Kopfhörer und klassische Musik – persönliche Erfahrungen und Vergleiche
Ich habe in den letzten Jahren einige neue Erfahrungen mit hochwertigen Kopfhörern gesammelt und dachte, dass es vielleicht sinnvoll sein könnte, sie hier zu teilen.
Der Beitrag ist etwas länger geraten, aber vielleicht hilft er dem einen oder anderen, der auf der Suche nach Orientierung ist.
1. Ausgangspunkt: Meine bisherigen Kopfhörer
Wenn man in diesem Thread zurückblättert, sieht man, dass ich schon einige anspruchsvolle Modelle besessen habe – darunter den Sennheiser HD800, den AKG K812 Pro und den Audeze LCD‑X.
Alle drei habe ich inzwischen verkauft, allerdings aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Wo ich heute gelandet bin, möchte ich im Folgenden schildern.
2. Sennheiser HD800 – Präzision, Bühne, aber tonal nicht ganz ausgewogen

Der HD800 ist vermutlich das schnellste Kopfhörersystem, das ich je gehört habe.
Ein Beispiel: Bei Liveaufnahmen aus dem Wiener Musikverein (Blu‑ray, Beethoven, Thielemann) hörte man bei anderen Kopfhörern oder Lautsprechern ein diffuses, meerähnliches Rauschen im Applaus.
Beim HD800 hingegen konnte man einzelne Personen mit ihrem jeweils eigenen Klatschtempo identifizieren. Die Bühne ist riesig, die Separation der Akteure beeindruckend, und der Hörer schafft eine deutliche räumliche Distanz.
Warum habe ich ihn dennoch verkauft?
- Tonal aus der Balance: Die Höhen waren mir auf Dauer zu hell, besonders bei Violinen.
- Übernatürliche Detailauflösung: Der HD800 lässt einen teils mehr hören, als man in der Realität hören würde. Mikrofone hören anders als Ohren – und der HD800 folgt eher dem Mikrofon.
- Für elektronische Musik ungeeignet: Techno/Trance überforderte er mit seiner analytischen Genauigkeit sofort. Nicht das ich das dauernd höre, aber es zeigt vielleicht eine Tendenz. Für gewisse klassische Musik ist er geeignet.
Trotzdem: Ich hätte ihn gerne als Zweithörer behalten – insbesondere den HD800S. Aber man muss ja auch wirtschaftlich bleiben.
3. AKG K812 Pro – ähnlich schnell, natürlicher, voller, aber leider konstruktive Schwächen

Parallel zum HD800 hatte ich mir den AKG K812 Pro zugelegt.
Er bot eine ähnlich schnelle Transientenwiedergabe, klang aber im Bass, Grundton und in den Mitten fülliger und natürlicher.
Die Höhen waren weniger betont als beim HD800, ohne dass der Hörer insgesamt dunkel wirkte. Die Bühne war groß, aber nicht ganz so gigantisch wie beim Sennheiser.
Klanglich war er für mich oft die angenehmere Wahl – wenn er denn funktionierte.
Das Problem:
Der rechte Kanal wird über ein im Bügel verlaufendes Kabel versorgt.
Genau dort trat immer wieder ein Kabelbruch auf.
Harman ersetzte mir den Hörer dreimal (!) auf Kulanz.
Beim dritten Austausch verlor ich den Glauben an eine dauerhafte Lösung und tauschte ihn, neu wie er war, beim Händler gegen einen anderen Hörer ein.
Durch lange Hörsessions an einer großen Kopfhörerwand in Oslo und durch viele Rezensionen kam ich nämlich auf den Audeze LCD‑X.
4. Audeze LCD‑X – mächtig, warm, beeindruckend, aber am Ende zu dunkel

Innerhalb der damaligen Audeze‑Familie war der LCD‑X seinerzeit der „hellste“ Vertreter.
LCD‑3 und vor allem der LCD‑2 galten ja als ausgesprochen dunkle Hörer („King of Darkness“, wie Audiophile ihn nannten).
Damals wollte ich unbedingt jedes kleinste Anstrichgeräusch hören – und dafür schien der LCD‑X trotz seiner relativen Dunkelheit am geeignetsten.
Was mir aber gefiel:
- Sehr fülliger Klang, exzellente Tiefbässe
- Hervorragend aufgelöste Mitten
- Angenehmer Tragekomfort trotz hohen Gewichts
- Fantastisch für Hörner, Posaunen, Techno und Trance (für Letzteres bis heute m.E. einer der besten Hörer überhaupt)
Aber:
- In den oberen Höhen (ca. 4–8 kHz) wirkte er am Ende doch etwas dumpf.
- EQ kam für mich nicht infrage – ich mag keine künstlichen Eingriffe, und meine auch, dass man deren Konsequenzen am Ende meisten mit negativen Konsequenzen hört.
- Insgesamt war er mir schließlich zu dunkel.
Also habe ich ihn verkauft und wunderte mich, dass es mir nicht so sehr leidtat.
5. Beyerdynamic DT1990 Pro – der verlässliche Arbeiter mit der Verarbeitung eines Panzers

