Orchestermusik des 21. Jahrhunderts


  • Darf ein 2009 komponiertes Stück durchgehend tonal und einfach nur wunderschön sein? Ich finde ja, es darf, wenn es so hinreissend ist wie das Credo für Orchester von Peteris Vasks, zutiefst spirituelle Musik, die mich einfach glücklich zurück lässt. So etwas möchte ich hören, wenn es einmal ins Jenseits hinübergeht. Diese CD, auf der sich das nicht minder faszinierende Sala befindet, entwickelt sich zu meinem Best-buy 2016.

  • Christoper Rouse schrieb seine 4. Symphonie 2013 als Composer-in-Residence für die New York Philharmonic, die sie 2014 unter Alan Gilbert auch uraufführte. Die Symphonie besteht aus zwei kontrastierenden Sätzen von 10 bzw 12 min: 1. Felice und 2. Doloroso. Felice ist naturgemäß eine positiv gestimmte ziemlich tonale Angelegenheit, die ihre amerikanische Provenienz auch an keiner Stelle verleugnet. Dieser Satz strahlt fast uneingeschränkt Fröhlichkeit aus, in der heutigen Zeit eher ungewöhnlich. Perfekt orchestriert, dürfte dieser Satz beim großen Publikum sicher ohne Probleme ankommen. Er geht ohne Pause in das dolorose Gegenstück über, bei dem sich die Stimmung abrupt verdüstert und elegisch wird. Vorübergehend kommt die Musik fast zum Erliegen, sphärische Klänge leiten über zu einem traurigen Trompetensolo und dann wir sind wieder in der fahlen Klangwelt der ersten Symphonie angekommen. Ein kurzes Motiv erinnert an Siegfried’s Trauermarsch, der Satz klingt begleitet von Gongschlägen düster und pessimistisch in den tiefsten Tonlagen des Orchesters aus. Interessantes Werk.

  • Ge Gan-Ru ist ein 1954 in Shanghai geborener Komponist, der in New York lebt. Er gilt als erster chinesischer Avantgarde-Komponist. Der Komponist musste während der Kulturrevolution in einem Arbeitslager auf dem Land arbeiten, hatte aber das Glück dort auf den bedeutendsten chinesischen Violinlehrer zu treffen, der ebenfalls dort schuften musste. Aus dem Violinschüler wurde im Laufe der Zeit der Komponist Ge Gan-Ru. Die 52 Minuten dauernden Erinnerungen an seine Kindheit im vor- und nachkulturrevolutionären China sind allerdings alles andere als "Avantgarde". Das ist ein hochattraktiver Mix aus Debussy-, Ravel- und Stravinskyklängen vermischt mit Minimal Music, musikalischen Alltagsgeräuschen, Volksmusik, ja bis zu Hollywood-Klängen, chinesische Einflüsse werden eher als Gewürze benutzt. Die zweiteilige Suite (My childhood - Cultural Revolution and Awakening) besteht aus insgesamt 15 ineinander übergehenden Orchesterminiaturen mit Titeln wie Bicycle Music, Repdlar's Tune I-IV Revolutionary March usw. Das ist äußerst clever gemacht, perfekt instrumentiert und macht richtig Spaß zuzuhören. Könnte ein echter Hit werden.

  • Musik über Musik zu schreiben, ist ja inzwischen nichts Besonderes mehr, liegt aber offensichtlich vielen Komponisten am Herzen. Rouse 3. Symphonie ist so ein Stück, Ausgangspunkt für seine Symphonie ist die 2. Symphonie von Serge Prokofieff. Dieses eher schwierige und selten gespielte Werk schätzt Rouse offensichtlich besonders. Was Rouse übernimmt, ist die zweiteilige Struktur mit einem recht aggressiven und lärmigen (wenn auch m.E. nicht so aggressiv wie bei Prokofieff) ersten Satz und einem zweiten beschaulicheren Variationssatz, der enthält auch ein Zitat aus Prokofieff's Werk, das kurz auftaucht und dann anders weiterentwickelt wird. So etwas hat auch Robert Simpson gerne gemacht. Auch dies Werk zeigt, dass Rouse sein Handwerk perfekt beherrscht und eine zeitgemäße attraktive Musik schreibt. Seine 5. Symphonie wurde gerade uraufgeführt und dürfte ebenfalls schnell den Weg auf eine CD finden. Ist quasi schon vorbestellt.

