Beiträge von MSchenk

    Oh ja, am kommenden Donnerstag geht es seit Februar 2020 endlich wieder in die Oper und auf dem Spielplan steht eine Neuinszenierung von Offenbachs Les contes d’Hoffmann. Es werden unter anderem singen Benjamin Berheim in der Titelrolle, Olga Peretyatko die Damenrollen Olympia/Antonia/Giulietta/Stelle und Luca Pisaroni als Bösewichte Lindorf/Coppélius/Dr.Miracle/Dapertutto. Am Pult GMD Maestro Nagano.


    Hallo Holger,

    Allein, eine Meinung bleibt stets subjektiv und ein Beweis ist in diesem Bereich nicht möglich.

    ich bin bekanntlich kein Freund von Beliebigkeit. ;) Was natürlich nicht heißt, dass es nur eine (richtige) Meinung gibt. Es kommt hier immer darauf an, wie gut sie begründet ist. [...]

    Das ist sicherlich richtig und ich finde hier auch sehr gut begründete bzw. erklärte Meinungen z.B. von Dir, Norbert oder in einem anderen Thread von Glockenton. Diese kann ich verstehen, nachvollziehen und mich am Ende entweder einverstanden oder nicht einverstanden erklären. Genauso gibt es aber auch die üblichen, wenngleich teilweise gut verpackten Pauschaleinwände der Art Currentzis/Karajan/Harnoncourt/Thielemann etc. ist doof! womit offenbar herzlich wenig anzufangen ist. Aktuell scheint mir Currentzis die auserwählte Zielscheibe für Ist doof! zu sein; davor war es vielleicht Thielemann.

    [...] Bei Karajan, Celibidache oder Carlos Kleiber und noch einigen Anderen, die zu nennen wären, ist es so, dass viele Dirigentenkollegen sehr große Hochachtung vor ihnen haben [...]. Das spricht dann für sich.

    Ganz anders für sich spricht aber auch, dass die Hochachtung voreinander nicht immer die größte gewesen zu sein scheint, wenn sich beispielsweise Celibidache über Karajan oder etwa Wand öffentlich über keinen der beiden geäußert hat. Auch Dirigenten sind eben Menschen und haben manchmal nur Meinungen ;)

    Die Welt, für die Karajan stand, mochten manche "revolutionäre" Kritiker nicht. Das skurrilste Beispiel ist wohl der Kritiker Hans-Heinrich Metzger. Der meinte doch tatsächlich: "Wenn die Geschichte (gemeint ist ihre angebliche Begünstigung durch den NS, H.K.) anders gelaufen wäre, dann hätten eben Leute wie Karajan und Böhm es nicht weiter gebracht als bis zur ehrbaren Stellung eines Generalmusikdirektors in Wiesbaden oder Münster."


    Darüber habe ich im Kopf einen Kolumnenbeitrag zu schreiben - über die seltsame Spezies der "Abstreiter" heute.

    Unabhängig von der Kategorie "Abstreiter", die sich sicherlich wenig von der "Ist doof!"-Fraktion unterscheidet, steckt m.E. durchaus ein interessanter Gedanke hinter Metzgers Äußerung: Klar ist natürlich, das eine wie auch immer geartete Nähe zum System ob freiwillig oder teilweise erzwungen Karajan, Böhm oder Furtwängler währenddessen und danach in ihrer Karriere offenbar nicht wirklich geschadet hat. Auf der anderen Seite steht für mich aber jemand, wie Günter Wand, der, wie ich finde, dirigentisch den Vorgenannten in nichts nachsteht, sich mit dem System deutlich weniger gemein gemacht, aber eben auch keine vergleichbare Weltkarriere erfahren hat. - Sicher, Wand und Karajan könnten vom Typ kaum unterschiedlicher gewesen sein und was hier Ursachen und Wirkungen in den jeweiligen Lebensläufen sind, wird kaum in einer Kolumne zu erörtern sein.

    Es gibt (auch hier in diesem Forum) Musikliebhaber, die Stücke gerne nur nach ihrem Geschmack dargeboten haben wollen. Wenn sie einen Dirigenten persönlich nicht mögen (und ihn persönlich nicht einmal kennen), finden sie ihn meistens schlecht. Der Fall Karajan ist der berühmteste. [...]

    Alles im Wesentliche richtig, was Du oben schreibst. Ähnliches gilt z.B. auch für Thielemann und "witzigerweise" anscheinend auch für Currentzis ... natürlich, in allen Fällen kann der weniger oberflächliche oder "angeblich sehr gebildete" Musikliebhaber seine Meinung dbgzl. auch immer fundieren und begründen. Allein, eine Meinung bleibt stets subjektiv und ein Beweis ist in diesem Bereich nicht möglich.


