Beiträge von Melomane

    Außer "Wildschütz", "Zar und Zimmermann" und "Martha" wird kaum etwas aufgeführt.

    Ich wage zu behaupten, dass auch die genannten drei Stücke heute kaum noch aufgeführt werden: In Berlin beispielsweise lief der letzte "Wildschütz" in den 80er Jahren, "Zar und Zimmermann" ging sowohl an der Staatsoper als auch der Deutschen Oper Ende der 90er aus dem Repertoire, "Martha" an der Deutschen Oper ebenfalls. In der laufenden Saison spielte die Staatsoper die "Lustigen Weiber" und diesem Unternehmen haftet schon der Geruch einer echten Ausgrabung an. Dass diese Werke nicht mehr gespielt werden hat den Grund, dass es eigentlich kaum noch Publikum für diese Stücke gibt. Das war vor 50 Jahren anders, da gehörten sie selbstverständlich zum Repertoire. Heute gehören andere Stücke selbstverständlich dazu. Auch der Repertoire-Kanon ist zu ein gewissen Maß dem Wandel unterworfen, die Gründe dafür sind vielfältig und vielschichtig.

    In aller Kürze der Turiddu:


    1. Beniamino Gigli auf der Aufnahme unter Mascagni selbst - keine originelle Wahl, dafür eine sehr gute...


    2. Mario del Monaco unter Tullio Serafin. Brutal, dabei aber nicht unemotional. Arme Santuzza!


    3. José Cura. In folgendem Video ist das Duett mit der damals noch ebenfalls wunderbaren Waltraud Meier ein absolutes Ereignis. Auch live habe ich ihn häufiger in der Partie erlebt, manchmal sang er am selben Abend auch noch den Canio.


    Den Titel habe ich Dir schon mit Reimanns "Medea" streitig gemacht, die außer mir scheinbar kein anderer Mitspieler kennt. :D

    Ich habe immerhin 2010 die Uraufführung des Werkes in Wien gesehen. Marlies Petersen hat ihre Sache damals außerordentlich gut gemacht, weshalb ich sie sehr gerne nominiere. Obwohl das Werk seitdem einige Male aufgeführt wurde, habe ich es seitdem nie wieder live gesehen, weshalb es für mich bei dieser einen Nominierung bleibt.

    Zu Saint Francois:


    An der Deutschen Oper Berlin erlebte ich damals Frode Olsen in der zwar szenisch nicht sehr dichten, aber musikalisch umso besseren Produktion und möchte ihn daher gerne nominieren. Seitdem habe ich das Stück leider nie wieder live erlebt, so dass es bei dieser einen Nominierung bleiben muss.

    Ein paar Rollen sind mal wieder nachzutragen:

    Nastassja Filippowna:

    1. Ludmila Slepneva - Sie war für mich in dieser Rolle so einzigartig, berührend und in der Erinnerung so unauslöschbar, dass ich sie hier als einzige Interpretin nennen möchte.

    Aida:

    1. Maria Callas - Die von "Stimmenliebhaber" angesprochene Studioaufnahme ist sicherlich sehr gut, aber der 51er Livemitschnitt aus Mexico City mit dem eingelegten hohen Es am Ende des Finales II ist eine meiner Aufnahmen für die einsame Insel. Unfassbar, wie sich del Monaco und sie gegenseitig zur Höchstleistung pushen.

    2. Montserrat Caballé - Die schönsten piani in dieser Partie singt sie auf der Muti-Aufnahme. Grandiose Bögen, grandiose Technik, grandiose Italianità!

    3. Julia Varady - Von den live erlebten Interpretinnen dieser Partie ist sie mir bis heute die liebste geblieben. Ihr apartes Timbre zeichnete die Figur wahrlich von königlicher Abstammung. Aristokratisch, aber trotzdem con passione.


    Poppea:

    1. Carmen Giannattasio - Sie erlebte ich 2006 an der Staatsoper Berlin in einer Inszenierung von David McVicar. Heute singt in einem ganz anderen Fach, aber damals war sie wunderbar. So bitchig hat man die Partie selten auf der Bühne erlebt, gleichzeitig wurde aufgrund ihres vokalen Charismas sehr deutlich, warum die Männer ihr reihenweise verfallen.

    2. Juanita Lascarro - War 2010 am Theater an der Wien in Robert Carsens glutvoller Inszenierung eine wirklich tolle Besetzung der Titelrolle. Etwas dezenter als Giannattasio, aber nicht minder nachhaltig. Dazu mit wundervollen Zwischentönen. Die seit vielen Jahren im Ensemble der Frankfurter Oper beheimatete Kolumbianerin machte viele Rollen, die sie verkörpert, zu einem Erlebnis.

    3. Sylvia McNair - Auf der Studioaufnahme unter Gardiner meine liebste Poppea auf CD. Man hat bei ihr nie das Gefühl, es mit einer ausschließlich durchtriebenen Figur zu tun zu haben, was allerdings keine Schwäche ist: Ihre menschlichen Zwischentöne machen ihre Interpretation sehr interessant.

    Carlo Bergonzi an der Deutschen Oper Berlin unter Herbert von Karajan

    Wie viele Vorstellungen von "Il trovatore" hat Karajan denn an der Deutschen Oper Berlin dirigiert? Ich war immer davon ausgegangen, dass er "nur" die Premierenserie dirigiert hat. Und hat in dieser Serie tatsächlich Bergonzi Vorstellungen gesungen? Premierenbesetzung war meines Wissens ja Bruno Prevedi.

    Nachtrag: Aber du kennst doch bestimmt den Canio und die Santuzza, oder? :D:hello:

    Ja, stell dir vor, die sind mir bekannt. Allerdings ist es bei mir so, dass ich an denjenigen Rollen, die in weiteren Beiträgen als dem, in dem sie vorgestellt werden, offensiv "beworben" werden, sehr schnell die Lust verliere. Somit sind jetzt Canio und Santuzza auf der Liste der noch abzuarbeitenden Rollen gerade ganz nach hinten gewandert. :hello:

    Zu Weinbergs "Passagierin" kann ich leider nichts beitragen, da das Stück bisher leider an mir vorbeigegangen ist. Im Gegensatz zu einem anderen Werk des Komponisten, dessen szenische Uraufführung ich 2013 am Nationaltheater Mannheim, nämlich "Der Idiot" nach dem gleichnamigen Dostojewskij-Roman. Die Produktion war ein riesiger Erfolg und wurde als "Uraufführung des Jahres" von der Zeitschrift Opernwelt ausgezeichnet. Inzwischen ist das Werk einige Male nachgespielt worden, zwar nicht so oft wie die "Passagierin", aber es besteht berechtigte Hoffnung, dass Weinberg über kurz oder lang seinen dauerhaften Platz im Repertoire finden wird. Ich nenne die männliche Hauptrolle des Fürsten Myschkin, eine umfangreiche Tenor-Partie, die von seinem Interpreten verlangt, die unfassbare Naivität der Figur und sein Suchen nach dem Glück deutlich zu transportieren.


    1. Dmitry Golovnin - Er verkörperte die Partie in der Mannheimer Uraufführung 2013 und sprang dabei sehr kurzfristig zu Probenbeginn für einen erkrankten Kollegen ein. Wie schnell sich Golovnin diese Partie zu eigen machte, war atemberaubend. Nicht nur, dass er sie mit seinem etwas stählernen, aber charakterstarken Tenor eindrücklich drang, er spielte sie auch mit beklemmender Unschuld. Gerade die Szenen mit Natassja Filippowna (ebenfalls großartig damals: Ludmila Slepneva) hatten eine große Dichte in der Darstellung. Auf diesem kurzen Trailer kann man ihn in der Partie hören und sehen:



    2. Zurab Zurabishvili - 2015 spielte das Theater Oldenburg das Werk in einer gegenüber der Mannheimer Produktion fast um eine Stunde gekürzten Fassung nach. In einer Inszenierung von Andrea Schwalbach verkörperte der georgische Tenor den Fürsten und tat dies vokal deutlich robuster als Golovnin in Mannheim. Trotzdem konnte Zurabishvili mit vollem vokalen Einsatz für sich einnehmen. Sein Fürst war männlicher und weniger jungenhaft, sein Schicksal aber deshalb nicht weniger tragisch. Hier ein Trailer der Oldenburger Produktion:



    3. Juhan Tralla - Aufgrund des großen Erfolges der Produktion nahm das Nationaltheater Mannheim das Stück mehrfach wieder auf. Auf diese Weise kam der ursprünglich für die Premiere vorgesehene und dann erkrankte estnische Tenor dazu, die Partie noch verkörpern zu können. Er sang sie von allen mir bekannten Interpreten am lyrischsten und überzeugte auch in der Darstellung, indem er die naive Seite des Fürsten betonte. Eine der Serien mit ihm wurde mitgeschnitten und auf folgender CD veröffentlicht. Wer das Werk nicht kennt, dem sei es dringend ans Herz gelegt, es lohnt wirklich sehr!


    Die Marelli-Inszenierung von "Pelléas" an der Deutschen Oper Berlin ist nicht schnell wieder verschwunden. Ich erlebte sie zuletzt 2015 (es war, so weit ich mich erinnere, die vierte Wiederaufnahme-Serie) und in einer der kommenden Spielzeiten ist eine Wiederaufnahme geplant.

