Lesen ist kein Hobby. Punkt.

  • Vorbemerkung. Neulich bei der Augenärztin wurde ein kleiner Defekt am rechten Auge untersucht; nicht gefährlich, aber zu beachten. Beachten hieß für sie: "Im Sport maßvoll und Lesen nur die Hälfte, sonst muss ich es Ihnen ganz verbieten!" Ich hätte am liebsten entweder aufgeheult oder laut gelacht, so bewahrte ich die Fassung. Immerhin fragte ich sie noch: "Essen, trinken und atmen darf ich aber noch?" Wir beide grinsten, jeder wusste Bescheid.

    Was die Augenärztin mir verbieten wollte, war eine von meinen Lebensgrundlagen und nicht etwa ein Hobby. Daher ist Lesen ein Lebensmittel und kein Hobby. Punkt.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Klein und Fein: Monsignor Quixote von Graham Greene



    Dieses Buch spielt in El Toboso in der Mancha, der Heimat von Don Quichotte, Sancho Pansa, Dulcinea und dem Pferd Rocinante. Deren Erinnerungen sind im heutigen El Toboso sehr präsent, woovon ich mich vor Jahren selbst überzeugen konnte. Der Priester Monsignor Quixote sieht sich als Nachfahren des alten Don, aber er wird von seinem Bischof des Amtes enthoben und in ein Kloster im nördlichen Spanien verbannt. Sein Freund, der kommunistische Bürgermeister, verliert die Wahl; er tut sich als Sancho Pansa mit dem Priester zusammen. Beide setzen sich in die Rocinante des Don, ein uralter Fiat Seicento. Sie fahren durch Zentralspanien nach Norden. Ihre Abenteuer zu erzählen würde hier zu weit führen. Trotz aller politischen, philosophischen und theologischen Auseinandersetzungen verstehen sie sich besser als z.B. Don Camillo und Peppone.

    In diesen Dialogen erweist sich Greene als Meister der schlüssigen Vereinfachungen.

    Ein Beispiel: der Don erklärt die Trinität am Beispiel des Weines. Die beiden führen immer genügend Mancha tinto mit sich, von der Kooperative

    in El Toboso (Mancha Tinto gibt es bei uns unter der Marke Albali im Handel).

    "Du siehst dort 2 Flaschen. Der Wein, den sie enthielten, waren von der gleichen Substanz und sind zur gleichen Zeit entstanden. Da hast du Gott, den Vater, und Gott, den Sohn. Die dritte, halbe Flasche bedeutete Gott, den Heiligen Geist. Dieselbe Substanz, dieselbe Entstehung. Sie sind untrennbar. Wer eine davon genießt, genießt alle!" Dann schlägt er sich an den Kopf, denn er hat eine große Sünde begangen, indem er dem Heiligen Geist nur eine halbe Flasche zugebilligt hat (eigene Übersetzung).

    Es gibt einen wunderbaren Film über dieses Buch, mit Alec Guiness als Don und LeoMcKern als Bürgermeister.


    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Was die Augenärztin mir verbieten wollte, war eine von meinen Lebensgrundlagen und nicht etwa ein Hobby. Daher ist Lesen ein Lebensmittel und kein Hobby. Punkt.

    Bei Garrison Keillor , Autor und Hauptdarsteller von Robert Altmans letztem Film (A Prairie Home Companion) findet sich im Book of Guys (werde ich noch vorstellen) eine Introduction, die auf meiner Linie liegt.


    Important

    Book reading is a solitary and sedentary pursuit, and those who do are cautioned that a bokk should be used as an integral part of a well-rounded life, including a daily regimen of rigorous physical exercise, rewarding personal relationships, and a sensible low-fat diet. A book should not be used as a substitute or an excuse.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • 1. Die Komsomolzenträne

    Eine russische Spezialität. Hier das Rezept:

    15 g Lavendel

    15 g Eisenkraut

    30 g Rasierwasser "Fichtennadel"

    2 g Nagellack

    150 g Mundwasser "Elixier"

    150 g Limonade


    Noch besser: Schweinegekröse

    100 g Shiguli-Bier

    30 g Haarshampoo "Nacht auf dem kahlen Berge"

    70 g Antischuppenmittel

    30 g Kleber

    20 g Bremsflüssigkeit


    Wo ist das her? Wer trinkt sowas? Nun, Kundige wissen, dass das nur das Kultbuch

    Die Reise nach Petuschki von Wenedikt Jerofejew sein kann.

