Beiträge von Don_Gaiferos

    Lieber Holger, lieber Willi,


    ich möchte gerne ein weiteres, fulminantes Konzertdokument mit Yuya Wang einstellten, das einerseits Holgers äußerst lesenswerte Ausführungen in gewisser Weise illustriert, denn ich denke, dass vielen von dem, was Du ausgeführt hast, auch anhand dieses Videos deutlich wird:


    die intellektuelle Reife, die stupende Technik, die nie Selbstzweck ist, und immer der gestalterischen Intelligenz und enormen Ausdruckskraft dient. Diese schwierigen Harmonien, Läufe, Sprünge meistert sie mühelos, integriert diese Kaskaden jedoch mit dem Orchesterklang in einen so einheitlichen, geschmeidigen, organischen Fluss, dass es einem den Atem raubt. Aber auch die schwermütig-lyrischen Momente, die nachdenklich-innerlichen, so seltsam-verspielten Melodien gibt sie mit großer Einfühlung und Hingabe wieder. Alles in allem, wie ich finde, ein enormes Dokument, das ich zu meinen Favoriten zähle, was Prokofievs Drittes Klavierkonzert angeht, zumal auch das Royal Concertgebouw Orchestra unter Daniele Gatti keine Wünsche offen lässt, und auch die Ton- und Bildtechnik des niederländischen Rundfunks ausgezeichnete Qualität bietet.

    Für Dich, lieber Willi, daher vielleicht auch ein schöner Fund, da Du ja schriebst, Dir das russische Klavierrepertoire noch mehr erschließen zu wollen.



    liebe Grüße

    Wenn die "Moral" eines solchen Kinos, dass man nicht zum Mörder werden soll, so kann doch nicht die Moral gegen sexuelle Zügellosigkeit die Keuschheit sein?

    Lieber Holger,


    nicht jeder Krimi endet mit Festnahme des Täters und Happy End, und die Frage, die sich mir stellt: muss es bei einer Oper wie Tannhäuser eine "Moral von der Geschicht' " überhaupt geben?

    Wagner hat für sich, aus welchen Gründen auch immer, dieses Erlösungs-Motiv gewählt.

    Man kann natürlich untersuchen, ob er dies aufgrund seiner eigenen Glaubensvorstellungen getan hat, oder aufgrund gesellschaftlicher Zwänge, und er gerne ein anderes Ende gesehen hätte usw.

    Dennoch denke ich, dass die Darstellung dieses Konfliktes, dieser Polarität, dieses Zerrissen-Seins an für sich schon wert ist, auf die Bühne gebracht zu werden, unabhängig davon, wie die Geschichte nun endet.

    Wenn man nun die Doppelmoral der damaligen Zeit entlarven möchte aus heutiger Sicht, führt m. E. nur auch die Erweiterung der Inszenierung um die bereits oben genannten zusätzlich eingebauten Elemente allerdings auch nicht zu diesem Ziel.

    Der Verweis auf bereits erfolgte Inszenierungen, die Rahmenhandlung durch die Schausteller-Truppe, die dann in den Tannhäuser hineingerät, finde ich eigentlich auch nicht wirklich dazu geeignet, hier eine moderne Perspektive zu schaffen - das erinnerte mich mehr an eine Mischung aus Leoncavallos "Pagliacci" und Kuriositätenkabinett aus dem späten 19. Jahrhundert, das finde ich weitaus belangloser und weniger beeindruckend als die eigentliche Geschichte.

    Und wenn ich meine Meinung über eine Diskussion in einem kurzen knappen Satz kund tue, dann wirst du das aushalten müssen!

    Das musste ich offensichtlich nicht...;) Im Übrigen ist Helmut ja nicht nur wegen Dir, sondern auch wegen Carusos Zwischenruf verstummt. Im Übrigen finde ich es immer besser, wenn man konkret benennt, und zwar zur Sache, welcher Beitrag einen stört, und was daran, anstatt nur allgemein-diffus zu insinuieren, wie schlimm und minderwertig doch der Thread hier sei, und dadurch alles, was hier geschrieben wird, diskreditiert, anstatt differenziert auf Beiträge einzugehen.

    Meinen Beitrag kann die Moderation gerne löschen, wenn auch alles andere hier gelöscht wird, was die Diskussion hier zerschießt und nicht zum Thema gehört.


    Und wenn Dir Gerhards Meinung zum Thema nicht gefällt, weil sie sich auf seinen sattsam bekannten Positionen gründet, die er stets wiederholt - ok, dann argumentiere dagegen.


    Wenn man jedoch wie gesagt, nur allgemeine Zwischenrufe tätigt, (Du schriebst, "Wirklich hinreißend, wie viele Leute hier mitreden, die diese Inszenierung gar nicht gesehen haben...") oder verkündet, wie Caruso, dass man zwar live dabei war, sich aber nicht äußern möchte....


    Wem bringt das etwas? Was sagt das über die Aufführung aus? Das ist nur ein allgemeines Bashing der hier Schreibenden, dass dann ausgerechnet der Falsche (nämlich Helmut) auf sich bezieht.


    Und ich bin nach wie vor der Meinung, hier sollte über die AUFFÜHRUNG diskutiert werden, und nicht über die Taminos, die hier schreiben!!!


    Ich fand MSchenks, Holgers, Helmuts und einige ander Beiträge hier durchaus interessant, sie haben direkt mit dieser Oper bzw. mit dieser Aufführung zu tun.


    Aber lediglich seine eigene Verweigerungshaltung zu bekunden oder seinen Unmut gegen einzelne Personen, halte ich für schlichtweg destruktiv.