    Weitere Rollen:

    Cavaradossi:


    1. Beniamino Gigli - Auf der Studioaufnahme unter de Fabritiis an der Seite von Maria Caniglia für mich bis heute unerreicht. Das am schönsten angesetzte "O dolci baci" geht sicherlich aufs Konto des Jahrhunderttenors. Aber auch fabelhaft tönende "Vittoria!"-Rufe kann man von ihm erleben. Diese Interpretation paart den Gestaltungswillen des 20. Jahrhunderts mit der Gesangstechnik der goldenen Ära.


    2. Franco Corelli - Es gibt sehr viele Mitschnitte mit ihm sowie die an anderer Stelle bereits genannte Studioaufnahme unter Lorin Maazel. Ich höre aber am liebsten einen Live-Mitschnitt aus Parma 1967, wo ihm alles gelingt, feinstes piano und sehr lange Bögen. Die Begeisterung des Publikums nach "E lucevan le stelle" war unglaublich, beim Anhören hat man Angst, das Theater würde vor Jubel zusammenbrechen.


    3. Neil Shicoff - Von allen Interpreten, die ich in dieser Rolle erlebte, der eindrücklichste. Die darstellerische Begabung des amerikanischen Tenors erlaubte ihm, in der Rollengestaltung Wege abseits der gängigen Klischees zu gehen. Sein Cavaradossi war nicht nur Idealist, sondern auf Eiferer und somit ein würdiger Antagonist für Scarpia.

    Carmen:


    1. Lily Djanel - Der Met-Mitschnitt aus dem Jahr 1942 unter Thomas Beecham gehört für mich aus verschiedenen Gründen zu denjenigen, die ich am liebsten höre. Die belgische Sängerin verweigert die auch schon damals gängigen Rollenklischees radikal und schafft eine Interpretation, die den unbedingten Freiheitswillen der Figur sinnlich erfahrbar macht. Dazu eine exzellente Sprachbehandlung in bester Tradition der Opéra comique.


    2. Regina Resnik - Weniger in der Studioaufnahme an der Seite von del Monaco als im Wiener Livemitschnitt unter Karajan. Sie stellt das archetypisch Weibliche in den Mittelpunkt ihrer Rollenauffassung und bringt auf diese Weise nicht nur José, sondern auch den einen oder anderen Zuhörer um den Verstand... Schade, dass diese Ausnahmesängerin heute fast vergessen ist. In meinen Augen eine der glaubwürdigsten Interpretationen.


    3. Agnes Baltsa, die ich noch häufig live als Carmen erlebte, behielt sich bis ins Alter in ihrer Darstellung das Maß an Natürlichkeit, was nötig ist, um die Partie verkörpern zu könne. Die Baltsa, so hatte man das Gefühl, spielte nicht Carmen, sondern war Carmen. Der stolze, aufrechte Gang, wenn sie in Josés Messer lief, ist von vielen anderen Interpretinnen kopiert worden, aber nie wieder erlebte ich die Schlussszene wieder so zwingend wie mit der Griechin.

    Heute nenne ich wieder einmal die Oper eines Komponisten, der bisher in diesem Spiel noch nicht vorgekommen ist: Diesmal ist es kein Werk aus dem 20. Jahrhundert, sondern die Titelpartie aus Michail Glinkas "Iwan Sussanin". Glinka wählte diesen Titel für sein Werk, kurz vor der Uraufführung trat jedoch der Zar mit dem Wunsch an den Komponisten heran, das Werk in "Ein Leben für den Zaren" umzubenennen. In letzter Zeit gab es Aufführungen unter dem einen oder dem anderen Titel, ich habe das Werk bei meinem einzigen Liveerlebnis unter "Iwan Sussanin" kennen gelernt.

    Die Titelpartie stellt an ihren Interpreten hohe Anforderungen, die Begeisterung für das Vaterland muss ebenso beglaubigt werden wie die Liebe zu Tochter und Adoptivsohn. Schöne Phrasen wechseln sich mit unbedingt mit Charakter und Inhalt zu füllenden Passagen ab. Auch über eine gehörige Portion Gewitztheit muss der Bauer, der zum Schluss die polnischen Truppen vom rechten Pfad abbringt und dafür mit seinem Leben bezahlen muss, verfügen.


