Beiträge von Glockenton

    Lieber Holger,


    habe gerade in die Aufnahme hineingehört. Sie spielen tatsächlich nicht ganz perfekt zusammen ( am Anfang), aber es klingt musikalisch unter Krips. Die Aufnahmequalität ist angesichts des Alters tonal erstaunlich ok, abgesehen vom Grundrauschen und hier da komprimierten Dynamikspitzen. Gewöhnungsbedürftig finde ich, dass das Orchester stereomäßig sehr in die Breite, dafür aber wenig in die Tiefe gezogen wurde. Das Fagott kommt z.B. scharf von rechts. Wahrscheinlich mochte man das damals so. Das Klavier hingegen erklingt etwas hell und kühl-dünn intoniert aus der Mitte, fast wie Mono.

    Es ist schon ein klassisch ausbalanciertes Musizieren, nicht so ganz weit weg von Böhms Stil, vielleicht etwas mehr mit gelösten Zügeln.


    Giulini habe ich zunächst auch durch die ABM-Begleitungen näher kennengelernt. Die guten Erfahrungen haben mich dann zu seinem Beethoven (6) und Bruckner (9) gebracht.

    Ein sehr seriöser und individueller Musiker war er auf jeden Fall. Er und ABM waren bei Beethoven m.E. das, was man heute als Dreamteam bezeichnen würde.


    LG:)

    Glockenton

    Die Neunte unter Giulini werde ich mir noch anhören - guter Hinweis!


    Was die Pastorale angeht, bin ich mit dem englischsprachigen Kritiker uneins. Punktesysteme sehen zwar objektiv aus, sind aber auch nur ein scheinbar objektiver Ausdruck der Subjektivität des Kritikers.

    Wenn es schon Punkte sein sollten, dann hätte ich als Kritiker der EMI-Aufnahme 10/10 verliehen, was das Musikalische anbelangt.


    Nun habe ich diese Aufnahme auf TIDAL mit der Sony-Einspielung verglichen, die m.E. nicht die Qualität der EMI-Einspielung mit dem New Philharmonia Orchestra herankommt, obschon es ein naturgemäß sehr ähnlicher Ansatz ist.

    Da ich die meine CD auf SSD /iTunes und die La Scala-Aufnahme über Tidal im direkten Zugriff habe, kann ich abschnittsweise, wenn ich will auch Phrase für Phrase vergleichen.


    Zwei Gründe für meine erwähnte Präverenz möchte ich nennen:


    1.

    Im ersten Satz ist die Artikulation der Streicher des New Philharmonia Orchestras mustergültig, d.h. klar, weder zu kurz, noch zu klang, nicht verwaschen und nicht überzeichnet.

    Bei La Scala Philharmonic wird im Vergleich dazu bei den kurzen Noten etwas unklarer und faktisch "länger" artikuliert, was mich hier nicht so überzeugt.

    Das Schöne an der New Philharmonia-Einspielung ist unter anderem dieses Parlando, d.h. es wird eine anrührende Geschichte erzählt, ähnlich wie es auch bei Furtwänglers Stockholmer Aufnahme zu hören ist, aber - wie ich finde- hier fast noch besser. Die vielgepriesene 6. mit Böhm wird ja auch in der Kritik angeführt. Auch bei Böhm gibt es diese erzählerische Qualität, allerdings für mich doch viel stärker in der auch klanglich besser abgebildeten Schubert-Symphonie dieser DG-CD, die für mich absolute Referenzqualität hat. Böhms immer sehr gelobte Pastorale von Beethoven kommt in der genannten Aufnahme für mich leider nicht ganz aus einer gewissen schulmeisterlichen Steifheit/Korrektheit heraus. Vielleicht, ja sogar wahrscheinlich klang es unter Böhm einen Monat später wieder anders. Das ist einfach so, selbst wenn das interpretatorische Grundkonzept (welches ich bei Böhm als tadellos ansehe) unverändert ist.


    2.

    Der Orchesterklang ist bei New Philharmonia mittiger, runder und voller als bei La Scala. Ich kann hier nicht finden, dass die Bässe bei La Scala "bässer" wären, eher im Gegenteil. Aber vor allem die Violinen und die Bratschen klingen wie gesagt etwas dichter und mittiger. Ich habe es hier über die Adam A7x-Studiomonitore und ein Audiointerface von PreSonus abgehört. Ich könnte es noch über meine große Anlage mit den Klipsch RF7 III hören, aber da würden die Unterschiede erfahrungsgemäß noch deutlicher herausgestellt.

    Das ganze Orchester an sich klingt für mich bei New Philharmonic harmonischer und transparenter, dennoch voller und auch größer.

    Nun lässt sich schwer nachträglich feststellen, ob es an der Aufnahmetechnik oder an den Orchestern selbst liegt, dass diese Unterschiede hörbar werden.

    Ich schätze, dass es zu ca. 70 % an der anderen Aufnahmetechnik liegt, aber das ist reine Spekulation.

    Was die Artikulation angeht, wie in Punkt 1 beschrieben, liegt es natürlich am Orchester, oder vielleicht auch am Dirigenten, der es zu zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach anders haben wollte ( wahrscheinlicher).


    Natürlich finde ich beide Aufnahme gut, völlig klar! Aber wenn man da auf die Unterschiede hört, ist für mich die EMI-Aufnahme doch noch die am besten gelungenste. Bei der DG-Aufnahme mit dem LSO hatte Giulini ein anderes, schnelleres Tempokonzept. Das ist natürlich OK, aber der Reiz der furtwänglerischen Tempi, dieses Gefühl, als ob Hans Paetsch eine Märchengeschichte auf einer Kinderplatte vorliest, das geht dann ja etwas verloren.


    Jedenfalls bin ich froh, diese schöne Aufnahme zu kennen. Zusammen mit Thielemanns Wiener Einspielung stellt sie für mich die Referenz dar.

    Da ich von Karajan ein Weltuntergangsgewitter gewohnt war, musste ich mich erst umgewöhnen, als ich sie Giulinis CD - übrigens auf Willis Empfehlung- damals kaufte. Den ersten und zweiten Satz schloss ich in dieser Lesart sofort ins Herz. Jetzt finde ich aber auch, dass das Gewitter so "besser" ist, denn es ist immerhin "nur" ein Sommergewitter, nicht der Weltuntergang im Stile des Films "2012"....


    Gruß

    Glockenton

    Ja wirklich, es ist sehr spannend, denn allein durch die Art der Bewegungen erzielt ein großer Dirigent einen speziellen, nur bei ihm so zu hörenden Klang. Karajan meinte ja, dass es so klänge, wie einer schlüge.


    Zu diesem Dirigenten vergaß ich zu erwähnen, dass er mit den Jahren immer weniger mit dem Oberkörper machte, allein schon, weil er ja bekanntermaßen ein Rückenleiden hatte.

    Ich habe da eine DVD, auf der er Bruckner live dirigiert. Von hinten sieht es aus, als wenn er sich kaum bewegt, nur leicht vornübergebeugt. Von vorne hat er praktisch einen ganzen Satz der Symphonie lang die Augen geschlossen, kaum Einsätze gebend. Aber mit den Wiener Philharmonikern funktionierte das offenbar sehr gut, eben weil die ihn ja schon seit gefühlten Ewigkeiten kannten.


    Warum es so ist, dass die Körpersprache einen nicht unerheblichen Einfluss auf das Klangbild hat, ist nur rudimentär zu erklären. Man stößt da schnell an Grenzen und muss wohl akzeptieren, dass es Dinge gibt, die ganz offensichtlich vorhanden sind, aber sich einer naturwissenschaftlichen Untersuchung erfolgreich entziehen. Deswegen finde ich es ja so spannend.

    Am Ende kommt es darauf an, dass man "es" hat.


    Wir mussten im Studium einmal für Haydns Schöpfung als Kirchenmusiker mitsingen. Es ging darum, dass Dirigentenschüler sich ausprobieren sollten. An einer bestimmten Stelle sagte die Lehrerin ( Grete Pedersen): "Darf ich einmal"? Dann dirigierte sie die entsprechenden Takte, ohne etwas zu proben oder zu sagen. Du hättest nicht geglaubt, dass es dasselbe Orchester war. Es klang 100% mal besser. Da habe ich vorgeführt bekommen, was es bedeutet, wenn man "es" hat....


    LG

    Glockenton

    Schön wäre von daher, so einen Film bei Youtube mal mit Dir durchzugehen, wo Du dann erklären kannst, warum so ein Dirigent da macht....

    Lieber Holger,


    das wäre vor allem dann schön, wenn wir den Film zusammen bei mir oder in Münster sehen könnten.

    Über das Medium eines Forums wird das etwas umständlich...


    Aber es ist ein unglaublich interessantes Thema.

    Jeder der von Dir genannten Dirigenten hat eine ganz andere Körpersprache. Manche dirigieren wirklich "vorbildlich", also ein bisschen in Richtung Lehrbuch, mit den Schlagfiguren etc. Mir sind da die Herren Maazel ( z.B. Wagner, Ring ohne Worte, Blue-ray), Sohn Järvi und auch Norrington aufgefallen ( dessen Ergebnisse ich selten mag). Auch Rattle ist da richtig gut, vielleicht etwas freier.

    Mit den kurzen Winken, die z.B. Herreweghe macht, kann ein "normales" Orchester wahrscheinlich gar nichts anfangen. Wenn Du in der Hochschule so dirigierst, fällst Du garantiert durch.

    Dennoch ist Herreweghe vom Ergebnis her aller Wahrscheinlichkeit nach wesentlich besser, als all diese Hochschullehrer....

    Auch die flatternde linke Hand Furtwänglers ( da gibt es ein tolles Video, bei der er die Chaconne des Finalsatzes der Vierten von Brahms dirigiert, Wahnsinn) verfehlte Ihre magische Wirkung nicht, aber mit der reinen Lehre des Dirigieren hat es gar nichts zu tun.


    Böhm war eher ein strenger Aufseher der Musik. Er war von Strauss inspiriert, der meinte, dass man hauptsächlich mit dem rechten Arm arbeiten sollte.


    Dann gibt es die Magier, z.B. Celibidache. Es ist ein Genuss sich anzuschauen, wie er die 7. von Bruckner für das Versöhnungskonzert mit den Berlinern probt und dirigiert.


    Harnoncourt, von der Alten Musik herkommend, war eigentlich kein gelernter Dirigent, was man auch sah. Aber im Laufe der Jahre wurde er auch besser, d.h. er wusste schon, was man machen muss, dass dieses Band zwischen ihm und dem Orchester existiert. Ich habe ihn wohl zu oft gesehen, denn mein Professor sagte mir an der Hochschule einmal, dass man eigentlich nicht mit geballten Fäusten dirigieren sollte....:D


    Solti sehe ich auch gerne, mag vor allem seine Proben. Dass er mit den Ellenbogen immer diese Ausleger machte, stört mich da nicht.


    Abbado zelebrierte ekstatisch und diszipliniert zugleich, er brachte seine Forderung des Aufeinanderhörens, der disziplinierten Hochspannung und der innerlichen Ekstase zusammen.


    Karajan und Thielemann sind sehr individuell in ihrer Körpersprache.

    Die singuläre Metaphysik Karajans konnte grandios funktionieren ( er wusch ja eigentlich imaginäre Wäsche, verband die Töne seines Legato-Klangstroms ineinander, und zwar mit geschlossenen Augen; bei wuchtigen Passagen schlug er die Arme von über dem Kopf bis ganz hinunter parallel, dazu die autoritäre Kieferpartie. Wenn es nicht funktionierte, dann konnte das auch grandios scheitern, wie man in Büchern anhand von Aussagen der Orchesterleute lesen kann. Ich nehme aber an, dass es selten vorkam. Seine Art zu dirigieren konnte auch nur mit den Orchestern funktionieren, die auf ihn eingestellt waren, d.h. mit den Berlinern und den Wienern, auch den Symphonikern.


    Thielemann macht bei spannungsreichen Sachen gerne eingewinkelte Knie und lehnt sich dabei mit dem Oberkörper nach hinten, dazu die Hände ganz nach unten, kleine Akzente in die Luft mit den Fingernd winkend. Oder er beschäftigt sich gerade mit den ersten Geigen und beugt sich zu denen herunter, so als ob er denen etwas wie ein Kellner serviert....

    Es sieht irgendwie sehr konservativ aus, gegen alles, was so an Hochschulen erzählt wird.

    Ach ja, wie sehr ich das liebe, gerade das.

    ;)


    Nagano nickt vor entsprechenden Einsätzen ( Vorspiel Parsifal) gerne mit geschlossenen Augen zu jemanden hinüber, als wollte er sagen " ich fühle, was Du jetzt machen willst, tu es, Du hast meine volle Unterstützung, ist genau das, was wir gleich ( in 1s) brauchen werden." Faszinierend.


    Effektivität ist das Stichwort, auf das es ankommt. Je weniger Du machen musst, umso besser. Wenn also jemand wie ein Irrer vor dem Orchester herumtanzt und springt ( ich verzichte jetzt darauf, den Namen zu nennen....) , sich also seine ganzen Affektionen aus dem Leibe schwitzt, dann trifft das bei den "alten Säcken" eines guten Orchesters auf jeden Fall auf Verachtung.


