Beiträge von Kinderstück

    Jetzt zu den Kadenzen, die Beethoven selber für seine Bearbeitung komponiert hat. Die Kadenz im ersten Satz ist imponierend, fast gewaltig, auch ziemlich lang, ein echter Beethoven! Aber sie paßt mir nicht so recht in das lyrische Werk hinein, sie wirkt vielmehr wie ein Fremdkörper, obwohl ihre Motive überwiegend dem ersten Satz entnommen sind.

    vielleicht ist ja das Violinkonzert gar nicht so lyrisch, sondern es stecken schon Marschelemente im lyrischen Gewand drin.

    bei Berlioz gibt es die "idee fixe", die nicht nur alle Sätze seiner "Symphonie fantastique" durchzieht, sondern auch in einem anderen Werk auftaucht, nämlich in der erst 1991 wiederentdeckten Messe solennelle, die allerdings nach meiner Kenntnis schon vor der Symphonie fantastique komponiert wurde.

    ... und in der Kantate "Herminie" (1828)


    http://ks.imslp.net/files/imgl…erminia_(orch._score).pdf


    gleich zu Anfang.

    vor allem hilft ein Blick in die programmatischen Hinweise des Komponisten. Denenzufolge lassen da Jungs große Steine einen Abbhang in einen Bach runterrollen.


    "Allegro con slugarocko" heißt also etwa "Allegro mit Steinschlag"

    was das romantische Ideal, auf einem mechanischen Instrument wie dem Klavier zu „singen“, im Grunde für ein Paradox bedeutet.

    kleiner Einwand:


    die Forderung des "Singens" auf einem Tasteninstrument ist weit vor der Romantik erhoben worden. Bekannt ist J.S. Bachs "cantable Art im Spielen", das er mit seinen Inventionen explizit fördern will. Auch C.P.E. Bach fordert, auf dem "Clavier" müsse genau so gesungen werden wie auf den anderen Instrumenten (Versuch, S. 2). Wohl wird bei Beethoven eine veränderte Vorstellung vom Cantabile vorliegen (Mozarts Spiel soll Beethoven nicht ganz behagt haben), das ändert nichts an der grundsätzlichen Forderung.

    Das Grimmsche Wörterbuch sagt ausdrücklich, dass es auch die synonyme Verwendung von "Leier" und "Leierkasten" ("Drehorgel") gibt

    ja, das geht manchmal durcheinandern und erfordert Vorsicht.

    Schaut man nun in den Text, dann stellt man fest, dass der Leiermann barfuß läuft, also offenbar als Bettlergestalt gemeint ist. In der Zeit, als Müller die "Winterreise" schrieb, ist aber die seit Anfang des 18. Jhd. sich stark verbreitende Drehorgel (und nicht die mittelalterliche Leier) ein allbekanntes Bettelinstrument.

    die scharfe Gegenüberstellung von Drehorgeln und Drehleier in dieser Hinsicht wird da der Historie m.E. nicht recht gerecht. Die Drehleier hat die viel längere Geschichte, und war neben der Verwendung als deklassiertes Instrument auch hoch angesehen.


    Der Gebrauch durch sozial Deklassierte blieb aber im ganzen 19. Jh. präsent:


    The instrument still occurred as a street instrument in many places throughout Europe till about the twentieth century

    http://www.hurdygurdy.org/pdfs/hghistory.pdf


    siehe auch hier:


    https://en.wikipedia.org/wiki/…(1887)_p051_Fig.25-27.jpg





    Müller wählt - das wäre eine Deutung - ganz bewusst "altertümelnd" den mittelalterlichen Leiermann und nicht den alltäglich bekannten Leierkastenmann, um die Erstarrung der Zeit anzudeuten: Die Zeit ist stehen geblieben

    ein anderer Gesichtspunkt wäre, daß gerade ein Wilhelm Müller doch kaum die "barbarische" Wortbedeutung verwenden wird anstelle der, die die griechische Wurzel bewahrt.

    Für die Semantik ist das aber letztlich nicht entscheidend. Das Drehmoment ist das Entscheidende. In der romantischen Literatur ist das "Drehen" auch ein verbreitetes Motiv für das Gefangensein im Rad der Zeit.

    kein Einspruch. Für mich wäre vor allem wichtig, daß der "realistische" Hintergrund von Schuberts Komposition nicht verkannt wird.