    Von daher wäre es schön, wenn es jetzt wieder über den Tannhäuser gehen könnte.

    Im Übrigen willst du am Ende deines Beitrages nun deinerseits vorschreiben, wer hier etwas schreiben darf und wer nicht. Ist dir dieser Widerspruch schon aufgefallen?

    Lieber Stimmenliebhaber,


    das schreibe nicht ich vor, sondern der Threadsteller! Und wenn das Thema diese eine Tannhäuser-Aufführung ist, dann sollte man auch dazu schreiben...und nicht über die Kompetenz der Teilnehmer reflektieren, das ist doch ein anderes Thema! Dazu gibt es ja auch Threads, über Kritierien, wie man eine Inszenierung beurteilt, was dafür wichtig ist etc. ... Aber das gehört doch nicht hierher!


    Ich poste ja auch hier nicht über Bruckner-Symphonien oder stelle Kochrezepte ein.


    Das hat auch nichts damit zu tun, dass ICH etwas vorschreibe, sondern dass es ein Gebot der Spielregeln des Forums ist, dass man sich an die Themen hält, bzw ein Gebot der Höflichkeit gegenüber dem Threadsteller.


    Ansonsten würde mich Deine Meinung über den Tannhäuser weitaus mehr interessieren als Deine Meinung über Gerhard!


    Also, lieber Stimmenliebhaber, schau Dir doch die Aufführung an...und mach hier mit!


    viele Grüße

    Ich finde es sehr schade, wenn Threads dadurch zerschossen werden, dass man philosophiert, wer denn nun etwas sagen dürfe, oder solle, oder besser nicht, anstatt sich auf die Sache zu konzentrieren.


    Auch die Kommentare, dass man hier nichts kommentiere, empfinde ich als wenig hilfreich. Dann soll man sich auch daran halten und tatsächlich nichts kommentieren.


    Wer die Aufführungen gesehen hat, und etwas Konstruktives beitragen möchte, der kann dies ja gerne tun, das ist dann auch sehr verdienstvoll. Wenn jemand eine Aussage richtigstellen kann, die seiner Meinung nach falsch ist, sollte er das auch tun, oder wenn er das nicht will, sich eben seiner Meinungsäußerung enthalten.


    Jedoch in nebulöser, vager Andeutung darüber zu reflektieren, wer sich denn wohl alles hier dazu äußere, und wer nicht, und dies besser nicht tun solle...cui bono?


    Das führt, wie man an Helmuts Reaktion sieht (und ich hoffe, er ändert seine Meinung), dass dann diejenigen, die das Ganze zumindest am TV geschaut haben, sich auch noch zurückziehen.


    Wem bringt das etwas, anderen den Wind aus den Segeln zu nehmen? Wer bestimmt, wann andere hier etwas schreiben sollen oder nicht? Muss man live dabei gewesen sein? Muss man es ganz im TV gesehen haben, durfte man zwischendurch auf Toilette gehen, muss man es mehrfach gesehen haben, oder nur in Ausschnitten?


    Das führt alles zu nichts, außer zum Tod jeder Diskussion. Ich kann jede Debatte abwürgen, indem ich a priori meine Gesprächspartner als inkompetent und uninformiert betrachte.


    Aber solche Meta-Betrachtungen, wer wann etwas schreiben sollte, oder besser auch nicht, gehören hier nicht hin!!! Dafür gibt es eigene Threads!


    Wer zum Tannhäuser was zu schreiben hat, soll das gerne tun, wer dazu nichts beitragen kann oder will, warum auch immer, soll dann auch bitte nicht andere Leute stören, die dies gerne tun möchten, und diese Zwischenrufer sollen sich dann bitte eine andere Spielwiese suchen!!!!!


    Dann könnte ihr ja auch gerne Euren eigenen Tannhäuser-Thread eröffenen, der nur für Live-Besucher geöffnet ist, oder indem nur die User X, Y, und Z schreiben dürfen...


    Aber in einem Thread, der eindeutig themengebunden und für alle offen ist, sollte man m. E. entweder zur Sache schreiben...oder aber eben GAR NICHT!

    Das hat Nietzsche scharfsinnig bemerkt - dass das im Grunde völlig unzeitgemäß ist. Hier kann man sich finde ich auch nicht herausreden mit den Sextouristen und Bordellbesuchern. Wagners Opern sind für ganz normale Menschen geschrieben, die sich mit der tragischen Konstellation des Helden identifizieren sollen, also für alle Menschen, für Du und Ich, und nicht nur für Bordellbesucher und Fremdgänger

    Lieber Holger,



    selbstverständlich ist das so! Nur sehe ich da einen Aspekt anders als Du. Ein Beispiel:


    Ein Kriminalfilm ist selbverständlich nicht nur für Mörder und Polizisten interessant! Auch, wenn Du noch nie jemanden ermordet hast, und auch nicht der Mordkommission angehörst, ist der Krimi dennoch für Dich als Zuschauer interessant -- Du kannst die Motive des Mörders versuchen, nachzuvollziehen, kannst miraten, wer der Mörder war, wie die Tat ausgeführt wurde, kannst den ganzen Fall miterleben etc.


    So sehe ich das bei den von mir skizzierten Beispielen auch. Natürlich muss man nicht selbst Bordellbesucher oder Sextourist sein, um den Tannhäuser oder La Traviata sehen und verstehen zu können!


