Beiträge von Leiermann

    Entschiedener Widerspruch! Wenn ich in die Oper gehe, um Carmen zu sehen, will ich Carmen sehen und nicht ein Gebilde, welches die vom Feminismus und dem woken Zeitgeist, MeToo usw. angehauchte Regisseurin wie in Münster daraus gemacht hat, weil sie meint, das "Original" könne man dem heutigen Publikum nicht mehr zumuten, sondern müsse ein neues Stück schreiben, was ihren eigenen Vorstellungen und denen des woken Zeitgeistes von heute entspricht. Dann sagst Du: Solche Einwände sind gegenstandslos, mich interessiert nicht, wo die Geschichte herkommt und ironisierst meine berechtigte Erwartung als sinnfrei, dass ich gerne "Carmen" erleben möchte mit der Aussage von Carmen, also was Bizets Stück mir eigentlich sagen will.

    Ich wollte dich nicht ironisieren. Dass du erwartest, "Carmen" zu sehen, ist dein gutes Recht. Mein "sinnfrei" bezog sich auf etwas Anderes. Und ich habe auch nicht gesagt, dass ich ein solches "Gebilde", wie du es gesehen hast, gut fände. Ich kann mich darüber schlicht nicht äußern.

    „Weinende Frau“ sollte doch nicht Dora Maar, sondern eine weinende Frau darstellen, nicht war? Das ist dann nicht genau, was ich unter einem Porträt hier meinte. Beim porträtieren einer Person soll der Maler sich mit dieser Person beschäftigen und diese darstellen und zwar so, wie er die sieht, und in seinem eigenen Still. Ich persönlich akzeptiere dabei, dass es zwei Striche auf der Leinwand werden können oder ein realistisches Bildnis. Das gleiche erwarte ich von einem Regisseur. Er soll sich mit der Musik und dem Libretto beschäftigen, sich mit den Gedanken des Autors auseinandersetzen und diese im seinem Still und Interpretation präsentieren und nicht mit seinen eigenen (Geschichtlichen, Gedanken etc.) ersetzen. Mir geht „Griselda“ in Wuppertal nicht aus dem Kopf. Schon im Foyer wurde erzählt, dass die Junge Regisseurin so eine Geschichte nicht erzählen wollte… (In den Müll mit Boccaccio!) Dann soll sie diese auch nicht inszenieren! Es ist nicht ihre Aufgabe neue Geschichten zu schreiben!
    Die Rolle des Regisseurs ist per se untergeordnet, was allerdings nicht bedeutet, dass die unwichtig ist.

    Danke. Ich denke, dass ich deine Ansicht verstehe (und hatte mich ja eh nur eingebracht wegen deines Begriffs "Originalwerk").


    Und da wir schon beim fröhlichen Rausposaunen von Meinungen zum Thema sind: Ich halte überhaupt nichts davon, etwas von Regisseuren zu erwarten. Wenn ich in die Oper gehe, lasse ich möglichst alle Erwartungen an der Garderobe und hoffe einfach darauf, dass das Theater mich auf möglichst vielen "Ebenen" bewegt oder sogar aufwühlt und "nachhallt". Wo die "Geschichte" herkommt, interessiert mich nicht, wenn sie gut ist. Und noch weniger interessiert mich, was man einem toten Komponisten resp. Librettisten spekulativ in den Mund legen könnte in der hypothetischen und sinnfreien Annahme, er wäre Zeuge des Abends gewesen.

    Die NDR Big Band versucht sich an Frank Zappa. Sie macht das gar nicht schlecht. Ein paar leichte rhythmische Schwächen bei Peaches en Regalia (Zappa hätte das natürlich nie durchgehen lassen ;)) und einen etwas zu wenig engagierten Schlagzeuger (bis auf eine Stelle). Aber Hut ab! Als alter Fan der WDR Big Band stelle ich fest, die Norddeutschen können es auch :) und ein schönes Arrangement!


    Danke fürs Posten!

    Ich höre das ähnlich wie du: Insbesondere rhythmisch hätte ich mir etwas mehr zappaeske "Offensive" gewünscht (die Schwächen habe ich nicht wahrgenommen, habe aber auch nicht ganz konzentriert zuhören können).

    Wenn du das magst: Es gibt einen ausführlicheren Gig vom Moers-Festival 2004 auf CD - allerdings ohne Mike Keneally:

    https://www.babyblaue-seiten.de/album_19382.html

    Weswegen die Originalhandschriften ja auch so extrem billig verscherbelt werden ... irgendwas ist da doch anders.

    Ist die Frage, was du meinst. Ich habe kürzlich irgendwo im Forum geschrieben, dass Partituren für mich eigenständige Kunstwerke sind. Und "Originalhandschriften" sind in diesem Sinne vielleicht vergleichbar mit einem Original von Picasso, von welchem es massenhaft billige Kopien zu kaufen gibt - aber das Original ist zurecht unbezahlbar. Beethovens Autograph der 9. Sinfonie ist ein kultureller Schatz, der selbstverständlich nicht "verscherbelt" gehört.

    Aber die Notation einer Komposition ist eben keine Musik. Erst im Zuge einer künstlerischen Interpretation, einer musikalischen Aufführung, wird sie zum "klingenden Werk" transformiert, also zu etwas, das sie vorher von ihrer reinen Beschaffenheit her überhaupt nicht war. Und "Originalmusik" muss doch dem Wort und Sinn nach etwas "Klingendes" sein.

    Die Freiheit des Künstlers endet dort, wo Freiheit des anderen beginnt… Regisseure oder Musiker sind Interpreten, und sind deswegen durch das Originalwerk zu gewissem Grad eingeschränkt. Wie ein porträtist durch sein Model es ist.

    Ich denke, dass dein Begriff "Originalwerk" hier nicht passt. Ein Modell ist zweifellos kein solches, sondern erst das Bild des Malers. Dazu würde ich gerne mal Gedanken von Picasso hören (wieviel Dora Maar steckt in "Die weinende Frau"?).

