Liszt - Années de Pelerinage

  • Sehr schön, lieber Jörn. Dann machen wir weiter mit Brendel und wir lassen uns ruhig Zeit! Ich freue mich schon.


    Ein schönes Wochenende wünscht mit herzlichen Grüßen
    Holger

  • Zitat Holger Kaletha

    Zitat

    Dann machen wir weiter mit Brendel und wir lassen uns ruhig Zeit!


    Nun habe ich es leider doch nicht nicht geschafft, lieber Holger, Brendel so intensiv zu hören, daß ich etwas posten könnte. Die kommenden beiden Wochen bin ich nun auch noch auf Dienstreise. Also kann ich leider erst ab der ersten Oktoberwoche wieder posten. Aber dann geht es weiter.


    Beste Grüße
    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Nun habe ich es leider doch nicht nicht geschafft, lieber Holger, Brendel so intensiv zu hören, daß ich etwas posten könnte. Die kommenden beiden Wochen bin ich nun auch noch auf Dienstreise. Also kann ich leider erst ab der ersten Oktoberwoche wieder posten. Aber dann geht es weiter.


    Dann freue ich mich auf die erste Oktoberwoche, lieber Jörn!


    Eine hoffentlich nicht zu anstrengende Dienstreise wünschend mit herzlichem Gruß
    Holger


  • Sehr empfehlenswert ist diese CD - nicht nur wegen der schönen Aufnahme des jungen Schweizer Pianisten Oliver Schnyder, sondern auch des selten aufwendig gestalteten Booklets. Dieses enthält - 60 Seiten dick - nicht nur einen sehr Liszt-kompetentes Essay des Interpreten, sondern auch eine Foto-Dokumentation mit vielen historischen Bildern und vor allem: die Dokumentation von Liszts Schweizer Reise von 1835 zusammen mit Maria d´Agoult. Darüber werde ich noch berichten. Heute habe ich die Aufnahme gehört. Sehr differenizert und sorgfältig interpretiert ohne Manierismen oder Mätzchen, technisch äußerst souverän, dazu einnehmend poetisch und kultiviert gespielt. Damit braucht sich Schnyder vor keinem großen Namen zu verstecken! Diese Aufnahme gehört zu den besten - und ist zudem auch aufnahmetechnisch hervorragend. :)


    Schöne Grüße
    Holger

  • Lieber Holger,


    nun habe ich endlos lange geschwiegen. Das liegt an einer leider zu hohen Arbeitsbelastung, die mich jährlich im Oktober/ November einholt und mir intensives Musikhören "verbietet". Ich werde aber im Verlauf der nächsten Woche nun endlich daran gehen, näher auf Brendel einzugehen.


    Danke für die Geduld und beste Grüße
    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)