    Wirklich?


    Schuberts Komposition entspricht genau der Konstruktion der Drehleier. Bordunsaiten, die "Melodie" von einfachsten Fingerbewegungen auf der Tastatur inspiriert.


    Much has been made of the fact that the old man plays a hurdy-gurdy. According to some, the drone [Bordun] sounds and mechanized action of this humble instrument, by the eighteenth and nineteenth century a beggar's instrument, scarcely deserves the designation "music"; the hurdy-gurdy is thus a prop that adds to the grimness and desolation of the scene. Actually, of course, the hurdy-gurdy is only partly mechanical. The drone strings are set into vibraton by a wooden wheel revolving in the middle of the soundbox and turned by a crank at its tail end; the melody strings or chanterelles are operated by a keyboard mechanism or set of stopping rods.


    Youens, Susan: “Retracing a Winter Journey: Reflections on Schubert's ‘Winterreise.’” 19th-Century Music, vol. 9, no. 2, 1985, pp. 128–135. JSTOR, http://www.jstor.org/stable/746578. S.132


    genaue Beschreibungen, Abbildungen s. auch.:


    Jan Bostrigde: Schuberts Winterreise, München 2015, S. 377ff.

    kleine Korrektur:


    die Drehleier bei Müller/Schubert hat mit unserer Drehorgel (Leierkasten) nicht das geringste zu tun. Es handelt sich um ein Saitenistrument, wobei die Saiten durch ein gedrehtes Rad angeregt werden. Die Verkürzung der Saiten erfolgt miittels einer Tastatur. Es gibt Bordunsaiten, Schubert komponiert, wie die sich ständig am Rad verhaken.


    hier ein solcher blinder Leiermann:


    http://www.belencribs.org/el-p…cal-del-escultor-salzillo


    es handelt sich um eine Figur aus der großen Weihnachtskrippe von Salzillo, Murcia

    Was bitteschön ist ein "tautologischer Kontext"? Das ist einfach Nonsens

    du hattest die Tautologie hier als "Kontext" angeführt. Klar ist das gar keiner. Habre darum "Kontext" immer in "" gesetzt:

    postID=677541#post677541">

    So eine Aussage darf man erst einmal nicht aus ihrem Kontext reißen. Wenn Schumann das schreibt, dann nur deshalb, weil die gängige Aufführungspraxis eben aus solchen "Abscheulichkeiten" bestand.

    also Schumann kritisiert, weil er was für kritikwürdig hält.


    Das Unterstrichene sagt, dass das nur für Stücke "guter" Tonsetzer, sprich "vollkommene" Werke gilt.

    auch geschenkt. Bei nicht guten Stücken braucht man sich nicht aufzuregen. Die soll man nach Schumann sowieso meiden. Fraglich, ob die für Schumann Werkcharakter hatten.



    wieder aus den Hausregeln:


    Spiele, wenn du älter wirst, nichts Modisches. Die Zeit ist kostbar. Man müßte hundert Menschenleben haben, wenn man nur alles Gute, das da ist, kennen lernen wollte. –

    [-...]

    Schlechte Compostionen mußt du nicht verbreiten, im Gegentheil sie mit aller Kraft unterdrücken helfen. –


    Du sollst schlechte Compositionen weder spielen, noch, wenn du nicht dazu gezwungen bist, sie anhören. –

    Das wird jetzt einfach mal so behauptet! Ist aber nachweislich falsch. Die "werktreue" Interpretation, die sich buchstäblich an den Notentext hält, ist eine sehr moderne Erfindung, entstanden im 20. Jhd

    z.B. Robert Schumann in den Hausregeln:


    Betrachte es als etwas Abscheuliches, in Stücken guter Tonsetzer etwas zu ändern, wegzulassen, oder gar neumodische Verzierungen anzubringen. Dies ist die größte Schmach, die du der Kunst anthust. –


    schärfer gehts kaum.

    Die Behauptung ist leider historisch und sachlich belegbar falsch. Ausgerechnet Alfred Brendel selbst (!) nämlich weist auf Beethoven hin, der bezüglich seiner "Hammerklaviersonate" (op. 106) an Ries schrieb, der Aufführende könne auch wenn er wolle die Reihenfolge der Mittelsätze (Scherzo und langsamer Satz) umstellen und die Einleitung zum Schlusssatz einfach weglassen

    für den instrumentalen klassisch-romantischen Kernbereich sind sowas absolute Sonderfälle.


