Beiträge von Tristan2511

    Ich gehe nochmal auf einige Fragen ein:

    Wenn ich das richtig verstanden habe ist zumindest der Eingangschoral von BWV 124 keine Bachsche Eigenkomposition, richtig?

    Der Eingangschoral im Sinne der Choralmelodie nicht. Das ist bei Bach nur selten der Fall (z.B. die heute gesungene Melodie von "Ich steh an deiner Krippen hier"). Der Eingangssatz hingegen ist vollständig Bachs Schöpfung. Er bearbeitet in solchen Sätzen die vorhandenen Choralmelodien und erweitert sie wie in diesem Fall um ein eigenständiges Ritornell und/oder kontrapunktische Verarbeitung.


    ilt das auch für den abschließenden Choral? Offensichtlich sollten die Gottesdienstbesucher zumindest musikalisch bei Bekanntem abgeholt werden.

    Exakt. Der Schlusschoral ist die unverarbeitete Melodie des Chorals (von Andreas Hammerschmidt). Von Bach stammt hier "nur" der Satz. Viele dieser Schlusschoräle sind im Evangelischem Gesangbuch Leipzigs zur Bachzeit vorhanden und bekannt. Es ist davon auszugehen, dass viele Gottesdienstbesucher dieser Zeit die Choräle wirklich textlich kannten und deshalb übrigens auch melodische Querverweise mit theologischen Chiffren durchaus erkennen konnten.


    Allerdings: die Akustik in Kirchen ist oftmals grauenhaft, Gesungenes verschwimmt zu Klangbrei. Und Textzettel? Wie muss ich mir das zur Bachzeit vorstellen, wenn die Gemeinde bei einem Choral mit neuem Text mitsingen sollte? Gab's da Gedrucktes oder Handkopiertes? Und überhaupt: haben die Leute Musik und Text überhaupt verstanden? Akustisch meine ich?

    Die Choräle waren wie gesagt den meisten Leuten bekannt und im Gesangbuch nachlesbar. Die Akkustik hat es bei den weiteren Sätzen sicher nicht leicht gemacht alles zu verstehen. Aber: Die Kantaten sind liturgisch gebraucht worden. In der Regel gab es eine lange Predigt im Gottesdienst (teilweise bis zu 1h), in welcher nicht nur auf die zum Sonntag gehörenden Bibellesungen abgehoben wurde, sondern auch fast immer der Kantatentext nochmal vom Pfarrer vorgelesen und ausgelegt und mit den Bibeltexten verbunden wurde. Die Leute bekamen - vorausgesetzt sie hörten zu - also in der Regel nicht nur den Kantatentext, den sie vielleicht nur bruchstückhaft verstanden hatten, sondern auch eine theologische Deutung zu hören.


    ist diese Kantate danach wieder aufgeführt worden?

    In der Tat eine wichtige Frage. Ich habe bisher einfach naiv unterstellt, daß Bach seine eigenen Kantaten immer mal wieder aufgeführt hat, also mindestens einmal im Kirchenjahr, und die regelmäßigen Kirchbesucher insofern ansatzweise damit vertraut waren. Ist das so nicht richtig? Weiß man überhaupt etwas dazu?

    Die Frage der wiederholten Auführung wäre interessant mit Blick auf Verkündigungswert der Inhalte.

    Bachs Kantaten waren zuerst Gebrauchsmusik für die einmalige Aufführung. In den ersten Jahren (1723-1726) schrieb Bach derartig viele neue Kantaten, dass er keine Werke wiederaufführen musste. Danach begann er zunächst Weimarer Kantaten, die den Leipzigenr unbekannt waren, in Leipzig nochmal aufzuführen und gelegentlich auch für Leipzig umzuschreiben. In späteren Jahren führte er gelegentlich Kantaten aus früheren Leipziger Jahren wieder auf, als er nicht mehr für jeden Sonntag eine neue schrieb. Allerdings sind dabei längst nicht alle Kantaten wieder aufgeführt worden. Einige dieser Werke sind bis zu ihrer Wiederentdeckung tatsächlich nur einmal (oder zweimal wenn noch in Nikolai) je erklungen.

    Wenn Bach sie wiederaufführte änderte er gelegentlich Solostimme und Instrument bei einzelnen Arien um die Musik an die gegenwärtigen Möglichkeiten anzupassen.