    Ich persönlich halte insb. vom "frühen" Karajan sehr viel, z.B. sein Beethoven-Zyklus aus den 60ern. Auch als Operndirigent sind etwa seine Meistersinger mit der Staatskapelle Dresden sicherlich eine Referenz, sein Ring m.E. deutlich unterschätzt und über seinen späten Don Giovanni läßt sich streiten. Sein sich in Szene setzen in den Fernsehproduktionen inkl. Bläserstafetten und Weicherzeichneroptik ist hingegen heutzutage höchstens noch amüsant, aber nicht mehr. Auch die späten "Inszenierungen" als "Schmerzensmann am Pult" halte ich allem Respekt vor den immensen gesundheitlichen Problemen, die er gehabt hat, für fragwürdig.

    Der Currentzis-Hype wird bestimmt viel kürzer dauern als Harnoncourts ganze Karriere!

    Na ja, die Frage ist ja auch, was wir als Publikum sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne aus diesem Hype machen. Man könnte sich ja auch mehr auf ein musikalische Urteil beschränken. Jedenfalls habe ich Currentzis bis jetzt immerhin dreimal life hier in Hamburg erlebt (u.a. Verdis Requiem, Tschaikowskis 5te und Schostakowitsch "Leningrader") und das war schon gut und überhaupt nicht durch Exaltiertheit oder Ego-Tripp geprägt. Und bitte, auch was Harnoncourt angefasst hat, war nun im Ergebnis sicherlich nicht alles reines Gold ...

    Nachwort zum Don Giovanni: Die Kritiker tadeln das Hochfahren des Orchesters und die Blitze bei der Champagnerarie. Ich fand das toll, allerdings war der Zeitpunkt falsch. Der Höhepunkt der Oper ist von der Handlung wie von der Musik her die Komturszene mit Giovannis Höllenfahrt. In der Inszenierung wälzt sich Giovanni konvulsivisch auf dem Boden, auf dem er dann irgendwie verendet. Hier hätte das Spektakel mit den Blitzen seinen wahren Platz gehabt.

    Vielleicht wäre das Hochfahren aber eigentlich auch eine Sache des ersten Finales gewesen, quasi als Bühnenmusik und Vergrößerung des komponierten Chaos. Das mit der Bühnenmusik würde natürlich auch im zweiten Finale funktionieren, allerdings wäre mir hier die Ablenkung vom Wesentlichen dann doch zu groß. Interessant finde ich übrigens, dass in der Kritik dieses Hochfahren des Orchesters als Currentzis Ego-Tripp bezeichnet wird; Kesting schreibt "Umso seltsamer, dass die Besucher des „Don Giovanni“ den schamlosen Ego-Trip des Dirigenten Teodor Currentzis feierten, der sich für die Wein-Arie mit seinem Orchester auf die Bühne hieven und sich im Flammen von Stroboskop-Blitzen als den wahren Protagonisten feiern ließ." [Dirigent auf Ego-Trip, FAZ-Online, zuletzt aufgerufen am 16.08.2021] und unterstellt damit unmittelbar, dass es sich hier um eine originäre Idee des Dirigenten und nicht des Regisseurs handelt. Mir ist das nicht so klar, aber eventuell weiß Kesting da mehr ...

    P.S. Der schönste Tosca-Schluss wird in einer Anekdote beschrieben - nicht wahr, aber gut erfunden - in der feindliche Kollegen der Tosca für den Sprung hinter die Bühne nicht etwa Matten hinlegen, sondern ein Trampolin, wonach sie dann mehrfach wieder auftaucht.


    Ab ca. 36'00'' ...

    [...] Ich habe mich an der Komtur-Szene gestört, die in ihrer Abstraktion überhaupt nicht funktioniert. Don Giovanni wälzt sich nackt und mit weißer Farbe angemalt in nicht nachvollziehbaren Konvulsionen auf dem Boden, auf dem er dann irgendwie verendet. Ich habe in Düsseldorf eine Tosca gesehen, die am Schluss nicht springt, sondern vor dem Vorhang irgendwie verendet. Für mich heißt das, dass die Regisseure eine Nicht-Lösung wählen, was für einen Regisseur doch sehr fatal ist. Da hätte man besser Don Giovanni in den Bühnenhimmel hochziehen und verschwinden lassen können oder in einer Badewanne ertränken, wie es ein Regisseur bei Katja Kabanowa gemacht hat, wobei die Badewanne den Fluss symbolisiert, in den sie sich stürzt.

