Zürich: Cavalleria Rusticana / Pagliacci 13.3.2011, Wiederaufnahme

  • Ich bin keine vollen 24 Jahre alt. Und ich kenne viele junge Leute, die so denken und hören, wie ich. Man muss nicht biologisch und chronologisch unbedingt aus dem Steinalter kommen, um ein geschichtliches Bewusstsein und eine etwas breitere Sicht von den Entwicklungstendenzen im Opernwesen zu haben.
    Und ich verstehe immer noch nicht, was diese Erhebung zu einem an-sich absoluten Wert der Gegenwart und ihrer Akzeptanz soll... Das Heutige nur deswegen zu akzeptieren, weil es heute ist; das Heutige zum Selbstzweck zu machen, hat nicht VIeles mit dem Wert der künstlerichen Darstellungen selber zu tun. Das Heutige oder das Gegenwärtige scheint mir keine adäquate Kategorie zu sein, womit man musikalische Leistungen beurteilen könnte.


    Dass Villazon eine schlechte Technik hat, möchte ich nicht mal unbedingt so sehen. Ihm fehlt meiner Meinung nach etwas auf der Bühne, was Edda Moser neulich so schön als "Gelassenheit" bezeichnet hat. Ich glaube, wenn er die Bühne betritt, lässt er alle Schranken fallen, lässt sich von seinen Emotionen mitreißen, was sich auch negativ auf Gesang und Szene auswirkt. Deshalb lieben ihn auch so viele Leute, weil er sich auf der Bühne fast auszieht, weil die Leute sehen, dass er sie mitreißen will. Nur leider ging das sehr stark zu Lasten des Gesangs. Ich hoffe, dass er sich wieder fängt.


    Lieber Wotan,


    wir haben von Cura gesprochen und daneben auch einige anderen wie Alvarez oder auch Kaufmann erwähnt und man hatte bei all denen große technische Mängel festgestellt, aber im Vergleich zu VIllazon sind diese nun richtige Gesangslöwen. Villazons Problem ist nicht, dass er sich emotionell zu sehr engagiert hat. Er hatte einfach keine Idee davon, wie man einen Ton richtig produziert. Seine ganze Stimme ist zwischen der Kehle und der Nase blockiert und muß Gewalt gegen sich selbst anwenden, um im oberen Register überhaupt erklingen zu können. Von Passaggio und solchen Sachen ist hier nicht mal die Rede. Es geht um die einfachste Tonproduktion. Von Atem hat er schon gar keine Ahnung gehabt, denn fast jede Phrase bringt ihn zum ersticken und zwingt ihn, die Phrasen durch gewaltige körperliche Kontraktionen zu beenden. Seine "Unruhe" auf der Szene sind meistens nichts als diese Kontraktionen. Genauso steht es mit seinem so oft zu hörendem Ächzen oder was diese Geräusche auch sein sollen. Alles Mangel an Sauerstoff und blockierte Stimme. Und natürlich auch ein bisschen künstleriche Sensibilität, wenn man ihn unbedingt als einen großen Künstler ansehen möchte.

    Ecouter, c'est écouter la différence.

  • Ich sehe das auch nicht als eine Frage des Alter. ich bin Jahrgang 1970, war als Teenager heiße Carreras Verehrerin, habe später vieles Carreras betreffend für mich relativiert, und habe ein paar von den "alten" noch einige im Spätsommer bzw. Spätherbst - je nachdem - ihrer Karrieren gehört. Siepi, Di Stefano, Kraus, Bergonzi, De los Angeles, Bumbry, Christoff.
    Ich muß sagen, ich verbringe sowohl beruflich als auch privat viel Zeit damit mich mit Oper und Gesang zu beschäftien, weil es meine absolute Leidenschaft ist. Wenn man viel hört bleibt es nicht aus daß man zu vergleichen beginnt. Nicht unbedingt wer besser ist - aber anders, total unterschiedlich als Sänger oder als Interpreten - das ist doch das interessante. Ein wissenschaftlicher Zugang? Ja wahrscheinlich, aber für mich gilt - je größer das Wissen desto größer das Hörvergnügen.
    Auch ein reiner Fan-Zugang zur Oper, der sich etwa nur auf einen Interpreten beschränkt hat natürlich seine Berechtigung, aber ich tu mir halt schwer, dann zur Kenntnis zu nehmen und gebetsmühlenartig wiederholt zu bekommen: der ist der Beste (wenn man außer dem einen kaum andere kennt).