    Alkohol ist seit je in Russland eines der größten Probleme, Beispiele die Fülle im Internet. Es gibt eine wunderbare Geschichte (es war nicht Sostschenko, aber wer sonst?) aus Russland, in der ein Vortragender auf Einladung der KPdSU über die Geißel des Alkoholismus sprechen soll. Er spricht auch, aber seine Ausführungen sind so interessant, dass alle sich mit Bleistift und Papier bewaffnen und seine Darlegungen mitschreiben. Er gibt nämlich - Rezepte für Cocktails, so wie oben. Schließlich wird er von der Bühne geholt - unter Protest der Anwesenden.

    Eine Eigenheit in Russland, so lernen wir in unserem Buch, ist die, dass man Alkohol nach Gramm bemisst.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • 2. Moskau-Petuschki

    Petuschki gibt es wirklich (das ist der Unterschied zu Bielefeld). Es liegt 2 Zugstunden (120 km) im Norden von Moskau. Die Kapitel des Buches von Jerofejew haben als Überschrift die Stationen, die der Zug passiert. Unser Held Wenedikt hat in Petuschki eine Geliebte, ein Baby ist wohl auch auf dem Bahnhof dabei.



    Wenedikt, der noch nie den Kreml gesehen hat, startet am Kursker Bahnhof. Im Lauf der Zeit erfahren wir, dass alle Fahrgäste gar keine Fahrkarte haben, sondern den Schaffner je nach Strecke in Gramm Alkohol bezahlen.

    Wenedikt und seine Mitfahrenden kippen alles in sich hinein, das sie finden können: Rotwein, verschiedene sehr schräge Cocktails (S.63-65), wie etwa zu den oben genannten auch "Kanaanbalsam, Braunbär oder Geist von Genf".

    Der Text ist ein Parforceritt von Humor, Klamauk, Irrwitz und richtiger Bildung. So wird Mussorgskis Oper "Chowantschina" zitiert, aber bei "Boris Godunow" fragt sich der Held, ob Boris den Dimitrij ermordet hat oder es nicht umgekehrt war. Auch Schiller und Goethe kommen vor, beide werden als Verächter des Alkohols dargestellt, was ja nun für Goethe überhaupt nicht zutrifft. Auch Puschkins Drama "Mozart und Salieri" wird zitiert, allerdings nicht die gleiche Oper von Rimsky-Korsakoff.

    Auf S.139 findet sich überraschende Pointe des Buches, die hier natürlich nicht verraten wird.

    Zum Schluss: auf der Strecke Moskau - Petuschki gibt es einen Bahnhof, an dem der Zug nicht hält: "Jessino". Da müsste man vielleicht mal hin.

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • 3. Nachwort


    Es gibt eine wunderbare Lesung des Werke auf Hör-CD mit Harry Rowohlt, Robert Gernhardt und Josef Bilous, die ich sehr empfehlen kann. Zu bekommen bei amazon (der Link klappt nicht). Auf YouTube gibt es eine Menge von Bearbeitungen.




    4. Ähnliche Cocktail-Rezepte auf Tamino-Basis


    a. Amfortas-Super: Das ist geheim, irgendwas mit Blut ist dabei.

    b. Marthaler-Spezial: Alkohol beliebig, zu gleichen Teilen dann Blut, Schweiß und Tränen

    c. Zeus-Alfred-Melange: schwarzer Kaffee in beliebiger Menge, dazu zu gleichen Teilen Stroh-Rum. Als Schlagobers obendrauf Rasierschaum.

    (Gilt nur, wenn dazu eine gefälschte Beethovensinfonie gespielt wird - muss nicht live sein).

    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)

  • Rolf Vollmann Die wunderbaren Falschmünzer


    Vollmann behandelt alle wichtigen Romane von 1800 bis 1930. Das ist kein trockenes Nachschlagewerk, sondern selber fast ein Roman, in dem man auch richtig lesen kann. Für uns Hardcore-Leser ein Muss.

    Es erschien damals in dieser so wunderbaren Reihe "Die andere Bibliothek" und wird noch in diesem Jahr neu aufgelegt.


    Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurz und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, schwindet dahin wie ein Schatten und bleibt nicht (Hiob 14, u.a. vertont von Bach und Telemann)