaufnahme der 4 Symphonien unter Barenboim schon auf Spotify, während man bei Amazon die CDs nur vorbestellen kann/konnte.
    Wenn ich dann 100% überzeugt bin, bestelle ich mir die Aufnahme noch als CD. Die WAV-Qualität kann ich im Vergleich zu meiner kostenpflichtigen Premium-Spotify-mp3-Auflösung immer noch als ein bisschen besser identifizieren. Welten wie bei früheren schlechten mp3-Auflösungen sind es aber erfreulicherweise nicht. Im Auto sind dann diese Feinheiten eh irrelevant.
    Dennoch will ich die Musik, die mir wirklich gefällt auch immer in der bestmöglichen Auflösung besitzen und bestelle sie dementsprechend dann als CD.

    Dass es auf dieser Plattform keinen High-Res.-Download (oder wenigstens WAV-Download)gibt, finde ich schade.
    Gäbe es so etwas, könnte ich ggf. vom Kauf einer physischen CD Abstand nehmen, wissend, dass man dann auf das mitunter sehr gute Booklet verzichten müsste. Ich rippe ja die CDs dann wieder in Lossless-Qualität auf iTunes ein, einfach weil es anschließend wesentlich bequemer im Zugriff ist und zudem nicht schlechter als die Wiedergabe über den CD-Player klingt.


    Gruß
    Glockenton

    Besonders die hohen Frequenzen sollen übrigens durch die Fazor-Technik bei Audeze verbessert worden sein.
    Ich kann jedenfalls bestätigen, dass so ein LCD-X in diesem Bereich mehr Energien und gefühlte Schnelligkeit liefert, als der eher dunkle LCD-2.
    Es gibt hierzu viele anschauliche Berichte und Tests im Netz - Google weiß wie immer mehr.


    Hinsichtlich des Wirkungsgrades haben sie den LCD-X so verbessert, dass er weniger Leistung als alle meine anderen Kopfhörer benötigt ( z.B. Sennheiser HD800, AKG K701 oder auch Beyerdynamics DT 770 pro 80Ohm. Er spielt auch bei gleichem Verstärkerpegel wesentlich lauter als der LCD-3, wie ich im Hifi-Laden feststellen konnte.



    Gruß
    Glockenton

    Also Mozarts g-moll-Sinfonie ist für mich kein fröhliches Moll-Stück, sondern entspricht dem dramatisch-tragischen Moll-Charakter.


    .....ich wollt es auch grad sagen.


    Bei Schubert höre ich den zweiten Satz der Unvollendeten als traurig, trotz Dur, ebenso das Trio aus dem dritten Satz der großen C-Dur. Dieser Eindruck stellt sich jedoch nur ein, wenn man das Werk als Ganzes hört und seinen Schubert - eben auch aus seinen Liedern- schon kennenlernen durfte. Schubert ist ein Meister darin, seine große sich natürlich nie erfüllende Sehnsucht in Dur auszudrücken. Dieses " wie schön wäre es wenn, aber....." kann einen schon erschüttern. Ebenso das bekannte Ab-Dur-Impromptu für Klavier hat diese Qualitäten, vor allem im Mittelteil.


    Grundsätzlich muss man aber schon sagen, dass Dur normalerweise fröhlich/eher maskulin klingt, während Moll eine traurigeren, weicheren und feminieren Charakter hat. Diese Ausnahmen bestätigen die Regel, welche jedenfalls ab dem Hochbarock harmonisch so empfunden wird, wobei Meister Bach da auch seine speziellen Momente hat, bei denen er diese Regel überschreitet.



    Interessant wird es hinsichtlich der Tongeschlechter für mich bei Schütz: man kann bei ihm eben nicht so leicht feststellen, ob ein Werk nun in Dur oder Moll wäre, weil er ständig mit verdurten (auch Zwischen-)Schlüssen und Querständen arbeitet. Die Tonalität schwebt bei ihm, wenngleich er schon eine Psalmvertonung in Dur oder Moll anfängt, meistens aber mit einem Dur-Akkord endet.Seine Harmonisierungstechnik schwebt in der Balance zwischen dominantisch-funktionalen Verbindungen ( wie sie im barocken vierstimmigen Choral zur Regel erhoben wurden) und modalen Wendungen, die aus der noch älteren Kirchenmusik kommen.
    Gerade deswegen empfinde ich ihn in Verbindung mit seinen Stimmführungen, seiner Wort-Tonverbindung so unglaublich interessant, modern und vorbildhaft für den Kirchenmusiker.
    Dieses Schweben zwischen den Tongeschlechtern höre ich dann wieder beim extrem innovatien Chick Corea, nicht jedoch beim "normalen" Mainstream-Jazz.


    Gruß
    Glockenton

    Ich hatte das große Glück alle 4 Brahms-Symphonien zwischen 1984 und 1988 live (bis auf die 2. sogar doppelt) unter Herbert von Karajan erlebt zu haben. De warme Streicherklang und der satte Klang der Blechbläser haben mir damals sehr imponiert. Daher hat mich dieser Brahms geprägt, auch wenn ich immer neugierig auf andere Interpretationen bin.


