Beiträge von Leiermann

    Hier im Faden wurde ja mehrfach festgehalten, dass Wand für seine Orchester sicherlich kein "einfacher" Dirigent war. Ich sah eben in der kleinen Doku meinen Schwiegervater, und für den steht Wand aber immer noch ganz oben mit Blick auf die zahlreichen Spitzendirigenten, unter denen er gespielt hat. Er erzählt auch immer noch gerne über die messerscharfen (aber gutmütigen) Ansagen und Kommentare, die in den Proben gefallen sind. Wand hat ihn also gerade auf Grund seiner Akribie, seines starken Willens und des hohen Arbeitsethos (und natürlich der klanglichen Ergebnisse) überzeugt. Ich selbst habe Wand in seinen letzten Jahre glücklicherweise auch noch ein paarmal auf der Bühne gesehen.

    Finde ich schön, dass du "Rock-Jazz" schreibst. Meistens wird das ja umgekehrt verwendet. Aber bei Davis ist es so klar, dass das Wesen der Musik wirklich nur über den Begriff Jazz kategorisiert werden kann - wenn man so etwas nicht grundsätzlich ablehnt.

    Ich hatte in den letzten beiden Monaten viel mit Davis am Hut. "Bitches brew", "In a silent way", "Agharta" - das sind meine großen Lieblinge der elektrischen Phase. Hochinteressant auch die Übergangsphase dahin, z.B. auf dem Album "Filles de Kilimanjaro" eingefangen. Das allerbeste Ensemble aber höre ich weiterhin im "Second great quintet". Die Fünf unternehmen da miteinander die waghalsigsten Höhenflüge in den buntesten Formationen. Höchst faszinierend.

    So wie Mahler aus den provinziellen Wiener Philharmonikern ein Weltklasse Orchester formte, so machte es Günter Wand mit dem NDR Sinfonieorchester auch. Seine Konzerte waren ja damals ziemlich legendär, besonders bei Beethoven und Bruckner.

    Was Günter Wand wohl angesichts des vermurksten Klanges der "Elbphilarmonie" und "seines" Orchesters heute wohl sagen würde?



    Was er zum Orchester sagen würde, kann ich so gar nicht erahnen. Eine ganze Reihe der jetzigen MusikerInnen hat ja noch unter ihm gespielt.

    Eine Vermutung zur Akustik der Elphi hätte ich allerdings - ich kann mir nicht gut vorstellen, dass er diese Art eines aufgespreizten Bühnenklangs einer mehr verschmelzenden Akustik vorgezogen hätte. Eine müßige Spekulation, sicher. Dennoch für mich nicht uninteressant vor dem Hintergrund, wie unterschiedlich sich lebende Musiker/Dirigenten über die Elphi äußern.

    Die Frage nach dem "Ewigkeitswert" ist natürlich zu komplex und ins Philosophische führend, um sie mal eben in einem Posting beantworten zu können. Klar, selbst viele ältere oder auch neuere "Klassiker" werden nicht "ewig" explizit bedeutsam bleiben, wobei sie es für den allergrößten Teil der Menschen vordergründig eh nicht sind und niemals waren.

    Dennoch bin ich von einer Sache völlig überzeugt: Kultur - und damit Literatur - ist nicht zuletzt hinter- und untergründig einflussreich auf unser aller Leben. Literatur kann kollektive Wahrnehmung, Perspektivität und dadurch auch gesellschaftliche Diskurse verändern, ohne dass dies im Einzelnen immer nachzuverfolgen wäre und dies auf ihre Leser beschränkt bliebe. Was wiederum heißt: Du kannst "Das Schloss" und "Der kleine Prinz" niemals mehr ganz aus der Welt schaffen. Stattdessen bildet sich von ihnen ausgehend ein immer komplexeres Labyrinth lebendiger Spuren. Das ist für meine Begriffe schon mal nicht wenig.

    Wir schreiben langsam an der Sache vorbei. Ich habe die Quint/Oktavparallelen, Albertibässe als mögliche Beispiele zitiert (die keinen Absolutheitsanspruch haben) auf die Bemerkung von Leiermann "Mängel" in Beethovens Spätwerk, verbunden mit der Frage, was denn unter musikalischen Mängeln zu verstehen sei. Darauf gibt es, wie zu vermuten, viele Antworten, die alle subjektiv sind.

    Also, nimm bitte zur Kenntnis, dass ich Albertibässe für einen musikalischen Mangel ansehe, und ich respektiere Deine Gegenansicht.

