Beiträge von MSchenk

    Großes Jubiläums-Konzert aus der Elbphilharmonie (leider nur im livestream) mit herrlicher Programmierung: Adams, Ades und Salonen - schade, dass man hinter den Masken die versteinerten Mienen im Parkett nicht sehen konnte ... Zusätzlich hat man gelernt, dass Anu Komsi (übrigens verheiratet mit Sakari Oramo) eine Zwillingsschwester Piia hat, die auch singen kann. Und am Ende war sogar der Esa-Pekka da und hat sich verdienten Applaus abgeholt :hail:


    Das Konzert wird es sicherlich in Kürze auf arte concert zum nachschauen geben - ich kann es nur empfehlen!

    Hallo Garaguly, nur um es klarzustellen: weder habe ich ein Problem mit Alice Schwarzer, noch "insuiere" ich hier irgendetwas; z.B. auch nicht, dass die neue Bassisten des Orchesters der Wiener Staatsoper bzw. der Wiener Philharmoniker Valerie Schatz aus irgendwelchen "Gründen" prominent ins Bild gesetzt worden sei ... Eventuell hast Du aber auch die eher spöttisch gemeinte Art, meine Verwunderung über die Ideen zu äußern, die Accuphan und Du in den Beiträgen #30 & #34 vorgebracht haben, missverstanden.

    Die junge Kontrabassistin hat womöglich ein Probejahr oser sowas. Sie ist oft im Bild gewesen, zweite von rechts, taucht aber in der Mitgliederübersicht der WPH nicht auf.

    Oh dieser liederliche Zeitgeist - Hauptsache es wird irgendetwas Weibliches ostentativ ins Bild gerückt und sei dieses Weibliche noch so nebensächlich. Nichts gegen die junge Kontrabassistin. Ich hoffe, sie hat ihre Sache gut gemacht. Aber die Entscheidung der Bildregie, sie so demonstrativ oft ins Bild zu bringen, hatte ja wohl klar einen außermusikalischen Hintergrund.

    Mein Gott! - Hat sich jemand mal die Mühe gemacht zu überprüfen, wie oft diese Kameraeinstellung in den letzten Jahren gezeigt wurde? Wenn ich recht erinnere, scheint mit die "Bassisten-Staffel" auch in der Vergangenheit gerne und oft ein Motiv gewesen zu sein und vermutlich steht da einfach eine Kamera entsprechend. Jetzt ist mal eine Frau an einem für Frauen wohl immer noch eher ungewohnten Instrument zu sehen, und man wittert quasi gleich eine Verschwörung, womöglich unter Mitwirkung von Alice Schwarzer! - Geht's noch?

    Eigentlich war es ja nur eine Frage der Zeit, bis hier angesichts Hurwitz' "neuem" YouTube-Standbein der erste Stein geworfen würde und es wundert mich fast, dass dies erst jetzt geschieht. Zwischenzeitlich hatte ich sogar darüber nachgedacht, selber in das Wespennest zu stechen, die Idee dann aber wieder verworfen. - Ja, Hurwitz Meinungen und Urteile sind mindestens pointiert, erscheinen oft sogar apodiktisch, aber tatsächlich habe ich bei ihm nie das Gefühl, er wolle mir seine Ansichten aufzwingen. Im Gegenteil sehe ich stets auch das Zulassen meiner Meinung - und dies auf viel glaubwürdigere Art und Weise, als wenn hier wieder jemand - natürlich nie persönlich, sondern rein sachlich - sein "Aber wem es gefällt ..." oder "Wer es braucht ..." in die Tastatur hämmert!

    Vielleicht ist David Hurwitz ein bisschen das, was ein Eduard Hanslick heute wäre. Natürlich ist er (wohltuend) weit von z.B. deutschen "Großkritikern", wie Kesting oder Kaiser entfernt, dafür ist er m.E. amüsanter, weniger dogamtisch und nicht dermaßen verkopft wie andere. Einige seiner Beiträge, wie etwa zu Schostakowitsch 4ter Symphonie oder zur Rezeption historischer Aufnahmen wand ich durchaus instruktiv bzw. nachdenkenswert.