    Lieber Kapellmeister Storch,


    da kannst Du wirklich von großem Glück sagen! Wie gerne hätte ich das einmal in genau dieser Kombination live gehört...aber damals hätte ich dazu die Möglichkeiten nicht gehabt.


    Gruß
    Glockenton

    Wie vielleicht bekannt, sind bei Brahms für mich die Karajan-Interpretationen ( DG-Karajan 1 und 3, auch 2, aber die Aufnahmen aus den 60ern und die Spätaufnahmen finde ich noch etwas besser, die späten auch klangtechnisch am besten) das A und O.
    Zu diesen Karajan-Interpretationen ( die Herren mögen mir verzeihen) zähle ich auch DG-Abbado ( BPO) und Rattle ( BPO, Emi).
    Zwar setzen die durchaus ihre eigenen Interpretationen um, jedoch - in meinen Ohren- eindeutig auf der Basis der Karajan-Interpretationen und auch des vollen Karajan-Klangs, den die Berliner Philharmoniker immer noch können, als ob der Maestro sie eben gerade erst verlassen hätte.
    Rattle selbst hat das in einem Interview, welches ich auf Youtube sah, auch ohne Probleme eingeräumt. So ein Brahms wäre ohne Karajans manchmal geradezu fanatisch-akribische Klangvorarbeit so nicht möglich.


    Nun habe ich mich natürlich auch nach Alternativen umgesehen, um einmal einen etwas anderen Brahms zu hören.
    Erst dachte ich, bei Thielemann fündig geworden zu sein, doch seine Tempi ( manchmal mir zu schnell), seine Agogik und sein für meine Vorstellungen manchmal zu wenig genießerisches Klangbild haben mich nach diversen Vergleichen mit Hilfe von Spotify und meinen in iTunes eingerippten CDs doch vom Kauf abgehalten.



    Nun jedoch ist eine neue Gesamtaufnahme herausgekommen, die es als CD im Moment noch nicht gibt, aber auf Spotify schon zu hören ist:




    Barenboim hat also die Symphonien nach seiner Chicagoer Aufnahme noch einmal eingespielt, worüber ich mich sehr freue.


    Wie klingt es nun?
    Sehr romantisch, weniger von der grundsätzlichen Musizierhaltung her am Karajan, als am Furtwängler orientiert, ähnlich auch wie bei Barenboims neulich aufgenommenen Schumann-Symphonien, die ich ausgesprochen schätze.
    Er wird jedoch nicht bei lauteren Abschnitten oder Crescendi schneller - Gott sei Dank.


    Die Tempi sind angenehm ruhig atmend, in sich schwingend und bei dem, was ich bisher genauer hörte, sich genau in jenem schwer zu finden Balancepunkt sich befindend, in dem man nicht mehr über das Tempo nachdenkt und sich voll auf die anderen Dinge der Musik konzentrieren kann. Innerhalb der ruhigen Tempi gibt es eine hohe Dichte von feiner Ausarbeitung, wobei nichts aufgesetzt wirkt und der große Zusammenhang nie verloren geht.
    Barenboim setzt auch agogische Mittel ein, aber irgendwie so organisch, dass es nicht als solches auffällt, sondern eher nach "das muss so" klingt.


    Er liebt den dunklen deutschen Klang. Das Orchester spielt vielleicht mit etwas weniger "Grundwärmedruck" wie das immer bei Brahms sehr groß klingende BPO. Der Sound bleibt hier immer - auch im Fortissimo- angenehm. Sich ins Ohr schneidende erste Violinen gibt es da also nicht.
    Unverbesserliche Romantiker werden diese Interpretationen als ein Grund zum Aufatmen in einer irgendwie entromantisierten Interpretationszeit empfinden. Wer ( wie ich begründet finde irrtümlich) meint, das Brahms eine zackig-eckige Sportsmusik schrieb, sollte diese Einspielungen nicht in Erwägung ziehen. Auch Leute die einen dürren Gerippe-Brahms der offenliegenden Texturen ( vielleicht noch mit Darmsaiten und "mit ohne Vibrato") -aus welchen kaum zu verstehenden Gründen auch immer- vorziehen, sollten bei ihrem Gardiner oder Norrington bleiben.


    Es sind Interpretationen für Leute, die bereit sind, sich auf die Musik selbst einzulassen, die keine "Knalleffekte" oder sonstiges brauchen, um hinter dem Ofen vorgelockt zu werden. Auf seine Wortkargheit angesprochen sagte Brahms einmal " ich spreche durch meine Musik". Genau das kann man hier hören, wenn man denn will, wenn man denn auf die Musik selbst, die ja vor der Komposition nicht existierte, hören will.
    Man nehme sich einen guten Kopfhörer und versinke in seinem Sessel. Eigentlich sollte man danach als ein Anderer wieder aus dem Sessel aufstehen.


    Besonders gut gefällt mir, dass man an vielen Stellen irgendwie meint, zwischen den Zeilen eine durch das Vordergründige und Offensichtliche hindurchscheinende Tiefe und Alterweisheit vernehmen zu können, die einen durchaus betroffen hinterlassen kann. Ich interessierte mich zunächst für Barenboim und hörte dann plötzlich etwas vom -vermeintlichen- Ausgangspunkt, den Brahms vielleicht gefühlt und gewollt haben mag - wunderbar.


    Ich werde mir also diese CDs bestellen, selbst wenn der klangliche Unterschied zur besten Spotify-Premium-Auflösung vs. WAV-file sehr gering sein mag. Barenboim musiziert hier jenen Brahms, den ich mir eigentlich von Thielemann erhoffte.
    Die Karajan- und die zwei karajanitischen Interpretationen sind für mich zwar immer noch die unverzichtbaren, aber hier gibt so viel Schönes zu hören und zu lernen, dass ich es doch auch gerne besäße. Der zweite Satz der dritten Symphonie ist einfach nur himmlisch. So habe ich den noch nicht gehört.



    Für Interessierte habe ich noch einen Link zu einer englischsprachigen Rezension.


    Gruß
    Glockenton


    PS: Tip: den zweiten und den dritten Satz der 3. unbedingt hintereinander anhören. Das Poco-Allegretto macht so erst richtig Sinn, finde ich. Dass könnte man jetzt funktionsharmonisch sogar "technisch" begründen, doch das reicht nicht. Da gibt es noch weitere Ebenen. Der dritte Satz reagiert auf das, was im 2. Satz gesagt wurde.

    Ich habe den Tip bekommen, mir mal den Audeze anzuhören. Hat jemand Erfahrung damit (war es nicht Glockenton? ) ?


    Ja, lieber Holger, das war ich.


    Ich empfehle Dir, den Audeze LCD-X anzuhören. Der LCD-4 wäre vielleicht noch besser, ist aber vom Preis her.....naja, Du musst das wissen, ob er in Deine Preislage fällt.
    Die Audeze lösen fantastisch auf, dabei nicht unbedingt über noch mehr Höhen, um Luftigkeit vorzutäuschen, sondern eher in der Hinsicht, dass Sie wirklich die einzelnen Klangereignisse ( z.B. wenn im Orchester die Oboe unisono mit einem anderen Holzbläser etwas spielt, hörst Du den Mischklang und die einzelnen Instrumenten. Die Bässe sind wahrscheinlich bei diesen beiden Kopfhörern das Beste, was man im Kopfhörerbereich finden kann. Ich räume ein, dass das für einen Klassikfreund vielleicht nicht die Priorität Nr. 1 ist.
    Die Natürlichkeit der Klangfarben ist aber auch hier ein echter Pluspunkt.
    Was mir am besten gefällt: Sie klingen warm, musikalisch, laden zum entspannten Zurücklehnen und Genießen ein, fordern nicht zur Analyse auf, obwohl das auch mit denen geht.
    Die Wärme kommt aus einer Fülle von unten und den Mitten heraus. Die sind total offen, d.h. die Instrumente, wie z.B. die Celli im Orchester oder die Hörner haben wirklich glaubhaften Körper. Ob das noch technisch gesehen neutral ist, will ich nicht behaupten, aber es wirkt auf jeden Fall richtig. Meine Adam-Monitore, die ja von Haus aus "flat" sein müssen, machen da nicht ganz so viel Körperlichkeit.
    Die mittleren Höhen können einem ( beim LCD-X) im Vergleich mit anderen Schallwandlern eventuell etwas zurückhaltender vorkommen. Im internen Audeze-Vergleich ist der LCD-X aber schon "heller" als LCD-3 ( etwas) und vor allem als der König des Darksounds LCD-2. Ungewohnten Hörern wird er wahrscheinlich einfach nur dumpf vorkommen.
    Die ganz hohen Frequenzen ( wie Triangel und solche Dinge) bringt der LCD-X dann wieder mit vollem Pegel. Bei klassischen Gesangsaufnahmen ( auch Chor) kann es sein, dass z.B. ein Sennheiser HD800 die Konsonaten deutlicher herausarbeitet, was der Textverständlichkeit zuträglich ist. Bei Jazz- Popaufnahmen wird es egal sein, weil die ja mit einem Großmembrammikro ziemlich dicht aufgenommen werden.
    Der HD800 ist ohnehin der Meister der großen Bühne und der Transientenschnelligkeit, aber er hat bei ca. 6 kHz einen leichten Peak, der je nach Musikmaterial ( zu hell aufgenommene Streicher bei Aufnahmen der 60er- und 70-er Jahre) im Forte eines Orchester schon einmal nerven kann.
    Wenn Du die Möglichkeit hast, würde ich mir trotzdem den HD800 Peak angeblich gemilderten HD800 S ( der ist neuer, konnte ihn noch nicht hören) auch noch anhören und mit den von Dir so geliebten Stax-Hörern vergleichen. Es ist sehr erstaunlich, wieviele Details der Sennheiser bringen kann. Er ist der einzige Hörer, bei dem man beim Live-Applaus aus dem Wiener Musikvereinssaal einzelne Leute mit ihrem Klatschverhalten heraushören kann. Man muss aber auch dazusagen, dass man in Wirklichkeit nicht derart "gesupert" die Details hören könnte.


