Schöne Wiederaufnahme von La Fanciulla del West am Opernhaus Zürich, 14. November

  • Das Opernhaus Zürich gehört seit einigen Jahren zu meinen Lieblings-Opernhäusern, sodass ich immer wieder versuche einige Opern dort pro Saison zu besuchen.
    Sehr kommen mir dabei die Sonntag-Nachmittag-Vorstellungen entgegen, die es mir ermöglichen morgens mit dem ICE an- und nach der Oper wieder abzureisen.


    So stand gestern Nachmittag Puccinis eher selten gespielte La Fanciulla del West auf dem Programm, eine Oper die ich noch nie gesehen habe und deren Musik mir leider bisher auch weitgehend unbekannt war (bzw. deren Musik ich im Vorfeld der Aufführung genau zweimal gehört habe :( )


    Das Opernhaus Zürich nahm gestern eine Inszenierung wieder auf, die wohl scheinbar seit der Premiere im Juli 1998 nicht gespielt worden war.
    Schade, dass die wirklich sehr gelungenen Bühnenbilder so lange unbenutzt in einem Kulissendepot gelegen haben!
    Diese Produktion hätte wirklich mehr Aufführungen verdient gehabt.


    Die Inszenierung stammte von David Pountney, der sich bei seinen Münchner Arbeiten von Aida und Faust (beide abgesetzt) nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatte.
    Im Falle der Fanciulla hatte Pountney wirklich auf Musik und Libretto vertraut und auf unsinnige Aktualisierungen verzichtet. Die im Goldgräber-Milieu des Wilden Westens spielende Handlung wurde in Bildern erzählt welche an alte Western Filme erinnern sollten. So wurde auch im Stil eines alten Filmes aus der Entstehungszeit der Oper zu den ersten Takten einige englischsprachige Texte auf eine Leinwand projiziert, die neben La Fanciulla del West an Opera by Giacomo Puccini, sowie Act I, II and III sowie "The End", auch Angaben zum Schauplatz beinhalteten.
    Das Bühnenbild von Stefanos Lazaridis war sehr aufwändig und bestand aus zwei Stockwerken, die beide leicht verkippt übereinander standen. Beide Ebenen waren somit schief und die Sänger waren gefordert in dieser Konstruktion die Balance zu halten. Ausserdem war das obere Stockewerk vorne durch ein dezentes Gitter gesichert; man weiss ja nie was passiert ;-). Im Hintergrund gab es eine weitere Projektions-Fläche auf die immer wieder alte Fotos aus dem Leben der Goldgräber, schneebedeckte Berge und einen wolkenbedeckten Himmel zeigten.
    Im ersten Akt gab es dann den Saloon Minnies mit einer langen Bar im unteren und einem Billardtisch und einem Klavier im oberen Stockwerk. Eine steile Treppe diente als Verbindung beider Ebenen. Die Kostüme von Sue Willmington entsprachen der Zeit des Goldrausches und waren überwiegend in brauntönen gehalten. Die Kostüme von Minnie, Dick Johnson und Jack Rance waren farblich hiervon abgegrenzt.
    Im zweiten Akt stellte die obere Ebene das Dach von Minnies Hütte dar. Darüber waren düstere Wolkenprospekte aufgehängt. Erneut wurden je nach Stimmung Bilder auf die Leinwand im Hintergrung projiziert. Der Höhepunkt dieses Aktes war der Schneesturm. In einem wahrhaft hollywood-artigem Bild wehte der Schnee zunächst zur Türe hinein.
    Zum (Liebes-)Duett klappte die Hinterwand der Hütte nach hinten und die gesamte Bühne war voll mit Schneeflocken. Ein grossartiges, romantisches Bild, das genau der Stimmung der Musik in diesem Augenblick entsprach. Auch sehr überzeugend waren der Augenblick des herunter- tropfenden Blut und das nachfolgende Kartenduell zwischen Minnie und Jack Rance inszeniert.
    Der dritte Akt stellte offenbar den Eingang einer Goldmine dar. Die beiden Ebenen waren nun durch zahreiche Leitern verbunden, an denen die Goldgräber entsprechend ihrer Arbeit auf und ab stiegen. Leider wurde der Beginn dieses Aktes durch den völlig unsinnigen Einfall zerstört, die vordere Projektionsfläche erst sehr spät nach oben zu fahren und die Jagd auf Dick Johnson als projizierte alte Westernfilme darzustellen. Der Chor sang unsichtbar hinter der Leinwand auf der eine Art Treibjagd zu sehen war.
    Dieser Einfall war leider völlig daneben. Da ist Herrn Pountney wohl nichts mehr eingefallen ?!
    Musikalisch fällt es mir ein wenig schwer über diese Fanciulla zu urteilen. Wie gesagt kannte ich das Stück nicht besonders gut und die Musik der Oper ist völlig anders angelegt als etwa die von La Boheme. Es gibt kaum Arien und kaum Melodien zum mitsummen. Dafür hatte ich den Eindruck, dass Puccini in dieser Oper vielmehr mit Stimmungen arbeitete und so versuchte das Gefühlsleben der handelnden Figuren herauszuarbeiten. So wirkt diese Oper um vieles "kantiger", als die mir bisher bekannten Puccini Opern.
    Dirigent Massimo Zanetti dirigierte das hervorragende Orchester sehr präzise und transparent, gelegentlich hätte ich mir etwas mehr Spannung gewünscht.
    Als Minnie gab Emily Magee laut Besetzungszettel ihr Rollendebut. Mit schauspielerischem und stimmlichen Volleinsatz sang und spielte sie nach etwas nervösem Beginn eine mitreissende Minnie, deren grosse Stärken gerade vor allem in dramitischen Momenten des 2. lagen. Kleinere Schärfem ihres schönen, farbigen Sopran fielen dabei kaum ins Gewicht.
    Ebenfalls ein (spätes) Rollendebut gab Ruggiero Raimondi als Jack Rance. Natürlich musste ich feststellen, dass dieser Ausnahmekünstler, seine grösste Zeit mittlerweile hinter sich hat. Aber darstellerisch ist Raimondi nach wie vor ganz grosse Klasse und auch stimmlich enttäuschte er als autoritärer Sheriff nicht. Die Pokerpatie zwischen Minnie und Jack war derart packend gesungen und gespielt von Magee und Raimandi, dass man im gebannten Publikum eine Stecknadel fallen hätte hören können!!!!!
    Jose Cura hatte den Dick Johson scheinbar schon gesungen. Ehrlich gesagt - ich mag sein Timbre und seine Art zu singen nicht wirklich. Auch er warf sich aber mit ganzem Einsatz stimmlich und schauspielreisch in seine Rolle. Im zweiten Akt hatte ich den allerdings den Eindruck, dass er dabei etwas über das Ziel hinausschoss und sich ein wenig durch die Partie brüllte. Das berühmte Solo Ch`ella mi creda gelang ihm jedoch hervorragend, sodass ich seine Leistung durchaus als stimmig empfand und ich denke, dass ihm diese Partie wirklich gut liegt.
    Die zahlreichen Nebenrollen waren einmal mehr hervorragend besetzt, besonders gut gefielen mir Martin Zysset als Nick sowie die junge Bettina Schneebeli als Indianerin Wowkle.
    Wie gesagt, ist es mir auf Grund meiner Unkenntnis des Werkes nicht wirklich möglich über die musikalische Wiedergabe des Werkes zu urteilen. So gesehen war dieser Aufführungsbesuch erst mein Beginn der Beschäftigung mit diesem Werk ;) .
    Ich bedauerte ein wenig, dass es das Opernhaus nicht schaffte Übertitel für die Aufführung einzurichten. So entgingen mir leider insbesondere im ersten Akt einige textliche Feinheiten mit denen hier Puccini die verschiedenen Goldgräber als Individuen charakterisiert :( .
    Insgesamt war es eine tolle Aufführung, welche auch entsprechend vom begeisterten Publikum gefeiert wurde, in einem wunderbaren Opernhaus, welches (noch) die Bedürfnisse seines Publikums ernst nimmt. Zahlreiche Zuschauer waren wie ich extra aus Deutschland angereist, viele auch um endlich wieder eine völlig "normale", unverfremdete Opernaufführung zu erleben. Wie soll das werden, wenn hier ein gewisser Monsieur H aus Berlin das Ruder übernommen hat? Mutiert das Opernhaus Zürich dann auch zu solch einer grauenhaften Musik-Bühne für Opernbearbeitungen wie besagtes Berliner Theater?

    Liebe Grüße,
    Figarooo

  • ... Wie soll das werden, wenn hier ein gewisser Monsieur H aus Berlin das Ruder übernommen hat? Mutiert das Opernhaus Zürich dann auch zu solch einer grauenhaften Musik-Bühne für Opernbearbeitungen wie besagtes Berliner Theater?


    Eine interessante Frage. Aber ich glaube, dass Zürich in diesem Punkt nicht so stark gefährdet ist. Zürich bekommt nämlich relativ wenig Subventionen, sondern finanziert sich auch über private Mäzene und durch relativ hohe Eintrittspreise stärker über das Publikum. Kein Intendant kann es sich dort über einen längeren Zeitraum erlauben, gegen sein Publikum zu arbeiten, da dessen Ausbleiben sehr schnell seine Finanzen ins Schleudern brächte. Und das ist leider die einzige Sprache, die immer verstanden wird...


    :hello:

    Ciao


    Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!



  • WOLLEN WIR ES HOFFEN!!!!
    Ich glaube jedoch nicht daran. habe sehr grosse Zweifel.
    Bin auch sehr gern Gast im Opernhais Zürich und habe bis jetzt mich dort immer sehr wohlgefühlt.
    Und das sollte so bleiben.


    Rita