Wiesbaden, Staatstheater, "Tristan und Isolde", Richard Wagner, 21.03.2009

  • Es ist schwer geworden, für Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ gute Besetzungen für die Hauptpartien zu finden und es stellt sich die Frage, ob man das Stück überhaupt spielen sollte, wenn gerade für die beiden Titelrollen nur ein Sopran und ein Tenor zur Verfügung stehen, die ihre anspruchsvollen Partien nur irgendwie exekutieren und am Ende noch nicht völlig vor Wagners Partitur kapituliert haben.


    So auch in Wiesbaden: Alfons Eberz als Tristan grölt sich kraftvoll und rüde durch das Stück und wenn die Töne nicht mehr sicher erreicht werden können, wird mit Gewalt nachgeholfen. Die Folge ist, dass die Stimme dann wegbricht und ausfasert. Die Gesangslinie wird immer wieder verlassen und an die Notation der Partie darf man nicht denken.


    Kaum besser die schmalstimmige Turid Karlsen als Isolde mit ihrem scheppernd-ältlichen Sopran, die eigentlich keine echte hochdramatische Sängerin ist. Die Höhe wirkt erkämpft und unfrei, die Tiefe unnatürlich, vieles bleibt farblich eng, manche Töne kommen nur gequetscht, an weit ausschwingende Bögen oder eine geschickte Phrasierung ist auch nicht ansatzweise zu denken – da blüht nichts auf, da versucht eine Sopranistin mit wenig Potential eine grosse Partie über die Rampe zu bekommen.


    Auch Silvia Hablowetz als Brangäne überzeugt nicht. Ihr dunkel timbrierter, eher harter Mezzosopran kämpft mit der Lage der Partie genauso, wie mit den Spitzentönen, die Register werden nicht immer gut verblendet und die Intonation bleibt genauso im Ungefähren, wie bei den Vorgenannten.


    Bernd Hofmann ist der weitgehend unauffällige König Marke, eine Leistung, wie man sie an jedem besseren Stadttheater finden kann.


    Einzig Thomas de Vries bot eine ansprechende Leistung als Kurwenal. Sein Bariton hat an Volumen und Klang gewonnen und dort, wo der Sänger an Grenzen stösst (namentlich im dritten Akt), besteht die Hoffnung, dass sich das in den Folgeaufführungen noch verbessern wird.


    GMD Marc Piollet hat mit dem Orchester gute Vorbereitungsarbeit geleistet. In grösster Ruhe beginnt das Vorspiel zum ersten Akt, langsam, sehr zögernd, gerät dann die Musik in Bewegung, bis sie, nachdem sie den Kulminationspunkt erreicht hat, wieder leise und langsam verklingt. Dieses ruhige Grundtempo hält Piollet durch. Nur im zweiten Akt zieht der Dirigent etwas an, auch im dritten Akt, bei den Fieberexaltationen des Tristan kommt die Musik stärker in Bewegung. Der Klang ist klar strukturiert, weniger üppig, als man das bei einer solchen Interpretation erwarten würde, vieles wird bis zum Manierismus ausgehört. Wenn man sich drauf einlassen kann, ist das nicht unspannend. Wer einer feurigen, vorwärts drängenden Interpretation der Vorzug geben würde, kommt hier nicht auf seine Kosten.


    Zum ersten Mal inszenierte Dietrich Hilsdorf Wagner. Der Dirigent Marc Piollet hat ihn dazu überredet. Das Ergebnis ist zwiesplätig.


    Nicht der normale Bühnenvorhang schliesst die Bühne ab, man sieht einen grossen Prospekt, auf dem eine Dampflokomotive gemalt ist, die mit ihrem Zug über einen Damm fährt, an dem links und rechts Meereswellen heraufschlagen, der Himmel dahinter ist wolkenverhangen.


    Die Handlung spielt in Zeiten des Krieges in einer ausgebombten Villa. Ob es die Villa des Militärführers König Marke ist oder ob dessen Mannschaft diese Villa nur besetzt hat und die ehemaligen Bewohnerinnen im Keller gefangenen gehalten werden, bleibt offen. Die Uniformen sind zwar ohne Hoheitszeichen und in einem dunklen Ton gehalten, aber die Assoziationen gehen wegen des Schnittes der Mäntel, der Hosen und der Stiefel, sowie der Koppel in Richtung zweiter Weltkrieg. Der erste und dritte Akt spielen im Keller dieser Villa. Einfache Metallbetten ohne Bezüge sieht man da, dazu passende Stühle, rechts hinten die Reste einer grüngekachelten Nasszelle mit Toilette und Waschbecken. Die Decke ist beschädigt, auf den Wänden Zeichnungen eines Schiffes und jenes Zuges, der auf dem Prospekt zu sehen war.


