Beiträge von MSchenk

    Ich glaube ja grad, die Sache ist schon komplizierter, als die Unterscheidung zwischen Oper als Unterhaltung und Fluchtmöglichkeit aus der alltäglichen Realität auf der einen Seite und Oper als intellektuelle Herausforderung auf der anderen Seite. Z.B. haben ja auch Ratten auf der Bühne einer Lohengrin-Inszenierung zuersteinmal abslolut nichts mit der alltäglichen Realität zu tun. Und selbst in einer vollständig auf das Heute bezogenen, in keinster Weise abstrahierenden Inszenierung einer Oper bricht die Realität unmmitelbar in dem Moment, in dem die Musik erklingt. Insofern hat Oper vollkommen unabhängig von der jeweiligen Inszenierungsform sowieso immer einen größtmöglichen Abstand zu Alltagsrealität. In diesem Sinn jedoch zerfällt der Wunsch nach konventionellen Inszenierungen zwecks einer zeitweisen Flucht aus dem Alltag zumindest in seiner Funktion als Argument gegen das Regietheater und dialektisch gefolgert darf dann auch der Verfechter moderner Inszenierungsformen entsprechende Aufführungen aus einer rein "kulinarischen" Konsum-Haltung heraus besuchen.

    Gegen ein wenig Stilisierung habe ich generell nichts einzuwenden, obwohl ich das Bühnenbild auch etwas gewöhnungsbedürftig fand. Und die Öffnung des Turms zum Altar fand ich reichlich kitschig. Allerdings muss ich auch sagen, dass trotz dieser Fragwürdigkeiten in dieser Inszenierung nichts gegen der Inhalt des Stücks gesprochen hat, was ich und andere RT-Kritiker eben bei vielen RT-Produktionen so sehr bedauern -z.B. Biogasanlage als Wartburg etc. oder Carmwn in der Psychiatrie.

    Es bleibt halt die Frage, was denn wirklich gegen den Inhalt eines Stückes spricht bzw. was diese ominöse Werktreue eigentlich ist!? Für mich ist eine Inszenierung oder besser allgemein eine Interpretation dann werktreu, wenn sie den Geist des Werkes transportiert. Dabei ist mir natürlich vollkommen klar, dass ich den Geist des Werkes nur für mich und nur schwer allgemein bestimmen kann. Klar ist aber, dass insbesondere Äußerlichkeiten, wie Bühnenbild, Kostüme, zeitlicher Rahmen bzw. Bezug für mich in den allermeisten Fällen eher zweit- bis drittrangig sind, und so kann denn auch eine Carmen durchaus in der Psychatrie spielen. - Die RT-Kritiker und ich haben da einfach so unterschiedliche Maßstäbe, dass wir wohl nie übereinkommen werden.

    Um wieder auf Zeffirellis Il trovatore-Inszenierung zu kommen, scheint es mir hier doch so, dass der Geist des Werkes sehr stark auf die äußere Form reduziert wird. Ich würde nun nicht unbedingt sagen, dass das Stück zugunsten der Ausstattung missbraucht oder gar denunziert wird, aber es wird m.E. zumindest benutzt, um etwas auf die Bühne zu bringen, was für mich genausowenig mit Werktreue zu tun hat, wie für Dich eben eine Carmen in der der Psychatrie oder auch eine La Bohème im Hochhaus. Wobei in letzterem Fall ich ja meine, dass gerade die Verlegung der Szene in ein "klassisches" Wohnhochhausviertel den Geist der Bohème recht gut transportiert, also durchaus eine gewisse Werktreue vorliegt (siehe auch unsere Diskussion hier und hier).


    Was mir übrigens zu Herrn Eyvazov einfällt, dass sein "Problem" weniger ein technisches ist, im Gegenteil, dass er einen Ton besonders lange halten kann, beweist er ja ständig. Was ihm einfach fehlt, ist m.E. stimmliche Gestaltungskraft. Würde er sich um eine solche bemühen (auch, wenn er dabei weiterhin wie ein Pfahl in der Landschaft herumstünde), könnte das Urteil veilleicht deutlich positiver Ausfallen. Hierzu würden mich dann schon Meinungen unserer Stimmexperten interressieren, denn vielleicht liege ich mit meiner Beurteilung ja auch vollkommen daneben.