    Das Hauptproblem wird aber auch hier sein, das es uns Menschen grundsätzlich schwer fällt, objektiv zwischen einer Person und dessen Aussagen zu trennen - insofern können wir wohl schon jetzt davon ausgehen, dass eine eventuelle Diskussion enden wird, wie das Horneberger Schießen.


    In diesem Sinne schonmal allen einen Guten Rutsch und ein Gesundes und Geboostertes 2022 !! :hello:

    15.12.2021 (Staatsoper Hamburg) Georg Friedrich Händel "Agrippina"


    Dramma per musica in tre atti


    Libretto Vincenzo Grimani


    Agrippina Alice Coote

    Claudio Luca Tittoto

    Poppea Julia Lezhneva

    Ottone Iestyn Davies

    Nerone Franco Fagioli

    Pallante Renato Dalcini

    Narciso Vasily Khoroshev

    Lesbo Chao Deng


    Ensemble Resonanz unter der Leitung von Riccardo Minasi


    Inszenierung Barrie Kosky, Bühnenbild Rebecca Ringst, Kostüme Klaus Bruns


    Koproduktion mit der Bayerischen Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden und De Nationale Opera Amsterdam)


    (7. und letzte Vorstellung seit der Premiere am 28. Mai 2021; 2G-Bedingungen & Maskenpflicht)



    Die Auftritte des Ensemble Rosonanz an der Staatsoper Hamburg gehören inzwischen zum Pflichtprogramm einer Saison. Der inzwischen weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus bekannte Klangkörper wird - insbesondere unter Leitung seines Artist in Residence (und Experten der historischen Aufführungspraxis) Riccardo Minasi - gerne für Werke des Barock und der Frühklassik eingeladen; in der Vergangenheit waren dies etwa Glucks Iphigénie en Tauride oder Mozarts Le nozze di Figaro. Wie richtig dies ist, bewiesen Orchester und Dirigent vom ersten Ton an, der aus dem erhöhten Graben erklang, bis zum Schlussakkord (nach dem kurzen Coro "Lieto il Tebro increspi l’onda" folgten weder der (sicher verzichtbare) Auftritt Giunones (Juno) "D’Ottone e di Poppea ... V’accendano le tede", noch die abschließende Ballettmusik, sondern lt. Programmheft ein langsames Stück aus Händels L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato): transparent und präzise, dabei dynamisch und vor allem nicht von der (falschen) Vorstellung geprägt, dass mit historischer Aufführungspraxis einfach "faster than the fury" gemeint ist.

    Begleitet wurde an diesem Abend ein ebenfalls hervorragendes Sängerensemble. Allen voran die beiden Damen Alice Coote in der Titelpartie und Julia Lezhneva als Poppea. Letztere lieferte gleich mit ihrem ersten Auftritt "Vaghe perle, eletti fiori" gesungen in zartestem Ton einen "Abräumer", der mit langanhaltendem Szenenapplaus bedacht wurde. Überzeugend ihre Rollengestaltung, sowohl stimmlich mit zunehmender Dramatik und Virtuosität, als auch darstellerisch vom eher naiven Mädchen über die Arien "Ingannata una sol volta" und "Bel piacere" zu einer Frau, die der Intrigantin Agrippina in nichts nachstehen wird - Poppeas spätere Heirat mit Nero(ne) ist historisch belegt und durch Monteverdis L’incoronazione di Poppea vertont.

    Bei Händel ist es aber noch Nerones Mutter Agrippina, welche die Zügel in der Hand hält und überhaupt dem zukünftigen Kaiser erst auf den Thron verhilft; er wird es ihr (ebenfalls historisch belegt) dadurch danken, dass er sie ermorden läßt ... Alice Coote attackiert die Spitzentöne zwar etwas scharf, bleibt aber sowohl in ihrer Rolle, als auch mit ihrer Stimme jederzeit Herrin der Lage. Berührend singt sie ihre Schlussarie "Se vuoi pace" (hier unter Minasi eher Andante und nicht Allegro, wie beispielsweise Della Jones in der Gardiner-Einspielung mit den English Baroque Soloists) bevor sich schließlich alle anderen von ihr abwenden und sie in einem starken Schlussbild alleine auf der Bühne verbleibt.