  • So, nach diversen Ankündigungen habe ich endlich den Nachmittag über ein wenig Zeit gefunden, um mir Brendels Années noch einmal anzuhören. Ich will versuchen, meine Eindrücke zu wiederzugeben.
    Brendel ist vielleicht nie der Pianist gewesen, der als klassischer Liszt-Spieler, gelten konnte. Er hatte – und das ist gar nicht negativ gemeint - nie die schier unerschöpflichen Reserven von Pianisten wie Cziffra, Bolet oder Berman. Und vielleicht genau aus diesem Grund gelangen ihm immer wieder Zugänge zu Liszt, die so unglaublich überzeugend sind (z.B. eine imO hervorragende Interpretation der h-moll Sonate). Dabei hat Brendel sich bereits zu einer Zeit für Liszt stark gemacht, in der das nicht so selbstverständlich war, man kann sogar sagen, daß er ihm gewisser Weise wieder die Tore zu vielen Konzertsälen geöffnet hat. Das nur ganz knapp und sehr grob zur Einordnung.
    Nun zum Beginn des ersten Zyklus La chapelle du de Guillaume Tell. Brendel nimmt nach seinen eigenen Worten die von Liszt vorangestellten Motti und die Assoziationen/ Bilder sehr ernst, weil sie seiner Meinung nach dem Hörer erleichtern sollten, nachzuprüfen, ob dem Komponisten ein musikalisches "Bild" gelungen ist, oder nicht. Rufen wir uns also noch einmal die von Holger gepostete Ansicht in Erinnerung: ein Naturbild, eine Kapelle am Rande eines ruhigen, spiegelblanken Sees mit einem Schiff.
    Brendel trifft diese Stimmung in den ersten Takten ganz und gar. Er nutzt das dynamische Spektrum von f zu ff nicht ganz aus, vermeidet aber dadurch jedes Pathos, das vermutlich seiner Meinung nach zu diesem anfänglichen Naturbild nicht passt: Erhabenheit der Natur ohne Pathos, das scheint mir Brendels Zugriff auf diesen Auftakt des Zyklus. Einen ersten Höhepunkt entfaltet sein Spiel im diminuendo vor der dolce Passage, die er in vollkommenster Klangschönheit vorbereitet. Im marcato bleibt sich Brendel treu, auch dieses ist mit großer Zurückhaltung vorgetragen, sein pp-Echo erklingt sanft aus der Ferne.
    Die große Stärke am Anfang ist meiner Ansicht nach zugleich die große Schwäche ab dem Allegro Vivace, das mit energico überschrieben aber insgesamt nicht hinreichend energico gespielt ist. Das più moderato ist mir zu nüchtern (und fast ohne Pedal gespielt), in der Vermeidung allen Anflugs von Erhabenheit, gewinnt es beinahe etwas Beiläufiges. Nimmt man den Ausspruch "alle für einen" ganz ernst, so hat dieser aber doch gerade etwas Pathetisches, das in dieser klangschönen Interpretation ein wenig zu kurz kommt. Brendel verbleibt mit der Interpretation ganz auf der Ebene des bildlichen Eindrucks der Natur, seine Gedanken schweifen nicht von der Fläche des Sees zur Geschichte, auf die das Motto hinweist. Ein Ansatz, der sicher vertretbar ist, bei dem mir bei aller Klangkultur aber ein entscheidendes Moment fehlt.
    Mit bestem Gruß
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Lieber Jörn,


    es freut mich sehr, dass wir nun weiter machen können mit unseren "Annees...". Meine Antwort - ich muss Dich etwas um Geduld bitten - wird leider noch bis zur zweiten Hälfte der kommenden Woche auf sich warten lassen! :hello:


    Bis dahin mit herzlichen Grüßen
    Holger

  • Lieber Holger,
    wir haben doch viel Zeit, mein vertieftes Hören hat ohnehin so lange auf sich warten lassen. Machen wir einfach in einer ganz ruhigen, lockeren Folge weiter.


    Sei herzlich gegrüßt
    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Die Besprechung klingt Inder Tat vielversprechend, die Aufnahme habe ich aber leider nicht, liebäugle nur mit ihr, weil ich nämlich keine Aufnahme auf einem historischen Instrument besitze. Ich werde aber noch ein wenig warten, weil meine Wunschliste allzu lang ist ...
    Vielleicht hat ein anderer Tamino sie gekauft?


    Mit herzlichem Gruß
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Brendel trifft diese Stimmung in den ersten Takten ganz und gar. Er nutzt das dynamische Spektrum von f zu ff nicht ganz aus, vermeidet aber dadurch jedes Pathos, das vermutlich seiner Meinung nach zu diesem anfänglichen Naturbild nicht passt: Erhabenheit der Natur ohne Pathos, das scheint mir Brendels Zugriff auf diesen Auftakt des Zyklus.