    So, nachdem wir das nun - zum wiederholten Male - auch geklärt haben, erlaube ich mir doch, auf Zeffirellis Il trovatore-Inszenierung aus der Arena di Verona zurückzukommen:


    Inzwischen bin ich mit den ersten beiden Teilen durch und möchte frei nach Tannhäuser ausrufen: "Schweig mir von Werktreue!". Warum sehe ich statt einer Burg lediglich vor Waffen und Schilden strotzende Türme, die eine Burg höchstens stilisieren? Was sollen die beiden Großstatuen an den Bühnenrändern? Warum deutet Azucena in ihrer Erzählung auf ein Feuer, wo kein Feuer ist? Warum schauen Leonora und Manrico ständig aneinander vorbei, obwohl sie doch ineinander verliebt sind? Auf die unpassende Ritterkostümierung habe ich schon oben hingewiesen, aber auch die Zigeuner wirken auf mich nicht unbedingt authentischer. - Nicht, dass all dies in irgendeiner Weise wichtig wäre, aber genau diese Fragen werden doch sonst auch gestellt um zu "beweisen", wie wenig werktreu eine Inszenierung ist ... Übrigens wird ja gerne gefordert, dass anhand des Bühnenbildes recht unmittelbar erkennbar sein sollte, um welches Stück es sich grad handelt. Nun, als sich zum Ende des zweiten Teils der mittlere Turm zum Altar öffnete, was, wie Stimmliebhaber, der die Inszenierung live gesehen hat, hier glaubwürdig als durchaus beeindruckend beschreibt, habe ich so bei mir gedacht, jetzt schreitet Elsa gleich ins Münster. Was ich damit sagen will, dass das Ganze zumindest bis jetzt mit leichten Anpassungen im Licht auch an der Schelde spielen und so ein recht annehmbares Lohengrin-Bühnenbild abgeben könnte. Auch die Kostüme der Ritter könnte man hierfür zum Teil sicherlich wiederverwenden. - Klingt vielleicht lustig, zeigt m.E. aber einmal mehr die Sinnlosigkeit der Werktreue-Diskussion anhand der äußeren Ausstattung.


    Lassen wir diese offensichtlich sinnlosen Fragen mal beiseite, so bleibt von der Inszenierung allerdings nur noch ein - natürlich außerordentlich effektvoll gestaltetes - Ausstattungstheater übrig. Das dabei die Gefolgschaft des Grafen während seiner Arie "Il balen del suo sorriso" plötzlich regungslos verharrt, wirkt unmotiviert. Überhaupt zeichnet sich die gesamte Szenerie zumindest bis zum Schluß des zweiten Teils nicht unbedingt durch eine ausgefeilte Personenregie aus. Immerhin tun die Protagonisten ihr Möglichstes, gegen den totalen Stillstand anzuarbeiten. Allein Herrn Eyvazov ist es, wie mir scheint, nicht gegeben die außerordenlich eindrucksvoll rollenden Augen vom Dirigenten zu wenden, was ihn allerdings in seiner Bewegungsfreiheit ungemein einzuschränken scheint. Gesanglich bleibt für mich der Eindruck bestehen, dass er über genau zwei Register verfügt, das laute und das noch etwas lauterer. Hinzu kommt, dass ich bei ihm kaum soetwas, wie eine individuelle Stimmfärbung zu hören vermag; es bleibt wieder einmal alles auf einem Ton. Als weiteres ungemein unterstützendes Element der zunehmend um sich greifenden Statik der Aufführung kommt dass m.E. ziemlich kraftlose, wenig feurige Dirigat Maestro Morandis hinzu. Auf der musikalischen Haben-Seite ist natürlich Frau Netrebko zu nennen, die mit ihrem dunkel timbrierten, voluminösen, aber in den Koloraturen ausreichend beweglichen Organ das Rund der Arena ohne allzugroße Anstrengung auszufüllen vermag. Und auch Luca Salsis Luna gefällt mir bislang gut. Hier fällt sofort der Abstand zu Eyvazov auf: Salsi traut sich zum einen, wenigstens etwas Bewegung in seine Darstellung zu bringen und verfügt zum anderen über deutlich mehr, als nur einen Ton in zwei Dimensionen.