    Ich finde Deine Ausführungen zur christlichen Sexualmoral und den Einfluss auf Wagners Schaffen interessant; ich denke auch, dass es heute sicherlich gesellschaftlich nicht mehr denselbsen Sprengstoff enthält wie zu Wagners Zeiten, wenn sich jemand auf verbotene Pfade begibt (wobei es auch in unserer Gesellschaft nicht nur das "anything goes" und totale Liberalität gibt -- die wenigsten Menschen sind gewissen- und skrupellose Freigeister, die tabulos all ihre Triebe ausleben -- das würde auch heute noch, nach wie vor, nicht der allgemeine gesellschaftliche Konsens sein, und ich denke, dass es auch immer noch in unserer Gesellschaft Tabus gibt, an denen sich auch Wagners Stoff entzünden könnte. Aber das würde vielleicht zu weit führen).


    Wie dem auch sei, meine Schlussfolgerungen im Bezug auf Deine Ausführungen wären nicht, dass man das Stück nur aus ironischer Brechung oder unter Einbettung in einen anderen Kontext gewinnbringend aufführen kann; ich denke, dass es nach wie vor in seinem ursprünglichen Konflikt tragfähig genug ist auch für unsere Zeit.


    Es ist wie bei einem Haus: man kann ein historisches Haus völlig entkernen, nur die Fassade erhalten, und innen alles aus Glas und Stahl gestalten, und sich dann am gelungenen Kontrast erfreuen; das ist völlig legitim, v.a. wenn die Bausubstanz im Inneren nicht mehr erhalten werden konnte und brüchig war.


    Genauso kann man sich jedoch auch darüber freuen, wenn es gelingt, alles möglichst einheitlich und eng an den originalen Bauplänen wieder zu restaurieren.


    Beim Tannhäuser tendiere ich zu letzterer Betrachtungsweise, aus den Gründen, die u.a. ja auch Helmut dargelegt hat. Ich denke, dass Wagners Opern nicht nur musikalisch, sondern auch vom Libretto hier eine Fülle von menschlichen Konflikten, Themen und Gefühlswelten aufweist, die so modern sind, dass man sie nicht noch zusätzlich modernisieren muss, sondern im Gegenteil, dass dies dann eher von der ursprünglichen Gedankenwelt durch Überfrachtung zu sehr ablenkt.


    So sehe ich persönlich auch bei diesem Tannhäuser keinen Gewinn durch die Miteinbeziehung einer Zirkus- und Gauklertruppe, moderner Genderproblematik oder Reflektion vergangener Wagner-Aufführungen in Bayreuth.

    Dass dies in Kratzers Inszenierung (die ich leider immer noch nicht gesehen habe) tatsächlich geschieht, dass hier sogar "veralbert" wird, ist lediglich Helmuts Eindruck und in dieser Form eine recht begründungsfreie Behauptung. Andere können und mögen dies nicht so sehen, was anscheinend auch der Fall ist, wenn ich mir weitere Beiträge hier im Thread anschaue.

    Lieber Michael,


    selbstverständlich ist das so, dass jeder das auch anders sehen kann, ich denke auch nicht, dass irgendjemand davon ausgeht, alle würden oder müssten diese Inszenierung in gleicher Weise empfinden.

    Helmut hat seine Sichtweise der Dinge wiedergegeben, der ich mich persönlich auch vollkommen anschließe. Dass andere das auch anders empfinden, ist ja auch völlig in Ordnung, und sogar auch die Grundlage für jedwede Diskussion, ansonsten würden wir ja alle nur zustimmend nicken nach dem ersten Posting, und der Thread wäre tot. ;)

    Wer von uns lebt und erlebt denn Sinnlichkeit und Keuschheit als "tragischen Gegensatz"? Im Zeitalter von Kondomen und Sexualtherapie einfach Niemand!

    Lieber Holger,


    das sehe ich völlig anders! Ich denke, das Grundmuster, das hier eine Rolle spielt, ist auch heutzutage nach wie vor aktuell:

    -dass jemand sich zu einer "femme fatale" hingezogen fühlt (bzw. zum "bad boy") statt zu dem höflichen, netten Mädchen, das die Eltern gerne als Schwiegertochter hätten

    -dass jemand, obwohl er (vermeintlich so glücklich) verheiratet ist, den Kick bei einer Prostituierten sucht, weil sie, aus welchen Gründen auch immer, etwas zu bieten hat, was die Frau nicht geben kann

    -dass jemand die Versuchung fühlt, fremd zu gehen, jedoch niemals Frau und Kinder dafür verlassen würde, und sich deshalb innerlich zerrissen fühlt, Schuldgefühle hat etc.


    Das sind jetzt nur ein paar Konstellationen, die ich hier nur stichwortartig aufreihe, die m. E. diese Dichotomie auch in ihrer modernen Ausprägung zeigen. Dadurch bleibt der tragische Grundcharakter authentisch erhalten, ohne dass man die Geschichte als überholt ansehen muss, die man heutzutage nicht mehr ernstnehmen kann, und deswegen das Ganze als Komödie darstellt. Ich denke, dass diese Zerrissenheit Tannhäusers einen Grundkonflikt darstellt, der zeitlos ist, und über den man sich nicht mokieren muss, um ihn in der Parodie greifbar machen zu können.


    Man kann natürlich das Ganze gegen den Strich bürsten, entkernen, konterkarieren, nur habe ich damit ein Problem: Wagners Musik gibt das in meinen Augen überhaupt nicht her. Sie ist tragisch, ernsthaft, nah am Text (gerade bei Wagner), und drückt für mein Empfinden nichts Lächerliches, Ironisches oder Doppelbödiges aus; bei Offenbach mag das funktionieren, da stehen tiefster Ernst und romantische Empfindung neben wilder Heiterkeit und albernster Ausgelassenheit; bei Wagner wiederum scheint mir das nicht zu funktionieren.