    Regelmäßige Kirchgänger kannten also einige Kantaten mit der Zeit recht gut, aber lange nicht alle der vermuteten 300 (200 erhaltenen) Werke.

    Der Verkündigungswert der Inhalte ist dennoch gegeben, durch die schiere Anzahl an Werken mit ähnlichem theologischen Inhalt.


    BWV 124 ist nach meiner Quellenkenntnis zweimal wiederaufgeführt worden, einmal davon ungewöhnlich spät: 1749.

    Die Kombination „Bach“ und „schlicht“ hat mich jetzt überrascht, Bach ist doch immer vergleichsweise kompliziert. Welcher Zeitgenosse hätte weniger „schlichte“ Choräle komponiert?

    Dennoch ist die Bezeichnung "schlichter vierstimmiger Choralsatz" in der Bach-Literatur üblich (bei Dürr immer, auch bei Wolff und Petzold) und meint die einfachen (Schluss-)Choralsätze in Abgrenzung zu den mit Ritornellen versetzten und/oder fugierten Chorsätzen.

    Wenn ich hier mal meinen Hut in den Ring werfen darf: Als Lohengrin finde ich den Herrn Vogt ausgesprochen überzeugend. Vor allem finde ich seine Behutsamkeit und fast schon zärtliche Diktion perfekt. Ich sehe den Lohengrin eher als eine fast schon feminin wirkenden Heldenjüngling in Rüstung, wie man ihn in romantischen Gemälden sieht und auch wenn Herr Vogt wie ich finde nicht unbedingt dieser Vorstellung entspricht, er klingt genau so.


    Ich habe ihn allerdings auch als Tannhäuser gehört und da hat er mir nicht ganz so gut gefallen. Im ersten Akt fand ich, war die Phrasierung extrem schleppend. Im zweiten Akt hat es für mich besser funktioniert, aber wirklich geklickt hats erst im dritten Akt. Die Romerzählung wurde aber für meine Begriffe bedeutend besser bewältigt als ich es nach dem ersten Akt erwartet hatte.

    Geht mir auch so. Im Gegensatz zu einigen Kollegen im Forum halte ich auch sehr viel von KFV und natürlich vor allem auch von seinem Lohengrin. Als ich ihn als Tannhäuser in HH gesehen habe, war ich auch ziemlich zufrieden und - ebenfalls - positiv von der Romerzählung überrascht.

    Bei einer liturgischen Verwendung kann ich mir schwerlich den Einschluss in einen Wortgottesdienst vorstellen, ich finde in dem Text kein bezogenes Bibelwort.

    Das, lieber Thomas, ist 1725 und im gesamten Choralkantaten-Jahrgang tatsächlich so geschehen. Entweder am Stück im ersten Teil des Gottesdienstes, oder in der Mitte von der Predigt geteilt (übrigens auch gängige Praxis bei Kantaten die nicht eindeutig zweigeteilt sind). Als Predigt wurde dann das ohnehin zum Sonntag gehörende Proprium beachtet, in diesem Fall das Evangelium vom 12jährigen Jesus im Tempel. Einen Zusammenhang konnte der Prediger in der Regel auch bei Choralkantaten ohne Bibelwort herstellen. Hier z.B. das "Meinen Jesum lass ich nicht" als Glaubensaussage im Gegensatz zur elterlichen Erfahrung des Loslassens (Maria und Joseph 'verlieren' ihr Kind an die Synagoge).

    Freilich stimmt es, dass bei Bibelwort-Kanaten das textliche Proprium des Sonntags wesentlich mehr ausgestaltet wird.

    Den Monat Opernpause (eher durch das Programm in HH bedingt) halte ich nun doch nicht durch, bald ist ja eh schon wieder Sommerpause.

    Ich freue mich auf "Die Liebe zu den drei Orangen" am Freitag in Bremen. Im Gegensatz zu Kiel bin ich in diesem von uns noch relativ schnell erreichbaren Haus nur sehr selten zu Gast.

    Wo? Ich lese da nichts von Krieg. Die Jesus-Verliebtheit ist sogar so stark, dass Tod und Paradies in den Hintergrund treten. Für mich ein eher helles Gedicht.

    Das hatten wir doch schonmal: Nicht explizit, aber bei Keimann zur Entstehungszeit 1658 natürlich präsent. Er wird nicht in der massiv veränderten und umgestalteten Welt gelebt haben, ohne diese Erfahrung sei es auch nur indirekt zu reflektieren. astewes schrieb ja auch ganz allgemein, dass der Krieg bei den Bach-Texten noch seine Auswirkungen gehabt haben wird. Und davon gehe ich auch aus.