    Die Höhen im Bereich der Streicherobertöne und Anstrichgeräusche sind vielleicht für Dich dann der Knackpunkt beim Audeze - aber ich kann und will dem ja nicht vorgreifen. Er ist auch recht schwer, was mich aber nicht stört, da er unfassbar weiche und angenehme dicke Polster hat. Es ist eine Gewöhnungssache.


    Wie bei Stax sollte man auch bei den anderen hier genannten High-End-Hörern einen guten Kopfhörerverstärker verwenden. Es wäre schade, wenn sie an einer Buchse eines Vollverstärker oder eines Receivers unter Wert betrieben würden. Da ich über zwei Kopfhörerverstärker verfüge ( Lake-People und Violectric) sowie über verschiedene "normale" Verstärkerbuchsen, kann ich bestätigen, dass es jedesmal anders klingt.
    Der Violectric HPA-V200 ist mein normales "Arbeitsgerät". Bei den Vergleichsmöglichkeiten, die ich habe, klingt es über ihn am besten, gerade in den Mitten.


    Würde mich interessieren, wie es sich für Dich anhört. Ich ahne, dass Du klanglich einen anderen Geschmack als ich haben könntest.
    Früher waren mir die Staxhörer zu "mittig", d.h. mir fehlte etwas in den Frequenzenden. Deshalb machten sie auf mich manchmal einen langweiligen Eindruck. Das kann sich aber mittlerweile längst geändert haben. Zudem hat sich auch mein Geschmack geändert: Ich höre jetzt gerne freie, volle und natürlich-unangestrengt klingende Mitten, die mir im Lautsprecherbereich ja oft fehlen.


    Die Auswahl kann schwierig sein, wenn viele gute und höchstwertige Hörer gegeneinander antreten. Man staunt nicht schlecht, wie groß doch die Unterschiede sein können. Auch der AKG K812 hat seine Meriten, ist mir aber wegen des Kabels im Kopfbügel zweimal kaputtgegangen, d.h. der rechte Kanal hatte dann einen Wackelkontakt. AKG tauschte dann auch zweimal gegen einen neuen Hörer, aber den zweiten habe ich dann gegen den genießerischen Audeze in Zahlung gegeben.
    Mein Tipp: den Hörer nehmen, auf den man im Vergleich immer wieder zurückkommt und bei dem man sich entspannt zurücklehnt. Das wird bei jedem Interessenten wahrscheinlich etwas Anderes herauskommen. Ab einem gewissen Niveau kann man dann nur noch von "besser für mich" sprechen. Das ist so ähnlich, als ob man hervorragende Interpretationen in der Klassik vergleicht....



    Gruß
    Glockenton

    Theater wird für Wagner allein und ausschließlich für die Gegenwart gemacht und ist demnach notwendig zeitgebunden. Die Vorstellung einer "werktreuen" Inszenierung im Sinne der unveränderlichen, reproduktiven Wiedergabe eines zeitlos-unveränderlich Bestehenden, die philologisch nachweisbar erst in den 20iger Jahren des 20. Jhd. ist, ist Wagner als Kind des 19. Jhd. nicht nur völlig fremd, sie wird von ihm als ein weltfremdes, idealistisches Gedankenkonstrukt ("Monumentalkunst") im Sinne eines radikalen Historismus verworfen.


    Das war ja nicht nur bei Wagner so, sondern bei der ganzen Musikgeschichte vor Wagner war es genau so, sogar noch extremer.
    In dem Wollen, bestimmte Dinge nur zu reproduzieren, geradezu einzufrieren, liegt m.E. auch eine der Gefahren eines HIP-Extremismus, lieber Holger. HIP an sich hat viel Gutes gebracht, den HIP-Extremismus hingegen lehne ich ab.


    Wenn man ein Stück von Mozart z.B. nur noch auf alten Instrumenten, drahtigen Hammerflügeln und in Einfachbesetzung will, und alles andere als" verstellende Bearbeitung" vollständig ablehnt, dann kommt die Frage nach der Existenzberechtigung dieser Kunstwerke für mich automatisch mit auf.


    Musiker sollen keine Museumsmitarbeiter sein, will ich meinen. Ich interessiere mich ja für uralte Musik ( in der Popwelt sind ja Stücke aus 2017 sehr alt...) nicht, weil mich kulturhistorisch interessiert, wie die das damals machten. Musikhören als Museumsbesuch? Für eher nicht, obwohl ich Museen an sich ja sehr gut finde.


