Beiträge von tastenwolf

    Gerhard Wischniewski


    Vincent Wolfsteiner, der Max im Berliner Freischütz hat mir einen Text zur Verfügung gestellt, in dem er ausführlich über die Inszenierung berichtet:


    Also: viel Vergnügen bei einem Bericht über Regietheater aus erster Hand



    Oper singen
    Text Februar 10, 2012
    Berliner Blöße


    Calixto Bieito ist ein katalanischer Regisseur, der für Inszenierungen bekannt ist, die in drastischer Deutlichkeit emotionale Abgründe zeigen. Zur Darstellung dieser Abgründe greift Bieito gerne auf sehr exponierte Darstellung von Körperlichkeit und Körperfunktionen zurück. Um mit diesem Regisseur physisch überzeugend zu spielen, war mein Körper im Januar 2009 – als ich das Angebot der Zusammenarbeit bekam - ungeeignet – nämlich zu fett und zu unbeweglich.


    Die Erkenntnis der Nichtvereinbarkeit zwischen Bühne und Fettleibigkeit war mir schon vorher – so im Frühling 2008 gekommen, aber die bewusste Einbindung einer physischen Intensität in die Darstellung im Musiktheater war mir erst nach der Premiere der von Barrie Kosky inszenierten Walküre in Hannover und dem kurz darauf folgenden Angebot des Freischütz an der komischen Oper bewusst geworden.


    Die ersten Abnehm – und Fitnessschritte – eben im Frühling 2008 - waren erstaunlich leicht, da ich auf Anraten meiner Mutter einen der großen geographischen Vorteile meines Heimatortes München nutzte und anfing, in den Bergen zu wandern. Aus dieser anfänglich nur als sportliche Unterstützung einer körperlichen Veränderung gedachten „Beschäftigung“ ist eine große Leidenschaft geworden. Wie immer, wenn Leidenschaft im Spiel ist, fällt das Unangenehme leicht, und so waren die ersten großen Schritte meiner physischen Neuerfindung richtig erfreulich – das half !




    Die Hannoveranische Walküre sollte auch gleich die ersten Diskussionspunkte in einem Gedankenprozess aufzeigen, der nachher noch ausführlich beschrieben wird. Diese Diskussionspunkte – oder genauer - Schwierigkeiten der möglichen Unvereinbarkeit zischen klassischem Musiktheater und – fast bin ich versucht zu sagen – „neuen“ Musikschauspiel waren aber noch so undeutlich, dass ich noch fröhlich in ein Experiment stolpern sollte, dessen Ergebnis heute, morgen und hoffentlich bis zum Ende meiner Karriere noch nicht feststeht.


    Nach dem Angebot des Freischütz an der Komischen Oper Berlin hängte ich mir ein Foto von Calixto Bieito an den Kühlschrank und begann einen Überlegungsprozess, der für den Darsteller im Musiktheater heute wohl öfters überraschenderweise notwendig wird.


    Das „klassische“ Musiktheater – für den Sänger liebevoll bis zu Walther Felsensteins „Komischer Oper“ Ära in Ostdeutschland und bis in die späten 60ger in Westdeutschland daraus bestehend, dass allemal das Bühnenbild „modernisiert“ wurde – der Sänger als Darsteller in seiner physischen Beweglichkeit aber im großen und ganzen in Ruhe gelassen wurde, bezog oder bezieht seine Berechtigung aus der Körperlichkeit des klassischen Gesangs.


    Um gut singen zu können, sollte der Ausführende in möglichst ordentlicher Haltung mit dem Gesicht zum Publikum gewendet dastehen, dann kann er sauber atmen und die Stimme schön nach draußen projezieren. Das stimmt übrigens … so ist Singen am leichtesten (und leider oft durch die akustischen Verhältnisse an einigen Häusern notwendig). Die ersten Schritte … aber auch die weiteren Schritte, dies zu ändern stießen und stoßen auf Widerstand:


    Erst einmal auf den der Sänger: … „so kann ich nicht singen“ … „so hört man mich nicht“ … „das ist viel zu anstrengend“ … „da mache ich mich ja lächerlich“ !


    dann auf den des Publikums: „warum liegt denn der immer am Boden rum ?“ … „das sieht unmöglich aus, wie der sich bewegt“ … „ich komm doch her, um Oper zu hören und nicht, um mir irgendein Rumgezappel anzuschau’n“ …


    „ dann hätte er Schauspieler werden sollen“



    Mir kommt es so vor, als ob sich daraus ein lang anhaltender Konflikt in der Kunst des Musiktheaters ergeben hat, der eigentlich traurig ist. Durch die Trennung der Gedankengänge der Regisseure und der Musiker hat sich innerhalb der Produktion unserer Kunstform eine Kluft aufgetan, die einem Neuentstehen eines Gesamtkunstwerks (hoppalla, da ist ein unmoderner Ausdruck) schlicht und ergreifend im Weg stand und steht. Freilich wurde der noch unterstützt durch allerlei Unsitten – oft angefeuert durch die Politik – und die Lager (Regie – Musiker) entfernten sich immer weiter voneinander.


    Ich glaube, daß der Hauptmangel in der „Spielbereitschaft“ liegt. Und hier ist das wirklich in direktem Bezug auf das Wort „spielen“ gemeint. Weder Regisseure, noch ausführende Bühnenmusiker scheinen innerhalb ihrer vorgefassten Meinungen – beim Regisseur das Konzept… beim Musiker die Partitur – spielbereit zu sein.


    Das Herumspielen mit Ideen und Möglichkeiten auf der Probe ist aber der eigentliche künstlerische Schaffensprozess auf der Bühne. Das ist ja nun – angesichts der Fülle der Literatur über die Arbeitsweise der großen Opernschaffensmeister der letzten Jahrhunderte und letztendlich ihrer selbst geäußerten Meinungen– weiß Gott keine neue Erkenntnis. Ich möchte - um Gottes Willen - hier jetzt nicht so klingen, als ob ich diese Weisheit gepachtet hätte. Viele Sänger heute, junge wie alte, sind - auch schon viel früher als ich - zu dieser Erkenntnis gelangt und steuern ihr entgegen. Auch in dieser Produktion war die intensive und lustvolle Darstellung der Kollegen durchaus Zeichen für den Willen - und dies ist an der Komischen Oper Berlin fast schon Programm -, bestehende Strukturen zu brechen. Aber ich hab halt gedacht, daß diese Produktion mein persönlicher Kampf gegen den Musik - Theater - Konflikt werden soll.


    Mit dem Angebot der Zusammenarbeit mit Calixto Bieito beschloß ich für mich auszuprobieren, wie weit ich gehen kann. Dazu war eine vernünftige Physis, eine bessere Kenntnis von Schauspieltechnik und eine ungewöhnliche Arbeitsweise im Rollenentwicklung – und Gestaltungsprozess notwendig.


    Der Abnehm – und Fitnessvorgang war also schon im Gange. Mit Barrie Kosky in der Walküre, aber auch mit Sebastian Ukena in der Oldenburger Inszenierung Hindemiths Cardillac, habe ich ausprobiert, wie’s mit der Schauspielerei intensiver gehen könnte. Über die Limitationen der körperlichen Schauspielerei im Musiktheater werde ich mich irgendwann noch mal ganz ausführlich auslassen, genauso wie über die textuelle Rollenentwicklung, aber die Grenzen wurden mir sehr schnell klar … es ist für die Qualität der musikalischen Darstellung gefährlich, den Körper auf der Bühne zu schnell und zu stark zu entkräften und sich in einen Zustand der emotionalen Erschöpfung zu spielen.


    Selbst die statische Körperspannung kostet Kraft – und Spannung die „Verspannung“ darstellt, kann gesanglich schädlich sein, da das Singen auch körperliche Entspanntheit erfordert. Im letzten Jahr habe ich dann während der Vorstellungen daran gearbeitet, die Körperkräfte während einer Vorstellung so einzuteilen, dass – aus meiner Sicht - ein vernünftiger Kompromiss zwischen physisch intensiver Darstellung und „Schöngesang“ erreicht werden konnte – teilweise – der Publikumsreaktion entnehmend – mit großem – teilweise aber auch nur mit mäßigem Erfolg.


    In meiner Unbekümmertheit hatte ich aber fröhlich weiter vor, diese Entwicklung weiterzutreiben – Ziel war ja der Freischütz in Berlin…


    Auf der in diesem Blog beschriebenen Rückfahrt vom Einspringer in Ostrava war mir noch eine Idee gekommen. Die Form der Arbeit, die ich mir zur Weiterarbeit an der Bühnenintensität vorstellte, schien mir mehr Arbeitskraft zu verlangen, als die einer (also meiner) Person und des „normalen“ Regieteams – das sich ja immer um alle Darsteller kümmern muss und nicht nur um mich … auch wenn der Tenor das gerne so sieht. Ich dachte mir, dass eine darstellerisch individuelle Betreuung notwendig sein würde, um im Detail mehr Fortschritt machen zu können, als durch die von mir bisher erfahrene szenische Arbeit in einer Produktion. Ich konnte Annika Maier, die die Regieassistentin des Cardillac in Oldenburg gewesen war, für diese Idee der persönlichen künstlerischen Assistenz gewinnen.


    Die erste Erfahrung mit Calixto Bieitos Arbeitsweise war dann erst einmal verwunderlich, da garnix passierte. Heftigst motiviert reiste ich nach Berlin und der Probenbeginn wurde zweimal um je eine Woche verschoben. Einerseits wie auf glühenden Kohlen sitzend, andrerseits die Vorzüge der Stadt genießend, versetzte ich mich in einen seltsamen Zustand, der für immer die emotionale Grunderinnerung an diese Produktion sein wird, da er in seiner Aufgeregtheit bis zur Premiere anhielt.Die vom Theater gestellte Wohnung war cool gelegen – unter den Linden – mit einem milchglasumrandeten Bett – was ihr den Spitznamen „Aquarium“ einbrachte. Der Blick aus dem Fenster auf die bayerische Vertretung ließ eventuell aufkommendes Heimweh verschwinden.


    Am 16. Dezember begannen dann endlich die Proben und schon nach dem Konzeptionsgespräch war mir klar, dass ich genau richtig vorausgeahnt hatte und Calixto der ideale Partner für meine Vorstellung von Musiktheaterdarstellung und meine Experimentierfreudigkeit sein sollte.


    Also … mit voller Wucht an’s Werk ! Alles, was ich hatte, schmiss ihm entgegen, alles, was er von mir wollte, hab’ ich erst einmal ausprobiert. „Selbstzerstörungswut“ war noch eines der freundlichen Worte über meine Arbeitswollust und die stimmlichen Schwierigkeiten sollten mich zunächst nicht interessieren; das war ja klar, dass sich der Körper und die Stimme an so eine Extremsituation erst einmal gewöhnen werden müsste. Calixto Bieito ist ein Versucher und ein geschickter, diplomatischer Manipulator. Und – wie so oft in der Theaterwelt – sind solche Attribute durchaus nicht negativ zu verstehen. Er verfügt eben über die Fähigkeit, den Darsteller von Handlungen zu überzeugen – oder ihm sogar den Eindruck zu vermitteln, dass diese Handlungen die Idee des Darstellers gewesen sind, auf die er sich mit vielen anderen Regisseuren nicht einlassen würde. Seine Regie besteht in der Hauptsache aus Motivation und nicht aus Anweisung, sie baut auf Improvisation, Zufallsergebnisse und permanenter, fast chaotischer Weiterentwicklung. Hier konnte ich mir dann auch noch den Luxus erlauben und mich dieser Technik gnadenlos unterwerfen, da ich ja wusste, dass das wachsame Auge meiner Assistentin eingewachsene Schludrigkeiten sehen und wieder ausbügeln würde – so war’s dann auch …



    Der Freischütz von Carl Maria von Weber geht so:


    Eine Deutsche, barocke Jägerkommune lebt im tiefen Wald glücklich zusammen. Die Ehrbegriffe des jägerischen und des schützischen Wettbewerbs sind – neben des Fürsten und Gottes Wort - oberstes Gesetz. Der sich daraus ergebende Aberglaube ist nicht nur Begleiterscheinung, sondern Dogma. Die äußere Lebensform ist soziale Notwendigkeit, die Individualität verdächtige, ketzerische Ausgrenzung. Zu Beginn unserer Oper gibt es schon einen ausgegrenzten … Kaspar, den Jagdgesell, der aus Verzweiflung darüber, daß er seines Arbeitgebers Kuno schöne Tochter, die Erbförsterei und alles an Macht und sozialer Stellung, die er sich für sich selber erwartet hatte, nicht einfach so bekommen wird, sein Leben schon dem Teufel verschrieben hat. Inzwischen ist die vom Teufel erkaufte Zeit schon aufgebraucht und für Kaspar geht es gar nicht mehr um die Erlangung von irgendwelchen gesellschaftlichen Positionen, sondern nur noch um’s nackte Überleben, oder besser …nicht in der Hölle zu landen. Dies kann ihm aber nur gelingen, wenn er neue Opfer für den Teufel findet, die ihm seine Höllenfahrtfrist verlängern. Deswegen hat er vor Wochen schon den Jagdgesell Max verflucht, nix mehr zu treffen – weder Wild noch Scheibe – und ihn damit an den Rand der Verzweiflung gebracht. Die Oper beginnt also mit einem wichtigen Wettbewerbsschiessen, bei dem ausgerechnet der in der sozialen Stellung fünf Stufen unter Max stehende Kilian Maxes Ziel leicht trifft. Als dieser den dafür angemessenen Hohn vor versammelter Mannschaft äußert, bekommet er’s mit Max Temprament zu tun. Vom Oberförster geschlichtet, wird Max trotzdem die Situation vor Augen geführt: er hat versagt und wenn er am nächsten Tag nix trifft, gibt’s keine Oberförstertochter und keine Försterei. Max bleibt zurück und verleiht seiner Verzweiflung in einer langen, schweren Arie Ausdruck. Das Ende seiner Jammerei bekommt der wiederauftretende Kaspar noch mit und versucht den durch raue Mittel inzwischen besoffen gemachten Max dazu, sich in die Wolfsschlucht – den verruchten Eingang zur Hölle – zu begeben um dort mit Kaspar um Mitternacht Kugeln zu gießen, die alles treffen. Das da noch eine Extrakugel bei rausspringt, deren Ziel der Teufel frei bestimmt, scheint zu diesem Zeitpunkt für Max Nebensache.Nächste Einstellung ist die Charakterisierung Maxes Liebe Agathe und ihrer engen Freundin Ännchen. Agathe liebt Max, hat kein Interesse an dem ganzen Testosteronigedöns und will ihn so wie sie ihn kannte, lustig und unbeschwert. Ännchen sieht die Welt sowieso durch eine zwanghaft rosarot gefärbte Brille und ihr Rat, das alles nicht so ernst zu nehmen prallt an Agathes Sorgen ab. Als Max auftaucht und gesteht, dass er sich jetzt – um „irgendwas“ zu machen – in die Wolfsschlucht begibt, hängt der Hausfrieden schief und er muss das bisschen Charme, das ihm zur Verfügung steht, aufbringen um Agathe etwas zu beruhigen.Kaspar hängt inzwischen in der Wolfsschlucht rum und bereitet die Einflussnahme des Teufels – in dieser Oper mit dem gar nicht so bös anmutenden Namen „Kilian“ versehen – auf die Verfluchung von sieben Kugeln und den Untergang Maxes vor. Als Max ankommt, wird er sofort von der bösen Aura des Ortes in seinen Bann gezogen und die Visionen, die ihn in den Wahnsinn treiben, begleiten das Gießen der bösen Kugeln. Den Abschluss der kompletten Verdammung bildet die Fertigstellung der siebten Kugeln – Max hat sich dem Bösen verschrieben – sein Untergang ist ihm gewiss. Agathe sieht Max im Traum als Mann vor der Hochzeitsnacht. Sie erkennt seine Stärken und Abgründe und vertraut Gott sie in ihrem Verhältnis zu Max richtig zu leiten. Als die ankommende Brautjungferngesellschaft bis zur Unerträglichkeit zu nerven scheint, löst sich das allgemeine Unwohlsein in der Ankunft der ganzen Jägerkommune, die fröhliche einen unglaublich ohrenkleberischen Jägerchor intonieren. Danach ist es an Max seinen Probeschuss zu absolvieren, der trifft alles, nur nicht das Ziel und sein Heil muss durch einen Walderemiten gerettet werden, der für ihn bittet. Ach so, ja vor dem plötzlich anwesenden Fürsten … ach so ja, der Max eigentlich verbannen will …irgendwie sind dann immer alle irgendwie zufrieden.