    Schließlich sei noch bemerkt, verehrter Gerhard, dass ich das Entfernen insbesondere des Eingansbeitrags recht ärgerlich finde. Gerne hätte ich nochmal gelesen, was Du zu dieser Aufführung geschrieben hast.

    nicht nur der Herr Amfortas, sondern manche andere nehmen sich hier so wichtig und überrragend, dass sie ständig namentlich auf mir herumhacken. Aber das juckt mich absolut nicht. Die gescheiten Leser werden schon wissen, was sie davon zu halten haben.

    Nun ja, mir persönlich ist es tatsächlich lieber, wenn man namentlich auf mir herumhackt, als wenn ich allgemein und wenig greifbar zu den "Herren Theoretikern" gezählt werde. - Aber das muss wohl jeder mit sich selber abmachen ...

    Nun habe ich den Herren Theoretikern wohl wieder einen Grund gegeben, über mich herzufallen, wie ich aus den vielen Zuschriften ersehen kann. Freut mich ungemein. Zum Schweigen und meine Position gegenüber verschandelten Handlungen aufzugeben bringen sie mich jedenfalls nicht. Mögen sie hetzen, solange sie wollen. :hahahaha::hahahaha::hahahaha::hahahaha::hahahaha:

    Ach, Gerhard, ich glaube, jetzt nimmst Du dich doch etwas zu wichtig! - Weder fällt hier jemand über Dich her, noch will Dich jemand zum Schweigen bringen. Und auch gehetzt wird nicht. Ein kritisches Hinterfragen bestimmter Positionen und Setzungen hingegen muss jedoch erlaubt sein.

    Als Originalwerk bezeichne ich eine Inszenierung, deren Handlung nach dem Libretto, auf das der Komponist die Musik geschrieben hat, abläuft und die zeitlich und örtlich dort angesiedelt ist, wo sie historisch hingehört.

    Beim nochmaligen Lesen stelle ich fest, dass wir Gerhard in diesem speziellen Fall sogar unrecht an der falschen Stelle tun. Er behauptet - zumindest in der obigen Aussage - nicht, dass Werk und Libretto/Partitur identisch seien. Tatsächlich stellt er eine Verbindung zwischen Werk und Inszenierung her, die ich sogar bereit bin zumindest cum grano salis ein Stück weit zu teilen: Basierend auf Holgers Ausführungen (nicht nur in diesem Thread) zum Werkbegriff hat sich bei mir (sozusagen für den praktischen Gebrauch) der Gedanke manifestiert, dass das Werk erst im Moment der Aufführung entsteht, also erst das Aufgeführte das Werk ist. Da nun andererseits Inszenierung und Aufführung schwer zu trennen sind, ist ein geweisser "Gleichklang" von Inszenierung und Werk für mich durchaus plausibel. - Natürlich ändert all dies weder etwas an dem hochproblematischen Begriff des Originalwerkes, noch an der einfach nur ärgerlichen Verweigerung einer jeglichen Grundlegung von Begriffen via unumgänglicher Theoriebildung.

    Wenn das Werk nicht mit dem Libretto und dem Werk identisch sein soll, was ist dann für eine Aufführung Maßstab, Richtlinie und Wegweisung? Woran sollen sich Regisseure und Interpreten halten?

    Hierin liegt m.E. keinerlei Widerspruch: Natürlich sollen und müssen sich Regie und Interpretation - im Rahmen der Interpretationsfreiheit - an das Libretto und die Partitur halten. Was dann in gemeinsamer Arbeit daraus entsteht, ist das Werk. Dass dies nicht mit dem Libretto und der Partitur identisch sein kann, ist jedoch nur zu offensichtlich. Wie Holger schon schrieb, dass eine sind die Buchstaben, dass andere ist der Geist. Oder auch anders: Das eine ist gegenständlich, dass andere mindestens flüchtig, vielleicht sogar imaginär (Ich sehe nicht dass, was auf der Bühne geschieht, sondern dass, von dem ich denke, dass es auf der Bühne geschieht.).