    Und genau da ist Regietheater richtig, dass es nicht bereit ist, so "verlogen" Theater zu machen, sondern diese Lächerlichkeit mit inszeniert: dass durch die "Uneigentlichkeit" (um den berühmten Ausdruck von Martin Heidegger zu gebrauchen), wie der Wagnerianer und Bayreuth-Pilger mit diesem Stoff umgeht, er damit aus Wagners Tragödie längst eine Komödie gemacht hat.

    Sicherlich gibt es zu dem Werk eine wechselvolle und hochinteressante Rezeptionsgeschichte; nur sehe ich nicht ganz, warum man selbige auf der Bühne inszenieren muss.

    Bei einem Film ist es sicherlich interessant, den Kommentar des Regisseurs zu hören, das Making of zu sehen, evtl. Remakes des Filmes zu betrachten, oder bei einem Buch Sekundärliteratur zu lesen, allerdings passiert dies ja in aller Regel erst im Nachgang.

    Wenn man also hier Original und Wirkung quasi simultan auf die Bühne zu bringen versucht, ist dies dann nicht einer Vermischung zweier Dinge, die eigentlich normalerweise nacheinander erfolgen?

    Diese Worte haben m.E. auch heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, noch ihre Gültigkeit, wenn auch seitdem unzählige Künstler und Aufnahmen unseren Weg begleitet und unseren musikalischen Horizont erweitert haben.

    Lieber Nemorino,


    danke für deine Erläuterungen und das Zitat, das mir sehr aus dem Herzen spricht, und das ich voll und ganz unterstreiche.

    Auch ich möchte natürlich nicht nur die alten Aufnahmen "auf den Sockel stellen" und postulieren, früher sei alles besser gewesen; gute und schlechte Aufnahmen gab und gibt es damals wie heute. Allerdings hat es jede Aufnahme verdient, meine ich, dass man sie differenziert betrachtet und seine Kritik angemessen begründet.

    Ansonsten besitze ich die mir wichtigen Einspielungen auf CD, neue Aufnahmen kommen auch immer noch dazu, ansonsten streame ich jedoch mittlerweile auch viel, zeichne aus dem Radio auf und nutze die Mediatheken; wie Du sagst, man muss sich nicht noch die 50. Aufnahme desselben Werkes ins Regal stellen, allerdings wird dank Internet und digitaler Technik und dank günstiger Anbieter ein unerschöpfliches Füllhorn an Musik ausgeschüttet, das man, ohne Geld- und Platzprobleme zu erzeugen, ausgiebigst nutzen kann.


    So finde ich beispielsweise auch diese Aufnahme in Bearbeitung für Streichersextett mit Gil Shaham auch sehr gelungen und hörenswert, die der SWR 2018 dankenswerterweise online gestellt hat.



    liebe Grüße

    Lieber Karl,


    danke für diesen sehr schönen Thread. Neben dem Bolero, der mich auch zuerst in den Bann geschlagen hat, habe ich Ravel auch durch dieses Stück zuerst schätzen und lieben gelernt:



    Die Pavante pour un infante défunte. Wikipedia erklärt den Titel:


    Ravel selbst beschrieb das Stück als „eine Erinnerung an eine Pavane, die eine kleine Prinzessin in alter Zeit am spanischen Hof getanzt haben könnte“; sie sei „keine Trauerklage für ein totes Kind, sondern eine Vorstellung von einer Pavane, wie sie vielleicht von so einer kleinen Prinzessin in einem Gemälde von Velázquez getanzt wurde“


    Da war natürlich für mich als Spanien-Liebhaber direkt ein Anknüpfungspunkt gegeben. Ich finde, das Stück zeigt auch sehr gut, wie schillernd und oszillierend Ravels Musik ist, und dass viele Kategorisierungen zu kurz greifen. Hier könnte man sowohl den Impressionisten festmachen, den Du beschreibst, dieses Ineinanderfließen der Orchesterfarben, dieses Malen mit Tönen unter Auflösung der Melodien und festen Rhythmen; genauso kann man jedoch auch hier, wie Holger ausführt, durchaus noch klar erkennbare, traditionelle Formen und Muster sehen, wunderschöne Melodien, Wiederholungen, einen deutlich spürbaren Rhythmus...

    Für mich ist Ravel zum Beispiel nicht ganz so impressionistisch wie Debussy zum Beispiel, der das Spiel mit den Nuancen bis zur höchsten Entfaltung getrieben hat in Tondichtungen wie "La Mer"; dennoch ist Ravel nicht nur ein Neoklasszist, wenn er sich auch immer wieder aus der Tradition speist, er ist modern angehaucht, ohne den ganz radikalen Bruch zu suchen. Er schillert, oszilliert, ist ungreifbar, zerrinnt einem wie Sand zwischen den Fingern, und dennoch ist seine Musik wie aus einem Guß und unverwechselbar.

    Für Neues bin ich auch immer offen, lieber Fiesco, siehe auch das Video aus Holland, das ich oben verlinkt habe. Dennoch stehen auch junge Künstler in einer Tradition, und ohne die Vorläufer wären sie heute nicht, wo sie sind. Neuer heißt auch nicht immer besser, beides hat seine Berechtigung. Und egal, was man bevorzugt: Wertschätzung sollte sich nicht in geringschätzigem Vokabular und abschätziger Formulierung ausdrücken.

    Gegen diese Aussage habe ich auch nichts. Nur gegen diesen unsachlichen, flappsigen Jargon, der die Aufnahmen angeblich hochgeschätzter Künstler als "olle Kamellen" abtut. Auch zeitgebundene Aufnahmen, die man in dieser Form vielleicht für überholt hält, sind künstlerische Dokumente, denen man dennoch Respekt entgegenbringen sollte.