Den DT1990 Pro hatte ich schon länger im Bestand, weil ich seit vielen Jahren vom DT770 Pro aus dem Studiobereich sehr überzeugt war.
Was ihn auszeichnet:
- Crispe Höhen, sehr detailliert
- Für einen offenen Hörer erstaunlich guter Bass
- Transparente Mitten, die mich an den LCD‑X erinnerten, nur weniger „lush“ aber gleichzeitig nicht ganz so linear und homogen
- Bei manchen Aufnahmen – etwa Bachkantaten mit Suzuki – konnte man im Tutti besser hören, dass zusätzlich zum Continuo‑Orgelpositiv ein Cembalo mitlief. Diese Vorzüge teilt er mit dem HD800.
Irgendwann musste ich mir für einige Jahre eingestehen, dass ich viel häufiger zum DT1990 griff als zum LCD‑X.
Also blieb der Beyer – und der Audeze ging.
6. Beyerdynamic DT1770 Pro – geschlossen, kräftig, erstaunlich linear

Da ich auch mit Cubase und Studio‑Setups arbeite, kam später noch der DT1770 Pro dazu.
Er nutzt die gleichen Tesla‑Treiber wie der DT1990, ist aber geschlossen.
Was zeichnet ihn aus?
- Noch bessere Basswiedergabe
- Räumlich naturgemäß etwas enger, aber für mich kein Nachteil, eigentlich kaum hörbar
- Über die Jahre wirkte er auf mich sogar linearer als der DT1990 – allerdings nur im direkten Vergleich hörbar
7. Einstieg in die Stax-Elektrostaten: Die Stax L‑Serie

Da ich auch Elektrostaten von Martin Logan besitze, wollte ich irgendwann die Stax‑Lambda‑Reihe ausprobieren: L300, L500 und L700.
Der Verkäufer in Oslo wollte mir eigentlich nur L500 und L700 vorführen – und hoffte natürlich auf den L700‑Verkauf.
Doch es kam anders: Ich entschied mich für den L300, den er nur zufällig herumliegen hatte, den ich aber anschloß, sobald er den Raum verließ....
Warum der L300?
- Für mich bot er die gleiche Transparenz und Natürlichkeit wie die größeren Modelle
- Gleichzeitig etwas mehr Sparkle in den Höhen
- Und er war der günstigste – was mich aber nicht störte
Eine Zeit lang konnte ich ihn noch direkt mit dem HD800 vergleichen.
Er war ähnlich schnell, ähnlich räumlich – aber ohne die nahezu künstlich übertriebene Bühne des Sennheisers und tonal ohne diesen Höhenpeak.
Eine Einschränkung gibt es beim L300: Der Kopfbügel ist konstruktiv tatsächlich eine Art Sollbruchstelle, und wie bei vielen anderen Besitzern brach auch bei meinem Exemplar nach einigen Wochen das Plastik. Glücklicherweise fand ich über eBay einen japanischen Anbieter, der Metallbügel für den L500/L700 verkauft – und diese passen problemlos auch auf den L300. Seitdem nutze ich den Hörer mit diesem stabilen Ersatzbügel, und damit ist das Thema dauerhaft erledigt.
8. AKG K712 Pro – unterschätzt, aber einzigartig

Den K712 Pro besitze ich ebenfalls seit Jahren.
Anfangs hörte ich ihn wenig, da ich die das Klangbild mehr trennenden Modelle von Beyerdynamics vorzug, doch inzwischen nutze ich ihn immer häufiger.
Seine Stärken:
- unschlagbarer Tragekomfort
- fast so große Bühne wie der HD800
- sehr gute Transparenz und Auflösung, dabei nicht nur sezierend, sondern auch verbindend.
- spielfreudig und leichtfüßig
- deutlich bessere Basswiedergabe als der K701
- insgesamt macht er für sich genommen einen schön linearen Eindruck
Ich werde ihn vermutlich nie verkaufen.
9. Die Sennheiser‑600er‑Serie – und warum der HD650 mich sehr überraschte