    Lieber Jörn,


    das trifft Brendels Ansatz sehr gut! Wenn Brendel im Forte nicht noch einen draufsetzen kann, dann macht er den Pianistentrick, zeitversetzt zu spielen: erst die linke und dann die rechte Hand, um dieser damit Nachdruck zu verleihen. Manchmal wirkt das etwas manieriert, wenn es zu häufig wird wie z.B. am Schluß. :) Leidenschaftliche Töne hat diese ungemein klug durchgestaltete und klangschöne Aufnahme auch. Brendel, der Intellektuelle, hat schon eine sehr große Affinität zu Liszt. (Seine H-moll-Sonate ist in der Tat hervorragend, auch seine programmatische Interpretation sehr lesenswert!) Mir gefällt das alles sehr gut bis auf das Finale. Da will er jeglichen pathetischen Bombast vermeiden und nimmt das sehr zügig. Dadurch kommt aber auch kein hymnischer, choralhafter Ton auf, wie es zum Bild der Kapelle paßt. Insofern fehlt mir da auch etwas. ;) Au lac du Wallenstadt spielt er wieder sehr kultiviert, betont die rhythmische Struktur. Mir ist da die Melodie zu "steif", sie schwingt nicht wirklich gesanglich aus. Das ist mir etwas zu "deutsch" bieder gespielt, mit zu wenig innerer Freiheit (Wagner würde sagen: das ist "Quadratmusik"). :D Das Stück liebte Brendel, spielte es als letzte Zugabe seines letzten Konzertes. Das müßte man einmal im Vergleich hören. Nr. 3 ist wunderbar!


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Mich würde interessieren, was die Fachleute zu der Einspielung von Daniel Grimwood auf einem Erard-Flügel aus Liszts Zeit sagen. Die Besprechung hier liest sich ja nicht schlecht: http://www.theguardian.com/mus…nees-de-pelerinage-review


    Lieber Dieter,


    ich habe mir heute die ersten vier Stücke angehört. Daniel Grimwood ist ein ganz ausgezeichneter Interpret! Wie ich es schon von Chopin op. 35 her kenne zeigt sich die Eigenart des historischen Erard. Diese Instrumente haben einen beunruhigend schwarzen, sehr expressiven Baß. Er kann deshalb in der Telllsegende am Schluß mit "angezogener Handbremse" spielen, weil dieser Baß so "anspringend" ist und dunkel im Ton, dass man gar kein übermächtiges Fortissimo braucht. Bei Brendel merkt man die angezogene Handbremse, hier weniger durch diesen dunklen Baß. Er hat am Schluß eine ähnliche Idee wie ich als Amateurpianist, ein Crescendo zu machen, um die Glockenschläge nicht zu bombastisch werden zu lassen. :D Nr. 2 ist auch gut. Hier merkt man natürlich, dass diese alten Instrumente nicht die Ausgewogenheit eines modernen Konzertflügels haben. Der Diskant kann sich schwer gegen die Baßgewalt durchsetzen. Es klingt eigentlich immer "baßbetont". Beim tonmalerischen Gewitter der Tellslegende ist das natürlich eindrucksvoll. Die Pastorale klingt schön und Au bord d´une source ein bisschen gläsern. Da fehlt dem historischen Flügel das Obertonspektrum eines modernen Steinway. Klaviertechnisch ist das wirklich sehr gut bewältigt von Grimwood. Selbst Brendel hat so seine Probleme bei dem Stück. Weiter habe ich noch nicht gehört. Liszt selbst hat übrigens zwei oder drei solcher Instrumente pro Konzertabend verschlissen. Weil sie noch keinen Stahlrahmen hatten, sind sie einfach in der Mitte durchgebrochen. Der erste Flügel, der die Tortur eines Liszt-Abends durchgestanden hat, war dann ein Bösendorfer... :D Nächste Woche werde ich weiter hereinhören! :hello:


    Herzliche Grüße
    Holger

  • Zitat Holger Kaletha

    Zitat

    Au lac du Wallenstadt spielt er wieder sehr kultiviert, betont die rhythmische Struktur. Mir ist da die Melodie zu "steif", sie schwingt nicht wirklich gesanglich aus. Das ist mir etwas zu "deutsch" bieder gespielt, mit zu wenig innerer Freiheit (Wagner würde sagen: das ist "Quadratmusik"). :D


    Lieber Holger,


    das spielt er wirklich extrem (zu?) kultiviert und es erinnert mich ein wenig an "still ruht der See", weil Brendel so viel Gleichmaß herstellt. Aber mir gefällt das eigentlich ganz gut, zu dem "warum" werde ich morgen ein wenig ausführlicher Stellung nehmen. Ich freue mich sehr, daß wir in der lockeren Folge weitermachen können, sei herzlich gegrüßt.


    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Au la du Wallenstadt
    Ich versprach ja noch einen kleinen Nachtrag zu diesem Stück, das ich heute über den Tag verteilt vielfach gehört habe. Daß es Brendel besonders am Herzen lag, hat Holger ja bereits zu recht betont. Er wählte es als seine allerletzte Zugabe seiner Karriere und auch wenn ich dazu keine genaue Äußerung gefunden habe, scheint mir das beileibe kein Zufall. Brendel hat für den Komponisten Liszt mehr getan, als mancher vermuten würde. Wenn man den ersten Band der Anées hört, dann versteht man, warum. Es sind vielleicht nicht immer die Interpretationen, die man erwarten würde, aber eben das macht Liszt auch denjenigen zugänglich, die vielleicht sonst seine Probleme mit ihm hätten. Aber genug der erneuten Vorrede.
    Brendel spielt Au la du Wallenstadt ist einem vollendeten Ebenmaß. Er nimmt -das habe ich in Beitrag 96 ja bereits bemerkt - die Liszt’ schen Motti/ Assoziationen sehr ernst. Die Arpeggios der linken Hand fließen ein einem großen Ebenmaß dahin, die Melodielinie der rechten Hand ist dem angeglichen: Holger hat den dadurch entstehenden Eindruck als ein wenig "bieder" beschrieben. Aber rufen wir uns noch einmal das vorangestellte Byron Zitat in Erinnerung: "Thy contrasted lake / With the wild world I dwell in is a thing / Which warns me, with its stillness, to forsake / Earth's troubled waters for a purer spring.” = Dein See, gemessen mit meiner frühern Welt voll Sturm und Glut, Mahnt mich mit seiner Stille, zu vergessen Um reinern Quell der Erde trübe Flut". Hier scheint Brendel Ansatz ganz auf das Motto zu zielen, weniger auf den See als organisch bewegte Natur. Das Übermaß an Gleichmaß zielt in meinem Verständnis auf die Stille und die reine Quelle. Durch das Ebenmaß erreicht Brendel hier eine Tiefe, die das Werk seiner Gesanglichkeit enthebt, aber es so dicht an das Byron-Zitat heranführt, wie ich es in wenigen anderen Interpretationen empfunden habe. Aus ebendiesem Grund ist mir diese Interpretation neben den konventionelleren doch sehr ans Herz gewachsen.
    Beste Grüße
    JLang

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Lieber Jörn,


    ich sehe das im Prinzip genau so wie Du! Die semantische Ebene ist der Kontrast von dramatischer Bewegung (Tellslegende) und Stille in der Natur, dem irdischen Frieden (Schluss von Nr. 1) und einem höheren, himmlischen Frieden in Nr. 2. Dieser scharfe Kontrast muss unbedingt betont werden! Brendel hat in einer Filmaufnahme, wo er die "Annees..." bespricht, eine schöne Erklärung von Au lac du Wallenstadt gegeben: Man fährt in einem Boot über einen spiegelglatten See und das Auge erhebt sich dann, folgt der Bewegung der Linie der umgebenden Berge in die Höhe (als Ausdruck des "Erhabenen" der Natur in dem sich erhebenden Blick auf die erhabenen Gipfel, meinte er wohl auch damit). In dieser Erklärung hat Brendel sehr schön die zwei Ebenen zum Ausdruck gebracht, finde ich, die es in diesem Stück gibt: Die metaphysische Stille in der linken Hand, eine störungslose Gleichmäßigkeit, welche die absolute Ruhe und Bewegungslosigkeit zum Ausdruck bringt. Dazu kommt dann die Melodie in der rechten Hand, die doch einen gewissen "Schwung" hat - was Brendel selbst durch die Blickbewegung erklärt, die vom See aus die Bergzinnen erfaßt. Ich finde Brendels Aufnahme wirklich sehr gelungen. Das einzige, was mir bei ihr nicht ganz gefällt (ich selber habe es dann mit meinen amateurhaften Unzulänglichkeiten "besser" zu machen versucht auf dem Klavier, wovon es sogar eine fürchterliche uralte Aufnahme gibt mit primitivster Technik gemacht :untertauch: ), ist, dass sich die Melodielinie der rechten Hand nicht von der linken genügend ablöst. Bei Brendel hört man mehr Ton für Ton und nicht einen ausschwingenden Melodiebogen. Er "kopiert" mir etwas zu sehr die Struktur der linken durch die rechte Hand. Aber das grenzt natürlich ein bisschen an Mäkelei. Es ist nicht einfach, auch in der rechten Hand die "Ruhe" als Gesamtstimmung zu wahren und diese nicht etwa durch ein übertriebenes Rubato zu stören. Das ist eine Gratwanderung wie die auf einem Alpengipfel :D .