    Wenn man jedoch herausfindet, dass z.B. eine Bachkantate oder ein doppelchöriger Psalm von Schütz mit den alten Instrumenten und Spielweisen aktueller und lebendiger klingt, als wenn man es z.B. wie Furtwängler, Richter oder vielleicht Mauersberger macht, dann ist das ja ein sehr großer Vorzug, weil es sowohl das Verständnis fördert und das emotionale Erleben stärkt. Dennoch gilt es m.E. hier die Balance zu halten und auf Bilderstürmereien zu verzichten.


    Auch und gerade die HIP-Szene ist ja nicht gefeit, irgendwelchen wenig historischen Moden hinterherzulaufen. Eine Zeit war es die Temporaserei, dann waren es ein ruppig-unorganische Überakzente (oft beides), dann kam das völlig unhistorische Vibratoverbot ( es ist so, als wenn man den Gesichtsmuskeln verbieten würde, durch Mimik expressiv zu sein), dann wurde alles einfach besetzt ( selbst der 16-Fuß-Bass fehlt bei der belgischen Gesamtaufnahme der Bachkanten) und jetzt gibt es bei einigen die Tendenz, aus den Phrasen den Druck nicht mehr herauszulassen. Immer zieht es weiter nach vorne, kein Abphrasieren mehr, kein Entspannen. Das alles wird auf hohem Niveau zelebriert ( Richard Egarr, Academy of Ancient music), aber es hilft ja nichts. Es klingt auf eine merkwürdige Art flächig und gar nicht mehr sprechend.


    Harnoncourt versuchte, durch Dramatisierung und deutliche Klangrede das Erlebnis und Verständnis zu fördern. Das "Museale", wie er sagte, interessierte ihn nicht. Herreweghe besticht durch den Verzicht auf Extreme, wobei er alle wichtigen HIP-Mittel kennt und auch einsetzt. Er setzt auf Klangschönheit, Balance und Geschmack, weshalb seine Interpretationen oft ein nahezu zeitloses Haltbarkeitsdatum aufweisen ( ich spreche jetzt von Bach oder älterer Musik).
    Diese Herren ( auch Leonhardt) sind für mich gute Beispiele für eine Balance zwischen den Aspekten "historische Mittel zur Verständnisvertiefung einerseits, und Notwendigkeit der "Kunst für die heutige Zeit" andererseits. Ihre Interpretationen haben jetzt schon oftmals den Rang von "Klassikern", eben weil sie hier und da an eine Ebene herankommen, die in die Nähe des Immer-Gültigen, des Zeitlosen heranreicht.
    Wenn ich mir z.B. Gilels mit Grieg-Stücken oder Celibidache mit der Vierten von Bruckner anhöre, dann empfinde ich es ähnlich. Das sind Darstellungen von Kunstwerken, die gültig bleiben werden, obwohl sich immer alles ändern wird und muss. Das mag sich paradox anhören, aber so ist es.


    Interpretationen wie diese schaffen es, den Hörer an den Kern des Kunstwerks heranzuführen. Dieser Kern ist eigentlich bei großer Kunst immer zeitlos und übersteht die Generationen als gäbe es die Zeit nicht, obwohl das Werk eigentlich ausschließlich für die eigene Entstehungszeit gedacht war. Auch hier sehen wir wieder das Paradoxum, welches jedoch nur bei Qualitätsmusik aufkommt.


    Dennoch muss man auch bei den besten Interpretationen aufpassen, dass man nicht sagt: "so muss es sein, es darf nicht anders sein". Wenn man das tut, dann tötet man am Ende die Kunst, denn sie muss sich immer wieder neu verändern.


    Doch ist es eigentlich echte Kunst, wenn man immer wieder die alten Werke anderer Musiker spielt? ( Ein Musiker war früher immer auch ein Komponist....)
    Man muss es in einem Klassikforum auch einmal sagen: Wenn man sich nicht ständig selbst neue Musik schreibt, sondern immer wieder die Musik aus längst vergangenen Zeiten spielt und hört, dann zwingt das schon an sich über den Kunstbegriff grundsätzlich etwas nachdenken.
    Nun bin ich ja Kirchenmusiker und muss selbst ständig komponieren, arrangieren, improvisieren, d.h. ich spiele nicht nur Sachen nach, die andere vor mir sich ausgedacht haben. Das ist viel Ganzheitlicher und erfüllender, als nur reproduzierend tätig zu sein, finde ich.


    Neulich konnte ich mit einer Cellisten der Oslo Philharmonie zusammenspielen. Es war schon sehr erfüllend zu hören, wie da jemand meine eigenen Noten in klanglicher Vollendung spielte und vom Verständnis her praktisch alles schon da war, was man sich so dabei gedacht hat ( Phrasierung, Artikulation, Affekt, Tongebung....), denn die Dame hat es einfach von den Noten her erkannt, was gemeint war.