    Vasily Khoroshev als leicht hysterischer Narciso, Iestyn Davies als unschuldig in das Intrigenspiel geworfener Ottone und natürlich Franco Fagioli als mindestens manisch-depressiver Nerone - damit erreicht Händels Agrippina eine respektable Countertenor-Dichte von 3 auf 6 leading roles. Im Vergleich zu Jake Arditti - ich hatte mir zuvor seinen Nerone einmal von den Händel-Festspielen Göttingen 2015 und einmal in der Hengelbrock/Carsen-Produktion am Theater an der Wien 2016 angeschaut - wirkte Fagiolis Gesang etwas schwerfälliger, aber seine Interpretation des zukünftigen Kaisers nicht weniger "durchgeknallt". Seinen Konkurrenten im Kampf um den Thron Ottone, der diesen Posten ja eigentlich nicht haben will, gab Iestyn Davies eher lyrisch.

    Den Gegenpart zu diesem massive attack an Hochtönern lieferte vor allem Luca Tittoto als Noch-Kaiser Claudio (Cesare Augusto Germanico): Mit den in profunder Baßlage vorgetragenen Arien "Cade il mondo soggiogato" und "Io di Roma il Giove sono" singt hier quasi der römische Machtanspruch persönlich zu uns und verkennt dabei doch gänzlich, dass längst andere über die Nachfolge verhandeln.


    Barrie Koskys Inszenierung ist als Zusammenarbeit mit den Opernhäusern in München, London und Amsterdam eine typische "Reise-Produktion". Das Bühnenbild bestehend aus einem bespielbaren Raum in Form eines Metallgerüstes, welches in mehrere Zimmer und eine Treppe aufgeteilt ist und in drei Teile auseinandergefahren werden kann, dürfte leicht zu transportieren bzw. anderswo nachzubauen sein. Tatsächlich benötigt die Handlung dank der musikalischen Finesse Händels, sowie der hervorragenden Personenführung in Kombination mit den schauspielerischen Fähigkeiten aller Beteiligten keine große, womöglich historisch-korrekte oder "werkgetreue" Ausstattung. Vielmehr zeigt Kosky, wie man mit nur wenigen Mitteln überzeugendes (Musik-)Theater auf die Bühne bringen kann, wenn man denn dem Stück und seinen Sängerdarstellern vertraut!




    [Links zuletzt aufgerufen 20.12.2021]

    Wie nachhaltig arbeiten Theater? Ist es noch angemessen, dass auf Bühnen wahre Materialschlachten ausgetragen werden? Angesichts von vielerlei Engpässen und des Drucks, sorgsamer und sparsamer mit Ressourcen umzugehen, werden in Zukunft wohl auch Regisseure und Ausstatter etliche Gänge zurückschalten müssen. Das kann ja der Kreativität nur nützlich sein.

    Nun wissen wir ja, dass auch in derart üppigen Bühnenbildern, wie hier für die Mailänder Tosca kein echter Carrara-Mamor, sondern eher Presspappe und Sperrholz verbaut wird. Nichtsdestotrotz wird dies ein Thema sein, mit dem sich auch Theater und Opernhäuser auseinanderzusetzen haben und ich bin mir fast sicher, dass es zumindest in Deutschland und vermutlich auch innerhalb der EU inzwischen entsprechende Auflagen geben wird. Insbesondere denke ich, dass es deutlich einfacher sein dürfte, ein Opernhaus klimaneutral zu führen, als z.B. eine Skihalle in der Bispinger Heide ... Übrigens sehe ich auch hier das sogenannte Regietheater in seiner oftmals eher reduzierten Ausstattung klar im Vorteil :hahahaha:


    p.s. Zwar nicht Theater/Oper, sondern eher Konzert, aber aktuell und mit einigen Informationen zum Thema So steht es um die Öko-Bilanz der Klassik [zuletzt aufgerufen am 19.12.2021]

    An einigen Stellen finden sich auch Ereignisse, aus denen der Schluss gezogen werden könnte, der Weimarer Gelehrte und Märchensammler der Aufklärung habe vor fast zweihundertfünfzig Jahren antisemitische Klischees bemüht.

    Was ja für die Zeit durchaus nicht ungewöhnlich wäre. - Dankbar bin ich trotzdem für diesen Literatur-Tipp, und dies umso mehr, als dass ich das Werk für umsonst auf meinem neu erworbenen Kindle lesen kann.

    Mit dem beginnenden Weihnachtsurlaub nutze ich die Zeit u.a. dafür, etwas Platz auf dem heimischen PC zu schaffen und so habe ich mir heute Abend die Inaugurazione des Jahres 2019 angeschaut:


    Wow! Was für Bilder, was für eine Wucht! Hier wurde wirklich alles aufgeboten, was das Opernherz begehrt! - Doof nur, dass Regisseur Davide Livermore entgegen den Ankündigen nicht Puccinis Tosca inszeniert, sondern vielmehr die Bühnenmaschinerie, die Werkstätten und die Videotechnik der Mailänder Scala in Szene gesetzt hat ... Sicher, dies ist mit großer Fähigkeit, Überzeugung und Rafinesse geschehen, hat aber unmittelbar dazu geführt, dass der gesamte Abend kalt, emotionslos und ohne jegliche Emphatie für das Stück und die handelnden Personen abgespult wurde. - Ob hier jemand eher gut oder eher schlecht sang, ob Orchester und Dirigent ihren Aufgaben gerecht wurden? Neben diesem Spektakel offenbar vollkommen nebensächlich! Kann man so machen, ist aber dem Werk gegenüber m.E. absolut inadäquat um nicht zu sagen "untreu". Vielleicht hätte man unter Verwendung dieser Art von Bühnen"zauber" lieber eine ordentliche Barockoper mit Donner & Blitz, allen vier Elementen und einem zünftigen Deus ex machina geben sollen. Sicher, die konsequente Ablenkung vom Wesentlichen wäre genauso ärgerlich gewesen, aber man hätte sich immerhin, wenn schon nicht auf die so genannte "Werktreue", so doch auf eine historisch informierte "Aufführungspraxis" berufen können.

    Doof eigentlich! - Ich liebe Bernsteins West Side Story, aber von Spielberg (fraglos ein ausgezeichneter Regisseur) mag ich eigentlich nur Duel, Jaws ("You're gonna need a bigger boat."), 1941 und die beiden Indiana Jones; alles danach finde ich einfach überambitioniert. Aber Steven wird auf mich als Zuschauer verzichten können 8-)

    Und ich sag mal anders: Ich Vergleich zu den bisherigen No-Names auf diesem Posten eher ein Schritt nach vorne. - Was daraus wird, bleibt abzuwarten.

    Gestern bin ich bei Durchsicht einiger auf die heimische Festplatte heruntergeladener TV-Opernübertragungen auf Mercadantes Il bravo in einer Produktion des Wexford Opera Festival aus 2018 gestoßen (siehe hier; zuletzt aufgerufen am 23.11.2021). Ich kannte vorher nichts von diesem Komponisten und nach den ersten beiden von insgesamt drei Akten muss ich sagen, dass ist schon sehr fulminant durchkomponiert. Die Melodien sind eingängig und die gesamte Oper aufgrund der recht hochtourig angelegten Musik durchaus kurzweilig und mitreissend. Wer also bereit ist, über das eher mediokre Libretto hinwegzuhören, aber nochmal genau wissen will, wie das mit Cantabile-Cabaletta funktioniert, hat hier hervorragendes Studienmaterial. Auf Dauer allerdings macht sich dann doch die recht schematische Behandlung der Form bemerkbar.

    ich fremdle mit Wagner, den Ring habe ich in diversen rein orchestralen Aufnahmen, nun möchte ich es doch wagen einen kompletten günstigen Ring zu kaufen. Was wäre denn eine gute Einstiegsmöglichkeit ? Bisher kommen für mich wohl Weigle , Jankowski, Neuhold oder der Swarovsky Ring in Frage nachdem ich den ganzen thread gelesen habe. Was meinen die Experten ?

