Bericht zum Großen Concert im Gewandhaus zu Leipzig am 11. 10. 2019, 20.00 Uhr

  • Bericht zum Großen Concert im Gewandhaus zu Leipzig am 11. 10. 2019, 20.00 Uhr


    Programm:


    Johannes Brahms:

    Konzert für Violine, Cello und Orchester a-moll op. 102

    Franz Schubert:

    Symphonie Nr. 8 C-dur D.944 („Große C-dur-Sinfonie“)


    Leonid Kavakos, Geige,

    Gautier Capucon, Violoncello,

    Gewandhausorchester
    Dirigent: Andris Nelsons



    Innerhalb des vollbesetzten Hauses saß ich gestern Abend zum ersten Mal im Gewandhaus, von der Saalarchitektur zu den rundlichen Typen mit stark ansteigendem Parkett gehörend, der Berliner Philharmonie mehr ähnelnd als meiner „Heimphilharmonie“ , der Kölner, aber das nur am Rande.

    Die Akustik empfand ich von meinem Platz aus in der 9. Reihe, Nr. 1 im Mittelparkett, als exzellent.


    Das Brahmssche Doppelkonzert hatte ich äußerst selten gehört, kann also wenig dazu sagen. Es war nicht ganz so groß besetzt wie die darauffolgende Schubert-Sinfonie.

    Das Orchester gestaltete die Tutti-Einleitung des Allegro-Kopfsatzes sogleich mit seinem homogenen Klang und dynamisch kontrastreich, bevor zunächst Gautier Capucon

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    den eröffnenden Cellopart mit seiner stupenden Technik souverän anschloss. Dem folgte Leonid Kavakos,

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    nicht minder souverän agierend. Beide Solisten hatte ich zuletzt in den letzten beiden Spielzeiten in der Kölner Philharmonie erlebt.

    Im Doppelkonzert ist, wie schon bei Brahms übrigen Instrumentalkonzerten (Violine, Klavier) die kunstvolle Synthese von Soloinstrumenten und Orchestersatz zu bewundern, sozusagen Symphonien mit obligatem Soloinstrument.

    Obwohl man bei dem Doppelkonzert, Brahms‘ letztem Orchesterwerk überhaupt, schon von Alterswerk spricht, ist immer noch die großen Sanglichkeit zu rühmen und insofern

    Auch auf das Programm abzustellen, dass zwei Großmeister des Liedes vereinigt. Bei Schubert kommt noch ein weiterer Grund hinzu, wie ich später noch erwähnen werde.

    Besonders im zweiten Satz, dem dreiteiligen Andante, ist diese Sanglichkeit im Hauptthema zu spüren, dass die Solisten immer wieder in parallelen Oktaven kunstvoll ausführten.

    Auch die Holzbläser, die ebenso wie die Blechbläser, natürlich auch die Streicher, auf höchstem internationalen Niveau spielen, trugen ihren sanglichen Choral im Mittelteil innig vor.

    Dem schlossen das Orchester den variierten Teil an und die Coda an.

    Solisten und Orchester schlossen das rondoartige Finale an, zunächst wieder in a-moll im Solocello beginnend und durchaus mit dramatischem Impetus. Hier tauchten auch die durchaus bei Brahms so beliebten ungarisch klingenden melodiebausteine noch einmal auf. Sie sind ja an vielen Stellen des Brahmsschen Oeuvres zu Hause.

    Nach rauschendem Beifall nach Ende der mitreißenden D-dur-Coda spielten die beiden Solisten noch eine ebenso mitreißende, teils virtuos gezupfte Zugabe.


    Nach der Pause gab es dann eine meiner absoluten Lieblings-Symphonien, Schuberts „Große C-dur“.

    Hierzu waren noch einmal zusätzliche Streicher, u. a. zwei Kontrabässe (nun insgesamt acht) und drei Posaunen aufgeboten.

    Trotz des nun knapp achtzigköpfigen Aufgebotes war die Transparenz nach wie vor frappierend.

    Andris Nelsons schlug ein durchaus nicht langsames Tempo an, und ich war gespannt, ob er alle Wiederholungen spielen würde, wie es 180 ½ Jahre zuvor, am 21. März 1839 an gleicher Stelle, bei der Uraufführung unter Leitung des damaligen Gewandhauskapellmeisters Felix Mendelssohn-Bartholdy geschehen war:

    Zitat von Ann-Katrin Zimmermann

    „ Die Leipziger Quellen belegen, mit welcher Sorgfalt und Expertise Mendelssohn zu Werke schritt und dass er die ungewohnt lange Symphonie ohne Kürzungen zur Aufführung brachte.“

    (Programmtext, Prof. Dr. Ann-Kathrin Zimmermann, Gewandhaus)

    Bald bestätigte sich anhand der prognostizierten Spielzeit von 55 Minuten meine Annahme, dass dem nicht so wäre, denn der erste Satz war nach 13 Minuten zu Ende. Zwei große italienische Schubert-Dirigenten Claudio Abbado, Chamber Orchestra of Europe 1988 und Riccardo Muti, Wiener Philharmoniker 1993, die gewiss nicht langsam dirigieren, brauchen für das gleiche Werk deutlich über 60 Minuten.

    Nelsons war nur im langsamen Satz, dem Andante con moto, mit knapp 17 Minuten, im Soll. Dabei war doch das Gewandhausorchester gestern Abend bestens aufgelegt. Ich bin überzeugt, es hätte gerne jede Note gespielt, die in der Partitur steht und sie auch wiederholt, wie es in der Partitur steht.

    Nicht allein aus diesem Grund war der langsame Satz denn auch ein Höhepunkt der gestrigen Aufführung, weil die dramatische Steigerung so wunderbar gelang und wirklich auch hier unter Beweis gestellt wurde, dass jede Note, die in der Partitur steht, auch notwendig ist.

    Ein weiterer Höhepunkt- in dieser Symphonie reiht sich wirklich jeder Höhepunkt an den nächsten, war das Scherzo, allegro vivace, das vollständig gespielt, auch bei hohem Tempo, an die 15 Minuten geht. Wie wunderbar spielte doch das Gewandhausorchester das himmlische Trio, was zum Schönsten und Berührendsten gehört, was die gesamte klassische Musik überhaupt enthält.

    Auch das rauschende Finale war nicht ganz komplett. Dazu hätte eine Wiederholung des Themas am Beginn des Finales gehört.

    Aber es ist, wie schon bei der Wiederholung des Hauptthemas im Kopfsatz der B-dur-Sonate. Auch da spielen die einen die Wiederholung, nicht, die andern doch. Gottseidank sind die Wiederholer in der Mehrzahl.

    Nicht, dass wir uns falsch verstehen, Nelsons hat gestern Abend großartig dirigiert. Es hätte ruhig alles sein können, was Schubert komponiert hat.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

    Einmal editiert, zuletzt von William B.A. ()

  • Mein Gegenprogramm (ist natürlich keine Kritik, die C-Dur von Schubert ist phantastisch) ist an diesem Wochenende die Essener Philharmonie und die Duisburger Mercator-Halle. Ich werde später über diese Konzerte und über eine Reihe anderer noch berichten.

    Gestern, Freitag: "Les arts florissants", Leitung und Tenor Paul Agnew, Werke von Orlando di Lasso und Gesualdo. 6 Sänger, großartige Kompositionen, standing ovations am Schluss (Essen) (28€).

    Heute, Samstag: Schütz, Psalmen Davids (Auswahl): Solisten (u.a. Dorothee Mields), Dresdner Kammerchor, Rademann ( Essen 28€)

    Morgen, Sonntag: Hana Blazikova und Kammerorchester (Werke aus dem 17.Jh.)

    Lieber William, natürlich kritisiere ich dein Wohnzimmer, die Kölner Philharmonie, nicht. Meins ist die Essener, einer schönsten Bauten in Deutschland, mit einer fabelhaften Akustik (das hat Herreweghe bestätigt). Da hört man noch ein unbegleitetes 6köpfiges Ensemble in der letzten Reihe.

    Ich denke doch, lieber William, dass du von Coesfeld schneller in Essen bist als in Köln:pfeif:. Du musst dann nur lernen, grundsätzlich im Zug zu schlafen.

    Nulla dies sine linea (nach wie vor gültige Römerweisheit)