    Als Interpretationsansatz wollte Calixto die Natur … den Wald als zentralen szenischen und emotionalen Ausgangspunkt für die Inszenierung setzen. Nicht nur als eine Ansammlung von Bäumen, sondern als metaphysischen Zustand, ja als Bedrohung und Schutzhöhle, nicht nur für die Protagonisten dieser Oper, sondern für uns alle. In seiner Verzweiflung kehrt der Verzweifelte dahin zurück, wo es keine Verzweiflung geben kann, da außer den Naturgesetzen keine gelten … in den Wald. Dies ist in dieser Inszenierung durchaus nicht nur bildlich zu verstehen, sondern Max, der die Natur, den Wald immer als festen Bestandteil seiner Persönlichkeit gesehen hat – vielleicht in gewisser Weise mehr als die anderen Mitglieder der Jägerkommune – findet diesen Naturzustand Wald (und interssanterweise nicht Agathe) als völlig offensichtlichen Rettungsplatz, als er keinen Ausweg mehr im sozialen Gefüge der Menschenwelt sieht. Max rettet sich also in einen Natur – in einen Urzustand. Als Calixto mir den beschrieb, war mir völlig klar, dass da die leicht erwartete Nacktheit Realität werden würde. Ein Naturwesen, ein natürlicher Urzustand ist nicht bekleidet. Da mir das schon selber klar war (lassen wir es dahin gestellt sein, wer oder was mir diese Klarheit verschafft hat), kam mir die Nacktheit in dieser Inszenierung nicht nur logisch, sondern auch notwendig vor.


    Nackt auf der Bühne:


    Für alle szenischen Proben der Vorbereitungphase hatte ich Unterwäsche an. Die „Hauptprobe Klavier“ ist im Musiktheater meistens das Equivalent zur schauspielerischen AMA (alles mit allem) – das heißt, die erste Probe, in der möglichst viele Elemente der letztendlichen Darstellung entsprechen sollen. Dies war die Probe für die ich mir die erste Nacktheit vorgenommen hatte. Eigentlich nicht wirklich mehr aufgeregt als sonst (dies ist immer eine sehr schwierige Probe) stolperte ich in die Wolfsschlucht und den Zeitpunkt der Entblößung.


    Bis heute finde ich, dass zu viel Gedönse um die Nacktheit – die im Schauspiel schon lange langweilige Nebenerscheinung ist – gemacht wird, aber die erste nackten Schritte auf der Bühne sind interessant. Scham wäre das Sentiment, das ich gefürchtet hatte – das blieb aus. Vor vielen Menschen nackt zu sein, löst bei mir genau das aus, was Max emotionaler Zustand ist. Verletzlichkeit, Assozialität, Entfremdung und Urzustand. Ich fühle mich während der Bühnennacktheit verwundbar, nehme meine Umwelt in großem Detail wahr und hab Spaß an einer ungewöhnlichen Sensibilität meinen Mitspielern – vor allem meiner bezaubernd spielenden Kollegin Ina Klingelborn – gegenüber.


    Die schlimme Probe:


    Bei der – eine Woche später folgenden – Hauptprobe war die Nacktheit sogar schon ein bisschen einfacher – trotz groß anwesender Pressepräsenz.


    Und bei der Generalprobe ging’s schief. Zum ersten Mal wurde das Ende der Wolfsschlucht so ausgeführt, wie’s die finale Fassung vorsah: ich ende vor dem eisernen Vorhang (das ist der Brandschutzvorhang auf jeder Bühne – der inzwischen gerne als Inszenierungselement eingesetzt wird) – nackt auf einem umgestürzten Baumstamm kauernd, tierisch schnaubend ab … das Licht geht völlig aus und ich sollte zusammen mit einem getöteten Statisten im Dunkel von der Bühne huschen. Dies war nie so geprobt worden und als ich da im Dunkel auf meinem Stamm abendete, begann das Probenpublikum – das in seiner Anzahl ungewöhnlich beträchtlich war – mit kräftigen Unmutsäußerungen … Buhs. Ich sah mich auf einmal auf diesem Baumstamm hocken, nackt … vor ungnädigen Leuten, nicht mehr im Bühnenlicht, sondern exponiert – die Nacktheit nicht mehr Kostüm, sondern mein Körper als Spottbild des Publikumsunmuts. Und da – für einen Moment, den ich immer vermeiden will – denke ich auf der Bühne nicht über meinen nächsten Schritt nach, steige vom Baumstamm und gehe dahin, wo ich den Ausgang vermute. Ich bin dann in der Dunkelheit auf den Statistenkollegen gestiegen und hab ihm wehgetan … interessanterweise lag der auch nicht in Richtung Ausgang, sondern in Richtung Orchestergraben, was bedeutet, dass wenn ich weitergewandert wäre, ich im Graben gelandet wäre. Das war nicht schön !


    Nach der Pause ist dann Agathes Traum noch so inszeniert, dass ihr der nackte Max in ihrer Vorstellung der Hochzeitsnacht folgt und ihr gegenüber eindeutige Posen einnimmt. Als dann dieses Publikum auch noch – aus welchem Grund auch immer – während dieser Szene lachte, war ich voll von der Rolle. Mehr als einmal kam mir der Gedanke, die ganze Nacktheitsgeschichte sein zu lassen – die Menschen da draußen scheinen sich mehr über einen nackten, 45 Jahre alten Männerkörper aufregen zu können, als darüber, dass eine Bundesregierung Hochverrat begeht, damit Bankeninvestoren Profit machen können.



    Ich muss dann meinem Premierenpublikum und vor allem dem Publikum der zweiten – gefürchteten – Vorstellung das Kompliment machen, dass von dieser Feindseligkeit, oder peinlichen Berührtheit dann nichts mehr zu spüren war … Danke !


    Die Premiere verlief sehr gut. Ich war stimmlich zufrieden (nachträglich – nie ein gutes Zeichen) und fand der ganze Abend verlief reibungslos. Bravo und Danke an die lieben Kollegen ! Der Applaus war warm und kräftig, die Buhs für die Regie nicht über dem „normalen“ Maß für eine Inszenierung dieser Tage. Die Reaktion meiner “Entourage” bestehend aus einem harten Kern von Familie und Freunden aber auch die von Bekannten und Kollegen auf der Premierenfeier war anders als sonst - fast ein unterliegendes Gefühl von Entsetzen war da zu spüren aber in der allgemeinen Wirrnis der Premierenfeier hatte ich nicht das Gefühl, dass der Abend sich großartig von meinen bisherigen Premieren unterschied.


    Auf der Heimfahrt von Berlin nach München am nächsten Tag hörte ich dann auch prompt die erste Kritik – 10 Minuten lang auf BR Klassik, mit einer sehr netten Bemerkung über mich und war auf durchaus positive Pressereaktion eigestellt.


    Ich habe in meiner gesamten (allerdings recht kurzen) Karriere erst eine richtig schlechte Kritik erhalten – und die verdient, da ich vor der Premiere nicht die nötige Disziplin eingehalten hatte, um ordentlich zu singen. Was jetzt kam war echt hart. „O-beinig“ (ich hab’ O-Beine, aber was hat das mit meiner Darstellung zu tun ?) „es fehlt ihm der Wille zur lyrischen Gestaltung“ „ohne dramatische Durchschlagskraft“ „(verkrampft)“ … in Klammern erwähnt zu werden, ist irgendwie besonders beleidigend, „grobkörniger Tenor“ etc, etc… Ich weiß, ich weiß … über sowas sollte sich ein Künstler nicht aufregen, wer sich in die Öffentlichkeit begibt, sollte nicht verletzt sein, wenn sie ihn schlachtet. Nur die erste Erfahrung mit einer so geballten Feindseligkeit war ein bisschen viel. Ich gebe zu, dass ich immer noch daran nage und frage mich, wie lange wohl noch ….


    http://www.komische-oper-berli…/der_freischuetz/trailer/



    Es stellt sich also abschließend die Frage, ob meine Ergeiz die Bühnendarstellung betreffend falsch war. Je länger ich über diese Frage nachdenke, umso mehr habe ich den Verdacht, dass ich es übertrieben habe und mir die technischen Mittel zur überzeugenden schauspielerischen Darstellung immer noch fehlen. Also … das Experiment geht weiter - mehr gibt’s dazu einfach noch nicht zu sagen.


    Jetzt – nach der zweiten Vorstellung – hat mich die umgehende Erkältung in ihren Griff genommen und gezwungen, die dritte Vorstellung abzusagen. Es liegt eine Woche der Reflexion, aber auch der abschließenden Vorbereitung meiner nächsten Produktion – Jenufa – in Innsbruck hinter mir.

    Kommen wir doch endlich wieder zu dem, was im Thema gefordert ist, nämlich "Sammelplatz für absurde und lächerliche Inszenierungsideen". Nach einer solchen Vorstellung darf dann jeder sagen, was er genau von dieser Szene hält.


    Irrtum, denn entweder besteht der Thread dann nur aus Beiträgen, in denen man jene als absurd und lächerlich bezeichneten Ideen zu beschreiben versucht, oder man darf diese auch kommentieren, aber dann sind den Kommentaren vom Titel her keine Grenzen gesetzt.