    Man kann von der Kunst des Dirigierens die Frage, wie geprobt wird, eigentlich nicht trennen. Da geschieht die eigentliche Arbeit, gerade bei Leute wie Herreweghe. Von dem gibt es im Netz kaum Probenausschnitte, sehr schade.


    Gerade in der Coronakrise, in der Hinz und Kunz mit seiner Musik ins Netz drängt, fällt einem übrigens auf, wie sehr es in Mode gekommen ist, dass Musiker über ihre Musik vorher quatschen müssen.

    Ich lehne das ab. Entweder kann die Musik für sich stehen, oder man sollte sie besser nicht spielen. Harnoncourt nehme ich aus, weil der aufgrund der damaligen Neuheit der Sachen, die er machte, einfach etwas erklären musste, um das ein oder andere Sandkörnchen von Verständnis bei den Hörern zu erzeugen. Seine Erklärungen zu den Brandenburgischen Konzerten auf DVD ( in den 80ern aufgezeichnet) sind hervorragend. Aber normalerweise sollten Musiker spielen und vor allem nicht direkt vor dem Musikerlebnis herumreden.

    Auch sollten Dirigenten in den Proben nicht zu viel reden, sonst werden die Musiker nöckelig, wie der Ostwestphale sagt.


    Eigentlich wäre das ein Extrathema, aber Fragen des "Wie" interessieren meisten eher Musiker, weniger die "Kunden"....


    Die Fähigkeit, so etwas wie "guten Geschmack" zu entwickeln, geht so verloren, wenn der Hörer nur Geschmacklosigkeit vorgeführt bekommt.

    Tja, eben das ist ja das kulturelle Problem "unserer Zeit". Hier wünschte sich ja im Thread jemand, dass wir beiden "Alten" noch mehr über "unsere Zeit" klagen sollten. Bitteschön, ich klage;(


    Hier ein fiktives Beispiel: es fängt "heutzutage" schon in der Kindheit an. Wenn man z.B. so etwas von den eigenen Eltern serviert bekommt, bei dem einer in amerikanischer Fäkalsprache ( es geht dabei wiederholt um den sprachlich verwendeten Geschlechtsakt mit der eigenen Mutter....) zu schlecht-monotonen Beats in ein Mikrofon schimpft/brüllt/schreit, und das dann auf Youtube in einer musikgeschichtlichen Dokumentation als etwas "ganz Großes" in der Retrospektive beschrieben wird ( weil damit ganz ganz viel Geld verdient wurde...) dann kann man sich schon ausmalen, dass ihm später, wenn er entdeckt, dass man mit der Stimme auch singen kann ( oder dass es so etwas wie Musikinstrumente gibt) die Unterschiede zwischen Guldas Version des Türkischen Marsches und Lang Langs ( der schon vor Obama spielte:pfeif:) so vorkommen, dass er die fliegenden Finger des Letztgenannten faktisch "geiler" finden wird. Was soll man machen. Wie gesagt, hiermit klage ich, und zwar auf Bestellung;(;(, siehe weiter oben....Beitrag 45.

    Vorsorglich sage ich, dass das ein bisschen satirisch gemeint war und dass ich vom Lang Lang, der im Grundsatz sehr gut Klavier spielen kann, auch schon Sachen hörte, gegen die ich nichts einzuwenden hatte, sondern die ich sogar gut fand.


    Aber ich komme hier von Beethoven weg. Deswegen schließe ich lieber...;)



    Gruß

    Glockenton

    Lieber Nemorino,


    zum Glück habe ich mir diese CD noch gebraucht bestellen können, damals für einen Spottpreis. Ich höre sie jetzt allerdings eingerippt von der SSD über iTunes.

    Auch über Tidal könnte ich auch diese Einspielung und anderen beiden Aufnahmen der Symphonie mit Giulini gestreamt hören (mit La Scala Philharmonic Orchestra und Los Angeles Philharmonic Orchestra) ....aber ich fühlte mich immer wieder zu dieser EMI-Aufnahme besonders hingezogen, eben weil sie noch langsamer ist als die anderen beiden.

    Dass die von 1968 ist, hätte ich angesichts des guten Klangbilds, welches auch Tiefenstaffelung enthält, nicht gedacht.

    Die von Dir zitierte Rezension kann ich nur in allen Aspekten bestätigen, auch hinsichtlich der Bässe, die hier gut abgebildet wurden.


    Gestern habe ich gedacht, dass ich für den Beitrag ein bisschen in die Musik hineinhören könnte, aber es ist dann doch die ganze Symphonie geworden. Das waren entspannte, entschleunigte Minuten, eine echte Bereicherung.


    Gruß

    Glockenton

    Es kommt im Jahr längst nicht so oft vor, dass ich Beethoven hören möchte, als etwa Bach, Wagner, oder Brahms. Gerade so ein Werk wie die Neunte Symphonie mit dem Durchdrehen im letzten Satz, muss ich nicht immer haben, so sehr ich es auch im Moment des Hörens liebe. Ob wir nun 2020, Corona oder sonst etwas haben oder nicht: ich dachte mir, ich stelle einmal kurz einige Beethoven-Aufnahmen vor, die bei mir "immer gehen".


    Vor allem zur 6. Symphonie zieht es mich innerhalb eines Jahres öfter, und hier meistens in der Interpretation Carl-Maria Giulini mit dem New Philharmonia Orchestra, bei mir im auf iTunes mit Apple-Lossless eingerippten CD-Bestand, noch mit altem EMI-Cover:


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    Hier wird man behutsam in die ländliche Szene eingeführt, und Streß ist bei dieser Musik ein Fremdwort. Von Beethoven ist bekannt, dass er sich gerne in der Natur aufhielt und dort Zeiten des Friedens fand. Von daher finde ich schon, dass Giulinis Sichtweise durchaus etwas mit den Intentionen des Komponisten zu tun haben wird. Mich überzeugt es so jedenfalls.


    Ebenso empfehle ich eben diese 6. auch mit den Wiener Philharmonikern unter Christian Thielemann:



    Hier wird man z.B. in die Szene am Bach geradezu hineingezogen. Es ist, als ob man diesen Spaziergang selbst machte.


    Entscheiden will ich mich zwischen den beiden Aufnahmen nicht, dann dafür haben sie jeweils für sich zu viele Vorteile. Thielemann ist vom Tempo nicht ganz so ruhig wie Giulini unterwegs, aber schnell ist es bei beiden nicht -gut so.


    Von den Klavierkonzerten kann ich das erste gerne auch öfter hören, vor allem, wenn es so wuchtig, kraftvoll und im besten Sinne klassisch gespielt wird, wie hier mit dem Team Michelangeli und -wieder einmal- Giulini:



    Allen drei Aufnahmen ist gemeinsam, dass ein voller und warmen Orchesterklang zu hören ist. Nichts klingt erzwungen, gewollt oder sentimental, und die Intention, besser gesagt die innere Bewegung des Komponisten beim Schreiben kommt -jedenfalls bei mir als Hörer- an.

    Ich sage nicht, dass es nur so und nicht anders sein muss, aber ich höre es in den letzten Jahren doch so am liebsten. In den 90er bis hin zu den ersten Jahren des neuen Jahrtausends das bei mir noch nicht so.


    Was soll man viel darüber reden? Anhören ist das Beste.

    Seit ich bei TIDAL Kunde bin, liegen mir übrigens so gut wie alle wichtigen Aufnahmen vor, auch jene, die bei Amazon nach und nach auslaufen.

    So konnte ich z.B. angesichts der obigen Diskussionen sehr schön in die besprochenen Aufnahmen hören, so lange wie ich wollte. Die zurecht bekannte und gelobte Kleiber DG-Aufnahme der Fünften wird dabei sogar in Master-Audio-Qualität gestreamt ( der SACD-Kauf erübrigt sich damit für mich), die anderen wenigstens in CD-Qualität.

    Man braucht nur noch einen guten DAC, und schon öffnen sich die unendlichen Weiten des Klassikangebots. Jetzt müsste man nur noch Zeit haben und wissen, wo man anfangen soll.


    Doch das nur nebenbei....


    Gruß

    Glockenton


    PS: Woran es liegt, dass nicht die Cover zu sehen sind, weiß ich nicht. ASIN-Nr. hineinkopiert, markiert auf das Amazon-Symbol geklickt. Ich weiß nicht, was ich falsch mache.

    Danke, Reinhard, habe es korrigiert:-)

    Nun, im Zweifelsfalle huldige ich lieber dem Jugendlichkeitswahl, als zu vergreisen und nur noch der guten alten Zeit nachzuweinen, in der Brendel und Harnoncourt den Beethoven noch "richtig" interpretiert haben.

    Darauf hat ja Holger sehr gut geantwortet.


    Nur ein Hinweis: es gibt da durchaus ein ( und nicht nur ein) echtes Richtig ! und nicht nur ein sogenanntes "richtig".

    Nun könnte man einwenden, dass die verschiedenen Interpretationen doch alle sehr unterschiedlich wären, was ja auch stimmt. Die meisten uns bekannten Aufnahmen sind auch in diesem Sinne richtig, denn so unterschiedlich sie auch sein mögen, gibt es immer gewisse objektive Qualitätskriterien, die über die rein handwerkliche Beherrschung des Materials (schon schwer genug!) hinausgehen und die immer vorhanden sein müssen, wenn man sich mit einer bestimmten Musik beschäftigt, wie hier z.B. Beethoven.

    Nicht alles ist relativ, sonst wäre das wirklich Gute aus der Sicht von Person A relativ gut und aus der Sicht von Person B relativ schlecht, ergo es gäbe nichts am Ende nichts wirklich Gutes und nichts, was wirklich schlecht wäre.

    Am Ende ist dann " alles Geschmackssache", und wegen des lieben Friedens haben dann alle irgendwo recht und zugleich unrecht. Gerne wird dann mit Toleranzbegriffen aus Gesellschaft und Politik argumentiert, nämlich das jeder das Recht auf seine Meinung habe, gerne auch mit der Freiheit der Kunst.


    Diese außermusikalischen Dinge greifen aber nicht genau wie "im normalen Leben", nämlich dann, wenn man sich mit einer speziellen Kunstsparte beschäftigt, hier also der Aufführung der Fünften von Beethoven, bei der ja das bekannte Problem auftritt, dass sie unfassbar bekannt ist und viele hervorragende Leute ihre diskographischen Spuren hinterlassen haben ( gäbe es keine Aufnahmen, wäre dieses Problem längst nicht so akut).

    Ein Kunstwerk wie Beethovens Fünfte ( oder das WTK, oder der Schwanengesang von Schütz oder eine Symphonie von Brahms.....) entstand auf der Basis gewisser Gesetzmäßigkeiten, die wiederum einen gewissen grundsätzlichen Respekt vor dem Material bei aller Unterschiedlichkeit der individuellen Auffassung erfordert.


    Hier nur einige wenige Beispiele, an die sich Beethoven hielt:

    Septimen müssen sich nach unten auflösen, keine parallelen Quinten, die Form (z.B. der Sonatensatz), die Verbindung von Figuren und Phrasen einerseits mit der Welt der Sprache, Rhetorik, Worte, Sätze, Gesten andererseits. Wenn er Akzente auf unbetonten Taktteilen setzt, dann haben diese bewusste "Irritation" trotzdem einen nachvollziehbaren Sinn.

    Diesem Respekt gegenüber gewissen Reglen muss auch die Interpretation mit ihren Mitteln folgen, d.h. z.B. eine Auflösung legato und leiser an den dissonanten, lauteren Vorhalt hängen.

    Wichtig ist zudem immer dieses Austarieren zwischen den verschiedenen Mitteln, die dem Interpreten zur Verfügung stehen. Wie stark macht man den Unterschied zwischen Dissonanz und Konsonanz, wie kurz soll hier ein Staccato in diesem Tempo sein, was unterscheidet z.B. einen Bogen über zwei Noten vom gleich aussehenden Bögen im Barock? Hier entscheidet sich, wie seriös der Ansatz ist, wie geschmackvoll und überzeugend es am Ende wird.

    Es wäre mir zwar möglich, das genauer auszuführen, aber ich verzichte hier darauf, weil es dann wieder "ellenlang" wird, ich ohnehin keine Zeit zum Dozieren habe und es wohl kaum jemanden interessiert. Da nehme ich dann den Vorwurf, unbewiesene Behauptungen aufgestellt zu haben gerne in Kauf.

    Der Wunsch nach totaler Entgrenzung mag einer innewohnenden Maßlosigkeit der menschlichen Natur entsprechen, hat aber die fatale Tendenz, den durch das Werk selbst definierten Bereich der Kunst zu verlassen.