    Ja, lieber Dr.Pingel, genauso so! - Vielleicht vollführt Don Giovanni so etwas, wie eine Reinwaschung, Weiß ist die Farbe der Unschuld! Dagegen spricht aber, dass er ja gerade nicht Abbitte seiner Sünden leistet, sondern lieber in die Hölle fährt. Vielleicht will er aber auch nur verschwinden, abhauen, sich seiner Verantwortung entziehen und sich vor dem weißen Bühnenraum unsichtbar machen? - Aber wie Du sagst, dies reicht eben nicht aus, um die Idee einer Höllenfahrt zu konkretisieren. Die Darstellung bleibt vielleicht an sich interessant, aber im Verhältnis zum Stück bedeutungslos.


    Zum von Dir beschriebenen Schluß der Tosca fällt mir Ruth Berghaus' legendäre Tristan-Inszenierung an der Hamburger Staatsoper ein:

    Schließlich Isoldes Liebestod, auf welchen das von Wagner als Handlung in drei Aufzügen bezeichnete Geschehen vom ersten Akkord an zwingend hinarbeitet. [...] Isolde tritt nun endgültig aus der Handlung und vor den Vorhang, wo sie schließlich niedersinkend den Mond umarmt. Ein Schlußbild, welches seit knapp 25 Jahren nichts an seiner Faszination und Eindrücklichkeit verloren hat.

    Wieder scheint mir der Unterschied zu sein, dass Puccinis Oper Tosca konkret ist, während Wagners Handlung Tristan und Isolde durchaus als eine Abstraktion über das Thema Liebe verstanden werden kann. Deshalb kann Isolde aus der Handlung hervortreten und diese gewissermaßen abschließend mit ihrem Liebestod kommentieren, während Tosca auf der Bühne sterben muss.

    Nachdem ich mir - zwar nicht mit Mißvergnügen, aber auch nicht mit besonderem Spaß - auch den zweiten Aufzug angeschaut habe (vgl. meinen Beitrag #20), hier noch ein Gedanke aher allgemeinerer Natur:


    Der Grund, warum Castelluccis Don Giovanni-Inszenierung zumindest in meinen Augen nicht gut funktioniert, ist eigentlich der Gegensatz zwischen Abstrakt und Konkret. Die Methode, eine Oper dadurch in Szene zu setzen, einerseits zwar durchaus die eigentliche "Story" zu erzählen, dies aber andererseits stets und sogar wortwörtlich vor dem Hintergrund mehr oder weniger frei assoziierter Bilder zu tun, ist abstrakt und insofern kann man Castelluccis "Stil" wohl insgesamt als abstrakt bezeichnen. Auch die Artbeiten Achim Freyers würde ich in genau diesem Sinne als abstrakt bezeichnen; vielleicht sogar noch etwas mehr, als bei Castellucci.

    In der Kritik als durchaus positiv wahrgenommen habe ich nun in Erinnerung (ich habe nicht alles gesehen) Castelluccis Inszenierung zur Salome (Salzburg), Bachs Matthäus Passion (Hamburg), Parsifal (Brüssel), Moses und Aaron (Paris) oder Das Floß der Medusa (Amsterdam). Alles also Werke, die m.E. entweder selber hinreichend abstrakt oder zumindest für eine gewisse Abstraktion offen sind. Hier bestehen insbesondere vielfälltige Möglichkeiten für die Entwicklung und Darstellung assoziierter Bilder und das innere Tempo dieser Stücke läßt dies auch zu. Unmittelbar klar ist dann aber auch, warum Castellucci mit seinem Ansatz bei Mozarts Don Giovanni fast schon scheitern muss: der Don Giovanni ist geradezu ein Paradebeispiel eines konkreten Werkes! Die Handlung ist kaum symbolhaft, alles passiert innerhalb eines Tages mit einem entsprechend hohen Tempo, welches auf die Bühne gebracht werden muss (ähnlich verhält es sich mit Mozarts Le nozze di Figaro). Große Tableaus, die sich langsam aufbauen, langsam bewegen, die es womöglich zu enträtseln gilt, verlangsamen den Fortgang so sehr, dass das Stück ins Oratorienhafte abgleitet. Die großen Arien werden, so habe ich es jdenfalls hier empfunden, zu Konzertarien. Es fehlt der nötige "Drive"!


    Etwas plakativer könnte man also sagen, dass es keine gute Idde ist, Castellucci einen Don Giovanni inszenieren zu lassen, weil das Abstrakte nicht konkret und das Konkrete nicht abstrakt ist!


