Einführung zur Musik des Mittelalters

  • Parallelorgana (9. Jh.)

    Bei der Frage, was "klassische Musik" ausmacht, europäische "Kunstmusik", fällt im Unterschied zu außereuropäischer Musik die Mehrstimmigkeit ins Gewicht: verschiedene selbständige Stimmen erklingen zugleich und ergänzen einander. Der Fachbegriff dafür ist Polyphonie. Entscheidend ist zunächst, dass im Zusammenklang eine Konsonanz (etwa Wohlklang) entsteht, oder dass Dissonanzen (Missklänge, weniger in sich ruhende Klänge) sich wieder auflösen.

    Was als Konsonanz empfunden wird, hat sich im Laufe der Musikgeschichte geändert, zu Beginn der Mehrstimmigkeit sind nur die untersten Zusammenklänge aus der Obertonreihe "erlaubt": Oktave, Quint, Quart.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Oberton#Obertonreihe

    Polyphonie entstand nicht von heute auf morgen. Am Anfang steht die Praxis, dass zwei Stimmen parallel in Konsonanzen geführt werden. Ausgangspunkt ist ein Choral, die Verdopplung mittels einer zusätzlichen Stimme wird Parallelorganum genannt. In einem Lehrbuch des 9. Jahrhunderts mit dem Namen "Musica enchiriadis" wird diese Technik beschrieben: Die beiden Stimmen beginnen im Einklang, wandern auseinander, bis eine Konsonanz erreicht ist, bewegen sich parallel, und finden am Schluss wieder in die Einstimmigkeit zusammen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Musica_enchiriadis

    Das parallele Fortschreiten kann man mit dem Klang der Orgel vergleichen: Durch das Ziehen von zusätzlichen Registern werden Pfeifen z.B. im Oktav-Abstand zugeschalten.

  • St.-Martial-Schule (12. Jh.)

    Komponisten früher Mehrstimmigkeit sind anonym, man spricht daher von Schulen, wobei im Falle der St.-Martial-Schule unklar ist, ob es sich überhaupt um eine Schule handelt und ob die überlieferten Stücke, die nicht systematisch gesammelt sind, überhaupt in St. Martial entstanden sind.

    Unter den überlieferten Stücken gibt es Stimmen mit unterschiedlichen Texten, die auch zusammen gesungen werden können.

  • Conductus

    Die aufkommende Modalnotation gibt klareren Aufschluss über den Rhythmus der Musikstücke. Unterschieden wird der tempus perfectum (perfektes Zeitmaß, Dreiertakt) und imperfektum (gerader Takt).

    Im Gegensatz zum geistlichen Organum ist der Conductus eine weltliche mehrstimmige Gattung, die etwa bei Gelagen und Festen vor Gebildeten und Reichen dargeboten wurde.

  • Perotinus Magnus: Viderunt omnes (um 1200)

    Das Organum, in dem zu einem Ausschnitt des Chorals eine oder mehrere begleitende Stimmen hinzutreten, ist auch die wichtigste Gattung in der Gruppe der Stücke, die einem "Perotinus magnus" zugeschrieben werden, der als Hauptmeister der Notre-Dame-Schule dargestellt wurde (wofür es allerdings zu wenige Quellen gibt). Diese Stücke wurden solistisch und nur zu besonderen Terminen im Kirchenjahr gesungen. Da nur ein Ausschnitt des Chorals dergestalt bearbeitet wurde, wobei die Choraltöne sehr langsam fortschreiten und von mehreren Stimmen geschäftig umspielt werden, liegt der Vergleich mit der Initiale in der Buchmalerei nahe.

  • Instrumentalmusik

    In der mittelalterlichen Organisation der Gesellschaft in Ständen (Kirche, Adel, Volk) hatten die Spielleute eine ambivalente Position inne, vom Clerus verdammt, aber bei Festen mitunter reich beschenkt.