    Die Järvi-Interpretation des ersten Satzes der Fünften ist ein gutes Beispiel. Handwerklich ist alles im grünen Bereich ( sehr sogar, auch seine Schlagtechnik ist hervorragend), und hörend, wie auch sein Dirigat sehend verstehe ich faktisch sofort, was er meint und stimme damit auch eigentlich, d.h. im Grundsatz überein. In diesem Fall finde ich aber, dass die durchweg sehr richtig erkannten( d.h. nachvollziehbaren und mit der Partitur übereinstimmenden) Dinge des Charakters und der kinetisch-gestischen Energien von Phrasen etc. noch besser erfahrbar wären, wenn er nicht ein so strammes Tempo gewählt hätte. Diese Phrasen brauchen um sich herum einen gewissen Anteil von "Luft" ( Luft ist hier Zeit), um ihre volle Wirkung entfalten zu können. Das empfindet man aber als Musiker oftmals dann anders, wenn man sich sehr intensiv mit einer Musik auseinandersetzt. Bei mir ist es oft so, dass ich mit der Zeit ein bestimmtes Stück immer schneller empfinde, wahrscheinlich, weil man es dann geistig mehr durchdrungen hat, als am Anfang der Arbeit. Mit einem Abstand von mehreren Jahren hört man es dann wieder anders.

    Dennoch ist dieser Järvi immer noch ein richtiger Beethoven, selbst wenn mir andere Aufführungen besser gefallen.


    Diese Klassifizierungen von "aktuell" und "alt" empfinde ich angesichts der Tatsache, dass wir hier über keineswegs aktuelle Musik reden, faktisch als lächerlich.

    Beethovens Musik entzieht sich diesen Kategorien, die seriöse Interpretation dieser Musik auch.

    Der Beifall und der kommerzielle Erfolg einer "aktuellen Beethoven-Scheibe...(naja, heute streamt man ja eher)" ist schon gar kein Gradmesser von Qualität, denn über die kann man nicht demokratisch abstimmen, weil sie so ist, wie sie nun einmal musikalisch gesehen ist. Das Einzige, was "aktuell" sein kann, ist die Aufnahme- und Wiedergabequalität.


    Fortschritt gibt es in der Technik, aber nicht in der Kunst. Das Neue kann und wird meistens auch anders sein, aber nicht zwangsläufig besser.

    Alte Aufnahmen sind aus meiner Sicht nur dann "überholt", wenn man von der Aufnahmetechnik oder einem gewissen Standard hinsichtlich der handwerklichen Perfektion spricht.


    Ob ich eine Aufnahme beitragen kann, die ich empfehle?

    Tja, das wird dann wohl eher aus dem Bereich der "Klassiker" sein ( bin ja verstaubt), aber dazu ggf. mehr in einem anderen Beitrag.


    LG

    Glockenton

    Lieber Holger,


    vielen Dank für Deinen Beitrag!


    Wenn Du von einer "Anhäufung von Sensationen" , "transitorisch" im Sinne Kants und vom "absurden Hedonismus unseres Zeitgeistes" schreibst, dann bringst Du in unverwechselbarer Art und Weise mit wenigen Worten auf den Punkt, wofür ich viele Worte brauchte :thumbup:

    Genau so ist es.


    Man fragt sich nur, wo das noch hinführen könnte, wenn sich auch diese "Sensationen" verbraucht haben werden ( und sie werden sich garantiert abnutzen...)?

    In der Welt der Rockmusik war man ja schon vor Jahrzehnten viel weiter mit den Neuheiten und den immer weiter extremen Grenzüberschreitungen:

    In den 60ern wurden bei "The who" Gitarren auf der Bühne zerschlagen, wohl auch anderes Material. Ein Rammstein-Sänger hat wohl zerhackte Tiere von der Bühne ins Publikum geschmissen.

    Auch Kirchen wurden nach Metal-Konzerten angezündet, ebenso Veranstaltungsorte verwüstet....

    Hier ein Textausschnitt aus Wikiwand.com/no:


    Den første kirken som ble påtent var Storetveit kirke, som ble satt fyr på i mai 1992. Senere i perioden 1992–1993 ble det satt fyr på Fantoft stavkirke, Holmenkollen kapell, Revheim kirke, Skjold kirke, Åsane kirke, Kolbotn gravkapell, Ormøy kirke og Hauketo kirke.

    ("Die erste angezündete Kirche var Storetveit-kirke".....und dann folgen einige weitere norwegische Kirchen, die in Verbindung mit Black Metal-Konzerten, Musikern oder Fans brannten)


    Was man nicht alles tut, wenn man zeigen will, dass "man es nun wirklich ernst meint", mit dem Feuer seiner wie auch immer gearteten Affektion. Kunst ist es dann aber nicht mehr. Alfred Brendel sagte einmal, dass "pure Emotion" ja eigentlich nur ein Schreien, oder ein Schlagen aufs Klavier wäre, was mit Kunst aber nichts mehr zu tun habe. Man müsse es in Einklang bringen mit Regeln, mit dem Nachdenken über die Musik, mit dem Verständnis von Form und so vielem mehr. Erst dann wird es zur Kunst. Harnoncourt sagte einmal, dass es in der Kunst immer Regeln und damit Grenzen gäbe. Grenzenlosigkeit sei keine Kunst. Viel mehr sei es eben wirklich Kunst, wenn man innerhalb der Grenzen Großartiges zustande bringen könne. Dem stimme ich zu. Der extreme harmonische Ausdruck eines Bachchorals (z.B. Matthäus-Passion) entstand bei Beachtung aller Regeln des barocken vierstimmigen Satzes.


    Ich erwähne das alles natürlich mit einem gewissen Augenzwinkern, wissend, dass Beethovens Musik ( der ja immerhin von Ex-Rockliebhabern innerhalb der Klassik wegen der unüberhörbar rebellischen Stellen oft sehr bevorzugt wird) solche oben angeführten kriminellen Taten höchstwahrscheinlich niemals motivieren wird, egal wie man ihn zukünftig ggf. malträtieren wird.

    Mit 12 habe ich übrigens auch so etwas wie Veitstänze in meinem Jugendzimmer zu Beethoven aufgeführt, ausgestattet mit Karajans 70er-Einspielung auf LP, einem Verstärker und einem AKG K340-Kopfhörer.

    Nach der Neunten musste ich regelmäßig durchgeschwitzt in die Badewanne....8-):D


    Später habe ich dann mit zunehmenden Alter erkannt, dass man wesentlich mehr hört und erfährt, wenn man sich ruhiger verhält, und ggf. die Partitur mitliest. Je mehr ich wusste und anfing die Musik zu verstehen, desto tiefer das emotionale Erlebnis, weil die Bewusstseinsebene zusätzlich vorhanden ist. Es wäre tragisch, wenn man auf dem Stadium des jugendlichen Heißsporns stehenbliebe.


    Doch genug davon.

    Welche 5. von Beethoven mag ich denn eigentlich?

    Vom Karajan werde ich da wohl nie loskommen. Er lässt das Blech brilliant strahlen ( 4. Satz!) und vermag es vom ersten bis zum letzten Takt einen großen Zusammenhang zu vermitteln.

    Doch den mehr wuchtigen, fetter und dunkel klingenden Thielemann mag ich hier auch sehr, ebenso Solti mit den Wienern ( diese Aufnahme ist denen von Karajan nicht unähnlich) und der späte Böhm live in Japan, auch mit den Wienern. Die letztgenannte Aufführung kenne ich nur von Youtube.


    Harnoncourt vermittelt immer neue Einsichten und hat in vielen Dingen auf seine Weise recht. Es klingt nach wenigen Takten sofort nach ihm, was ich bei Bach als hervorragend, bei Beethoven jedoch schon eher als störend empfinde. Es gibt neben der CD auch eine DVD, auf der er probt und sein Konzept erklärt, so weit ich weiß auch vor Publikum. Das ist alles sehr interessant, und es brennt, aber am Ende klingt es für mich in meiner jetzigen Lebensphase wohl am besten mit Thielemann. Die Humanität Beethovens erfahre ich mit ihm am ehesten, aber auch den dunklen Klang, die Vorahnung auf Wagner - und ich liebe den Orchestersound Wagners.

    Die Ansätze Thielemanns, Böhms und Karajans empfinde ich als langzeittauglicher als Järvi, Harnoncourt oder Gardiner. Currentzis ist für mich, wie gesagt, faktisch indiskutabel.

    Geht es nun darum, kurzzeitig ein fetziges ( HIP)-Strohfeuer zu genießen ( ich verabscheue nebenbei gesagt den dünn-scharfen Klang der alten Trompeten kombiniert mit dem modernen Orchester), oder will ich mich im Sinne Celibidaches dem eigentlichen Kern des Kunstwerkes annähern und wirklich bewegt werden?

    Mich interessiert das Letzte.


    Wenn ich Zeit habe - ich hoffe darauf- dann will ich mir einmal auf Tidal die neue Einspielung mit Andris Nelsons anhören.

    Ich besitze einige seiner hervorragenden neuen Bruckner-Aufnahmen und finde die Wagner-Stücke, die er auf jeder der Bruckner-CDs als Zugabe liefert, fast noch besser musiziert. Das Siegfried-Idyll ist aus meiner Sicht das beste, was derzeit auf Tonträgern zu hören ist.

    Von daher setze ich schon ernsthafte Hoffnungen auf ihn, aber ich kenne die Aufnahmen noch nicht.


    Gruß

    Glockenton


    Nachtrag: Kurz in den Anfang der 5. hineingehört, mit Thielemann verglichen. Die gleichen Wiener Philharmoniker klingen bei Thielemann wesentlich dunkler, wärmer, voller und wuchtiger.

    Erstaunlich. Weiteres kann ich noch nicht sagen....

    Nun habe ich in diese Aufnahme des Herrn Currentzis hineingehört und kann ein schlichtweg doppeltes Entsetzen nicht verhehlen: zum einen wegen der auf all zu billige Effekthascherei abzielende Geschmacklosigkeit des Dirigenten, dann aber angesichts der mir unerklärlich erscheinenden Zustimmung zu dieser Beethoven-Destruktion, diesem Beethoven-Trashstil. Da fragt man sich, ob das Märchen von den neuen Kleidern des Kaisers gerade vor den eigenen Ohren stattfindet.


    Hier ein huaaaaach, dort ein mööaaaaaahhh ( voll coole Crescendi eh, auf irgendwelchen Einzeltönen), dann wieder dort ein boooom und rebellisches zack-pämm.

    Zwischendurch regelt er ( Satz 1, ab 5.39) das Orchester willkürlich herunter und herauf, ganz ähnlich wie ich als 7-Jähriger gerne mit dem Lautstärkeregler der Stereoanlage meines Vaters spielte, weil ich damals der Musik meine eigene, in jenen Momenten ernsthaft empfundene Dramatik verleihen wollte...

    Das Schlimme ist, das ich schon verstehe, was er an dieser oder jener Stelle meint, aber ich verstehe nicht, warum er beim Kratzen an der Oberfläche eines Werks stehenbleibt und diese Dinge geradezu lustvoll trivialisiert.


    Phrasenenden oder relativ kurze Töne werden hier gegenüber "üblichen" HIP-Interpretationen wie Gardiner oder Herreweghe gerne noch einmal verkürzt, sogar bis ins lächerlich-Triviale hinein.

    Auch mit der Cellokantilene im zweiten Satz ab 1.46 fährt er Achterbahn. Man kann sich vorstellen, wie die Dirigierpartitur vor lauter rot eingezeichneten < und > nur so wimmelt.

    Größere Zusammenhänge werden bewusst ignoriert, ja zerstört, Stellen mit subito-forte so plakativ und zusammenhangslos hingestellt wie irgendeine störende, sich nach vorne drängende Bildschirmwerbung, die auf dem Handy immer wieder nervt.

    Das ständige Vor-und Zurück der Streicher vor der bekannten Thema-Hornstelle des dritten Satzes erinnert an unterschwellige Seekrankheit.


    Diese Art des Musizierens hat offenbar keinen tieferen Sinn, aus vielleicht, dass hier ein zutreffendes Bild des kulturellen Zustands des Jahres 2020 abliefert.

    Wie läuft es in 2020? Ein Beispiel:

    Der Content der Timeline auf Facebook taucht auf, irgendeiner sagt "Guten Tag, mein Name ist...." ( egal, schon weitergescrollt), dann kommt Werbung mit Rockmusik ( weitergescrollt), dann sagt der BuPrä vor der Fahne " Liebe Mitbürgerinnen und..." ( weitergescrollt), dann kommt wieder "Air" von Bach mit Suzuki, BIS-Werbung ( nach 3s ( weitergescrollt, weil jetzt nicht), dann filmt einer aus der Hifi-Gruppe seine Anlage mit Dire-Straits ab ( weitergescrollt), dann kommt ein Geklingel, weil einer eine Mail auf Messenger schrieb, oder einer auf deinen Kommentar von gestern reagiert hat..... usw. usw. Alles versucht auf sich aufmerksam zu machen, es kommt so schnell wie es geht, aber alles ist am Ende im Grunde genommen egal und trivial. Selbst großartige Konzertmitschnitte geraten in diesem Zusammenhang zu einem Fenster, zu einem Sandkorn in der Summe des digitalen Kontents.

    Es wäre naiv zu glauben, dass diese kulturellen-gesellschaftlichen Veränderungen keine Auswirkungen auf die Ästhetik des Vortrags von Klassikerwerken hätten.


