Dr. Pingel´s Musiktheater im Revier

  • Natürlich ist dieser Titel abgekupfert; mein Dr. ist ja auch nicht echt. Aber das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen ist schon seit Jahrzehnten mein Stammhaus; da bin ich auch im Förderverein. Das MIR (so wird es abgekürzt) glänzt seit Jahren mit Opern, die sonst selten gespielt werden, schöne Ausgrabungen, ein inzwischen richtig gutes Orchester, vor allem aber ein gutes, festes Ensemble, das immer wieder große Sänger hervorbringt (z.B. Torsten Kerl, Mario Brell). Am liebsten sind mir die jungen Sänger und Sängerinnen aus dem Opernstudio, vor allem die Sopranistinnen. Sie werden hier behutsam an größere Rollen herangeführt. Das Theater ist wunderschön, überall sieht und hört man gut, allerdings ist der dritte Rang überflüssig; das hatte schon Rodolfo bemerkt. Die Preise sind zivil, das Personal im Haus ist eigenes Stammpersonal. Es gibt auch ein Kleines Haus, das früher regelmäßig bespielt wurde mit Kammeropern. Dort habe ich z.B. gesehen: "Der Leuchtturm" (P.M.Davies), "Lenz" (Rihm), "Der Bär" (Walton).

    In meinem Bericht über Boris Godunow in Krefeld habe ich mich ja zur deutschen Provinzoper (Düsseldorf und Essen gehören nicht direkt dazu) bekannt. Das wird hier fortgesetzt. Die Orte sind: Düsseldorf + Duisburg (Deutsche Oper am Rhein), Krefeld/Mönchengladbach (die können auch andre Sachen als Fußball; dieses Theater ist ein gutes altes Dreispartenhaus), Wuppertal, Hagen, Essen, Dortmund, Gelsenkirchen, Dortmund. Münster, eine Stadt, die ich im Studium gut kennengelernt habe, gehört auch dazu. In den Sechzigern gab es dort schon Opern wie Mathis der Maler, Die Ausflüge des Herrn Broucek, Katja Kabanowa usw.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Die erste Oper, über die ich aber bereits berichtet habe, ist Boris Godunow in Krefeld. Zu diesem Bericht gab es einige Ergänzungen und Kommentare. Dazu bitte ich, den Bericht hier im Forum nachzusehen, damit wir "Umsiedeln" vermeiden. Zu finden in der Rubrik "Gestern in der Oper).

    Der nächste Beitrag hier wird ein Bericht über die konzertante Aufführung von Händels Orlando am Sonntag in der Essener Philharmonie sein.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Wie crazy war Orlando? Händel komponiert es.


    Die Vorlage

    Orlando furioso war eines jener berühmten "Lieder", die in frühen Jahrhunderten um sich griffen und heute praktisch nicht mehr gelesen werden. Wir haben das Nibelungenlied noch im Deutschunterricht gelesen und auch die schönsten Gedichte von Walther von der Vogelweide. Dessen ich saz uf eime steine/ und dachte bein mit beine (wobei dachte decken und nicht denken heißt) habe ich in der Abiprüfung aufgesagt (auswendig! Bis auf den Schluss kann ich das bis heute!); danach folgte eine Prüfung über das Glasperlenspiel von Hesse, ein Buch, nachdem es mich nie wieder gelüstete. Auch andere Lieder sind ja als Oper genießbarer, etwa Parsifal.

    Auch Ariosts (1474-1533) Orlando furioso ist als Opernstoff genießbarer. Es gibt einen kurzen Dialog zweier französischer Schriftsteller (der eine war André Gide), wo der eine denn anderen fragt: Gibt es etwas Langweiligeres als die Ilias? Der andere: Ja, das Rolandslied!

    Die Oper

    Orlando wurde 1732 in London uraufgeführt, mit großem Erfolg. In der Tat, es ist eine der perfekten Opern von Haydn. Sie ist in italienisch, mit deutschen Übertiteln. Worum es jeweils ging, hatte man schnell verstanden: Liebe, Trennung, Schmerz und Wahn. Und das drei Stunden lang. Eine halbszenische Aufführung wie in Essen ist eine sehr gute Lösung, weil Text und Bühne doch für uns eine arge Zumutung sind. Dazu kommt natürlich aus die Arienform ABA, mit der Händel uns nicht aus den Klauen lässt. Von der wunderbaren Händel-Oper Partenope habe ich mir eine Pingel-Fassung gemacht: keine Rezitative, Arien nur in AB. Allerdings hatte ich die ganze Oper vorher schon 30x gehört; dann darf man das.

    Musikalisch ist Orlando natürlich ein Hochgenuss; was ich bei Händel immer vermisse, sind mehr Duette oder Ensembles. Das konnte er nämlich exzeptionell gut, was der Schluss mit allen Musikern bewies.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • (Orlando Fortsetzung)

    Die Musiker

    Das kleine Orchester Il Pomo d´Oro (benannt nach der Oper Il pomo d´oro von Cesti, 1666) war unter seinem regulären russischen Dirigenten Maxim Emelyanychew schon im Jahr 2018 in Essen zu Gast, mit einer grandiosen Aufführung von Händels Serse. Der Dirigent diesmal (vom Cembalo aus), nicht minder kompetent, war Francesco Corti. Max Emanuel Cencic sang den Orlando, ein fabelhafter Counter. Die übrigen Solisten standen dem nicht nach. Für mich war es bezaubernd, drei meiner Lieblingssoprane in einem halben Jahr erlebt zu haben: Dorthee Mields in Herne, Hana Blazikova in Duisburg, jetzt Nuria Rial im Orlando.

    Die Hörer

    Der Saal war sehr gut besetzt, wie zuletzt, als die King´s Singers hier waren. Ich hatte von einem Ehepaar eine überzählige Karte an der Kasse erstanden; sie war für einen Platz in Reihe 2. Schon bald stellte ich fest, dass man den Sängern zu nah ist. Außerdem hatte der Solocellist für das Continuo wohl die Anweisung, sein Cello am Schluss zersägt zu haben. Der entscheidende Grund war der, dass mir der Gesamtklang fehlte. Das war dann weiter oben behoben, vor allem, weil die Akustik in der Essener Philharmonie legendär ist.

    Am Schluss sprangen alle auf und es gab langen lauten Beifall.

    Hinweis

    Ich verzichte hier auf die Verlinkung zu verschiedenen Aufnahmen; amazon hat hier die größte Auswahl. Ich kann mir vorstellen, dass die Aufnahmen mit Les arts florissants unter William Christie die empfehlenswertesten sind.

    Eine sehr gute und ausführliche Kritik der Aufführung kann man beim Online-Musik-Magazin nachlesen: http://www.omm.de.

    Mit Fahrt, Karte, Programm und einem kleinen Bier war das Weltklasse für weniger als 40 €.

    Zur gleichen Zeit dieses Orlando hier in Essen, gab es einen zweiten, nämlich die Premiere von Haydns Orlando Paladino im MIR in Gelsenkirchen. Auch dieser Orlando wird hier demnächst erscheinen.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)