    Der "Urtext" einer Komposition kann zwar womöglich als "Originalwerk" bezeichnet werden (ich wäre da vorsichtig), aber lediglich mit Blick auf mögliche Kopien oder Varianten davon - also weitere Niederschriften bzw. Abschriften. Die Niederschrift z.B. einer Oper ist nämlich definitiv keine Musik und definitiv kein Theater. Es ist also nicht das "Werk", das wir in der Regel rezipieren. Das "Originalwerk" einer Oper wäre immer die jeweilige Aufführung, ansonsten bekäme niemand jemals eine Oper zu Gesicht und Gehör. Und wenn man das zu Ende denkt, kann man sich das mit dem "Original" dann auch sparen.

    Das sind wohltuend bodenständige, der Realität verpflichtete Überlegungen. Aufführende Interpretation von Libretti und Partituren bedeutet immer Transformation von einer Kunstform (dass es sich bei Libretti und Partituren um eigenständige Kunstwerke handelt, steht für mich felsenfest) in eine andere Kunstform. Und bei Oper ist das Ganze in der Tat höchst komplex und bedarf ganz offensichtlich kreativ-gestalterischer Kräfte.

    Ich selbst lehne u.a. deswegen nicht nur mit Blick auf die Oper den Gedanken ab, die an Kunstaufführungen Beteiligten seien "Diener" - wohlwissend, dass es nicht nur berühmte Komponisten gibt und gab, die sich in dieser Richtung geäußert haben (aus ihrer Sicht zumindest ansatzweise nachvollziehbar), sondern auch Interpreten selbst, die damit eine vordergründig besonders integere, demütige Haltung demonstrieren. Meine eigene Klavierprofessorin hat auch so gesprochen.

    Aber das greift m.E. daneben. Igor Levit hat das irgendwo in seinem Podcast zu den Beethoven-Sonaten klar ausgesprochen: Der Interpret ist realistischerweise sein eigener Herr. Das hat überhaupt nichts mit Hybris zu tun, sondern kann ganz nüchtern mit Blick auf das Wesen der Dinge festgehalten werden. Der Interpret ist es, der abstrakte Schriftzeichen erst zu musikalischem Leben erweckt. Er selbst ist damit auch schöpferisch tätig. Schöpferisch deshalb, weil er Neues schafft: nämlich die eine, unwiederholbare, transitorische, auf unmittelbaren künstlerischen "Sinn" abzielende Aufführung, die es ohne ihn nicht geben würde.

    Bezüglich der Oper handelt es sich um ein sehr großes Kollektiv von Interpreten, das der komplexeren Organisation und Abstimmung bedarf. Aber jeder Sänger, der da den Mund aufmacht, interpretiert seine Rolle notwendigerweise immer auch selbst - was kein Widerspruch dazu ist, dass er sich dennoch in ein Konzept einfügt. Und jeder Regisseur, selbst wenn sich dieser als "Diener" eines "Originals" oder des "eigentlichen Werkes" verstehen sollte (was ich aus oben genannten Gründen für unsinnig halte), muss auf jeden Fall mehr und etwas wesentlich Anderes tun, als nach "Bauanleitung" vorzugehen. Wir haben hier nämlich keine "Bauanleitung", deren handwerkliche Umsetzung ein tragfähiges "Gebäude" ergeben würde.

    So dämlich ist die Frage nicht. ^^ Goethes Gedanke der Urpflanze, wonach sich alles aus einem Keim entwickelt, der aus dem Neuplatonismus stammt (griech. spermatikoi logoi), bestimmte auch Schönberg und Anton Webern. (Das habe ich in meinem Aufsatz über die Schöpfung aus dem Nichts dargestellt.) Insofern müssten ihm Schönberg und Webern gefallen haben können. :)

    Danke für die unerwartete Antwort!!! ^^

    Auf die Urpflanze und den Neuplatonismus als verbindendem Aspekt wäre ich überhaupt nicht gekommen. :thumbup:

    Aber die Frage war auch abgesehen davon kein bloßer Quatsch für mich. Einerseits dachte ich: Wenn man einen wirklichen Musik"revolutionär" benennen müsste, wer außer Schönberg sollte das sonst sein? Und "Revolutionär" passt vordergründig nicht zu Goethes Selbstverständnis.

    Andererseits: Schönberg kannte die "Gesetze" seiner zeitgenössischen Musik wie kaum jemand anderes, er konnte sie sogar auf höchstem künstlerischen Niveau selbst "anwenden". Und er hat vor diesem Hintergrund dann um neue "Regeln" gerungen bzw. sie dann auch gefunden. Zudem hat er diese Regeln derart ästhetisch begründet und reflektiert, dass er sie (jetzt wird's für mich heikel) als etwas "Natürliches" auffassen konnte, auch im Sinne einer Weiterentwicklung (im Sinne einer "Weiterbildung"?) abendländischer Musik (ich weiß nicht, ob er das selbst so gesehen hätte). Ich wäre gespannt, ob du, Holger, vielleicht sagen kannst, ob Schönbergs Neuplatonismus für ihn solche Gedanken zugelassen hat. Denn wenn wir schon bei "Urpflanze" und Goethe sind: Ein Lieblingsbegriff Goethes war ja der der (organischen) "Bildung".

    Ich sehe also mit Blick auf Goethe erstmal nichts grundsätzlich "Trennendes" („Wahre Kunst erkennt man daran, daß sie ihre Gesetze in sich selbst trägt“, Gespräche mit Eckermann, 25. Februar 1824).

    Sein pantheistisches (mitunter auch neuplatonisches) Weltbild hat sich innerhalb einer natürlichen Ordnung der Dinge bewegt. Die Revoulution war ihm ja zuwider und ein großer Teil seines Werks hat mit deren Bewältigung gerungen. Das führte mitunter auch zu kuriosen Fehleinschätzungen (Farbenlehre, auch war ein Anhänger der 'Neptunisten' und gegen die "Plutonisten"!).