    Der fliegende Holländer aus Bayreuth in der aktuellen Tscherniakov-Inszenierung hat dieses Problem übrigens nicht: Sowohl Stück, als auch Inszenierung sind konkret. Hier passen nur dummerweise die jeweiligen Konkretiesierungen Wagners und Tscherniakovs nicht wirklich zusammen :/



    Schließlich noch ein paar Worte zu Teodor Currentzis und seinem Ensemble musicAeterna: Hier stören mich vor allem die m.E. doch recht oberflächlichen Kritikpunkte bzgl. Personenkult, Selbstinszenierung oder roter Schnürsenkel. Interessant ist dann tatsächlich der Vergleich mit Herbert von Karajan, wie ihn Kesting ja durchaus nicht unkritisch ins Feld führt. Auch damals gab es einen Personenkult, eine Selbstinszenierung und statt der Schnürsenkel eben schnelle Autos. Und wenn man Currentzis musikalisch seinen sehr effektvollen, aber wie ich finde auch deutlich ausdifferenzierten und sicher nicht langweiligen Don Giovanni vorwerfen will, dann bitte auch gleich die Frage beantworten, was an Karajans (von mir durchaus geschätzten) vollsymphonischem Don Giovanni (Salzburg, 1987?) denn so viel besser sein soll?

    Ich helfe Dir gerne nach, meine Gedanken zu verstehen, obwohl Du das nicht nötig hast. Du weißt wohl, wie ich meinen Beitrag #12 gemeint habe. Im Beitrag #4 und später in #11 wurde Kesting zitiert, der in meinen Augen diese Inszenierung verrissen hat.

    Ja, nein! - Es ging mir garnicht um Deine Gedankengänge, sondern um Kestings, die mir genauso verrätselt erscheinen, wie Castelluccis Inszenierung. Weder sehe ich bei Kesting den klaren Verriß, noch überhaupt eine klare Richtung, welche Meinung er zu dem Ganzen nun hat?

    Nun warte ich auf die Richtigstellung von einigen Taminos. Der Kesting kann doch unmöglich Recht haben!! Wo doch das Publikum begeistert war! Und einige aus dem Forum wohl auch!!

    Aber die Meinung Kestings ist ja nur die Meinung eines einzelnen Besuchers.

    Ich würde ja gerne richtigstellen, wenn ich denn verstehen würde, was Kesting mir bzw. dem geneigten Leser überhaupt sagen will. Allein, selbst nach seinem Nachschlag (siehe Beitrag #11) habe ich das einfach nicht so recht verstanden und vielleicht magst Du ja zur Aufklärung beitragen?

    Bevor ich mir diesen Thread in seiner Gänze zu Gemüte führe, hier ein paar "ungefilterte" Eindrücke zur gestrigen Fernsehaufzeichnung auf arte. Ich muss dazu allerdings noch vorweg schicken, dass ich aufgrund der späten Anfangszeit um 22:00 Uhr bislang nur den ersten Akt gesehen, aber mir den kompletten Don Giovanni immerhin schon aus der Mediathek heruntergeladen habe um beizeiten auch den zweiten Akt anzuschauen.


    Es war im Thread zur aktuellen Holländer-Neuinszenierung bei den Bayreuther Festspielen, wo Mme. Cortese schrieb

    Genau hier scheint meiner Meinung nach der Knackpunkt bei einigen Regisseuren zu liegen. Ich habe vor längerer Zeit - ich glaube, es war anlässlich seiner Inszenierung der "Salome" - mal über Castellucci geschrieben: Castellucci inszeniert immer Castellucci, egal, welche Musik man dazu spielt. (Was ich über den Salzburger "Don Giovanni" gelesen habe, scheint diese These zu bestätigen). [...]

    und dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen, außer vielleicht, dass die Inszenierung bis auf das effektvolle Herunterschmeißen von großen und kleinen Gegenständen vom Schnürboden herab auch nicht weiter gestört hat. Tatsächlich taugt m.E. Castelluccis Arbeit - zumindest im ersten Akt - nicht einmal zum "Regietheater-Aufreger". Im Gegenteil wird hier ziemlich knallhart am Libretto entlang inszeniert, es gibt keine neue oder zusätzliche Story (wie etwa bei Tscherniakovs in Bayreuth), Don Giovanni und sein Diener Leporello tragen keine Trainingsanzüge (das sich beide sehr ähnlich sind, ist durchaus auch im Sinne des Librettos plausibel), dafür Zerlina einen Blumenkranz im Haar und die Bühne könnte bis auf ein paar herumliegende Gegenstände eine Straße in Sevilla zur nämlichen Zeit darstellen. So hat man als Zuschauer die Wahl, entweder sich mit Castelluccis erratischen Bebilderungen oder mit Mozart/Da Ponte zu beschäftigen. Jedenfalls fällt es zumindest am TV-Bildschirm nicht so schwer, jeweils das Eine oder das Andere einfach auszublenden ...

    Für den "Kenner" vielleicht amüsant die Donna Anna als Medea/Callas/Pasolini-Zitat und überhaupt nicht amüsant, sondern vielleicht das größte Problem des Abends Don Ottavio als South Pole-Amundsen. Und wirklich grenzt Castelluccis Denunziation des Don Ottavio an eine komplette Hinrichtung der Figur, was schließlich in einer für meine Ohren vollkommen unkonzentriert und unsicher gesungenen "Arie mit Pudel" Dalla sua pace führt. Insgesamt jedoch wurde zumindest auf hohem Niveau gesungen. Mein Einspruch hier allerdings, das auch der Orchestergraben zwar durchaus effektvoll, aber letztlich ohne den für Mozart-Opern so notwendigen "Drive" musizierte.


    In 2021 also eher 1 : 0 für Bayreuth!

    Aufnahme: Elbphilharmonie, Hamburg, 10/2019

    Wenn ich recht erinnere, gab es seinerzeit in der Elbphilharmonie mehrere Konzerte mit britischem Programm, wobei der "Main-Act" am 07.10.2019 neben Brittens Sinfonia da Requiem op.20 im zweiten Teil Tippetts A Child of Our Time gewesen ist. - Ein sehr beeindruckendes Konzert, wo mich der Mitschnitt deutlich mehr interessiert hätte, als Waltons "Troilus and Cressida"-Suite.

    Die Darstellung und das Singen von Asmik Grigorian haben mich sehr beeindruckt; eine ähnliche Präsenz habe ich vor langer Zeit in Düsseldorf erlebt (Colette Lorand als Emilia Marty) und auf Video Anja Silja als Emilia Marty in Glyndebourne.

    Ja, ich habe beim Anschauen der Live-Übertragung letzten Sonntag auch gedacht, dass man sich so vielelicht ein wenig auch Siljas Bayreuth-Debut als Senta(!) 1960 vorstellen muss

    Alles hat mich doch beeindruckt, mit einer Ausnahme, und ich hoffe, ihr steinigt mich nicht. Es ist Richard Wagners Text, den ja die Untertitel unbarmherzig frei gelegt haben.

    Ich hätte früher nie gedacht, dass ich Herrn W. bzgl. seiner Texte einmal in den Schutz nehmen würde; ich war da eher Deiner Meinung, Dr.Pingel. - Aber wenn man es näher betrachtet, kommt man m.E. nicht umhin, auch die Texte im Zusammenhang mit der jeweiligen Handlung und natürlich der Musik als großen Wurf anzuerkennen.

    as, oder allgemeiner "Regisseur X inszeniert immer Regisseur X" ist vielelicht nicht einmal von der Hand zu Weisen. Aber wenn ich darüber nachdenke, gilt bzw. galt das auch für z.B. Zeffirelli. Bei dem ist es nur weniger "aufgestoßen", weil immer alles so "schön anzuschauen" gewesen ist. - Wo ein solches "Regisseur X inszeniert immer Regisseur X" m.E. beispielsweise nicht zutrifft, ist etwa bei Peter Konwitschny, dessen Arbeiten sich, wie ich finde, ziemlich voneinander unterscheiden.

    Da magst du recht haben, vor allem in seinen späteren Jahren mag er auch oft zu viel des Guten getan haben, aber im Gegensatz zu den genannten Herren hat er sich wenigstens immer an die Vorgaben des Librettos gehalten.

    Da würde ich insofern Einspruch erheben, als das gerade Konwitschny in seinen Inszenierungen, soweit ich sie kenne, m.M.n. so nahe am Libretto, oder sagen wir vielleicht besser, der Idee des Librettos bzw. Stückes ist, wie kaum ein anderer Regisseur. - Aber nochmal zurück zum aktuellen "Holländer" aus Bayreuth, der ja morgen acuh im Fernsehen auf 3sat läuft, womit keiner mehr eine echte Ausrede hat, die Inszenierung nicht gesehen zu haben:


    Die bisherige Diskussion in diesem Thread inkl. verlinkter Presseberichte, soweit wir die ernstzunehmenden Beiträge betrachten, geht ganz offenbar in die Richtung, das wir es mit einer Produktion zu tun haben, die musikalisch im Wesentlichen tippitoppi oder besser ist, während die Inszenierung als zumindest zweifelhaft, wenn nicht womöglich als gescheitert - und das nicht einmal grandios, sondern höchstens handwerklich solide - betrachtet werden muss!?

    Castellucci geschrieben: Castellucci inszeniert immer Castellucci, egal, welche Musik man dazu spielt. [...] Genau diesen Eindruck habe ich bei diesem "Holländer" des Herrn Tcherniakov auch.

    Das, oder allgemeiner "Regisseur X inszeniert immer Regisseur X" ist vielelicht nicht einmal von der Hand zu Weisen. Aber wenn ich darüber nachdenke, gilt bzw. galt das auch für z.B. Zeffirelli. Bei dem ist es nur weniger "aufgestoßen", weil immer alles so "schön anzuschauen" gewesen ist. - Wo ein solches "Regisseur X inszeniert immer Regisseur X" m.E. beispielsweise nicht zutrifft, ist etwa bei Peter Konwitschny, dessen Arbeiten sich, wie ich finde, ziemlich voneinander unterscheiden.

    Ja, genau! Von Gerhard an dieser Stelle nichts Neues, sondern wieder das Übliche! Und es wäre ja gar kein Problem, wenn er tatsächlich bei seiner eigenen Meinung bleiben würde! - Aber warum muss er dann in einem Atemzug mit seiner Meinung diejenigen, die nicht seiner Meinung sind, als "wenig bewandert", d.h. vulgo (mal wieder) als ahnungslose Volldeppen hinstellen um dann später womöglich zu behaupten, das wäre ja garnicht persönlich gemeint?

    Wer in diesem Machwerk aus der Experimentierbude, zu der Bayreuth immer mehr verkommt, das Werk sehen will, das uns unter diesem Namen untergejubelt werden soll, der muss in Literatur und Oper doch recht wenig bewandert sein.

    Ach ja, eben alles Idioten, außer Papi! - Und wie immer vollkommen neutral, sachlich und ohne persönlichen Angriff formuliert ...

    Auf die Frage von Mme.Cortese, ob der Regisseur das Libretto gelesen hat, kann ich nur mit einem eindeutigen „nein“ antworten, [...]

    Womöglich besitzt Du wieder einmal Informationen aus erster Hand? Hast gar mit dem Regisseur persönlich gesprochen? Laß uns teilhaben!

    Warum sollte der Holländer eigentlich heutzutage noch so scharf darauf sein, erlöst zu werden? Um zu erleben, was aus dieser Welt geworden ist?

    Ich habe die beiden Fragen in dieser Zusammenstellung jetzt mehrfach gelesen, aber es tut mir leid, sie ergeben so keinen Sinn. - Meinst Du, der Holländer könnte scharf darauf sein erlöst zu werden, um zu erleben, was aus dieser Welt geworden ist? Aber wenn "Erlösung" hier den erwünschten Tod bedeutet, wie soll er dann erleben, was aus dieser Welt geworden ist? Oder müsste es heißen "Um nicht zu erleben, was aus dieser Welt geworden ist?"?

    Hallo Gregor, ich habe mir Deinen Bericht ganz bewusst noch nicht durchgelesen - Spoilergefahr ;) Ich plane aber, mir die Produktion dann im Fernsehen anzuschauen um dann gerne mitzudiskutieren. Auf jeden Fall schon mal Danke für den Einstieg, den Du hier lieferst!

    Auch würde ich nicht behaupten, Tscherniakov hätte der Geschichte etwas beleibig übergestülpt

    Wieso nicht - wo du doch selbst gesagt hast, es sei eine vollkommen eigene Story?

    Ganz ehrlich: Es bestünde auch die Möglichkeit, Du schautest Dir die Inszenierung an und überlegst dann selbst, warum ich trotzdem nicht behaupten würde, hier wurde etwas beliebig übergestülpt! - Das Schlüsselwort ist offenbar "beliebig". Die Fragen, die Tscherniakov m.E. in der Inszenierung stellt bzw. versucht zu beantworten, haben immer noch sehr viel mit mit Wagners Oper zu tun. Ist das Zusammentreffen des Holländers mit Daland wirklich Zufall? Welche Rolle könnte Frau Mary in der Geschichte spielen? Warum ist Senta so scharf darauf, den Holländer zu erlösen? Will Senta dies überhaupt? Oder will sie vielleicht eigentlich nichts mit der ganzen kaputten Gesellschaft um sie herum zu tun haben? - Vielleicht kann man eher sagen, dass Tscherniakovs Story zusätzlich zur Wagnerschen Handlung stattfindet (vgl. auch Beitrag #30) und das kann man erhellend, überflüssig oder belanglos finden. Ich selbst bin hier bis jetzt offensichtlich auch noch zu keinem für mich befriedigenden Ergebnis gekommen, aber ich habe die Inszenierung immerhin gesehen ...