    Natürlich kann sich jeder äußern wie er will. Nur stellt man sich m. E. mit einer pauschal-abqualifizierenden, pseudo-flotten, schlagwortartigen Formulierung kein besonders gutes Zeugnis aus. Das betrachte ich dann, in Bertaridos Jargon, als "olles Gesabbel", weil auf diesem undifferenzierten, vergröberten Holzhammerniveau ist wohl kaum eine gewinnbringende Diskussion möglich. Im Übrigen stimme ich Josephs Einwand voll zu.

    Den Schwachsinn im Detail zu kommentieren spare ich mir.


    Ich bin gewiß der letzte, der respektlos gegenüber Künstlern ist, und den Rang von Oistrach und Kondraschin anzuzweifeln, die beide in meiner Sammlung vertreten sind, käme mir auch nie in den Sinn.

    Schade, dass man das in Deinem Postings so gar nicht merkt...und Du noch nicht einmal bemerkst, dass Du genau den gegenteiligen Eindruck erweckst.


    Das kommt halt davon, wenn Du in schnoddrig-überheblicher Art und Weise mal so geradewegs Dinge als "olle Kamellen" abbürstet, nur weil Du zu faul oder außerstande bist, Deine Meinung nachvollziehbar darzulegen.


    Was ist da der Grund? Ist Dir das zuviel, Deine Meinung detailliert darzulegen? Soll das witzig sein oder jugendlich-cool? Polemisch-provokant? Ich finde, es ist nichts von alledem, sondern einfach nur höchst deplaziert und unpassend.


    Wenn Du sagst, dass Dir der Interpretationsstil der 60er - Jahre im Bezug auf Mozart antiquiert vorkommt, dann ist das eine Aussage, die ich durchaus verstehen kann, obwohl ich da schon auch gerne näher gewusst hätte, was genau denn typisch für den Mozart-Stil der 60er Jahre ist, und was genau Dir daran missfällt - ist das zu betulich, zu bombastisch, zu spröde? Das könnte man ja dann durchaus diskutieren, da kann man dann ins Gespräch kommen.


    Aber wie gesagt, wenn ich Künstler und Ihre Einspielungen einfach nassforsch als "olle Kamellen" abtue, tut mir leid. Das ist für mich einfach nur ein Verunglimpfung und hat mit Kritik nichts zu tun.


    Das ist, um bei meinem Beispiel zu bleiben, wie wenn ich sage, "ich verehre Da Vinci, aber die Mona Lisa ist olles Geschmiere". Das ist widersinnig und unseriös.


    Kann ich nicht ernst nehmen.

    Bei modernen Einspielungen bzw. Interpretationen möchte ich auch noch auf diese Einspielung des niederländischen Senders AVROTOS Klassiek hinweisen, die immer wieder tolle Konzerte in sehr guter Qualität auf ihrem Kanal zugänglich machen. Dieses Konzert finde ich sehr feinsinnig, ausbalanciert und lebhaft gespielt. Das Zusammenspiel ist meiner Meinung nach hervorragend, da macht auch das Zusehen Spaß.


    Wie sagt doch die Marschallin? "Sind halt aso, die jungen Leut'!" Ich glaube, wir sollten nicht auf die Goldwage legen, was Bertarido hier so einbringt. In seinem Alter kennt man wohl Oistrach und Kondraschin nicht mehr. Das darf man ihm nicht vorwerfen. Woher soll er es auch wissen? Ich denke mal, es ist ein Privileg der Jugend, gelegentlich respektos zu sein. :)

    Lieber Rüdiger,


    da bist Du deutlich gütiger und milder als ich. Ich finde es immer schlimm, wenn jemand so rotzig, schnoddrig und respektlos über Dinge kommentiert, die er nicht mag, zumal ich denke, dass Bertarido auch schon ein erwachsener und gestandener Mann ist, und kein 14jähriger Bengel.

    Ich kann gut verstehen, dass jemand alte Aufnahmen nicht mag, weil sie der modernen Klangtechnik unterlegen sind.

    Ich kann auch voll verstehen, dass man Interpretationen, die man für missglückt hält, in aller Deutlichkeit und Schärfe kritisiert, von mir aus auch in der Luft zerreißt, solange dies plausibel und nachvollziehbar begründet wird.

    Wenn man allerdings einige der bedeutendsten Künstler und Tonaufzeichnungen der Vergangenheit pauschal als "olle Kamellen" abtut, nur weil sie alt sind, und man selbst nichts damit anfangen kann, dann kommt mir -pardon my French- das kalte Kotzen.

    Da kann man in meinen Augen nicht das Privileg der Jugend für sich in Anspruch nehmen.

    Wer so schnöselig, arrogant und überheblich Dinge abqualifiziert, aus dem einzigen Grund, weil sie alt sind, ist in meinen Augen schon sehr, sehr limitiert, um es noch freundlich zu formulieren.

    Jemand, der beispielsweise die Mona Lisa als "olles Geschmiere" abtut, ist entweder tatsächlich ein pubertierender, junger Mensch, dessen Meinung man nicht ernst nehmen kann, oder aber ein erwachsener Mensch, der einen erschütternden Mangel an Wertschätzung für Kunst, Kultur und Bildung aufweist, und den man ebenfalls wohl kaum als Kunstkenner ernst nehmen würde.

    Man kann das Bild hassen, man kann es aus unterschiedlichen Gründen scheußlich, langweilig, überschätzt oder was auch immer finden - es wird jedoch niemals nur "olles Geschmiere" sein.

    Gruselig, so was lesen zu müssen, ganz gruselig, ehrlich.