    Auf den ersten Blick ist das ja weit weg von der Musik, die hier doch eigentlich im Vordergrund stehen müsste, aber JWGs Einfluss ist doch beispielhaft und zumeist auch überraschend, deswegen mag dieser kurze Bilck auf ihn von Nutzen sein. Interessant finde ich aber vor allem, dass er als Künstler dann herausragend war, wenn er jedes Regelwerk hinter sich gelassen hat und Dinge geschaffen hat, die es in dieser Form vorher nicht gegeben hat. Darin liegt seine außerordentliche Leistung, die mich immer wieder von Neuem in Erstaunen setzt, wenn ich mich mit ihm auseinandersetze.


    So wundert es mich auch nicht, dass Du da viele spannende Zitate gefunden hast! Man findet ja fast zum allem was bei ihm, und niemals ist es beliebig oder nichtssagend.

    Wirklich schön, das hier mit jemandem wie dir teilen zu können. Ich weiß noch, dass du mich bei Goethe auch mal zurückgepfiffen hast, als es um "Schicksal" und "Geschick" ging. ;)

    Ich überlege, ob die Bemerkung über den ignoranten "Neptunisten" Goethe, der ja z.B. im "Faust" eindrucksvolle Spuren hinterlassen hat, auch über sein künstlerisches Selbstverständnis Auskunft geben könnte. Jedenfalls war Goethe ja entschiedener Gegner von gewaltsamen "Brüchen" und entsprechend denke ich arbeitshypothetisch, dass er seine eigenen "Regelbrüche" gar nicht als solche betrachtet haben dürfte.

    Und genau: Ich selbst finde sein Vermögen, wirklich gänzlich Neues auf höchstem Niveau zu schaffen, ebenfalls atemberaubend. Was vor dem Hintergrund des zuvor Gesagten (er als Neptunist und Anti-Revolutionär) in einem gewissen Spannungsverhältnis steht.

    Um sehr gewollt auf die Musik zu kommen: Ich frage mich, ob Goethe von Schönberg wirklich entsetzt gewesen wäre. Und fürs Protokoll: Natürlich erwarte ich nicht, dass sich jemand sonst mit dieser dämlichen Frage beschäftigt. :P

    Und auch allein bei Goethe müsste man jetzt genau gucken: Von welcher Art von Regeln spricht er? Wer "macht" sie? Und wann? Inwiefern hat sich sein Verständnis davon im Laufe seines Lebens ev. auch geändert?

    Ich meine (und weiß es so aus dem Stand ausdrücklich nicht), dass er (mindestens nach dem Sturm und Drang) so etwas wie sich in der jeweiligen künstlerischen "Sache" oder "Beschäftigung" aufscheinende Regeln befürwortet. Und dass er z.B. mit Regelpoetiken gar nichts anfangen kann. Dass er aber auch (durchgehend?) den Anspruch verfolgt hat, die Regelhaftigkeit "großer Kunst" als eine Voraussetzung für sein Schaffen verinnerlicht haben zu müssen. Regellosigkeit dürfte jedenfalls seinem Charakter und Weltverständnis überhaupt nicht entsprochen haben, dafür gibt es ja viele Belege - das war für ihn ein Horror.


    Edit: Ich habe mal spaßeshalber ChatGTP Folgendes beantworten lassen: "Stelle mir so viele Zitate wie möglich zusammen, in denen J. W. Goethe sich über ästhetische / künstlerische Regeln äußert. Berücksichtige dabei auch Zitate, in denen statt dem Begriff "Regel" oder "Regeln" synonym verwendete Wörter wie z.B. "Gesetz" u. Ä. vorkommen."


    Das Ergebnis ist zumindest für mich faszinierend - und ehrlich gesagt auch wunderschön. Natürlich werde ich an Sachen erinnert, die ich schon mal wusste oder gelesen hatte. Aber im Gesamtüberblick bietet sich mir eine Sammlung von Äußerungen, die (war eigentlich ja klar) Regeln im positiven Sinne als etwas "Natürliches" propagieren und Regeln im Sinne einer künstlichen Vorgabe entsprechend ablehnen. Dem schaffenden (genialen) Künstler muss das aber noch nicht einmal selbst bewusst sein. Es gibt da auch paradoxe Bonmots von Goethe, die eine vertiefende Beschäftigung echt zum lehrreichen Vergnügen machen können.

    Bist Du da sicher? Ich wollte auf Unterschiede in den Reflexionen des Künstlers zu philosophischen Reflexionen über Ästhetik wie zum Beispiel in Kants Kritik der Urteilskraft oder Hegels Vorlesungen über Ästhetik hinweisen. Das habe ich zumindest mit philosophischer Ästhetik gemeint.


    Auch hier bin ich mir nicht sicher. Wolfgang Rihm wehrt(e) sich strikt gegen Einordnungen. Auch die paar Komponisten, die ich kannte/kenne, hätten an einer philosophischen Begründung ihrer Tätigkeit kein Interesse.


    Mein Eindruck ist eher, dass sich die Komponisten nicht selten durch bildende Künstler inspirieren lassen (Feldman, Cage) und weniger durch Philosophie. Rihm ist ein Musiker, für den die Sprache eine große Bedeutung hatte

    Ich kann deine Einwände verstehen. Im Gegensatz zu Holgers Aussage: "Es gibt nämlich schlechterdings keine von den Reflexionen des Künstlers unabhängige philosophische Ästhetik." Inwiefern Holger angesichts von Kant, Hegel u.a. eine ausnahmslos gültige Abhängigkeit sieht, müsste m.E. nachvollziehbar dargelegt werden.

