Beiträge von hasiewicz

    Herzlichen Dank für die schnelle Rückmeldung, lieber Joseph II.!

    Vielleicht habe ich mich nicht klar ausgedrückt. Wenn ich in einem Lande bin, wo ein mittlerweile zweistelliger Prozentanteil meiner Mitbewohner einen Teil dieser Geschichte nicht mitragen will (das meinte ich mit multikulturell), kann ich auch nicht mehr sinnvoll auf diese referenzieren.

    Ob Einwanderer vor ihnen stattgefundene Geschichte mittragen wollen oder nicht ist irrelevant. Sie ist passiert, und sie ist die Geschichte des Landes. Ein heutiges Deutschland kann zwar Straßennamen von deutschen Historikern in afrikanische Freiheitskämpferinnen umbenennen, aber nicht die objektive Bedeutung der deutschen Musikgeschichte relativieren.


    Einigen können wir uns auf die Wichtigkeit von Vermittlung. Diese bedingt Begeisterung und Bejahung dessen, was vermittelt werden soll.

    1. In einer multikulturellen Gesellschaft ist der historische Hintergrund deutscher und europäischer Geschichte, auf dem alle diese Auseinandersetzungen stattgefunden haben, nicht mehr gegeben.

    Verzeihung, aber was ist das für ein unsinniges Argument? Ab wann soll denn der Grad an Multikulturalität erreicht sein, ab dem ein "historischer Hintergrund" nicht mehr gegeben sein soll? Eine veränderte Zusammensetzung der Bevölkerung ändert nichts an der bis dato stattgefunden Geschichte eines Landes. Und wenn wir Themenstellungen von Aufklärung, Klassik und Romantik gemütlich entsorgen zu können meinen, hat das nichts damit zu tun, dass wir sie "überwunden hätten" (haben wir nicht, allenfalls verdrängt), sondern ist nur ein Zeichen unserer Geschichtsvergessenheit und der einseitigen Präferenz für das vermeintlich Neue.

    Lieber Christian, Shakespeare wird im Personenverzeichnis der Tagebücher so an die dreihundertmal erwähnt. Es wäre Zufall, die bewusste Stelle schnell zu finden. Seit einer Viertelstunde ist es mir nicht gelungen. :(

    Lieber Rüdiger,

    Danke, ich wertschätze sehr deinen Versuch!

    Viele Grüße

    Christian

    Heute las ich eine Rezension im Independent von Roger Scrutons Buch "Death-Devoted Heart: Sex and the Sacred in Wagner's Tristan and Isolde". Erstens wunderte ich mich, dass Scruton, der solch hoch interessante Bücher über "Tristan" wie über den "Ring" geschrieben hat und eine Größe als konservativer englischer Philosoph und Autor war, hier im Forum nur drei Mal erwähnt wird, und zwar einmal von mir, zweimal in einem Anti-Zitat. Liegt es daran, dass diese Bücher nicht übersetzt wurden? An seiner politischen Haltung?


    Zweitens wird in der Rezension Richard Wagners Aussage wiedergegeben (aus den Tagebüchern Cosimas), Shakespeare hätte besser auf Deutsch geschrieben statt im barbarischen Englisch:


    Zitat

    In her diaries, Cosima Wagner records Richard reading Shakespeare's plays to his family, once remarking that this supreme artist would have been ever greater if he had written in German and not in that barbarous tongue, English.

    Hat jemand die Tagebücher Cosima Wagners zur Hand und könnte die Originalpassage zur Verfügung stellen?

    Natürlich kann man klassische Musik unter dem Aspekt der Marktlogik betrachten, auch wenn man nicht seinen Lebensunterhalt damit verdient. Dann mag man sich Gedanken machen über Werbung, Vermittlung, Nutzerzahlen usw. Zugleich unterwirft man sich damit natürlich der Regeln eben dieses Marktes, die zum Beispiel beinhalten, klassische Musik nur als eine musikalische Darreichungsform von vielen zu betrachten, als "Genre", die gleichwertig im Wettbewerb zueinander stehen.


    Diese Betrachtungsweise widerstrebt mir. Als "Notre Dame" brannte, brauchte es keine Werbekampagne, um Spender zu motivieren, den Wiederaufbau zu finanzieren. Das gleiche erwarte ich für die Musik von Bach, Mozart, Beethoven und Wagner: Klassische Musik trägt, als zweifelloser Höhepunkt menschlichen kulturellen Ausdrucks, ihren Wert in sich. Selbstverständlich ist zu verlangen, dass sie einen festen Platz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in der schulischen Vermittlung und in öffentlichen Bibliotheken hat. Aber grundsätzlich gilt: Wenn die Gesellschaft die Bedeutung dieses Werts vergisst, hat sie den Trost und die Schönheit, die in dieser Musik liegt, eben auch nicht mehr verdient, und soll mit der Tristesse ihrer musikalischen Resterampe dann halt dahinvegetieren. Glücklicherweise sind wir von diesem Zustand noch entfernt.

