DESSAU, Paul: DIE VERURTEILUNG DES LUKULLUS

  • Paul DESSAU
    DIE VERURTEILUNG DES LUKULLUS
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    Oper in zwölf Szenen


    Libretto: Bertold Brecht


    Uraufführung: 17.März 1951 in der Staatsoper Berlin unter Hermann Scherchen



    Charaktere:


    LUKULLUS – Römischer Feldherr (Tenor)
    DER KÖNIG (Bass)
    DIE KÖNIGIN (Sopran)
    ZWEI KINDER
    ZWEI LEGIONÄRE (Bass)
    LASUS – Koch des Lukullus (Tenor)
    DER KIRSCHBAUMTRÄGER (Tenor)
    ZWEI SCHATTEN (Bass)
    DAS FISCHWEIB (Alt)
    DIE KURTISANE (Mezzo)
    DER LEHRER (Tenor)
    DER BÄCKER (Tenor)
    DER BAUER (Bass)
    TERTULLIA – Eine alte Frau (Alt)
    DREI AUSRUFERINNEN (Sopran)
    DER TOTENRICHTER (Bass)
    FÜNF OFFIZIERE (3x Tenor, 2x Bass)
    EINE KOMMENTIERENDE FRAUENSTIMME (Sopran)


    Sprechrollen:
    SPRECHER DES TOTENGERICHTS
    DREI AUSRUFER
    ZWEI JUNGE MÄDCHEN
    ZWEI KAUFLEUTE
    ZWEI FRAUEN
    ZWEI PLEBEJER
    EIN KUTSCHER


    1.SZENE – Der Trauerzug
    Ein Ausrufer verkündet die Bestattung des großen römischen Feldherren Lukullus
    und erinnert an seine großen Taten. Hinter dem Trauerzug - welchem die angesehensten Männer Roms beiwohnen - wird einen riesiger Fries von Sklaven geschleppt, welcher die Taten des Lukullus darstellt. Unter den gaffenden Bürgern kommt es zu Diskussionen über den Ruhm des Toten: Verwitweten Ehefrauen von Legionären stehen jene gegenüber welche von den Eroberungen in Indien profitierten - Sie verharmlosen die Tatsache, dass für die Siege Tausende einen blutigen Tod starben. Nachdem der Sarg vorbei getragen wurde, gehen die Meisten schnell wieder ihren alten Beschäftigungen nach.


    2.SZENE – Das Begräbnis
    Die kommentierende Frauenstimme erzählt von dem Mausoleum des Lukullus, welches
    schon vor Jahren an der Appischen Straße erbaut wurde. Es wird geschildert, wie der „Fries des Triumphes“ an dem Grab angebracht wird.


    3.SZENE – Abschied der Lebenden
    Fünf Offiziere welche der Beisetzung beiwohnten verabschieden sich mit zynischem Unterton von ihrem ehemaligen Vorgesetzten und beschließen dann schnell ein Wirtshaus, eine Hure oder das Hunderennen aufzusuchen.


    4.SZENE - In den Lesebüchern
    Eine Gruppe Schüler besucht mit ihrem Lehrer das Grabmal. In den Lesebüchern stehen Ganze Litaneien von großen Kriegern Roms – die Lehrer preisen deren Leben und raten den Schülern den Helden nachzueifern – Die Kinder plappern die Ratschläge gedankenlos nach und schwören sie zu befolgen.


    5.SZENE – Der Empfang
    Das Totenreich. Alle „Neuankömmlinge“ warten vor der Tür zum Verhörraum auf einer Bank – außer Lukullus. Er regt sich voller Ungeduld auf, weshalb eine Größe wie er warten müsse und steht mit voller Rüstung im Wartesaal. Er bittet, man möge ihm doch wenigstens seinen Koch Lasus schicken, damit dieser ihm mit allerlei Köstlichkeiten das Warten versüße. Die alte Tertullia beruhigt den aufgebrachten Feldherren und berichtet von den Verhören: Manchmal genüge den Prüfern nur ein Blick um den Prüfling als dem Paradies würdig einzuschätzen – bei anderen dauere das Verhör Tage. Würdig ist der, der Zeit seines Lebens seinen Mitmenschen zu nütze war. Tertullia wird vorgerufen. Offenbar wurde sie sofort als Würdig anerkannt und so wird schon einige Augenblicke später Lukulles mit seinem ursprünglichen, verhassten, nur von den einfachen Vorstädtern benutzten Namen „Lakalles“ aufgerufen. Er mokiert sich vergebens und tritt vor das hohe Gericht des Schattenreichs.