    Übrigens hatte ich noch einen weiteren Aspekt gefunden, der die Idee einer puristisch historischen Vorstellung ebenfalls absurd und lächerlich macht.
    Nicht nur die Bühnentechnik, die Infrastruktur bzw. Inneneinrichtung und sanitäre Ausstattung eines Theaters sowie die komplette Beleuchtung ist klarerweise Werk des 20. bzw. 21. Jahrhunderts.
    Auf moderne Lichtstimmungen zu verzichten, um ein historisch einwandfreies Bild zu erhalten, fällt kaum jemandem ein.
    Die elektrischen Hilfsmittel der Technik verkürzen die Umbauzeiten enorm... in früheren Zeiten müssen auch Szenenumbauten minutenlang, Zwischenaktpausen halbstündig und noch länger gewesen sein... (das sind nur geschätzte Angaben) auch das gehört zum historischen Theatererlebnis - bezogen auf die Zeit der Entstehung des Werks (nicht jedoch auf die Zeit, in der das Werk spielt.)
    Text und Musik stammen mit viel Glück aus derselben Epoche, mit weniger Glück ist das Libretto eine Bearbeitung eines älteren Textes, also noch weniger Kontinuität,
    Und letztlich hören wir Instrumente aus verschiedenen Epochen, nachgebaute Instrumente, umgebaute Barockgeigen (!), aber daneben moderne Holz und Blechbläser, alles gespielt von zeitgenössischen Musikern...
    Aber die Kostüme müssen zwingend einer Epoche zugeordnet werden können. Diese Logik verstehe ich nicht.


    Zusätzlich noch: die Soziologie ist eine recht moderne Wissenschaft, deren Themen noch nicht allgemeine Verbreitung gefunden haben, nehme ich an.
    Eine Information über Ort und Zeit eines Ereignisses ist für mich lediglich aus dieser Sichtweise interessant, da sich gesellschaftliche Konflikte aus soziologischen Besonderheiten ergeben.
    Unter diesem Aspekt ist es wichtig, dass bestimmte gesellschaftliche Merkmale gegeben sind, damit ein bestimmter Konflikt entsteht, bestimmte religiöse Haltungen, bestimmte moralische Richtlinien, bestimmte gesellschaftliche Voraussetzungen wie die Machtpolitik der Familien, die bei manchen venezianischen Geschichten oder natürlich Romeo und Julia erzählt.
    Stimmen die Faktoren überein, kann eine Geschichte anders erzählt werden und behält ihre Gültigkeit... das kann man auch bestreiten...
    Was man nicht kann, wäre, zu behaupten: dass generell eine Geschichte nur zu einem Zeitpunkt und an einem Ort passieren konnte.
    Es lassen sich nur wenige Ausnahmen finden, die so genau auf einen historischen Zeitpunkt fixiert sind, dass sie in anderer Form undenkbar wären.


    Das ist leider noch ein Aspekt, alles was sich auch anders denken lässt, lässt sich auch anders darstellen. Dem Denken hier eine Grenze ziehen zu wollen, ist ein eigenartiger Versuch.


    Eine Geschichte, die aus einem historischen Zusammenhang gelöst wird, gewinnt übrigens einen neuen Charakter dadurch - sie kann zur Sage, zum Märchen, oder sogar zum Gleichnis werden... gerade letzteres versteht man dann nur noch in einer Übertragung.
    (oder will jemand behaupten: Jesus von Nazareth wollte der Menschheit etwas über die richtige Viehzucht mitteilen?) ;)


    man müsste also als Zuschauer mit dem Regisseur befreundet sein oder lange mit ihm zusammen sein, um ein wenigsten einzelne seiner schrägen Absichten kennen zu lernen. Ob man sie akzeptiert, ist ja, wie du selbst eingestehst, eine große Frage.
    Dazu hat aber der Zuschauer nicht im geringsten die Möglichkeit, abgesehen davon, dass eine totale Entstellung des Originalwerks (damit sind nicht moderate Abwandlungen in Kleinigkeiten, die die Originalhandlung nicht stören, gemeint. Über Nachtstöpfe untern Bett würde ich noch nicht unbedingt ein Wort verlieren) für mich und die Meisten immer eine Verunstaltung (du kannst das ruhig mit Diskontware, aber verdorbener, vergleichen) und eine Zumutung übelster Art bleibt, gegen die ich auch bei einem befreundeten Regisseur protestieren würde.


    Das denke ich nicht, dass man dazu keine Gelegenheit hat. Wer sich informieren will, kann über Dramaturgen, Theaterwissenschafter und Regieassistenten leicht einen Zugang zu neuen Denk- und Sichtweisen finden. Gerade Einführungsmatineen bzw. Vorträge bieten Gelegenheiten, Menschen kennenzulernen, die einem beim Verständnis problematischer Ideen auch helfen können. (Problematisch sehe ich hier ebenfalls wertfrei: also eine Sache, die Probleme aufwirft oder aufzeigt...!)
    Meistens macht der (Kommunikations-) Ton die Musik... ein bisschen an Offenheit und Information wird man auch selbst beitragen müssen, nur Fragen stellen, ist zu wenig.


    Der Vergleich mit Diskontware war auf den Begriff bezogen.... soll heissen: Menschen, die meinen, bei Lidl oder Aldi gäbe es generell keine qualitativ zufriedenstellenden Produkte verwenden den Begriff Diskontware in ähnlicher Weise.
    Ich kann nur erneut daran erinnern, die Ursache dieser "Zumutung übelster Art" auch bei sich und der eigenen Auffassungsgabe zu suchen.
    Im psychischen Bereich sind Allergien nicht möglich, oder? Also muss leider jeder bei sich selbst den Grund für diese Erregung finden, die durch irgendein Requisit ausgelöst wird.

    Vergleiche hinken immer, so ist es nun mal. Aber entscheidend ist doch, ob sie eine Erschließungsfunktion haben. Wenn man bei Brendels Mozart den Schubert merkt oder bei Michelangelis Brahms den Debussy, dann ist das eine Bereicherung. Wenn allerdings bei Anne Sophie Mutter der Brahms mit einer Gefühlswelt von Scriabin gespielt wird, dann stört mich das.


    Das ist sehr gut, dieses musikalische Thema anzusprechen, obwohl es uns in denselben Historismus führen kann, dass es eben untersagt werden sollte, Interpretationen aus anderer Sichtweise zu machen.
    Man kann es als Bereicherung sehen, oder als stilfremd, diese zwei Möglichkeiten bestehen in der Realität und sind nicht aus der Welt zu schaffen...
    Eine Fixierung auf Richtig und Falsch (wie sie übrigens leider auch hier auftaucht) auf der Suche nach dem "einzig wahren Kunstwerk" behindert nicht nur eine sinnvolle Diskussion, sondern erstickt die Kunst in einem analytischen Wirrwarr von Anschuldigungen und Rechtfertigungen.


    Ich habe auch schon den Spiess umgedreht und Reger nach Ansicht heutiger barocker Interpretationen modifiziert.
    bis etwa 1800 waren die musikalischen Angaben zur Interpretation eher selten... danach begannen einige, sich möglichst genau festzulegen, andere wollten weiterhin die Freiheit der Interpretation zulassen.
    Reger hat Bach vermutlich so gesehen, wie ihn die Interpreten seiner Zeit (Straube) gespielt haben... daher klingt eine Bachfuge dieser Epoche sehr ähnlich wie eine von Reger... hätte es seinen Stil verändert, wenn es nicht gerade Mode gewesen wäre, extreme dynamische Kontraste zu machen? Ich denke, ja.
    Und Straube selbst hat auch gelegentlich Regers Orgelwerke mit einer Art barocker Registrierung aufgeführt. (Wobei ich Regere Stil näher bei Buxtehude sehe, als bei Bach)

    Da bin ich mir nun weniger sicher und fühle mich sehr auf Seiten der sogenannten Gegner des sogenannten Regietheaters. So vieles ist zur Masche geworden. Man merkt die Absicht und ist sehr verstimmt. Es muss ja gar nicht die gleiche Skandalinszenierung sein, denn die nächste neue ist auch nichts anderes.


    :)
    Meine Meisterschaft sehe ich bei der Tastatur eines Instrument (bevorzugt Klavier...), weniger bei der Computertastatur.
    Wie die meisten hier schreibe ich aus privatem Interesse und eigenem Antrieb, mit wissenschaftlichen oder literarischen Lorbeeren hat das nichts zu tun.
    Leider nehmen sich nur wenige FachkollegInnen die Zeit, um so eine Diskussion zu führen.


    Das 'Selten genug' war nicht sehr präzise... das sollte kein Bedauern ausdrücken. Die Versuche, Skandale zu überbieten, müssen auch logischerweise ins Leere gehen, weil sich Tabuverletzungen nicht ins Unendliche steigern lassen.
    Die Möglichkeit, die eigenen Reaktionen von der heftigen Empörung über die nüchterne Kenntnisnahme ( Rückseite eines Theaters?...schon gesehen) bis hin zum gelangweilten Gähnen (noch immer dieselben Requisiten: Regenschirm, Koffer, Sarg...) zurückzunehmen, steht ja jedem offen. Wer gerne in eine Diskussion Energie investiert, soll doch darauf achten, dass seine vorgebrachten Überzeugungen in der Sache etwas bewirken. Briefe an Intendanten und Dramaturgen finde ich viel sinnvoller als Tamino-Debatten.
    Allerdings gilt es, die Formen der Höflichkeit einzuhalten... unverschämte und unsachliche Briefe landen immer im Papierkorb.