    Letzte Woche wurde lebhaft über einen siebenhundert Jahre toten Dichter gestritten: Dante Alighieri. Und zwar zweifach.


    Erstens, weil einigen Italienern nicht gefiel, dass einem deutschen Journalisten (Arno Widmann) Shakespeare besser gefällt als Dante. Daraufhin erschien in der Repubblica ein Artikel mit dem tonsetzenden Titel „Dante, der unglaubliche Angriff einer deutschen Zeitung: ,Karrierist und Plagiator, Italien hat wenig zu feiern‘“


    Nachzulesen ist der Streit in der FAZ hier: https://www.faz.net/aktuell/fe…r-rundschau-17267716.html


    Meine Meinung dazu: Erstens hätte jemand den Italienern ruhig sagen dürfen, dass die Frankfurter Rundschau ohnehin niemand liest; zweitens, dass sie ihre Dichter hochhalten und verteidigen, können ihnen nur Menschen vorwerfen, denen halt nichts heilig ist und denen die eigene Kultur völlig verlustig gegangen ist. Ein Satz wie der einer gewissen ehemaligen deutschen Integrationsbeaufttragten, wäre, übertragen ins Italienische, völlig undenkbar: "„Eine spezifisch deutsche italienische Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar"?! Per favore cosa?!


    Zweitens wurde über Dante gestritten wegen einer neuen Übersetzung, wie die Tagespost berichtet:


    "Um nicht „unnötig zu verletzen“, wurde in einer niederländischen Adaptation (sic!) der danteschen „Hölle“ der Verweis auf den Propheten Mohammed gestrichen. Die französische Tageszeitung „Le Figaro“ macht sich Sorgen über den Triumph der Politischen Korrektheit, die ausschließlich das abendländische Erbe im Visier habe."


    Der Artikel der Tagespost findet sich hier: https://www.die-tagespost.de/g…e-gecancelt;art310,217096


    Speziell gehe es gegen, so der Autor des "Le Figaro", "die „Vergangenheit des Abendlandes, denn merkwürdigerweise scheint sich ja niemand aufgrund von Homophobie, Rassismus oder Frauenfeindlichkeit in anderen Kulturen ‚verletzt zu fühlen‘“, meint de Voogd."


    In diesem Sinne: Lest wieder Dante! Er lebt!

    Mein Best Buy dieses Quartal ist die Box "Istvan Kertész in Vienna". Auch wenn ich sie noch nicht komplett durch habe, sind die Aufnahmen, die ich gehört habe (Schubert 9, Dvorak 9, Brahms 2) alle Spitzenklasse und trotz ihres Entstehungsdatums in den siebziger Jahren dank des Remasters auch von ausgezeichneter Klangqualität. Mir gefällt sehr, dass diese Aufnahmen Persönlichkeit zeigen, ohne eitel zu sein, das Werk in den Mittelpunkt stellen, ohne das Humane zu verleugnen. Außerdem meint man zu spüren, dass Dirigent und Orchester (immerhin die Wiener Philharmoniker, die glänzend aufgelegt sind) sich ausgezeichnet verstehen. Für mich eine echte Bereicherung!


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    Für mich gehört mittlerweile die Einspielung, die Istvan Kertész mit den Wiener Philharmonikern 1963 aufgenommen hat, zu den ganz großen (und als Spitzenaufnahme zu wenig gewürdigten) Tondokumenten dieses Werks. Hier wandelt man nicht auf den Spuren Beethovens, gönnt sich auch keine Wiener Gemütlichkeit, stattdessen trifft ein hellwacher Dirigent, der die Symphonie von innen heraus zum Leuchten bringen will, auf ein glänzend disponiertes, ihm absolut folgendes Orchester, und es entsteht Musik auf der Stuhlkante, die so kurzweilig und beseelt ist, dass man niemals an "Längen" denkt.


    John Holmes schrieb über Kertész, "seine natürliche warmherzige Persönlichkeit spiegelte sich in seiner Art zu musizieren, die spontan lyrisch und tiefempfunden war". Genauso klingt die Aufnahme, von Humanität durchdrungen und weltzugewandt.


