Leopold Kozeluch - Die Klaviersonaten

  • Ich habe mir die Frage gestellt, wie tragfähig ein Thread sein mag, der sich ausschließlich mit Kozeluchs Klaviersonaten befasst, und do habe ich lange gerzögert diesen Thread zueröffnen. Andrerseits wurde verschiedentlich der Wunsch geäussert, etwas tiefer in die geweilige Materie einzudringen, Hintergrundinformationen und Beurteilungen zu posten. Woolen wir es also versuchen. Ich selbst habe im allgemeinen Kozeluch-Thread die Klaviersonaten als "eher belanglos" abgetan, was vermutlich etwas voreilig und zudem noch ungerecht war, denn sie sind - in Maßen genossen - außerordentlich eingängig und angenehm zu hören (was in der heutigen Zeit oft als Minus gesehen wird) Allgemein gesprochen brauchen Kozeluchs Klaviersonaten keinen Vergleich mit jenen von Clementi oder dem frühen Haydn zu scheuen, und manche Mozart Sonate hat auch nicht mehr Tiefgang - obwohl man das natürlich nicht sagen darf.
    Ich habe daher ein wenig in den Booklets gestöbert und Material gesammelt.


    Der zeitgenössische englische Musikhistoriker und Komponist Charles Burney (1726-1814) schrieb über die Qualität von Kozeluchs Klaviersonaten:


    Sein Stil ist leichter als jener von Emanuel Bach, Haydn oder Mozart, er ist natürlich, graziös und fließend, ohne irgend ein großes Vorbild zu imitieren, wie es fast alle anderen seiner Zeitgenossen getan haben. Seine Modulation ist natürlich und angenehm und welche auch vor Kritikern der Alten Schule akzeptiert werden können* Sein Rhythmus ist ist gut phrasiert, die Akzente gut gesetzt, und die Harmonien rein


    clck 48


    ES gibt zwei miteinander konkurrierende CD-Serien im Handel (Abbildungen folgen Zug um Zug in den nächsten Beiträgen), welche beide leider auf "Historischen Hammerflügeln" (Nachbauten) aufgenommen wurden. Schade - eine Alternativaufnahme auf einem modernen Konzertflügel wäre reizvoll und vielleicht sogar erhellend gewesen.


    Aber man soll nicht unbescheiden sein - immerhin sind es 50 Klaviersonaten, die uns Kozeluch hinterlassen hat....
    Da gibts vorerst eine Menge zu hören.


    mfg aus Wien
    Alfred



    *manche Ausdrücke können nicht wörtlich übersetzt werden, da sie im Deutschen nicht vorhanden sind, hier musste ich improvisieren, hoffe aber nah am Original zu sein

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Dank Milan Postolka verfügen wir seit 1964 über ein Verzeichnis der Werke von Kozeluch. So wissen wir nun besipielsweise, daß er 50 Klaviersonaten geschrieben hat - und dank Postolkas Werk hat nun jede Klaviersonate ihre genau definierte Nummernbezeichnung, was das Erstellen einer Gesamtaufnahme eigentlich erst möglich macht. Die Sonaten erschienen vorzugsweise in Wien im Druck, manche aber auch in London und Paris. Von Brilliant Classics existieren derzeit 2 Doppel-CDS mit der Pianistin Jenny Soonjin Kim (auf einem Nachbau eines historischen Pinoforte von Anton Walter ( Wien, 1795), angefertigt von Michael Walker, (Neckargmünd 1987) das bedeutet, daß die Serie nicht abgeschlossen ist.
    Die Konkurrenzaufnahme mit dem Pianisten Kemp Englisch ist inzwischen bei 8 Einzelfolgen angekommen, Details kann ich DERZEIT noch keine liefern, denn ich besitze im Augenblick nur die Folge 1. In dem dort mitgelieferten Booklet gibt es Hinweise darauf, dass English im Laufe der Serie verschiedene historische Intrumente einsetzen wird (bzw Nachbauten)
    2018 jährt sich der 200 Todestag Kozeluchs, mag sein, das und das zusätzlich die eine oder andere Einzelaufnahme anderer Pianisten beschert, ich würde mir eine Vergleichsmöglichkeit wünschen, wie Kozeluchs Klaviersonaten am modernen Kozertflügel klingen.
    Kozelich war übrigens einer der ersten der das neue Instrument "Pianoforte" in seine Kompositionen eingebunden hat und so für dessen Durchsetzung nicht unbeteiligt war.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......



