Beiträge von Tristan2511

    "Dornröschen" nimmt bei mir hinter meinem absoluten Liebling "Schwanensee" Platz zwei aller mir bebekannten Ballette ein. Musik die ich auch immer wieder gerne anhöre, ohne Ballett. Ins Ballett gehen wir zwar nur selten, aber es kommt durchaus mal vor. Leider habe ich noch keine Dornröschen-Aufführung gesehen, ich warte drauf, dass die Neumeier-Produktion in Hamburg wieder auf dem Spielplan erscheint.

    Gefunden habe ich eine schöne Aufführung aus Berlin (DOB, Staatsballett Berlin, 2023):

    Gestern Abend erlebte ich in der Elphi das 5. Sinfoniekonzert des Philharmonischesn Staatsorchesters, dirigiert dieses Mal von einem prominenten Gast: Mikhail Pletnev. Zu hören gab es ein rein russisches Programm: Rachmaninow - Der Fels Op. 7, Pletnev - Rachmaniana & Tschaikowsky - Manfred-Sinfonie Op. 58.


    Da diese erste Spielzeit unter Meir Wellber unter dem Motto "Zeitspiel" steht (siehe oben), gibt es in jedem Konzert entweder Satz-Überschreibungen (was ich unmöglich finde) oder Uraufführungen zeitgenössischer Komponisten mit Bezug zum Repertoire des Abends. So wurde dieses Mal Pletnev gebeten seinen Rachmaninow-Zugang in Töne zu setzen. Er tat dies mit einer achtsätzigen etwa halbstündigen Suite, die sicherlich beim Hören gelegentlich Spaß machte, aber eigentlich auch überflüssig ist. Die Musik ist spätromantisch, epigonal, teilweise fast nah am Zitat. Man könnte provokativ fragen: Warum sollte in Zukunft irgendein anderes Orchester dieses Werk einstudieren?

    Naja, ich kam vor allem für die zweite Hälfte: Tschaikowskys Manfred-Sinfonie Op. 58, bei mir die zweitgeliebteste dieses Komponisten. Ein tolles Werk, das ich gestern von dem Dirigenten hören konnte, von dem meine liebste Einspielung stammt. Pletnevs Zugang zu diesem Werk ist großartig und so war auch die Darbietung. Und sie hielt noch etwas besonderes parat: Im Finale hörte ich nach acht Jahren erstmals die Orgel der Elphi im Konzert. Ich kannte das Instrument zwar von einer speziellen Orgel-Elphi-Führung die wir mal gemacht hatten schon. Es ist ja sozusagen atemberaubend unauffälig in die Seitenwände des Konzertraumes integriert - quasi das Gegenteil zur Laeiszhalle. Aber in concert ist das natürlich etwas anderes. Der Spieltausch tauchte unten auf dem Orchesterpodium auf. Und plötzlich zum hymnischen Finale klang und vibrierte die gesamte Elphi - ein gewaltiger Eindruck!

    Auf Einladung von Karola Schmid, die Sophie im Rosenkavalier und Cousine meiner Frau, waren wir am Samstag im Rosenkavalier im Theater Lübeck. Es war ein sehr schöner Abend und sehr spannend für uns, weil wir hinterher im Wein-Kontor noch mit dem gesamten Haupt-Cast zusammensitzen konnten und manchen Einblick hinter die Kulissen erhielten.

    Vielleicht nicht ganz neutral zu bewerten, aber ich war vom insgesamt aus (noch) ziemlich unbekannten Sängern bestehenden Cast ziemlich begesitert. Evmorfia Metaxaki singt eine vorzügliche Marschallin, jünger und attraktiver als die Rolle meistens angelegt wird. Aber dennoch mit glaubhafter Wehmut und 'Midlife-Crisis' im 1. Akt. Frederike Schultens Octavian ist wunderbar gespielt und fast immer souverän gesungen. Im 1. Akt manchmal etwas gegen das Strauss-Orchester am untergehen - aber für die erste Hauptrolle in ihrer Laufbahn großartig gemacht. Johannes Wimmer ist ein witziger und vollklingender Ochs, wie so oft der (heimliche) Star auf der Bühne. Er legt die Figur nicht gänzlich unsympathisch sondern mit Augenzwinkern an. Dazu trifft er als echter Österreicher den Wienerischen Ton perfekt. Karola Sophia Schmid mag ich hier kaum bewerten. Mir hat ihre Sophie vorzüglich gefallen. Bei der Rosenübergabe gleich wunderbar intoniert. Sie legt die Sophie als sehr junge Frau an, die dennoch genau weiß, was sie (nicht) will.