    Und die gelegentliche Komposition veschiedener Versionen eines Werkes durch den Komponisten selbst ändert am Grundsätzlichen auch nichts.


    das heißt nicht, daß Bearbeiten verboten wäre, es gibt ja zahlreiche Transkriptionen für andere Beseztzungen. Diese wollen aber damit aber nicht "interpretieren", sondern die Musik weiteren Verwendungen zuführen.

    es ist Album für die Jugend:


    Liebe Forumsmitglieder,

    Viktoria Mullova hat in ihrem Konzert in der Kölner Philharmonie eine Zugabe gespielt. Es ahndelt sich um eine Stück für Violine solo. In einem Zeitungsartikel von diesem Konzert wurde erwähnt, dass es sich um eine Sarabande von Johann Sebastian bach handelt. Ich habe alle mir vorliegenden Sarabanden von Bach durchgehört. Eine Übereinstimmung habe ch nicht gefunden. Daher möchte ich mich an die Mitglieder dieses Forums wenden, um mir bei der Bestimmung des Stücks behilflich zu sein. Hier der Link zu dem Stück:

    Viktoria Mullova - Encore - Johann Sebastian Bach

    Ich hoffe, dass jemand das Stück erkennt. Vielen Dank für die Hilfe.

    es handelt sich auch nicht um ein "Sarabande" benanntes Stück, sondern um das Largo aus der 3. Sonate C-Dur BWV 1005 aus den 6 Sonaten und Partiten für Violine solo.

    Dieses "aus urheberrechtlichen Gründen" ist sinnfreies Geschwurbel. Der wahre Grund ist ihnen peinlich, daher verschweigen sie ihn.

    das kann im Einzelfall natürlich stimmen, ist aber keineswegs zwingend. Wenn ein paar der Ausführende nicht wollen, dann können die andern gar nichts machen. Wie eventuelle vorherige Verträge aussehen müssen, die das ausschließen, weiß ich nicht.

    ähnlich wie bei anderer Gelegenheit auch schon, muß ich hier doch einiges in Frage stellen.


    Und so ist für ihn offenkundig, „dass die >Winterreise< in radikaler Reduktion der künstlerischen Ausdrucksmittel

    welche Reduktion mag das sein? daß solche bisher unerhörte Reduktion wie im Leiermann vorkommen, ist doch eher eine Erweiterung der Mittel ins Extreme.

    Zitat

    Mit dem ersten Schritt übernimmt die Komposition die Führung des Hörers. Sie stimmt ihn auf eine Gefühlslage ein, die den ganzen Zyklus dominiert. Man hört den schweren Schritt des Flüchtlings, noch bevor ein Wort gesungen ist.

    einen "schweren Schritt" gibt es in der ganzen Winterreise nicht. In" Rast" mag ein solcher des Ermüdeten nachklingen, quasi nachträglich, denn:


    Die Füße frugen nicht nach Rast,
    Es war zu kalt zum Stehen;
    Der Rücken fühlte keine Last

    Zitat

    kehrt nach diesem gescheiterten Versuch, in Liebe Erfüllung zu finden, zu ihm wieder zurück.

    "Versuch, in Liebe Erfüllung zu finden>" - wäre das nicht etwas eigensüchtig? Dann wäre dem Wanderer eigentlich ganz recht geschehen, wenn er verlassen würde?

    Zitat

    Es spricht für die Größe Schuberts, dass er sich der wagnerschen Versuchung verweigert, die Illusionslosigkeit seines Wanderers durch neue Illusionen >kunstvoll< im Wahn befrieden zu wollen.“

    wie hätte Schubert das mit dieser Textvorlage wohl anstellen sollen?