    Und auch ich bin immer wieder auf Künstleraussagen gestoßen, die an philosophischer Ästhetik (zumindest vordergründig) uninteressiert schienen oder sogar grundsätzlich ablehnend waren. Was für mich wiederum unschwer zu verstehen scheint. :)


    astewes: Genau das. :thumbup:

    Unterkomplex ist letztlich auch die einseitige Fixierung auf den produktionsästhetischen Gesichtspunkt (die "Künstlerproblematik") und die vollständige Nichtberücksichtigung der rezeptionsäthetischen Seite. Wenn ich ein Sonnett von Gryphius lese, interessiert mich als Leser schlechterdings nicht, wie konventionell das ist, wenn der Künstler hier die Sonnettform benutzt und/oder wie frei oder unfrei er sich dabei gefühlt hat. Was ich an so einem Gryphius-Gedicht schätze, ist die vollkommene Einheit von Form und Inhalt, dass genau das, was Gryphius sagen will und wie er es sagen will, in der Sonnett-Form zum Ausdruck kommt. Das und nur das beeindruckt mich.

    Klar, ist auch ein Aspekt. Ich selbst stieg in eine "Regel-Diskussion" ein, deshalb war für mich klar, dass ich mich zunächst auf diejenigen beziehe, welche die "Regeln" anwenden (oder auch verändern). Aber natürlich sollte man die Rezeptionsästhetik einbeziehen, wenn man das Thema entsprechend weiter fasst. Dann mal zu.


    Auch bei der "Künstlerproblematik" haben wir ja bislang - wie sollte es hier auch anders sein - winzige Teilaspekte ausgeführt. Hier fehlen mir bislang sehr die Aspekte von Intuition und Spiel, um das "Regel"-Dings nicht überzubetonen.


    Einen Tipp für an Ästhetik Interessierte hätte ich noch, nachdem Holger zuvor zurecht mal in den Blickpunkt rückte, dass die philosophische Ästhetik als Teilbereich der Philosophie eine vergleichsweise junge Geschichte und eine zudem etwas "wacklige" Basis hat und sich u.a. deshalb mit vielen anderen Bereichen, in denen Kunst und Ästhetik eine Rolle spielen, im Austausch befindet (darunter sind nicht nur, aber auch andere Teilbereiche der Philosophie): Man kann dies knapp und verständlich zusammengefasst in der Einleitung des noch relativ neuen "Handbuch Philosophische Ästhetik Bd.1 - Philosophie und Ästhetik" von Briesen / Demmerling / Schmalzried (Hg.) nachlesen (Basel 2025). Das Buch, welches aus meiner Sicht sowohl für Laien als auch (angehende) Experten geeignet ist, ist dann in folgende vier Teile gegliedert:


    1. Ästhetische Eigenschaften

    2. Ästhetische Objekte

    3. Ästhetische Erfahrung

    4. Das Schöne, das Gute und das Wahre


    Die Herausgeber haben den Anspruch, die wichtigsten Teilaspekte der Ästhetik auf gegenwärtigem Stand darzulegen. Die unterschiedlichen Autoren greifen in diesem Zuge aber immer wieder auch auf historische Positionen und Entwicklungen zurück.

    Ich bin mittlerweile etwas müde, allen diesen Kapriolen zu folgen. Am Ende scheinen wir doch sehr Ähnliches zu meinen. Wenn das Anwenden ästhetischer Regeln (Konventionen finde ich wirklich besser!) am Ende im schöpferichen Wandlungsspielraum endet, denken wir wahrscheinlich ziemlich ähnlich. Damit endet für mich die Diskussion hier.

    Für dich vielleicht... :evil::)


    Ich fand die "Regel-Diskussion" zunächst ja so unterkomplex, dass ich mich genau deswegen erst an der Diskussion beteiligt habe. Und angesichts der Beispiele und Überlegungen, die bislang angeführt wurden, möchte ich gerne einmal anführen, dass erstens der künstlerische Umgang mit Regeln und Konventionen aus kunsthistorischer Sicht so vielfältig ist, dass ich fast sagen möchte: Es gibt ja so gut wie nichts, was es nicht schon gab. Vom intuitiven, rauschhaften Schaffen ohne wirklich substanzielle ästhetische Reflexion der eigenen Mittel bis hin zur höchst differenzierten Auseinandersetzung damit im jeweils zeitgenössischen Kontext. Vom Sicheinfügen in die Tradition mit ihren noch wirksamen Konventionen bis hin zur Rebellion, dem Traditionsbruch und in Ausnahmefällen auch der künstlerischen "Revolution".

    Zweitens: Auch die Äußerungen von Künstlern über Regeln und Konventionen, über ästhetische Theorien ergeben ein vielschichtiges, heterogenes Stimmengewirr von schroffer Ablehnung bis hin zu normativ formulierten Gedanken.

    Drittens: Die Begriffe 'Regel' und 'Konvention' müsste man ebenfalls sehr differenziert betrachten, denn sie sind je nach Kontext von beträchtlicher Bedeutungsvarianz. Wenn eine Künstlergruppe ein ästhetisches Programm formuliert, haben die dort festgehaltenen Grundsätze sicherlich eine andere Qualität, Zielrichtung und Art der Verbindlichkeit als allgemeiner ausgerichtete "Regelpoetiken" oder bereits weiter oben genannte quasi-grammatische Phänomene wie Periodenbildung, kontrapunktische Regeln, Stimmführung usw. Auch Wirkungsmacht und Langlebigkeit von Konventionen / Regeln waren derart unterschiedlich, dass Verallgemeinerungen darüber prinzipiell schwierig sind.

    Zwei allgemeinen und reichlich banalen Gedanken hänge ich dennoch bislang an: Dass Künstler einerseits immer in ihre Zeit mit allen Regeln und Konventionen verstrickt sind und sich davon niemals gänzlich lösen können, andererseits aber jederzeit (äußere Zwanglosigkeit vorausgesetzt) aufgrund der Autonomie ihres schöpferischen Geistes die Möglichkeit haben, sich gegen ästhetische "Verbindlichkeiten" zu stellen oder sie zu ignorieren.