    Wenn Du ohnehin "fremdelst", würde ich es tatsächlich mal szenisch versuchen; im Bild erschließen sich Zusämmenhänge dann doch nochmal anders. In Frage kämen hier je nach Präferenzen z.B. MET/Schenk/Levine, MET/Lepage/Levine, Bayreuth/Chéreau/Boulez, Valencia/La Fura dels Baus/Mehta, oder Frankfurt/Nemirova/Weigle. Und aktuell gibt es Bayreuth/Chéreau/Boulez wohl auf ARTE Concert: https://www.arte.tv/de/videos/…der-jahrhundertring-1976/ [zuletzt aufgerufen am 21.11.2021].


    hasiewicz: "Zwei Idioten, ein Gedanke!" :hello:

    Ja, das stimmt wohl. Ohne ein wenig Kitsch in ihrem Alltag, offen oder heimlich-verschämt ausgelebt, wären viele Menschen nicht glücklich, mutmaßlich auch gebildete.

    Vollkommen richtig! Kitsch as Kitsch can - wenn dieses "Bomont" erlaubt ist

    Naja, dass Musik eine größere Zuhörerschaft als andere hat, ist ja ersteinmal kein Beweis für deren Qualität, sondern für deren Massentauglichkeit.

    Grundsätzlich richtig, wobei es m.E. für uns in Deutschland immer noch eher so ist, dass massentaugliche Dinge tendenziell eher "Bäh!" sind unabhängig von ihrer Qualität.

    Ansonsten darf man auch bei Schlager differenzieren, von „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ bis zu dem oben genannten Stückchen.

    Wobei letzters kurz vor dem Zusammenbruch geträllert von Zarah Leander ja noch ganz andere Probleme aufwirft. - Aber dsa ist eine andere Diskussion, die nicht hierher gehört.


    Tatsächlich jedenfalls gibt es auch genügend "Schalger" o.ä., welche zumindest aus musikalischer Sicht durchaus nicht nur unterkomplex sind. Ob "Atemlos durch die Nacht " dazu gehört, kann ich nicht beurteilen. Und auch die Texte sind ja nicht nur so dahingeschrieben, sondern sprechen irgendetwas in vielen von uns an; egal, wie kitschig sie sind. - Dann alles pauschal als trivial und grauenvoll abzutun, ist da m.E. auch nicht zieführend. Dann kann man die Diskussion auch gleich bleiben lassen.

    Ach je, eigentlich wirkt das kulturadelige "Schlager-Bashing" in heutigen Zeiten schon etwas bemüht. Auch, wenn es schwerfällt, gibt es nunmal Dinge außerhalb von Bach, Beethoven und Wagner, die ihre (im übrigen ungleich größere) Zuhörerschaft finden, nur braucht man wohl eine gewisse Reife, um dies zu akzeptieren ... oder wie ein guter Freund von mir immer zu sagen pflegt: Es ist ja nicht nur so, dass wir die Musik kennen, die unsere Eltern gehört haben. Nein, wir können die Texte ja auch noch mitsingen! :hello:

    23.10.2021 (Staatsoper Hamburg) Gaetano Donizetti "Lucia di Lammermoor"


    Dramma tragico in due parti


    Libretto Salvadore Cammarano


    Lord Enrico Ashton Alexey Bogdanchikov

    Lucia, seine Schwester Venera Gimadieva

    Sir Edgardo di Ravenswood Oleksiy Palchykov

    Lord Arturo Bucklaw Seungwoo Simon Yang

    Raimondo Bidebent Alexander Roslavets

    Alisa Kristina Stanek

    Normanno Daniel Kluge


    Sascha Reckert (Glasharmonika)