    Neben Brangäne und Isolde werden hier noch (so sagt es das Programmheft) ein junges Mädchen und eine Hexe gefangen gehalten. Isolde, in einem langen Wehrmachtsmantel, ist in dieser Keller-Haft fast wahnsinnig geworden. Ihre Freundin Brangäne umsorgt Isolde liebevoll. Tristan und Kurwenal sind Soldaten, die wohl mit der Aufsicht dieser Gefangenen betraut sind. Die Geschichte entwickelt sich, wie bekannt. Am Ende des Aktes rollt König Marke in einem Rollstuhl in den von einer Metalltür verschlossenen Raum. Seine Uniform weist ihn als hohen Militär aus.


    Der zweite Akt, der Prospekt zeigt hier eine wilde Wolkenlandschaft, spielt einen Stock höher. Der Krieg hat seinen Tribut gefordert, der Raum ist bis auf einen grossen, runden Tisch und einen Sekretär leer. An den Wänden erkennt man noch, wo sich einstmals Bilder befanden, links führt ein Aufzug nach unten und oben, rechts und im Hintergrund begrenzen grosse Glastüren und -wände den Raum. An einer Säule eine brennende Fackel. Nach der Liebesszene stürzen bewaffnete Soldaten in den Raum und halten alle in Schach. Brangäne, die an dem Sekretär sitzt, schreibt jenes Geständnis nieder, das den Marke über den Liebestrank aufklären wird. Marke kämpft sich aus seinem Rollstuhl und setzt sich zu Isolde, Tristan drückt Melot eine Art langes Messer in die Hand und stürzt sich waffenlos in dieses Messer. Er fällt in den Rollstuhl von Marke und wird via Aufzug mit den Seinen in den Keller verbracht.


    Der Prospekt zeigt vor dem dritten Akt das gleiche Bild mit dem Zug aus einer etwas veränderten Perspektive. Auch der Keller präsentiert sich fast unverändert – nur die Zeichnungen an den Wänden sind mehr geworden und Tristan sitzt im Vordergrund mit einem Tuch über dem Kopf im Rollstuhl. Am Ende kommen zuerst Marke und Melot in den Keller und beobachten das Geschehen. Dann kommt Isolde mit verbunden Augen dazu. Marke hat wieder in seinem Rollstuhl Platz genommen. Isolde, die nichts sieht, richtet einen Grossteil ihrer Worte an Marke, den sie für Tristan hält, sie setzt sich auf dessen Schoss und ist, als sie die Binde von den Augen nimmt, entsetzt, als sie ihren Irrtum bemerkt.


    Brangäne wird es sein, die sich um den Marke kümmert, sie ist (ähnlich hat man das bei Luk Perceval in Stuttgart sehen können) Isoldes alter Ego. Der Prospekt senkt sich über der Szene, Isolde steht allein im Vordergrund. Ein letztes Mal wird der Prospekt transparent – Isolde schaut auf eine Welt, die sie verlassen hat.


    Die Inszenierung bietet eine konventionelle Personenführung, die weit hinter dem zurückbleibt, was spannendes Musiktheater sein könnte. Die Liebesszene ist gänzlich unbewältigt, geradezu hilflos agieren Tristan und Isolde. Aber auch andere Passagen bieten nichts, was nicht so oder so ähnlich in anderen Aufführungen des „Tristan“ erlebt werden könnte. Hätten die Figuren der Handlung andere Kostüme an, wäre der Bühnenraum ein anderer, die Aufführung wäre kein Aufreger. Man muss Hilsdorf zugute halten, dass er sein Konzept stringent verfolgt und dass er sich Gedanken über das Stück gemacht hat – das Ergebnis überzeugt allerdings nicht wirklich.


    Starker Beifall für alle Beteiligten, und deutliche Ablehnung für das Regieteam. In diese ablehnenden Bekundungen des Wiesbadener Publikums zog Hilsdorf den leicht widerstrebenden Dirigenten Marc Piollet mit hinein, immerhin war der es, der Hilsdorf für den „Tristan“ engagieren wollte.

  • Alviano,


    kommt Hilsdorf in Wiesbaden nicht los vom 2. Weltkrieg?


    Nun Tristan, letztens Freischütz?