    Auch die kleineren Rollen überzeugen wirklich durchgehend.


    Die Lübecker Philharmoniker werden von Stefan Vladar doch recht laut gegeben - allgemein etwas sängerunfreundlich. Im Laufe des Abends nimmt er jedoch Dynamik raus. Ich habe - natürlich - schon bessere Strauss-Dirigate gehört, aber es war noch absolut in Ordnung.


    Die Inszenierung setzt sozusagen auf eine Retro-Rokokoisierung mit schönen und klassischen Bildern (Bett, Prunk, Prater). Gelgentlich werden Akzente gesetzt, wenn im Prater plötzlich ziemlich unheimlich aussehnde Pferde und Karussells auftauchen. Die Personenregie hingegen ist eher mau. Natürlich kann man im Rosenkavalier viel spielen - besonders Ochs darf das auch - aber vor allem im 1. und 3. Akt ist es außerhalb der Spektakel-Szenen sehr viel Rampensingen. Karola meinte hinterher auch: Er (Michael Wallner) hat wenig mit uns gemacht. Ein bisschen dastehende Kunst.

    Es wäre nicht unbedingt notwendig, No Names auszugraben, die dann teuer inszeniert werden und bald vom Spielplan wieder abtürzen, weil nur eine Minderheit angesprochen wird, wobei es sicher Leute gibt, die sich dem Zeitgeist verschrieben haben und sich zwingen, positiv zu werten, obwohl sie es nicht wirklich goutieren.

    Das sehe ich ein bisschen anders, denn No-Names sind in der Rezeptionsgeschichte nicht immer Nicht-Könner. Zu behaupten, dass Leute die zu positiven Urteilen kommen die Aufführungen nicht wirklich goutieren ist eine mutige Aussage, man könnte auch sagen eine freche Unterstellung. Eine Minderheit kann für einzelne Produktionen durchaus die angesprochene Zielgruppe sein, denn sonst könnte man mit dem Argument auch einfach nur noch ABC und TTZ aufführen, weil es den Geschmack der zahlenden Mehrheit trifft. Damit verkümmert aber die kulturelle Breite...


    Dass Werke wie "Attila", "Jolanta" oder "Fierrabras" und Co dennoch ebenfalls wiederaufgeführt gehören, da bin ich selbstverständlich der gleichen Meinung.

    Von den Unterschieden schreibe (oder schrub, wie du sagen würdest ;)) ich ja in meinem Beitrag auch schon. Die gehörte Realität lässt die Unterschiede bei zumindest diesen 12 Concerti in meinem Ohr aber ganz klein und die Ähnlichkeiten sehr groß erscheinen.

    Hm. Vivaldi hat doch eher selten Fugati ... :/

    Seltener ja, aber Fugati-Ansätze in den Finalsätzen kommen schon vor. Ich denke spontan an RV 455, 463, 491, 766 oder 156. Aber ich meine in der Gesamtschau auch eher: Die Anlage der Concerti, die Melodik sowieso, ist schon sehr eindeutig venezianische Schule.

    Das Andante ist ein Variationssatz in D-Dur. Das Thema wird jedoch jedesmal von Episoden gefolgt, die als eine Art Minidurchführung fungieren. Die erste Variation wird von der zweiten Geige geführt, mit Kontrapunkt von der ersten. Eine Passage die in Moll eingetrübt wird führt zur zweiten Variation. Hier darf das Cello das Thema in seiner strahlenden Tenorlage spielen, während es von virtuosen Läufen in der ersten Violine begleitet wird. Die Läufe übernehmen immer mehr das Geschehen, bis sie das Thema ganz verdrängen. Die letzte Variation ist eine Art Reprise. Das Thema selber wird (wie auch in den anderen Variationen) nicht variiert und findet sich wieder in der ersten Geige. Die Begleitung ist etwas abgeändert und der Satz endet ruhig.


    Ich habe das letzte Quartett, Op. 77.2 in F-Dur, live vom Bennewitz Quartett gehört und dabei neu zu schätzen gelernt. Was für ein herrliches Quartett! Hervorheben muss man natürlich den langsamen Variationssatz an dritter Stelle. Ein sehr ergreifender Satz, mir gefallen die umspielenden Variationen sehr.

    Heute habe ich im Konzert der Sinfoniker HH in der Laeiszhalle die Sinfonie Op. 20 von Chausson live gehört. Sicherlich ein seltenes Vergnügen. Insgesamt definitv eine der hörenswerten französischen Sinfonien (eine nationale Schule ohne die ganz große sinfonische Tradition). Gelegentlich etwas unprofiliert und - das fällt live auf - lärmend. Aber sehr interessant solches Repertoire live gespielt zu bekommen.

    Zwei Dinge fand ich besonders bemerkenswert:

    Im Kopfsatz gibt es kurz nach dem Beginn eine Passage von mehreren Takten, die unglaublich an Tschaikovskys Fantasieouvertüre Romeo und Julia erinnert. Legt man beide Partituren nebeneinander, dann wird die Ähnlichkeit, freilich in verschiedenen Tonarten, ziemlich deutlich.

    Und: Das Finale ist toll. Im letzten Satz läuft alles auf einen Höhepunkt zu an dem sich plötzlich ein feierliches Choralmotiv in den Blechbläsern erhebt. Es wird vom gesamten Orchester zuerst in die Apotheose geführt, bevor die Sinfonie recht überraschend verhalten endet.

    Dem Leusink oben muss ich die für mich beste Interpretation der Kantate entgegen stellen: Wiedereinma die Bachstiftung St. Gallen mit Rudolf Lutz. Im Gegensatz zu z.B. Leusink wie ein neues Werk - kraftvoll, freudiger und lyrischer. Und musikalisch schöner: Julia Neumann als Sopran und Lutz selber an der Truhe sind hier wirklich das gewisse Extra. Dadurch gewinnt im Vergleich zu Leusink vor allem die zweite Arie "Wirf mein Herze" enorm - die ist nämlich eigentlich wunderschön!


    Von Albinoni habe ich bisher vor allem die Oboenkonzerte auf dem Schirm. Da sind einige dabei, die mir sehr gefallen. Dort, wie auch hier bei den Concerti fällt die Stil-Nähe zu Vivaldi natürlich deutlich auf. Die beiden Zeitgenossen sind halt der Inbegriff venezianischer Barockmusik. Als Unterschied gilt gemeinhin, dass Albinoni weniger virtuos und etwas ausgewogener komponiert, mehr Wert auf lange Melodiebögen legt. Und doch ist der Stil recht ähnlich, wie man am 1. Concerto a cinque beispielhaft sieht: Gesanglicher und brillanter Kopfsatz mit ausgewogener Virtuosität, kurzer langsamer Satz mit schwerer, liegender Melodik und kontrapunktisches Finale. Das ist durchaus das gleiche Rezept wie beim bekannteren Kollegen. Aufgefallen ist mir, dass Albinoni recht häufig die Final-Themen entweder sehr deutlich aus dem Kopfsatz ableitet oder sogar wiederverwendet um sie dann fugiert zu verarbeiten. Das ergibt eine große zyklische Geschlossenheit der einzelnen Concerti.