    Ich bin bis zu 7 Wochen mit der Anwesenheit eines Regisseurs konfrontiert, man lernt sich näher kennen, als es einem lieb ist, aber man erfährt viel über die Absichten.
    Das und die persönliche Freundschaft mit einigen RegisseurInnen hat mich solchen Sichtweisen viel näher gebracht.


    Meine Eltern waren beide Lehrer, ich habe Musikpädagogik studiert und konnte viele Lehrmeinungen im Theaterbetrieb einbringen. (Elementare Musikerziehung ist bei einigen Tenören und Soubretten die angebrachte Methode.)
    Sehe ich die Parallele richtig, dass ein Lehrer manchmal dann fachliche Erfolge erzielen kann, wenn er bei der Klasse eher gefürchtet als beliebt ist?
    Beim Vorbringen und Vermitteln der eigenen Überzeugungen lassen sich vermutlich einige Gemeinsamkeiten zwischen Lehrern und Regisseuren herstellen.
    Manche sind von ihrer Überlegenheit überzeugt und sehen den Balken im eigenen Auge nicht, manche glauben , mit dem Holzhammer losschlagen zu müssen - aber doch nur, weil sie das Publikum für dumm halten... die Publikumsreaktionen lassen diesen Schluss viel zu oft zu. Und Lehrer, die beliebt sein wollen, sind rückwirkend betrachtet nicht die effektivsten.
    Aber ich finde die nichtssagenden Regisseure am allerschlimmsten... das Totproben durch unzählige Wiederholungen, die "Bietet mir was an!" Ansage... zum Schluss kommt gut funktionierendes Ballett raus, weil jeder seine Choreographie kennt. (aber auch die Lehrer, die bloss nach dem Buch vorgehen, bei denen man den mangelnden persönlichen Einsatz spürt.)
    Eine der intelligenten Ansagen der Regie lautet: "Sich so auf der Bühne zu bewegen, dass man den persönlichen Antrieb (im Sinne der Regie, nicht Antrieb des Sängers als Privatperson!!!) merkt, nicht bloss: hier hat der Regisseur gesagt: ich soll 4 Schritte nach links gehen und dann singen...)



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    Eindeutigkeit würde ich so interpretieren, dass man nur diese Sichtweise für richtig und zulässig hält... analog zur konservativen Meinung... die ich aus diesem Grund ablehne; nicht etwa, weil mir die Inhalte von vornherein zu banal wären.
    Das unterstelle ich keinem einzigen Regisseur, dass er seine andersartige (Verunstaltung ist für mich ein unnützer Begriff ähnlich wie Diskontware... mit Qualität haben diese Bezeichnungen nicht das geringste zu tun.) Darstellung als die einzig richtige bzw. mögliche sieht. Er besteht aber auf seinem Recht der Meinungsäusserung... innerhalb seiner künstlerischen Möglichkeiten, deshalb hat er den Beruf ergriffen, bzw. den Job angenommen. (Überall zu unterstellen, dass es um Unsummen geht, die ein Intendant seinem Freundeskreis zukommen lassen will, ist doch zu einfach.)
    Die "künstlerischen Möglichkeiten" sind natürlich frei interpretierbar. Aber provokante, zugespitzte Darstellung ist nun mal eine Kategorie, wie auch die konservative historisierende... Ein Ausdrucksmittel, weiter nichts... Bewertungen und Ranglisten interessieren mich nicht, das sehe ich als Merkmal der Popularkultur. Aber auch jene Intendanten, die in den Fachzeitschriften erwähnt werden wollen, müssen sich immer mehr einfallen lassen, um nachhaltigen Erfolg zu haben, nicht bloss Eintagsfliegen wie Düsseldorf, oder irre ich mich? Insofern ist die Entwicklung hin zu etwas anderem - das wir jetzt noch nicht kennen - unaufhaltsam.
    Eine sehr intelligente Form von Synthese zwischen Ästhetik und Aussage sehe ich zB: bei Renaud Doucet und Andre Barbe... die Rusalka an der Volksoper ist ein Beispiel für den Einsatz technischer oder choreographischer Elemente in durchaus konkretem Zusammenhang. Aber auch hier gibt es Requisiten, die verstörend wirken können... nur um die sensiblen Gemüter gleich zu warnen, damit sie die Herztabletten bereithalten.

    Wohlgemerkt, ich fühle mich des Öfteren durchaus angeregt von solcher neuen Eindeutigkeit, nicht immer und gewiss nicht, wenn ich mich vom Regisseur nicht ernst genommen fühle - etwa weil dieser zuvor bereits erklärt hat, dass ihm die Oper, das Publikum oder beide am Allerwertesten vorbeimarschierten.


    Sind nicht die öffentlichen Aussagen des Regisseurs genauso Teil der Provokationsmaschinerie?
    Ich habe mehrmals erlebt, wie ein Regisseur auch seinem Produktionsteam solche Worte hinwirft, die selten zu einem positiven Arbeitsklima führen.
    Seltsamerweise ist immer dann, wann man einem Stück negativ gegenübersteht eine ganz andere künstlerische Auseinandersetzung - nämlich wirklich sachlich - möglich, weil man sich bemüht, die "feindliche" Ansicht argumentativ zu widerlegen, bzw. weil man die Schwächen sucht.
    Bei "Wohlfühlregisseuren" (und das beziehe ich nur auf die Arbeitsweise!) nimmt man inhaltliche Fehler und Widersprüche in anderer Weise hin - oder bemerkt sie vielleicht gar nicht.
    Daher vermute ich, dass die gewollte persönliche Abstossung vom Regisseur aus so gemeint ist, dass man sich nicht mit seiner Person befasst, sondern nur mit seinem Produkt.
    Leider unterscheide ich auch bei Dirigenten, die "zu freundlich" sind, und daher in der Umsetzung weniger konsequent sind und solchen, die anecken und sich mit teilweise fragwürdigen Mitteln durchsetzen.


    Was die neue Eindeutigkeit betrifft, kann ich nicht zustimmen... ich denke eher, es handelt sich um eine extravagante, originelle oder noch nie dagewesene Sichtweise, mit der man auf sich aufmerksam machen will. Den Anspruch der Eindeutigkeit kann ich nicht erkennen.
    Die kursiven Wörter sind natürlich mehrfach interpretierbar... nicht alles, was originell ist, ist auch einfallsreich, oder maches Extravagante sprengt deutlich manchen Geschmacksrahmen.
    Aber letztlich ist Originalität ein neutraler Begriff, es geht um die Tatsache der Neuheit, nicht um eine ästhetische Qualität. Also haben so manche originellen Regisseure das Recht, sich so zu bezeichnen; was sie damit erreichen, steht auf einem anderen Blatt. Wie oft werden Skandalinszenierungen wiederaufgenommen? Haben sie im Repertoirebetrieb überhaupt Platz? Selten genug

    Ich halte es auch für, höflich ausgedrückt, kurzsichtig, eine Opernaufführung zu verwerfen, nachdem man ein Foto gesehen hat, das einem nicht zusagt.


    Ein herzliches Vergelt's Gott für die Aussage. (meine katholische Prägung ist z.T noch vorhanden...)



    Und bei Musik habe ich selbst die Erfahrung gemacht, dass es Jahre dauern konnte, bis ein bestimmtes Stück gezündet hat. Aber ich kann auch nachvollziehen, dass jemand keine Lust oder Ausdauer hat, ein Stück, von dem er/sie nicht erwartet, dass es jemals gefallen wird, zehnmal anzuhören. Ich würde das auch nicht bei jedem Stück machen.


    Man muss bestimmt nicht alles in seinem Leben gehört haben. Aber eine starre Erwartungshaltung kann viele Erkenntnisse verhindern, wenn nicht gar die Erleuchtung.

    Ach ja...


    Bei Musik darf man etwas schräg finden und mehrere Jahre brauchen, um heranzukommen, bei Bildern weiss man sofort, woran man ist??



    La Roche[/quote]

    Boshaft wie ich nun mal bin lege ich einige klischeehafte Antworten vor:


    Weil sie unvergleichlich schöne Melodien im Angebot hat
    Weil das die Musik der gebildeten und kultivierten Menschen ist


    Das ist der eigentliche Lacher in diesem harmlosen Thread...

