Die Klaviersonate in der individuellen Musikrezeption

  • Sorry,


    ich trete von der geplanten Besprechung der Sonata romantica für den Moment zurück und melde mich mit was anderem wieder. ;(?(

  • Lieber Damiro , es ist natürlich schade, weil Du wahrscheinlich von dieser Sonate viel mehr verstehst als ich. ICh freue mich auf jeden Fall auf das andere :)

  • Da bist du aber etwas optimistisch mit deiner Annahme. :/


    Kürzlich kam die Medtner- Aufnahme mit dem jungen venezianischen Pianisten Alessandro Taverna (beim Lieferanten wohl vorübergehend ausgegangen, ich hatte sie schon länger bestellt). Ich weiss nicht, warum gleich vornedran die Sonata Reminiscenza so unrhythmisch klingt (dass der Pianist gut ist, hört man später noch und nöcher, in teuflisch schnellen ausgedehnten 16tel Läufen). Ich vermute, dass es auch die Komposition ist, die merkwürdige Hemmungen hat, dass es mit dem zeitweise dicken, breiten Klaviersatz zusammenhängt. Sowas müssten doch notfalls die Leute, die bei der Aufnahme dabei sind, merken und es mit dem Pianisten besprechen ?! Das Dumme nur: die Sonata romantica hat dagegen gleich vier Sätze und dauert mit Taverna 28:16 ! Dabei sind erstens sehr gute Einfälle und überhaupt die mitreissende Wirkung der russischen Spätromantik in der Musik drin. ;). Macht das vielleicht Paul Lewis noch oder überhaupt besser als der Taverna ? Die Sonata minacciosa ist viel kompakter (in 18:09 ist alles gesagt. Das klingt viel flüssiger und einheitlicher, doch auch etwas ausgedehnter). :yes::hello: Ich besitze schon länger die Paul Lewis- CD mit den niedrigen Opuszahlen der Medtner- Klaviersonaten (es gibt also zwei) , welche mir viel besser gefällt als dieses jetzt.


    Vielleicht hört einer von uns mal so richtig unvoreingenommen rein, damit wir mehr Klarheit oder Verriss bekommen :sleeping:^^

  • Ja, das andere ist erstmal eine Art Lappalie.


    Nämlich, ob wir dem Thread so was wie eine Struktur geben sollten, z.B. musikgeschichtliche Abfolge, oder wer komponiert am meisten nach der Sonatenhauptsatzform, oder am wenigsten ? Beides haben wir hier im Forum schon, in diversen Threads. Also ich tue mich schwer und ächze, wenn ich auch noch nach meiner liebsten oder gar schönsten Klaviersonate gefragt werde. Ich habe nämlich dero so einige.


    Also mir gefällt der quasi- chaotische Approach auf das Thread- Thema bisher sehr gut, denn dieses frägt ja: "was ist denn deine individuelle Rezeption ?" Eigentlich hätte dann jeder Klavierfreund die Möglichkeit, hier ein bisschen mitzureden. :hello:


    Abgesehen vom Namen Haydn, ist es jetzt mal die Dauer der folgenden Werke.


    ist es vielleicht dieses:

    Domenico Scarlatti, Sonate F- Dur K. 525, L. 188 (2:24)




    oder schliesslich jenes

    Beethoven`sche Hammerklaviersonate B- Dur, op. 106 (N.N.) (43:00 plus)


    oder am Ende des hier

    Vincent d`Indy, Klaviersonate E- Dur, op. 63. (46:00 plus)





    (Ich sehe - am 25.11. - dass es die Horowitz- CD in einer Blue- Spec Ausführung für über 30 Ocken gibt, ausserdem jedoch einen Japan- Import für 10 weniger, also...)


    ???

    2 Mal editiert, zuletzt von Damiro ()

  • ist es vielleicht dieses:

    Domenico Scarlatti, Sonate F- Dur K. 525, L. 188 (2:24)

    :-) Lieber Damiro , wieso nicht, wenn Sie Dir Spaß macht .... Ich bin ein riesiger Fan von Domenico ...