Durch viele Reviews und Vergleichsvideos wurde ich auf die legendäre Sennheiser‑600er‑Serie aufmerksam, die immerhin schon 1993 "geboren" wurde.
Besonders in Kunstkopf‑Vergleichen auf YouTube klangen diese Hörer bei meinen Recherchen dem Originalsignal verblüffend ähnlich – deutlich näher als etwa ein HD800/HD800S oder ein AKG K701/K702.
Ich fand schließlich einen wenig gebrauchten HD650 (von 2023, neue Polster) und kaufte ihn vom Erlös des DT1990 Pro.
Tatsächlich erwartete ich eine gewisse Enttäuschung – Stichwort „Sennheiser‑Vorhang“.
Doch das Gegenteil trat ein:
Der Sennheiser HD650 ist für mich der natürlichste und neutralste Hörer, den ich je auf dem Kopf hatte.
Rein von den natürlichen Klangfarben und der tonalen Balance ist der HD650 das Beste, was ich je gehört habe – sogar noch etwas natürlicher als der ganz hervorragende Stax L300, der -nur im direkten Vergleich- minimal heller wirkt.
Was mich beim HD650 beeindruckt:
- Das Gehirn erkennt sofort: „Ja, genau so klingt diese Stimme oder diese Barockoboe wirklich.“ Es ist eine schwer erklärbare Intuition, die einem sagt: das passt!
- Stimmen haben Fleisch, Celli und Kontrabässe vollen, warmen Grundton, Oboen und Klarinetten Korpus.
- Bei einer Aufnahme hatte ich neulich das Gefühl, akustisch um die Barockpauke herumgehen zu können.
Die Bühne ist zwar kleiner als beim K712 Pro – eher wie ein paar Reihen weiter vorne im Konzert.
Von „enger Bühne“ zu sprechen, wie es manche tun, wäre jedoch Unsinn.
Es werden über diesen Hörer im Netz so manche Gerüchte verbreitet. Manche stimmen, manche aber auch nicht.
Er klingt nämlich gar nicht dunkel, sondern - wie ich finde- einfach nur richtig.
Aus meiner Sicht ein echter Volltreffer.
11. Welcher Hörer für welche Musik? – meine aktuelle Praxis
Stax L300
Ideal für hochauflösende Aufnahmen mit großem Raum, z.B.
Harnoncourt, Matthäus‑Passion (3. Aufnahme), DVD‑Audio 24/96.
AKG K712 Pro
Für lange Filme oder Serien – leicht, bequem, räumlich, spielfreudig, auch EDM, aber das höre ich wie gesagt selten.
Beyerdynamic DT1770 Pro
Für mächtiges Bassfundament: Orgel, EDM, große Orchesterwucht, ebenfalls sehr gute Auflösung.
Sennheiser HD650
Für Bachkantaten (z.B. Suzuki) und alles, was nach natürlichen Klangfarben verlangt.
Er zähmt die bei Martin Logan und Stax oft zu stark hervortretenden metallischen Formanten eines Peter Kooij und der japanischen Tenöre, ein Obertonproblem, das hauptsächlich im Tutti auftreten kann.
Allerdings muss man erwähnen: der HD650 hat 300 Ohm und braucht daher einen kräftigen Kopfhörerverstärker. Es kann sein, dass er sonst tatsächlich ins Langweilige abrutscht - meine Vermutung.
Ich muss für ihn meine beiden KHVs deutlich weiter aufdrehen als bei allen anderen Hörern.
Vor allem der Violectric V200 treibt ihn jedoch mit seiner überdimensionierten Elektronik mühelos an.
Den HD650 würde ich nicht an die Kopfhörerbuchse eines Vollverstärkers oder CD‑Players hängen – dort schöpft er sein Potential kaum aus.
Warum ich das alles mache....
Vielleicht halten mich manche wegen der vielen Hörer und des langen Textes für komplett verrückt.
Nun, damit werde ich wohl leben müssen.
Mir geht es darum, der imaginierten Realität so nahe wie möglich zu kommen – eine Art akustisches Holodeck, falls den Begriff jemand aus Star Trek kennt.
Es ist wie ein Raum, in dem man Kirchen oder Konzertsäle „betreten“ kann und die besten Musiker für einen persönlich spielen.
Mit einer guten Kopfhöreranlage und hochwertigen Klassikaufnahmen kann diese Illusion erstaunlich real werden. Wenn musikalisch alles sehr gut ist, nimmt mich die bessere Wiedergabequalität emotional mehr mit, weil ich einfach mehr Dinge hören kann, die auf der Aufnahme enthalten sind, z.B. wie musikalisch ein Viola im Barockorchester gespielt wurde. Bei schlechten Systemen gehen solche Dinge unter.
Mit einem guten Kopfhörer vergisst man die Nachteile der Lautsprecherwiedergabe – vor allem die eigentlich nie positiven Einflüsse des eigenen Hörraums.
Übrigens stört es mich überhaupt nicht, dass die meisten Aufnahmen keine genuinen Kunstkopfproduktionen sind.
Eben diese typische „Kopfhörerperspektive“ bei eigentlich für Lautsprecher gemasterten Aufnahmen empfinde ich gar nicht als Nachteil – im Gegenteil: Ich mag dieses Gefühl, mitten in der Musik zu sitzen.
Und auch wenn es mir eh keiner glaubt:
Ich mache das alles nur aus musikalischen Gründen. Hauptsächlich jedenfalls…
Gruß
Glockenton
PS:
Wenn ich mir einen der verkauften Kopfhörer zurückwünschen dürfte, wäre es der AKG K812 Pro – dann allerdings mit einer deutlich solideren Kabelführung im Bügel. Er ist ein analytischer Kopfhörer, aber einer von der seltenen Sorte, die trotz ihrer Präzision eine starke und unmittelbare emotionale Bindung zur Musik herstellen.
Wenn ich alle Hörer bis auf einen abgeben müsste, würde es auf eine Entscheidung zwischen dem HD650 und dem L300 hinauslaufen.
Wirklich festlegen könnte ich mich kaum – im Moment würde die Wahl vielleicht sogar auf den HD650 fallen. Und das verblüfft mich geradezu.