    1. In den 50er Jahren nahm Decca eine Reihe russischer Opern mit dem Ensemble der Belgrader Oper auf. Eine der gelungensten Einspielungen dieser Serie ist "Iwan Sussanin", was nicht zuletzt am großartigen Titelinterpreten Miroslav Cangalovic liegt. Hier kommt neben seiner sonoren, aber dennoch biegsamen Bassstimme sein absoluter Gestaltungswille zur Wirkung. Dieser heute fast vergessene Sänger liefert das für mich unter dem Strich glaubwürdigste Portrait des späteren Nationalhelden ab. Die Aufnahme wurde von Decca kürzlich in der "Eloquence"-Reihe wieder aufgelegt:



    2. Boris Christoff darf natürlich nicht fehlen, wenn es um große Basspartien in russischen Opern geht. Auch von "Iwan Sussanin" existieren verschiedene Aufnahmen mit ihm, u. a. eine Studio-Aufnahme unter Igor Markevitch. Mir gefällt allerdings eine italienischsprachige Aufnahme, die für den italienischen Radiosender RAI entstanden ist am besten. Auch die übrige Besetzung kann sich mit Giuseppe Campora und Virginia Zeani mehr als nur hören lassen:



    3. Ich gebe zu, wirklich schlagend war die einzige Live-Produktion, die ich von dieser Oper je gesehen habe, nicht. 2015 wagte sich die Oper Frankfurt an das in Deutschland höchst selten aufgeführte Werk und schaffte die nostalgische Wiedervereinigung von Harry Kupfer mit seinem Bayreuther Wotan John Tomlinson - und das 27 Jahre nach ihrem Zusammenwirken auf dem grünen Hügel. Kupfers Regie war schon nicht mehr so virtuos wie von ihm gewohnt (auch die Verlegung in den zweiten Weltkrieg inklusive Soldatenballett war auch nicht sehr zwingend) und Tomlinson war vokal weit über den Zenit, aber eine Nominierung gibt es trotzdem, aus nostalgischen Gründen. Hier ein Trailer der von GMD Sebastian Weigle geleiteten Produktion:


    Und noch ein paar Nennungen:

    Medée:


    1. Maria Callas - Keine besonders originelle Nennung, aber, was sie an gestalterischen Registern im dritten Akt im Scala-Mitschnitt unter Leonard Bernstein zieht, dürfte im Bereich des Musiktheaters nur von ganz wenigen Interpret*innen erreicht worden sein. Schauderhaft anzuhören, trotzdem verliert man nie die Sympathie für die Figur. Kann Theater mehr erreichen?

    2. Inge Borkh - Der legendäre Berliner Mitschnitt aus dem Jahr 1958 in deutscher Sprache unter der Leitung von Vittorio Gui zeigt die Borkh auf dem Höhepunkt ihres Könnens. Eine "klassische" Tragödin alter Schule, bei der man jedes Wort, jede Silbe begierig aufsaugt auf der Suche nach der nächsten Nuance. Gemeinsam mit Suthaus als Jason ein stimmgewaltiges, beeindruckendes Paar.

    3. Nadja Stefanoff - Erlebte ich live in der Partie in Mainz und in Mannheim und sie bewährte sich in den beiden sehr unterschiedlichen Inszenierungen. Schlanker, drahtiger Klang und große darstellerische Verve zeichneten ihre Interpretation der Zauberin aus. Dass ihr in der Mittellage etwas die Üppigkeit fehlt - geschenkt. Eine durch und durch theatrale Interpretation - und genau das braucht diese Partie.

    Tatjana:


    Hier beschränke ich mich auf live erlebte Interpretinnen:


    1. Mirella Freni - Ihre späten Berliner Auftritte waren eines dieser Wunder, die sich immer mal wieder auf der Opernbühne ereignen. Obwohl schon über 60jährig ließ sie der Figur so viel mädchenhaften Charme angedeihen, dass sie viel jünger wirkte als viele ihrer Rollenkolleginnen. Und stimmlich noch immer wunderbar rund, mit dem typischen, unverwechselbaren "Freni-Klang". Nach der Briefarie wollte der Beifall nicht enden. Irgendwann zuckte sie mit den Schultern, setzte sich hin und weiter ging es.

    2. Asmik Grigorian - Noch vor dem Hype, den ihre "Salome" in Salzburg um sie ausgelöst hat, sang sie die Partie in Barrie Koskys Inszenierung an der Komischen Oper und tat das so beseelt, dass es mit Sicherheit auch an ihr lag, dass diese Produktion ein so riesiger Erfolg wurde. Sehr hohe darstellerische Kompetenz gepaart mit einem satten Mittellagen-Klang.

    3. Olesya Golovneva - In Dietrich Hilsdorfs etwas stranger Sicht auf das Werk an der Oper Köln gab sie eine Tajana, deren Schwärmerei an der Grenze zwischen Ent- und Verrücktheit angesiedelt war. Wunderbar abseitiges Rollenportrait frei von allen gängigen Klischees.