    Diese Art des hier vorgestellten Beethoven-Musizierens will auch nicht "Sprechen" im Sinne der Klangrede Matthesons (oder Harnoncourts), sondern heischt nach schnellen Effekten. Die Sache mit HIP und der damals neuartigen Musizierweise eines Harnoncourt wird hier nur als legitimierende Maske vorhergetragen. Currentzis hat einige wenige Elemente Harnoncourts scheinbar aufgeschnappt, aber davon kaum etwas wirklich verstanden. Warum sollte man sich auch die Mühe machen, wenn doch viel schnelle voll coole Effekte bekommen kann.


    Auch Abbado hat ja in späteren Jahren einige Klassiker herausgebracht, bei denen man merkt, dass er Harnoncourts Aufnahmen kennengelernt haben musste. Diese Ansätze finde ich nicht ganz so überzeugend, doch immer noch gut. Aber seinen pro-harnoncourtischen Beethoven ( die DG-Aufnahmen mit den Wiener Philharmonikern) finde ich doch viel überzeugender, als die späteren Versuche, wahrscheinlich, weil er da mehr sich selbst ist. Dennoch sind diese späteren Aufnahmen immer noch sehr gut gelungen, immer noch meisterlich, nie auf billige Effekte schielend, immer kultiviert. Man kann diesen großen Mann eigentlich nicht in einem Atem mit Currentzis nennen.

    Verstanden wurde der Harnoncourt nicht von vielen, auch nicht vom Goebel. Rattle ist da schon dichter dran, auch die Musiker des Concertgebouw-Orkest, wenn sie ohne Dirigenten spielen.


    Diese hier strittig besprochene Art des Musizierens will offenkundig an keiner Stelle singen. In der großen Musik gibt es auch in den Phasen der Klangrede (also Frühbarock bis Beethoven) immer auch herrliche Kantilenen und große Bögen. Diese werden hier konsequent als nicht existent hingestellt.

    Beethoven wird hier monochrom als wilder Mann hingestellt, dem nur Revolution und ausschweifende Kurzemotionen wichtig waren. Das mag Leute, die sich gerne zu wilden Death-Metal-Klängen in Wacken im Schlamm sudeln gefallen, vielleicht auch Liebhabern von Deep-Trance. Ich weiß es nicht. Aber im Zweifel bleiben die dann doch bei ihren Sachen.


    Diese Art des Musizierens will an keiner Stelle lieblich und schön klingen. Ein wichtiges Ausdrucks- und Klangmittel wie das Vibrato wird - völlig unhistorisch zudem- offensichtlich als reinstes Teufelszeug angesehen. Nebenbei gesagt gab es im Barock und danach eine Unmenge an verschiedenem Vibrato, doch da muss man schon die Schulwerke oder die Sekundärliteratur lesen....

    Manche Stellen mit hohen Geigen erinnern gar an Schulorchester, bei denen leidensbereite Eltern trotzdem schön artig klatschen, wenn dann Gesäge dann endlich verstummt ist.


    Diese Art des Musizierens erinnert schon bald an Comics, bei denen sich schräge Charaktere wie der skurile Joker ( der Gegner von Batman) austoben dürfen.

    Die Reaktion "tief ergriffen" wird da wohl eher nicht zu erwarten sein.

    Ich unterstelle einer Wendy Carlos mit ihren Barockdarstellungen auf dem analogen Moog-Syntheziser wesentlich mehr Ernsthaftigkeit in der Herangehensweise, auch wenn sie, deutlich hörbar, keine Ahnung von stilgerechter Artikulation und Phrasierung hatte. Ja, bei Wendy werden Klänge ausprobiert, Stereo-Echo- und Halleffekte durchaus angewendet, aber dennoch ist es ein musikalischeres Vorgehen, als dieses 2020-gerechte Kombination aus Willkürlichkeit, Oberflächlichkeit und Beliebigkeit, bei der es offensichtlich an jedweder Demut vor dem Komponisten fehlt.

    Auch Glenn Gould ( der mochte übrigens Walter/Wendy Carlos) setzte bei Bach nicht unbedingt die historische Wahrheit um, dennoch ist vieles von ihm ein Dokument großen Künstlertums.


    Doch zurück zu unserem Beethoven: Die Akzente in den Streichern etwa in Satz 4 ab 1.28 sind sowohl sprachlich-rhetorisch zu sehen, als auch gesanglich, was sich u.a aus dem harmonischen Satz mit den alterierten Akkorden ergibt, d.h. durch die harmonischen Zusammenhänge erhalten die "Gesänge" der Einzelstimmen nahezu automatisch ihren Hang zum Akzent auf eben jenen Tönen. Gerade diesen Akzenten nun das Vibrato zu verweigern ( hier müsste es als Ausdruck einer inneren Erschütterung kommen) und sie nahezu perkussiv zu spielen, entlarvt eine erstaunliche Einseitigkeit in der Wahl der musikalischen Mittel. Es scheint mir ein heutzutage modern wirkender 08/15-Ansatz zu sein, der irgendwie aggressiv und "unangepasst-subversiv" klingen soll. Wie durchsichtig, vorhersehbar und langweilig ist das denn? Es war nach einigen Takten des ersten Satzes tatsächlich abzusehen, dass diese Stelle im vierten Satz genau so kommen würde.


    Harnoncourt und Leonhardt sind Musiker, die mit großer Ernsthaftigkeit den geprägten Stil, den mit dem sie aufwuchsen und Frage stellten und neue Einsichten hinsichtlich Tempo, Artikulation, Phrasierung, Dynamik und Instrumentarium mit großer Seriosität vermittelten und ergänzten. Auch wenn Harnoncourt in der Spätphase manchmal etwas wunderlich wurde ( Stichwort Oratorium der letzten Mozart-Symphonien), so hat er doch in seinen besten Zeiten Großartiges beitragen können. Die Art und Weise, mit der heute Cembalo gespielt wird, wäre ohne das Vorbild Gustav Leonhardts undenkbar.


    Was für eine Erkenntnis gewinne ich nun aus solchen Aufnahmen wie der hier besprochenen? Manchmal wäre es besser, wenn Leute diese großen Vorbilder nie gehört hätten, bzw. gar nichts davon verstanden hätten. Aber dieses hörbar sehr fragmentierte Verstehen eines offensichtlichen Vorbilds, was ja eigentlich ein grandioses Mißverstehen ist, führt zu katastrophaleren Ergebnissen, als wenn man diesen Leuten im Leben nur Aufnahmen von Karajan oder Böhm vorgespielt hätte. Dann würden sie wenigstens auf große Zusammenhänge und eine klassische Balance der Parameter in jeder Hinsicht achten.


    Vor diesem Hintergrund kann ich den nur scheinbar anachronistischen Ansatz Thielemanns gut nachvollziehen. Er übernimmt durchaus manches aus dem Harnoncourt-Werkzeugkasten, aber selbst seine Anhänger hören das eher nicht. Klanglich hat er auf Sparta und Vegetarkost keine Lust. Er baut auf dem Erbe der Vergangenheit auf, ergänzt durch Neuheiten, die überzeugend klingen und sich auf lange Sicht bewähren. Damit ist er einerseits ein echter Konservativer ( kein Rechter!) und gleichzeitig ein echter Künstler, weil er seine eigene Subjektivität zulässt und an seinen Erfahrungen wächst. Bin ich mit jeder Stelle einverstanden, die er macht? Nein, vor allem bei den Brahms-Symphonien kamen mir Zweifel. Aber als großen Künstler sehe ich ihn immer. Die Größe besteht ja auch darin, seine Subjektivität mit den objektiven Aspekten ( z.B. der Partitur) in einer Balance zu halten. Wenn man von der Musik fasziniert ist und den Dirigenten vergißt, dann hat der Künstler sein Ziel erreicht. Am Anfang der Götterdämmerung etwa sehe ich bei Thielemann tatsächlich dieses "Twilight" diese durch die Harmonik und die Figuren des Orchesters eingebaute Zwielichtigkeit, dieses Schweben, diese Uneindeutige, Mystische, diese leise Ahnung des Abgrunds....uvm.

    Auch im zweiten Satz der Pastorale Beethovens gluckert der Bach hier und da, und man fühlt geradezu, wie die Sonne die Haut erwärmt, jedenfalls, wenn man die Aufnahme mit Thielemann und den Wiener Philharmonikern hört.


    Von all dem ist dieser Currentzis weit entfernt. Es ist schade, dass er Partituren lesen und wahrscheinlich spielen kann, was zum schweren Dirigierhandwerk gehört. Er müsste sich jedoch länger und gründlicher mit dem Stoff auseinandersetzen, statt dieses -wie ich finde schon peinliche- Dokument der Unreife zu publizieren.

    Beethoven hat er damit einen Bärendienst erwiesen.


    Ob der türkische Marsch mit Lang Lang oder dieser Beethoven hier nun schlimmer wäre.....darüber könnte man abends am Kamin bei einer Flasche Wein und einer guten Pfeife diskutieren.


    Ich finde übrigens Holgers Argumentation schlüssig und nachvollziehbar und kann mich seinen Ausführungen nur anschließen, auch in den Details.


    Aufgrund beruflicher Veränderungen habe ich kaum noch Zeit, über die Musik zu schreiben, aber dieses Thema hat mich dann doch zu einer Stellungnahme verführt.


    Gruß

    Glockenton

    Joseph II. : Die DVDs habe ich ja zum Glück. Als ich sie kaufte, empfand ich vieles davon als langweilig - ähnlich wie Bertarido- aber mit der Zeit lernte ich Böhms Ansatz zu schätzen.

    Ob es sinnvoll ist, sich überhaupt bei Musik-DVDs/Blue-rays das bewegte Bild anzusehen, kann man diskutieren. Man hört definitiv mehr, wenn man den Bildschirm ausschaltet.

    Gerade hier bei Böhm sieht man einen streng aussehenden alten Herrn, der die Musik nur irgendwie zu überwachen scheint. Wenn man jedoch selbst einmal mit Orchestern und Dirigenten gearbeitet hat, dann kennt man diese Prozesse, die beim Musizieren ablaufen, etwas besser, sozusagen aus einer anderen als der Zuschauer- oder Zuhörerperspektive.

    Ich selbst habe vor einigen Wochen als begleitender Pianist mit Musikern des Orchesters Oslo Philharmonie und einem Chor eine CD mit aufgenommen. Da der Dirigent und Komponist für mich in diesem Jahr vorher bei einer wichtigen Messe als Orgel-Vertretung einsprang, habe ich es ihm Gegenzug für ihn gemacht, obwohl es mich von der Arbeitsmenge her anstrengte.

    Was ich aber sagen will:

    Die sozusagen telepathische Verbindung, die Böhm mit dem Orchester hat, kann man nur an seiner rechten Hand und an den Augen erahnen. Er kennt seine Leute so gut, dass er kaum noch etwas machen oder anzeigen muss.

    Aber gerade bei diesen Mozart DVDs hört man m.E. mehr, wenn man nur hört ohne zu sehen.


    Bertarido : Es wäre interessant zu wissen, ob Dich diese Aufnahme der Symphonie Nr. 39 mit Böhm auch langweilen würde, wenn Du sie vorher nicht in der sehr anderen Interpretation Harnoncourts gehört hast. Das kann ich mir kaum vorstellen. Aber es kommt auch darauf an, welche Qualitäten einer Aufführung man überhaupt hören möchte.

    Hier beeindruckt mich wie gesagt die perfekte Balance, die rhythmische Klarheit, das perfekte Zusammenspiel ( auch das Verklingen von Tönen ist z.B. bei der Einleitung exakt zusammen), die Wärme der Streicher und auch der Blechbläser und das durchaus vorhandene Temperament. Es bleibt hinsichtlich der Akzente im Rahmen, wovon aber m.E. der Aspekt des Geschichtenerzählens profitiert. Das ist schon wichtig, dass man in eine musikalische Geschichte mit hineingenommen wird, durchaus auch mit der Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob ich näher zuhören möchte, oder eben nicht. Ob Mozart ein im wagnerschen Sinne Überwältiger ist, ist eben die Frage. Werde ich sozusagen wider Willen durch eine Geschichte durchgerissen, oder bekomme ich sie erzählt?


    Holger: Danke erst einmal!

    Ich habe jetzt Urlaub und damit wieder etwas Zeit gefunden, hier hineinzulesen.

    Der Aspekt der Vorhersehbarkeit der für diese Musik ggf. überbetonten Kontraste ist bei Harnoncourt sicher vorhanden. Aber andererseits ist er auch in seinem Ideenreichtum und seiner Ausdruckskraft tatsächlich genial und teilweise wirklich faszinierend gewesen. Ob es noch Mozart ist, bzw. dem zuträglich ist, ist dann eben die Frage.


    Die von Dir gezeigte Aufnahme....bei meinem Anspielen über JPC klang sie verdächtig nach Mono. Die ist wohl recht alt?

    Aber bei Track 1 haben wir es wieder, diesen wunderbaren Ton des Geschichtenerzählers.


    LG

    Glockenton

    Ja, wirklich sehr schade, dass es dazu nicht mehr kam, denn seine Art Mozart zu dirigieren hätte auf jeden Fall eine bessere Aufnahmequalität verdient, als es damals bei den Aufnahmen mit dem BPO noch möglich war.