    Chor der Staatsoper Hamburg unter der Leitung von Christian Günther

    Philharmonisches Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Giampaolo Bisanti


    Inszenierung Amélie Niermeyer, Bühnenbild Christian Schmidt


    (2. Vorstellung seit der Premiere am 19. Oktober 2021; coronabedingte Videopremiere ohne Publikum am 20. März 2021)


    Es ist immer wieder zumindest interessant, wie unterschiedlich Eindrücke sein können, Bewertungen ausfallen. Nach meinem gestrigen Opernbesuch habe ich noch nach Kritiken zu dieser Inszenierung gesucht und bin auf Lucia di Lammermoor in Hamburg: Fabelhafte Inszenierung mit einzelnen musikalischen Einschränkungen gestoßen. Womöglich mag es dem triftigen Unterschied zwischen Kamera-Mitschnitt und Live-Produktion geschuldet sein, aber diese Lucia di Lammermoor-Neuinszenierung von Amélie Niermeyer in einem Bühnenbild von Christian Schmidt an der Staatsoper Hamburg war – um es gleich vorweg zu nehmen – weder die beste, noch spannendste, sondern vielmehr langweilig, unglaubwürdig und im Hinblick auf aktuelle #metoo-Debatten zumindest unzureichend.


    Der coronabedingt publikumslosen Video-Premiere am 20.März diesen Jahres folgte am vergangenen Dienstag, also mit siebenmonatiger „Verspätung“ endlich die erste Aufführung vor einem, aufgrund der aktuell am Haus geltenden 3G-Regelungen, leider nur halbvollen Zuschauerraum und gestern (Samstag, d. 23.10.2021) die von mir besuchte „B-Premiere“.


    Was dann mit der Videoprojektion einer Tanzperformance zu dem Gedicht Un Violador en tu camino (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) (siehe hier) des chilenischen Performance-Kollektivs Las Tesis (siehe z.B. hier) durchaus beeindruckend begann und einen kontroversen Abend versprach, verlor sich dann schnell in einem mehr oder weniger dekorativen Herumstehen. Weder kam es zwischen den Protagonisten äußerlich und innerlich zu plausiblen Interaktionen, noch fand Amélie Niermeyer mit ihrer Personenregie ein Konzept, welches prinzipiell über ein „Rampensingen“ hinausweisen konnte. Über den Abend am beweglichsten war da vielleicht noch Christian Schmidts dreigeteiltes Bühnenbild mir Fensterfront links, großer Saal/Eingangshalle in der Mitte und Arbeitszimmer/Schlafzimmer bzw. Brautgemach übereinander rechts. Da hier die gesamte Bühnenbreite nicht ausreichte, alle Räumlichkeiten gleichzeitig zu bespielen, wurde das Set fast andauernd hin und her verschoben, was man irgendwann durchaus auch als störend empfinden konnte.


    Die Titelfigur wirkt in ihrem Business-Anzug durchgehend wie eine „taffe“ Geschäftsfrau, die man am Ende nur bremsen kann, indem man sie an das Brautbett kettet. Die Verzweiflung des Klerikalen Raimondo in seiner Arie No.7 Scena ed Aria „Cedi, ah, cedi“, sein theatralisches Sich-auf-das-Brautbett-schmeißen gibt Cammaranos Libretto ebensowenig her, wie seinen anschließenden Triumphschrei, nachdem Lucia schließlich in die Hochzeit mit Bucklaw eingewilligt hat. Dafür scheint bei dem Familienoberhaupt Enrico Ashton, der am Ende ja wirklich verzweifelt sein sollte, kaum die Spur davon zu merken. Im Gegenteil, sein größter Widersacher ist tot, seine „anstrengende“ Schwester quasi „unter Kontrolle“ und eigentlich alles schick …