    Kritik an Albertibässen ist übrigens so alt wie sie, zu finden bei CPE Bach (Versuch; Briefe an Claudius, Forkel); G. Türk (Clavierschule); uvam.

    Lieber Bachianer, ich weiß nicht, ob wir uns da richtig verstanden haben. Ich habe dir jedenfalls überhaupt keine Frage zu etwaigen Mängeln in Beethovens Spätwerk gestellt. Ich habe aber darauf hingewiesen, dass derjenige, der darüber ein relevantes Urteil fällen möchte, dies nicht aus einer subjektivistischen Beliebigkeitshaltung heraus tun kann.

    Du hingegen scheinst mir genau darauf pochen zu wollen, ästhetische Urteile seien durch und durch subjektiv, oder?

    Jedenfalls: Das entspricht nicht meiner Erfahrung und damit auch nicht meiner Überzeugung. Fundiert hergeleitete, in ihrer Gewichtung transparent vermittelte Musikkritik kann m.E. eine gewisse Gültigkeit beanspruchen. Darüber müsste man allerdings eine Diskussion führen, die hier wohl fehl am Platze ist.

    Was ich sehr befremdlich finde: Dass man gewisse musikalische Mittel per se als mangelhaft tituliert. Das lehne ich klar ab mit einem Rückverweis auf mein Credo, musikalische Qualität bzw. Defizite seien stets vom konkreten Werk aus zu begründen. Ich möchte dir damit deine tief sitzende Abneigung gegen Albertibässe nicht ausreden. Da es aber Musik von herausragender Qualität gibt, in denen auch Albertibässe eine Rolle spielen, haben sie nach meiner Überzeugung schlicht und ergreifend ihre grundsätzliche künstlerische Berechtigung erwiesen.

    Ich stoße mich auch bei jedem Absatz mehrmals. z.B.:

    Die Conclusio soll sein: "Das ist ein psychologisches Konzept, keine kompositorische Berechnung". Sehe ich auch nicht ein, denn das psychologische Konzept gehört ja zur kompositorischen "Berechnung".


    Und dann die Manipulation - sobald etwas Ideologisches übermittelt werden soll - und im Text oder Film, der eine Handlung erzählt, gibt es das in der Regel - kann man das als Manipulation auffassen, egal welche Art von Text oder Film und mit oder ohne Musik. Selbst wenn das Programm ist, das kritische Denken des Rezipienten anzuregen, geschieht das idR mit Manipulation. In der Oper gibt es auch diverse Möglichkeiten des Text-Musik-Verhältnisses. Und in der Geschichte des Hollywood-Films ändert sich auch die Strategie der Filmmusikgestaltung. Wenn vielleicht der Opernkomponist Puccini und der Filmkomponist Max Steiner exakt die Handlung Moment für Moment akustisch miterzählen und dadurch emotional verstärken wollen, so ist das natürlich ein kompositorisches Konzept, das dann sowohl in der Oper als auch in der (Hollywood-)Filmmusik später durch andere Konzepte ersetzt wurde. Da Steiner und Korngold aus dem Opernzentrum Wien kamen, ist diese Gemeinsamkeit auch nicht besonders überraschend.

    Dem kann ich mich grundsätzlich sehr anschließen. Kunst einen Manipulationsvorwurf zu machen, führt m.E. zu wenig bis nichts. Künstlern vorzuwerfen, sie würden Überlegungen zur (psych.) Wirkung in ihre Arbeit einbeziehen, käme mir reichlich abstrus vor. Im Gegenteil: Umso besser, wenn sie genau wissen, wie das geht!

    Illusionstheater abzuwerten mit dem Hinweis, es würde da mit allen möglichen suggestiv wirkenden Mitteln eine einnehmende, das Gefühl ansprechende, irreführende Scheinwelt etabliert, geht ins Leere. Wie du selbst sagst: Auch der auf scharfsinnige und auf sich von der Fiktion distanzierende Reflexion abzielende Künstler setzt Mittel gezielt ein, um diesen Mechanismus zu bewirken. Gut, dass beides möglich ist - und noch viel mehr jenseits dieser Polarität.

    Lieber Leiermann,


    ich widerspreche Dir zu keiner Sekunde. Nur, die Beurteilung der Relevanz von Musik und Texten ist und bleibt subjektiv. Deswegen lese ich ziemlich fassungslos die hier auftretenden "Beurteilungen" von Musikwerken, deren Interpretationen und "Deutungen". Wenn jemand mit Bach´schen Fugen, Beethovens Spätwerk, Schuberts Liedern, der Zauberflöte, Wagner nichts anfangen kann, so ist das seine/ihre höchst individuelle Einstellung, die vornehmlich nur auf ihn/sie zutrifft.