    6.SZENE – Wahl des Fürsprechers
    Lukullus soll sich aus den Gefilden der Seligen einen Fürsprecher auswählen welcher vor dem Gericht (Der Oberste Totenrichter und fünf Schöffen (Ein Bauer, ein Sklave, ein Fischweib, ein Bäcker und eine Kurtisane)) die Ehrbarkeit des Verhörten bezeugen soll. Lukullus ruft Alexander den Großen hervor – Dieser wurde jedoch ins Nichts verstoßen. Die „großen Taten“ mit denen sich viele rühmen seien vor dem Schattengericht nichts wert, so der Totenrichter.
    Etwas verunsichert verlangt Lukullus, dass sein Fries herbeigeholt werde. Da ihn Sklaven schleppten, sei dies kein Problem, so der Totenrichter – Sklaven trenne nur so weniges vom Tod, dass sie Zugang zum Schattenreich hätten.

    7.SZENE – Herbeischaffen des Frieses
    Die Sklaven schleppen den Fries herbei. Dargestellt sind ein gefangener König, eine Königin, einen Kirschbaumträger, zwei Jungen mit einer Tafeln auf der 53 Städte verzeichnet sind, ein sterbender Legionär mit erhobener Hand
    und Lasus mit einem Fisch. Gegen Lukullus Willen rufen die Schöffen die dargestellten Personen herbei – sie Alle weilen unter den Seligen.


    8.SZENE – Das Verhör
    Lukullus beschwert sich, dass einige der Abgebildeten Feinde seien und daher ein falsches Licht auf seine ruhmreichen Taten werfen würden. Er berichtet, wie er den König und sein Reich binnen kürzester Zeit besiegte – der König bestätigt dies auf Nachfrage der Schöffen und belastet Lukullus eines schamlosen Überfalls. Auch die Königin bestätigt dies und gibt an von 50 Männern geschändet worden zu sein. Lukullus wendet ein, dass der König und seine Frau auch nicht gerade milde Herrscher waren, hohe Steuern verlangten und Rom keinen Tribut zollten. Auf Nachfrage der Schöffen, warum dann der König in den Reichen der Seilgen weile, antwortet dieser, dass er Städte baute und sie bei Einbruch der Römer verteidigte. Der Vortrag des Königs erweckt den Respekt und das Mitgefühl der Schöffen – Lukullus wendet ein, dass er lediglich Befehle Roms befolgte.
    Der Sklaven-Schöffe will wissen, wer „Rom“ ist – Lukullus weiß keine Antwort zu geben, verweist aber auf die 53 Städte, welche er Rom unterwarf. Die Kinder mit der Steintafel berichten, dass die Städte dem Erdboden gleichgemacht und geplündert wurden. Es wird eine Verhandlungspause eingelegt.


    9.SZENE - Rom
    Lukullus belauscht in der Pause an der Tür zum Warteraum ein Gespräch zwischen zwei Neuankömmlingen: ein römischer Schuster und ein Sklave. Es stellt sich heraus, dass das einst so große Rom an der unermessliche Flut von Sklaven langsam zu Grunde geht.


    10.SZENE – Das Verhör wird fortgesetzt
    Wieder beim Verhör beschuldigt der Schöffe der einst ein Fischweib war, dass die Militärs den Einfachen Leuten ihre Söhne nehmen, aber sie selbst nicht ein bisschen des erbeuteten Reichtums zu sehen bekommen. Zwei Legionäre werden vorgeladen die bestätigen, dass Lukullus nur in den Krieg zog um sich selbst zu bereichern und nicht etwa Rom. Der Angeklagte weist die Beschuldigungen des Fischweibs zurück – sie verstehe nichts vom Krieg. Daraufhin klagt die Frau vom Schicksal der Mütter (auch ihrem eigenen), denen Lukullus die Söhne nahm.
    Das Gericht stellt fest, sie kenne den Krieg und ihre Beschuldigungen seien daher legitim.

    11.SZENE – Das Verhör wird fortgesetzt
    Der Totenrichter verweist Lukullus darauf, dass die Karten für ihn Schlecht stünden. Er solle am besten aufhören mit seinen wenig nützlichen Siegen aufzutrumpfen und besser nach eigenen Schwächen in seinem Leben suchen, die vielleicht einige Lücken zwischen all den Gräueltaten bilden.
    Der Bäcker-Schöffe lädt den Koch Lasus in den Zeugenstand. Dieser rühmt Lukullus vorzüglichen Geschmack und dessen Güte als Vorgesetzter. Der Bäcker hält den Punkt zu Gunsten des Angeklagten fest. Als weiteren Entlastungszeugen ruft man den Kirschbaumträger. Er berichtet, wie Lukullus die wundervollen Kirschen aus Asien nach Rom holte und so eine großartige Bereicherung des Speiseplanes herbeiführte. Auch dieser Punkt wird vom Gericht wohlwollend entgegengenommen.


    12.SZENE – Das Urteil
    Die beiden zuletzt aufgebrachten Punkte wiegen dem Gericht zu wenig gegen 80000 Tote und Lukullus wird somit einstimmig ins ewige Nichts verstoßen.


    [code=c]2007 Raphael Lübbers