    Heute nenne ich eine Oper eines Komponisten, der bisher in diesem Spiel leider gar nicht vorgekommen ist, obwohl er zweifellos zu den wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts zählt. Es handelt sich um die Partie des Buchhändlers Michel aus Bohuslav Martinus Oper "Julietta". (Die literarische Vorlage ist ein Drama des französischen Dichters Georges Neveux und heißt "Juliette", was dazu führt, das uns die Oper manchmal auch unter diesem Titel begegnet.) Die Partie ist äußerst umfangreich und stellt hohe darstellerische und vokale Anforderungen an seinen Interpreten. Die Figur ist ein junger Buchhändler, der in eine Küstenstadt kommt, um die schöne Julietta zu finden. Alle Bewohner dieses Ortes haben jedoch hier Gedächtnis verloren. Michel gerät in surrealen Strudel, in dem Realität und Phantasie verschwimmen.


    1. Kurt Streit - Der einzige Interpret, den ich live in dieser Partie erlebt habe und zwar in der Frankfurter Inszenierung von Florentine Klepper, die auch für eine CD mitgeschnitten wurde. Streit bewältigte die enorme Textmenge mit der ihm eigenen durchdringenden Art (die Vorstellung fand in deutscher Sprache statt). Seine feine, gelegentlich distinguierte Art zu singen passte perfekt zu seinem Rollenprofil: Ein Intellektueller, der sich im Geflecht seiner eigenen Gedanken nicht mehr zurechtfindet.



    2. Auf der tschechischen Supraphon-Aufnahme unter Jaroslav Krombholc aus dem Jahr 1964 singt Ivo Zidek den Michel. Er legt die Partie weniger verkopft als Kurt Streit an, sondern beglaubigt vor allem seine Leidenschaft zur schönen Geliebten. Ich höre ihm sehr gerne zu, gerade auch weil ich das Timbre seines Tenors sehr gerne mag. Die Aufnahme ist vollständig bei YouTube abrufbar:



    3. An der Seite der damals noch jungen Eva-Maria Westbroek sang 2002 bei den Bregenzer Festspielen der österreichische Tenor Johannes Chum die Partie des Michel. Ich habe ihn in verschiedenen Partien an der Komischen Oper und an der Staatsoper Berlin live erlebt, da hat er mir selten gefallen. Als Michel macht er aber eine durchaus gute Figur. Das Unbeholfene, das seinem Singen immer so ein bisschen anhaftete, passt hier ziemlich gut. In keiner anderen Interpretation wird die Orientierungslosigkeit der Figur m E. so gut deutlich wie hier. Die ebenfalls deutschsprachige Aufführung ist auf CD erscheinen:



    Den Sacrpia in der Premiere 1969 sang Ingvar Wixell.

    Das ist mir sehr wohl bekannt, jedoch hat der User "Fiesco" nicht gesagt, dass er die Premiere gesehen hat. Und das Paar Tagliavini und Lorengar hat ja nicht nur die Premiere gesungen. Eine Verwechslung mit Fortune, der im Gegensatz zu Wixell tatsächlich kürzlich verstorben ist, scheint mir sie plausibelste Lösung.

    Nicht nur das Pilar Lorengar eine schöne bezaubernde Tosca war, auch Franco Tagliavini war ein hinreißender Cavaradossi, also ein Traumpaar, denn ich habe das Live gesehen :hail:, allerdings war der Scarpia der kürzlich verstorbene Giorgio Merigh!

    Mit Sicherheit nicht. Giorgio Merighi war ein Tenor, der den Cavaradossi in der Barlog-Inszenierung, von deren Premiere der angesprochene Mitschnitt stammt, über 50 Mal gesungen hat. Den Scarpia hat er hingegen mit großer Sicherheit nie gesungen. Möglicherweise liegt hier eine Verwechslung mit dem ebenfalls kürzlich verstorbenen George Fortune vor.

    Zu meiner heutigen Nennung inspirierte mich gestern - wenn auch sicher unfreiwillig - der User "La Roche". Es handelt sich um die Titelpartie in Enescus großartiger Oper "Oedipe", die in letzter Zeit auch an prominenten Orten wieder verstärkt aufgeführt wird. Letzten Sommer spielten die Salzburger Festspiele das Werk, für Mai 2021 plant die Komische Oper eine Neuinszenierung.


    1. Monte Pederson - Der leider viel zu früh verstorbene amerikanische Bariton verkörperte die Partie in einer zwischen der Wiener Staatsoper und der Deutschen Oper Berlin Mitte der 90er koproduzierten Inszenierung von Götz Friedrich. Er war ein sehr intensiver Darsteller, der aber auch vokal zu beeindrucken wusste. Im letzten Akt, der vielen als ein Fremdkörper erscheint, fand er für den nun erblindeten König auch ungewöhnlich zarte Töne. Eine CD der Wiener Aufführung unter Michael Gielen ist nach wie vor erhältlich:



    2. José van Dam - Die einzige Studioaufnahme des Werkes ist sehr prominent besetzt. Neben dem belgischen Bassbariton wirken u. a. Barbara Hendricks, Nicolai Gedda (in einer Altersrolle), Gabriel Bacquier und Brigitte Fassbaender mit. Es dirigiert Lawrence Foster, der die Götz-Friedrich-Inszenierung auch an der Deutschen Oper betreute. Van Dam singt den tragischen thebanischen König mit äußerster Noblesse, wenn ihm auch die Ausschläge eines Monte Pedersons etwas fehlen. Aber rein vokal ist das eine sehr lohnende Angelegenheit.