    Visuell beeindruckend, obzwar das Ganze mehr an einen Fantasy-Film erinnert als alles andere, inwiefern die Handlung dadurch stimmig umgesetzt werden kann, ist anhand der kurzen Ausschnitte schwer zu beurteilen. Musikalisch klingt das Ganze schon sehr vielversprechend, die Königin der Nacht gefällt mir sehr, der Papageno jedoch versenkt das musikalische Niveau in den Tiefen des Meeres. Mir ist die Konzeption zwar verständlich, hier einen Schauspieler einzusetzen, der eben deklamiert und nicht singt (wie in der zarzuela bisweilen üblich, da finde ich das auch meistens ganz grauslich), halte dies jedoch für keine gute Idee. Der Mann ist sicherlich sympathisch, allerdings sinkt das musikalische Niveau dadurch ins Bodenlose, noch unter jede Schulaufführung. Ganz, ganz gruselig war das. Schauderlich. Ansonsten danke für den Hinweis, scheint ein interessantes Festival zu sein, das mir bisher noch unbekannt war.

    Noch zu Andeka Gorrotxategi


    Als visuellen Gag fand ich das Video auch sehr gelungen; die Stimme hat mich jedoch auch sehr wenig angesprochen, muss ich gestehen. Ich hatte auch den Eindruck, dass hier ein verkappter Bariton singt. Die Stimme klingt für mich auch eher stumpf, glanzlos, unmetallisch; und wie er das "vincerò" von unten anschleift und emporstemmt, ist schon arg nachlässig.

    Aber natürlich ist es wohl unfair, anhand dieser paar Momente den Stab zu brechen; nur wollte ich auch dokumentieren, dass Deine Mühe nicht umsonst war, lieber Caruso, und durchaus wahrgenommen wird, was Du eingestellt und geschrieben hast.

    Ansonsten freue ich sehr, dass das Baskenland, das ich sehr liebe, nach Ainoha Arteta und ein paar wenigen anderen Vertretern wieder einen Sänger von internationalem Rang stellen kann.

    Lieber Stimmenliebhaber,


    na, das wäre doch jetzt DIE Gelegenheit ;) oben ist ja zumindest das Audio verlinkt, wenn Du magst, kannst Du zumindest die erwähnte Arie ab 57:36 schon mal anhören, sobald Du Zeit und Muße hast; ich wäre sehr gespannt auf Deine Eindrücke.


    Liebe Grüße

    Ich würde mich sehr dafür interessieren, wie Caruso und Stimmenliebhaber den Tannhäuser denn nun dezidiert fanden - Caruso hat ja schon auf manche Aspekte, zum Beispiel das schwache Dirigat Gergievs, hingewiesen. Lieber Stimmenliebhaber, wie beurteilst Du die Gesangsleistungen?

    Ich schlage vor, wenn Ihr und auch andere Musikfreunde mitmacht, einfach mal verschiedene Passagen gemeinsam anzuhören und zu kommentieren.

    Wir könnten z.B. mit Lise Davidsen beginnen und der Arie "Dich, teure Halle" ab etwa 57:36 im Video bzw. Tondokument:



    Wie sieht's aus? Wer ist dabei? Ich gehe mal voran:


    Strahlkraft, unforciert, und dennoch kräftig, dabei ein sehr einnehmendes Timbre, das für mich weder schrill noch spitz klingt, ganz im Gegenteil, silbrig-elegant funkelnd und geschmeidig selbst bei hohen Tönen in forte und fortissimo.

    Hier finde ich auch die Textdeutlichkeit, die ich sonst gelegentlich bei ihr moniert habe, durchaus ganz gut, für eine Live-Aufnahme in besonderer Akustik geht das für mich in Ordnung.

    Beeindruckendes Legato, wie ich finde, mit minimalem glissando, aber ansonsten sehr gute Linienführung.

    "Aus mir entfloh der Frieden, die Freude zog aus dir..." zeigt, dass sie mehr als nur Dauerforte zu bieten hat, da singt sie deutlich verhaltener, wehmütiger, schönes ritardando, um eine gedämpfte Stimmung zu erzeugen, bevor dann nach diesem melancholischen Gedanken umso machtvoller Jubel und helle Freude in großer Steigerung beschworen werden.

    "Der dich und mich so neu belebet, nicht weilt er ferne mehr...", da meistert sie bravourös die großen Intervalle, singt sehr sauber und ansatzlos die hohen Töne, lässt sie mit wohldosiertem Vibrato mühelos kurz aufblühen, ohne die Phrase zu unterbrechen. Das ist schon stark.

    Auch die Wiederholung von "sei mir gegrüßt", erst im piano, dann immer mehr im crescendo, ebenso der Spitzenton auf "Halle", sind alle nicht nur technisch sehr gelungen, souverän und sicher genommen, sie vermittelt glaubhaft die Freude und innere Anteilnahme, diese Ergriffenheit, an diesem besonders erhabenen Ort in der Wartburg zu stehen.

    Dies ist natürlich nur ein Mosaikstein innerhalb einer ganzen Partie, aber ich finde dieses isolierte Beispiel schon sehr eindrucksvoll und hochkarätig.

    Ich frage mich auch immer, warum man der im Libretto dargestellten Geschichte so sehr misstraut, dass man meint, sie durch Aktualisierung und Veränderung "verbessern" zu müssen.

    Da wird mit großem Aufwand eine Geschichte dazuerfunden, eine Rahmenhandlung gebastelt, eine Vielzahl an Bezügen und Parallelen konstruiert und an das Stück aufgeflanscht.