    Die vorgestellten Concerti gefallen mir, sie sind angenehm zu hören. Manches geht sehr ins Ohr, anderes wirkt ein wenig arg floskelhaft und vielleicht belanglos. Insgesamt höre ich lieber Vivaldi, der mir bishin zur konkreten Themenbildung hier immer wieder ins Ohr kommt.

    Besonders gefallen mir:

    Nr. 3 (mit dem abwärts imitierenden freudigen Hauptthema im Kopfsatz und Finale - interessante Form)

    Nr. 5 (mit dem Repetitionsmotiv, auf welches sich wiederum das Finale bezieht)

    Nr. 9 (mit dem virtuosen und mitreißenden Finale)

    Die Weihnachtspause ist endgültig um, es ist Konzert-Hochzeit und Zeit so richtig zu eskalieren (was eher an der Programmplanung liegt). Drei Konzerte in den nächsten sechs Tagen stehen an:


    * Morgen geben die Sinfoniker HH in der Laeiszhalle ein interessantes und für mich eher unübliches französisches Programm mit u.a. Debussys Fantasie für Klavier und Orchester und vor allem Chaussons Sinfonie Op. 20 (die ich einmal hörte und dabei durchaus hörenswert fand)


    * Samstag geht es mit meiner Frau zusammen rüber nach Lübeck, da ihre Cousine in der dortigen Rosenkavalier-Produktion die Sophie singt. Ich bin sehr gespannt!


    * Montag ist das Philharmonische Staatsorchester (unser Opernorchester) in der Elphi und spielen unter Pletnev Rachmaninows "Fels" und vor allem Tschaikowskys geniale Manfred-Sinfonie

    So einiges für kommende Hörphasen und überraschend schnelle Lieferung - es scheint sich wieder zu normalisieren.


    Prokofjew KK mit Ashkenazy und London SO (Previn)


    Franck Orchestersachen


    Schubert Trios mit dem von mir besonders geschätzten Trio Wanderer


    Und eine Ladung Smetana wo ich bisher noch ziemlich blank war, weil ich ihn früher für eher unbedeutend hielt...

    Zu nennen wäre auch noch der Brite Havergal Brian (1876-1972), dessen 32 Symphonien inzwischen alle eingespielt wurden. Ich darf für mich in Anspruch nehmen, alle mal gehört zu haben (die meisten aber nur einmal). Könnte das Jubiläumsjahr (150. Geburtstag) für einen zweiten Durchgang nutzen.

    Mit dem wollte ich mich auch immer schonmal beschäftigen. Kenne nur die Gothic Symphony (die längste Sinfonie die ich kenne und wahrscheinlich die längste überhaupt). Das Jubiläum werde ich dieses Jahr zum Anlass nehmen etwas tiefer einzutauchen, wobei es wahrscheinlich nicht auf das Hören aller 32 Sinfonien hinausläuft ;)

    Spontan in Donizettis "L'elisir d'amore" an der Staatsoper HH gewesen. Diese schöne Belcanto-Oper habe ich zuletzt vor zehn Jahren in Rostock gesehen, es wurde also mal wieder Zeit. Und es war ein schöner Abend. René Barbera ist ein sowohl stimmlich, als auch darstellerisch ganz hervorragender Nemorino. Er schafft diesen schwierigen Spagat zwischen Dorftrottel und ernsthafter Liebhaber, den die Rolle vorsieht, berührend auf die Bühne zu bringen. Nino Machaidze ist eine ebenbürtige und stimmgewaltige Adina - ein wenig zu viel Vibrato für meinen Geschmack. Und als Dulcamara brilliert Erwin Schott in einer wirklich sehr komischen Darbietung, zudem stimmlich sicher. Vom Spiel her (wie meistens) das Highlight des Abends. Die Inszenierung ist sehr schön aber harmlos. Sie spielt einfach zur Entstehungszeit der Oper in einem stilisierten italienischen Dorf mit allerhand Requisiten und Kostümen der Zeit. Exzentrisch ist alles was mit Dulcamara zu tun hat. Kombiniert mit der gelungenen Darbietung der Philharmoniker ist das alles ein unkompliziert-schöner Opernabend!