    Genau darauf bezog sich meine Frage, ob der Regisseur das Libretto gelesen hat oder es in irgendeiner Weise für relevant hielt.

    Ach, komm! - Die Frage ist doch offensichtlich rhetorischer Natur. Wohl keiner der hier im Forum Schreibenden dürfte bei den Probenarbeiten dabei gewesen sein, keiner wird die Gelegenheit gehabt haben bzw. haben, mit Tscherniakov zu sprechen. Also wirst Du hier auch keine beweisbare Antwort erhalten. Gleichwohl glaube ich natürlich, dass Tscherniakov das Libretto sowohl gelesen, als auch verstanden hat und es für durchaus relevant hält. Trotzdem hat er sich m.E. etwas zu sehr in seiner eigenen Idee/Interpretation vergaloppiert. Man mag es kaum glauben, aber soetwas ist mir auch schon passiert und jeder, der behauptet, ihm selbst nicht bzw. es könne ihm garnicht passieren, hielte ich für einen Lügner. - So what?


    Das ändert nichts daran, dass ich die Inszenierung weiterhin für spannend und handwerklich ausgezeichnet halte. Auch würde ich nicht behaupten, Tscherniakov hätte der Geschichte etwas beleibig übergestülpt oder - um hier ein gern verwendetes Bild eines Mitforisten, von dem ich lange nichts mehr gelesen habe, zu verwenden - "das Bild" (Kunstwerk) übermalt. Also versuchen wir doch, sinnvolle Fragen zu stellen und dabei die Kirche im Dorfe zu lassen!

    Die Zwangsläufigkeit sehe ich eher auf Sentas Seite. Im großen Holländer-Monolog im ersten Akt ist die Erlösungsperspektive noch ganz undeutlich, eher schon äußerst pessimistisch negiert. Erst Senta verleiht ihr Gestalt im zweiten.

    So jedenfalls bei Wagner, da können wir uns einig sein. - Aber was ist eigentlich mit der Tscherniakov/Gregorian-Senta? Wenn ich mir die Bilder vom Sonntag nochmal in das Gedächtnis rufe, das sehe eine junge, etwas exaltierte und ein wenig punkige Frau, die wohl alles Möglichen wollen und am Ende auch durchsetzen kann. Nur nach Erlösung, erlösen oder erlöst werden strebt diese Person in meinen Augen irgendwie so überhaupt nicht!

    Nehmen wir das "Abendessen" im zweiten Aufzug (ich musste kurz an das "Abendessen" in Konwitschnys legänderer Don Carlos-Inszenierung (Wien/Hamburg) denken ...): Dort sitzt eine Senta, die mir alles aus der Distanz zu beobachten scheint, eher amüsiert, als wirklich durch die Anwesenheit des Holländers ergriffen oder gar überwältigt. Ich habe hier an keiner Stelle eine Bereitschaft Sentas gespürt, sich für die Erlösung des seeischen Ashasvers einzusetzen oder gar zu opfern. Sie hat mir der "Schuld", die das Dorf und ihr Vater wohl auf sich geladen haben, eigentlich nichts zu tun.

    Wenn man etwas wagen will, kann man vielleicht sogar fragen, ob es der Inszenierung ab diesem Zeitpunkt wirklich noch um die Erlösung des Holländers, oder vielleicht mehr um die Erlösung Frau Marys geht. Welche Rolle spielt diese Frau? Ist sie mit Daland verheiratet? War sie dies schon, als er eine Affäre mit der Mutter des H. hatte? Ist sie vielleicht sogar Sentas Mutter? - Immerhin ist sie es, die H. am Ende erchießt und damit nicht nur den Holländer, sondern vielleicht auch sich selbst erlöst?! Und konsequenterweise ist Senta im Schlussbild nicht etwa entsetzt über die Tat am Holländer, sondern wendet sich der Täterin Mary zu und fängt diese auf.


    Wie schon weiter oben gesagt, alles sehr konsequent und auch sehr gut inszeniert - aber eigentlich eine vollkommen eigene Story.

    Ich hätte mir Simone Young auch gut im Graben vorstellen können.

    Ja, das wäre sicherlich interessant! Vor allem aus zwei Gründen: Zum einen neigt Simone Young, welche ich hier in Hamburg als GMD häufig genug und insbesondere mit fast allen Wagner-Opern (inkl. Rienzi in der Laeiszhalle) gehört habe, gerne dazu, etwas laut zu werden und zum anderen sollen die Verhältnisse des "Hamburger Grabens" u.a. aufgrund baulich-historischer Umstände (Bei einem Bombenangriff in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1943 wurde der Zuschauerraum völlig zerstört, lediglich das Bühnenhaus blieb verschont, also "Altes Bühnenhaus" vs. "Neuer Orchestergraben", welcher eher tief auch nach hinten liegt), den Verhältnissen in Bayreuth nicht unähnlich sein.