    Die beiden Dreh- und Angelpunkte in Donizettis Lucia di Lammermoor - nicht nur in musikalischer Hinsicht - sind bekanntlich im zweiten Finale die No.9 Scena e Quartetto „Chi raffinera il mio furore“ und kurz danach im dritten Akt Lucias Wahnsinnszene No.14 Scena e Aria „Ardon gli incensi“ (hier durch eine Glasharmonika begleitet). Während der auch als Lucia-Sextett bezeichnete Ensemble-Satz naturgemäß als retardierendes Moment, wie zumeist, auch hier recht statisch ausfällt (dass es anders geht, hat z.B. Tatjana Gürbaca in Zürich mit ihrer Zeitlupen-Polonaise bewiesen), bleibt die Wahnsinnsszene durch das Hinab- und Hinaufschreiten einer Treppe im Wesentlichen uninszeniert. Was dabei aber viel schwerer wiegt, dass das Überschreiten einer Grenze zum Wahnsinn oder zumindest ein zeitweises Ver-rückt sein kaum dargestellt wird.


    Dass der Zuschauer vor der Wahnsinnsszene gezeigt bekommt (oben-rechts im Bühnenbild), wie Lucia ihren Bräutigam ersticht und Raimondo sie dabei „erwischt“, ist etwa so überflüssig, wie der sprichwörtliche Kropf. Vielmehr lebt die anschließende Erzählung des Priesters No.13 Gran Scena con Cori „Cessi, ah cessi quel contento“ gerade davon, sich die Bluttat im Geiste vorzustellen. Wirklich ärgerlich dann aber die Streichung der ersten Szene des dritten Aktes No.11 Uragano (Gewittermusik) & Scena e Duetto „Qui del padre ancor respira“, in welcher es zur Duellforderung zwischen Ashton und Edgardo Ravenswood kommt. Eventuell meinte die Regisseurin, dass hier dann doch zu viel männliches Testosteron verströmt würde!? Tatsächlich aber hätte sie vielleicht bedenken sollen, dass es sich hier eigentlich um das einzig wirkliche Duett dieser Oper handelt (ein „klassisches“ Liebesduett wird man bei genauer Betrachtung in dieser Oper nicht finden!). Sind hier nicht sogar zwei verschiedene Ebene der Gewalt von Männern gegenüber Frauen, neben Ashtons offensichtlicher Unterdrückung und Instrumentalisierung seiner Schwester auch Edgardos nicht-Vertrauen und sein Zurückstoßen Lucias in die prekären Familienverhältnisse, in „trauter Zweisamkeit“ vereint? – Oder ist es einfach nur einmal mehr so, dass die Regie dem Stück nicht über den Weg traut?


    Für all dieses Ungemach entschädigen konnte immerhin die musikalische Seite des Abends. So koordinierte der stabführende GMD des Teatro Petruzzelli Bari, Giampaolo Basti den aus den ersten Ranglogen singenden Chor bis auf wenige Wackler tadellos mit dem Bühnengeschehen und vermochte dem Orchester die nowendige italianità zu entlocken. Vielleicht hätte man sich an der einen oder anderen Stelle noch etwas mehr von dem „drive“ gewünscht, den die Inszenierung nicht hergegeben hat; umso negativer fällt dabei der Strich im dritten Akt auf. Oleksiy Palchykov, der in der Vorgänger-Produktion (siehe hier) noch undankbare Rolle des Arturo zu hören gewesen ist, hat sich inzwischen zu einem recht guten lyrischen Tenor entwickelt, der sowohl in der hohen Lage, aber vor allem mit einer sehr schönen Gesangslinie in No.15 Aria finale „Frau poco a me ricovero“ überzeugen konnte. Heuer der Arturo von Seungwoo Simon Yang (Mitglied des internationalen Opernstudios an der Staatsoper Hamburg) in No.8 Coro e Cavantina „Per poco, fra le tenebre“ zwar mit Emphase, aber im späteren Quartetto nicht ausreichend durchsetzungsstark.