    Wir wissen doch in den meisten Fällen garnicht, ob der Komponist seine Werke immer gleich interpretiert hat. Ich habe da erhebliche subjektive Zweifel.

    Na klar, 'Beurteilung' im Bereich des Ästhetischen ist ein Begriff, der Subjektivität impliziert. Es gibt jedoch Urteile, die sich durch Überzeugungskraft/Plausibilität auszeichnen. Und diese entstehen durch Nachvollziehbarkeit, also Möglichkeiten der Überprüfung.

    Wer also Beethovens Spätwerk als mit Mängeln behaftet darstellen möchte, sollte das so tun, dass sein Urteil nicht auf tönernen Füßen steht. Und er wird nicht umhin kommen, sich mit vielen Urteilen anderer heller Köpfe auseinanderzusetzen, welche die Relevanz des Spätwerks bereits überzeugend hergeleitet haben.

    Welch treffende Aussagen! Vielleicht könnte man auch einmal behaupten, dass diese "berüchtigten" Spätwerke Produkte eines schwerkranken Menschen waren, der zudem durch seine Taubheit vermutlich auch noch psychisch äusserst belastet war. Wer wagt da noch Deutungsansätze?

    Behaupten kann man natürlich viel. Es ist nur so, dass derlei Spekulationen nichts an den Kompositionen ändern. Und um die sollte es doch gehen. Wer diese nun "deuten" (in Bezug auf Musik eh ein äußerst heikles bis grundsätzlich umstrittenes Unterfangen) und dabei Anspruch auf Gültigkeit anmelden will, muss sich schlicht in einen vielstimmigen, dynamischen Deutungsdiskurs begeben und dort durch Plausibilität überzeugen. Wenn sich in diesem Zusammenhang biographische Aspekte eindeutig aufdrängen - umso besser. Insofern nützt es nichts, hier allgemeine Aussagen zu treffen: Jede Komposition müsste hinsichtlich ihrer Relevanz individuell (und immer wieder neu) bestätigt werden.

    Tja, diese Hollywoodprodukte wurden/werden häufig als "Seifenopern" bezeichnet, gleich ob Filme oder Serien. Dieser treffliche Ausdruck ist jedoch älter als Hollywood. Meine beiden sehr musikalischen Großmütter (beide in den 60ern des 19. Jhdts. geboren) kannten den schon, obwohl sie nie ein Hollywoodprodukt gesehen haben, Kinos gab es im finstersten Niedersachsen damals noch nicht. Sie bezeichneten damit echte Opern, häufig mit grauenvollen Texten ("feuchtes Nass füllt meine Nase") und entsprechend manipulativer Musik.

    Dass die Texte geistlicher Gesangswerke teilweise auch grauenvoll sind war/ist bekannt. Auf "Textqualität" wurde jedoch da nicht geachtet. Sie sollten ein Glaubensziel ansprechen. Für den protestantischen Teil der Kirchenmusik galt: alle Texte mussten vor Druck und Vertonung durch die "geistliche Zensur" um zu kontrollieren, dass sie den Dogmen (hier: lutherische Orthodoxie) entsprachen. Darauf kann man sich auch heute noch einstellen.

    Vielleicht hilft es weiter: Goethe war durch seine Freundschaft mit Zelter sehr "bachisch" beeinflusst, was man vom frühen Schubert nun nicht behaupten kann.

    Auch hier gilt für mich: Mit pauschalen Zuschreibungen kann ich nichts anfangen. Jede Oper muss für sich selbst bestehen. Nur weil es schlechte Texte gibt, heißt das nicht, dass es keine großartigen Opern (resp. hochwertige Kirchenmusik) gäbe.

    Sinn und Aufgabe der Klassik für mich lässt sich von daher kaum in eine Formulierung zwängen, weil sich Kunst m.E. jeglichem generalisierenden Zugriff entzieht. Kaum glaube ich, ein Rezeptionsmuster bei mir festzustellen, belehrt mich schon die nächste musikalische Erfahrung eines Anderen (und Besseren). Belehrend, unterhaltend, herausfordernd, zum Genuss anstiftend - das kann alles irgendwie mal hinkommen und sein und sich auch gerne überlagern. Aber ich bin nicht derjenige, der Erwartungshaltungen der Kunst gegenüber pflegt - damit ginge eine in meinen Augen elementar bedeutsame Offenheit verloren, die eine echte Begegnung mit einem Kunstwerk als individuellem Gegenüber erst ermöglichen kann. Wenn ich vorher wissen möchte, was ich bekomme, kaufe ich Persil. Aber keine Konzertkarte.