    Lieber Holger, dem, was Du schreibst ist eigentlich wenig hinzuzufügen. Die Diskussion um den Begriff des Absurden hatten wir meiner Erinnerung nach vor einer Weile ja schon - war es nicht sogar genau in diesem Thread? Das Ergebnis oder besser das nicht-Ergebnis dürfte bekannt sein. Trotzdem wäre es vielleicht einfach klug, das Absurde aus dem Thread-Titel zu streichen, da dieser Begriff in seiner Komplexität dasjenige, was hier "verhandelt" werden soll doch deutlich übersteigt. Meinethalben mag man von angeblich lächerlichen Inszenierungsideen sprechen. Jedoch, was ich lächerlich finde, entscheide ich selber! Und so werde ich mir auch weiterhin für eine eventuell notwendige Gegenrede nicht zu schade sein.

    Das habe ich hier schon öfter betont: Als Originalwerk bezeichne ich eine Inszenierung, deren Handlung nach dem Libretto, auf das der Komponist die Musik geschrieben hat, abläuft und die zeitlich und örtlich dort angesiedelt ist, wo sie historisch hingehört.

    Ich habe bis jetzt nur kurz in die Inszenierung in Verona hineinschauen können und natürlich ist das alles schon sehr imposant - vor allem, wenn man live dabei ist, denn der Bildschirm kann all dies wohl nur unzulänglich einfangen.


    Was mir jedoch sofort aufgefallen ist, sind die Ritter/Soldaten gleich zu Beginn, genauer die Halbmondsichel auf ihren Kostümen. Nun ist ja durchaus bekannt, dass die Mauren Teile Spaniens lange Zeit besetzt hielten, allerdings wurden sie wohl schon einige hundert Jahre vor Handlung der Oper (lt. Wikipedia Anfang des 15ten Jahrhunderts) wieder vertrieben. Zudem gehörte wohl Aragonien, wo die Handlung ebenfalls lt. Wikipedia spielt, nicht zu den eroberten Gebieten. - Nun, der Optik tut dies keinen Abbruch und für die Inszenierung ist es wohl auch vollkommen egal. Allerdings zeigt es m.E. wieder einmal, wie uneindeutig und wenig greifbar Begriffe bzw. Bezugspunkte, wie Das Originalwerk oder Die (zeitlich und örtlich) historische Richtigkeit eigentlich sind. Insbesondere zur Verteidigung oder auch zum Angriff auf diese(r) oder jene(r) Art der Inszenierung scheinen sie mir wenig instruktiv.

    Lieber Michael

    das ist aber nun mal das Wesen der Oper. Wer das als absurd empfindet, sollte sich lieber auf das Sprechtheater beschränken.

    Nein, nein, es ist ja nicht gesagt, dass diese offenbare Absurdität als negativ empfunden werden muss. Es erscheint mir nur sinnvoll, sich ihrer bewußt zu sein um irgendwie damit umgehen zu können. Man lese beispielsweise bei Camus nach, der in Le Mythe de Sisyphe ja ganz explizit auf die Absurdität des Seins an sich hinweist eben genau ohne daraus zu schließen, dass das Sein sinnlos wäre.

    Das alles stärkt mich in meiner Meinung, daß der Unterhaltungswert einer Oper höher einzuschätzen wäre als der Erziehungswert. Das ganze Projekt "Oper" ist, wie Du sagst inkongruent. Ihr deshalb belehrende Funktionen zuzuordnen, das halte ich für keinen guten Weg. Weil z.B. es unnormal ist, beim Sterben zu singen ist es für den User La Roche kein guter Weg, die Neudeutung einer Opernhandlung zu nutzen, der Menschheit neue Wege zur Lösung gesellschftlicher Probleme zu zeigen.

