(...) Der Interpret schafft also erst die Musik. Und tausende Threads hier im Forum beweisen, dass dieser "Transformationsprozess" von den Noten zur Musik eben kein mechanischer, sondern ein klreativer, künstlerischer ist.
Mir scheint es bei Oper und Aufführung nicht anders zu sein. Bei der Oper ist aber das involvierte Equipment deutlich größer als bei Kammermusik oder sogar Violine solo
. Bei einer Oper haben wir das Thema der musikalischen Interpretation aber eben auch der Interpretation des Librettos, wenn man so will. Das Geschehen auf der Bühne lässt sich IMO nicht mechanisch aus einem Libretto ableiten.
Der Begriff "Tranformation" suggeriert hier etwas, was mit anderen Begriffen leichter verständlich ist. Wir haben es hier mit ganz verschiedenen Kunstwerken zu tun. Mit Partitutr, Libretto, musikalischer Darbietung, szenischer Aufführung und und noch anderer künstlerischer Leistung, wie zum Beispiel der Regie, die, soweit ich es verstanden habe, die Aufgabe hat, aus alledem etwas Schlüssiges zu produzieren.
Das hier nichts Mechanisches stattfindet, habe ich versucht an einer Regieanweisung eines hypothetischen Librettos zu demonstrieren. (...)
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Das sind wohltuend bodenständige, der Realität verpflichtete Überlegungen. Aufführende Interpretation von Libretti und Partituren bedeutet immer Transformation von einer Kunstform (dass es sich bei Libretti und Partituren um eigenständige Kunstwerke handelt, steht für mich felsenfest) in eine andere Kunstform. Und bei Oper ist das Ganze in der Tat höchst komplex und bedarf ganz offensichtlich kreativ-gestalterischer Kräfte.
Ich selbst lehne u.a. deswegen nicht nur mit Blick auf die Oper den Gedanken ab, die an Kunstaufführungen Beteiligten seien "Diener" - wohlwissend, dass es nicht nur berühmte Komponisten gibt und gab, die sich in dieser Richtung geäußert haben (aus ihrer Sicht zumindest ansatzweise nachvollziehbar), sondern auch Interpreten selbst, die damit eine vordergründig besonders integere, demütige Haltung demonstrieren. Meine eigene Klavierprofessorin hat auch so gesprochen.
Aber das greift m.E. daneben. Igor Levit hat das irgendwo in seinem Podcast zu den Beethoven-Sonaten klar ausgesprochen: Der Interpret ist realistischerweise sein eigener Herr. Das hat überhaupt nichts mit Hybris zu tun, sondern kann ganz nüchtern mit Blick auf das Wesen der Dinge festgehalten werden. Der Interpret ist es, der abstrakte Schriftzeichen erst zu musikalischem Leben erweckt. Er selbst ist damit auch schöpferisch tätig. Schöpferisch deshalb, weil er Neues schafft: nämlich die eine, unwiederholbare, transitorische, auf unmittelbaren künstlerischen "Sinn" abzielende Aufführung, die es ohne ihn nicht geben würde.
Bezüglich der Oper handelt es sich um ein sehr großes Kollektiv von Interpreten, das der komplexeren Organisation und Abstimmung bedarf. Aber jeder Sänger, der da den Mund aufmacht, interpretiert seine Rolle notwendigerweise immer auch selbst - was kein Widerspruch dazu ist, dass er sich dennoch in ein Konzept einfügt. Und jeder Regisseur, selbst wenn sich dieser als "Diener" eines "Originals" oder des "eigentlichen Werkes" verstehen sollte (was ich aus oben genannten Gründen für unsinnig halte), muss auf jeden Fall mehr und etwas wesentlich Anderes tun, als nach "Bauanleitung" vorzugehen. Wir haben hier nämlich keine "Bauanleitung", deren handwerkliche Umsetzung ein tragfähiges "Gebäude" ergeben würde.