    Dass ich natürlich Musik im weitesten Sinne aus "Freude" höre, ist dennoch klar. Die Art der Freude kann dabei jedoch stärkstens divergieren. Manchmal ist es sicherlich der stark sinnlich geprägte Genuss, die Lust am vertrauten Terrain usw., zuweilen aber treibt es mich hin zu mir zunächst wenig Zugänglichem oder gar Befremdlichem. Auch Letzteres ist in jedem Fall eine Beschäftigung, die mit Lust zu tun hat: die Lust an der Auseinandersetzung mit Dingen, die eben nicht gleich wie Blümchen am Wegesrand aufzusammeln sind. Die Beschäftigung mit mir Widerständigem kann unfassbar bereichernd sein - diese Erfahrung habe ich gottseidank verinnerlicht.

    Das alles ist nun noch nicht sehr spezifisch auf mein Verhältnis zur "Klassik" bezogen, denn es gilt weit darüber hinaus. Bei Klassik ist es tendenziell so, dass ich eher ganzheitliche Erfahrungen mache im Sinne eines integrativen, vielschichtigen Hörens: In den schönsten Momenten sind Bauch, Herz, Geist, Motorik und Rückenbehaarung gleichermaßen aktiviert, und es entsteht wirklich eine Situation gleichzeitiger Entäußerung sowie Verinnerlichung. Ich kann nicht anders, als es dermaßen paradox zu formulieren. Aber es entsteht eine ganz besonders intensive Verbindung zwischen (meiner) Innen- und (künstlerischer) Außenwelt, die sowohl etwas Ekstatisches als auch etwas Hochkonzentriertes bewirkt. In besonderen Augenblicken ist es so, als stünde das Musikstück plötzlich wie ein Ganzes und Lebendiges direkt vor (oder in) mir und die Trennung von Selbst und Welt höbe sich auf. Da muss sich aber nun niemand um mich Sorgen machen oder grundsätzlich an meiner Geistesverfassung zweifeln, ich komme leider meistens früher davon runter, als mir lieb ist.
    Gegenbeispiel: Ich höre auch gerne mal Rockmusik. Die wirkt bei mir vor allem sinnlich und z.B. eher weniger den Geist ansprechend, also nicht so stark im Sinne eines integrativen Hörens. Wenn ich abgespannt/müde bin, knalle ich mir gerne was stark motorisch Wirkendes aufs Gehör. Ich käme dann aber nie auf die Idee, mir komplexe Polyphonie zuzuführen. Und auch keine Puccini-Oper.


    Der ganze Kram, der mit bildungs-, großbürgerlichem oder sonstwie standesbewusstem Dünkel zu hat, interessiert mich null. Das finde ich persönlich einfach langweilig.

    Ansonsten einige wunderbare Musikstücke, wobei ich sagen muss, dass ich unter der charmanten Dirigentin (Namen vergessen) auch gern spielen würde.

    Ich habe die Veranstaltung nicht gesehen, aber das dürfte Karina Canellakis gewesen sein, die ich in Hamburg noch Anfang des Jahres mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester auf der Bühne sehen durfte - eines der letzten Konzerte überhaupt für mich, was ich damals noch nicht ahnte.

    Jedenfalls denke ich auch, dass es lohnenswert wäre, unter ihr spielen zu können. Eine sehr seriös und unprätentiös-zupackend auftretende Dirigentin. Sie kommt von der Violine her und hat mich so überzeugt, dass ich ihren Weg ganz sicher weiterhin im Auge haben werde.

    Vor kurzer Zeit bin ich im Mozart-Wohnhaus zu Salzburg über die Info gestolpert, dass Salieri lange nach Mozarts Tod dessen Sohn Franz Xaver unterrichtete. Ich wusste bis dato gar nicht, dass Constanze offenbar einen aktiven persönlichen Kontakt behielt oder erneuerte.

    Heute Nacht habe ich mir Ugorskajas Pyramiden-Erklimmung mit Blick auf deinen sehr gut mitzuvollziehenden Text angehört, lieber Willi. Das war in beiderlei Hinsicht natürlich eine Bereicherung.

    Ich höre es auch so, dass die Interpretin einen "maßvollen" Zugang wählt, der auf sehr hörenswerte Weise Plastizität und Klarheit mit sublimer Emotionalität verbindet.