    Dieser Choral hier ist aber insgesamt eher "hell", das würde ich auch so sagen.

    Die Stellen im AT sind mir grob bekannt. Aber wo genau im NT? Ich würde das gerne nachlesen.


    Das Thema ist übrigens nicht gar so Thread-fremd. Ich würde durchaus gerne genauer wissen, wie Bach in dieser Hinsicht tickte und was ihn beeinflusste.

    In aller Kürze:

    Im NT ist die zentrale Idee der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade vor allem in der paulinischen Theologie zu finden. Es ist damit die älteste Theologie des NT, selbst das älteste Evangelium (Markus) entsteht mehr als zehn Jahre später. Wichtige Stellen dabei sind vor allem:

    Römer 1, 16-17

    Römer 3, 21-24

    auch Römer 3,28, 4,25 oder 11,16 (in Abgrenzung zur Werkgerechtigkeit)

    Galater 3, 1ff.


    Ganz bedingungsfrei und damit im vollen Sinne gnädig ist auch diese Lehre übrigens nicht. Sie zielt gewissermaßen als Gegenleistung auf Glauben ab. Die Rechtfertigung des gnädigen Gottes ist im Glauben anzunehmen. Luther spricht deshalb von vier einander bedingenden 'sola' auf die es im Glauben ankommt. Zuerst "sola gratia", allein aus Gnade wird der Sünder bei Gott angenommen. Dies geschieht aber nur "sola fide", allein aus Glauben. "Sola scriptura" bedeutet, dass der Sünder in der Schrift (Gesetz und damit v.a. AT) erkennt, dass er ein Sünder ist bzw. dass die Welt Anfechtung ist. Die Erlösung daraus liegt "solus christus", nur bei Christus. Christus als Teil der Gottheit gewährt diese Rechtfertigung wiederum "sola gratia" - der Kreis schließt sich.


    Davon unterscheiden sich nun die später entstandenen Evangelien (besonders Matthäus) teilweise stark, mit ihrem Fokus auf das Weltgericht (z.B. Mt 25). Hier gibt es keine generalisierte Rechtfertigung, sondern einen zweifachen Ausgang des Gerichts, nicht zuletzt nach Werken. Luther versucht das mit dem Kunstgriff, dass aus dem Glauben (sola fide) gute Werke entstehen und ändert damit die Richtung: Nicht gute Werke zur Erlangung der Gerechtigkeit durch Werke (Werkgerechtigkeit), sondern Gerechtigkeit aus Gnade/Glaube und deshalb gute Werke. Diese wiederum führen im Weltgericht auf die gute Seite. Ein Versuch beide Denkweisen des NT zusammenzubringen.


    Im NT bedarf es sehr häufig der Fürsprache Jesu und der Annahme dieser im Glauben, damit Gott direkt eingreift und als personales Gegenüber an mir handelt. Beispiele sind da nahezu alle Wundergeschichten. Beispielhaft die Annahme im Glauben beim Hauptmann von Kapernaum, Mt 8, 5ff. Gottes Eingreifen durch Jesus hat eher die Funktion einer Legitimation Jesu als Sohn Gottes.

    Selbst Jesus reflektiert ein Eingreifen Gottes in die Welt in der berühmten Getsemane-Szene als unwahrscheinlich ("Wenn möglich lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst"). Gottes Eingreifen ist im NT zur Ausnahme, fast zum Unding geworden - im völligen Gegensatz zum Gott Israels des AT. Das Handeln Gottes in der Welt wird nun universaler, weniger persönlich gedacht: Jesu nimmt die Sünde am Kreuz hinweg - egal wie belastet das irdische Leben ist, es gibt ein gutes Ende. Die Fokussierung auf ein Danch ("Reich Gottes", "Ewiges Leben") gibt es im Judentum/AT nicht.