    Ich befürchte, Du hast mich vollkommen falsch verstanden: Nicht das "Projekt Oper" ist inkongruent. Ganz im Gegenteil ist die "Lächerlichkeit des Singens" zur Darstellung der Handlung, die teilweise Absurdität der Handlung selber, der unverhältnismäßige Aufwand, all dies auf eine Bühne zu bringen und schließlich die emotionale Vehemenz, mit der die Diskussionen rund um das "Projekt Oper" geführt werden, in sich sogar hochgradig kongruent! - Inkongruent ist m.E. die Haltung derjenigen, die einerseits all dies praktisch unreflektiert akzeptieren, aber sofort auf die Barrikaden gehen, wenn das Bühnenbild einer Aida nicht erkennbar zwischen Pyramiden am Nil zu verorten ist.


    Den Unterhaltungswert der Kunsform Oper heutzutage höher einzuschätzen, als einen möglichen Erziehungswert ist natürlich zuersteinmal ein mehr oder weniger valider Standpunkt. Aber dann sollte man sich auch über die möglichen Konsequenzen im Klaren sein. Wenn ich das Ganze auf die Dimension der Unterhaltung reduziere, sehe ich persönlich tatsächlich keinen essentiellen Unterschied mehr zum Musical. Insbesondere entzieht sich damit die Oper jeglicher Berechtigung einer öffentlichen Förderung und geht vollständig in den Sektor der privaten Finanzierung über. Damit nehme ich insbesondere in Kauf, dass eine Opernlandschaft, wie wir sie in Deutschland haben, vermutlich ziemlich bald der Vergangenheit angehören wird. Opernhäuser wird es nur noch in den großen Metropolen geben. Es werden Preise aufgerufen, die einen einigermaßen regelmäßigen Besuch einer Vorstellung für die meisten von und unerschwinglich machen wird. Ich bekomme also vielleicht meine Aida am Nil, werde sie aber vielleicht nur zweimal im Jahr sehen können. Überhaupt werde ich nur noch die Stücke sehen können, die ein entsprechendes Publikum in die Häuser locken: Mozart, Wagner, Puccini, Verdi - selbst ein Richard Strauss wird es schon schwer haben, ein Britten zumindest in Deutschland wohl nicht mehr aufgeführt werden und modernes Musiktheater eine brotlose Kunst sein. Wer jetzt einwirft, dass es in den USA doch auch funktioniert, übersieht, dass in Deutschland gänzlich andere Mechanismus greifen werden. Ein ausgeprägtes Mäzenentum gibt es hier schlicht nicht. - Wie gesagt: Man kann dies alles wollen oder auch nur hinnehmen. Man sollte aber auch so ehrlich sein, und hinterher dazu stehen!


    Schließlich zur Nutzung einer Opernhandlung zum Aufzeigen neuer Wege bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme per Neudeutung: Ich glaube, die allerwenigsten Opern- oder auch Theaterinszenierungen, und auch andere Kunstformen, wie z.B. die Literatur oder die bildende Kunst wollen dies oder sehen dies als ihre originäre Aufgabe. Vielmehr geht es darum, bestehende Probleme der heutigen Zeit in irgendeiner Form zu spiegeln. Beispielsweise kann ich die Handlung der La Bohème durchaus mit der zunehmenden Armutsproblematik deutscher Großstädte heute in eine Verbindung bringen. Aber natürlich kann angesichts der Komplexität dieses Problems auch eine Operninszenierung hierfür keine Lösung liefern. Sie kann aber das Problem - und sei es nur für einen Moment - in das Bewußtsein eines zumeist durchaus gutsituierten Publikums rücken.

    Mein Bezug auf die "La Boheme" im Hochhaus bezog sich auf die Aufführung, die heute Morgen auf 3Sat zu sehen war. Prinzipiell habe ich gegen eine Verlegung in ein solches Ambiente nichts einzuwenden, obwohl Hochhäuser heutzutage über Zentralheizungen verfügen und man auch nicht mit Kerzen durch dunkle Treppenhäuser schleichen muss. [...]

