Alles anzeigenIm Vorstellungsbeitrag meines letzten nominierten Stückes hatte ich erwähnt, dass ich eigentlich ein Solo-Klavierstück von Jean Sibelius vorstellen wollte, mich aber aufgrund der klavierlastigen vorangehenden Vorschläge dagegen entschieden hatte, um zu einem späteren Zeitpunkt darauf zurückzukommen. Diese Chance ergreife ich nun
Das Musikstück für die nächsten zwei Wochen ist die Klaviersonate F-Dur, Op. 12 von Jean Sibelius.
Das erstaunlich umfangreiche Klavierwerk von Jean Sibelius ist leider ziemlich unbekannt, am bekanntesten sind wohl die Cinq morceaux, Op. 75, auch bekannt unter dem Namen „Die Bäume“, in welchen Sibelius fünf Baumarten als Klavierminiatur vertont. Mit Glück kennt man vielleicht noch die dreisätzige Suite „Kyllikki“ (Drei lyrische Stücke), Op. 41, die sogar von Glenn Gould aufgenommen wurde, ansonsten fristet Sibelius Klaviermusik mit insgesamt über 150 reinen Klavierstücken, darunter viele Miniaturen, Sammlungen kleiner Stücke und auch drei Sonatinen, ein wahres Schattendasein.
Seine einzige Klaviersonate schrieb Sibelius als eines seiner frühen Werke im Jahr 1893, während seiner nationalromantischen Kompositionsphase, in der auch Kullervo, Op. 7 (1892), En Saga, Op. 9 (1892) oder die Karelia-Musik (1893, später in der berühmten Karelia-Suite Op. 11 zusammengefasst) entstanden. Das merkt man auch ganz klar in der Musik, die immer wieder an Griegs Klaviermusik erinnert oder auch durch die fabelhaften, funkelnd-wirbelnden Kantele-Tanz-Einwürfe im zweiten Satz, die die kantable Hauptmelodie immer wieder unterbrechen (die Kantele ist eine Form der Zither und ein Zupfinstrument, das quasi das finnisch-estnische Nationalinstrument ist).
Uraufgeführt wurde die Sonate von Oskar Merikanto am 17. April 1895 in Helsinki. Der finnische Komponist Ilmari Hannikainen lobte das Stück als „herrliches Werk, […] frisch, erfrischend und voller Leben“, das den Klavierstil von Sibelius besonders authentisch und ehrlich zeige, „ein virtuoses Stück“. Nichtsdestotrotz erwähnt Hannikainen auch zeitgenössische Stimmen, die die Sonate als verkapptes Orchesterstück betrachten. Robert Layton sah das Stück hingegen schon kritischer und bezeichnete es u.a. als „unreif“.
Wie die englische Wikipediaseite zu der Klaviersonate verrät, gibt es (mindestens) 11 Aufnahmen des Stückes (Gould ist leider nicht darunter), die sich im Rahmen einer Spielzeit von 16:08 (Janne Mertanen) und 19:23 (Marita Viitasalo) bewegen.
Empfehlen kann ich meine drei Aufnahmen von Folke Gräsbeck (BIS), Janne Mertanen (Sony) und Håvard Gimse (Naxos):
bzw.
Gräsbecks Aufnahme gibt es auf YouTube auch zum Nachhören inkl. Noten:
Ich bin gespannt, ob überhaupt jemand von euch Sibelius Klaviersonate (bzw. auch andere seiner Klavierstücke) kennt und freue mich auf eure Eindrücke
Liebe Grüße
Amdir
Ich danke Dir ebenfalls, lieber Amdir, für den Musikvorschlag. Ich habe mir das Stück in der Aufnahme von Folke Gräsbeck (aus der „Essential Sibelius“-Box) in den letzten Tagen zwei Mal angehört.
Musikalisch-strukturell ist ja schon sehr viel gesagt worden. Ich finde da bereits ebenfalls einiges wieder, was Sibelius ausmacht, aber zugleich ist es doch zum Schöpfer von sieben großartigen Sinfonien noch ein weiter Weg - nicht nur was die Gattung betrifft, sondern auch die Konsistenz in der Qualität des musikalischen Materials. Ich bekenne, ich empfinde einige Forte-Passagen in der Sonate als eher grob und uninspiriert, gerade weil sie in Kontrast zu sehr schönen Momenten stehen. Es ist bezeichnend, dass neben Gould auch Leif Ove Andnses und Vladimir Ashkenazy, der für Exton eine ganze SACD mit Sibelius-Klaviermusik eingespielt hat, die Sonate haben links liegen lassen.
Zugleich bin ich neugierig auf mehr Klaviermusik von Sibelius geworden, und werde mir sowohl die Gräsbeck-CD als auch die Einspielung von Ashkenazy komplett anhören. Danke dafür!
Herzliche Grüße
Christian