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Zitat Holger Kaletha

    Zitat

    ist, dass sich die Melodielinie der rechten Hand nicht von der linken genügend ablöst.


    Lieber Holger, leider erst jetzt kann ich auf Deine Gedanken zu Brendel reagieren. Ich kann sie sehr gut nachvollziehen. Im Willen, die Ruhe wirklich als Ruhe präsentieren zu können, ist der leichte Schwung, den Du in der rechten Hand erwartest, in der Interpretation Brendels nicht da. Mir ist diese Seite allerdings lieber ein ein zu starkes rubato, das dann einfach den Gesamteindruck des Stückes zu sehr beeinträchtigt.


    So gern ich mich auch weiter am Beethoven-thread beteiligen würde, momentan widme ich meine begrenzte Zeit einfach noch lieber Liszt.
    Pastorale & Au bord d’une source sind die beiden nächsten Stücke des Zyklus, den ich mich soeben wieder ausführlicher widmen konnte.


    Pastorale ist sicherlich ein Stück, dass Brendels Auffassung eine kultivierten Klavierspiels sehr entgegenkommt. Brendel schafft es durchweg, den Ton einer schlichten Landschaft zu treffen. Vielleicht ist das Stück zunächst weniger auffällig als andere dieses Zyklus aber dadurch besteht imO immer die Gefahr, des "zu viel", weil das Stück vermeintlich nicht so spektakulär ist, wie man es erwartet. Es ist aber gerade dieser schlichte Liszt, der dem etwas verzerrten Liszt-Bild, das zu Brendel Zeit noch vorherrschte, entgegengesetzt werden konnte. Brendel nimmt die Notationen Liszts durchweg ganz ernst, in einem schönen pp-Vivace beginnt er die beschwingte Weise, arbeitet trotz des deutlichen Einsatzes des Pedal, die Leittöne der linken Hand markant heraus. Erst im marcato greift er dann etwas mehr zu. Brendel setzt beide Teile nicht nur die die von Liszt notierte Pause voneinander ab, sondern bereitet den marcato-Teil mit einem leichten diminuendo vor. Dadurch tritt der unterschiedliche Charakter etwas deutlicher hervor. Besonders schön gelingen Brendel das ppp vor und die diminuendi im zweiten marcato Teil. So entstehen schöne Echo-ähnliche Effekte.
    Fast attacca schließt sich Au bord d’une source an, dem das bekannte und schon zitierte Schiller-Zitat voransteht. Wichtig scheint mir besonders, die einzelnen Passagen des Stückes wirklich in einem Fluß entwickelt werden. Liszt fügt die unterschiedlichen Teile ja durch Skalen und Arpeggien, die in die oberen Register hoch- und wieder herunterlaufen und immer wieder in die Melodie zurückgeführt werden. Allegretto grazioso ist das Stück überschrieben, ein dolce tranquillo verlangt Liszt zu Beginn. Brendel spielt diesen Teil es Zyklus imO mustergültig. Ganz plastisch hebt das Spiel die perlende Struktur des Wassers heraus, läßt es alle Transformationen durchlaufen und führt es in den Metamorphosen immer wieder in den Melodiefluß zurück. Das ist eine wirklich junge, spielerische Natur, die hier unter Brendels Fingern zum Klingen kommt, das brillante habe ich nur in wenigen anderen Aufnahmen in dieser Akzentuierung gehört. Wenn man angesichts einer solch großartigen Interpretation einen kleinen Wermutstropfen feststellen dar, dann könnte man monieren, dass er erneut das dynamische Spektrum nach oben nicht ganz ausschöpft. Liszt notiert an einer Stelle ff: aber das ist natürlich nur eine relative Größe und wenn man sich das Brendelsche ppp anhört, dann steht es zu seinem ff in einem absolut richtigen dynamischen Verhältnis. Dennoch, die Wildheit, die eine junge Natur an den Tag legen kann, geht an dieser Stelle etwas verloren. Die Betonung liegt vielleicht mehr auf der selbstverständlichen, natürlichen Entwicklung.
    Ich vermute, daß Brendel diese Stücke noch enger als die anderen des Zyklus als Einheit verstanden wissen möchte und sie vielleicht daher nahezu ineinander übergehen?


    Beste Sonntagsgrüße sendet
    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Lieber Jörn,


    herzlichen Dank für Deine schöne Fortführung unseres kleinen "Projekts"! Ich werde erst ab Mittwoch dazu kommen, meinerseits zu antworten, worauf ich mich sehr freue! Ab übernächster Woche wird es dann leider schwierig - dann kommt bei mir so richtig der Umzugstrubel und das Musikhören muß ein wenig pausieren! :hello:


    Einen schönen Gruß zur sonntäglichen Nacht
    Holger

  • Lieber Holger,


    laß Dir ruhig Zeit, ich komme ja leider aktuell auch nur unregelmäßig zum Musikhören. Wir müssen uns nicht hetzen und können nachlegen, so wie wir Zeit haben.


    Herzliche Grüße
    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
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  • Lieber Jörn,


    so lange ists her, stelle ich erschreckt fest - ein halbes Jahr! Da müßte es doch endlich wieder weitergehen mit unserem schönen "Projekt". Ich muß mich endlich aufraffen - noch 20 Umzugskisten gibt es zwar, Regale anzubringen, ein Vortrag ist zu schreiben....!



    Zwischenzeitlich hörte ich "Sposalizio" mit Alfredo Perl:


    Überragend. Eine Gesamteinspielung von ihm, das wäre was! :hello:


    Einen schönen Sonntag wünscht mit herzlichen Grüßen
    Holger

  • Lieber Holger,


    ja, gestern habe ich auch mit Schrecken gesehen, dass unser Projekt vor so lange Zeit begann.
    Ich musste zwar nicht umziehen, aber ein Buch ebenden und eine Ausstellung eröffnen, intensives Musikhören blieb leider auf der Strecke.
    Aber heute Abend werde ich mir Brendel noch einmal zu Gemüte führen.


    Eine Gesamteinspielung der Années von Perl wäre in der Tat wunderbar, aber vielleicht kommt das noch? Ich würde es mir wünschen!


    Sei herzlich gegrüßt
    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
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  • Aber heute Abend werde ich mir Brendel noch einmal zu Gemüte führen.


    Das freut mich sehr, lieber Jörn! Meine neu eingerichtete Musikhörecke ist trotz Rigipsdämpfung (da hatte ich einige Befürchtungen) hervorragend! Ich werde mich dann wieder mit dem "Nachhören" anschließen und Deine geistvollen Betrachtungen genießen! :)