    3. Esa Ruuttunen - Der finnische Bassbariton, der eine Zeitlang einige Partien in Berlin sang und mir nicht in allen gefiel, übernahm die Produktion, als Pederson bereits zu krank war, um darin noch auftreten zu können. Als Oedipe habe ich ihn in guter Erinnerung, weil er da - im Gegensatz zum Holländer oder Jochanaan - sehr um vokale Differenzierung bemüht war. Auch darstellerisch fügte er sich gut ein, wenngleich die Produktion für einen ungleich extrovertierteren Darsteller geschaffen worden war. Als Oedipe ist er freilich nicht dokumentiert, aber hier kann man den Sänger mit einem Lied in seiner Muttersprache hören:


    Einige Rollen sind nachzutragen:

    Dido:


    1. Jessye Norman - Der große, divenhafte Klang, den die amerikanische Sopranistin auf der Aufnahme von Robert Leppard entfaltet, mag nicht jedermanns Sache sein, ich könnte ihr in dieser Partie aber stundenlang zuhören. Da klagt kein sitzengelassenes Mäuschen, sondern eine Frau in der Blüte ihrer Jahre und eine echte Königin. Wundervoll gesungen, wenn natürlich auch nicht mit dem schlanken Klang, den man heute von Interpretinnen alter Musik erwartet.


    2. Aurore Ugolin - häufig erlebt in Sasha Waltz' Kult-Inszenierung/Choreographie des Werkes. Neben dem optischen Overkill, den diese Produktion bot, ein vokaler Ruhepunkt, der der karthagischen Herrscherin vokale Majestät und Würde verlieh, während ihre große Leidenschaft parallel auch von einer Tänzerin dargestellt wurde.


    3. Paula Murrihy - Sie erlebte ich in der wunderbaren, mit "Herzog Blaubarts Burg" gekoppelten, Inszenierung von Barrie Kosky an der Oper Frankfurt. Eher ein unschuldiges Kind als eine große Herrscherin, aber die Inszenierung zielte sowieso mehr auf die emotionale Ebene ab. Und das transportiere die irische Sängerin, die sich der Rolle eher tastend-fragend, aber dennoch mit vokal sehr eindrücklichen Momenten, näherte sehr, sehr platisch.

    Judith:


    1. Herta Töpper - Die kürzlich verstorbene Mezzosopranistin brilliert auf der deutschsprachigen Gesamtaufnahme unter Ferenc Fricsay an der Seite von Dietrich Fischer-Dieskau. Dass man jedes Wort versteht, fördert natürlich die Identifikation mit der wahrscheinlich schuldlos in diese schwierige Lage gekommenen Frau enorm. Auch sonst eine Interpreten alter Schule mit vorbildlicher Phrasierung.


    2. Doris Soffel - Mit ihr lernte ich das Stück an der Deutschen Oper Berlin in einer Inszenierung von Götz Friedrich kennen. Sie schuf ein eindringliches Rollenportrait, bei dem, und das zeichnete sie eigentlich in allen Partien aus, Töne nie Selbstzeck, sondern immer Gestaltungsmittel waren. Darüber hinaus habe ich ihrer üppigen, in allen Lagen gut sitzenden Mezzostimme immer gerne zugehört.


    3. Claudia Mahnke - Diese tolle, von vielen leider unterschätzte, Sängerin erlebte ich in der oben angesprochenen Frankfurter Produktion an der Seite von Johannes Martin Kränzle. Obwohl es sich um eine Wiederaufnahme-Serie handelte, waren beide optimal aufeinander eingestellt und lieferten sich darstellisch von Stimmlich einen atemberaubenden Danse Macabre . Ein großer, erinnerungswürdiger Abend!

    Pentheus:


    1. Kostas Paskalis - Die Uraufführung der Oper (es handelte sich um eine Koproduktion der Deutschen Oper Berlin mit den Salzburger Festspielen) unter Christoph von Dohnányi ist durch einen Mitschnitt gut dokumentiert. An Paskalis gefällt mir, dass er unterschiedliche vokale Mittel zur Charakterisierung dieser tragischen Figur einsetzt: Als König tritt er zunächst vokal sehr autoritär auf, die Begenung mit Dionysos verändert auch seinen Gesang: Hier wird vieles schwebender, leiser, zurückgenommener. Eine Interpretation, die bis heute ihresgleichen sucht.