  • Wenn ich an diesem Thread arbeite, so geht das weit über die Schreibarbeit hinaus, Ich höre, vergleich und recherchiere, suche in den Booklet verwertbare Zitate aus der entsprechenden Zeit, suche in großen Nachschlagewerken (meist vergeblich, denn die Quellenlage ist eher dürftig) nach Details.
    Immerhin ist das Hören der Kozeluch Sonaten ein Vergnügen. Derzeit höre ich die Sonate Nr 1 op. 1 (PXII:8), welche ,it einem äussert eingängigem Thema beginnt und Ohrwurmqualitäten hat, Kozeluch überfordert seine Hörer nicht mit allzu großer Komplexität sondern schreibt bewusst gefällig. Gefällig ist ja heute in Klassikkreisen beinahe zum Negativbegriff verkommen. Das war aber zu Zeiten wo diese Werke entstanden völlig anders. Bei öfterem Hören wird dann offenbar, daß .zumindest die Sonaten 1-3 kaum Gemeinsamkeiten mit jenen von Mozart und Haydn haben - auch wenn es vorerst so scheinen mag. Es fehlt die Spritzigkeit Haydns, eine leichte Melancholie ist stellenweise erkennbar, vor allem aber eine gewisse "Galanterie", die auf ein weibliches Amateurklientel zurechtgeschnitten scheint, Kozeluch war im Gegensatz zu Mozart sehr geschäftstüchig und wusste zu gefallen- Genau das bieten die ertsten drei Sonaten: Angenehme Unterhaltung und leichte Spielbarkeit für Angehörige des gehobenen Bürgertums und des Adels.
    Ich weiß jetzt, woran mich diese ersten Sonaten erinnern: An den angenehmen Klang einer Spieluhr. Auch das wäre in der zweiten Hälfte des 18. Jahrnunderts eher positiv als negativ gedeutet worden, wir befinden uns im Rokoko, auch wenn heute viele diese Bezeichnung gerne vermeiden.


    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Es gibt eine Alternativaufnahme des Labels "Grand Piano" gespielt von Kemp English. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen.

    Ich habe vorerst lediglich die Sonate op 1 Nr 1 P XII:8 im Vergleich mit der Aufnahme von Jenny Soonjin Kim gehört, die er drei Minuten schneller herunterhaspelt als die bestimmt nicht langsame Konkurrentin.

    Die Aufnahme wirkt auf mich lieblos und uninspiriert, stellenweise sogar aggressiv. Es ist eine bedauerliche Unart (auch die alternative Aufnahme ist nicht frei davon) daß immer wieder auf Originalinstrumenten (hier: Nachbauten nach A. Walter ca 1795 Wien) versucht wird, ihnen eine klangliche Wucht und eine Dynamik abzutrotzen, die ihnen eigentlich konstruktionsmäßig bedingt versagt bleiben muß.

    Unter Kemp English - laut Booklet ist Kemp English in Neuseland ein führender Interpret - Wikipedia kennt ihn indes nicht.

    Kozeluch - Ich habe in einem der weiter oben stehenden Beiträge seine Musik als "angenehm zu hören" beschireben. Das war auch oberstes Ziel, denn Kozeluch war darauf aus, möglichst ein großes und zahlungskräftiges Publikum zufriedenzustellen. Das ist ihm auch gelungen. Er hatte einflussreiche Schüler, welche sogar verbreiten konnten, Kozeluch wäre der besser Komponist als Mozart.

    Eines unserer Mitglieder hat Mozarts Klaviesonaten als "Geklimper" bezeicnet, ich gehe davon aus, das Kozeluchs Klaviersonaten ebensowenig Gnade vor seinen Augen finden würden.

    Er wäre hier übrigens in guter Gesellschaft. Sowohl Mozart als auch später Beethoven äusserten sich negativ über diese Werke und auch über Kozeluch Spiel. Vom Harenberg Klaviermusikführer bekommen wir kein Statement, denn obwohl in beiden Booklets darauf hingewiesen wird, daß Kozeluch in gewisser Weise einer der Wegbereiter der Klaviers gewesen sei - wird er dort überhaupt nicht erwähnt....


    mfg aus Wien

    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Gleiche CD - Andere Werke. Ich bin hier bei op 1 geblieben, allerdings die Nummern 2 und 3. Wie nicht anders zu erwarten - gleiches Strickmuster. Allerdings empfand ich das Spiel von Kemp English diesmal nicht so forciert auf Tempo. Vielleicht sind die Werke ausgeglichener oder ich habe mich an den Stil gewöhnt - etwas, das man nicht unterschätzen sollte.

    Denn die Zeitgenossen waren von Kozeluchs Sonaten angetan, bevorzugten sie teilweise auch jenen gegenüber Mozarts. Hier ein Zitat aus Carl Friedrich Cramers Magatin der Musik (1783) welches wir auch im Booklet abgedruckt finden:

    Zitat

    "Herr Kozeluch ist ein trefflicher Componist. In seinen Sonaten herrscht viel Erfindung, gute Melodie und eine ihm eigene Modukation. Die geschwinden Sätze sind sehr brilliant und naiv, und die langsamen sehr sangbar. Wir können sie daher den Liebhabern des Claviers sicher empfehlen"

    Was mit "naiv" gemeint ist - und warum das ein Vorzug sein soll, das werde ich vermutlich nie erfahren.


    mfg aus Wien Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Manchmal braucht es einigen Abstand um etwas gerecht(er) beurteilen zu können. Über die Kozeluch Sonaten gibt es verschiedene Meinungen, so schreibt ein Musikwissenschafter, Kozeluchs Stil habe sich im Laufe der Jahre nicht wesentlich verändert, so meint ein andere, ersterer habe vermutlich großzügig recherchiert und gehöt. Der Stilwechsel werde allerdings dadurch kaschiert, daß Kozeluch im Laufe des Entstehend der Sonatein INNERHALB der Zeit ZUSÄTZLICH zwischen tiefschürfenderen und leichteren Sonaten wechselte, was durchaus Absicht war, denn Kozeluch der mit Sicherheit der bessere Geschäftsmann und Eigenvermarkter als Mozart war, wollte ALLE potentiellen Interessenten befriedigen, etwa im Sinne von Leopold Mozarts, der seinen Sohn immer wieder ermahnte das Geschäftliche nicht aus den Augen zu verlieren, der aber bei seinem Sohn in dieser Beziehung auf "taube Ohren" stiess.

    Ich bin davon abgekommen, ALLE Sonaten in Reihenfolge a la Christopher Hogwood (der ein chronologisches Werkerverzeichnis erstellt hat) zu hören., sondern werde mir willkürlich gelegentlich das eine oder andere Stück herauspicken. Wer an Kozeluch Interesse hat - und das werden leider nur wenige sein - mag sich hier anschliessen.

    Heute hörte ich die Sonaten Nr 42 und 43, zwei Spätwerke um ca 1815 (?)

    Und hier eine Überraschung, die mich die gesamte Ausgabe positiver bewerten lässt: Für diese Edition wurde eine Anzahl unterschiedlicher Instrumente eingesetzt. Im konkreten Kalle für die beiden Sonaten nr 42 und 42 ein Klavier von Johann Fritz, Wien 1815 diese instrumnt klingt sehr konturiert und gleichzeitig doch warm. ohne zu wummern oder zu zirpen.

    Bei den beiden zweisätzigen Sonaten handelt es sich laut Booklet um Ersteinspielungen. Hier wurde auf übertriebene Hektik und Dynamik verzichtet.Dafür sind beide Werke äussert eingängig und klangschön...


    mfg aus Wien

    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Ich bin wieder bei Op 1 gelander. Und um mir die Sonaten in Erinnerung zu halten habe ich wieder bei Nr. 1 und 2 begonnen.

    Desto öfter ich die Sonaten höre, ums mehr gefallen sie mir. Vielleichjt sollte man Mozart und Haydn aus seiner Erinerung verbannen, wenn man die Sonaten von Kozeluck härt. Hier ist nicht die Qualität gemeint, sondern der Stil.

    Ich hör im Moment die Brilliantbox, die allerdings nicht mehr im Programm ist.

    Indes gibt es diese Sonaten in Rahmen einer Gesamtaufnahme (12 CD Box) für nur 39.99 Euro was das von mir angedachte Weitersammeln ad absurdum führt. Ich werde in absehbarer Zeit - so noch lieferbar - die Gedamtbox kaufen. Aber es ist nicht nur ein Finanz- und Platzproblem: Man muß auch die Zeit aufbringen alles zu hören - oder zumindest das meiste.


    Die Sonate Nr 1 ist mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen...


    mfg aus Wien

    Alfred

    Man merkt die Absicht und man ist verstimmt ......


  • Wen es interessiert : die Box mit den kompletten Klaviersonaten Kozeluchs, also die im vorangegangenen Post von Alfred abgebildete Box von Jenny S Kim, gibt es hier für schlappe 6,94 Euro zum Download (MP3; FLAC 8,43 Euro). Also, ich habe zugeschlagen, eben lädt mein PC die 1,7 GB herunter.

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    The Smiler