    Enthalten in dieser limitierten Box remastered in zweifacher Version, als RBCD sowie als Blu Ray mit einer 24 bit / 96 kHz Auflösung.


    istvn-kertsz-vienna-recordings.jpg

    Wer weiß - vielleicht muss die Musikgeschichte angesichts der unfairen Vernachlässigung von Komponisten wie George Polgreen Bridgetower ja ganz neu bewertet werden?


    https://m.dw.com/de/acht-schwa…kennen-sollten/g-54031015


    Wobei ich dem Artikel entnehme, dass schon das Notensystem als tendenziell kolonialistisch gesehen wird - somit sind Komponisten afroamerikanischer Herkunft, die sich diesem System unterworfen haben, wohl aus Aktivistensicht nur als überangepasst zu betrachten.

    Hier ist lange nichts geschrieben worden. Erstaunlich - Schuberts Oktett ist für mich die etwas introvertierte Cousine seiner sehr beliebten Großen C-Dur-Symphonie, und müsste aufgrund der interessanten und beinahe kammersymphonischen Besetzung eigentlich auch Hörer ansprechen, denen Kammermusik oft zu karg ist. Das Stück spinnt mit romantischem Gestus einen Erzählfaden aus, bietet herrliche Schattierungen und Farben und hat, in der richtigen Interpretation, einen unbezwingbaren Charme.


    Mittlerweile sind einige neue Aufnahmen erschienen:


    1. Mit einem Ensemble um Isabelle Faust herum:



    2. Mit einem Ensemble, das Sabine Meyer an der Klarinette inkludiert:




    In erstere Aufnahme habe ich hineingehört, die zweite kenne ich leider noch nicht. Warum ich den Beitrag von moderato zitiere: Die Aufnahme mit dem Consortium Classicum ist die, welche mir aktuell am besten gefällt, weil man merkt, dass sich hier keine versprengten Solisten zusammenfinden, sondern ein exzellent aufeinander eingespieltes Ensemble agiert. Das ist Schönklang ohne Spannungsarmut.


    Herzliche Grüße


    Christian

    Für mich eine der (potenziellen) Gänsehautstellen sind in Schuberts Großer C-Dur-Symphonie im Finalsatz jene Diminuendo-Momente, wo sich die Musik aus der Bewegung ins zunehmend Leise und wie in die Ferne hinein verabschiedet bis ins fast Unhörbare, gleichsam wie eine Reisegesellschaft, die einem sich entfernend zuwinkt. Für mich ein wahrhaft Eichendorffscher Moment.

    Ich habe in den letzten Tagen viel Aufnahmen von István Kertész gehört, der mich vor allem als Schubert- und Dvorak-Dirigent interessiert hat. Die Aufnahme von Dvoraks 9ter mit den Wiener Philharmonikern hat es tatsächlich geschafft, mich neu für diese Sinfonie zu gewinnen. Und auch Schuberts „Große C-Dur“ gestern hat mir ausnehmend gut gefallen, was sich daran zeigte, dass ich eigentlich „nur mal hineinhören wollte“ und schlicht nicht mehr aufhören konnte.


    Daraufhin habe ich gestern István Kertész in Vienna“ geordert. 20 CDs in den ursprünglichen Plattencovern (unter anderem die Dvorak-Aufnahme mit dem berühmten Pan Am-Weizenfeld-Cover) sowie eine Blu-ray-Audio-Disc mit einer audiophilen Ausgabe von Schuberts Sinfonien-Zyklus in 24 Bit / 96 kHz Auflösung. Auch auf das Mozart-Requiem

    und den integralen Brahms-Zyklus freue ich mich.

    Guten Morgen, Du hast Dich sehr schön und treffen ausgedrückt. Das macht meinen Tag. In dieser Begeisterung, die ich auch feststelle, bündelt sich auch sehnsuchtsvoller Bedarf nach Inhalten und Denkanstößen. Sollte dies auch der Pandemie geschuldet sein, die uns alle zu mehr Konzentration auf uns selbst zwingt? Nie habe ich soviel gelesen wie jetzt. Den "Nathan" nahm ich mir noch gestern vor. Ich sehe aber auch noch einen anderen Grund für die literarischen Bedürfnisse. Der öffentliche Debattenkanal verengt sich namentlich in Deutschland immer mehr, wie es neulich ein sehr kluger Mann ausdrückte. Wenn Menschen dadurch stärker zur Literatur finden, wäre das so schlecht nicht. TAMINO leistet da offenkundig seinen Beitrag. :) Ich hoffe, es ist keine Politik, wenn ich auf die Berliner Grünen zu sprechen komme, die ihrer neuen Spitzenkandidatin vorhielten, dass sich als Kind am liebsten "Indianerhäuptling" hätte werden wollen. Das nahm sie auf harten Druck später zurück. Nun wurde auch das Protokoll des Onlineprarteitages, auf dem diese Bemerkung fiel, laut "Tagesspiegel" zensiert. Es heißt: "An dieser Stelle wurde im Gespräch ein Begriff benutzt, der herabwürdigend gegenüber Angehörigen indigener Bevölkerungsgruppen ist. Wir haben diesen Teil daher entfernt." Eigentlich sollte ich wieder einmal Karl May lesen oder Bücher von Liselotte Welskopf-Henrich, die in der DDR auch erfolgreich verfilmt wurden.

