Thielemann übernimmt ZDF-Silvesterkonzert ab 2010

  • Luis.Keuco:


    Ich bin es leid, diese in dieser und anderen Thielemann-Diskussionen immer wieder auftauchende Gleichung "man spielt gerne Wagner und Brucker, also ist man ein Rechter" zu lesen und speise sie daher mit einem kurzen Satz ab: Das hat niemals niemand behauptet, und es wird auch in Zukunft nicht geschehen. Niemand hier hat Thielemann in erster Linie wegen seiner Repertoirewahl angegriffen.


    Thielemann steht auf Grund seiner Äußerungen und seines Aufretens in der Öffentlichkeit da, wo er hingehört: rechtsaußen. Reden wir nicht drumherum: Wer in Deutschland aus seiner Liebe zum Badenweiler Marsch keinen Hehl macht und in einem Interview mit dem Spiegel gar fragt "Warum ist der eigentlich auf dem Index", macht das mit Kalkül und nicht aus Blauäugigkeit. Mit einer vermeintlichen Abneigung gegen Political Correctness (die sich viele Rechte immer wieder gerne auf die Fahnen schreiben - als Vorwand für ihre inakzeptablen Äußerungen) hat das nichts zu tun. Dieselben Rechten (u.a. die "Junge Freiheit", die Thielemann natürlich unterstützt) sollen endlich aufhören, Leute wie Thielemann als Kämpfer gegen Political Correctness zu instrumentalisieren - es ist unendlich peinlich.


    Thielemann hat sich gegenüber Barenboim antisemitisch geäußert, und zwar dergestalt, daß Erinnerungen an die Sprechchöre der randalierenden SA-Männer wach wurden ("Deutsche macht euch frei von der Judentyrannei" - Thielemann sprach von "Juderei"). Nach dieser Episode war Thielemann in Berlin nicht mehr tragbar. Thielemann dementierte, auch vor Gericht, und verlor.
    Thielemanns Auftreten, sein zur Schau gestellter Seitenscheitel, seine deutschtümelnde Ausdrucksweise und dann erst auch seine Repertoirewahl bedienen ganz klar ein bestimmtes Klientel. Und dabei geht es nicht um Brahms oder Beethoven. Es geht um Thielemanns Schlagseite bei Komponisten, die mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht haben, Pfitzner, Strauss, von Schillings.


    Natürlich darf man all diese Komponisten spielen, und natürlich macht man sich nicht politisch nicht verdächtig, wenn man es tut (also bitte nicht die alte Leier wiederholen). Aber: wenn man alles das, was Thielemann sonst noch tut, macht und sagt, hinzunimmt, dann ist die Repertoirewahl zumindest äußerst ungeschickt. Und da ich die Kategorie ungeschickt bei einem intelligenten Menschen wie Thielemann eigentlich nicht gelten lassen will, nenne ich die Wahl lieber so: unverschämt.


    Oben drauf kommt die Art und Weise, wie Thielemann Wagner, Bruckner und die oben genannten Nazi-Komponisten zelebriert. Nämlich so, daß so einer wie Joachim Kaiser befriedigt feststellte, Thielemann habe die Meistersinger nicht "feige entgermanisiert". Da haben wir es schon: Der mit der Nazi-Terminologie hantierende Thielemann findet Jünger, die sich ebensolcher Terminologie bedienen. Thielemanns Musizieren ist altmodisch - es klingt nach irgendwo zwischen 1940 und 1945, bombastisch, schwülstig, spätromantisch, pompös, militärisch. Die Berliner Zeitung schrieb, sein Dirigat erinnere "einmal mehr an das Klischee deutsch-nationalistischer Kriegsführung: Immer druff und viel hilft viel."


    Thielemann ist ein Mensch, der ohne Frage ein Rechter ist und daraus keinen Hehl macht. Das ist sein gutes Recht. Geschmacklos wird es dann, wenn Thielemann Symbole der Nazi-Diktatur hervorkramt und dann so tut, als wäre nichts dabei. Untragbar ist er dann, wenn er seinen Hitler-Hokuspokus in zahlreichen Interviews rechtfertigt und als gesunden deutschen Patriotismus verkauft.


    Ich halte mich selber für patriotisch, liebe Wagner und Bruckner - aber bei so etwas wird mir schlecht. Wenn ich sehe, aus welcher Ecke Thielemann dann noch Beifall bekommt, wenn ich höre, daß es doch an der Zeit sei, daß zu Sylvester wieder mal "etwas Nationales" gespielt werden muß, wundere ich mich gar nicht mehr. Ich stelle Thielemann gar nicht in die rechte Ecke, merke ich - das kann ich nicht, er steht schon da, und alle, die auch da sind, applaudieren fleißig.


    Diese elenden Quervergleiche (à la "Warum schreit keiner, wenn ein italienischer Dirigent nur italienisches Repertoire spielt") gehen allesamt ins Leere. Man zeige mir den italienischen Dirigenten, der sagt, er wisse gar nicht, warum die Giovinezza auf dem Index stünde - dann, aber nur dann können wir darüber reden. Solche Leute gibt es aber in Italien nicht - jedenfalls nicht auf Chefpositionen. Ach ja, in der Politik gibt es die schon - und wer sind die? Die Neofaschisten von rechtsaußen.


    Deutsche Musik höre ich mir gerne an - aber nicht, wenn sie von einem wie Thielemann besudelt wird.

  • Zitat

    Original von Mengelberg
    Thielemanns Auftreten, sein zur Schau gestellter Seitenscheitel, seine deutschtümelnde Ausdrucksweise und dann erst auch seine Repertoirewahl bedienen ganz klar ein bestimmtes Klientel.


    Bei allem nötigen Respekt: Aber dies bedient doch nur ein Klischee. Der Seitenscheitel war ja nicht mal direkt nach dem Krieg tabu, selbst der sicher alles andere als rechte Bundeskanzler Erhard rannte noch herum wie in den tiefsten 30ern, Helmut Schmidt noch heute ...

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Hmm...ich bin absolut keine Thielmann-Expertin und von seinen "Eskapaden" ist mir nur die jüngste aus München wirklich bekannt, da ich sie via Medien verfolgt habe. Ich besitze nur eine einzige Aufnahme von ihm, den Wiener "Parsifal"...wegen Plácido Domingo...sie sehen also, hier schreibt die Naivität. Aber die fühlt sich unbehaglich mit Herrn Thielemann, nicht in seiner Tätigkeit als Dirigent, sondern in einer instinktiven Ablehnung seiner Persönlichkeit. Nur ist die, da instinktiv, rein subjektiv und nicht zu verallgemeinern. Ich bin immer dafür, einem Menschen die Chance zur Bewährung zun geben und bin auch nicht unglücklich mit der Entscheidung des ZDF, das Silvesterkonzert in andere Hände zu geben. Nach meiner Meinung hat sich Rattle's Beliebigkeit so langsam erschöpft und ein neues Orchester mit neuem Repertoire, auch solchem, das Sir Simon nicht unter die Hände käme, kann uns interessiertem Publikum doch nur guttun!?


    LG
    Fides :hello:

    La vita è bella!

  • Bravo, das war ein gutes Schlusswort. Es ist alles gesagt über das Threadthema, und Diskussionen über Thielemann können in dem ihm geltenden Thread fortgeführt werden. Da dieser Thread immer wieder vom eigentlichen Thema abweicht und ins Politische rutscht schließ ich ihn jetzt. TP

    Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
    Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.