    Dies kann man natürlich, mit allerlei Klimmzügen und Verrenkungen, machen, so nach dem Motto, "steht zwar nicht im Libretto, steht aber auch nicht drin, dass es das nicht gibt..."; wie auch immer, ich finde nur, dass es die Essenz verwässert, dem Stück sein organisches, harmonisches Gesamtgefüge nimmt, eine sorgfältig zwischen Musik und Libretto austarierte Balance aufhebt, und dadurch zu einer Austauschbarkeit und Beliebigkeit führt, die ich persönlich nicht als Gewinn empfinde.

    Man erlaube mir folgenden, sicherlich hinkenden Vergleich: Wenn ich etwa einen alten Single-Malt Whisky mit noch, sagen wir, vier oder fünf anderen alkoholischen Getränken vermische, erhalte ich einen mehr oder weniger genießbaren Cocktail; aber mit dem ursprünglichen, edlen Getränk hat dies kaum noch zu tun.

    So kommt mir auch diese Tannhäuser-Inszenierung vor, als würde man einen alten Rotwein mit Cola vermischen, damit daraus ein hipper, stylischer Drink wird.

    In gleicher Weise könnte man ja auch diese ganzen jahrhundertealten Violinen doch auch gleich durch Synthesizer und E-Gitarren ersetzen; das wäre dann zumindest konsequent...und kostensparend.

    Man sieht also, hier wird Altes mit Neuem verquickt, was ich per se auch gar nicht verurteilen möchte; es lassen sich sicher Argumente finden, um so zu verfahren.

    Aber ich bin da von meiner Vorliebe und Prägung eher "puristisch", ich denke, dass die Beschränkung und Konzentration auf das Charakteristische, Besondere und Eigentümliche mitunter bereichernder sein kann, als alles in kunterbunter Vielfalt, Mannigfaltigkeit und überbordender, grenzenloser Durchmischung durcheinanderzuwirbeln bis zur Unkenntlichkeit.

    Ich möchte damit auch nicht zu einer Spaltung oder Attacke zwischen konservativ und progressiv beitragen; ich respektiere das sogenannte "Regietheater" und die Anhänger desselben genauso wie jeden anderen Musikfreund; auch dieses Experimentierfeld hat sicherlich seine eigenen Spielregeln, Hintergründe und Bezugsgrößen, und ganz sicher auch seine Daseinsberechtigung. Jegliche Disskussion sollte daher auch in Respekt und Wertschätzung erfolgen, in diesem Sinne möchte ich auch diesen Beitrag hier gerne verstanden wissen.

    Ich habe es in der Vergangenheit bereits mit der Jazzmusik verglichen; während ein "klassischer" Komponist die Sonate so spielt, wie Sie in der Partitur steht (auch wenn er sie in gewissem Rahmen interpretiert durch Lautstärke, Phrasierung, Tempo etc.), wird der Jazzmusiker vielleicht nur ein Thema aus dieser Sonate nehmen, und völlig frei, ganz einfach seiner Eingebung und Spontanität folgend, etwas ganz anderes daraus machen.

    Beides hat seinen Sinn und seine Berechtigung.

    In der Oper, um dazu zurückzukehren, finde ich es in der Tat eher störend, wenn man eine Form der Inszenierung wählt, die das Stück quasi "entwurzelt", Zeit und Ort ändert, Abläufe darstellt, die mit dem gesungenen Text nichts mehr zu tun haben (wie ja bereits in anderen Beiträgen ausgeführt wurde) etc.

    Es steht außer Frage, dass man auch allerlei Denkanstöße durch solche Brechungen erzielen kann.

    Ich begnüge mich jedoch gerne mit dem, was in der Partitur und im Libretto steht; jeder Regisseur hat natürlich Leerstellen zu füllen, Interpretationsspielräume zu nutzen, aber auch nicht mehr.

    Deswegen empfinde ich diesen Tannhäuser als Rotwein mit zu viel Cola...


    herzliche Grüße


    Notabene: ich bin sicherlich nicht unintellektuell, ewiggestrig, RT-feindlich oder ähnliches. Ich bin durchaus für Moderne, ich sehe mir gerne auch zeitgenössische Opern an, und finde, dass noch sehr viel mehr moderne Opern komponiert werden sollten, die aktuelle Probleme aufgreifen, und dass solche Stücke auch viel mehr gespielt und im TV gezeigt werden sollten, statt immer nur 18. und 19. Jahrhundert.... Dass man die Aktualität jedoch in nicht-aktuelle Stücke hineintragen muss, denke ich nicht. Das empfinde ich oft als künstlich, und nicht als künstlerisch.

    Ich habe auch voll Interesse das Ganze angehört, und bei mir ist diese Rekonstruktion bisher auch völlig unbemerkt geblieben. Es gibt ja durchaus gelungene Ergänzungen, die ein Werk dann auch fest im Spielplan etablieren konnten -man denke an Mozarts Requiem, Puccinis Turandot, mit Abstrichen de Fallas Atlántida), allerdings finde ich auch, dass hier zwar interessante Ideen aufblitzen, das Ganze allerdings viel zu sehr nach dem Bearbeiter klingt und weniger nach Beethoven.

    Ob und was Beethoven daraus gemacht hätte, wissen wir nicht, ich fand es jedoch durchaus interessant, diese Musik einmal zu hören. Und solange ich den anderen 9 Symphonien immer noch so gerne lausche, wie es der Fall ist, nach all den Jahren, verschmerze ich dann auch die fehlende 10. ohne Murren ;-)


    liebe Grüße

    Symphony in C Major, Op. 24 No. 1, P. I:6


    Wie so oft, hat mich Alfred mit seiner Beschreibung neugierig gemacht, so dass ich auch diese Symphonie in der selben Einspielung gehört habe. In der Tat erscheint der Beginn sehr gravitätisch, ernst, beinahe bedrohlich, um einer lebhaften, energiereichen Bewegung Platz zu machen. Es werden hier immer wieder dramatische, teilweise recht burschikose Akzente gesetzt, um die lieblichen Momente zu unterbrechen; das ist keine einfach nur so dahinplätschernde Musik, das lässt schon aufhorchen.