    Als Lucia verfügt die russische koloratursopranistin Venera Gimadieva natürlich über das notwendige Material, diese Paraderolle des Belcanto zu gestalten. So mag es vielleicht auch nur ein subjektiver Eindruck sein, dass sie mit der ihr bekannten Rolle in dieser Inszenierung fremdelte. Die Spitzentöne kamen zwar auf den Punkt, waren aber nur kurz und wirkten oberflächlich. Insgesamt schien auch Gimadieva nicht recht an den - zumindest momentanen - Wahnsinn der Lucia zu glauben. Ihr mit der Glasharmonika zur Seite stand in übertragenem Sinne der Musiker und (Glas-)Instrumentenbauer Sascha Reckert, welcher als Gast des Orchesters sein Instrument mit absoluter Präzision und Virtuosität beherrscht.


    Ebenfalls wie schon 2017 sangen Alexey Bogdanchikov als Enrico Ashton und Alexander Roslavets als Raimondo solide.


    Was der Scoop der Inszenierung hätte werden können, nämlich die Idee, dass Lucia nicht stirbt, sie vielleicht nicht einmal endgültig dem Wahn verfallen ist, sondern vielmehr von der Clique (Enrico, Raimondo etc.) nun auf immer in einer Art Panic Room gefangen gehalten wird und womöglich hilflos dem Selbstmord ihres Geliebten zusehen muss, ein Gedanke also, aus welchem man womöglich die ganze Oper heraus hätte inszenieren können, bleibt an diesem Abend leider nur eine Randnotiz im letzten Bild.


    Wie all dies, die Spiegelung/Motivation der Figuren in ihrer Kindheit, ein bewegtes, stets kreisendes Bühnenbild, ein Statisterie-Chor, die unbeschränkte Gewalt aller anderen Figuren gegenüber Lucia besser, weil plausibel und sinnhaft auf die Opernbühne gebracht werden können, hat Tatjana Gürbaca (ebenfalls unter Corona-Bedingungen) vor kurzem am Opernhaus Zürich gezeigt. Dort handelt es sich um eine konsequente Weiterentwicklung ihrer Inszenierung am Staatstheater Mainz aus 2007. Wenn ich nun rein hypothetisch annehme, dass Niermeyer die Mainzer-Produktion kennt, sich eventuell sogar hat inspirieren lassen, komme ich leider dazu, dass sie für ihre eigene Arbeit mindestens die falschen Schlüsse gezogen hat.


    Eindrücke von den Probenarbeiten in Hamburg hier und zu Tatjana Gürbacas Inszenierung hier.


    [alle Links zuletzt aufgerufen am 24.10.2021]

    Sonst fällt mir nicht eine Platte oder CD ein. Das wundert mich angesichts des enormen Einflusses, den ihr Mann Götz Friedrich über Jahrzehnte auf den Kunstbetrieb hatte. Da hätte sich dich was machen lassen müssen.

    Da wäre noch Korngolds Die tote Stadt auf DVD in einer Inszenierung von Götz Friedrich enthalten in dieser Box, aber auch einzeln erhältlich:



    Eine böse Zunge hat mir gegenüber mal gesagt, Karan Armstrong wurde weniger wegen Karan Armstrong, sondern eher wegen Götz Friedrich besetzt (solche Fälle soll es geben, wobei ich aber auch anmerken möchte, dass Frau Armstrong m.E. immer noch besser gesungen hat, als ein gewisser Yusif Eyvazov es je tun wird) ... vielleicht erklärt das die schmale Diskographie.

    "Covid-Verdacht: Hamburger Staatsoper muss Vorstellung absagen : Wegen des positiven Corona-Tests eines Ensemble-Mitglieds musste die Vorstellung von Jacques Offenbachs "Les Contes d'Hoffmann" an der Hamburger Staatsoper abgesagt werden. Der technische Direktor Dr. Ralf Klöter erklärt im Interview die Hintergründe. Der größte Schaden sei, dass das Haus sein treues Publikum enttäuschen musste. "Es ist eine Katastrophe, wenn sie Menschen abends am Theater nach Hause schicken müssen", so Klöter." (Quelle: https://www.ndr.de/kultur/index.html; 23.09.2021)