    Schaut man nun auf die Theologie der Bach-Zeit, dann ist diese zentrale Lutherische Lehre auf der einen Seite selbstverständlich und in vielen Kantatentexten zu finden. Auf der anderen Seite gibt es spannende Gegenströmungen bei den Bach-Texten. In der lutherischen Orthodoxie sind einige Vertreter wenn man so will hinter Luther zurückgetreten und haben eher ältere dogmatische Stränge aufgenommen. Besonders wirkmächtig ist dabei die Satisfaktionstheologie und die davon zu unterscheidende Sühneopfertheologie, die zum Beispiel in der textlichen Urschicht der Matthäuspassion ziemlich präsent ist. Die auf Anselm zurückgehende Deutung des Kreuzestodes geht davon aus, dass Gott im Tod Jesu Satisfaktion für die Sünden der Menschen erhält (stellvertretendes Opfer) und dies benötigt, weil er aus sich heraus nicht gnädig und nachsichtig genug sein kann, um seine verletzte Ehre zu ignorieren bzw. wiederherzustellen. Dies steht natürlich der besonders im Pietismus und der Frühaufklärung aufgekommenen Deutung des Kreuzestodes "allein aus Liebe" entgegen. In der MP gehen die ältesten Schichten auf Passionspredigten des Rostockers Heinrich Müller zurück, ein lutherisch-orthodoxer Hardliner mit stark ausgeprägter Sühneopfertheologie. Im Bearbeitungsprozess verändert Picander diese Texte (siehe Beispiele weiter oben hier im Thread) und aus der Schlagrichtung Satisfaktion bei Gott-Vater, wird Liebe von Gott-Sohn (siehe die Arie "Aus Liebe will mein Heiland sterben").


    Ebenso deutlich ist der im Barock obendrein typische Fokus auf das Jenseits. Jede Kantate (auch explizite AT-Werke) erhält bei Bach und seinen Textdichtern einen katechetischen Turn zum NT und Christus hin. Und hier wird immer wieder betont, wie irdische Qualen und jenseitige Freude sich unterscheiden. Es wird weniger erwatet, dass Gott ins "Jetzt" (Welt) eingreift, als dass er das "Dann" (Jenseits) als Erlösung bereit hält.

    Bei der schwedischen Sinfonik bzw. Komponisten stehe ich bisher sehr stark auf der Stenhammar und Atterberg Seite. Bei ersterem überzeugt mich neben den sinfonischen Werken auch sehr die Kammer- und Klaviermusik, weshalb er mein liebster schwedischer Komponist ist.

    Alfvén habe ich biser immer ein wenig vernachlässigt (warum eigentlich?) und hole das momentan ein wenig nach.


    Natürlich ist die 2. Sinfonie in der Tat ein ganz schöner Hammer und für mich neben Berwald 3, Stenhammar 2 und Atterberg 6 die stärkste schwedische Sinfonie. Es sind viele Details, die mir gefallen: Wie der Kopfsatz aus einem fast belanglosen Beginn zum mitreißenden und teilweise eingängigen Gesang wird. Wie das Englischhorn im Andante nach den Tuttischlägen hervortritt. Überhaupt, wie beeindruckend sich dieser Satz ins Dramatische, fast Verzweifelte steigert. Wie die Schlussfuge nicht nur artifiziell, sondern in EInheit mit dem Preludio als schlüssiges sinfonisches Finale wirkt...


    Ich höre mich momentan durch diese Box, in welcher Niklas Willén abwechselnd das Schottische und Irische NSO dirigiert. Ordentliche zuweilen wirklich schöne Aufnahmen, vielleicht ohne die letzte Begeisterung. Aber durchaus empfehlenswert für den Alfvén-Rundumschlag:

    Das Violinkonzert aber hat mich "voll gepackt". Es steckt voller schöner Motive und erinnert mich in der Ausgestaltung fast an die schwelgerischen Violinkonzerte von Camille Saint-Saens. Eine sehr erfreuliche Wieder-Entdeckung, die leider sehr selten auf CD zu finden ist.

    Vielen Dank für den Hinweis, lieber Norbert. Tatsächlich kenne ich das Berwaldsche VK auch ganz gut, ich habe es in dieser:

    Aufnahme, die ich gleich mal wieder gehört habe.


    Wo du von Saint-Saens sprichst: Lange Jahre war das deutlich bekannteste 3. Violinkonzert mein liebstes von ihm. Letztes Jahr hat mich plötzlich aus dem Nichts das 2. VK umgehauen!

    In der betreffende Textpassage ist aber ausdrücklich vom Hass die Rede, die Variante "hasse nicht" statt "lasse nicht" wäre also nicht unstimmig in diesem Kontext. Gibt es denn zu dieser speziellen Aufnahme Kommentare, die eventuell darauf Bezug nehmen? Vielleicht existiert da ja eine Textvariante bzw. verschiedene Aufführungstraditionen, wo mal die eine mal die andere Variante gesungen wurde?