    Nun, aber das nur am Rande, es ist inzwischen ja auch so, dass nicht nur Menschen, die in Hochhäusern leben, schnell in eine prekäre Situation geraten können und nicht mehr in der Lage sind, Strom- oder Heizungsrechnung zu begleichen. Die zuständigen Anbieter reagieren da wenig zimperlich ...

    [...] Als absurd und lächerlich empfand ich allerdings in der gezeigten Boheme schon den Anfang. Da steht Marcel in einem Vorgarten, der grünen Umgebung zufolge ist offenbar Hochsommer. Er geht dann ins Haus, trifft dort im Waschkeller auf Rodolfo, und die beiden frieren so sehr, dass sie ein Feuer in der Trommel einer Wäscheschleuder(!!!) entfachen. [...]

    Was ich wirklich nicht verstehe, ist diese offensichtliche Inkongruenz in der Bewertung, was als absurd und lächerlich empfunden wird: Niemand stört sich an der Lächerlichkeit, dass in der Oper die Geschichten singend und nicht redend erzählt werden, dass Menschenmassen in Form von Chören ebenfalls singend über die Bühne manövriert werden, dass zum Teil mehr oder weniger motivierte Balletteinlagen zum Besten gegeben werden. Auch die Absurdität so mancher Opernhandlung an sich ruft vergleichsweise wenig Irritation hervor, solange nur z.B. eine La Bohème im Winter spielt. Was für mein Empfinden tatsächlich absurd und lächerlich ist, dass die Kraft der Imagination, die mir gerade im Zusammenhang mit der "Herstellung" und Rezeption von Kunst sehr wichtig erscheint, hier auf dem Altar einer unbedingt gewünschten Rationalität und Logik geopfert werden soll.

    Zudem ist beim dem Projekt der La Bohème im Hochhaus doch vollkommen klar, dass es hier nicht in erster Linie um die (kritische) Interpretation geht, sondern darum, die Oper dorthin zu bringen, wo die Menschen tatsächlich leben. Ob damit nun Menschen dazu gebracht werden, künftig ein Opernhaus zu besuchen, halte ich dabei sogar für zweitrangig. Trotzdem scheinen alle Beteiligten und insbesondere die aus dem Quartier stammenden Statisten ihre Aufgabe sehr ernst zu nehmen und mit großer Freude dabei zu sein. Keiner von denen wird sich darüber "wundern", dass hier kein Schnee auf den Dächern liegt. - Bitte, man kann mit Blick auf eine "reguläre" Operninszenierung natürlich darüber diskutieren, inwieweit der Winter für die Handlung der La Bohème konstitutiv ist. Aber für die La Bohème im Hochhaus läßt sich diese Frage nicht ernsthaft stellen.

    Inzwischen gibt es einen eigenen Thread für den Trovatore aus Verona. Zwei Threads zum gleichen Theam sind nicht erforderlich.

    Na ja, wie Alfred hier aufführt, gibt es über 20 Threads, die sich mit dem Phänomen Herbert von Karajan beschäftigen. Ist es dann wirklich ein Problem, dass wir uns mit dem Il trovatore aus Verona sowohl hier, als auch da beschäftigen? Das Ganze ist doch ein echtes Wochenendthema, welches in ein paar Tagen niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken wird. Für eine echte Kontroverse scheint die Inszenierung nach allem, was hier bislang zu lesen ist, einfach zu uninteressant zu sein. - Im übrigen bin auch ich ein großer Freund von Struktur und Ordnung, aber dbzgl. ist hier im Forum nun einmal Hopfen und Malz verloren. Soetwas geht nur, wenn man feste und eindeutige Regeln hat, die durchaus auch mal rigide durchgesetzt werden müssen (siehe z.B. Wikipedia). Dazu würde als erstes aber auch gehören, dass Threads nur noch von Moderatoren eröffnet werden dürften. Ich persönlich weiß nicht, ob das ein Ziel sein kann bzw. sein sollte ...