    Auch eine Neuaufnahme aller Schubert-Symphonien wäre schön gewesen, aber es gibt ja einige Live-Mitschnitte der späten Konzerte, darunter eine überirdisch mystische "Unvollendete" ( auch mit den Wiener Philharmonikern). Auch die spätere DG-Aufnahme der 5. Schuberts übertrifft musikalisch und technisch die alte Version aus DG-Gesamtaufnahme.



    Gruß

    Glockenton



    PS: Danke für die Aufklärung hinsichtlich des technischen Problems.

    Noch einmal habe ich in die neue Harnoncourt-Aufnahme zum Vergleich hineingehört. Dass es auf jeden Fall sehr faszinierend klingt, höre ich natürlich! Was die Freiheit der Ausdrucksmittel und das Durchleuchten der möglichen Bedeutungen einer Partitur anbelangt, war Harnoncourt auf jeden Fall ein Gigant. Die Frage ist immer dieselbe: will man sich erschrecken lassen oder will man lieber genießen? Es klingt in diesem Fall so verschieden, dass man in diesem Fall daran zweifeln könnte, ob es sich um ein und dieselbe Partitur handelt. Ist das bei beiden Mozart? Ja, schon, wobei das Mozartbild Harnoncourts ein sehr existenziell-dramatisches ist. Irgendwie hat er oft sehr recht, dann aber kommen wegen einer gewissen Unbalance Zweifel auf.

    Wahrscheinlich wäre Mozart von beiden Interpretationen schockiert...


    Wenn es jedoch um den Vergleich mit anderen HIP-Gruppen geht, dann ziehe ich alledings Harnoncourt meistens vor, vor allem gegenüber dem für mich schwer erträglichen Jacobs, aber auch anderen Leuten, die meinen das es mit ruppigen Akzenten und dergleichen schon getan wäre. Herreweghe indes mag ich jedoch hier und da gerne hören.

    Während ich gerade meine iTunes-Bibliothek mit den (viel zu) vielen Harnoncourt-CDs meines im Frühjahr verstorbenen Vaters ergänze, lasse ich diese Aufnahme vom Rechner spielen:



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    ...und höre die Symphonie Nr. 39 mit den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhms Leitung.

    Für mich klar die Referenzaufnahme dieser Symphonie. Im Gegensatz zu Böhms anderer DG-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern steht hier die Aufnahmetechnik den heutigen guten CDs eigentlich kaum nach, vielleicht sogar überhaupt nicht.

    Es stimmt handwerklich, musikalisch und vom Orchesterklang einfach alles. Die Instrumente sind perfekt ausbalanciert, auch die Pauke und die Blechbläser....einfach alle. Die Streicher sind auch im Forte immer im Klang warm und angenehm, doch niemals verschmiert. Alles ist im Gegenteil durch die sehr genaue und perfekte Artikulation und das schon kammermusikalisch zu nennende Zusammenspiel enorm transparent. Die Tempi sind stimmig, so dass man alle schnellen Noten klar nachvollziehen kann, und die fehlende Überpunktierung in der Einleitung ( 1. Satz) empfinde ich als so etwas von wohltuend.

    So sehr ich die Beiträge Harnoncourts zur Gestik, Rhetorik, Phrasierung und Artikulation auch schätze, aber ich höre es in seinem Stil oft nicht mehr so gerne, natürlich immer abgesehen von den CDs, die er mit Gulda aufnahm.

    Eine Aspekt ist hierbei auch, dass ich zwar bei Dirigenten die persönliche Note sehr schätze, aber am liebsten doch den Komponisten und nicht vor allem den Dirigenten hören möchte. Nun sind die alten Harnoncourt-Aufnahmen mit dem Concertgebouw-Orkest durchaus noch vertretbar, obwohl ich mich auch hier manchmal frage, ob es durch die ständig herausgehobenen Blechbläser nicht etwas steif-militärisch und im scharfen Kontrast mit den lyrischen Stellen einfach zu vorhersehbar werden kann. Über Spotify kann ich die späte CD mit dem "Oratorium" der letzten drei Symphonien hören. Hier gibt es - wie zu erwarten- im Detail durchaus erhellende und aparte Ideen, und auch eine große Freiheit im Umgang mit den selbst erkannten Mitteln, aber die Knallereien mit der Pauke und den Naturtrompeten sind derart vorhersehbar und wirken auf mich - wie gesagt- etwas steif, fast wie eine Marschmusik. Das gilt jetzt für den mit dem Concentus gespielten Mozart-Spätstil Harnoncourts, nicht nur für die Nr. 39. Das mitunter scharfe Orchesterklangbild, bei dem es kaum klangliche Verschmelzungen gibt, geht im Punkt "Mut zur Hässlichkeit" weit über das hinaus, was in den 80er- Jahren in Amsterdam eingespielt wurde. Von wegen "im Alter wurde er milder".

    Im Gegenteil: die genannte Oratoriums-CD geht vom rein handwerklichen noch durchaus, aber das auf 3Sat oder arte übertragene Live-Konzert zeigte mir, dass ihm solche Sachen wie Zusammenspiel und andere fundamentale Grundlagen aufgrund seines wahnsinnigen Ausdruckswillens bald egal zu sein schienen. Das wäre ihm in den 80er-Jahren so nicht passiert, meine ich.


    Bei Böhm fallen diese Kritikpunkte weg.

    Wenn ich also die 39 in dieser Böhm-WPO-Aufnahme höre, dann empfinde ich ein reifes Mozartglück.

    Es ist mir auch mittlerweile egal, wie es denn zu Mozarts Zeit klang. Zu Mozarts Zeiten hätten sie einen verstört angesehen, wenn man gesagt hätte, wir müssen den Händel im genauen Barockklang und in genau dieser und jener Spielweise wie zu Händels Lebzeiten aufführen. Den hier zu hörenden Klang des "heutigen" Orchesters mag ich -für Mozart jedenfalls- einfach mehr. Die - wie ich finde- Unsitte heutiger moderner Kammerorchester, es dem COE unter Harnoncourt nachzumachen und Naturtrompeten wegen des schärferen Schmetterklangs einzusetzen, kann ich immer weniger ertragen.

    Die modernen Blechbläser klingen weniger schmetternd, sondern wärmer und voller ( wenn man sie in guter Balance zum Rest des Orchesters einsetzt) und gerade das mag ich.

    Trotzdem klingt es beim Böhm nicht nach Wagner, sondern ausgewogen, warm und in jeder Hinsicht balanciert.


    Aus diesen Gründen möchte ich die o.g. CD unter der Rubrik "wichtige Mozart-Dirigate der Vergangenheit" empfehlen, dabei aber gerne hinzufügen, dass es bei bestimmten Aufnahmen eine gewisse zeitlose Güte gibt. Das ist bei dieser CD m.E. der Fall. Auch die 40-g-moll ist genau jene Aufnahme, die ich von allen Einspielungen am besten ertragen kann. Wenn ich jedoch darauf auch noch einginge, würde der Beitrag zu lang werden.


    Gruß

    Glockenton


    PS: bekomme es wieder mit dem Link/Bild nicht hin. Amazon-Schaltfläche und die ASIN-Nr. in die Mitte, wie immer. Wieso geht es nicht? Habe es sowohl mit Windows-Egde als auch Google-Chrome versucht, aber ohne Erfolg. Verzweiflung, Wut und Schrecken....

    Das liegt an AMAZON. nicht an Die oder uns. Das Bild ist nir mit 1000 Tricks zu verlinken - hat aber den Vermerk: Bild nicht verfügbar....... MOD 001 Alfred

    Ich freue mich, dass ich mit meiner sehr positiven Einschätzung der neuen Brahms-Aufnahme Barenboims offensichtlich nicht alleine stehe. Für mich ist bei der Ersten zwar immer noch der späte Karajan live in Tokyo die Über-Referenz, aber Barenboim macht für mich hier die beste Alternative zu dieser Aufnahme, was auch für die anderen Symphonien im Vergleich zu den Karajan-Aufnahmen ( und den in seiner Tradition stehenden Einspielungen Rattles und Abbados) gilt.

    Auch ich habe recht viele Einspielungen und kenne noch mehr über Spotify-Premium.


    Für diese neue Aufnahme spricht im Übrigen auch die sehr gute Aufnahmequalität. Ich habe es mir als High-Res. von HD-Tracks heruntergeladen.

    Really good, indeed.


    Gruß

    Glockenton

    Höre seit Tagen eigentlich nur eine SACD, nämlich die Gergiev-Aufnahme der Walküre von Wagner:



    Besonders angetan hat es mir das hier kraftvoll und gleichzeitig delikat vorgetragene Hunding-Motiv im ersten Akt. Ich höre es rauf und runter ( ca. bei "Müd am Herd fand ich den Mann" geht es los...), es verfolgt mich sogar nachts in die Träume. Auf dem Klavier liegen die Noten, um Wagners Arrangiertechniken anhand dieses Motivs zu verstehen, auszukosten und davon für eigene Sachen zu lernen.


    Gruß

    Glockenton

    Ich freue mich, hier dem Kollegen farinelli uneingeschränkt zustimmen zu können.

    Auch ich habe viele Vergleiche über Spotify Premium gezogen und bin bei dieser Walküre hängengeblieben. Schon mit der nahezu wie WAV klingenden Auflösung dieses Streaming-Dienstes klingt für mich die Aufnahmequalität sehr ansprechend. Ich sage das im vollen Bewusstsein darüber, dass die technische Qualität einer Aufnahme am Ende sehr wenig von irgendwelchen Samplingfrequenzen und dergleichen abhängt, wenn auf dieser Ebene schon ein gewisses Niveau erreicht ist.


    Die Interpretation des Dirigenten und das Orchesterspiel empfinde ich durchgehend als sehr gut nachvollziehbar, unter die Haut gehend und wohlklingend. Hier könnte man nun sehr sehr viel schreiben, weil ja eben so eine Wagner-Oper sehr lang ist. Jedenfalls hat Gergiev mit seinem Orchester sehr gut gearbeitet. Schon das Vorspiel - so gespielt für mich eines der tollsten Stücke der Musikgeschichte überhaupt- lässt mich niemals ruhig sitzenbleiben. Das ist viel besser als jeder Drogenrausch....


    Die Sänger haben mich bisher überzeugt ( habe noch nicht bis zum Ende durchgehört...)

    Ich finde es gut, wenn das Vibrato unter Kontrolle bleibt, so dass man die einzelnen Töne noch erkennen kann. Für meinen Geschmack sollte man auch eine gute Balance zwischen rhetorischem Engagement und Schönsingen finden. Es darf nicht zum bellenden Sprechgesang werden, andereseits aber auch nicht in bloßer und zahmer Legato-Langeweile ertrinken.

    Sehr wichtig finde ich auch, dass möglichst deutlich und akzentfrei gesungen wird - sorry an alle Sänger aus fernen Ländern...

    So wie ich es höre, ist das hier aber alles gut gelungen.

    Ich bin selbst sehr erstaunt, dass eine russische Produktion auf diesem Niveau daherkommt. Deshalb habe ich mir die SACDs auch soeben bestellt....


    Allerdings dachte ich mir im Überschwang, dass das Rheingold mit Gergiev ebenso toll gelungen wäre. Ich hörte also hinein und war über die slawische Aussprache und den irgendwie gebremsten Auftritt des Alberichs doch recht erschrocken.

    Das kann ich auf die Dauer ehrlich gesagt nicht ertragen, ebensowenig das schon extreme, ausgeleiert klingende Vibrato des Loge in der neuesten Rattle-Aufnahme ( nicht die mit den Berliner Philharmonikern). Dessen Alberich klingt ja wirklich wie ein unangenehmer, böser Bube.

    Um eine Alternativaufnahme zu Bayreuth/Barenboim ( Blueray) zu finden, muss ich wohl noch etwas suchen.

    "Alte Schinken", gar noch aus der Mono-Zeit interessieren mich da nicht. Ich finde schon, dass zu einem Wagner-Erlebnis ein möglichst voller und modern aufgenommener Orchesterklang gehört. Es geht ja bei Wagner weniger um leicht fassliche Melodien, sondern um expressive Harmonien und Instrumentation. Die Sänger "surfen" mit ihren Linien auf eben dieser harmonisch-klanglicher Textur. Von daher verstehe ich nicht, wenn sich jemand in Sachen Wagner nur für Sänger interessieren kann.


    Allerdings verstehe ich gut, dass ein schlechter Sänger eigentlich in der Lage ist, alles zu zerstören, d.h. dass er ein wahnsinnig gut spielendes Orchester, sogar auch seine gut singende Kollegen irgendwie ad absurdum führen kann. Man wird dann ständig auf den Boden der Tatsachen zurückgestoßen. Eine gute Aufführung besteht ja darin, dass man vergisst, wie schwer es eigentlich ist, solche Noten in klingende Musik umzusetzen.


    Mein Traum-Walküre scheine ich also gefunden zu haben. Mir gefällt die Oper wegen ihrer von Anfang an durchscheinenden Ernsthaftigkeit eh sehr gut.


    Gruß

    Glockenton

    Man muss sich, so glaube ich, immer auch fragen, mit welcher Motivation ein Artikel wie dieser überhaupt geschrieben und (weiter-)veröffentlicht wird. Darüber kann man nur mutmaßen.

    Tatsache ist jedoch, dass hier durchaus Negativa aus dem persönlichen Bereich zusammengetragen wurden, wenn auch Lobendes aus dem künstlerischen Bereich anstandshalber hinzugefügt wurde.


    Wäre es möglicherweise etwas naiv anzunehmen, dass das bewusste Bekennen von Sünden, die ein Anderer beging, hier nur aus rein informativen Gründen erfolgte, sozusagen um Öffentlichkeit zu schaffen, damit Missstände abgestellt werden können?

    Es könnte ja schließlich auch sein, dass manche Leute ihn aus bestimmten Gründen einfach nicht mehr an dieser Stelle sehen und hören wollen. Wenn man da mit triftigen künstlerischen Gründen nicht punkten kann, weil man sich damit auf das Glatteis des Fachgebietes begeben müsste, dann nimmt man ggf. auch andere Dinge her, um den erwünschten Abgang des Mannes zu erreichen. Ausschließen möchte ich jedenfalls nicht, dass es sich vielleicht nur um eine Intrige handelt, bei der gezielte Informationen an die Presse durchgestochen wurden.


    Dass Barenboim bei einer Aufführung angeblich den größeren Zusammenhang nicht so richtig herstellen konnte, sei doch einmal dahingestellt. Ob man es selbst auch so gehört hätte, ist nicht sicher, eben weil es auch stark von der eigenen Konzentration des Hörers abhängt. Wenn ich mit hoher Konzentration die gesamte 5. oder 9. in Karajans Interpretation höre, dann erfahre ich auch, dass er es tatsächlich schaffte, einen Bogen vom ersten bis zum letzten Takt zu spannen. Das geht mir aber nicht so, wenn ich mitten in der Symphonie mit dem Hören einsteige, oder wenn ich z.B. spät abends nicht mehr so konzentriert zuhören kann.


    Ich weiß nicht, wie ich es hinsichtlich der hier im Mittelpunkt stehenden Wutausbrüche sähe, wenn ich mir über längere Zeit als unsichtbarer Beobachter ein Bild von all diesen Dingen machen könnte. Wie jedoch der Verfasser des Artikels an die Informationen kam, bleibt unerwähnt. Ebenso bleibt die Frage unbeantwortet, ob es sich hier um belastbare und bestätigte Fakten oder um akribisch zusammengetragene Gerüchte handelt. Aufgrund der Presseskandale der letzten Zeit ( nicht nur wegen Relotius) sehe ich es so, dass man Presseartikel oder Fernsehnachrichten mit einer gesunden Skepsis genießen sollte.

    Wer sich natürlich den Terminkalender derart vollpackt, wird wohl nervlich etwas angespannter sein, als jemand, der sich viel Zeit für Freizeit, Entspannung und Urlaub nimmt. Aber ein eigenes Bild von der Lage kann man sich ja selbst nicht machen.


    "Brahms hin, Brahms her" - das sehe ich aber nicht so!

    Wenn hier ein wunderbarer Brahms als neue CD vorgelegt wurde, was den Katalog der wahrlich nicht wenigen Aufnahmen sehr bereichert, dann ist das keineswegs ein Ausdruck von künstlerischem Stillstand. Dieser Brahms ist - wie ich finde, glücklicheweise- keine Revolution, sondern eine Evolution, d.h. ein reifer Ausdruck eines Lebens mit diesen Werken.

    Wenn es stimmt, dass es wegen Nichtigkeiten Wutausbrüche gab, dann ist das bedauerlich und sollte abgestellt werden.


    Wie jedoch der Brahms ( oder der Wagner, oder der Schumann....) klingt, wird auch nach Jahrzehnten und darüber hinaus die bei weitem bedeutendere Frage sein.


    Gruß

    Glockenton

    Von vielen dieser Dinge wusste ich nichts. Sollte es stimmen, was dort steht- und ich habe jetzt keinen Anlaß, das in Zweifel zu ziehen, dann finde ich es bedauerlich, dass er sich manchmal so verhält.


    Man sollte die Führungsperson Barenboim vom Dirigenten, und den Dirigenten wieder vom Pianisten trennen, wobei es bei den musikalischen Berufen auch gemeinsame positive Eigenschaften gibt.


    Mich hat dieser Thread an sich nur interessiert, weil ich in den letzten Monaten diesen Musiker für mich an sich neu entdeckt habe, hier allerdings den eher reifen bis späten Dirigenten. Seine früheren Aufnahmen, etwa der Brahms-Violinsonaten mit ihm als Pianisten konnten mich im Vergleich zu Anderen nicht besonders überzeugen.


    Sein Repertoire und seine musikalischen Interessen sind ja faktisch wesentlich breiter ausgeprägt, als der Bereich, den ich musikalisch an mich heranlassen möchte. Ich äußere mich zu ihm jetzt also als Interpreten für die deutsche Romantik, sprich Brahms , Schumann und Wagner.

    Hier habe ich für die entsprechenden Werke nicht nur eigene Aufnahmen im Bestand, die ich gut kenne, sondern kann über Spotify-Premium in guter Qualität sehr umfangreiche Vergleiche anstellen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich Barenboims Ansatz als späten Dirigenten überaus mag und bei vielen Vergleichen vorzog, was mich selbst überraschte.


    Das Orchester klingt bei ihm voll, warm und dunkel. Nie nervt er mit übereilten Tempi, sondern ist in der Lage, innerhalb eines ausgewogenen Zeitmaßes die Musik zum Aufblühen und zum Atmen zu bekommen.

    Er setzt die musikalischen Mittel mit großer Erfahrung und Weisheit ein - z.B. nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Agogik.


    Seine neue Gesamtaufnahme der Brahms-Symphonien finde ich zum Niederknien.




    Für mich ist das die erste echte Alternative zu den von mir bevorzugten Aufnahmen Karajans, Abbados und Rattles, die alle aus dem "Karajan-Klang" und seinem typischen Ansatz hervorgegangen sind.

    Bei Barenboims "neuen Brahms" sind es z.B. die leisen Stellen, bei denen er eine derartige Spannung erreicht, dass ich beim Hören die Luft anhalte. Wo andere noch mf-"durchsägen" dirigiert er ein wunderbares weiches piano, jedoch mit mindestens der gleichen Energie, die von einer Note zur nächsten erkennbar wird und aus der Bewegung der Phrase sowie der Harmonik/Melodik herrührt.


    Seine Aufnahme des Parsifal mit den Berliner Philharmonikern verdient wirklich den Status einer Referenz.




    Schmeichelnd dahinströmender Luxusklang im Orchester, durchaus auch mit enormen Ausbrüchen; und musikalisch gesehen finde ich das, was er da macht, äußerst hochwertig und nachvollziehbar. Wenn dann noch gute Sänger, wie die unvergleichliche Waltraud Meier dazukommen, dann freue ich mich schon auf die nächste Mußestunde, bei der ich wieder Zeit für diese Aufnahme habe.


    Auch seine letzte Aufnahme der Schumann-Symphonien ist jene, die ich im Vergleich mit all den anderen großartigen Aufnahmen am Ende behielte, wenn ich nur eine behalten dürfte.




    Für mich ist er als später Dirigent vom Orchesterklang und interpretatorisch klar in der deutschen, von Wagner und Furtwängler geprägten Tradition angesiedelt. Das schätze ich sehr.


    Was den Pianisten Barenboim anbelangt: es gibt wohl kaum einen Dirigenten, der pianistische so gut "drauf" ist, wie eben Barenboim. Da er aber sehr viel macht, sich aber dennoch durchaus sehr schwere Dinge aufs Programm setzt, macht er sich damit natürlich auch mit Leuten vergleichbar, die außer Klavierspielen nichts anderes im Bereich der Musik machen.


    Nicht immer tut er sich damit einen Gefallen.

    Neulich hörte ich ein Mozart-Klavierkonzert mit ihm und den Berliner Philharmonikern......ich glaube, es war auch YouTube. Das Orchester spielte vom Klang einfach edel und wunderbar, eben beseelt und perfekt. Dass er daran auch einen Anteil hat, glaube ich schon. Allerdings habe ich dann doch z.B. Uchida, Brendel oder Gulda im Ohr. Dagegen hörte sich sein nahezu fehlerfreies Live-Spiel dann noch eher danach an, dass man froh war, dass er ohne hörbare Negativa durchaus anständig und passabel durchkam, also nicht steckenblieb, bzw. herauskam.

    Auf dem Niveau der "Nur-Pianisten" hörte ich seine Klavieranteile nicht. Auch das Orchester hörte sich in meinen Gehörgängen einen Hack "höherwertiger" als sein - wie gesagt immer noch enorm gutes- Klavierspiel an.

    Nun lässt er sich offensichtlich von kaum jemanden etwas sagen, schon gar nicht von mir, den er nicht einmal kennt.

    Hätte es aber doch einen Sinn, dann riete ich ihm, das Klavierspielen im Live-Konzert den Spezialisten zu überlassen und sich aufs Dirigieren zu beschränken.


    Wie dem auch sei: Am Ende ist es für unsereiner egal, ob der Mann nett ist oder nicht. Wie es im Konzert und auf den Aufnahmen klingt, ist für uns jedenfalls das Entscheidene.


    Das ist bei Wagner ja nicht anders: es ist am Ende egal, was der damals für Meinungen und Charaktereigenschaften hatte. Neulich las ich, wie jemand sich über Thielemann echauffierte, der es sich "zu einfach" mache, wenn er dazu sagt" C-Dur ist C-Dur". Nein, er macht es sich nicht "zu einfach", sondern er übt seinen Beruf aus. Es geht ja nicht anders. Entweder dirigierst Du Wagner oder Du lässt es gleich bleiben und verfasst Texte , in denen Du all Deinen "Bauchschmerzen" mit Wagner Ausdruck verleihst.

    Du kannst aber nicht mit 2568 Bedenken und Bauchschmerzen in die Probe gehen und dann den Einsatz für die Bässe im Vorspiel zum Rheingold geben. Da muss man voll in der Musik sein.Du brauchst nicht den Wagner als Person zu lieben oder gar anzuhimmeln, aber es ist sehr hilfreich, wenn man diese Musik liebt, denn sie ist nun einmal sehr sehr gut.


    So extrem wie für Dirigenten ist die Situation für den "Nur-Hörer" nicht. Aber auch CD-Hörern kann, ja muss es am Ende egal sein, ob der Chefdirigent auch öfters schlechte Seiten an den Tag legt oder legte. Böhms Proben sollen die Nervenkraft seiner ja durchaus extrem professionellen Musiker hier und da überfordert haben. Mag sein - aber ich kann ja gar nicht anders, als bei seiner Spätaufnahme der 5. von Schubert mit den WPO dies alles zu vergessen und mich der wunderbar zelebrierten Musik hinzugeben. Mein Interesse für Barenboims Musizieren ist unabhängig von seiner privaten (Un-)Art.


    Zudem stehen ja wenigstens einige wenige positive Sätze im Text:


    "In Proben mit Musikern kann Daniel Barenboim außergewöhnlich geduldig und ruhig sein, an ein unbekanntes Stück extrem langsam herangehen, um Musikern die Möglichkeit zu geben, die Noten zu lernen. Er kann auch elektrisieren: Über eine Probe von Tschaikowskys Vierter Symphonie erzählt ein Musiker: »Es war unmöglich, sich nicht voll reinzuknien. Er war sorgfältiger und hatte mehr Energie als die meisten 40-jährigen Dirigenten.« »Ich habe als junge Musikerin bei ihm eine Wagner-Oper sofort verstanden«, erzählt eine Akademistin. »Bei ihm entsteht das ganz natürlich, als ob es gar kein riesiges Werk wäre.« "


    Nun denn- da haben wir ja die Dinge, auf die es am Ende besonders ankommt.


    Gruß

    Glockenton

    Höre seit gestern Abend immer bei Gelegenheit in diese Rheingold-Aufnahme unter Rattles Leitung über Spotify-Premium hinein:




    Mir gefällt sehr gut, dass das sehr gut aufspielende Orchester so unglaublich räumlich und luftig aufgenommen wurde. Die Stimmen klingen natürlich und präsent. Als Süchtiger gehört für mich zum Wagner-Rausch auch ein berauschendes Klangerlebnis.

    Es geht mir nicht in erster Linie um "schöne Stimmen", jedoch kann es sein, dass es mich ziemlich stört, wenn zu vibratogeschwängert oder unverständlich gesungen wird.


    Alberich klingt hier sehr typisch nach Alberich, ein unsympathischer, unangenehmer Typ...


    Loge könnte für meinen Geschmack passagenweise mit weniger Vibrato singen.


    Um das letzte Quäntchen Aufnahmequalität zu bekommen, könnte ich mir die Aufnahme in High-Res. herunterladen. Ich weiß jedoch noch nicht so ganz.....werde es wohl demnächst machen.


    Der Parsifal bleibt jedoch ganz klar meine Lieblingsoper.


    Gruß

    Glockenton

    Nun ist es vielleicht an der Zeit, hier einmal etwas über meinen Neuzugang zu berichten.