    Da ist natürlich was dran, aber Regeln sind ja nur die Grundlage, das Besondere eines Werks ist dadurch nicht zu erfassen. Diese Fixierung auf Regeln erscheint mir wenig ergiebig. Das Besondere eines Werks entsteht ja gerade in der Abweichung, in der Differenz, auch in der Auflösung und Neuschöpfung. Aber es gibt nun wahrlich interessantere Ansätze in der Ästhetik, als über Regeln und Maßstäbe zu diskutieren. Wobei es auffällt, dass diese Kategorien hier immer wieder ins Spiel gebracht werden in Verbindung mit dem Anspruch, allein über Regeldefinitionen zu verfügen. Mein Fazit: Ästhetische Regeln sind die Grundlage, aber mehr auch nicht.

    Ja, auch mir scheint es sehr angebracht zu sein, Regeln und ihre Bedeutung resp. Wirksamkeit nicht überzubewerten. Ich selbst würde noch vorsichtiger sein als du und z.B. den bestimmten Artikel im ersten und letzten Satz vermeiden, um weitere grundlegende Voraussetzungen für Kunstschaffen ausdrücklich nebengeordnet einbeziehen zu können.

    Zudem habe ich den Eindruck, dass es in der zurückliegenden Diskussion besser gewesen wäre, dem Begriff 'Regel' den Begriff der 'Konvention' an die Seite zu stellen bzw. womöglich an einigen Stellen Ersteren durch Zweiteren zu ersetzen.

    Ich möchte angesichts der verfälschenden Einseitigkeit, mit der Holger auch in diesem Thread argumentiert, hervorheben, dass er grundsätzlich einer übergriffigen Philosophie (ich fasse es hier absichtlich sehr weit und lasse Begriffe wie Ästhetik und Hermeneutik mal außen vor) das Wort redet. Folgender Satz passt da gut ins Bild: "Die Kunst- und Literaturgeschichte zeigt, dass sich Kunst nachweislich immer an vorbildliche Regeln gehalten hat (um nur zwei Namen zu nennen: Horaz und Gottsched) und das auch zum Ausdruck bringt."

    Die Kunst- und Literaturgeschichte zeigt das nicht "nachweislich immer". Regeln / Regelpoetik sind ein Teilaspekt von Kunst- und Literaturgeschichte, der hier zum Universal- und damit Totschlag-Argument aufgeblasen ist. Man müsste viel differenzierter über die wirkliche Bedeutung von Regeln und deren in der Kunst wirksamer Bedeutung sprechen, als Holger es hier tut. Zudem stehen Holgers Ausführungen immer im größeren Kontext eines philosophischen Machtanspruchs auf Künstler und Kunst (der allerdings oftmals schlicht ins Leere läuft). Als HIP-Interessierter kann man vieles davon also recht schnell abhaken und in einer entsprechenden Schublade lassen.

    Nur ein kurzer Einwurf vom Rand: Im WM wird keine Abhängigkeit von welchem Geschick auch immer verhandelt, zumindest ist das meiner Erinnerung nach kein zentrales Thema des Buchs und auch eigentlich sonst kein Thema, das JWG beschäftigt hat.


    Ich sehe auch nicht, wo das Thema der „Abhängigkeit vom Geschick“ in der Literatur jener Zeit eine größere Rolle spielt, allenfalls in Wallensteins astrologischen Kalkulationen. Vielleicht habe ich aber auch nicht alles im Blick.

    Ich habe das ziemlich aus der Hüfte geschossen, weil ich an die Figur Wilhelm denke, dessen individuelles "Geschick" auf etwas mysteriöse Weise mit der zunächst im Verborgenen wirkenden Turmgesellschaft verknüpft ist. Wilhelm strampelt sich als Individuum ab, meint dabei, "seinen" Weg zu gehen, und muss irgendwann erkennen, dass sein "Geschick" in Wirklichkeit von einer höheren Macht überwacht/geleitet/bestimmt (?) wurde. Sein erstes Ziel, ans Theater zu gehen, erscheint ihm am Ende der "Lehrjahre" als verfehlter Entwurf seines leidenschaftlichen Egos und macht der Erkenntnis Platz, als Arzt ein wertvollerer Teil eines Allgemeineren zu sein.


    Edit: Ich weiß nicht, ob Holger es schon irgendwo geschrieben hat, aber Geck zitiert in diesem Zusammenhang auch Goethes "Egmont": "Wie von unsichtbaren Geistern gepeitscht gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unseres Schicksals leichtem Wagen durch; und uns bleibt nichts, als, mutig gefaßt, die Zügel festzuhalten."


    Edit 2: Je öfter ich es lese: Das "Egmont"-Zitat ist ja wohl großartig. Das rahme ich mir.

    Ich muss mal sehen, dass ich mir von der hiesigen Universitätsbibliothek den Voss-Text elektronisch besorge.

    Der Aufsatz ist ziemlich kurz (7 Druckseiten), lohnt sich aber aus meiner Sicht sehr zu lesen. Voss gibt darin auch einen kleinen Überblick über Beethovens Änderungen am ersten Satz sowie Überlegungen, sich nach 1817 nochmal um veränderte Metronomzahlen zu kümmern. Ein Umstand, den Voss bei Erscheinen der Studie als musikwissenschaftlich bislang völlig vernachlässigt ansah. Aber das ist natürlich alles sehr verkürzt von mir. Die Indizienkette ist wirklich spannend und lehrreich.

    Ich würde da differenzieren. Eine Wirkungstradition ist erst einmal eine Gegebenheit, die man hinnehmen muss - ob man sie nun mag oder nicht. ^^

    Warum schreibst du das? Ich hatte bereits angemerkt, dass ich die Wirkungstradition selbstverständlich als gegeben betrachte.

    Unbestreitbar ist die 5. Beethoven sehr "heroisch" - da geht es grob gesagt darum, dass das "schwache Ich" zu einem "starken Ich" wird. Das ist sozusagen der allgemeine aber auch etwas unbestimmte Verstehenshorizont. Die Schicksalsproblematik ist dann eine darüber hinausgehende konkretisierende Auslegung - die Rezeption ist ja selber ein sinnschöpferischer Akt.