    Wenn man diese Ebene der selbstgeschriebenen Musik kennt und darin lebt, dann wird einem übrigens auch klar, dass es zwar schon sehr wichtig ist, wie man bestimmte Noten von früheren Meistern spielt, aber es m.E. noch viel wichtiger ist, was da eigentlich steht und was man daraus als Komponist und Arrangeur lernen kann. "Wie erzielten die in welchem Zusammenhang mit bestimmten Intervallen, Stimmführungen und Kontrapunkten, Harmonisierungen, Rhythmisierungen, mit der Formsprache, der Melodie und der Wort-Ton-Verbindung gewisse Wirkungen ?"


    Das sind für mich beim Hören und Studieren noch spannendere Frage, als zu sehen, wie der Interpret das jetzt an der und der Stelle macht.


    Momentan bin ich gerade wieder an Wagners Verwendung des halbverminderten Akkords dran ( z.B. C-moll über dem Basston A....).
    Er kombiniert eine Reihe solche Akkorde mit bi-tonalen Wirkungen mit traditionellen reinen Auflösungen, wie z.B. Dominant-Akkord mit Quartvorhalt, der sich rein in die Tonika auflöst. Er verwendet Traditionelles, geht jedoch frei damit um und erzielt kolossale Wirkungen. So tritt die erste Septime im Bass bei Tannhäuser-Ouvertüre faktisch sprunghaft auf, d.h. ohne Vorbereitung im vorhergehenden Akkord. Wenn man einen vierstimmigen Satz im Barockstil schreiben soll, dann würde der Satzlehrer Dir das das verboten anstreichen. Dennoch klingt es nach "edler Tradition", gar nach Hymme, weil er Techniken anwendet, die zwar noch an Schütz erinnern, dann aber wieder fließend in den romantischen Ausdruck mit Vierklängen und Chromatik übergehen, ohne dass man es richtig merkt. Er schafft es hier, eine überzeugende Balance im Harmonischen zu halten, obwohl er eigentlich mischt. So verhindert er den Eindruck des Stilbruchs, obwohl er Dinge aus verschiedenen Stilen zusammenbringt. Man könnte es auch mit "Qualität" umschreiben....


    Diese Erkenntnisse sind aus meiner Sicht noch wichtiger, als die Frage der Interpretation, bei der das Kunstwerk praktisch außerhalb jeder Diskussion steht ( dennoch ist Karajans Version dieser Ouvertüre von der DG-CD "Wagner Karajan" die beste Interpretation aller Zeiten.... :pfeif: )

    Hauptsächlich ist es die Partitur, die bestimmt, wie es klingt, weniger der Interpret.



    Offene Ohren zu haben und anderen die Ohren zu öffnen, sind m.E. ganz wichtige Dinge für Tonkünstler. So höre und sehe ich z.B. auf Youtube in Entspannungsphasen mir gerne Konzerte oder Seminare mit Chick Corea an. Warum? Weil der geniale Mann die Musik praktisch in sich hat, und mit großer Spielfreude und ach so viel Inspiration und Können praktisch alles auf höchstem Niveau umsetzen kann, wonach ihm gerade ist. Das zu sehen ist einerseits frustrierend, aber auch inspirierend. So habe ich so manches Präludium geschrieben, nachdem ich ihm zuhörte. Nun kann und soll Kirchenmusik nicht wie sein Jazz klingen, aber der Spirit, diese Inspiration und auch die Freiheit im Umgang mit Kirchentonarten, der Harmonike und der Rhythmik kann dann zu einer ganz eigenen Musik anregen und führen.
    Wenn ich mich musikalisch nur in der eigenen Käseglocke aufhielte, dann träte ich auf der Stelle. Je breiter das Spektrum meines Hörens ist, desto besser für die Eigenproduktion, wenn man es so kühl beschreiben will.


    Ich meine also, dass Kunst immer auch ein Prozess ist und sein muss. Es gibt Ergebnisse, die manchmal absolut hervorragend und zeitlos sind, aber der Prozess kann und sollte nie Stehenbleiben, sonst hat es nichts mehr mit Kunst zu tun. Es liegt daran, dass wir auf einer linearen Zeitachse leben - es geht immer weiter. Als Mensch und Musiker bin ich froh, dass ich heute nicht mehr der bin, der ich vor 10 Jahren war.


    Gruß
    Glockenton

    Ich muss arrangieren, komponieren, viel üben und dann noch als "Taxifahrer" für meine Tochter fungieren.
    Zum Musikhören komme ich in letzter Zeit nur noch im Auto.... :(


    Von daher wäre ich froh, wenn ich hier etwas mehr schreiben könnte und berichten, was ich denn gerade höre. Übernächste Woche habe ich Urlaub - vielleicht wird es besser ;)


    :hello:
    Glockenton

    Höre gerade meine Lieblings-CD, wenn es um Sonaten für Klavier und Violine von Brahms geht:




    Auch die Aufnahmetechnik kann mich überzeugen, vor allem jetzt, nach dem ich die Aufnahme über die Adam A7x höre ( ein Nubert AW-1100 hilft ganz unten dezent ein wenig aus). Die Violine nervt nie, auf bei Forte-Passagen und hohen Tönen. Dennoch hört man alle Feinheiten des Anstrichs, und das Klavier schön räumlich dahinter dargestellt, während die Violine auf ca. 10.30-Uhr links platziert ist.