    Hat Hilsdorf ein Kriegstrauma, das er nicht wirklich los wird, das er aber nicht wirklich befreiend umsetzen kann? Gibt es denn keine anderen Assoziationen zu Tristan als den 2. Weltkrieg? Da war das, was ich von Ruth Berghaus in Hamburg sah (vor drei Jahren) von ganz anderer Qualität!


    Scheint mir ja fast schon symbolisch, daß er sich so oft mit diesem Sujet auseinanderzusetzen versucht, und dann (so meine Meinung, wir haben es ja im Freischütz thread schon diskutiert), immer wieder daran scheitert...


    Verwirrt!


    Matthias

  • Lieber Matthias,


    der "Freischütz" ist konzeptionell anders angelegt, als dieser "Tristan" - und die Bilder gleichen sich auch nur oberflächlich. Wenn jetzt von der Vielzahl der Hilsdorfschen Inszenierungen (gerade auch in Wiesbaden) zwei davon in einem bestimmten Kontext angesiedelt werden (und das beim "Tristan" auch nicht eindeutig), lässt sich daraus kaum schliessen, dass der Regisseur ein "Kriegstrauma" hätte. Dass gerade in Wiesbaden eine solche Sicht auf den "Tristan" (über die man streiten kann) provozierend wirkt, hat nicht unbedingt (und schon gar nicht ausschliesslich) mit der Inszenierung zu tun.


    Anders formuliert: meine Vorbehalte gegen die Regiearbeit liegen nicht im Ambiente, das uns der Regisseur zeigt. Im übrigen gibt es da auch noch eine Art Amok-Lauf und Gefangene im Keller sind auch nicht gerade unaktuell, haben aber mit dem 2. Weltkrieg nichts, mit unserer Gegenwart aber sehr viel zu tun.

  • OK, so klingt es für mich plausibler! Danke!


    Mir kam diese Assoziation halt beim Lesen Deiner Kritik, wohl aber auch, weil die "andere", die ich gesehen hatte, just der Freischütz war.


    Matthias

  • Unter dieser Schlagzeile wird die Inszenierung in der heutigen Ausgabe der Rhein-Neckar-Zeitung besprochen, sie kommt recht gut weg: Daß Hilsdorf die Oper ins graue Ambiente mit schweren Militärmänteln und Schaftstiefeln stellt, halb Lazarett, halb Gefängnis, sei angemessen und durchaus im Sinn der Vorlage (Isolde ist immerhin Kriegsbeute), die Szenerie erinnere in ihrer "bedeutungsschwangeren Kühle" an die Bildwelten eines Anselm Kiefer: "dunkles Blau, kaltes Schwarz und schmutziges Grün".


    Den beiden Titelhelden wird eine solide Leistung bescheinigt ("Keineswegs durchgehend überzeugend, aber doch Stimmen, die in den drei langen Akten tragen"), Kurwenal "agil und stimmsicher", Brangäne "mit silbernem Mezzosopran".


    Am meisten begeistert sich der Rezensent Gerd Döring für Dirigat und Orchesterleistung: "Große Kunst": von "fabelhaft dosierten Klängen" und einem "famos musizierenden Orchester" ist die Rede, der Dirigent habe keine Wünsche offen gelassen.


    Weitere Termine: 5. und 19.4.

  • Lieber Gurnemanz,


    es ist auch nicht das Ambiente, was diese Inszenierung schwächeln lässt, auch nicht der gedankliche Überbau - innerhalb seines Konzeptes bleibt Hilsdorf konsequent und erreicht im dritten Akt, zwei, drei wirklich gute Momente.


    Das, was nicht funktioniert, ist die mangelhafte Personenführung, besonders im zweiten Akt. Da stehen, sitzen und liegen zwei eher schwergewichtige, ältere Herrschaften auf der Bühne herum, die so tun, als seien sie Backfische und als wäre der wichtigste Mensch in ihrem Leben der Dirigent, aber keinesfalls der Partner oder die Partnerin auf der Szene.


    Ein weiteres Problem ist der sehr realistische Ansatz, den Hilsdorf verfolgt - alles, was an philsosophischen Gedanken im Text der grossen Liebesszene artikuliert wird, bleibt auf der Strecke.


    Dazu kommt, dass Hilsdorf ein Geplänkel zwischen den Liebenden inszeniert, wo die Musik sich entäussert, das passt nicht zueinander und es entsteht der Eindruck, dass Hilsdorf froh war, inszenatorisch irgendwie beim Auftritt Marke angekommen zu sein, wo seine realistische Bildsprache wieder funktioniert.


    Was jetzt "solide Leistungen" der Titerolleninterpret/innen angeht: das ist ein Euphemismus - man muss doch nicht Mittelmässigkeit schönreden. Wenn passagenweise neben der Notation gesanglicher Freistil bei unzureichender, stimmlicher Präsenz geboten wird, dann soll man das auch benennen.


    Daneben liegt der Rezensent beim "silbrigen Mezzosopran" von Silvia Hablowetz. Die Sängerin verfügt über eine dunkeltimbrierte Stimme, deren "Silberklang" von Problemen in der Höhe kommt, nämlich immer dann, wenn eine Phrase nicht mehr korrekt gebildet werden kann und die Sängerin mit der Stimmkontrolle zu Kämpfen beginnt. Silvia Hablowetz verfügt über eine gute Bühnenerscheinung und ich würde ihr gerne einmal in einer für ihre Stimme passenderen Rolle begegnen.


    Vielleicht besucht noch jemand die Aufführung und kann weitere Eindrücke mitteilen.

  • Zitat

    Original von Alviano
    Das, was nicht funktioniert, ist die mangelhafte Personenführung, besonders im zweiten Akt. Da stehen, sitzen und liegen zwei eher schwergewichtige, ältere Herrschaften auf der Bühne herum, die so tun, als seien sie Backfische und als wäre der wichtigste Mensch in ihrem Leben der Dirigent, aber keinesfalls der Partner oder die Partnerin auf der Szene.


    Lieber Alviano,


    über die Personenführung verliert der Zeitungsartikel kein Wort; was Du hier einwendest, ist natürlich schwerwiegend - zumal Du das Bühnengeschehen wesentlich detaillierter und anschaulicher beschreibst als der Rezensent.


    Zitat

    Ein weiteres Problem ist der sehr realistische Ansatz, den Hilsdorf verfolgt - alles, was an philsosophischen Gedanken im Text der grossen Liebesszene artikuliert wird, bleibt auf der Strecke.


    Ohne die Inszenierung zu kennen: Gerade diese Art von Realismus, also das Hineinstellen der Tristan-Handlung in eine zerstörte Welt, könnte ich mir als faszinierend vorstellen - nur wenn der Regisseur eine kreative Umsetzung der Idee nicht schafft, wie es hier zu sein scheint...


    Ob ich den Weg nach Wiesbaden finden werde, ist eher zweifelhaft. Wahrscheinlich begnüge ich mich vorerst mit der schönen Erinnerung an eine musikalisch insgesamt sehr gelungene konzertante Aufführung des zweiten Tristan-Akts in Heidelberg vor einigen Wochen - da konnte ich mir die Bilder selbst erschaffen, was mir gerade bei diesem Werk letzlich doch am liebsten ist.


    Dir jedenfalls einen herzlichen Dank für die klar fundierte und informative Besprechung, auch in diesem Fall wieder!

  • Zitat

    Original von Gurnemanz
    Wahrscheinlich begnüge ich mich vorerst mit der schönen Erinnerung an eine musikalisch insgesamt sehr gelungene konzertante Aufführung des zweiten Tristan-Akts in Heidelberg vor einigen Wochen - da konnte ich mir die Bilder selbst erschaffen, was mir gerade bei diesem Werk letzlich doch am liebsten ist.


    Ich kann das gut verstehen - der zweite "Tristan"-Akt ist verflucht schwer zu inszenieren. Selbst Joachim Schlömer hat in Hannover eine für ihn ungewohnt ruhige Inszenierung abgeliefert und Luk Perceval in Stuttgart, der eine insgesamt nicht unspannende Inszenierung auf die Bühne gebracht hat, lässt Tristan und Isolde im zweiten Akt händchenhaltend konzertieren.


    Gut gefallen hat mir Lehnhoff in Frankfurt - die Szene war fast völlig dunkel und mit dem Auftritt des Marke erstrahlte die Bühne plötzlich taghell, das Publikum war geblendet, das war nicht schlecht gemacht.


    Aber auf "die" Inszenierung des "Tristan warte ich auch noch...


    Allerdings ist die Musik, da wiederhole ich mich gerne, schon umwerfend...


    :hello:

  • Alviano,


    hattest Du Ruth Berghaus in Hamburg gesehen? Mein Besuch dort vor drei Jahren war ja die "Ursache" für meinen Eintritt hier... ;-)


    Matthias

  • Zitat

    Original von pfuetz
    hattest Du Ruth Berghaus in Hamburg gesehen? Mein Besuch dort vor drei Jahren war ja die "Ursache" für meinen Eintritt hier... ;-)


    Lieber Matthias,


    ich erinnere mich - ich habe damals gezögert, mir eine Karte für den Berghaus-"Tristan" zu kaufen. Aber: Simone Young tue ich mir nicht freiwillig an, das geht für mich überhaupt nicht. John Treleaven kenne ich hinreichend, das muss ich auch nicht unbedingt haben, allerdings singt der tatsächlich im dritten Akt einen bemerkenswerten Tristan. Da hat der plötzlich Töne, die er zwei Akte lang nicht präsentieren konnte. Und wenn ich mich nicht irre, war als Isolde ursprünglich Conell vorgesehen - für dieses Gesinge fahre ich auch nicht Hamburg. Tatsächlich hat dann aber wohl J. Baird die Vorstellung gesungen. Ich war wirklich seit der Premiere von "Clemenza di Tito" (Mozart) mit Konwitschny/Metzmacher nicht mehr in der Hamburger Oper.

  • Zitat

    Original von Alviano


    Lieber Matthias,


    ich erinnere mich - ich habe damals gezögert, mir eine Karte für den Berghaus-"Tristan" zu kaufen. Aber: Simone Young tue ich mir nicht freiwillig an, das geht für mich überhaupt nicht. John Treleaven kenne ich hinreichend, das muss ich auch nicht unbedingt haben, allerdings singt der tatsächlich im dritten Akt einen bemerkenswerten Tristan. Da hat der plötzlich Töne, die er zwei Akte lang nicht präsentieren konnte. Und wenn ich mich nicht irre, war als Isolde ursprünglich Conell vorgesehen - für dieses Gesinge fahre ich auch nicht Hamburg. Tatsächlich hat dann aber wohl J. Baird die Vorstellung gesungen. Ich war wirklich seit der Premiere von "Clemenza di Tito" (Mozart) mit Konwitschny/Metzmacher nicht mehr in der Hamburger Oper.


    Ich meinte jetzt mehr der Inszenierung wegen, nicht unbedingt der sängerischen Leistungen... ;-) Aber, wenn du es nicht gesehen hast, kannst Du ja nun leider auch nicht aus der Erinnerung was dazu sagen...


    Matthias

  • Ich war damals im Tristan in Hamburg, allerdings in einer Vorstellung unter Peter Schneider, da ich mir Simone Young auch nur antue, wenn es triftige Gründe gibt, es trotzdem zu tun. Connell war dick und schrill, die Inszenierung schon deutlich angestaubt, die einst überwältigende Personenführung war lediglich noch in Rudimenten zu erkennen (einzig Harald Stamm zählte noch zur ursprünglichen Besetzung).


    1988 war ich in der letzten Aufführung der ersten Spielreihe dieser damals heiß umstrittenen Inszenierung, die nach wie vor zum eindrucksvollsten zählt, was ich im Musiktheater bis dato gsehen habe.


    Den Wiesbadener Tristan schaue ich mir am Sonntag an, bin schon gespannt. Vor kurzem war ich in Mannheim, ein mühvoll krächzender Wolfgang Neumann als adipöser Tristan in eine m.E. sehr gelungnen Inszenierung, wo ich auch den 2. Akt gut gelöst fand. Im 3. fiel es dann aber deutlich bis katastrophal ab und am Ende ging der Inszenierung fast die Luft aus, als mehrere Personen unmotiviert auf die Bühne gingen und offensichtlich weil sie tot sein sollten hinfielen. Da bietet die Musik wesentlich mehr.


    Dass es heute keine Tristane mer gibt, stimmt m.E. nicht. Es gibt so viele oder wenige wie zu allen Zeiten, die Rolle ist nun einmal nicht für einen menschlichen Sänger angelegt und entweder jemand brüllt sich mit vollem Risiko hindurch und macht das vielleicht fünf oder sechs Jahre, oder (was meistens der Fall ist) der Sänger muss irgendwie haushalten, so dass man in Akt 1 und 2 wenig von ihm hört. Man muss auch bedenken, dass in früheren Jahren Akt 2 und 3 fast immer mit erheblichen Strichen gespielt wurden, die überwiegend die Rolle des Tristan betrafen.


    Ein Lauritz Melchior oder Jon Vickers waren Ausnahmeerscheinungen auch in ihrer Zeit.


    Gruß
    Dieter