Saisonbeginn an der Wiener Staatsoper: Madama Butterfly oder ...

  • ... Puccini-Meisterwerk ohne Puccini-Stimmen!


    Die neue Staatsoperndirektion Roscic/Jordan startete mit einer Premiere in die neue Saison. Nach 63 (!) Jahren wurde die legendäre Butterfly-Inszenierung von Josef Gielen entsorgt und durch die bereits rund 15 Jahre alte Inszenierung von Filmregisseur Anthony Minghella ersetzt. Diese Produktion wurde bereits an der English National Opera, dem Litauischen Nationaltheater und an der Metropolitan Opera gezeigt, wo sie durch die Kinoübertragung(en) einem breiten Publikum bekannt geworden ist.


    Minghella, der durch Hollywood-Filme wie dem Remake von Der talentierte Mr. Ripley, Cold Mountain und natürlich Der englische Patient – für den er den Regie-Oscar gewonnen hat – weltberühmt geworden ist, setzt in seiner Produktion auf Lichteffekte und Farben, Spiegelungen und schöne Kostüme, die Austattung ist aber eher karg. Es gibt aber immerhin ein paar verschiebbare Wände und Liebe zum Detail. Da regnet es Blüten und es gibt auch Atmosphäre erzeugende Lampions. Und Minghella orientiert sich in seiner Regiearbeit, die nun von seiner Witwe - der aus Hongkong stammenden Choreographin und Regisseurin Carolyn Choa - für Wien neu aufgearbeitet wurde, am japanischen Bunrakutheater. Typisch dafür die Bunraku-Puppe, die als Kind Cio-Cio-San’s zum Einsatz kommt und die von Puppenspielern durch natürliche Körperbewegungen faszinierend menschlich dargestellt werden kann.


    Da die Inszenierung also weitgehend bekannt ist konzentriere ich mich hier auf die musikalische Seite. Und die war vor allem sängerisch enttäuschend. Asmik Grigorian hat ja nur wenige italienische Rollen in ihrem Repertoire. Die Butterfly ist eine von ihnen, und sie bewegt sich stimmlich hier außerhalb ihrer "Comfort-Zone". Ihr Sopran ist praktisch in allen Lagen geschärft, vor allem in den Höhen und Spitzentönen überfordert. Da wo die Stimme bei Puccini aufblühen sollte, gerät der Sopran Grigorian’s in Bedrängnis und wird eng. Der unschöne Spitzenton am Ende ihrer Auftrittsszene ist da symptomatisch. Auch wenn sie darstellerisch sehr engagiert ist, kann die Sopranistin nichts von der Jugend ihrer Figur vermitteln. Vor allem kann sie in keiner Minute berühren. Es fehlt dieser Butterfly an Wärme und an emotionaler Emphase.


    Auch der Tenor des Abends, Newcomer und Hausdebütant Freddie De Tommaso als Pinkerton, konnte alles andere als begeistern. Ja, seine baritonale Tenorstimme ist unspektakulär und er hat kein individuelles Timbre, das einem besonders aufhorchen lässt. Das ist natürlich noch nicht das Problem. Aber der Sänger fällt leider vor allem durch sein eher gestemmtes Singen auf, Spitzentöne werden zwar kraftvoll und durchaus eindrucksvoll demonstriert, aber lyrischer Gesang ist da nicht herauszuhören, und es fehlt dieser Stimme ganz und gar an Puccini-Schmelz. Selten habe ich ein so kraftmeierisches Addio fiorito asil gehört. Alles erstaunlich eindimensional.


    Das große Liebesduett am Ende des ersten Aktes – wohl eines der schönsten in der gesamten italienischen Opernliteratur – verpufft mit den viel zu harten Stimmen der Hauptrollensänger im Nichts. De Tommasi's Viene la sera erklingt belanglos, Bimba dagli occhi pieni di malia mangelt es an Zärtlichkeit, Vogliatemi bene an jeglicher Romantik. Enttäuschend.


    In den Nebenrollen überzeugt zumindest Boris Pinkhasovich als stimmlich adäquater Sharpless. Die Suzuki von Virginie Verrez, deren Mezzo an diesem Abend etwas hart erklingt, hat es auch schwer mit ihrer Herrin stimmlich eine Linie zu finden.


    Und nun noch zum Dirigat von Philippe Jordan. Man hört schon deutlich, dass er auch ein Könner von symphonischer Musik ist. Er legt viel Wert auf Details, und badet vor allem nicht in Süßlichkeit. Manche werfen der Puccini-Oper vor kitschig zu sein. Kommt halt immer darauf an, was man aus der Musik macht und wie man sie spielt. Das man diese Oper völlig kitschbefreit musizieren kann beweist Jordan mit den Philharmonikern im Orchestergraben. Zu hören bei vielen Stellen, so beispielsweise im großartig gestalteten Intermezzo. Trotzdem vermisst man an manchen Stellen dann doch vielleicht etwas mehr emotionale Eindringlichkeit. Puccini muss doch auch Puccini bleiben.


    Am Ende gab es dann doch viel Jubel im - derzeit natürlich - halbvollen Haus. Man war sicher auch froh und glücklich darüber, Oper endlich wieder live zu hören und zu sehen.


    Im Frühling 2021 soll dann Hui He, immerhin die führende Butterfly-Interpretin der letzten Jahre die Titelrolle in dieser Produktion übernehmen, und Roberto Alagna wird als amerikanischer Marineleutnant angekündigt. Dann sollten Cio-Cio-San und Pinkerton wieder mehr nach Puccini klingen.



    Gregor

  • Der unschöne Spitzenton am Ende ihrer Auftrittsszene ist da symptomatisch.

    Der war allerdings tatsächlich auffällig.


    Ansonsten ist deine interessante Kritik ein Beleg dafür, wie unterschiedlich man Aufführungen wahrnehmen kann. Die Presse überschlägt sich nämlich mit Lob. Auch ich selbst habe einiges anders empfunden.

  • Für mich war der schönste Puccini-Moment dieser Premiere der kurze Auftritt des Fürsten Yamadori mit Stefan Astakhov - plötzlich war eine gut geführte, schöne Stimme zu hören! Der Rest ist Schweigen ...


    Ich habe mir im Anschluss an die Übertragung die "Butterfly" vom 07.12.2018 in der wunderbaren alten Inszenierung mit Martinez, Care und Bermudez angesehen. Kein Kommentar dazu.


    Erich

    Meine Meinung steht fest. Bitte verwirren Sie mich nicht durch Tatsachen.

  • Die Presse überschlägt sich nämlich mit Lob. Auch ich selbst habe einiges anders empfunden.


    Das ist der Grund warum ich wohl seit einiger Zeit offizielle Kritiken nur noch sporadisch lese. Man liest zumeist wie toll alles war und es werden ständig Superlative bedient und Sternstunden beschrieben.


    Wenn ich Kritiken lese, dann sind es zumeist jene, die von Kennern geschrieben werden, die privat schreiben. Darum ist Der Neue Merker hier immer eine gute Adresse. Da findet man einige hervorragende Rezensenten, die viel von der Materie verstehen und kenntnisreich "kritisieren". Mit ihnen gehe ich selbstverständlich auch nicht immer konform, aber es sind fundierte Kritiken mit denen man etwas anfangen kann, die sich nicht scheuen, Negatives anzusprechen, und die sich nicht in Allgemeinheiten und Oberflächlichkeiten verlieren.


    Ich habe mir jetzt deshalb auch gerade angesehen, was im Merker so an Butterfly-Kritiken zu finden ist. Immerhin vier Rezensionen vom Premieren-Abend. Und alle kommen was die Gesangsleistungen betrifft zum genau selben Resultat.



    https://onlinemerker.com/wiener-staatsoper-madama-butterfly/


    http://www.dermerker.com/index…011-11EA-BA1D005056A64872


    https://onlinemerker.com/wien-…ison-eroeffnungspremiere/


    https://onlinemerker.com/wien-…adama-butterfly-premiere/



    Gregor