    Wie schön entspannend kann es doch sein, wenn alles passt.


    Gruß
    Glockenton

    Eigentlich wollten wir ja hier nicht über Sänger, sondern über die Frage reden, was "an Karajan dran sei", wobei es dabei ja um die musikalischen Ergebnisse des Dirigenten gehen sollte.



    Auf Spotify habe ich eine Furtwängler-Aufnahme der Tannhäuser-Ouvertüre gehört (Live-Recordings 1944 - 1953) und sie mit der von mir so empfohlenen Karajan-Aufnahme (Wagner Karajan) verglichen.



    In meinen Ohren klingt schon der bei Furtwängler doch eher bald zerschnittene Anfang mit den Bläsern reichlich unkultiviert und irgendwie etwas ärmlich. Wenn die besser spielenden Celli kommen, scheint ein anderer Teil des Stückes anzufangen. Die Celli übernehmen vom Tonfall her nicht wirklich den Anfangsgedanken, was aber an den Holzbläsern liegt. Beim Forte mit den Blechbläsern ist mir schon der Auftakt zu kurz. Immer wieder machen sie hier auch Löcher, die wie unmotivierte Atempausen klingen.


    Bei diesem Anfang kann ich keinen Anflug von verstandener " Größe" hören, will sagen, dass nun eines der größten Werke der musikalischen Menschheitsgeschichte käme. Nun gut, eine gewisse "19.Jahrhundert-Überheblichkeit" kann man da in den eher zackig spielenden Blechbläsern durchaus erahnen ( aber will ich das?), doch der große Bogen fehlt mir. Es gibt Details hier und da, einen rit. - a tempo-Übergang zum schnelleren Teil, genauso vorhersehbar, wie man es von Furtwängler und vielleicht später noch von Thielemann so erwarten würde ( weiß jetzt nicht, wie der das macht). Das zweite Thema im schnellen Teil ist bei Furtwängler wieder fast schon ein neues Stück, den Zusammenhang zum Anfang vergisst man da schnell. Man kann aus meiner Sicht auch nicht sagen, dass Furtwängler auch nur im Ansatz derart am Klangbild gearbeitet habe, wie es Karajan tat. Ich höre da jedenfalls einen sehr großen Unterschied, und meine über die schlechtere Aufnahmqualität Furtwänglers durchaus hinweghören zu können.


    Dass Furtwängler hier nicht ohne ständige Tempowechsel auskommt, stört mich ebenfalls. Auch das ist kontraproduktiv für den Zusammenhang.


    Da möchte ich glatt die gewagte These aufstellen, dass Karajan sich mehr "demütig" ( ein merkwürdiges Wort im Zusammenhang dieser Musik...) in den Dienst des Werks stellt, während ich bei Furtwängler ständig hier und da Hinweise höre, wie jetzt der große Mann eingreift, eingreift und wieder eingreift, antreibt, bremst, anfeuert usw. Vielleicht wurde zu Wagners Zeit tatsächlich so dirigiert - aber ich mag es nicht. Hier jedenfalls empfinde ich so etwas als merkwürdig, wenn nicht sogar furchtbar. Es erscheint mir irgendwie naiv zu sein, sehr zeitgeistig für eben die oben genannte Entstehungszeit der Aufnahme, und auch weiter davor reichend. Selbst wenn die Aufnahme in perfekter HD-Qualität vorläge, hätte sie m.E. keine wirklichen Langzeitqualitäten. Wenn es laut und dramatisch wird, immer auch gleich schneller zu werden, erklingt mir schon als Mißverständnis, gar als gefährlich nah am Amateurhaften, obwohl ich natürlich weiß, dass zwischem dem Schnellerwerden des Amateurs und Furtwänglers der himmelweite Unterschied liegt, dass Furtwängler es auch hätte anders können und überhaupt merkte und wusste, was er tat.


    Beim Hören der Karajan-Einspielung, wie gesagt in der oben genannten DG-Aufnahme "Wagner Karajan" ist es ganz anders: Hier entsteht vom ersten Ton an das Gefühl, an etwas wirklich Großartigem, Einzigartigem, und Kostbarem teilhaben zu dürfen. Mit "Großartig" meine ich auch jenes Gefühl von Mächtigkeit im Sinne von "Naturgewalt", "unendlicher Größe des Universums", der "Ausblick von der Klippe auf unfassbar mächtige Wellen eines Weltmeeres", "Berge, die sich im Sonnenaufgang vor dem Horizont erheben".....usw. Auch das äußerst stabile Tempo-Fundament trägt seinen wichtigen Teil dazu bei.


