Ernest Reyer, oder: das Nibelungenlied à la française


  • Louis-Étienne-Ernest Reyer (eigentlich Rey), geboren am 1. Dezember 1823 in Marseille, gestorben am 15. Jänner 1909 in Le Lavandou, war ein französischer Komponist und Musikkritiker, der insbesondere als Opernkomponist Bedeutung erlangte.


    Trotz erster musikalischer Erfahrungen in seiner Jugend wandte sich Reyer zunächst der administrativen Laufbahn im damals französisch besetzten Algerien zu. 1847 komponierte er eine Messe zum Empfang des Herzogs von Aumale in Algier. 1848 kehrte er nach Frankreich zurück und nahm dort musikalische Studien auf.


    1850 erfolgte die Uraufführung seiner Ode "Le Selam" im Théâtre-Italien in Paris, welche sich als großer Erfolg entpuppte. Es entstand in der Folge eine enge Freundschaft mit dem bereits berühmten Komponisten Hector Berlioz.


    Zwischen 1866 und 1909 arbeitete Ernest Reyer als Bibliothekar der Pariser Oper und wurde Feuilletonist des "Journal des Débats". Desweiteren schrieb er auch für "La Revue française", "Le Courrier de Paris", "La Presse" und "Le Moniteur universel".


    Er trat in erster Linie als Opernkomponist in Erscheinung. Sein Stil lässt den Einfluss von Berlioz und Wagner erkennen, insbesondere bezüglich der Orchesterbehandlung und der Leitmotivik. Gleichwohl sah er sich keineswegs als Epigonen Wagners an.


    Reyer kann als Vertreter des musikalischen Exotismus gelten, der in seinen fremdländischen und exotischen Themen zum Ausdruck kommt.


    Liste seiner Opern:


    - Maître Wolfram (Meister Wolfram), opéra comique in einem Akt; Libretto: Joseph Méry und Théophile Gautier; UA: 20. Mai 1854, Paris, Théâtre Lyrique
    - Sacountalâ, ballet-pantomime in zwei Akten; Libretto: Théophile Gautier; UA: 14. Juli 1858, Paris, Opéra
    - La Statue, opéra comique in drei Akten; Libretto: Michel Carré und Jules Barbier; UA: 11. April 1861, Paris, Théâtre Lyrique
    - Erostrate, Oper in zwei Akten; Libretto: Joseph Méry und Emilio Pacini; UA: 21. August 1862, Baden-Baden; deutsche Übersetzung von Draxler und Pasqué
    - Au port; opéra comique in einem Akt; Libretto: Jules Ruelle und Gaston Escudier; vermutlich nicht aufgeführt
    - Sigurd, Oper in vier Akten; Libretto: Camille du Locle und Alfred Blau nach dem Nibelungenlied; UA: 7. Januar 1884, Brüssel, Théâtre de la Monnaie
    - Salammbô, Oper in fünf Akten; Libretto: Camille du Locle nach dem Roman von Gustave Flaubert; UA: 10. Februar 1890, Brüssel, Théâtre de la Monnaie



    Seine bedeutendste Oper ist ohne Frage "Sigurd", deren Uraufführung am 7. Jänner 1884 am Théâtre La Monnaie in Brüssel stattfand. Das Libretto verfassten Camille du Locle und Alfred Blau. Die Handlung basiert auf dem Nibelungenlied und weist deutliche Parallelen zu Wagners "Ring", insbesondere zur "Götterdämmerung" auf.


    Die etwa vierstündige Oper, deren Handlung in Worms und Island zu Zeiten Attilas im 5. Jahrhundert angesiedelt ist, war ein großartiger Erfolg für den Komponisten Ernest Reyer. Es folgten in rascher Folge Inszenierungen in Paris, London, Lyon und Monte-Carlo. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgten mehrfache Wiederaufnahmen. Ein halbes Jahrhundert lang war "Sigurd" besonders bei Heldentenören und dramatischen Sopranen beliebt.



    Es liegen immerhin eine Studioeinspielung des ORTF unter der musikalischen Leitung von Manuel Rosenthal (1973, derzeit vergriffen) sowie drei Rundfunkaufzeichnungen vor: 1993 unter Günther Neuhold aus Montpellier, 2013 unter Frédéric Chaslin aus Genf sowie 2015 unter Joanna Mallwitz aus Erfurt (deutsche Erstaufführung).


    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid