E.W. Korngold, Die tote Stadt, Oper Kiel 9.1.2020

  • Ich wills, ich wills versuchen...


    Am Ende läßt die Regisseurin, Luise Kautz, Paul, Norbert Ernst, für einen kurzen Moment vom Haken. Auch wenn er die Zeile "Ich wills, ich wills versuchen." nicht spricht - sie fehlt also an diesem Abend - deutet sie an, daß Paul der Heimsuchung durch die Marienerscheinung entkommen sein könnte. Langsam, Stück für Stück, räumt er seine Devotionalien, ihre Bilder und den blonden Zopf in das kleine Biedermeierschränkchen, das im ersten und dritten Akt im Zentrum des Bühnenbilds steht.

    Mit letzten Einsatz singt der Tenor Pauls Reprise von "Glück, das mir verblieb", bevor beide - Paul und Ernst - Brügge und Bühne erschöpft verlassen.

    Ernst schlug sich gut in der Partie des Witwers, die ihm sicher alles abverlangt. Er konnte darauf vertrauen, daß ihn das Orchester jederzeit unterstützt. Der junge Sergi Roca stellte es ganz in den Dienst der Sänger, ließ aber in allen Zwischenspielen Dynamik und Pracht der Korngoldschen Musik klingen. Mir hat das sehr zugesagt: Wildheit und Wahn waren wirklich zu hören.

    Die Regie konnte sich auf eine reine Hausbesetzung einstellen und hat das genutzt. Paul und Marietta (Agnieszka Hauzer), werden in eine kleinbürgerliche Szene, staffiert mit passendem Inventar und zu weichem Bett, gestellt, für die ihre Konstitution wie gemacht ist. Er - ganz unheldisch und nicht eben schlank - gibt einen biederen Mann, dessen Welt einen Riß bekommen hat, sie - nicht unelegant, aber bemüht, deutlich jünger zu wirken - eine Marietta, die das unstete Leben einer Bohemienne wohl gegen eine bürgerliche Ehe tauschen würde. Hauzers Sopran springt nicht leicht an, und die Höhen geraten bei vernehmlichem Vibrato recht dramatisch. Aber Ernst und Hauzer sind in dieser Inszenierung optimal besetzt, was das kühle Kieler Publikum auch honoriert.

    Das Programmheft zitiert zu Tagträumen aus den Wiener Vorlesungen (1915/16 u. 1916/17) zur Einführung in die Psychoanalyse von Freud, die auch meine Lektüre auf der Fahrt nach und von Kiel waren. Und die Regisseurin verzichtet darauf, die Symbolik, die Akzentverschiebungen und Verfremdungen, die in der Oper vorhanden sind, noch mit eigenen Kreationen dieser Art anzureichern. Sie streicht sogar die letzten Angstschreie Mariettas, “Du tust mir weh!” und läßt Paul Marietta mit einem Kissen ersticken und nicht mit jener Haarflechte erdrosseln, die sie Sekunden zuvor für eine obszöne Provokation verwendet hatte.


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    Meiner Liebe entgehst du nicht

    Luise Kautz gelingt eine stimmige und durchaus klug charakterisierende Inszenierung, in der der manifeste Traum des zweiten und dritten Akts die eigentliche Realität im Leben des Witwers ist.

    Paul, dessen breiter Ehering auffallend im Bühnenlicht glitzert, ist an die verstorbene Marie gekettet, wie der Rudersklave an die versinkende Galeere. Löst er sich nicht, ertrinkt er. Ihre Erscheinung ist sein Martyrium, das Ende des ersten Akts eine Verhörsituation. Zusammengesunken sitzt der Mann auf seinem Stuhl, von grellem Licht geblendet. Die Hände reiben immer wieder über Körper und Gliedmaßen - so, als müsse er sich seiner blanken physischen Existenz versichern.

    Das "Unsre Liebe war, ist und wird sein." wird zur Todesdrohung, ist kein Glücksversprechen und wahrscheinlich nie eines gewesen.

    Tomohiro Takada singt Frank/Fritz idiomatisch mit konzentriert geführtem Bariton, Tatia Jibladze eine gelegentlich etwas rauhe Brigitta.

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz

  • Lieber Hans, zunächst Dank für Deinen Beitrag. Die Tote Stadt wurde ja in letzter Zeit nicht ganz selten besprochen. was ist an dieser Oper eigentlich dran? Ich habe sie zweimal gesehen (2015), die aktuelle Hamburger Aufführung, einmal mit Vogt (in Ordnung) und einmal mit einem Tenor, der nicht mehr ganz auf der Höhe war (Torsten Kerl). Marietta war mit Sara Jakubiak bzw. Meagan Miller ebenfalls nicht gut besetzt (mir zuviel Vibrato). Im Radio klingt manches Ariose recht schön, auf der Bühne habe ich es nie so empfunden. Schon das Thema erschien mir morbide und hinderte mich bei irgendeiner Identifikation mit der Handlung. Vielleicht muss man auch erst einen geliebten Menschen verloren haben, um sich dem Thema zu nähern. So drückte sich mir gegenüber einmal mal eine langjährige Operngeherin aus. Was zog Dich denn in diese Oper, und noch den weiten Weg nach Kiel? Ich würd mich ja gern überzeugen lassen, dass diese Oper ein weiteres Ansehen/Anhören meinerseits lohnen würde. Herzliche Grüße, Ralf Reck

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Lieber Ralf, da es dem Meister selbst nicht gelang, Dich für seine Oper zu gewinnen, bliebe auch ich wohl erfolglos, wenn ich es versuchte. Mich fesselt die Tote Stadt, und da ich das Empfinden habe, noch nicht "fertig" mit ihr zu sein, reise ich ihr nach und gebe jeweils einen kurzen Bericht, was deren Häufung hier im Forum erklärt.

    Es grüßt Hans

    ..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
    -- Aydan Özoğuz