    Ob das Vorspiel während der Ouvertüre dazu nötig ist, mag man bezweifeln.

    Eine Frage, die ich mir auch gestellt habe! - Was ginge verloren, wenn man die Traumatisierung des Herrn H. als Kind, i.e. Daland und "das Dorf" treiben dessen Mutter offenbar in den Selbstmord, nicht als Erklärung oder besser noch als Begründung dafür hätte, dass er in das Dorf zurückkehrt? Zwar würde dadurch der "Hinrichtung" einiger Dorfbewohner durch H. die Motivation fehlen, aber vielleicht ist auch diese "Hinrichtung" eigentlich verzichtbar. Alles andere würde sich weiterhin aus sich selbst heraus, d.h. aus dem Libretto zusammen mit der Inszenierung ergeben. Allerdings wäre zusätzlich wieder der Moment des Zufalls gegeben, d.h. der Holländer taucht letztlich, wie bei Wagner auch, zufällig auf und nicht, wie bei Tcherniakov, absichtlich bzw. aufgrund seiner Vorgeschichte. - Dieses Ersetzen des Zufalls durch die Zwangsläufigkeit bei der Einführung der Holländer-Figur empfinde ich vielleicht als die größte Schwäche der Inszenierung.

    "Buhs für Tcherniakov

    Erwartbare und einigermaßen einhellige Buhs gab es am späten Abend für das Regieteam um Dmitri Tcherniakov für eine Inszenierung mit guter Grundidee aber ausbaubarer Umsetzung. Er hatte die romantische Wagner-Oper als Rache-Geschichte à la Graf von Monte Christo auf die Bühne bringen wollen, scheiterte damit aber dank einer allzu schlichten Umsetzung mit leblosem Bühnenbild und problematischer Figurenführung, die es den Sängern sehr schwer machte."


    So stand es in der Ostthüringer Zeitung. Den kompletten Artikel kann ich nicht kopieren und einfügen. Lob gab es für die Sängerriege und das Dirigat. Das o.g. Zitat ist nicht komplett, der gesamte Text ist weitaus kritischer.

    Da sich inzwischen wohl nur noch wenige Zeitungen "eigene" Kritiker leisten wolen, kann der vollständige Text (anscheinend eine Übernahme von dpa) auch anderswo nachgelesen werden; z.B.


    https://www.sueddeutsche.de/ba…20090101-210724-99-511229 oder

    https://www.news894.de/artikel…ben-begonnen-1019489.html


    [zuletzt aufgerufen am 27.07.2021]


    Über den oben von La Roche zitierten Abschnitt hinaus findet sich aber, soweit ich sehen kann, in dem Artikel eigentlich nichts weiter zur Inszenierung; also schon garnichts in die angedeutete Richtung:

    Das o.g. Zitat ist nicht komplett, der gesamte Text ist weitaus kritischer.

    Vielleicht mag La Roche aufklären, ob die Ostthüringer Zeitung weiteres eigenes, kritisches zur Inszenierung geschrieben hat? - Im übrigen sollte man den Schreiber(ling) von dpa vielleicht mal fragen, wie er auf den "späten Abend" gekommen ist? Die Premiere war kurz vor 20:30 Uhr zuende, und solange wird das Publikum auch nicht gebuht haben ...

    Kannst Du ruhig, es wird nur positive Meinungen zur Inszenierung geben. Kritiken sind nicht erwünscht, mögliche Kritiker haben sich aus dem Forum zurückgezogen, und in den wenigen Interviews nach der Premiere wurden nur begeisterte Opernfreunde gezeigt. Also alles i.O.

    Das ist ganz einfach Unsinn! - Beispielsweise war die an die Übertragung anschließende Kritikerrunde von der Inszenierung durchaus nicht einhellig begeistert, auch habe ich bereits Kritiken gelesen, die nicht nur positiv waren. Also keine Spur von "jubelnder Systempresse". Auch ist oben nachzulesen, dass ich für meinen Teil die Inszenierung durchaus für diskussionwürdig und zum Teil problematisch halte:

    Zur Inszenierung wäre einiges, durchaus auch kritisches, zu sagen, aber zwischen Kritik und "ewiger Vernichtung" gibt es Unterschiede, die hier im Forum manchmal leider verschwimmen

    Also schaue Dir die Inszenierung doch einfach an und beteilige Dich dann inhaltlich an der Diskussion!