    Seit ca. einer Woche besitze ich einen neuen Kopfhörer, und zwar den Beyerdynamic DT 1990 pro.


    pic_dt1990pro_16-05_perspective_v1-webartikel_1.jpg

    Aufgrund meiner geographischen Verhältnisse war ich beim Kauf auf Test, Rezensionen und Erfahrungsberichte angewiesen. Was schaute ich mir also an? Alles, was ich irgendwie lesen kann, also Deutsch, Englisch, Norwegisch/Dänisch. Auch auf Youtube gab es eine Menge von Material zu sichten, meistens ins englischer Sprache.

    So eine Recherche gibt einem bisweilen auch Aufschluss über die Absurdität des Menschseins an sich. Viele Leute lieben es, sich beim Reden zuzuhören....

    Zudem muss man versuchen herauszufiltern, was nun ein echter Test oder eher so eine Art Productplacement ist, was ja leider auch auf einen großen Teil der „Tests“ aus den Hifi-Zeitschriften zutrifft ( gestern las ich einen Test, bei dem jemand behauptete, dass er beim Streamen von High-Res-Dateien den Unterschied zwischen einem PC und einem Mac plus jeweils gleichem High-End-DAC heraushören konnte.....nun ja...)

    Eine zusätzliche Schwierigkeit besteht ja darin, dass die allerwenigsten Leute das besprochene Equipment für klassische Musik nutzen. Viele der mich interessierenden Kriterien finden also nicht statt, stattdessen sehr viel Aussagen, wie z.B. Death Metal über die armen Kopfhörer klingt. Ich versuchte also eine Menge zwischen den Zeilen zu lesen und auffällige Gemeinsamkeiten zu finden.


    Kann ich dieses Verfahren für jemanden empfehlen, der sich einen Kopfhörer kaufen will? Nein!

    Nichts ersetzt eigene, ausgiebige Hörvergleiche.

    Habe ich denn nun Glück mit meinem Kauf gehabt? JA !!


    Nahezu alle Besprechungen, egal auf welchem Medium, sprachen vom sogenannten „Beyer-Peak“ der in den Höhen auch bei diesem Hörer nervig werden könne. Doch jedenfalls dieser mein Hörer hat diese anstrengende Höhenanhebung im Bereich der ersten Violinen und ihrer Obertöne nicht, ganz im Gegensatz zum Sennheiser HD800, den ich ja immer noch im Bestand habe und zum Vergleich hören kann.


    Wie klingt er denn nun, der DT 1990?

    Extrem detailliert, entspannt, dennoch natürlich und neutral, mit einer angenehmen, aber immer glaubhaften Grundtonwärme. Die virtuelle Bühne ist groß und wirklich sehr trennscharf, allerdings nicht so extrem wie beim HD800. Es klingt sowohl beim leisen als auch beim lauten Hören angenehm und „musikalisch“. Die Klavieranschläge und auch die Sustainphase eines Klaviertons scheint mir schnell und natürlich zu klingen.

    Es werden zwei Sets von Ohrenpolstern geliefert, wobei das nicht standardmäßig montierte mehr analytisch und weniger grundtonwarm klingen soll. Da ich es aber gerade so wie es jetzt ist als gut und richtig empfinde, habe ich bisher nicht das Bedürfnis verspürt, die anderen Polster auszuprobieren.


    Vergleich zum HD800:

    Wie schon erwähnt, ist die die Bühne nicht jener vom Kopfhörergefühl wegführende, etwas künstlich-virtuelle Raum des HD800, der natürlich auch seine eigene hohe Faszination entfalten kann. Dennoch ist alles enorm trennscharf. Als ich gestern mit dem DT1990 Abend hörte, habe ich einmal erschrocken den Hörer abgenommen, weil ich dachte, dass zusätzlich die Studiomonitore liefen, weil ich bei dieser, wie ich nun feststellte auch technisch hervorragend gelungenen Aufnahme so etwas wie eine Tiefenstaffelung glaubte zu hören, was ja eigentlich nicht sein kann. Ich nehme an, dass es aufgrund der Trennschärfe und guten Lokalisierung zu solchen Effekten kommen kann. Wohl liegt es auch daran, dass ich die Studiomonitore direkt vor mir sehe und weiß, wie meine auf genügend Schlaf angewiesene Frau reagiert, wenn sie den Schrei der Kundry im zweiten Akt oder das "Haha" des Klingsors um 23.50 Uhr aus meinem Zimmer vernimmt, welcher sich gerade darüber echauffiert ( "Pfui!"), dass sich diese Urteufelin ( Herodias war sie, und was noch?) wieder beim Rittergesipp herumtrieb.... ;)

    Der nervige Peak bei 6kHz ist hier nicht vorhanden. Es klingt mir beim DT1990 pro insgesamt tonal besser ausgewogen und einheitlicher. Der HD800 scheint aber – wohl aufgrund auch seiner Höhenanhebung- noch etwas extremer die Mikrodetails herauszuschälen. Wieviel das noch mit dem natürlichen Hören im Konzert zu tun hat, wäre eine andere Frage.

    Der Grundton und die Mitten sind beim HD800 etwas schlanker als beim DT 1990pro.


    Vergleich zum Audeze LCD-X

    Der Magnetostat verfügt über eine noch größere Grundtonfülle und Wärme, kann auch im echten Tiefbass etwas punkten, also in jenem Bereich, der eher im Kino,als in Klassik vorkommt, von Orgelmusik oder Kesselpauken einmal abgesehen.

    Die Mitten sind sehr aufgelöst und die Bühne ist noch etwas breiter als beim DT1990. Die Panorama-Trennschärfe des DT 1990 hat er nicht ganz.

    Der mir am stärksten auffallenden Unterschied findet in den Höhen statt. Diese sind beim LCD-X etwas ins Milde tendierend. Manche sprechen von einem Roll-off, niemand jedoch von „dumpf“, denn das würde auch so nicht stimmen. Meines Erachtens klingt er jedoch schon etwas dunkler, als es der Wirklichkeit entspräche. Dadurch kann, ja muss man ihn auch lauter hören, um sozusagen noch möglichst alles Details mitzubekommen. Aufgrund der enormen insgesamten Auflösung geht das auch, weil ja nichts an diesem Klang nervt. Besonders für Aufnahmen mit zu Spitzen oder gläsernden Höhen wäre er dann die erste Wahl. Allerdings klingen ja gerade die neueren Klassikaufnahmen zum Glück nicht mehr so spitz, wie es in Zeiten des Wirtschaftswunders und der LP manchmal noch in Mode war. Die mir besonders ans Herz gewachsene Parsifal-Aufnahme



    klang mir mit ihm irgendwann zu „gedeckelt“. Auch so manche Bachkantate leidet bei ihm im Chor unter mangelnder Textverständlichkeit, weil eben diese Konsonaten schwer zu hören sind, wenn sie von der Aufnahmetechnik eh schon nicht gerade betont werden ( sollen sie ja auch nicht). Ein Wechsel auf den HD800 brachte in Sachen Wagner jedoch den gegenteiligen Effekt: das war mir bei den ersten Violinen so, als ob sie sich im Forte in meine Ohren hineinsägten (übertrieben gesagt, alles finde hier auf hohem Niveau statt!)

    Ich wünschte mir also einen ausgewogeneren, neutralen, mir behagenden und gleichzeitig auch hochauflösenden High-End-Klang, der dennoch auch ein solides „warmes“ Grundtonfundament bietet. So kam es, dass ich durch die sehr intensive Netzrecherche auf den DT1990 stieß.

    Lange war ich mir auch nicht sicher, ob der Amiron der gleichen Firma nicht doch die bessere Wahl wäre. Nun, den habe ich nicht gehört, allerdings muss ich schon sagen, dass ich mit dem Klang des DT1990 pro für meine Klassik-Tonträger sehr zufrieden bin. Das relaxt-warme Klangbild habe ich ja schon mit dem Audeze. Wenn ich die Möglichkeit irgendwann habe, werde ich jedoch gerne auch den Amiron einmal anhören - natürlich, denn so etwas interessiert mich ja!


    Der Wirkungsgrad des DT1990 ist so, dass man m.E. schon einen Kopfhörerverstärker braucht. Zudem sind seine klanglichen Potentiale hoch genug, die Vorteile eines guten KHVs auch umzusetzen. Ich verwende immer noch den Violectric HPA-V200, der von der Verarbeitung her wie ein Panzerschrank oder ein Volvo 240 Kombi daherkommt. Ich mag das.


    Ach ja: Thema Verarbeitung!

    Die sollte ich schon noch erwähnen, denn sie ist beim DT1990 außerordentlich stabil und hochwertig. Offensichtlich ist dieses „pro“ schon ein echter Hinweis auf die Zielgruppe und nicht nur ein Marketing-Gag.

    Vom Anpressdruck her ist der DT1990 allerdings auch schon eher „pro“. Mir war er am Anfang zu stark, so dass ich ihn einige Nächte über einen Studiomonitor spannte, damit sich das etwas gibt, was auch so funktionierte. Ansonsten sitzt er angenehm und gut auf meinem Schädel.




    Welchen höre ich nun am meisten?

    Im Moment gerade den DT1990, wahrscheinlich auf aufgrund des Neuen-Spielzeug-Phänomens, aber auch, weil ich mit ihm das Thema Kopfhörer und Technik am ehesten vergesse. Ich bin ganz schnell tief drin in der Musik und auch im Aufnahmeraum. Man kann sich die Musiker und Sänger sehr gut vorstellen. Jedes kleinste Atmen und Mitgrunzen des Dirigenten bleibt einem nicht verborgen.

    Für mir zu dunkel erscheinende Aufnahmen greife ich zum HD800, für zu grell abgemischte Produktionen zum gnädigen LCD-X.

    Ich scheue mich noch davor, einen von diesen zu verkaufen, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich es hinterher bitter bereuen würde…


    Fazit: Als Klassikhörer kann ich den Klassikhörern den Beyerdynamics DT1990 pro aus eigener Erfahrung sehr empfehlen. Macht es aber nicht so wie ich, sondern hört ihn Euch-wenn möglich- mit Euch sehr bekannten eigenen CDs ausgiebig im Vergleich an, falls Ihr Euch zufällig auch für einen solchen Hörer in der Preisklasse interessiert.

    Das Schöne an ihm ist ja nebenbei gesagt auch der noch tragbare Preis, wobei man schon sagen muss, dass man ihm einen guten KHV gönnen sollte. Den hatte ich ja zum Glück schon. Die Notwendigkeit eines teuren Extra-Speiseteils mit integriertem KHV ist ja immer auch ein Kaufhindernis, wenn es um das Thema Stax geht. Mich hätte aufgrund eines Nerd-Reviews auf Youtube ( der Typ hat die Kamera immer auf dem Kopf, so dass einem beim Zusehen fast schlecht wird, zudem scheut er auch vor Flüchen eher nicht zurück....) der SR-L300 schon interessiert. Dieser soll- lt. dem Nerd, bei dem ja durchaus auch einige sehr brauchbare und vernünftige Sätze dabeisein können, sogar besser als der SR-L700 klingen, der wesentlich teurer ist und vor allem eine nicht ganz so lächerlich schlechte Plastik-Verarbeitung aufweisen soll ( im Verhältnis zum Preis den Stax aufruft).


    Gruß

    Glockenton


    Jetzt habe ich die Aufnahme bis zum Ende mit dem Audeze-LCD-X über Spotify-Premium gehört.

    Mir gefällt es so gut, dass ich kurz danach die CDs bestellt habe.

    Mit allen Beteiligten es so wundervoll hinzubekommen, ist schon der helle Wahnsinn.

    Es aber komponiert zu haben, übersteigt bei weitem mein Fassungsvermögen.

    Orchestral ist es allererste Qualität, mit so manchem unter die Haut gehenden Ausbruch, den Barenboim schön ausspielen lässt. Noch schöner sind jedoch die zarten und mystischen Stellen.

    Alles im Orchester geschieht in klanglich-musikalischer Hochkultur und mit in den Raum der Musik sich hineinbegebender Emphase. Dieses Orchester ist der reine Luxus.

    Auch die Sänger finde ich sehr gut, wobei ich vor allem bei Waltraud Meier regelmäßig dahinschmelze.


    Alles in allem kann mich das hier sehr begeistern! :jubel::thumbup::thumbup::hail::hail::hail::hail:


    Gruß

    Glockenton


    PS: ich hoffe, dass der Amazon-Link jetzt klappt. Offensichtlich geht es bei mir mit dem Google-Chrome, nicht aber mit dem Windows-Egde-Browser - warum auch immer.

    Ich höre seit Tagen in Wagners Parsifal hinein, erst meine Karajan-CD, dann später diese Barenboim-Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern und der wunderbaren Waltraud Meier:


    [jpc]2553544[/jpc]



    Recht verständnislos nehme ich eine negative Kritik bei Amazon zur Kenntnis und höre weiter, vor allem gerne den Schluss des 1. Aktes. Diese Musik gehört für mich mit zum Großartigsten, was sich ein Mensch hat einfallen lassen, Bachs Musik jetzt einmal ausgenommen. Wagner verwendet seine bekannten Leitmotive, aber scheint hinsichtlich seiner Fähigkeiten und seines Ideenreichtums, daraus musikalisch immer etwas Neues zu machen, keine Grenzen zu kennen. Wer sich für eine effektive Harmonisierung und Orchestrierung interessiert, der wird in dieser Gralsmusik seinen persönlichen Gral finden.