    Das kann nicht stimmen, sondern das ist nur eine Auswahl der vielleicht bekanntesten. Allein in Deutschland gibt es weit mehr als nur 11 Musikhochschulen, nämlich 31. Im riesigen China werden das mehrere Hunderte sein

    die Anzahl ist immer noch unplausibel. Um eine Million Klavierstudierende zu versorgen, müßte es ca. 2000 nach europ. Maßstäben große musikalische Ausbildungsstätten im Hochschulrang geben (mal einfach 500 Klavierstud. pro Hochschule angesetzt)


    nach offiziellen Angaben gibt es in ganz China ca. 2900 Hochschulen (Unis und andere) überhaupt, da ist die Musik mit drin.


    https://de.wikipedia.org/wiki/…n_der_Volksrepublik_China


    Nun kann es auch an Unis praktische Musikausbildung geben wie in den USA üblich und auch in Dt. vorkommend (Mainz und Münster).


    hier wird allerdings die Zahl 11 bestätigt:


    The training of professional musicians and music teachers in the People’s Republic of China takes place at eleven Conservatories and Art Institutions strategically placed throughout the country. All but the Conservatory of Chinese Music in Beijing deal primarily with training in Western-style music, though all offer programs in Chinese music. The most prestigious institutions are the Central Conservatory of Music in Beijing and the Shanghai Conservatory, and these take only the very best students from all over China. Others take students only from their own or neighbouring provinces but standards remain high throughout. Entry is by audition. [...]

    Last update April 2019

    https://idmmei.org/record.php?id=303


    also aus meiner Sicht ist die Angabe "1 Million Klavierstud. in China" weiterhin erheblichen Zweifeln ausgesetzt.


    Dass der Wohlstand in China dafür verantwortlich ist, dass dort verglichen mit Deutschland mehr Leute Musik studieren, halte ich immer noch für abwegig.

    die Angabe selbst bezweifele ich weiterhin - s. oben.


    Das soll aber nicht in Zweifel setzen, daß auch in China wie in ganz Ostasien ein äußerst starker Impetus zur Pflege europäischer "klassischer" Musik.


    Ich würde allerdings dem wachsenden Wohlstand doch eine wesentliche Rolle zubilligen, denn meiner bescheidenen Beobachtung nach kann man eine solche Tendenz fast weltweit feststellen: wo nur ein wenig eine Mittelschicht existiert, die es sich leisten kann, kommt es zu Bemühungen und Aktivitäten in dieser Richtung. Sicher ist Ostasien da bei weitem der Vorreiter.


    habe mal ein wenig in Madagaskar, einem ganz armen Land, wo aber auch dort eine gewisse Mittelschicht sich herausbildet, recherchiert. Es gab mehrere Bemühungen um Gründung einer Musikhochschule, die es jetzt formell auch gibt, wenn auch noch ohne wesentlichen Gehalt. Und ein - eventuell doch bezeichnendes - Kuriosum: es existiert im Netz eine komplette, den großen europäischen MHS abgeschaute madagassische fake-Musikhochschule, die jemand, der das Königtum in Madagaskar wieder einführen und König werden will, erstellt hat - mit allem drum und dran und echt existierenden Lehrkräften.


    empfehlenswert.

    http://conservatoire-cnsmm-madagascar.blogspot.com/

    Nein, das sind ausschließlich Studenten des Fachs Klavier an Hochschulen.


    Schöne Grüße

    Holger

    das wäre dann allerdings tatsächlich eine sehr, sehr hohe Zahl.


    lt. MIZ hat in Deutschland ca. 9000 Instrument-Studierende (von denen also die Klavierstudierenden nur einen, wenn auch erheblichen Teil darstellen).


    http://www.miz.org/downloads/s…sikberufe_Studienfach.pdf


    das wäre dann in China im Verhältnis zur Bevölkerung der ca. 7fache Anteil von allein in der Klavier-Hochschulausbildung befindlichen (also die 1 Million) im Vergleich mit den in Dt. in der gesamten Instrumental-Ausbildung befindlichen.



    ich frage mich jetzt allerdings doch, wie sieht es mit den Ausbildungskapazitäten aus? Wikip. verzeichnet 11 Musikhochschulen/Konservatorien in China:


    https://de.wikipedia.org/wiki/…n_der_Volksrepublik_China

    die also im Schnitt jeweils ca. 91000 Klavierstudierende haben müßten.


    die älteste Musihochschule Chinas in Shanghai hat allerdings nur 1300 Studierende, was einer großen europäischen Musikhochschule entspricht.


    https://en.wikipedia.org/wiki/Shanghai_Conservatory_of_Music