    Lieber Rüdiger,

    man müsste eine klassische, preisgekrönte „Nathan der Weise“-Inszenierung mal auf eine fiktive „Kommission für Inklusion und Diversität“ treffen lassen, welche die Regierung einer bestimmten Hauptstadt ins Leben gesetzt hat, in der guten Absicht, um, wie es Hollywood beim

    Oscar ja nun auch macht, „ethische und ethnische Standards“ einzuhalten.


    Diese Kommission wohnt im Sinne eines „Audits“ der Generalprobe der Nathan-Inszenierung bei. Am Anfang gibt „man“ (Altlinker mit Hoodie, Aktivistin mit Zweifarbfrisur, ein Repräsentant einer ethnischen Minderheit sowie ein „nicht als Mann oder Frau zu lesender“ Mensch mit multiplen Personalpronomen) sich noch jovial-scherzend wie auf einer Klassenfahrt, aber mit zunehmendem Maße der Aufführung regen sich Empörung und Widerstand, man pöbelt in die Inszenierung hinein.


    So wird der Darsteller des Nathan angeschrien: „Sind Sie Jude?!“ - als er es verneint, ist die Antwort, „Was erlauben Sie sich, dann einen Juden spielen zu wollen?! Kulturelle Aneignung!“


    Als der Sultan die Szene betritt: „Blackfacing!!! Rassismus!“


    Usw.


    Am Ende wird dem Stück die Förderung entzogen, weil es fundamentale Standards für Diversität und Inklusion verletze, „Exotismus“ betreibe, Missbrauch verherrliche und die Gelegenheit verpasse, die Greuel der Kolonialgeschichte sowie die Behandlung der Palästinenser durch Israel zu thematisieren. Überhaupt sei die Quote für Stücke „alter weißer Männer“ für das aktuelle Jahrzehnt bereits übererfüllt, jetzt heiße es Platz schaffen für andere Sichtweisen.


    Botschaft am Ende: „Wir alle müssen Toleranz ganz neu denken lernen.“

    Werter Hans, danke für den Trailer - da flüstert halt eine Stimme in mir „Was für ein Dreck!“


    Davon abgesehen wundere ich mich aber auch, welche Begeisterung dieses dramatische Gedicht hier noch erfährt. Ja, es enthält eine humanistische Botschaft, die in der deutschen Geschichte oft hätte ernster genommen werden sollen. Aber diese vermittelt es im Sinne eines moralischen Lehrstücks, bei der man die didaktische Absicht doch überdeutlich spürt. Und im dramatischen Gebälk knarzt es vom Aufbau her auch ganz schön.


    Ich sehe es als Verlust an, dass 2021 in Nordrhein-Westfalen „Faust I“ als Abiturstoff gegen „Nathan der Weise“ getauscht wird. Das eine wunderbar vielschichtig, schillernd, dämonisch - das andere, nun ja, für mein Dafürhalten eher etwas bieder und rührstückhaft. Ich zweifle, dass mit dem „Nathan“ mehr junge Menschen für die klassische Literatur gewonnen werden als durch den Faust. Übrigens: Ich musste, nein, „durfte“ auf meinem nach Herder benannten Gymnasium noch beides lesen. Und Eichendorffs Taugenichts. Und Fontane und einiges mehr.

    Robert Schumann, Symphonie Nr. 3 ("Rheinische").


    Takashi Asahina, New Japan Philharmonic.


    Während die CD noch auf dem Weg aus Japan ist, höre ich diese sehr eigene Interpretation über Apple Music.

    Ungemein wuchtig gespielt, mit Emphase auf das Erhabene - hier plätschert es nicht, hier fließt wahrhaft ein breiter Strom. Gefällt mir sehr! Und wieder einmal gilt der Dank Joseph II. für die Empfehlung.



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    Das Tamino-Forum ist doch immer wieder gut für Entdeckungen - für die Entdeckung der Kompositionen Zygmunt Noskowskis bin ich gerade sehr dankbar, diese erste CD der Reihe von Noskowskis Orchesterwerken weitet wirklich die Seele.


    Herzliche Grüße

    Christian