    Und was die "kalten" Kraus, Sutherland oder Gedda betrifft. Die stehen weder generell dafür, daß früher mit weniger Gefühl oder impetus gesungen wurde, noch daß die Sänger frühere weniger gute und packende Darstellerund Schauspieler waren (Ausnahme-Interpreten gab es in JEDER Generation, nur kennen sie wahrscheinlich heute nur mehr wenige. Gibt aber genug Literatur darüber und man kann es an Aufnahmen nachvollziehen - man muß nur bereit sein, die Ohren zu öffnen.)


    Und ich gehe JEDE Wette ein, daß eine Suttherland in ihrer Bestzeit die Leute auch heute in jedem Haus von den Sesseln reißen würde, egal wie sie aussieht oder sich bewegt.

  • La Gioconda

    Ich sehe das auch nicht als eine Frage des Alter. ich bin Jahrgang 1970, war als Teenager heiße Carreras Verehrerin, habe später vieles Carreras betreffend für mich relativiert, und habe ein paar von den "alten" noch einige im Spätsommer bzw. Spätherbst - je nachdem - ihrer Karrieren gehört. Siepi, Di Stefano, Kraus, Bergonzi, De los Angeles, Bumbry, Christoff.
    Ich muß sagen, ich verbringe sowohl beruflich als auch privat viel Zeit damit mich mit Oper und Gesang zu beschäftien, weil es meine absolute Leidenschaft ist. Wenn man viel hört bleibt es nicht aus daß man zu vergleichen beginnt. Nicht unbedingt wer besser ist - aber anders, total unterschiedlich als Sänger oder als Interpreten - das ist doch das interessante. Ein wissenschaftlicher Zugang? Ja wahrscheinlich, aber für mich gilt - je größer das Wissen desto größer das Hörvergnügen.
    Auch ein reiner Fan-Zugang zur Oper, der sich etwa nur auf einen Interpreten beschränkt hat natürlich seine Berechtigung, aber ich tu mir halt schwer, dann zur Kenntnis zu nehmen und gebetsmühlenartig wiederholt zu bekommen: der ist der Beste (wenn man außer dem einen kaum andere kennt).


    Und was die "kalten" Kraus, Sutherland oder Gedda betrifft. Die stehen weder generell dafür, daß früher mit weniger Gefühl oder impetus gesungen wurde, noch daß die Sänger frühere weniger gute und packende Darstellerund Schauspieler waren (Ausnahme-Interpreten gab es in JEDER Generation, nur kennen sie wahrscheinlich heute nur mehr wenige. Gibt aber genug Literatur darüber und man kann es an Aufnahmen nachvollziehen - man muß nur bereit sein, die Ohren zu öffnen.)


    Und ich gehe JEDE Wette ein, daß eine Suttherland in ihrer Bestzeit die Leute auch heute in jedem Haus von den Sesseln reißen würde, egal wie sie aussieht oder sich bewegt.


    Liebe Gioconda,


    vielen Dank für Deinen hochinteressanten Beitrag. Ich bin auch noch nicht allzu alt (Jahrgang 1961) und verehrte als Teenager neben Carreras eigentlich noch mehr Pavarotti und Domingo. Allerdings begann ich 1975 Schallplatten zu sammeln, und stellte dann fest, dass es noch - um bei den Tenören zu bleiben - andere Sänger gab: Caruso, Schipa, Björling, Tagliavini, Di Stefano, Del Monaco ... Man begann, zu vergleichen. Irgendwann bin ich dann bei De Lucia , Bonci, Clément und Escalais gelandet Kurz darauf beschloss ich, Opernsänger zu werden. Alte Musikcassetten geben heute noch ein lebendiges Zeugnis: men Bruder und ich versuchten sich an "Che glelida manina" und "Di quella pira" . Wenige Jahre später begann ich ein Gesangstudium, das leider wegen Krankheit abgebrochen werden musste. Heute bin ich wieder gesund, leider aber zu alt, um meinen Jugendtraum "Opernsänger" zu verwirklichen.


    Ich kann Dir nur zustimmen, wenn Du sagst: je größer das Wissen, desto größer das Hörvergnügen. Das bloße Konsumieren von Musik - insbesondere von Opernmusik - war noch nie mein Ding. Das kann dann natürlich auch zur Folge haben, dass ich evtl. gar kein Hörvergnügen habe, wenn andere schon lange jubeln. Als Beispiel möchte ich die Salzburger Traviata mit Netrebko und Villazón, das Arienrecital von Vittorio Grigolo oder die Versimo-Arien-CD von Jonas Kaufmann anführen.


    Was die "kalten" angeht, snd wir uns auch einig.


    Gruß
    Manfred

    "Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
    Enrico Caruso


    "Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
    ("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
    Giuseppe di Stefano

  • Ich nehme also 2 Aufnahmen mit den Sängern A und B. Anhand der mehr als 50 Kriterien, die ich natürlich nicht auswendig gelernt habe, bediene ich mich einer von Caruso vorgefertigten Liste (jetzt in schwarz) und hake ab. Bei welchem Sänger ich die meisten Häkchen hab, der ist der beste. Die zu vergebenden Punkte bei den 5 Obergruppen müssten dann aber gleich gewichtet sein. Und das soll ohne Beurteilungsbogen gehen, glaube ich nicht. Das wäre ja wie bei der schriftlichen Führerscheinprüfung ohne Prüfungsbogen.


    Bester Bernward,
    das meinst Du jetzt aber nicht im Ernst? So gründlich kann man doch eigentlich gar nicht missverstehen!


    Ich habe diese Liste zusammengestellt, um mir selbst und anderen einmal vor Augen zu führen, auf was es eigentlich alles ankommt, wenn wir über Sänger reden.
    Darum hat Wotan vielleicht Recht, wenn er vorschlägt, die Liste nicht Krieterienliste zu nennen. Offenbar haben manche von uns traumatische Erfahrungen mit wissenschaftlicher Sozialisation gemacht und fühlen sich gleich auf dem falschen Gleis, wenn von Variablen, Merkmalen und Kriterien die Rede ist.
    Nein, Du musst nicht in die Oper mit einer Prüfliste gehen. Das tue ich auch nicht. Und wenn alles gut ist, in einer Aufführung, dann habe ich die aufgelisteten Kriterien oft nicht mal im Hinterkopf. Aber wenn mich ein Sänger irritiert und ich mich unwohl finde, wenn ich seinen Manrico oder seinen Tristan höre, dann interessiert mich schon, was eigentlich nicht stimmt. Und dann kann es schon ganz hilfreich sein, mal zu checken, ob das MATERIAL für die Partie geeignet ist, ob die TECHNIK reicht, ob die MUSIKALITÄT und der STIL des Sängers den spezifischen Anforderungen der Partie gerecht wird, Ob es ihm gelingt, der Figur Profil zu geben und sie als einen überzeugenden Charakter zu formen und schließlich ob er darstellerisch überzeugt, wirklich bewegt oder erschüttert.
    Ich glaube entschieden, dass ich mich nur dann, wenn ich das geklärt habe, mit anderen sinnvoll über diesen oder jenen Sänger und die eine oder die andere Aufführung austauschen kann. Solange ich nicht sagen kann, was gut war und was fehlte, ist ein Austausch nach meiner Vorstellung ziemlich beliebig und unergiebig!
    Und die Liste hilft natürlich nicht nur, wenn man Defizite und Versäumnisse erfassen will. Sie kann ganz genauso helfen, sich wirklich klar zu machen, was es eigentlich ist, was mich für einen Sänger einnimmt. Ich gehöre beispielsweise zu den Musikfreunden, die ernste Probleme mit Sängern haben, die ungenau intonieren oder gar falsch singen. Die können dann über viele andere Tugenden verfügen: für mich ist es eine Barriere, dass sie nicht genau singen. Im Laufe der Zeit hat mir dann diese Einsicht, dass ich hier ein Kriterium so absolut setze, geholfen, die Qualitäten mancher Sänger zu würdigen, ja sogar zu genießen,die für mich zuvor wegen ihrer unsauberen Intonation gar nicht in Frage kamen: etwa Rysanek oder auch Hillebrecht,


    Und noch eines, lieber Bernward: in den bisherigen Reaktionen auf meine Liste hat mich verwundert, dass sie so verstanden wurde, als ginge es einzig darum, Sängern technische Fehler anzukreiden. Das ist überhaupt nicht die Intention. Es kann auch darum gehen, ihre Stärken besser zu erfassen. Vor allem aber - und das ist ja wohl auch eher Dein Interesse - macht die Liste denn ziemlich deutlich, dass keines der Kriterien verabsolutiert werden kann. Anders gesagt: das Reden über Sänger kann sich nicht darauf beschränken, ihre Intonation, Tonbeherrschung, Stimmführung, ihr Legato, die Messa-di Voce-Technik, die Trillerbildung und was weiss ich noch zu thematisieren. Es geht auch um ihre stilistische Kompetenz und ihre darstellerischen Fähigkeiten!