    Die nächste Besprechung erscheint heute Abend im Thread zur Hammerklaviersonate über eine Aufnahme einer kürzlich verstorbenen Pianistin.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    Dann meine ich natürlich zu wissen, worauf ich gespannt sein darf. Die Pianistin, auf die es wohl hinausläuft, rückt in letzter Zeit zunehmend in mein Blickfeld. Eine bewundernswerte Frau, zudem wohl eine starke Künstlerpersönlichkeit - und ein wirklich trauriges frühes Versterben.

    Es ist schön, lieber Willi, wie souverän und sachorientiert du hier im Forum weitermachst, "deiner" Linie treu bleibst und damit auch Haltung zeigst. Ich würde gerne so viel mehr hören und mich dementsprechend auch mehr einbringen gerade in den Klavierthreads - Zeit und Frische fehlen zu oft dafür. Bei der Hammerklavier- und Waldsteinsonate (die ich im Konzertsaal zuletzt von Igor Levit hörte), möchte ich die Beschäftigung aber gerne in den nächsten Tagen aufnehmen und mich dann auch von den Gedanken hier anregen lassen.

    Da machst du nach dem Hören einzelner Sätze ja gleich große Fässer auf, lieber Holger. ^^


    Ich meine aber, dass du mit deinen Worten der Currentzis-Aufnahme überhaupt nicht gerecht wirst. Auf mich wirkt es allzu schnell abgeurteilt - als ob du die gehörten Teile recht früh in eine Schublade gesteckt und damit verpasst hättest, eine differenziertere Sichtweise zu entwickeln. Deine einseitig wirkende Darstellung einer knalligen, „populärmusikalischen“ Rhythmik z.B. geht für mein Gehör an den sehr eigenständig, stimmig und intensiv ausgestalteten Phrasierungen und den Stellen vorbei, die Gegenpole zur zweifellos vorhandenen Impulsivität der Rhythmik bilden. Dass gerade diese aber als eine (natürlich nicht DIE) wesentliche Keimzelle für die Entwicklung der gesamten Sinfonie aufgefasst werden kann, würdest du ja vielleicht auch nicht unbedingt negieren.


    Den Vorwurf eines platten, sogar populistischen Zugriffs auf die Sinfonie kann ich jedenfalls überhaupt nicht nachvollziehen. Auf Pop sehe ich das schlicht nicht gebürstet. Auf alten Instrumenten und ohne Vibrato gespielt, ohne die mitunter auch von großen Dirigenten übertrieben-pathetisch eingesetzten Blechbläser-Walzen z.B. im 4. Satz, dafür unaufgeplustert und scharfkantig, unbarmherzig voranstürmend, zupackend, sich keine Sentimentalitäten erlaubend – so nehme ich die Aufnahme wahr. Der ihr zugrunde liegende Ansatz ist ganz offenbar: Eine Wiederentdeckung jener unmittelbaren Wirkung VOR aller zweifelhaften ideologischen Inanspruchnahme des Stückes, wie sie zu Beethovens Zeiten denkbar war. Das ist für meine Begriffe ein sehr legitimer Ansatz – und hier gelingt dessen Ausführung in einer stringent nachvollziehbaren Stimmigkeit und Frische, die mir wirklich Freude macht. Das steht keiner populistischen Volksrede nahe, sondern einer Auffassung, die die Musik letztlich auch gegen ihre außermusikalische Instrumentalisierung verwahren und in diesem Sinne sogar etwas wirkungsgeschichtlich „Befreiendes“ haben kann.


    In diesem Zusammenhang steht wohl auch Currentzis‘ Orientierung an Beethovens Metronomzahlen (die ich nicht selbstzweckhaft verteidigen würde – aber es passt zum „Konzept“) und die klare Umsetzung der Vortragszeichen. Der Beginn des Kopfsatzes entspricht dem, was ich von der Partitur her auch erwarten würde und was der gesamten Sinfonie letztlich auch von der Erwartungshaltung bezüglich des Kommenden her einen Stempel verpasst: Currentzis überreizt die oftmals so überstrapazierten Fermaten eben nicht und macht sich allein mit diesem Anfangsgestus frei von diesem („Reden an die deutsche Nation“ viel zuträglicherem) Pathos der überlang gehaltenen Fermaten. Es kommt hier zu Beginn stattdessen sofort das „con brio“ zur Geltung. Dieses ist nur ein Beispiel für oben genannten Ansatz, den ich in der Einspielung konsequent zur Geltung gebracht hörte. Bzw. rudere ich da mal etwas zurück: Ich habe die Hoffnung, dass sich dieser vorläufige (!) Eindruck auch längerfristig bestätigen könnte. Einen Schnellschuss möchte ich hier aber nicht abgeben. ;)