    Ich weiß, es ist absolut vorurteilsbehaftet, aber ich neige eher dazu zu glauben, dass jemand unter Hausarrest eine "normale" Operninszenierung auf die Beine Stellen kann (Serebrennikow), als dass ein fast 100jähriger aus dem Rollstuhl Solisten, 100 oder mehr Statisten und Chorsänger und eine irgendwie inhaltlich motivierte Opern(groß)inszenierung adäquat, d.h. mit einer wirklcihen Idee auf die Bühne bringt - eher springt er sprichwörtlich aus dem Fenster :untertauch:

    Ach, du Scheiße! Hätte ich bloß nicht in diesem Thread hineingeschaut ... - Aber egal, wo ich jetzt schonmal da bin, übergehe ich wohlerzogen (keine Politik im Forum) die sehr unterschiedlichen Aspekte der eigenen Vergangenheitsbewältigung, und frage mich, wer denn auf folgende absurde Idee käme:


    Selbst [...] Currentzis werden immer wieder an ihm [H.v.Karajan] gemessen.

    Vorschlag von mir: wir schauen uns das Spektakel im TV an, der Souffleur genauso wie Siegfried oder MSchenk, La Roche genauso wie Gerhard Wischnewski, und dann tauschen wir unsere Eindrücke und Meinungen hier aus.

    Ich muss leider insofern passen, als das ich nicht dazu gekommen bin, rechtzeitig den Fernseher einzuschalten. Immerhin habe ich die Aufzeichnung heruntergeladen und hoffe, zeitnah die nötige Ruhe zu finden, sie mir anzuschauen. Allerdings erwarte ich von einer Diskussion der Inszenierung keine wirklichen Erkenntnisse. Nicht etwa, weil die Meinungen schon feststünden, sondern eher, weil derartige Inszenierungen bzw. allgemeiner konventionelle dazu neigen, in einem gewissen Sinne hermetisch zu sein. Das Werk wird "einfach" dargestellt, wie der Regisseur es anhand des Librettos vorfindet. Der Inhalt des Werkes, ein eventuell vorhandener Subtext oder verborgene Dimensionen werden explizit nicht interpretiert, dass Werk wird nicht "befragt". Natürlich, dass ist genau das, was von einigen so gewünscht wird und wenn der Regisseur sich für eine solche Herangehensweise entscheidet, ist das auch legitim. Es fehlt dann m.E. jedoch die Basis bzw. der Anlaß für eine Diskussion der Inszenierung, welche über ein "ganz hübsch" hinausgeht. Es bleibt das musikalische, aber darum geht es an dieser Stelle ehrlicherweise nur am Rande. Es ist schon, wie Holger schreibt: Eine solche Darstellung mag für Verona angemessen sein, geht aber eigentlich über das musicalhafte nicht hinaus, was es vermutlich aber auch garnicht soll. - Aber warumm soll ich es dann diskutieren!?

    Ansonsten gebe ich Mme. Corteses recht, daß gerade Zeffirelli oft übertrieben hat, was die Ausstattung betrifft. Aber in jedem Fall besser als die Boheme im Hochhaus, die morgen auch übertragen wird.

    Die Äußerung ist m.E. interessanter, als sie auf den ersten Blick scheint, da hier - wahrscheinlich unbemerkter Weise - mit zweierlei Maß gemessen wird: Es wird zugestanden, dass Zeffirellis Arbeiten durchaus übertrieben, überbordend, hypertroph oder einfach "zuviel des Guten" sind. Aber, wie an anderer Stelle oben bemerkt wird, ist diese Art der Hypertrophie für einen Ort, wie die Arena di Verona möglicherweise ja durchaus angemessen. Warum ist es dann aber nicht angemessen, die La Bohème in einem Hochhaus spielen zu lassen? Wohlgemerkt, der Kern ist hier nicht eine Inszenierung in der Art, wie sie oft Gegenstand unserer Streitereien ist, auch nicht ein Opernfilm im Stile der 70er oder 80er, sondern die Verlegung der Geschichte in ein soziales Milieu, in welchem sie sich heute eventuell genauso zutragen könnte. Wenn ich also einerseits sage: "Wenn Il trovatore in Verona, dann so!" Warum gilt dann nicht mit dem gleichen Recht: "Wenn La Bohème heute, dann so!" Ein solches Verständnis würde allerdings voraussetzen, dass man (wenigstens für einen Moment) bereit wäre, die Prämisse des "La Bohème heute" zumindest als conditio sine qua non einer inhaltlichen Diskussion zu akzeptieren.