  • Ross Harris ist ein neuseeländischer Komponist, Jahrgang 1945. Dank des Naxos-Labels wird seine Musik langsam auch außerhalb seiner Heimat bekannt. Die erste CD mit seiner Musik, die mir über den Weg lief, enthält die 5. Symphonie von 2013 und das Violinkonzert von 2010.
    Die Musik von Harris empfinde ich als stark von Gustav Mahler und Alban Berg inspiriert, eine Musik am Rande der Tonalität mit gelegentlichen Ausflügen ins Atonale.
    Die 5. Symphonie ist ein siebensätziges Werk, das im Zentrum drei Lieder für Mezzo-Sopran enthält auf Gedichte der Ungarin Panni Palasti, die in diesen Gedichten ihre Erfahrungen und Ängste als junge Frau im belagerten Budapest beschreibt. Die Lieder sind eher einfach aber eindringlich gehalten und werden von Sally-Anne Russell entsprechend dargeboten. Zwischen die drei Lieder hat Harris zwei groteske Scherzi eingeschoben, das erste erinnert stark an Charles Ives mit bizarren übereinander gelagerten Märschen und Fanfaren, das zweite an Alban Berg und Szenen aus Wozzeck. Umrandet wird das ganze von zwei ca. 10 minütigen Adagios, hier kommt Harris der Musik des späten Weinberg, die auch stark von Mahler beeinflusst ist, erstaunlich nahe. Insgesamt ein ziemlich eindrucksvolles expressionistisches Werk, das ich einem Neuseeländer eher nicht zugetraut hätte.
    Das Violinkonzert ruft neben Berg auch Stravinsky in Erinnerung, es ist recht spröde, aber nicht ungenießbar. Interessant der Beginn, bei dem die Geige alleine kurze Melodiefetzen spielt, dann gesellen sich zunehmend Holzbläser dazu und es entsteht erst langsam ein musikalischer Satz daraus, ähnlich endet das Stück in umgekehrter Reihenfolge. Niemand Geringeres als Ilya Gringolts hat dies Konzert hier eingespielt. Naxos hat noch weitere CDs mit Musik von Harris im Programm, die über kurz oder lang wohl den Weg in meinen Player finden werden.

  • das ich einem Neuseeländer eher nicht zugetraut hätte.


    Die haben wenige Komponisten, aber einige davon sind außerordentlich. Bitte bei Gelegenheit für Lyell Cresswell ein Ohr bereithalten, der sich weitestgehend von der Tonalität verabschiedet hat und fantastische Klanglandschaften entwirft, herb und bunt zugleich. Zum Testhören hier:



    Bei Naxos gibt es zwei CDs, die ich höchst eindrucksvoll finde:

    ...

  • Den Grammy für zeitgenössische klassische Musik erhielt 2018
    Jennifer Higdon für ihre Komposition "All Things Majestic"
    auf dieser Naxos-CD.




    Internal bekannt wurde Jennifer Higdon
    mit der Aufnahme ihres Violinkonzertes
    durch Hillary Hahn auf der 2010 erschienen CD.

    mfG
    Michael

  • Christopher Rouse ist letztes Jahr leider verstorben. Er schrieb zu seiner 2015 entstandenen 5. Symphonie, dass Beethovens 5. die erste Symphonie war, die er überhaupt gehört hat und dass er da beschloss, Komponist zu werden. Nun ja, seine 5. hat mit Beethovens nicht so viel gemeinsam, außer dass am Anfang ein vergleichbares aber ganz anderes 4-Noten Motiv ertönt. Die Symphonie ist einsätzig, aber beinhaltet die klassischen vier Sätze. Die "Ecksätze" sind ziemlich turbulent mit massivem Paukeneinsatz (kommt in der Aufnahme auch richtig gut), der langsame Teil hat einige schöne Passagen. Die Musik ist schwer zu beschreiben, sie ähnelt ein wenig dem, was Erik-Sven Tüür so komponiert.

    Supplica ist ein 12-minütiges Adagio im Mahler/Barber-Modus, ein sehr schönes Stück

    Konzert für Orchester, ist ein 30-minütiges Werk, welches seine Nähe zum Bartok-Werk gar nicht groß versteckt und an einer Stelle sogar durch ein Fastzitat bestärkt. Natürlich ist die Tonsprache etwas "moderner", aber nur unwesentlich.


    Die Nashville Symphony scheint inzwischen die Position innezuhaben, für die in den 1950/60er Jahren das Louisville Orchestra stand, nämlich in erster Linie zeitgenössische amerikanische Orchesterwerke zu spielen. Fast zeitgleich ist vom gleichen Orchester und Dirigenten auch die 4. Symphony von Aaron Jay Kernes
    herausgekommen. Die Orchesterleistung wie auch die Aufnahme sind ohne Tadel. Wieder ein Schmuckstück im Portfolio von Naxos.