    Herzlichst
    Holger

  • Lieber Holger,


    endlich finde ich Zeit, mich wieder Brendel zuzuwenden und meine Höreindrücke zu notieren. Wir waren vor einige Zeit bei Pastorale & Au bord d’une source stehen geblieben (Beitrag 110). Nun folgt also Orage, das "Klaviergewitter" in jeder Hinsicht. Gewitter als ungebändigte Natur die gleichermaßen ihre Entsprechung im Gefühlszustand findet. Wenn manche Brendel in Bezug auf Liszt eine zu große Schlichtheit unterstellen sollten Sie sich einfach einmal sein Orage anhören. Hat man das gemacht, ist deutlich, dass Brendel Liszt dort schlicht spielt, wo er es aus dem Notentext und den vorangestellten Motto ableiten kann. Nicht jedoch bei Orage. Auch wenn das Stück nicht zum gewaltigsten aller Gewitter wird (so setzt er das fff nicht wirklich vom anfänglichen ff ab), ist es doch furchteinflößend. Mit schweren ff-Schlägen eröffnet Brendel dieses Werk, das immer voller Anspannung ist. Auffallend ist die intelligente Pedalisierung, die den Bassbereich in einem steten Grollen ertönen lässt. Liszt selbst vermerkt Pedalisierungen ja nur sehr spärlich und es wird deutlich: Klarheit herrscht bei Brendel dort, wo sie als Ausdrucksmittel angebracht ist. In einem Natur oder auch inneren Gefühlsgewitter hat sie keinen Platz. Versucht man den Ansatz zu charakterisieren könnte man meinen, Brendel legt besonderen Wert auf den Ausdruck innerer Anspannung, das Gewitter bleibt dagegen in einem dynamischen Rahmen, der von Anfang an vorgegeben ist und nicht mehr gesteigert wird. Es ist ein An- und Abschwellen innerhalb der von Beginn an gesetzten Grenzen, dadurch fehlt im zweiten Teil vielleicht etwas Naturgewalt, die German so mustergültig umgesetzt hat, doch die innere Spannung geht in dieser Interpretation dagegen nie verloren. Dafür benutzt Brendel mitunter kleine Tricks. So nimmt er von einigen rinforzandi die Dynamik leicht zurück, um diese deutlicher herauszuheben. Dennoch hat man das Gefühl, dass das Werk Brendel nicht so ganz liegt, vielleicht ist es ihm als Naturbild ein wenig zu vordergründig, vielleicht ist das Bild der inneren Zerrissenheit zu eindimensional? Diesen Eindruck gewinnt man zumindest, wenn man seine folgende Interpretation anhört, in der er weitaus mehr Schichten freizulegen vermag. Doch davon später.


    Mit bestem Gruß
    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
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  • Lieber Jörn,


    das freut mich sehr, dass Du weiter machst mit unserem schönen Liszt-Profekt! :) Ich werde so bald wie möglich nachhören - heute ist der Abend aber für den "prosaischen" Fußball reserviert! :D


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Auffallend ist die intelligente Pedalisierung, die den Bassbereich in einem steten Grollen ertönen lässt. Liszt selbst vermerkt Pedalisierungen ja nur sehr spärlich und es wird deutlich: Klarheit herrscht bei Brendel dort, wo sie als Ausdrucksmittel angebracht ist. In einem Natur oder auch inneren Gefühlsgewitter hat sie keinen Platz. Versucht man den Ansatz zu charakterisieren könnte man meinen, Brendel legt besonderen Wert auf den Ausdruck innerer Anspannung, das Gewitter bleibt dagegen in einem dynamischen Rahmen, der von Anfang an vorgegeben ist und nicht mehr gesteigert wird. Es ist ein An- und Abschwellen innerhalb der von Beginn an gesetzten Grenzen, dadurch fehlt im zweiten Teil vielleicht etwas Naturgewalt, die German so mustergültig umgesetzt hat, doch die innere Spannung geht in dieser Interpretation dagegen nie verloren. Dafür benutzt Brendel mitunter kleine Tricks. So nimmt er von einigen rinforzandi die Dynamik leicht zurück, um diese deutlicher herauszuheben. Dennoch hat man das Gefühl, dass das Werk Brendel nicht so ganz liegt, vielleicht ist es ihm als Naturbild ein wenig zu vordergründig, vielleicht ist das Bild der inneren Zerrissenheit zu eindimensional? Diesen Eindruck gewinnt man zumindest, wenn man seine folgende Interpretation anhört, in der er weitaus mehr Schichten freizulegen vermag. Doch davon später.


    Lieber Jörn,


    ich habe erst Au bord d´une source gehört und dann Orage. "Orage" finde ich gehört zum Überzeugendsten, was Brendel in Bezug auf Liszt geleistet hat. Er vermeidet in der Tat jede Art von monumentaler Gewaltsamkeit - so höre ich das auch. Das hast Du sehr treffend beschrieben und analysiert. Brendel "überwältigt" nicht. Aber trotzdem ist das ein Drama - er nimmt das Motto von Byron wohl wörtlich: das Naturereignis als Seelenlandschaft. Er behält auch im Tumult immer die sprechende Phrasierung bei - das "Rhetorische" macht hier das Tonmalerische zu einem inneren Ausdrucksgeschehen. Das ist ihm hier wirklich gelungen. Und er erlaubt sich einige rhapsodische Freiheiten - spielt also alles andere als "bieder". Das Klavierstück als Klavierphantasie - das hat der Intellektuelle und Liszt-Vertraute Brendel hier umgesetzt. Genau dieses Rhetorische empfinde ich bei Au bord d´une source als eher störend. Da steht zu Beginn dolce tranquillo. Ausgerechnet diese Stille - die ja nach der romantischen Musikphilosophie stumm sein soll, das Gesellschaftliche transzendiert - macht Brendel beredt. Damit wird das Naturwunder doch etwas "anthropomorphisiert", in eine Tonrede verwandelt. Er ist bezeichnend im Ton generell etwas zu laut - auch hat er mit der technisch aberwitzig schwierigen Coda so seine Probleme wie viele andere (außer Berman!) auch. :D :hello:


    Morgen komme ich hoffentlich zu Vallee d´Oberman - da habe ich zwei Aufnahmen von ihm!


    Herzlich grüßend
    Holger

  • Lieber Holger,


    haben vielen Dank. Es ist interessant, dass wir Au bord d´une source und Orage im Prinzip genau anders herum beurteilen. Ich werde mit Deinen interessanten Bemerkungen im Kopf nun noch einmal Beides nachhören. Das ist für mich das Wunderbare an dem Austausch.



    Zitat von Holger Kaletha

    Aber trotzdem ist das ein Drama - er nimmt das Motto von Byron wohl wörtlich: das Naturereignis als Seelenlandschaft. Er behält auch im Tumult immer die sprechende Phrasierung bei - das "Rhetorische" macht hier das Tonmalerische zu einem inneren Ausdrucksgeschehen.

    Es stimmt, dass Brendel sich auf das innere Ausdrucksgeschehen konzentriert und das auch unnachahmlich herausarbeitet, und er spielt wahrlich nicht bieder, sondern intelligent. Er schafft es, ein hohes Maß an Dramatik zu erzeugen. Ich bin aber nicht sicher, wie man die Metapher Naturereignis/ inneres Geschehen verstehen muss. Erfährt die Naturgewalt im Körper eine Bändigung, oder droht sie ihn tatsächlich zu zerreissen. Vielleicht sehe ich das zu dramatisch: aber dieses "beinahe Bersten" war das, was mir als kleiner Wermutstropfen gefehlt hat. Vielleicht habe ich auch den Eindruck gehabt, dass noch mehr "drin" gewesen wäre, weil ich danach seinen Ansatz vom Obermann Tal gehört habe. Den finde ich, um es vorweg zu nehmen, in der Tat ganz vorzüglich. Von Valle d’Obermann habe ich auch zwei Aufnahmen und bei diesen auch einen klaren Favoriten :)


    Ich denke, morgen dazu zu kommen, meine Eindrücke in Worte zu fassen. Es grüßt für heute sehr herzlich
    Jörn

    Gute Opern zu hören, versäume nie
    (R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

  • Vielleicht sehe ich das zu dramatisch: aber dieses "beinahe Bersten" war das, was mir als kleiner Wermutstropfen gefehlt hat.


    "Absolut" betrachtet hast Du natürlich Recht, lieber Jörn. Das Sentimentalisch-Überspannte ist bei Liszt selbstverständlich drin. Das hat Brendel in der Tat als das an der Romantik viel geschmähte "Dekadente" auf das Charakteristische hin entschärft. Das Beängstigend-Bedrohliche ist damit ein bisschen weg. (So klingen bei ihm die "Ungarischen Rhapsodien" für meinen Geschmack auch nicht die Spur verwegen aufrührerisch, sondern viel zu gediegen.) Aber solche Nuancen sind letztlich höhere Liszt-Schule und eine Weltanschauungsfrage. :D


    Einen schönen Abend wünscht mit herzlichen Grüßen
    Holger