    Nein, "lasse nicht" ist hier die einzige richtige Variante. Akkustisch habe ich ja schon ganz am Anfang vor dieser gleichwohl musikalisch schönen Variante gewarnt, weil sie so verhallt ist. Man kann "hasse" verstehen, aber nur "lasse" ist richtig. :)

    Vom Hass ist in der Tat zuvor die Rede: "Wenn der dem Fleisch verhasste Tag nur Furcht und Schrecken mit sich führt". Gemeint ist natürlich der Todestag, der zwar dem Fleisch verhasst ist, implizit der Seele aber nicht. Das wird dann in den weiteren Sätzen weiter ausgeführt.

    Hat McCreesh mehrere Vertonungen vorgelegt, oder hörst du sie mehrfach?

    Nur ganz kurz ein Hinweise, weil das mit dem Threadgegenstand der Theologischen Bachforschung nicht viel zu tun hat.


    In der Religionsgeschichte ist die Idee eines personalen Gottes der gnädig ist und mich und mein Leben schützt eine von mehreren starken Ausformungen. Im monotheistischen Christentum ist sie sehr lange sogar die Leitidee. Begründet schon in zahlreichen alttestamentlichen Texten, wie z.B. nahezu allen Psalmen. Nach dem Motto: Gott schütze Israel. Gott hilft mir gegen die Feinde etc.


    Die Theodizee-Frage (nicht nur die) stellt diese Idee eines gnädig in der Geschichte handelnden Gottes in Frage. Darauf gibt es in der Aufklärung und folgenden Epochen mehrere Antworten wie z.B.:

    * Gott ist nur ein Konstrukt

    * Gott ist nicht gnädig, sondern 'nur' mächtig

    * --> Gott ist allmächtig und deshalb nicht notwendig gnädig

    * Gott zeichnet für die Schöpfung und Welt verantwortlich, aber nicht für die einzelne Biographie

    * Gott hat den Menschen zur Freiheit geschaffen; diese Freiheit kann auch missbraucht werden (Sünde ist in der Welt)

    --> das hilft dem Menschen nicht in der konkreten Notsituation, aber ganz allgemein in der Rechtfertigung aller Sünder und der Aufhebung des Weltgerichts

    Besonders der letzte Gedanke ist wirkmächtig in der protestantischen Theologie.


    Die Idee das Gott mich Einzelnen gnädig schützt kommt also erstmal aus der monotheistischen Religion mit personalen Gottesverhältnis und ist in der Schrift (besonders im AT) vielfach zu finden und wird im NT und der folgenden Theologie teilweise neu bewertet und gedacht.

    Da bin ich aber wirklich mal gespannt, worauf du so kommen wirst. Ich bitte um fleißiges Posten des Gehörten :S

    Viel Vergnügen, lieber Tristan.


    Ich bin nicht so konsequent wie Du, aber auch ich freue mich immer, wenn ich meinen musikalischen Horizont erweitern kann.

    Da wird sicher vieles dabei sein, was ihr wiederum schon besser kennt. Hörbiographien unterscheiden sich ja teilweise erheblich.


    Los geht es mit Musik die ich schon kenne, aber nicht so gut wie ich mir das wünsche. Als Liebhaber nordischer Musik hat Hugo Alfvén bei mir im Gegensatz zu Gade, Berwald, Nielsen, Sibelius, Atterberg oder Stenhammar komischerweise immer ein Schattendasein geführt. Deshalb gibt es jetzt erstmal:

    Hugo Alfvén - 1. Sinfonie Op. 7 in f-Moll

    Nicht so eingängig oder mitreißend wie die 2. Sinfonie. Interessant ist das Andante, darin erkenne ich eine mehr oder weniger offene Hommage an den sinfonischen Stil Tschaikowskys.


    In dieser Box spielt das Royal Scottish NSO (Nicholas Willén):

    Lieber Dr. Holger Kaletha , ich antworte einmal hier, weil das interessante Ausführungen sind, die ich aber eher hier im Thread verorten würde, als noch direkt bei BWV 124.