    Geck würde eher vom "schwachen Ich" zum "starken Wir" tendieren, oder? Er schreibt: "Gegen die Macht des Schicksals vermag sich das einzelne Subjekt nicht durchzusetzen; es kann sich nur den großen Bewegungen der Zeit anschließen und das Bad in der jubelnden Menge suchen" (Sinfonien, S.101). Es folgt natürlich der Hinweis auf die Frz. Revolution.

    Es scheint sich mit Blick auf euer beider Formulierungen also genau das zu bestätigen: Der "Verstehenshorizont" ist vage, unbestimmt. Und: Er wird beim "sinnschöpferische[n] Akt" der Rezeption wichtig. Ich könnte theoretisch also auch meinetwegen den sehr bodenständig und musikimmanent denkenden Toscanini mit Beethoven V hören, und dennoch könnte sich das "Heroische", "Schicksalhafte" usw. in meinem rezipierenden Bewusstsein bilden. Weil es - bei aller Unbestimmtheit - mit der ästhetischen Beschaffenheit der Komposition einhergeht und sich nicht über das Bewusstsein des Dirigenten oder der Musiker vermitteln muss.

    Natürlich ist diese Konkretisierung im Zeitkontext von Goethe und der Romantik plausibel - die Thematik der Abhängigkeit vom "Geschick" ist auch in der Literatur der Zeit präsent. Wenn man nun davon versucht zu abstrahieren ist allerdings die Frage, welche andere "Konkretisation" an die Stelle tritt, die wirklich überzeugender ist. Das wäre dann die Frage. Gibt es wirklich eine "bessere" Alternative? Ich sehe die Alternative im Moment nicht wirklich, habe mich damit aber auch nicht eingehender beschäftigt. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

    Genau, ich denke da z.B. auch an den "Wilhelm Meister". Und mein Gedanke zum Thema "Alternativen": Konkret sprechen ließe sich erst über den konkreten Einzelfall. Insofern halte ich mich da völlig zurück.

    Im Wesentlichen - und dem Positiven - sind wir uns doch aber wohl einig. Nur darauf kommt es letztlich an. Wir wollen uns ja alle nur gemeinsam bemühen, Brahms und bzw. Beethoven - vielleicht besser - zu verstehen. ;)

    Ja, es geht natürlich ums Verstehen. Aber wir werden uns sicherlich längst nicht in allem einig sein. Was ja auch nicht weiter tragisch ist.

    Ich finde aber z.B. das, was Geck über die Fünfte schreibt, überwiegend überzeugend. Er bietet mehrere Aspekte und Formulierungen an, anhand derer man sich diesem "Schicksalsding" nähern kann. Heißt: Er macht aus meiner Sicht sehr deutlich, dass man die geistige Idee nicht überstrapazieren sollte, weil sie vage ist und zu unterschiedlichen "Lesarten" führen kann. Sonnenklar aber ist, dass die "Pochabschnitte" (und das Oboensolo) schon rein strukturell von Beethoven als "exterritoriale" Gebiete markiert sind. Toscanini hätte Geck zufolge also gesagt: Es steht schon alles da, man muss es "nur" noch zum Klingen bringen und braucht keine weitere geistige/sprachliche Idee als Bezugspunkt.

    Was mir nicht gefällt an Geck, ist seine unvorsichtige Art, Voss in seine Betrachtungen einzubeziehen: Man merkt, dass er ihn für seine eigenen Gedanken "verwenden" möchte, und instrumentalisiert ihn somit etwas.

    Sehr zurückhaltend bin ich bei dem Aspekt der Wirkungstradition, der dir so wichtig ist. Die ist natürlich nicht wegzudiskutieren. Ich würde ihren "Machtanspruch" auf alle angehenden Interpreten aber wohl stärker relativieren oder in Frage stellen als du. Und wenn diese Wirkungstradition auf Schindler zurückgehen sollte, dann erst recht.

    Aber warum ist das schräg? Man kann doch nicht aufgrund einer bloßen Spekulation, dass Schindler das vielleicht erfunden haben könnte, eine wirkungsgeschichtlich begründete Deutung bestreiten. Voss braucht sich doch gar nicht damit zu beschäftigen, was an der Behauptung dran sein könnte, dass Schindler das vermeintlich erfunden hat, wenn er für die gegenteilige Annahme Belege findet.

    Das wird mir zu umständlich. Um mich nicht zu wiederholen, lasse ich jetzt einfach den Umstand stehen, dass ich anhand des von dir Geschriebenen erkennen konnte, dass du Voss wohl nicht gelesen hast - es gibt da inhaltliche Differenzen, die ich auch benannt habe.

    Falls es hier jemanden gibt, der an Genauigkeit interessiert ist: Holgers Ausführungen lesen sich erneut, als ob er die Voss-Studie nicht vorliegen hätte. Damit also hinsichtlich Voss (mir liegen beide Geck-Bücher ebenfalls vor) keine inhaltliche Schieflage stehen bleibt, schreibe ich noch ein paar Zeilen dazu.

    Die Behauptung, Schindler habe den Beethoven zugeschriebenen Ausspruch „So klopft das Schicksal an die Pforte“ eventuell erfunden, ist erst einmal reine Spekulation. Aufgrund einer bloßen Spekulation kann man aber nicht im Ernst die Rechtmäßigkeit einer zweihundertjährigen Wirkungsgeschichte bestreiten. Karajan wird so zu einer Art des Messias stilisiert, der den Weg zur Wahrheit in Sachen Brahms und Beethoven weist – nun endlich und ein für allemal „für die Ewigkeit“ gleichsam zeigt, dass es hier nicht um das Schicksal geht und dieser ganze Deutungshorizont sinnlos ist. Die Forschungen von Egon Voss zeigen allerdings dies, dass solche Unterstellungen bloße Spekulation bleiben und keine nachweisbare Begründung haben.

    Der letzte Satz ist schräg. Voss beschäftigt sich nicht damit zu belegen, dass der Vorwurf, Schindler habe den Ausspruch erfunden, auf bloßer Spekulation beruht. Er diskutiert ebenfalls nicht die Frage, ob der "Deutungshorizont" des Schicksalhaften sinnlos sei.

    Sein Gedankengang hat eine andere Richtung: Er zeigt, dass der Ausspruch "So pocht das Schicksal an die Pforte!" in einem gewissen Zusammenhang zu dem passen könnte, was Beethoven wollte - und es somit plausibel sei, Beethoven habe das womöglich selbst so gesagt.

    Der Zusammenhang, den Beethoven geknüpft haben könnte: Der Ausspruch soll einer deutlicheren, bewussten Hervorhebung der ersten fünf Takte und folgender "Parallelstellen" im Sinne der musizierpraktischen Ausführung dienen. Voss legt Wert darauf, dass es hier nicht um Schicksalssemantik im Sinne einer geistigen Idee geht, die dem Satz oder gar der Sinfonie zugrundegelegt werden müsste.

    Wenn man sich auf Voss beruft, lässt sich also - und das hatte Holger ja auch selbst erkannt - die Deutungstradition des "Schicksalhaften" nicht auf Beethoven selbst zurückführen. Sie lässt sich aber auf Schindler zurückführen, welcher 1860 in der dritten Ausgabe seines Buches aus einer Frage der Musizierpraxis plötzlich einen umfassenden Deutungszusammenhang konstruiert. Wenn man Voss hier Glauben schenken möchte, dann ergäbe sich die Konsequenz, dass der von Holger angesprochene Deutungshorizont eine Erfindung Schindlers und somit nicht "authentischer Beethoven" ist.

    Auch aus aktuellem, traurigen Anlaß:



    Auch diese Aufnahmen haben große Bedeutung für mich.

    Genau. Ich habe vor allem op.90 und die Moments Musicaux schon als Schüler geliebt und anhaltend gespielt, und das lag u.a. an diesen Aufnahmen - wobei ich bei dem Cover gerade nicht so sicher bin.

    Meine Lehrerin, deren Begeisterung über Brendel sich auf mich übertrug, schenkte mir die Peters-Noten zur Konfirmation. Und weil das alles so war, spielte ich bei ihrer Trauerfeier op.94,2 und später bei einem Gedenkkonzert zu ihren Ehren op.90,1.

    Das sind jetzt sehr persönliche Berührungspunkte, die sich da bei mir auftun.

    Und eben noch zu deiner Liszt-Erweckung: Wir haben da wohl die gleiche Sendung gesehen...:saint:

    Danke für deine Zeilen, die mich ebenfalls innehalten lassen. Spontan schließe ich mich deiner Hinwendung zu den Mozart-Konzerten an. Das sind großartige und für meine Ohren auch mustergültige Aufnahmen, deren Erinnerung allein mir schon etwas Tröstliches vermittelt.

    Brendel hat mich sicherlich mehr geprägt als viele andere, ebenso berühmte - oder gar berühmtere - Pianisten.

    Einer seiner Fernsehaufnahmen verdanke ich eine echte Liszt-Erweckung. Untermauert wurde dies von seinen klugen Gedanken zu Liszt in "Nachdenken über Musik".

    Natürlich: Schubert.

    Seine Grimassen beim Spielen in "jüngeren" Jahren - die er auf selbstkritische Weise reflektierte und deshalb ablegen wollte (und dies auch in beträchtlichem Maße tat), weil sie zu oft und zu stark den Ausdruck der Musik störten, konterkarierten.

    Seine ehrlichen Worte über "unspielbare" Stellen.

    Eine Fahrt mit meiner mittlerweile lange verstorbenen Klavierlehrerin in die Bremer Glocke, wo ich als Jugendlicher Schumanns "Sinfonische Etüden" von ihm hörte. Brendels Aura beeindruckte mich. Da war so viel uneitle Ernsthaftigkeit. Seinen Humor, den ich nicht immer teilen konnte, lernte ich erst deutlich später kennen.

    Es bleibt sehr viel von ihm.

    Da war meine Formulierung auch etwas unvorsichtig. Aber man kann nicht einfach sich - wie heute üblich - etwas zusammengoogeln und etwas abstreiten, d.h. das Unplausible plausibel erscheinen lassen.

    Das ist ein Gaga-Zusammenhang. Hier hat niemand gegoogelt. Du hast dich auf Geck verlassen, statt Gecks Quelle vorliegen zu haben. Und damit bist du Gecks falscher Darstellung unkritisch auf den Leim gegangen. Beim nächsten Mal wäre es besser, sich umfassender zu informieren bzw. abzusichern, bevor man Forianern ein sachlich falsches, aber umso großspurigeres "Deine Darstellung ist längst eindeutig widerlegt" vorlegt.

    Die Deutung der 5. Symphonie als "Schicksalssymphonie" ist nicht abhängig von der Deutung des Schicksalsmotivs allein. Dafür gibt es genug andere gewichtige Gründe.

    Was nicht bedeutet, dass eine solche Diskussion auch aus musikwissenschaftlicher Sicht zu einem eindeutigen Ergebnis führen müsste. Dass es eine solche Deutungstradition gibt, bleibt auch von mir unbestritten. Dass sie Interpreten darauf beschränkt, wäre eine falsche Konsequenz.

    Noch einmal, auch Du hast nicht verstanden, was ein "Wirkungszusammenhang" im hermeneutischen Sinne ist. Dass Brahms dieses Motiv als Schicksalsmotiv verstanden hat, ist aus dem Wirkungszusammenhang eindeutig. Sonst wäre es gar nicht zitierfähig. Das abzustreiten, ist reine Sophisterei. Aber zur Deutung des 1. Brahms speziell werde ich noch kommen.