    Es wird hier ja immer wieder verlangt, konkrete Beispiele zu nennen. Konkrete Beispiele sind hier zuhauf genannt worden, aber darauf gehen die Verteidiger dieses Unsinns nicht ein (vielleicht sind sie dazu auch garnicht in der Lage).


    Da haben Sie sogar Recht, dass man nicht in der Lage ist, zu wissen, was ein Regisseur gemeint hat. Die Erklärungen kennen bzw. wissen nur die Menschen, die unmittelbar mit dem Regisseur gearbeitet haben. Alle anderen müssen sich mit Vermutungen und Assoziationen zufriedengeben.
    Letzteres scheint mir oft viel einfacher zu sein, als man befürchtet. Die Hässlichkeit spricht etwas in einem an und man reagiert zunächst unbewusst darauf. Wenn man versucht die Wahrnehmungsebene zu überschreiten und beginnt, sich (!) die Frage nach dem Sinn bzw. dem Hintergrund zu stellen, kann man oft den einfachsten Erklärungen vertrauen.


    Das Beispiel der auf allen Vieren kriechenden Sieglinde oder dem nackten ausgestossenen Max ist ein Anfang.


    Wieso hat z.B: Tannhäuser im ersten Akt nicht die Wahl, alleine zu bleiben, wieso zwingen ihn die "Freunde" mitzukommen? Dieselben Freunde, die kurz darauf bereit sind, die begangene Ungeheuerlichkeit mit dem Schwert zu rächen? Welche Ungeheuerlichkeit - ach ja, das muss ich mir historisch erklären... was sind das für Freunde? wie soll ich das verstehen? Dass es Dinge gibt, wo sich "damals" jede menschenwürdige Behandlung aufgehört hat.... hier habe ich bereits eine Parallele...


    Zu den dunklen Geschehnisse des 2.Weltkriegs gibt es ja zahlreiche Möglichkeiten einer Reaktion: manche verdrängen, manche bohren gerade erst nach, manche finden eine Kollektivschuld plausibel, manche finden alles bereits überholt und ohne Zusammenhang zur Gegenwart... Dass eine Inszenierung nicht deshalb im KZ spielt, um ehemalige Insassen zu demütigen oder kränken, setze ich hier voraus... die Anzahl derer, die heute eine solche Inszenierung besuchen könnten, ist schon gering geworden.


    Wie kann man am Beispiel einer Zürcher Inszenierung erwarten, dass Zimmermanns Soldaten ein hübsches, stimmungsvolles Bühnenbild hat? Die Musik erzählt ja auch nicht gerade von einem Kaffeekränzchen.


    So kann (!) jeder, der sich auch mit Provokationen beschäftigt, zu einer persönlichen Lösung kommen, wenn er will. Man kann über Provokationen ja auch hinwegsehen und wesentlichere Aspekte betrachten.
    Nur auf eine offizielle Erklärung zu warten, finde ich zu kurz gedacht... ob Chefdramaturgen diese Aufgabe im persönlichen Briefverkehr bewältigen könnten, bezweifle ich sehr.


    Ein weiteres Beispiel wäre für mich die Aufstellung moderner Plastiken im öffentlichen Raum - jedenfalls in Österreich gibt es manchmal ebenso heftige Diskussionen darüber... und diese Gegenstände stehen oft Jahre oder Jahrzehntelang...


    Nebenbei: die Berufsbezeichnung heisst Bühnenbildner, nicht Dekorateur - selbst in jenem Beruf oder in der Werbung finden sich manchmal erfolgreiche Provokationen. (Benetton...) Oder bei politischen Gruppierungen ist die Verwendung von Reizworten die beste Propaganda geworden... warum nur reagieren Menschen darauf?

    http://www.saldovo-divadlo.cz/…eatre/performance_id/370/


    ach so, dorthin soll man geschickt werden... Wo ist denn hier das überragende Bühnenbild?
    Ich nehme an, die verurteilten Regisseure würden ein herrliches Schläfchen abhalten...


    Zitat

    Traviata has become one of the greatest Verdi´s operas. Despite of, or perhaps because of the fact, that the main role belongs to the most feared soprano parts at all.


    wow, das wusste ich gar nicht.

    Lieber Holger Kaletha,
    Würdest Du mich armen Unwissenden aufklären, welches diese "einige Kantone" sind, denn diese Behauptung scheint mir eine bewusste Verunglimpfung.
    Meine Meinung: "Herr Beckmesser irrt, wie dort, so hier...."


    in diesem Fall tatsächlich ein Irrtum:


    Zitat Wikipedia:

    Zitat


    Das Frauenstimmrecht in der Schweiz (Stimm- und Wahlrecht) wurde durch eine eidgenössische Abstimmung am 7. Februar 1971 eingeführt. Formell wurde das Frauenstimmrecht am 16. März 1971 wirksam. Die Schweiz war somit eines der letzten europäischen Länder, welches seiner weiblichen Bevölkerung die vollen Rechte als Bürger zugestand, doch es war das erste Land, in dem dies durch eine Volksabstimmung (des männlichen Teils der Bevölkerung) geschah.
    Bis zur Einführung des Frauenstimmrechts in allen Kantonen vergingen allerdings noch weitere 20 Jahre: Am 27. November 1990 gab das Bundesgericht einer Klage von Frauen aus dem Kanton Appenzell Innerrhoden Recht und bestätigte damit die Verfassungswidrigkeit der Innerrhoder Kantonsverfassung in diesem Punkt.[1] So führte Appenzell Innerrhoden als letzter Kanton das Stimmrecht für Frauen auf kantonaler Ebene ein, entgegen einem Mehrheitsentscheid der Männer an der Landsgemeinde am 29. April 1990.


    Das Meistersinger Zitat ist aussagelos... oder soll hier mit ähnlichen Mitteln wie bei Wagner gegen eine kritische Meinung vorgegangen werden.

    sich liebend gerne mit den Regisseuren persönlich auseinandersetzen würden, wenn wir denn die Gelegenheit dazu hätten.


    Komisch, dass Lynchjustiz in unserer Gesellschaft nicht so gern gesehen ist... Mit welchen Argumenten würdet ihr denn kommen, ausser Geschrei und Ohrfeigen?


    Und irgendwie ist das Gesamtkunstwerk Oper eine Leistung von vielen Menschen, nicht nur vom Bühnenbildner... vielleicht bezahlt man eher das System als eine Summe von Einzelleistungen.
    Witzige Vorstellung, man würde eine Prozentsatz des Eintrittsgeldes zurückbekommen als Entschädigung für ein hässliches Bühnenbild.
    Die Gesangsleistung wurde meistens zu 100% erbracht, oder?

    Auch ein Studium der philosophisch-ästhetischen Reflexion würde mich vermutlich nicht dazu bringen, Häßliches für schön zu halten.


    Aber möglicherweise würde das Verhalten gegenüber dem, was gewohnheitsmässig als hässlich bezeichnet wird, verändert werden.
    Mich würde sehr interessieren, ob die Vertreter der Wohlgestalteten Inszenierungen die Innenausstattungen von Wohnungen, die Gestaltung von Gartenanlagen oder auch die Kleidung und das Aussehen anderer Menschen mit derselben Heftigkeit kritisieren? Vor allem hätten sie ja hier die Gelegenheit, den künstlerischen Urhebern direkt die Meinung zu sagen. (was ja hier nie der Fall ist.)


    Gerhard :
    Nur zu erwarten, dass einem alles erklärt wird, finde ich doch recht einfach. Ärztliche Diagnosen, jurstische Urteile, Gesetzliche Verordnungen durchschauen wir auch nicht immer, aber akzeptieren könnte in vielen Fällen nicht schaden, bzw. annehmen, dass ein Sinn dahintersteckt. Anderenfalls liegen Verschwörungstheorien gleich sehr nahe...
    Wem das zu weit hergeholt ist - wer ist mit der Ästhetik von Architekten bzw. der Stadt-oder Ortsplanung immer einverstanden? Hier ist der private Lebensraum noch viel stärker betroffen als bei einer Operninszenierung.
    Ich habe irgendwo das Beispiel von "Tiefland" in einer Industriemühle gebracht... damals habe ich nicht mehr von den szenischen Intentionen verstanden, deshalb die Ablehnung; warum will man verklärte Bilder vom Alltagsleben anderer Menschen sehen... das ist eine biedermeierliche Beschönigung.
    Spitzwegbilder in der Oper fände ich grauenhaft.
    Ähnlich verhalten sich Touristen, die gar nicht wissen wollen, wie man in anderen Ländern lebt, sondern bloss Sehenswürdigkeiten abklappern und zurück ins All-inclusive Hotel kutschiert werden..


    Wie wär's mit der einfachen Frage: warum reagiere ich so schockiert auf ein Bild? der gesunde Menschenverstand reicht mir als Begründung nicht aus...
    Oder: warum versuche ich krampfhaft, die Behandlung gewisser Themen auszublenden und übertünche das lieber mit belanglosen Streitereien?