    Bei Luther gibt es diesen Voluntarismus auch. Er fragte einmal (frag mich jetzt nicht, wo ich das gelesen habe! ^^ ) : Woher weiß ich als Christ eigentlich, dass Gott ein gnädiger Gott ist? Vor diesem Hintergrund wird für mich verständlich, warum Erfahrungen der Verunsicherung wie der Dreißigjährige Krieg theologische Relevanz bekommen können, wenn sie in Zusammenhang damit gebracht werden, dass ein allmächtiger Gott, der so etwas zulässt und das in seiner Allmacht natürlich zulassen kann, noch ein guter Gott sein kann bzw. wodurch denn durch die Glaubenserfahrung überhaupt noch ausweisbar ist, dass man mit der Güte (oder Gnade) Gottes rechnen darf.

    Deine Ausführungen zur Kontingenz, zum 'verlorenen' Platonismus und zum zunehmend selbstreferenziellen Charakter der Dogmatiken nach der Reformation kenne ich und teile ich im wesentlichen. Ich würde nur im Detail wiedersprechen, dass es lutherische dogmatische Strömungen gab, die sich wenig selbstreferenziell und durchaus im Luhmannschen Sinne mit a) dem Zentrum des Glaubens und b) 'der Welt außerhalb' beschäftigen. Schon bei Calov ist das so. Später vor allem bei Semler und den Neologen, wenn die freilich a differenzierter betrachten als zuvor in der Theologiegeschichte, z.B. mit der Unterscheidung von Heiliger Schrift und Wort Gottes.


    Besonders interessant finde ich aber die oben zitierte Stelle. Luthers Frage nach dem guten Gott findet ja eine sehr spannende Antwort in seinen Gedanken zum Deus absconditus, dem verborgenen Gott. Die gesuchte Schrift lautet "De servo abitrio". Das Interessante bei Luther, was hier in unseren Zusammenhang passt: Anders als zuvor Nikolaus von Kues und zeitgleich Calvin verhandelt Luther unter diesem Begriff nicht nur die Frage nach der Erkennbarkeit Gottes in der Welt - er kann eben aller Erfahrung nach verborgen sein - sondern die Folgen des Deus absconditus für den einzelnen Gläubigen. Und damit fragt er, ob Gott gnädig ist oder in seiner Allmacht auch grausam sein kann. Luthers Gedanke liegt auf der Hand: Ein verborgener Gott, der in meinem Leben und meiner irdischen Anfechtung verborgen ist - obwohl es ihn gibt (!) - kann vom Gläubigen als grausam empfunden werden. Da ist auch wieder die Hiobsche Frage: Nicht ob Gott existiert, sondern ob Gott gnädig ist.


    Und dann sind wir tatsächlich - das ist mir beim sorgsamen Lesen der gesamten Diskussion nochmal deutlich geworden - bei deiner Ausgangsthese vom Textdichter in der Anfechtung des z.B. 30jährigen Krieges. Und in einer frühen Form des Theodizee-Problems (bzw. in einer späten Fortführung der skeptischen Frühformen dieser Fragestellungen bei Lactantius) nimmt diese Anfechtung natürlich Einfluss auf Theologie, Kunst und Glauben der Epoche. Bachs Musik die vor allem im Lutherischen Umfeld verortet ist gehört selbstverständlich in diesen Horizont. Wie gesagt: Es geht nicht darum Glaubensgewissheiten in Frage zu stellen, sondern wie auch von dir ausgeführt um die Erweiterung des Glaubens um 'skeptische' Fragen. Dazu gehört z.B. auch der Lutherische Deus absconditus.


    Diese Ebene schwingt in der barocken Dichtung und damit bei Bachs Textdichtern und bei Choraldichtern wie Keimann dann als tiefere Ebene schon mit. Und letztlich ist die Frage nach dem gnädigen Gott ja sogar ur-reformatorisch und damit Kern auch der Bachschen Texte.

    Ab nun gibts bei mir eine mehrmonatige Hör-Challenge. In den nächsten Monaten höre ich (fast) nur Musik die mir unbekannt bzw. noch zu wenig bekannt ist. Das mache ich, weil ich das Gefühl habe immer noch eine riesige Menge an Komponisten auf der Liste zu haben, die ich zu wenig bzw. gar nicht kenne. Und das meint alle Epochen auch wenn mein Fokus weniger auf der Moderne liegt.

    Ich bin gespannt auf viel neue Musik und darauf wenig gehörtes zu vertiefen. Dabei sind auch viele Anregungen aus dem Forum und ich werde auch gelegentlich darüber schreiben. Im Herbst setze ich meine üblichen Komponisten-Phasen dann mit Wagner fort.