    Das Adagio ist, wie Alfred geschrieben hat, sehr zart, behutsam entfaltet sich die Musik und verströmt Trost und Frieden.

    Die beiden verbleibenden Sätze sind wieder sehr dynamisch, voller Schwung und Kraft.

    Insgesamt eine sehr schöne Komposition, die durchaus ihre Kanten ausfweist und nicht nur glatt und eingängg ist.

    Begründet man sein Urteil aber, und das detailliert und möglicherweise gar unter Bezugnahme auf den Notentext, dann hat es, weil es mit einem gewissen Objektivitätsanspruch auftritt, ein ganz anderes Gewicht. Und das kann zur Folge haben, dass der andere sich dadurch in seinem eigenen Urteilsvermögen infrage gestellt sehen kann. Und wenn da gar eine Liebesbeziehung vorliegt, geht´s ans persönlich Eingemachte!

    Lieber Helmut,


    da hast Du sicherlich Recht. Wenn sich jedoch jemand persönlich infrage gestellt fühlt, weil sein persönlicher "Liebling" kritisiert wird, dann ist dies sicherlich nicht der Fehler desjenigen, der seine gegenteiligen Eindrücke schildert. Zumal man ja niemandem seine persönliche Wertschätzung madig machen will, sondern lediglich ausdrücken möchte, was man selbst empfindet.


    Ich denke auch, dass blindes, unkritisches Fan-Dasein nicht durch Schweigen unterstützt werden soll, so dass man am Ende nur noch einen Schrein voller Lobhuddeleien hat statt eines lebendigen Forums.


    So kann ich sehr gut damit leben, wenn jemand eine andere Auffassung zu Lise Davidsens CD hat; im Gegenteil, es wäre ja von meiner Seite aus ein absolutes Manko, wenn ich verlangen würde, dass jeder die Einspielung genauso toll zu finden hat wie ich, und würde vor allem ein mangelndes Selbstbewusstsein oder blinde Verbohrtheit meinerseits aufzeigen.


    So bin ich zum Beispiel ein großer Verehrer von Rudolf Schock, aus unterschiedlichen Gründen, nicht zuletzt, weil ich seine Platten immer mit meinem Vater zusammen anhörte; dennoch bin ich mir vollkommen im Klaren, dass er nach seiner Glanzzeit auch sehr anfechtbare Aufnahmen gemacht hat, und selbstverständlich höre ich auch all seine technischen und stimmlichen Mängel, wenn er forciert, presst etc., und dennoch ist mir seine Stimme lieb und teuer.


    Dabei käme ich nicht im Traum auf die Idee, jemanden anzugreifen, der Rudolf Schock kritisiert.


    Langer Rede kurzer Sinn, ich bin der Meinung, dass man in einem öffentlichen Forum durchaus das Recht hat, sachlich Kritik zu üben, solange dies in Fairness geschieht, sollten damit auch die "Fans" leben können. Und allen Recht machen kann man es sowieso nie; also von daher, schreib ruhig weiter, lieber Helmut, auch ich werde weiterhin mich zu Wort melden, ohne jemanden persönlich anzugreifen, allerdings auch ohne persönliche Angriffe zu dulden.


    Zumal man nicht vergessen darf, dass kein Fan den Künstler oder die Künstlerin "für sich gepachtet" hat - das will letzten Endes auch kein Musikschaffender, der in die Öffentlichkeit tritt, er will für das ganze Publikum musizieren und nicht nur für den handverlesenen Fan-Club. Und auch die größten Künstler attestieren, dass konstruktive Kritik einen immer weiterbringt als nur blinde Lobeshymnen.


    Von daher - auf in den Kampf, Torero!


    Liebe Grüße

    Lieber Fiesco,


    offensichtlich höre ich ja mit meinen Ohren etwas anders als Du und Rüdiger, von daher interessiert es mich natürlich besonders, herauszufinden, was die Stärken oder Schwächen der Aufnahme sind, die ihr wahrgenommen habt.


    Ich finde Rüdigers Meinung auch plausibel und nachvollziehbar, selbst wenn ich es anders empfinde, und so würde mich auch interessieren, was Du beim Hören wahrgenommen hast.


    Gerade das macht doch dieses Forum interessant! Und gerade kontroverse Meinung tragen doch viel mehr zu einer lebendigen Diskussionskultur bei, als wenn wir nur unisono einer Meinung sind. Und reine Geschmacksurteile nach dem Motto "finde ich gut/ schlecht" haben zwar auch ihre Geltung und ihre Berechtigung, nur wird es dann schwer, das Ganze nachzuvollziehen und darüber zu diskutieren.


    Ich möchte Dich auch ermutigen, wie alle anderen Stimmfreunde auch, deine Meinung ruhig vorzutragen; mir persönlich ist jede Meinung herzlich willkommen, auch und gerade wenn sie von der meinigen abweicht.


    Persönliche Angriffe hingegen erfährt man, meiner Einschätzung nach, auch eher, wenn man nur kurze Geschmacksurteile abgibt, als wenn man sich die Mühe macht, die eigene Meinung zu begründen.


    Wobei ich selbstverständlich auch der Meinung bin, dass persönliche Angriffe nichts in dieser Diskussion zu suchen haben, und dass die rein sachliche Debatte im Vordergrund stehen sollte.


    herzliche Grüße