    Wenn man Kultur beim Aldi einkaufen könnte, wüsste man, was man bekommt.
    Diejenigen Kunden, die sich als Könige fühlen, mögen sich doch ein bisschen am Verhalten absolutistischer Herrscher der Barockzeit ein Beispiel nehmen.


    von wegen, jemandem gehen die Argumente aus... :D



    Aber eigentlich wurde DIESER Thread ja nicht für harte Diskussionen eingerichtet, sondern um an Hand von Beispielen diverse Inszenierungen dem öffentlichen Spott preiszugeben.


    Das allein ist ein Grund, um hier dennoch mitzumachen... Diskussionen unter solchen Voraussetzungen machen echt Spass.


    Dann solltest Du doch auch mit Theaterbesuchern sprechen können. Bist Du mit Deiner Meinung dann immer mit den Zuschauern konform?


    Wie soll das denn aussehen? Für einen Pfarrer mag es angebracht sein, am Ende der Messe am Kirchentor die Hand jedes Gläubigen schütteln zu wollen. Jetzt sollen die Mitarbeiter eines Theaters am Ende einer Vorstellung noch Meinungsforschung betreiben? Ist nicht auch hier die Ansicht verbreitet, über musikalische Dinge (Qualität der Sänger, des Dirigenten) redet man lieber nicht, davon versteht man nichts, aber über das Bühnenbild hat jeder eine Meinung? Was heisst da schon konform sein?
    Und überhaupt: ein Angestellter einer Bank hat während der Arbeit eher eine andere Distanz zu den Kunden und braucht sich auch nicht sorgen, dass denen die steigenden Kreditzinsen oder Kontogebühren missfallen könnten. Es ist eben eine Direktive aus der Zentrale, die man umsetzt. So weit zum Kontakt zu den Kunden... (als Angestellter des Theaters habe ich während des Dienstes (!), also auch nach der Vorstellung keine Privatmeinung...) Oder kritisieren Sie innerhalb des Arbeitsplatzes die Anweisungen ihrer Vorgesetzten?
    Auf die Qualität meiner Arbeit hat ein Bühnenbild keinen Einfluss, das wäre sehr unprofessionell, oder?

    Und neben dem "Klangbad" sollte auch optisch nicht allzu Hässliches geboten werden.


    Das sehe ich als Bestätigung ... Menschen studieren und üben jahrelang, um dem werten Publikum ein Klangbad zu bereiten... das ist eine ziemlich unerträgliche Kunstauffassung.


    Ich habe die RT-Befürworter schon öfter gefragt, warum "Kunst" heutzutage fast immer abstoßend, ordinär, unappetitlich oder abstrus daherkommen muss, um auch als Kunst zu gelten, habe aber noch nie eine zufriedenstellende Antwort erhalten. Scheint doch irgendwie mit des Kaisers neuen Kleidern zusammenzuhängen.


    Wie wärs, wenn man es als entsprechende Antwort auf abstossende, ordinäre und abstruse Erwartungshaltungen sieht. Also etwas wie ein vorgehaltener Spiegel...

    Es ist das Wort Bedürfnis, das darauf hindeutet, dass es hauptsächlich, wenn nicht gar ausschliesslich um sinnliche Dinge geht.
    Bedürfnis nach Nahrung wäre Hunger - aber der Besuch eines teuren Restaurants ist mehr als das!
    Bedürfnis nach sinnlichen Erfahrungen sehe ich als Motivation für bestimmte Spezialmassagen bzw. den Besuch einer Beauty Farm oder eines Thermalbades.


    Aber in die Oper zu gehen, um ein Klangbad zu nehmen? Das lässt schon einiges an Respekt vor der Leistung vermissen, die einem da geboten wird.


    (Und im Zusammenhang mit einem Bordellvergleich bekommt der Begriff Bedürfnisbefriedigung besondere Bedeutung.)

    Redest Du in der Einzahl oder in der Mehrzahl? Wen meinst Du mit "junge Menschen"? Trifft das nicht auch auf Ältere zu, Hartz IV, Lebensunzufriedenheit, Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektive, Angst vor Krankheit oder Altersarmut? Ich kenne niemanden, der sich deswegen pearcen läßt.


    (Hast du) schon mal erlebt? lautet die komplette Frage. Allerdings habe ich oft Bedenken, anonyme Menschen mit diesem komischen "Forums-Du" anzureden, deswegen lasse ich das weg.


    Der Zusammenhang von Piercing und "junge Menschen" betrifft die Unter-30-jährigen, oder? Alle anderen sind unter anderen Voraussetzungen aufgewachsen und hatten andere soziale Zwänge.
    Nein, es trifft nicht auf Ältere zu, Arbeitslosigkeit ist für einen 50jährigen eine ganz andere Belastung als für einen Jugendlichen. Angst vor Krankheit bei jungen Menschen?
    Fehlende Perspektive lässt die Menschen auf verschiedenste Bahnen geraten... zwischen jungen und älteren Obdachlosen ist auch ein Unterschied, oder? Gemeinsam haben sie höchstens die mangelnde Bildung.


    Warum ein junges Mädchen die Prozedur über sich ergehen lässt? Weil alle anderen Freundinnen auch eins haben, weil der Junge, den sie anhimmelt das cool findet, weil sie ihm beweisen will, dass sie nicht zu feig dafür ist, weil sie es allen anderen in der Klasse beweisen will.... und letztlich, weil die Eltern dagegen sind...

    Zitat

    Da muss im Kopf was nicht stimmen

    Ein starker Satz und eine gewagte Diagnose...


    Eher erst dann, wenn sie magersüchtig wird, sich die Unterarme ritzt und Selbstmordversuche unternimmt - und selbst das ist mittlerweile fast der Normalfalll, dass man mit diesem Verhalten rechnen muss.


    Das Beispiel der Bankangestellten hast du gebracht! Überall dort, wo gehobene Ansprüche im Kundenservice bestehen, wie etwa Hotels, Banken, Anwaltskanzleien, sind sichtbare Piercings eher selten.
    Aber warum sollte man Krankenpflegern, dem Reinigungspersonal, normalen Verkäufern vorschreiben, wie sie sich zu kleiden haben?


    Irgendwie- man verzeihe mir den radikalen Vergleich - ist es so als würde man sagen, die Katholische Kirche könne nur dann auf Kirchenbesucher hoffen, wenn man den Sakralbauten Bordelle anschlösse.....


    Zu verzeihen haben dir eher katholische Würdenträger bzw. dein Beichtvater ob deiner lebhaften Fantasie, sonst niemand...
    Der Vergleich ist weniger radikal als vielmehr unpassend - Kirchenbesucher mit Opernbesuchern zu vergleichen, klappt nicht... Bestenfalls beim Konzertpublikum der Wiener Hofburgkapelle oder der Augustinerkirche.
    Nebenbei ist die Kirche in Österreich so sehr auf eine Form der Sozialarbeit konzentriert, um Menschen in irgendeiner Weise anzusprechen (die mit dem Glauben oft herzlich wenig gemeinsam hat), dass die eigentliche Vermittlung von religiösen Inhalten oft auf der Strecke bleibt.
    Es wäre genauso eigenartig, die Bordelle an ein Opernhaus anzuschliessen...


    Aber eigentlich wurde DIESER Thread ja nicht für harte Diskussionen eingerichtet, sondern um an Hand von Beispielen diverse Inszenierungen dem öffentlichen Spott preiszugeben.


    Bei allem Respekt.
    Ist es wirklich klug, so etwas als Forenbetreiber öffentlich zu formulieren?

    Deine Begründung der Selbstkasteiung (das Ertragen von Schmerzen dabei sei Teil einer Weltanschauung!!!!!) ist lächerlich,


    Wie wärs mit einer Begründung dafür??? schon mal erlebt, dass junge Menschen an der Realität unserer Welt leiden?
    Banken haben einen eigenen rigorosen Dresscode, wenn selbst dort das Tragen von Piercings gestattet ist, solltest du akzeptieren, dass das als gesellschaftsfähig anerkannt wird.


    Die Erwartungshaltung anderer Menschen hat zB: an den Darstellungsmöglichkeiten im Schauspiel, wo die Schönheit eines Textes im Dienst einer Aussage steht und nicht Selbstzweck ist.


    Nebenbei muss man auch erwähnen, dass die angebliche Mehrheit der Opernbesucher, die ausschliesslich konservative Inszenierungen sehen will, sicher nicht ausreicht, um die Kulturform der Oper weiterhin zu erhalten.
    Die echte Mehrheit hat nämlich ein Opernhaus noch nie von innen gesehen und sieht ohnehin nicht ein, warum das mit Steuergeldern finanziert werden soll. (wenn doch das neue Fussballstadion gebaut werden soll)
    Welche Parteien sollten denn hinter dieser Form der Kulturförderung stehen?
    Alle sozialdemokratisch orientierten werden das bestimmt nicht machen, die Grünen, bzw. weiter links stehenden noch viel weniger... Die Liberalen fördern das, was sich wirtschaftlich rentiert... und die Konservativen Parteien müssen sich zwischen echter Volkskultur und anderem entscheiden.
    (z.B: weiss ich das von dem Sonderfall Südtirol, wo den deutschsprachigen Kulturverbänden einfach das Geld fehlt, um neben den Blasmusikverbänden etc. noch eine eigene Opernkultur zu fördern...)

    lutgra : Übrigens sind wir nicht mehr weit davon entfernt, wenn man derzeitige Inszenierungskarussell betrachtet...
    Wie schade, dass es keine Einheitsbühne gibt, so dass jedesmal technische Umbauten notwendig sind.
    Abgesehen davon, dass ein Bühnenbild proportional zu einem Theaterinnenraum gebaut wird... Kleine Bühnenbilder in grösseren Theatern wirken sehr eigenartig.


    Und so geht es mir auch in der Oper. Meine Sehgewohnheit hat sich Laufe der Jahre an bestimmte Vorbilder angeglichen, da ist kein Platz für Umdeutungen. Und so erwarte ich beim Besuch einer Oper ein bestimmtes Schema, eine Abweichung von der Erwartung toleriere ich nur mit Unmut. Sicher hat das was mit innerer Ordnung zu tun.


    Danke, wie einfach sich diese Auffassungsunterschiede doch erklären lassen.
    Für die junge Generation ist es fast undenkbar, ohne Piercing oder Tattoo zu sein, beides ist übrigens eine Art Mutprobe, das Ertragen von Schmerzen und Unannehmlichkeiten ist ein Teil einer Weltanschauung. Dass ein Lippen bzw. Zungenpiercing auch im menschlichen Umgang besondere Sorgfalt, Hygiene und auch Rücksichtnahme anderer erfordert, scheint mir ein wichtiger Grund zu sein. Diese Menschen zeigen gerade durch diese Verletzung ihre Sensibilität bzw. Verletzlichkeit und sind meist wesentlich zartfühlender, als man es erwarten würde. Und natürlich ist es immer ein Statement für Toleranz, da man jene bei manchen Menschen geradezu herausfordert.


    Als ausübender Künstler habe ich mit den Gewohnheiten des Publikums immer meine liebe Not, ich will auch gar nicht so spielen, wie es die Mehrheit erwarten würde... sollte ich das etwa vorher erfragen, welche Interpretationen erwünscht sind: eher Brendel, Buchbinder, oder Russische Schule? und natürlich von Komponist zu Komponist verschieden?
    Einem Bühnenbildner geht es da kaum anders...

    Darin liegt eben der Unterschied zwischen gesundem Menschenverstand und psychologischer Analyse, die zu Fehlschlüssen führen kann und sicherlich oft auch schon geführt hat, wenn man die verschiedenen Ansichten der Einzelnen liest.
    Ein „Künstler“ beklebt eine Badewanne mit Heftpflaster oder in eine Zimmerecke einen Fettkloss. Der Psychoanalytiker wird darin sicherlich eine „tiefere Bedeutung“ finden. Der gesunde Menschenverstand sieht das als das an, was es ist: Schmutz, und beseitigt diesen.
    Ebenso – und das wird vielleicht auch ein Psychoanalytiker zugeben – ist krasse Nacktheit weniger reizvoll als geschickt verpackte Erotik.
    Ich muss hier noch einmal auf Wagner und seinen „Ring“ zurückkommen. Wagner hat seine Aussagen geschickt in ein mythisches Gewand verpackt,...


    Ich persönlich glaube nicht, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen Psychoanalyse und Menschenverstand (das gesund lasse ich lieber beiseite...oder wollen wir etwas als krank bezeichnen?)
    gibt. Beides hat mit Beobachtung zu tun, in welche Form man diese Ergebnisse bringt, finde ich irrelevant.
    Den Psychoanalytiker (in mir) interessiert brennend, warum es zu der "ja, aber" Aussage über die Erotik kommt, (wir wollen Erotik auf der Bühne, aber sie soll sich an unseren Grenzen orientieren? Dafür habe ich mein Schreker Beispiel gebracht im anderen Sammelplatz. ) und wozu wir eine geschickte Verpackung benötigen?
    Vielleicht wird durch die krasse Nacktheit unsere voyeuristische Absicht deutlich... ist es wirklich besser, Salome lässt den letzten Schleier nicht fallen, damit wir nicht mit dem Vorwurf konfrontiert werden, wir gingen in die Oper, um die Sängerin nackt zu sehen?


    Was den Ring betrifft, sehe ich es total umgekehrt, er hat verschiedene mythologische Handlungen mit seinen Aussagen bereichert, die Verknüpfung mehrerer Sagen und Personen zu seiner Ringhandlung folgt ja schon einer klaren Absicht.
    Die Erlösung durch Brünnhilde hat wenig mit der ursprünglichen Sage zu tun.

    Und da Harnoncourt ja nicht ein angestellter Kapellmeister ist, der spielen muss, was andere gerne hören, sondern immer an den Sachen gearbeitet hat, für die er gerade brannte, kann und konnte er sich natürlich die Werke aussuchen.

    Darauf möchte ich in einem eigenen Thread antworten... ;)



    Für mich sehe ich es so, dass ich bei der Eroica, bei Sachen von Mozart oder einer Brahms-Symphonie davon mehr erfahren kann, als es mir bei Rossini möglich wäre.
    Beim Spielen eines Schubert-Impromptus etwa können einem in der Musik mitschwingende Dinge klarwerden, auf die man nur anhand der blossen Noten oder mit Hilfe einer musikwissenschaftlichen Analyse nie und nimmer käme. Warum das Herz aber so denkt und woher dieses Bewusstsein kommt, ist kaum zu erklären, und man sollte es auch nicht versuchen, finde ich.

    Mir kommt auch vor, dass hier die alte Denkweise der "ernsten deutschen Musik im Gegensatz zur Musik anderer Länder" durchscheint.


    Interessant, dass du das Wort Dogma bei Harnoncourt verwendest. Es sind ja leider die nicht ebenso reflektierenden Anhänger bzw. Fans von Harnoncourt, die auf Ex cathedra Aussprüche warten.
    Und er bedient sie regelmässig damit. Komischerweise finde ich oft eine recht einfache und genauso griffige Entgegnung, die "hätte gesagt werden müssen...".


    @ William:
    meinst du jenes häufig veröffentlichte Foto mit den weit aufgerissenen Augen, das immer wieder von "der Furor" oder ähnlichen Kommentaren begleitet wird?
    Eine gute PR Masche... bei Karajan waren es die geschlossenen Augen und die charakteristische Wellenbewegung der Finger...

    Mich lenken Verstümmelungen der Handlung -ja, ich gebe zu, Abweichungen vom gewohnten Ablauf - von der Musik ab. Wenn die Veränderung der Handlung zum Selbstzweck wird, wird die Musik zwangsläufig in die 2. Reihe verschoben. Das will ich nicht sehen, dann lieber konzertant. Da ist die Musik nicht Hintergrund!


    Darf ich an dieser Stelle nachfragen, ob es da nicht eher um eine Art von innerer Ordnung geht als um Ästhetik?
    Das ist deswegen entscheidend, weil du von Abweichung gesprochen hast.
    Meinst du, dass dein innerer Ablauf bzw. deine innere Ordnung dir genau vorgibt, wie die Inszenierung zu sein hat?
    Nur so kann ich mir die Formulierung "Abweichungen vom gewohnten Ablauf" erklären.


    Dass kein Künstler es gerne hört, wenn seine Bühnendarstellung lediglich als "gewohnter Ablauf" interpretiert wird, will ich nicht näher erläutern.


    Bei Musikdramatischen Werken geht es um beides, Musik und Drama, untrennbar verbunden. Gerade die Oper Capriccio ist doch ein Musterbeispiel dafür: was ist wichtiger, die kulturelle Diskussion in diesem Stück oder die Musik?


    Selbst bei Konzerten gibt es spezielle Verhaltensweisen, die einen von der Musik ablenken können... ich hatte einmal schon das pfauenhafte Gehabe von Dirigenten erwähnt, aber auch Sänger bzw. Solisten wissen auf dem Konzertpodium genau, wie sie sich in Szene setzen.
    Aber ich finde nichts langweiliger und auch arroganter (als dürfe es nichts anderes geben) als das Einheitsschwarz, mit dem man die Zurückgenommenheit und Demut gegenüber dem Werk so plakativ vor sich her trägt wie seinerzeit die Existentialisten ihre Tracht.