    Es dürfte wohl recht wenige Musikfreunde geben, die Secco-Rezitative tatsächlich zu ihren Lieblingen zählen. Bei Opere serie oder barocken Oratorien bin ich dann auch mal dabei ein Rezitativ zu überspringen - da ich aber recht gut italienisch spreche, höre ich meistens einfach zu und freue mich auf die nächste Arie.

    Wie Ulli u.a. oben schon geschrieben hat gilt das nur fürs Secco. Parlando-Stil bei Mozart u.a. bereitet mir großes Vergnügen und Accompagnati haben musikalisch natürlich meist einen höheren Wert und mehr Ausdruck.


    In den Bach-Passionen höre ich z.B. alle Rezitative gern, zum einen weil ich den Luther-Passionstext so mag und zum anderen weil natürlich viele Accompagnati und Vox Christi vorkommen. Ich finde es immer wieder toll, wenn sich ein Secco bei Bach plötzlich zu einer ariosen Passage aufschwingt und damit den Ausdruck steigert. Das kommt bei ihm auch relativ häufig in den Kantaten-Seccos vor und sei es nur zur Betonung eines Halbsatzes von theologischer Bedeutung.

    Hier mal meine theologischen Two Cents:

    Ich fand die Diskussion interessant, wenn auch relativ weit von der Kantate entfernt. Ich finde viele Argumente die bedenkswert sind. Zum einen hat Holger natürlich recht, wenn er darauf hinweist, dass der 30-jährige Krieg manche Glaubensgewissheit in Frage gestellt hat. Aber man muss sich das äußerst moderat vorstellen, wir reden hier zur Entstehungszeit ja vom Hochbarock und noch nicht von der (Früh-)Aufklärung. Glaubensgewissheiten an sich in Frage zu stellen, ist nicht das Thema bei Bach.


    Dass der Tun-Ergehen-Zusammenhang in Frage gestellt wird, in Verbindung mit dem Durchdenken des Theodizee-Problems, hat freilich später mit Leibniz, Erdbeben von Lissabon etc. Hochkonjunktur. Und man muss dabei auch betonen, dass alttestamentliche Verweise auf den Tun-Ergehen-Zusammenhang zwar das Konzept eines guten Gottes in Frage stellen, aber (z.B. bei Hiob) ja grade das Abarbeiten an der vermeintlichen Ungerechtigkeit nicht zum A-Theismus führt, sondern eine starke Glaubensaussage- Gott wird als Gegenüber ernstgenommen. Wie Holger sagte: GLauben ist nicht nur eitel Sonnenschein. Für weitere Glaubenszweifel ist es im Barock in der breiten Masse noch zu früh. Die erwähnte Suche nach Gewissheit führt zu kritischerem Glauben aber nicht zu Nicht-Glauben.


    Jesus ist hier eindeutig in den Vordergrund gerückt - übrigens nicht "mal" - denn die Jesus-Frömmigkeit wächst in der Barockzeit immer weiter an und führt ja auch in parallelen Strömungen, wie der christlichen Mystik, zu fast schon verwunderlicher Jesus-Liebe. Der Choral ist Ausdruck einer recht klassischen Jesus-Frömmigkeit.


    Und damit verbinden sich nun gewisse christologische Topoi: Besonders natürlich die durch Luther betonte Rechtfertigung allein aus Gnade ("der mich hat mit Gott versöhnt, mich befreit vom Gericht"). Das passt denkerisch dann auch besser zu Keimann, der an sich ein recht unauffälliger lutherisch-orthodoxer Pädagoge und Dichter ist. Ich lese in der wirklich interessanten Textzeile ("nicht nach Welt, nach Himmel nicht") eben jene Fokussierung auf Christus: Christologisch gesprochen verbindet Jesus eben diese beiden widerstrebenden Orte Welt - Himmel. Keimann etabliert ihn als Drittes und damit als ein Dazwischen. Entscheidend ist es in Christus zu sein (ganz paulinisch und damit lutherisch: "en christo einai"), die anderen Kategorien wandern in den Hintergrund. Eben - wie der Choral und die Kantate ja auch sehr deutlich machen - weil Christus hier wie dort Geltung hat. Es braucht nicht Welt und nicht Himmel - nur Christus. Eigentlich eine recht typische Theologie der lutherischen Orthodoxie.