    Ich habe grad mal durchgezählt und komme in der zuendegehenden Saison 2018/19 auf insgesamt 17 Opernbesuche, davon 14 mal Staatsoper Hamburg und dreimal mal Stadttheater Lübeck.


    Hamburg


    • Mozarts Così fan tutte in einer Neuinszenierung von Herbert Fritsch; ein herrlicher Spaß, der hier im Forum allerdings weniger goutiert wird ...
    • Auf Empfehlung von Ralf Beck und Caruso41 "die zwei Gesichter" des Joseph Calleja in Verdis Luisa Miller (siehe hier).
    • Ein großartiger Christian Gerhaher in Achim Freyers Sicht auf Schumanns Szenen aus Goethes Faust - Wie bei Freyer üblich, alles recht verrätselt, aber fast noch leichte Kost im Vergleich zu seiner ...
    • ... Parsifal-Inszenierung, die ich in dieser Saison sogar zweimal gesehen, gehört, aber immer noch nicht im Ansatz verstanden habe. Entschädigt haben dafür Robert Dean Smith in der Titelrolle und Tanja Ariane Baumgartner als Kundry.
    • Ein ausgesprochen lohnenswerter Spontanbesuch galt George Benjamins Lessons in Love and Violence - Leider einmal mehr vor zu spärlich besetzten Rängen; allzu modernes liegt dem "wahren Opernfreund" eben nicht ;(
    • Zu nennen ist auf jeden Fall Andreas Schager als Siegfried (Siegfried und Götterdämmerung). Sein Auftritt im Hamburger Ring-Zyklus wurde von Ralf Beck mit Recht als eine Sternstunde der Oper bezeichnet.
    • Last but not least Kirill Serebrennikovs "Ferninszenierung" von Verdis Nabucco. In der Presse kontrovers diskutiert und m.E. ein heißer Kandidat für den Titel Operninszenierung des Jahres.

    Das "kleine" Stadttheater Lübeck konnte in dieser Saison mit der Übernahme des Konwitschny-"Klassikers" Boris Godunow (gesungen in deutsch), sowie Jochen Biganzolis Inszenierung der Leib und Magen-Oper eines jeden "wahren Opernfreundes", Webers Freischütz, punkten. Allerdings wurde hier endlich mal wieder ein echter Regietheater-Reisser geboten, der nicht allen gefiel. Weniger gelungen hingegen eine Neuproduktion des Don Giovanni (Regie Martina Veh). Hier darf man auf die kommende hamburger Spielzeit gespannt sein, wo sich Jan Bosses neue Deutung des Stückes gegen die ausgezeichneten Arbeiten von Stefan Herheim (Le nozze di Figaro) und Herbert Fritsch (Così fan tutte) wird behaupten müssen.

    Lieber Bertarido, Lieber Michael ;) Vielen Dank für Eure prompten Antworten. Bisher habe ich auch im Wesentlichen auf den Video DownloadHelper gesetzt. Werde jetzt aber auch nochmal den Jdownloader 2 ausprobieren. Blöd ist zumindest beim Video DownloadHelper das Herunterladen zumindest bei mir ewig und drei Tage dauert und auch gerne mal mit einem unvollständigen Ergebnis abbricht.

    Ich habe mir die Aufzeichnung aus der Mediathek heruntergeladen und werde sie mir in den nächsten Tagen noch einmal in Ruhe anschauen.

    Lieber Bertarido, hier würde mich dringend interessieren, wie Du das gemacht hast? Seitdem in vielen Mediatheken o.ä. das Steaming-Format anscheinend geändert wurde (HLS-Steaming), komme ich mit den bisher von mir verwendeten Tools nicht mehr recht weiter :(