    Holger, lies lieber genau, was ich geschrieben habe. Ich habe weder bestritten noch bestätigt, dass Brahms das "Motiv als Schicksalsmotiv verstanden hat". War nicht mein Thema. Ich fürchte, du regst dich wieder zu sehr auf.

    Du kannst natürlich wieder von anderen Dingen anfangen zu reden. Ich ziehe es allerdings vor, bei der Sache zu bleiben.


    Was ich auch mit Blick auf Glockentons Anmerkungen, auf die du dich bezogen hast, deutlich gemacht habe:


    1. Es ist mit Blick auf das angebliche Beethoven-Zitat keineswegs widerlegt, dass Schindler es Beethoven in den Mund gelegt hat.


    2. Es ist mit Geck/Voss ebenso wenig widerlegt, dass man sich als Interpret verpflichtet fühlen müsste, bei Brahms die "Schicksalssemantik" mitschwingen zu lassen. Diese Semantik könnte laut Voss sogar eine Projektion sein, die auf Schindlers Mist gewachsen ist. Und damit wäre Glockentons Satz, den du als "eindeutig widerlegt" bezeichnet hast, immer noch relevant: "Muss man als Interpret eine schon an sich zweifelhafte 'schicksalshafte' Deutung der Beethoven-Sinfonie überhaupt auf Brahms übertragen, nur weil dieser- sicher mit Absicht- ein ähnliches Motiv verwendete?"

    Dass Brahms rezeptionsgeschichtlich informiert war, würde ich gar nicht anzweifeln wollen und können. Dass ein heutiger Interpret rezeptionsgeschichtlich informierter sein wird, dürfte allerdings evident sein - und zu dem Schluss führen, dass man Glockentons Frage auch mit "nein" beantworten kann.

    Geck beruft sich, wie oben erwähnt, auf Egon Voss. Lediglich Geck zu zitieren, ist problematisch. Man müsste zu Voss zurück.


    Wenn man Voss' Studie liest, kann allerdings keine Rede davon sein, dass "längst widerlegt" sei, Schindler habe das Zitat "So pocht das Schicksal an die Pforte" Beethoven in den Mund gelegt. Voss bastelt sich eine Indizienkette zusammen und kommt zum Ergebnis, das Zitat aus Beethovens Mund könne durchaus authentisch sein. Allerdings garniert er seinen Gedankengang mit: "se non è vero è ben trovato". Von "widerlegt" kann gar keine Rede sein. Und das fällt letztlich auch auf Geck zurück, dessen Formulierung im Indikativ schlicht eine Verfälschung von Voss' vorsichtigerer Darstellung ist. Geck hätte besser schreiben sollen: "Es ist plausibel dargelegt worden, dass Beethoven den Ausspruch getan haben könnte".


    Zudem verbietet sich auf der Grundlage von Voss' Studie eine Gleichsetzung von semantischer und aufführungspraktischer Ebene des "Pochens".

    Voss stellt dar, dass Beethoven nach Fertigstellung der Sinfonie merkte, der Beginn könne womöglich zu leichtgewichtig gespielt werden. Voss: "Dem sollte der Vergleich mit dem an die Pforte pochenden Schicksal entgegenwirken."

    Schindler hatte in der ersten Auflage seiner Beethovenbiografie von 1840 für eine Tempoveränderung der ersten 5 Takte hin zu mehr Langsamkeit geworben. Dies steht laut Voss auch durchaus in Einklang mit Beethovens nachweisbaren Interessen zur Aufführungspraxis und einer besonders exponierten Betonung des "Klopfmotivs". Erst in der dritten Auflage seines Buches von 1860 aber möchte Schindler das angebliche Zitat Beethovens als semantischen Schlüssel nicht nur für den ganzen Satz verstanden wissen.

    Voss: "Schindler entwickelte also aus einem bloßen Anschauungsmodell für die praktische Aufführung der Anfangstakte des 1. Satzes den Träger der Semantik der gesamten Symphonie".

    Ach schön, ich wäre auch fast Freitag gegangen, aber ein Familienfest gestern und heute ist wichtiger.

    Bei mir heute auch Familientreffen - allerdings wurde gestern gesagt (und ich habe eben auch nochmal nachgeguckt), dass es für heute noch ein kleines Kartenkontingent gibt. Sollte ich rechtzeitig zurück sein, überlege ich es mir noch. Das Quartett ist famos.

    Kleine Korrektur: Gestern wurde zwar Schönberg op.7 gespielt, allerdings steht das natürlich in d-Moll.

    Mein Lieblingsquartett feiert sein 30jähriges Bestehen dieses Wochenende in Hamburg mit drei Konzerten. Am Sonntag bin ich in der Elphi dabei, wenn das Belcea Quartett mit Verstärkung Mozarts Streichquintette KV 515 & 516 zur Aufführung bringt.

    Da wünsche ich dir ganz viel Freude an diesen tollen Musikerinnen und Musikern. Heute war der Auftakt im Kleinen Saal der Laeiszhalle (nicht ganz gefüllt) mit Schönberg c-Moll, op. 7 und Beethoven cis-Moll, op.131 - also mit zwei echten Brocken. Intensität und Spannung von Anfang bis Ende, grandioses Konzert!

    Das hier rezensierte Konzert / Jahresprogramm habe ich nicht selbst erlebt, aber einige andere, neulich das 2025er Programm, oft mit hohem Genuss und Bewunderung, aber einige Sätze dieser Kritik kann ich nachvollziehen und unterschreiben. Das Sokolov-Ritual scheint mir in Erstarrung zu geraten.


    https://www.radiodrei.de/musik…bend-grigory-sokolov.html

    Das kann ich einerseits im Rückblick auf das gestrige Konzert in der Hamburger Laeiszhalle nachvollziehen. Rahmen und Ablauf des Konzerts sind einfach sehr stereotyp.

    Andererseits war das Publikum ebenso hingerissen, wie ich es beim letzten Konzert in HH erlebt habe - für mich war also kein "Abnutzungseffekt" auszumachen.