    Wenn Du die Liste bereit bist, so zu lesen, wird sie dich vielleicht nicht mehr ganz so ärgern, dass Du mir vorhalten musst, ich wollte soetwas wie einen Sänger-TÜV.



    Ja wahrscheinlich, aber für mich gilt - je größer das Wissen desto größer das Hörvergnügen.


    Genau darum geht es!

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

  • Ich bin keine vollen 24 Jahre alt. Und ich kenne viele junge Leute, die so denken und hören, wie ich. Man muss nicht biologisch und chronologisch unbedingt aus dem Steinalter kommen, um ein geschichtliches Bewusstsein und eine etwas breitere Sicht von den Entwicklungstendenzen im Opernwesen zu haben.
    Und ich verstehe immer noch nicht, was diese Erhebung zu einem an-sich absoluten Wert der Gegenwart und ihrer Akzeptanz soll... Das Heutige nur deswegen zu akzeptieren, weil es heute ist; das Heutige zum Selbstzweck zu machen, hat nicht VIeles mit dem Wert der künstlerichen Darstellungen selber zu tun. Das Heutige oder das Gegenwärtige scheint mir keine adäquate Kategorie zu sein, womit man musikalische Leistungen beurteilen könnte.




    Ich sehe das auch nicht als eine Frage des Alter. ich bin Jahrgang 1970,


    Es freut mich, das von Euch zu hören!


    Ich bin - mein User-Name macht das ja deutlich - Jahrgang 1941! Ich bin seit 1953 Opern- und Konzertbesucher. Am Anfang habe ich natürlich nur Sänger hören können, die Mitte der 50er Jahre so an einer der drei Berliner Opern sangen. Und da gab es wirklich jede Menge ganz hervorragende Künstler! Die einen gefielen mir mehr, die anderen weniger. Aber Sänger, die nicht in Berlin sangen, kannte ich natürlich nicht. Schallplatten gab es nur wenige und da ich oft viermal in der Woche in die Oper ging, konnte ich mir auch keine leisten. In der Situation waren für mich viele Gespräche beim Anstehen nach Karten unheimlich interessant, wenn da alte Opernhasen (heute würde man eher Opernfans oder Aficionados sagen) von Frida Leider oder Marcel Wittrisch, Maria Müller und Franz Völker erzählten. Das fand ich immer aufregend und ich wurde richtig neugierig! Als ich dann zum ersten Mal - es war 1956 - den ersten Akt der Walküre mit Lehmann und Melchior hören konnte, war es um mich geschehen: da habe ich erfahren, welche Entdeckungen man machen kann, wenn man die Schätze historischer Aufnahmen hebt!


    Und noch eine Geschichte aus der letzten Woche:
    Ich war in Braunschweig um die deutsche Erstaufführung von Mascagnis Isabeau zu hören. Nach der Aufführung kam ich mit einem sehr jungen Studenten aus dem Fach Maschinenbau ins Gespräch. Wir waren beide sehr beeindruckt von der musikalischen Qualität der Aufführung und insbesondere frappiert über die starke Leistung von Arthur Shen als Folco! Nachdem wir uns länger über die wahnwitzigen Schwierigkeiten der Partie unterhalten hatten, kam der junge Mann auf Bernardo de Muro und seine Aufnahmen zu sprechen! Ihr könnt Euch kaum vorstellen, wie sehr mich das gefreut hat!
    Ja: Die alten Aufnahmen sind nicht nur für Alte! De Muros Folco oder Otello, Ershovs Siegfried, Urlus' Rienzi, McCormacks Ottavio und Leiders Brünnhilde sind heute für JEDEN verfügbar.


    Als ich meine "Karriere" als Opernfan begann, hätte man sich davon nichts träumen lassen!

    ;) - ;) - ;)


    Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!