    2. Russell Braun - Der Kanadier verkörperte die Figur in zwei sehr unterschiedlichen Produktionen: Nämlich an der Oper Rom unter Stefan Soltesz und in Salzburg unter Kent Nagano. Beide Produktionen wurden auf Video aufgenommen. Was Brauns Interpretation für mich interessant macht, ist, dass er sich nie gehen lässt. Er versucht bis zum bitteren Ende vernuftsorientiert zu handeln, der Gang auf den Kytheron für ihn nicht Experiment, sondern unausweichlich, um seine Herrschaft zu legitimieren.


    3. Karsten Mewes - Legte in Frank Hilbrichs Mannheimer Inszenierung im Jahr 2015 eine intensive darstellerische Leistung hin. Nach vielen gesungenen Partien im Heldenbaritonfach klang er nicht mehr so jugendlich frisch wie manch anderer Interpret, aber verlangte sich in dieser Rolle auch vokal alles ab und war das unbestrittene Zentrum der Aufführung.

    Also ruhig weiter so, und wenn es 5 Teilnehmer gibt, die Lulu oder Cadillac für würdig finden, hier ihre Lieblingsinterpreten aufzuzählen, können einige auch davon lernen.

    Na ja, ich würde mal sagen, es würde wenig Sinn machen, eine Partie einzuführen, bei der derjenige, der sie nennt, nicht einmal drei Interpreten zusammenbekommt. "Lulu" und "Cardillac" hingegen sind keine Raritäten, beide Werke sind - egal was man als Einzelner von ihnen hält - unbestritten Klassiker der Moderne und jede der beiden Titelpartien wurden mittlerweile von über 100 Interpret*innen verkörpert. Daher dürfte es für den einen oder anderen Teilnehmer ja ohne weiteres möglich sein, hier seine Favoriten zu nennen und wenn nicht, dann halt nicht.


    Sicher hat melomane wieder einmal Recht. Aber was bringt es, wenn in einem Thread, der zu einer Art Ranking führt, Opern dominieren sollen, die keiner kennt und damit auch im Ranking der Interpreten keine Punkte vergeben werden?

    Darf man fragen, welche der bisher in diesem Thread genannten Opern "kein Mensch kennt"? So richtig Ausgefallenes ist mir bisher nicht untergekommen.

    Der Tristan wird von meiner Seite her noch eine Weile warten müssen. Zunächst nenne ich folgende, wichtige Rollen, die bisher zu wenig Beachtung gefunden haben:

    Schischkow:


    Für mich, der ich der tschechischen Sprache nicht mächtig in, eine Rolle, die vor allem auf der Bühne wirkt, deshalb nur live erlebte Interpreten:


    1. Pavlo Hunka - Ihn erlebte ich unter Simon Rattle in der Chéreau-Inszenierung im Schiller-Theater. Die Verzweiflung der Figur kam auf eine sehr menschliche und dadurch auch berührende Art und Weise herüber. Die lange Erzählung meisterte er so, dass man gebannt zuhörte. Auch seine Mimik habe ich als sehr eindrücklich in Erinnerung.


    2. Brian Davis - Ihn erlebte ich 2011 in einer Wiederaufnahme der 2009 mit dem FAUST-Preis ausgezeichneten Inszenierung von Barrie Kosky an der Staatsoper Hannover. In dieser Produktion stand weniger das leidende Individuum im Mittelpunkt als ein Kollektiv, dem jede Individualität abhanden gekommen ist. Davis gelang mit seiner dezenten Darstellung die interessante Gradwanderung, einerseits in Rahmen des Konzeptes zu agieren, andererseits mit der langen Erzählung dennoch auf sich aufmerksam zu machen und zu fesseln.


    3. Gerd Grochowski - Auch den so plötzlich verstorbenen intensiven Darsteller erlebte ich in der Chéreau-Inszenierung, allerdings schon 2007 unter Pierre Boulez in Amsterdam. Auch er lieferte ein fabelhaftes Rollenportrait ab, allerdings empfand ich ihn damals nicht so eindrücklich wie Hunka später, da seiner Darstellung für meinen Geschmack zu viel Wahnsinn und zu wenig Menschlichkeit innewohnte. Trotzdem war es virtuos und beeindruckend.

    Bertarido:


    1. Maureen Forrester - Die Verfechter der reinen Lehre müssen hier ganz stark sein, aber ich finde diese Interpretation in der Priestman-Aufnahme aus den 60ern fesselnd, weil sie in sich stimmig und dramaturgisch nachvollziehbar ist. Sie zeigt sowohl die empfindsame Seite als auch die kämpferisch-rücksichtslose der Figur. Auch rein vokal eine Freude, wenn auch an einigen Stellen etwas dick aufgetragen.


