Große Sibelius-Dirigenten — einst und jetzt

  • Das Sibelius-Jahr 2015 lädt dazu ein, sich mit den Interpretationen seiner Musik seit den frühesten Aufnahmen seiner Werke näher zu beschäftigen. Im Folgenden soll ein kurzer Abriss durch die Jahrzehnte versucht werden, der freilich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann.


    Die Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges


    Die ersten Aufnahmen der sieben Symphonien entstanden in den 1930er Jahren. Der mit Sibelius befreundete Dirigent Robert Kajanus unternahm den ersten Versuch, den gesamten Zyklus der Symphonien einzuspielen. Sein Tod verhinderte das Gesamtprojekt zwar, dennoch gebührt ihm die Ehre, zumindest vier Symphonien als erster eingespielt zu haben, nämlich die 1. und 2. Symphonie im Jahre 1930 und die 3. und 5. Symphonie im Jahre 1932, jeweils mit dem London Symphony Orchestra. Die Weltersteinspielung der 4. Symphonie machte Leopold Stokowski mit dem Philadelphia Orchestra, ebenfalls 1932. Die 6. Symphonie wurde im Jahre 1934 von Georg Schnéevoigt mit dem Finnischen Nationalorchester aufgenommen. Die 7. Symphonie schließlich liegt in einem Live-Mitschnitt des BBC Symphony Orchestra unter Serge Koussevitky von 1933 erstmals vor.


    Weitere Dirigenten, die bereits vor 1945 Sibelius-Aufnahmen machten, waren Sir Thomas Beecham (sehr frühe Aufnahmen der 4. Symponie, von En Saga, Finlandia und Lemminkäinens Rückkehr) und Arturo Toscanini (hier stechen besonders seine Wiedergaben der 2. Symphonie hervor). Beide setzten sich zeitlebens für den Komponisten Sibelius ein. Von Wilhelm Furtwängler hat sich eine Aufnahme von En Saga mit den Berliner Philharmonikern erhalten. Vom Komponisten Jean Sibelius selbst dirigiert liegt eine Aufnahme des Andante Festivo von 1939 vor. Es handelt sich hierbei um die einzige von ihm selbst geleitete Aufnahme eines seiner Werke.


    Die frühe Nachkriegszeit


    Noch zu Lebzeiten des Komponisten entstand zwischen 1952 und 1955 die erste Gesamtaufnahme aller Symphonien unter demselben Dirigenten, nämlich Anthony Collins (London Symphony Orchestra). Bereits in den 1950er Jahren deutete sich an, dass insbesondere die 2. Symphonie am häufigsten eingespielt würde, so etwa durch Paul Kletzki (Philharmonia Orchestra, 1955), Hans Schmidt-Isserstedt (NWDR-Sinfonieorchester, 1956) oder Pierre Monteux (London Symphony Orchestra, 1958). Sir John Barbirolli, der Sibelius bereits vor dem Krieg dirigiert hatte, machte ihn den späten 40ern und 50ern mit dem Hallé Orchestra bereits einige Sibelius-Aufnahmen (1., 2., 5. und 7. Symphonie, Der Schwan von Tuonela). Auch Herbert von Karajan widmete sich bereits in dieser Zeit dem Finnen. Es entstanden mit dem Philharmonia Orchestra seine erste Einspielungen, teilweise noch in Mono. Selbst Fritz Reiner dirigierte anlässlich des Todes von Sibelius im Oktober 1957 die 5. Symphonie und Finlandia (Chicago Symphony Orchestra); der Mitschnitt hat sich erhalten. Nicht zuvergessen ist der Einsatz von Sir Malcolm Sargent für Sibelius (BBC Symphony Orchestra).


    Der internationale Durchbruch


    In den 1960er Jahren, kurz nach dem Ableben des Komponisten, deutete sich der endgültige internationale Durchbruch bereits stark an. Die vollständigen Zyklen der Symphonien in Stereo, die Lorin Maazel (Wiener Philharmoniker), Leonard Bernstein (New York Philharmonic) und insbesondere wiederum Sir John Barbirolli (Hallé Orchestra) einspielten, blieben lange Zeit die absoluten Standardempfehlungen. Herausragende Einzelaufnahmen, etwa von Carl von Garaguly (insbesondere die 2. Symphonie mit dem Gewandhausorchester Leipzig), George Szell (unzählige Wiedergaben der 2. Symphonie mit dem Cleveland Orchestra und dem Concertgebouworkest) oder Eugene Ormandy (etliche Symphonien und Orchesterwerke mit dem Philadelphia Orchestra) fallen in diese Zeit. Um 1970 erfolgten weitere Gesamteinspielungen, so auch in der UdSSR durch Gennadij Roschdestwenskij (Großes Rundfunk-Sinfonieorchester der UdSSR). Der Bostoner Zyklus unter Sir Colin Davis aus den 70er Jahren gilt vielen als weitere Referenz. Dasselbe gilt für den Zyklus, den Kurt Sanderling etwa zur selben Zeit mit dem Berliner Sinfonieorchter einspielte. Auch Dirigenten, die gemeinhin nicht mit Sibelius in Verbindung gebracht werden, machten einige Einzelaufnahmen, so etwa Jewgenij Mrawinskij (3. und 7. Symphonie), Kirill Kondraschin (2. und 5. Symphonie), Georges Prêtre (2. und 5. Symphonie, Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang), Antál Doráti (2. Symphonie) und Horst Stein (1., 2. und 7. Symphonie, Finlandia, En Saga, Lemminkäinen-Suite). Der finnische Dirigent Paavo Berglund spielte sogar mehrere Gesamtaufnahmen der sieben Symphonien ein.


    In jüngster Zeit waren insbesondere Leif Segerstam, Osmo Vänskä, Sir Mark Elder, Pietari Inkinen und John Storgårds aufnahmetechnisch aktiv.


    Weitere nennenswerte Sibelius-Dirigenten, die Aufnahmen gemacht haben, sind u. a. folgende: Esa-Pekka Salonen, Sir Simon Rattle, Herbert Blomstedt, Petri Sakari, Wladimir Aschkenasi, Sakari Oramo, Okko Kamu, Neeme Järvi, Paavo Järvi, Mariss Jansons, Sir Charles Mackerras, Jascha Horenstein, Sergiu Celibidache, Thomas Schippers, Hans Rosbaud, Sir Charles Groves, Ernest Ansermet, Herbert Kegel, Hidemaro Konoye, Takashi Asahina, Adrian Leaper, Jurij Temirkanow, Zubin Mehta, James Levine, Sir Andrew Davis, Jukka-Pekka Saraste und Gustavo Dudamel.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Ein großartiger geschichtlicher Überblick, den du da erstellt hast, lieber Joseph und der für einen Historiker wie dich bestimmt eine besondere Freude war.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber lutgra,


    danke für die vollkommen richtigen Ergänzungen! Ich bin zwar meine Bestände und diverse anderen Nachschlagwerke soweit es ging durchgegangen, aber wie man sieht, geht einem der eine oder andere Dirigent trotzdem durch die Lappen, so auch Abravanel und Sir Alexander. Bei der Gelegenheit will ich dann noch den Namen Arvo Volmer hinzufügen, der mit dem Adelaide Symphony Orchestra vor einigen Jahren ebenfalls einen mehr als respektablen Zyklus eingespielt hat.


    Lieber Willi,


    danke für Dein Lob. Ich kann Dir bestätigen, dass es mir auch Spaß gemacht hat, mal einen geschichtlichen Abriss dazu zu erstellen. ;)

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid


  • Decca kündigt einen Würfel mit historischen Sibeliusaufnahmen an, darunter die Symphonien dirigiert von Anthony Collins, die in Sammlerkreisen gesucht sind.