    Die Einspielung als der „Weisheit letzter Schluss“? Sicherlich nicht. Aber das gibt es in puncto Interpretationsgeschichte eh nicht nach meinem Verständnis. :pfeif:

    Das war mir auch aufgefallen. Zwar habe ich keine Partitur von der Fünften, aber mir klang es so schlüssig, dass ich völlig begeistert war. Es war zwar ungewohnt, aber mitreißend, und durch die klangliche Transparenz wurde auch deutlich, wie gut dieses Orchester wirklich ist, dass es die musikalische Dichte, die Vielschichtigkeit so deutlich abbildet. Hoffentlich gibt es bald mehr so tollen Beethoven von Currentzis.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    Da dürfen wir uns angesichts seiner Aktivitäten in den letzten Jahren durchaus erwartungsfroh zeigen, lieber Willi. Zumindest die 7. Sinfonie - ich weiß gerade nicht, woher ich's habe - ist wohl für den Herbst angekündigt. Ich persönlich tippe aber auf noch mehr. Sehr spannend.

    Lieber Willi, mein letztes Posting im Forum galt genau dieser Currentzis-Aufnahme, die mich wirklich elektrisiert hat. Ich hob sie in einem anderen Thread hervor mit den Worten: "Das habe ich eben zum ersten Mal gehört und bin hin(gerissen) und weg. Das Orchester spielt rhythmisch sehr schwungvoll und zupackend, phrasiert gleichzeitig ausgesprochen fein. Ganz toll auch die Durchhörbarkeit des Ganzen - so transparent habe ich die Sinfonie wohl noch nie gehört. Eine äußerst empfehlenswerte Einspielung."


    Du wirst dich also nicht wundern, wenn ich dir uneingeschränkt zustimme. Und auch ich hatte an einigen Stellen den starken Eindruck, als hörte ich die Sinfonie zum ersten Mal, sodass ich zum Regal flitzte und die Partitur aufschlug. Es war verblüffend. Wenn ich es richtig gesehen habe, folgt er der Notation sehr eng. Die Phrasierung gestaltet er zuweilen ungewohnt, aber sie widerspricht m.E. auch an diesen Stellen nicht den Partiturangaben. Das alles war allerdings mein Eindruck beim einmaligen Hören, ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, ich könne die Aufnahme fundiert besprechen. Ich bin einfach nur völlig begeistert.

    MusicAeterna unter Currentzis spielen Beethoven 5:


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    Das habe ich eben zum ersten Mal gehört und bin hin(gerissen) und weg. Das Orchester spielt rhythmisch sehr schwungvoll und zupackend, phrasiert gleichzeitig ausgesprochen fein. Ganz toll auch die Durchhörbarkeit des Ganzen - so transparent habe ich die Sinfonie wohl noch nie gehört. Eine äußerst empfehlenswerte Einspielung.

    Ich finde es ganz wunderbar, wie persönlich und unakademisch Levit über die Sonaten spricht - so ein großes Podcast-Projekt über Klaviermusik gab es meines Wissen überhaupt noch nie. Toll ist auch, dass er zwischendurch immer wieder Motive und Themen vorspielt und richtig eintaucht in diese Welt. Und Levit ist ohne Zweifel ein famoser Pianst. Wirklich eine Entdeckung.


    Viele Grüße

    Christian

    "Persönlich und unakademisch" trifft es, lieber Christian - sofern die Folge zur 1. Sonate, die ich gestern auf deinen Tipp hin hörte, repräsentativ für die Reihe ist. Charmant auch, wie wenig gestellt der Dialog ist, wie spontan sich da die Bälle hin zu Mozart und Rosen und wieder zurück zu Beethoven gespielt werden. Da werde ich sicherlich in nächster Zeit noch weiterhören. Vielen Dank für deinen Hinweis! :thumbup:

    Die Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons gastierten am Dienstag, den 03. März, in der Elbphilharmonie. Auf dem Programm standen die ersten drei Beethoven-Sinfonien. Bis einschließlich Samstag spielt das Orchester in Hamburg alle neun Beethoven-Sinfonien, in der darauffolgenden Woche findet dieser Zyklus dann sogar ohne auch nur einen Tag Pause in München seine Wiederholung.


    Ich saß weit oben in Etage 16, Bereich X - schräg hinter dem Orchester.


    Ich habe die Wiener das erste Mal live gehört. Den Streicherklang empfand ich als exquisit, es kamen darin viele unterschiedliche Stärken zusammen: Feinheit, Kraft, Farbigkeit (manchmal ganz wunderbar silbrig) - alles extrem geschmackvoll ausbalanciert und wie aus einem Guss. Die Holzbläser fügten sich betont organisch in den Orchesterklang ein, sie kamen mir auf meinem Platz an ein paar Stellen aber etwas zurückhaltend vor, gerade an Phrasenenden, die so z.T. unhörbar wurden. Andererseits gab es da auch ganz großartige Momente, vor allem mit Blick auf die Oboe in der "Eroica".

    Die Hörner brauchten nach meinem Eindruck etwas Anlaufzeit, was aber nicht gravierend war; insgesamt waren Blech und nicht zuletzt Pauke erwartbar hochklassig. Die Qualität der Wiener ist natürlich nicht zu überhören - dennoch wurde es kein "großer" Abend. Die Interpretationen streichelten durchaus intensiv die Haut, gingen aber nur selten richtig darunter. Im Vorfeld hatte ich eine ähnliche Kritik zu der jüngsten Einspielung der neun Beethoven-Sinfonien gelesen. Andris Nelsons wurden darin musikantische Stärken, aber zu wenig Ergebnisprofil hinsichtlich der Auseinandersetzung mit den Tiefenschichten und der kontextuellen Aufladung der Kompositionen zugeschrieben. Und so hörte ich es auch. Es war manchmal, als ob die Musik einer ausgesprochen differenziert dargebotenen Klangästhetik genügen, darüber hinaus aber nichts "bedeuten" solle. Und das ist mir für ein solches Orchester und ein solches Programm zu wenig.

    Ein Gegenbeispiel war der langsame Satz der "Eroica" - hier hörte ich eine klangliche Sättigung, die mit Tiefe und in diesem Fall auch Abgründigkeit einherging. Mein Höhepunkt des Abends.

    Es ist ungemein wohltuend, lieber Holger, wie ausgewogen und besonnen du hier argumentierst.

    Morgen geht es mal wieder zum NDR Elbphilharmonie Orchester unter Alan Gilbert. Das Programm ist für meine Begriffe recht konventionell gestrickt, da hätte auch gern mal was Überraschenderes dabei sein können. Zimmermann gehört auch eher zu den häufig gebuchten Geigern des NDR. Und mit dem Berg-Violinkonzert bin ich noch nie so richtig warm geworden. Gleichwohl - ich freu mich drauf:


    A. Webern: Im Sommerwind

    A. Berg: Konzert für Violine und Orchester (Solist: Frank Peter Zimmermann)

    - Pause -

    J. Brahms: Sinfonie Nr.3, op.90


    Am Dienstag, d. 3. März, höre ich dann ebenfalls in der Elphi die Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons - und die Programmgestaltung ist nicht weniger konventionell, denn die spielen die Beethoven-Sinfonien 1-3. Ob ich mich drauf freue? Na klar! Eine Beethoven-Übersättigung gibt es bei mir nicht.


    Unkonventioneller wird die Programmgestaltung dann am 13. März beim Klavierrecital von Yuja Wang - habe gelesen, dass die Reihenfolge der Stücke von ihr spontan festgelegt wird.

    Niemand kennt doch die Wahrheit und Niemand kennt die Motive, warum Domingo sich jetzt veranlasst sieht, öffentlich Reue zu zeigen. Da gibt es sehr viele Möglichkeiten.

    Damit hast du natürlich vollkommen Recht, lieber Holger.

    Was wir wissen: Domingo hat seine Verantwortung für den "Schmerz" der Frauen eingeräumt, und damit - davon muss man in diesem Zusammenhang ausgehen - mehrfaches sexuell übergriffiges Verhalten.

    Dass es für mich eher wie eine persönliche Schadensbegrenzung aussieht, ist ein subjektiver Eindruck und resultiert aus Indizien: dem zeitlichen und inhaltlichen Verlauf der Angelegenheit sowie jetzt der Wortwahl seines Eingeständnisses.

    Ob er jetzt eine echte Einsicht in die Problematik seiner grenzverletzenden Übergriffigkeit hat, spielt für mich aber nicht die entscheidende Rolle bei seinem Geständnis - wichtiger finde ich, dass er grundsätzlich die Wahrheit zugegeben hat und damit klar macht, dass sein Verhalten falsch war.


    Edit: Melomane hat sich in #585 mit einem sachlich-informierenden Beitrag in die Diskussion eingeschaltet. Auch das gehört zur hiesigen Thread-Wahrheit.

    Herr Domingo hat siche nichts "eingesehen" sondern einfach eine strategische Entscheidung getroffen, bzw befolgt, die ihm Management und Anwälte gegeben haben. Eine Schaden - Nutzen Abwägung - nicht mehr und nicht weniger.

    Ich sehe ihn durch das Eingeständnis seiner wiederholten Übergriffigkeit ebenso wenig charakterlich rehabilitiert. Das wirkt jetzt in der Tat wie ein Akt persönlicher Schadensbegrenzung. Andererseits hat er sich grundsätzlich jetzt zur Wahrheit bekannt / bekennen "müssen". Ein Ableugnen wäre noch schlimmer.

    Ja, ich werde auch keinen einzigen Tonträger mit Domingo wegschmeißen. Und ich werde, wenn ich einen solchen mal wieder herauskramen sollte, mich darum bemühen, ihn als hervorragenden Sänger wahrzunehmen. Ich wüsste nicht, was daran nun zu entwerten wäre.

    Gleichwohl weiß ich spätestens seit heute, dass er sich jahrelang gegenüber Frauen höchst respektlos, anmaßend und die Macht seines Status missbrauchend verhalten hat. Und dass er seine Verantwortung einräumt, Frauen damit geschadet zu haben. Ich wüsste nicht, was daran nun zu beschönigen wäre.


    Liebe Boimortier!

    Deine Vorstellung von Katharina Konradi hat mich sehr gefreut (...) weil Du auf eine Sängerin aufmerksam machst, die zwar noch ganz am Anfang ihrer Karriere steht, von der aber schon bald ein Durchbruch zu erwarten ist.

    Vor Kurzem hörte ich sie zum dritten Mal - als Pamina in der mäßig geglückten Inszenierung von Jette Steckel in der Hamburger Staatsoper.

    Ich war gänzlich unvorbereitet in die Vorstellung gegangen und habe Konradi zunächst nicht erkannt. Sie sang ein hinreißend verinnerlichtes und klar sowie warm vorgetragenes "Ach, ich fühl's, es ist verschwunden" - für mich der sängerische Höhepunkt des Abends. Und als ich dann nachher den Besetzungszettel las, fiel es mir ein, dass sie für einige hier schon auffällig geworden war. Sie scheint sich weiterhin auf einem sehr guten Weg zu befinden.

    Der erste Dirigent, der mich so richtig umgehauen hat. war Wilhelm Furtwängler in der legendären "Don Giovanni" Aufführungam 10. August 1954 bei den Salzburger Festspielen mit der Traumbesetzung Siepi, Schwarzkopf, Grümmer, Dermota, Edelmann, Berger und Berry in der Felsenreitschule. .Für den erkrankten Gottlob Frick sang Ernster. Es wurde mir zum ersten mal bewusst, welche geradezu religiöse Aura der Pultmagier Furtwängler ausstrahlte. Unvergesslich für mich. Das erhaltene Tondokument ist eine meiner liebsten Opernerinnerungen.

    Herzlichst

    Operus (Hans)

    Das, lieber operus, ist für mich wirklich spannend zu lesen.

    Könntest du - ich weiß natürlich, dass die Erinnerung eine "unzuverlässige" Instanz ist - einmal versuchen in Worte zu fassen, welche Qualitäten Furtwänglers live besonders hervortraten, die auf der Aufnahme aber womöglich nicht entsprechend "abgebildet" sind?

    Ah, vielen Dank! :thumbup: Das ist in der Tat komplexer, als ich es erinnerte. Es geht da wohl wirklich um einen Aspekt der "eigentlichen" Darbietung des Stückes - also ans Eingemachte...


    Himmlisch fand ich übrigens u.a. die wenigen "Berceuse"-Takte, die man irgendwo in der Doku sah. ABM mit Chopin gehört zu meinen vielen Bildungslücken.

    Lieber Christian,


    aus der Erinnerung heraus hätte ich gesagt, dass die entsprechende Sequenz eher mittig platziert ist, aber mir fehlt gerade die Zeit, das genauer herauszufinden. Da du geschrieben hattest, du habest Garben sehr gut verstanden, dachte ich, der Zusammenhang sei dir ohne Weiteres präsent. Ich habe ihn nämlich beim Schauen zumindest nicht klar verstanden. Ich meinte, dass sich das vielleicht eher auf die "begleitende" Art des Auftretens bezöge, auf eine Art außermusikalischer Attitüde - und Holger bezog sich ausdrücklich auf den Aspekt einer musikalischen Inszenierung. Ich weiß nicht, ob ich da richtig liege.