    2. Andreas Scholl - Ihn erlebte ich noch letztes Jahr live in der Partie an der Oper Frankfurt. Natürlich weit über den vokalen Zenit und mit wenig Volumen, aber gestalterisch immer noch große Klasse. "Dove sei, amato bene" macht ihm in seiner entrückten Art und Weise so schnell keiner nach. Den nötigen Wumms für "Vivi, tiranno!" hatte er natürlich nicht mehr. Wer will, kann aber natürlich zu der Video-Aufzeichnung unter William Christie greifen. Damals (vor 22 Jahren!) war er stimmlich noch voll im Saft.


    3. Marjana Mijanovic - Singt das wirklich sehr gut auf der Studio-Aufnahme unter Alan Curtis, ist mir aber eine Spur zu larmoyant, so dass die Zwiespältigkeit der Figur meines Erachtens etwas zu sehr auf der Strecke bleibt. Aber toll gesungen ist es trotzdem, üppig und trotzdem den Anforderungen einer "modern-historischen" Interpretation entsprechend.

    Ich persönlich finde es, wenn hier zu einer Rolle von nur zwei verschiedenen Mitspielern interessante Beiträge geliefert werden, wesentlich interessanter als wenn von zehn nur irgendwelche Namen hingeworfen werden. Auch hier, finde ich, geht Qualität vor Quantität. Und wenn man auf diese Weise auf eine nicht bekannte Oper oder Rolle stößt, was kann dieses Spiel mehr erreichen?

    Heute nenne ich eine der wichtigsten Partien der klassischen Moderne, eine Partie, die für einen echten Sängerdarsteller geradezu prädestiniert ist, nämlich die Titelpartie in Hindemiths "Cardillac". Das Stück hatte lange Zeit seinen festen Platz im Repertoire, verschwand dann aber für einige Jahrzehnte mehr oder weniger von der Bildfläche. In letzter Zeit gab es wieder vermehrt Produktionen an großen Opernhäusern (Wien, Antwerpen/Gent), so dass zu hoffen ist, dass dieses aufwühlende Werk wieder die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient hat.


    1. Dietrich Fischer-Dieskau - Die berühmte Studioaufnahme unter Joseph Keilberth (eine der letzten Einspielungen des großen Dirigenten vor seinem plötzlichen Tod) ist für mich immer noch eine der dichtesten Interpretationen des Stoffes. Glücklicherweise wird auf die straffe Urfassung von 1926 zurückgegriffen. Fischer-Dieskau legt die Figur sehr hintergründig an, es ist beinahe eine Studie, warum jemand zum Täter wird und ist damit seiner Wozzeck-Interpretation nicht unähnlich. Das Spiel mit dem Text lohnt das Anhören sehr, die Partner (u.a. Leonie Kirschstein, Elisabeth Söderström, Karl Christian Kohn und Donald Grobe) sind auch sehr gut anzuhören.


    4777359.jpg

    https://www.amazon.de/Cardilla…ith&qid=1587890989&sr=8-4


    2. Thomas Berau - Ihn erlebte ich im letzten Dezember am Theater Hagen in einer interessanten Inszenierung von Jochen Biganzoni, die einen zweifelnden, schamanenhaften Performance-Künstler ins Zentrum rückte. Eine durchaus ambitionierte Sicht auf das Werk (für Hagen vielleicht etwas zu ambitioniert), der sich das langjährige Ensemblemitglied des Mannheimer Nationaltheaters mit Haut und Haaren verschrieb. Auch stimmlich sehr souverän, ein eindeutiger Beweis dafür, welche Kräfte das deutsche Ensemble- und Repertoiretheater in sich bündelt. Das Theater Hagen hat einen Mitschnitt der Generalprobe für eine Woche auf seiner Homepage zugänglich gemacht (inklusive Werkeinführung des Intendanten), ich weiß nicht, wie die Produktion auf Video wirkt, live habe ich sie mir damals gerne angesehen:



    3. Tomasz Konieczny - Ihn erlebte ich 2015 an der Wiener Staatsoper live, eine sehr wilde, nicht sehr feinsinnige, aber durchaus intensive Interpretation des mörderischen Goldschmieds. Die Inszenierung (Bechtolf) war ursprünglich für einen anderen Darsteller (Uusitalo) konzipiert worden (damals sang der polnische Bariton noch den Goldhändler), durch die ihm eigene darstellerische Prägnanz eignete er sich das aber sehr gut an und schuf ein packendes Rollenportrait. Hier ein kurzer Trailer der Premierenserie, wo man ihn noch in der anderen Partie sieht: