Der Troubadour (Verdi), Wiener Staatsoper, 13.09.2017: Nicht nur gesanglich zwiespältig

  • Es fing sehr gut an, die Akustik auf der Galerie war hervorragend, ebenso die Sicht aus der dritten Reihe, Halbmitte rechts Plätze 19 und 20. Das Orchester spielte unter der Leitung von Marco Armiliato ausgezeichnet, ebenso präzise sang der Chor. Mir voluminösem, tragfähigen Bass sang Jongmin Park den Ferrando. Doch dann kam als Leonora Maria José Siri auf die Bühne. Leise, schmalstimmig und etwas zittrig begann sie ihre Partie. Im Verlauf des Abends wurde sie sicherer, beherrschte aber nicht immer ein für mich zu ausgeprägtes Vibrato. Ihre Stimmfarbe war hell, eher einfarbig, manchmal, so in der Auftrittsarie „Tacea la notte placida“, im Piano fast farblos. Die großen Bögen dieser Arie erschienen eher als schmale Stege, denn als goldfarbene Bögen, die auf den Olymp des Gesangs führen. Jedenfalls erfüllte Frau Siri nicht die im Wiener Programmheft zum Troubadour angeführten stimmlichen Erfordernisse einer Leonora: „Hier wird der volle, lyrische bzw. jugendlich-dramatische, mit südländisch üppig runder Stimmfarbe ausgestattete Sopran verlangt“, zumindest nicht an diesem Abend. Leider war auch ihr Troubadour (Yusif Eyvazov) nicht wesentlich besser. Der Tenor bietet viel, seine Stimme hat Kraft, Volumen, ist höhensicher, die Stimme wird mit langem Atem auch glatt, d.h. ohne stärkeres Vibrato durch die Partie geführt und Eyvazov hat einen durchaus zum Manrico passenden virilen Auftritt.


    Aber diese helle, mitunter knapp das Grelle streifende, wenig modulationsfähige Stimme ist, um es höflich zu sagen, einfach unschön. Vielleicht hätte seine Ehefrau (Anna Netrebko, die in einer der vorhergehenden Aufführung als Leonora aufgetreten war) zumindest die Duette erträglicher gemacht, denn der Zusammenklang in den Duetten mit Frau Siri war für mich an der Grenze des akustisch zuträglichen.


    Vielleicht ist es auch eine Frage der Zeit, zumindest im letzten Bild hatte ich mich mit Herrn Eyvazovs Stimme abgefunden. Allerdings beherrschte dieses letzte Bild stimmlich die großartige Azucena von Luciana D’Intino. Ihr Mezzosopran verfügt über eine volle, wohlklingende Tiefe, die Stimme hat Volumen, füllt den Raum, selbst aus der Tiefe der Bühne heraus und ihr stehen zur Rollengestaltung imponierende Farbschattierungen zur Verfügung. Leider wurde ihre Darstellung durch allerlei inszenatorische Mätzchen etwas in den Hintergrund gedrängt. George Petean war als Luna eine sichere Bank und erhielt für seine kraftvoll und schön gesungene Arie „Il balen“ einige Bravi.


    Es war die 9. Aufführung dieser Inszenierung (Daniele Abbado). Das Einheitsbühnenbild (Graziano Gregori) stellte offenbar den Hof einer Burg bzw. einer Kaserne dar. Wider den Geist dieses Dramas (eine Frau zwischen zwei Männern und eine sich in Hass und Selbstanklage verzehrende Mutter) wurde dieses eigentlich als intensives Kammerspiel mit begleitendem Chor ganz auf die vier Protagonisten zugeschnittene Stück offensichtlich in den spanischen Bürgerkrieg verlegt. So lässt Luna als Oberfaschist Rebellen auf der Bühne durch Nackenschuss hinrichten, Manrico spielt als Ausgleich den Guten, nämlich den Rebellenführer. Die zentrale Szene der Gefangennahme Azucenas wird durch zusätzliche Auftritte katholischer Würdenträger, fast in der Art eines Autodafés, konterkariert bzw. die Nebenhandlung lenkt völlig von dem Drama der sich in den Irrsinn hineinsteigernden Azucena ab. Schade.

  • Frau Siri war für mich Ende Mai ein nicht unwesentlicher Grund (von mehreren), eine "Tosca"-Aufführung nach dem 1. Akt zu verlassen.

    Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"


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  • Hallo, Ralf
    Vielen Dank für Deinen ausführlichen, nachvollziehbaren Bericht, den ich wieder mit großem Interesse, aber auch mit einigem Erstaunen und Kopfschütteln gelesen habe.
    Denn nach dem Lesen stelle ich (für mich persönlich!) fest: Die Wiener Staatsoper ist auch nicht mehr das, was sie mal war!!!
    Dies betrifft sowohl die gesanglichen Leistungen, wie vor allem auch die Inszenierung. Denn wenn ich dann von solchen verunstaltenden Ideen lese...

    Leider wurde ihre Darstellung durch allerlei inszenatorische Mätzchen etwas in den Hintergrund gedrängt.
    Das Einheitsbühnenbild (Graziano Gregori) stellte offenbar den Hof einer Burg bzw. einer Kaserne dar. Wider den Geist dieses Dramas (eine Frau zwischen zwei Männern und eine sich in Hass und Selbstanklage verzehrende Mutter) wurde dieses eigentlich als intensives Kammerspiel mit begleitendem Chor ganz auf die vier Protagonisten zugeschnittene Stück offensichtlich in den spanischen Bürgerkrieg verlegt. So lässt Luna als Oberfaschist Rebellen auf der Bühne durch Nackenschuss hinrichten, Manrico spielt als Ausgleich den Guten, nämlich den Rebellenführer. Die zentrale Szene der Gefangennahme Azucenas wird durch zusätzliche Auftritte katholischer Würdenträger, fast in der Art eines Autodafés, konterkariert bzw. die Nebenhandlung lenkt völlig von dem Drama der sich in den Irrsinn hineinsteigernden Azucena ab. Schade.

    ... dann meine ich, das geht gar nicht, zumindest nicht für mich. Das möchte und würde ich mir nicht antun wollen!
    Da erinnere ich mich gern an einen gut inszenierten "Troubadour", den ich vor vielen Jahren, noch in DDR - Zeiten, sogar in der Komischen Oper Berlin gesehen habe.
    Auch da wurde damals noch größtenteils vernünftig inszeniert. Ich erinnere mich dabei gern an "Margarita Lilowa", die die älteren Wiener unter uns noch kennen dürften.
    Sie gastierte seinerzeit als "Azucena".


    Nochmals danke und beste Grüße
    CHRISSY

  • Lieber Ralf,


    nach deiner Schilderung wieder einmal der übliche Krampf, der heutzutage mit Gewalt auf die Bühne gestellt wird. Für solch eine Vorstellung würde ich keinen Cent ausgeben wollen. Die Verunstaltung der Werke scheint leider kein Ende zu nehmen und wie Crissy schon sagt, selbst bei der Wiener Staatsoper bricht diese Krankheit immer mehr aus.


    Liebe Grüße
    Gerhard

    Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
    (Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)