    Das wagnersche Pathos klingt mir bei Furtwängler irgendwie überholt und sogar durch die Zeit überwunden. Ich kann es nicht so recht ernstnehmen, sondern denke nur " so waren die eben früher". Da käme ich eher nicht auf den Gedanken, dass "unsere Deutsche Musik" die beste und erhabenste der Welt wäre, höchstens, dass man früher so arrogant dachte, und diese Zeit zum Glück vorbei ist.


    Wenn ich jedoch Karajans Aufnahme höre, dann bin ich ständig sehr versucht, mir gerade solche überheblichen Gedanken zu eigen zu machen, oder besser gesagt: ich empfinde es jedenfalls während des Hörens tatsächlich so. Für mich hat er hier tatsächlich eine Interpretation vorgelegt, die noch in 100 Jahren eine zeitlose Maßstäblichkeit für sich beanspruchen wird. Der eigentliche Kern der Musik Wagners wird unter seinen Händen zur einer die Sinne überflutenden Erfahrung, die mit Gänsehaut einhergeht. Wagners Musik kann sehr verführerisch sein, was man gut finden kann oder nicht. Zum Glück ist diese CD auch klangtechnisch perfekt und lässt keine Wünsche offen, was für das Überleben der Aufnahme für spätere Zeiten ja günstig ist.


    Die Spätaufnahme Karajans mit den Wienern und Norman hat ihre Meriten, kann aber musikalisch und vor allem auch klangtechnisch nicht mit dieser erstgenannten Einspielung mithalten ( schade, er hätte eine noch bessere Tontechnik verdient, finde ich).



    Ich schätze ja den Wagner-Dirigenten Maazel sehr und besitze auch diese schöne Wagner CD mit ihm:




    Seine Interpretation gefällt mir wesentlich besser als jene mit Wilhelm Furtwängler, erreicht m.E. aber noch nicht ganz diese zwingende Großbogigkeit. dieses Verständnis von großem Zusammenhang und dieses Gefühl von in der Luft wabernden edlem Weihrauch nicht so stark wie eben bei Karajan.
    Dass die Berliner diese Musik vorher viel mit Karajan spielten, kann man - so vermute ich jedenfalls- hier sogar heraushören.
    Es gibt so manche Übereinstimmungen, ähnlich wie ich es bei Karajans Brahms sehr deutlich bei den Dirigenten Abbado und Rattle mit eben diesem Orchester höre.


    Doch ich bereue nicht, diese Maazel-CD gekauft zu haben. Lässt man die Karajan-Aufnahme weg, so finde ich, dass diese Ein
    spielung der Ouvertüre durchaus zu den Spitzenaufnahmen zählt.
    Es gibt dort auch noch viele Kostbarkeiten zu hören, z.B. den fantastischen Trauermarsch aus der Götterdämmerung, den Maazel hier (wieder einmal, habe noch zwei tolle Aufnahmen mit ihm in genau der Besetzung, einmal Telarc, dann Blue-ray) sehr schön dirigiert.
    Hier singt auch die famose Waltraud Meier den Liebestod, leider von der Aufnahmetechnik zu sehr benachteiligt. Der ganz große Bogen der Karajan-Aufnahmen fehlt hier im Vergleich etwas, vor allem zur Orchesterversion der CD mit den Berliner Philharmonikern.



    Wenn es um diese Wagner-Stücke geht, dann geht mir Karajans Dirigierstil wirklich unter die Haut. Für den Parsifal gilt das aber merkwürdigerweise nicht so sehr, da mag ich sogar andere Interpreten lieber. Aber ich müsste noch einmal hineinhören.



    So meine ich also behaupten zu können, dass Karajans perfektionistische Arbeit am Orchesterklang sich von Generation zu Generation osmotisch bei den Berliner Philharmonikern weiterpflanzte und noch bis in unsere Zeit hinein Früchte trägt.
    Den Berliner Brahmsklang hört man - wie gesagt- bei Abbdo und Rattle noch in schöner Pracht und Fülle.


    Doch darüber könnte man ggf. in einen anderem Beitrag schreiben.



    Gruß
    Glockenton



    Hallo Nemorino,


    ich habe auch diese EMI-Aufnahme.
    Für mich sind die identischen Stücke auf der DG-Aufnahme sowohl musikalisch als auch klangtechnisch überlegen.
    Ich mag hingegen sehr die Meistersinger-Ouvertüre in dieser EMI-Einspielung ( Holger mag sie nicht, glaube ich mich zu erinnern), die mich mit ihrem großem Atem, den langen Anläufen bis zum eigentlichen Höhepunkt und dem strahlenden Orchesterklang zu begeistern vermag. Wenn ich im Radio oder sonstwo andere Interpretationen höre, bin ich meistens enttäuscht....


    Mein persönliches Fazit:
    Man sollte beide Aufnahmen haben, vor allem aber die DG-CD.


    Gruß
    Glockenton