    Die Berliner Philharmoniker unter Barenboim spielen den Wagner-Sound mit voller Hingabe, die Sänger finde ich gut und sogar der Chor singt fast nie mit zu tiefer Intonationen bei den heiklen A-Capella-Stellen gegen Ende des ersten Aktes. Das habe ich schon wesentlich schlechter gehört....

    Die Aufnahmetechnik ist gut.


    Ich überlege mir, die Aufnahme irgendwo zu bestellen, schon alleine wegen der Waltraud Meier, die ich als Kundry definitiv am liebsten höre.


    Gruß

    Glockenton

    Die große C-Dur vom Schubert ist ja auch eines der absoluten Highlights in Böhms Interpretationsschaffen. Am Ende ist mir seine Sicht auf das Stück die liebste, dann gefolgt von Wand.


    Die Probe macht mir auch deutlich, dass er nicht nur in der Probe gegrantelt hat, sondern seine Musiker durchaus auch lobte, und das gar nicht so selten.


    Gruß
    Glockenton

    Was der Kennedy sonst so macht, weiß ich ja nicht, will ich auch gar nicht wissen.
    Dass er jedoch seinen Bach sehr ordentlich und auf hohem Niveau mit den Berliner Philharmonikern spielte, habe ich mitverfolgen können.
    Gut, am liebsten höre ich auch da die Elisabeth Wallfisch mit dem Orchestra of the Age of Enlightement- das ist dann schon noch eine andere Welt. Aber Kennedy kann seriös und auf sehr hohem Niveau spielen, selbst wenn er mit Sonnenbrille oder einer Kleidung unterwegs ist, die nicht typisch für die klassische Konzertwelt ist.
    Gerade bei CDs kann einem das ja egal sein. Wichtig ist, dass er als Musiker seriös und sich dem Komponisten unterordnend spielt - eine Frage von innerer Reife und Können. Auch Gulda trat in Cordhose und Pullover auf, aber was für ein Mozart, was für ein Beethoven war das!

    Beim Garrett ist es etwas anders. Für mich hat der sich schon durch seine Rock-Eskapaden das letzte Quäntchen an Kultur kaputtgemacht. Ich keine mit ihm das Brahms-Violinkonzert. Es ist durchaus nicht schlecht, aber ein Vergleich mit Julia Fischer macht dann schon klar, dass es eben doch noch anders geht.



    Was jedoch dieser Currentzis sich leistet, entzieht sich m.E. jeder seriösen Diskussion. Da gibt es sogar wesentlich anständigere Sachen mit Lang Lang, z.B. ein Beethoven-Klavierkonzert ( das erste, meine ich mich zu erinnern) mit dem wunderbaren Christoph Eschenbach als Dirigenten. Eschenbach hätte das Konzert m.E. am besten gleich selbst spielen sollen, aber der Lang Lang bleibt auf weiten Strecken durchaus seriös und ordentlich. Ich hörte es neulich im Radio und wusste nicht, wer das war. Ich dachte mir " wow, endlich mal einer der das anständig, rhythmisch sauber und singend spielt". Als ich dann im DAB-Display des Autos las, wer die Interpreten waren, war ich einerseits überrascht, andererseits auch nicht, weil ich ja das Konzert mit dem Eschenbach als Solisten und Karajan als Dirigenten kannte. Auch da ist mir Reife, Anstand und Kultur in jedem kleinen Winkel des Klanggeschehens aufgefallen. Diese Dinge sind es, die so eine Aufnahme über Jahrzehnte und länger wertbeständig bleiben lassen. Wildes und eitles Geschrammel hingegen kann man - wenn überhaupt- vielleicht einmal hören, danach geht es einem schnell auf die Nerven und man möchte gerne zu Beethoven ( oder wie der Komponist gerade heißt) zurückkehren.


    Die Partitur eines Komponisten ist kein Trittbrett zur eitlen Selbstdarstellung, jedenfalls innerhalb der Welt der echten Kunst.
    Dieser Erkenntnis will sich der Herr Currentzis offensichtlich nicht fügen. Er sollte besser versuchen, mit echtem Können zu überzeugen, statt sich im Mätzchenmachen zu ergehen.



    Gruß
    Glockenton

    Zitat aus der Kritik:


    "....und es vermeidet beim Spiel der Streichinstrumente weitgehend das Vibrato. Das haben andere Ensembles auch schon so gemacht unter Dirigenten wie Christopher Hogwood, John Eliot Gardiner oder Nikolaus Harnoncourt."



    Stimmt auf jeden Fall für Harnoncourt nicht. Für ihn war das Vibrato ein wichtiges Ausdrucksmittel, von welchem er ständig Gebrauch machte. Auch das Non-Vibrato war bei ihm immer eine bewusste Sache, sehr musikalisch begründet.


    Mit dem Anti-Vibrato-Wahn eines Norrington etwa hat Harnoncourts Ansatz hinsichtlich Vibrato gar nichts zu tun.


    Man kann es auf Video-Aufnahmen sehen, man könnte es hören, wenn man den genauer hinhören könnte ( das spreche ich dem Kritiker glatt ab) und ich weiß es auch ja von ihm persönlich, da ich mit Harnoncourt einmal ein Gespräch darüber hatte.


    Ich bin auch mit der Kritik nicht einverstanden, weil der Verriss viel zu zahm ausfällt.


    Was das von Willi gepostete Video anbelangt, kann ich nur sagen: Das ist sehr furchtbar, hat mit klassischer Musik und Kultur schon kaum noch etwas zu tun.
    Der Järvi mag dem einem oder anderen Hörer ungewohnt erscheinen, aber was für eine Klang- und Spielkultur, was für eine Präzision im Rhythmischen uvm. im Vergleich zu diesem peinlichen Auftritt dort. Dirigieren ist kein Selbsterfahrungstrip, Beethoven keine Trittbrett für plakatives Geschrummse. Leider ist es so, dass dieser grausige Clip erstmals die von mir meistens als absurd angesehene HIP-These Alfreds zu bestätigen scheint. Wenigstens ab jetzt scheint sie Gültigkeit zu erlangen. Das ist ganz und gar unerträglich :cursing: , einer ernsthaften Diskussion nicht würdig.



    Diese Symphonie schätze ich sehr in Karajans und Böhms Interpretationen, die beide recht unterschiedlich sind, doch beide auf ihre Weise sehr gut. Auch den Thielemann mag ich, der an den wuchtigen Stil der Vor-Karajan-Zeit anknüpft.
    Bei Hogwood z.B. kann das Problem aufkommen, dass man sagt: " ach ja, alte Instrumente, transparent.....aber dann wird`s irgendwann langweilig".


    Nun könnte ich über viele Interpretationen in diesem Stil weitermachen, aber ich will es gar nicht.
    Die haben alle ein Merkmal gemeinsam: es wird von seriösem Künstlern interpretiert, so unterschiedlich es sein mag.


    Dieser Herr dort und seine Truppe haben jedoch den Boden der Seriösität verlassen. Sie machen Show, und zwar eine schlechte. Ja, und was machen die denn da mit dem Tuch? Was soll bloß dieser Blödsinn? So ein Tuch hat mit den konkreten Noten Beethovens nichts zu tun, aber rein gar nichts.

    Ich bin sehr für gute Unterhaltungsmusik, ob es nun David Foster mit Chaka Khan, Toto, Chick Corea oder die WDR-Bigband sein mag. Aber auch diese Damen und Herren arbeiten als sehr seriöse Künstler. Bei dem Video dort oben sehe ich mehr oder weniger deutlich einen Selbsterfahrungstrip verbunden mit einer zeitgeistig billigen Publikumsanmache sowie neumodischem Firlefanz mit Kindern und Tuch. Verstecken die sich unter dem Tuch vor dieser traurigen Darbietung? Meine Güte! Nein, solches Zeugs hat überhaupt nichts "zu sagen", und nein, der Beethoven braucht so etwas nicht, um auch heute noch verstanden zu werden. Die Musik heißt nicht für umsonst "Klassik", weil sie aufgrund ihrer Qualität die Zeiten überdauert. Solche Versuche wie dort bezweifeln das und wollen dem "in die Jahre gekommenen" Ludvig van mal ein bisschen nachhelfen.



    Ok, ich höre besser auf...muss jetzt auch los um meine Tochter abzuholen.



    Gruß
    Glockenton

    Ich nutze Spotify gerne, gerade im Auto, weil es dann über Apple-Carplay schön über die Autoanlage läuft.
    Aber auch zu Hause brauche ich es oft, um neue Aufnahmen kennenzulernen, auch jene, über die hier diskutiert wird.
    So ist z.B. die neue Brahms-Gesamtaufnahme der 4 Symphonien unter Barenboim schon auf Spotify, während man bei Amazon die CDs nur vorbestellen kann/konnte.
    Wenn ich dann 100% überzeugt bin, bestelle ich mir die Aufnahme noch als CD. Die WAV-Qualität kann ich im Vergleich zu meiner kostenpflichtigen Premium-Spotify-mp3-Auflösung immer noch als ein bisschen besser identifizieren. Welten wie bei früheren schlechten mp3-Auflösungen sind es aber erfreulicherweise nicht. Im Auto sind dann diese Feinheiten eh irrelevant.
    Dennoch will ich die Musik, die mir wirklich gefällt auch immer in der bestmöglichen Auflösung besitzen und bestelle sie dementsprechend dann als CD.

    Dass es auf dieser Plattform keinen High-Res.-Download (oder wenigstens WAV-Download)gibt, finde ich schade.
    Gäbe es so etwas, könnte ich ggf. vom Kauf einer physischen CD Abstand nehmen, wissend, dass man dann auf das mitunter sehr gute Booklet verzichten müsste. Ich rippe ja die CDs dann wieder in Lossless-Qualität auf iTunes ein, einfach weil es anschließend wesentlich bequemer im Zugriff ist und zudem nicht schlechter als die Wiedergabe über den CD-Player klingt.


    Gruß
    Glockenton

    Besonders die hohen Frequenzen sollen übrigens durch die Fazor-Technik bei Audeze verbessert worden sein.
    Ich kann jedenfalls bestätigen, dass so ein LCD-X in diesem Bereich mehr Energien und gefühlte Schnelligkeit liefert, als der eher dunkle LCD-2.
    Es gibt hierzu viele anschauliche Berichte und Tests im Netz - Google weiß wie immer mehr.


    Hinsichtlich des Wirkungsgrades haben sie den LCD-X so verbessert, dass er weniger Leistung als alle meine anderen Kopfhörer benötigt ( z.B. Sennheiser HD800, AKG K701 oder auch Beyerdynamics DT 770 pro 80Ohm. Er spielt auch bei gleichem Verstärkerpegel wesentlich lauter als der LCD-3, wie ich im Hifi-Laden feststellen konnte.



    Gruß
    Glockenton

    Also Mozarts g-moll-Sinfonie ist für mich kein fröhliches Moll-Stück, sondern entspricht dem dramatisch-tragischen Moll-Charakter.


    .....ich wollt es auch grad sagen.


    Bei Schubert höre ich den zweiten Satz der Unvollendeten als traurig, trotz Dur, ebenso das Trio aus dem dritten Satz der großen C-Dur. Dieser Eindruck stellt sich jedoch nur ein, wenn man das Werk als Ganzes hört und seinen Schubert - eben auch aus seinen Liedern- schon kennenlernen durfte. Schubert ist ein Meister darin, seine große sich natürlich nie erfüllende Sehnsucht in Dur auszudrücken. Dieses " wie schön wäre es wenn, aber....." kann einen schon erschüttern. Ebenso das bekannte Ab-Dur-Impromptu für Klavier hat diese Qualitäten, vor allem im Mittelteil.


    Grundsätzlich muss man aber schon sagen, dass Dur normalerweise fröhlich/eher maskulin klingt, während Moll eine traurigeren, weicheren und feminieren Charakter hat. Diese Ausnahmen bestätigen die Regel, welche jedenfalls ab dem Hochbarock harmonisch so empfunden wird, wobei Meister Bach da auch seine speziellen Momente hat, bei denen er diese Regel überschreitet.



    Interessant wird es hinsichtlich der Tongeschlechter für mich bei Schütz: man kann bei ihm eben nicht so leicht feststellen, ob ein Werk nun in Dur oder Moll wäre, weil er ständig mit verdurten (auch Zwischen-)Schlüssen und Querständen arbeitet. Die Tonalität schwebt bei ihm, wenngleich er schon eine Psalmvertonung in Dur oder Moll anfängt, meistens aber mit einem Dur-Akkord endet.Seine Harmonisierungstechnik schwebt in der Balance zwischen dominantisch-funktionalen Verbindungen ( wie sie im barocken vierstimmigen Choral zur Regel erhoben wurden) und modalen Wendungen, die aus der noch älteren Kirchenmusik kommen.
    Gerade deswegen empfinde ich ihn in Verbindung mit seinen Stimmführungen, seiner Wort-Tonverbindung so unglaublich interessant, modern und vorbildhaft für den Kirchenmusiker.
    Dieses Schweben zwischen den Tongeschlechtern höre ich dann wieder beim extrem innovatien Chick Corea, nicht jedoch beim "normalen" Mainstream-Jazz.


    Gruß
    Glockenton