    Manche Instrumente wie die Drehleiher verfügten über einen Bordun, gleichbleibende Begleittöne, über denen sich die Melodien erheben konnten.

    Im Beispiel ist eine Fidel zu hören.

  • Bernart de Ventadorn: Can vei la Lauzeta mover (spätes 12. Jh.)

    Das mittelalterliche Konzept der Minne ist mit (Geschlechter-)Liebe unzureichend übersetzt. In der höfischen Kultur spielte dabei der Gesang eine wichtige Rolle.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Minne

    Zum Minnesang, zu den Werken der Troubadours und Trouvères sind meist nur die Texte überliefert, manchmal mit Kurzbiographien, Melodien wurden mitunter nachträglich ergänzt. Die Notation liefert keine Information zu Rhythmus, Tempo, Mitwirkung von Instrumenten.

    Bernart de Ventadorn (ca. 1120-1195) lebte am Hof Eleonores von Aquitanien, folgte ihr nach ihrer 2. Heirat nach England an den Hof des englischen Königs (Heinrichs II. Plantagenet).

    Am Ende seines Lebens trat er in ein Kloster ein.

    Das Beispielstück thematisiert die Folgen der entsagenden Liebe. Der Begriff merce (Gnade, Lohn) ist Schlüsselwort der Trobadourdichtung. Es werden veschiedene Bedeutungsebenen der Wörter genutzt, die Übersetzung ist wesentlich länger als das prägnante Original.

    Klangliche Ähnlichkeiten werden in der ersten Strophe genutzt: Enveya (Neid) umgeben von “Can vei”(1), “mover”(1), “vai”(4), “me’n ve”(5), “veya”(6).

    Entsteht durch die Hervorhebung von Silben durch Melismen (mehrere Töne werden auf eine Silbe gesungen) eine zusätzliche Sinnebene?

    Die 7 Strophen zu acht Versen folgen dem Schema ababcdcd, wobei in allen Strophen dieselben Silben a, b, c und d bilden.


    Can vei la lauzeta mover

    de joi sas alas contral rai,

    que s'oblid'e.s laissa chazer

    per la doussor c'al cor li vai,

    ai! tan grans enveya m'en ve

    de cui qu'eu veya jauzion,

    meravilhas ai, car desse

    lo cor de dezirer no.m fon.


  • Anon.: Sumer is icumen in (13. Jh.)

    Aus der frühen englischen Vokalpolyphonie ist wenig überliefert, Codizes wurden nicht sorgfältig aufbewahrt sondern später auch als Einbände für neue Bücher mißbraucht.

    Auffällig ist Vielstimmigkeit (hier 6 Stimmen), die Verwendung der Terz als Konsonanz und ein volkstümlich-schlichter Charakter.

    Der Sommerkanon besteht aus zwei Schichten, unten ein "Pes" aus zwei Stimmen, die in geringem Stimmumfang pendeln und einander alle zwei Takte abwechseln, oben vier Stimmen in größerem Umfang mit einer längeren Melodie.

    Es sind verschiedene Textversionen bekannt, Sommer/Kuckuck aber auch Auferstehung (Perspice Christicola).

  • Adam de la Halle: Aucun se sont loé d'amours/A Dieu commant amouretes/Super te (13. Jh.)

    Zentrale Gattung in der mehrstimmigen Musik des 13. Jahrhunderts ist die Motette, bei der verschiedene Texte auch in verschiedenen Sprachen überlagert werden können. Sie nehmen gerne aufeinander Bezug, so wird etwa einem geistlichen Text ein kritischer Kommentar zugesellt, der die Divergenz zwischen Botschaft und Leben der Vertreter der Kirche anprangert.

    Diese komplexen Schöpfungen waren für Gebildete gedacht, die Intellektuellen etablierten sich als neuer Stand, während das Volk die Feinheiten nicht verstanden hätte und wohl auch nicht besonders kritikfähig gewünscht wurde.