    Übrigens von der indyschen Sonate habe ich einer Einspielung von Diane Andersen mit eine Länge von 41:31, womit sie unterhalb der Länge der Hammerklaviersonate läge :P


    Eine richtige Herausforderung wäre dann schon der Zyklus (leider keine Sonate) Sequenzia Cyclica von Kaikhosru Sorabji von 1949, der mit einer Länge von über 8 Stunden, der damit dann schon einen einsamen Rekorde aufstellte .... Für den Anfang könnte man seine Symphonia brevis für Klavier solo nehmen, für die Donna Amato etwa 120 Minuten braucht. Du siehst, nach oben ist noch Luft :)


    Ich habe mir aufgrund Deiner Kritik noch einmal die Sonata reminiscenza in den Interpretationen von Alessandro Taverna und Ekaterina Dershavina angehört. Sie bilden von den Längen her schon zwei Extreme. Taverna braucht 17 Minuten für das Stück Dershavina spielt die Sonate in 12:30. Da sind dann auch Unterschiede zu hören. Dieses rhythmische "Gezuckel" von Taverna am Anfang nehme ich als Schwierigkeit des romantischen Gefühls war. Die unglaublich schöne tragische Melodie will klingen und es kommt nicht richtig dazu. Der Blick zurück ist nicht einfach.


    Die Sonate ist das erste Stück der "Vergessenen Weisen" (Forgotten Melodies) Op. 38 von Medtner. Man sollte dafür wissen, dass Medtner ein Gegner der Modernisierung der Musik in den 20-ger Jahren war. Er sah einen massiven Irrweg darin und Rachmaninoff unterstützte ihn, so gut er konnte. Rachmaninoff war ein Bewunderer der Musik Medtners. Auf der anderen Seite traf Medtner die Verachtung aller Komponisten Frankreichs, zur Zeit als er im Exil in Paris weilte. Die "Vergessenen Weisen" erschienen (1919 -1922). Zu dieser Zeit war in Paris ein musikalischer Aufruhr und Medtner war aus der Sicht der "Avant-Gardisten" ein alter "Trottel", den man einen "russischen Brahms" nannte. Das war also keineswegs freundlich gemeint :-) .


    Zur Sonate:


    Diese Sonate zeigt uns also auf der einen Seite, was die Musik von dieser Zeit alles vergessen hat und bezieht damit Position in einem gesellschaftlichen Kontext. Die „Neue Musik“ sucht gerade ihr Thema mit Blick auf den Fortschritt und das neue Tempo der Gesellschaft und ihre harmonischen Reibungen (Futurismus etc.), wo Medtner seinen Blick ostentativ rückwärts zur Polyphonie und Harmonie wendet. Seine Sonate bietet in dieser Situation eine Lösung an. -> Die Melodie muss also am Anfang erkämpft werden. Diese Schwierigkeit vermeine ich bei Taverna zu hören..... (bloß meine Meinung)




    PS:


    Macht das vielleicht Paul Lewis noch oder überhaupt besser als der Taverna

    Meinst Du vielleicht Paul Stewart? Paul Lewis sagt mir mehr in Zusammenhang mit Schubert u.ä. ?

  • Ich habe im Internet zwei Einspielungen der Sonate gefunden, die ich vorstellen möchte. Emils Giles und Yevgeni Kissin. Gilels spielt etwa 13 Minuten und Kissin braucht etwas über 16.



    Hier die Version von Kissin



    Überhaupt findet man eine ganze Menge an Einspielungen der Sonate im Web. Eine besonders interessante aktuelle stammt von dem jungen Russen Alexander Malofeev. Man hat den Vorteil, die Hände an manchen Stellen zu sehen. Das hilft bei den komplexeren polyphonen Stellen. Medtner konnte gar nicht anders als polyphon ;)





    Wahrscheinlich gilt die die Bemerkung von Rachmaninoff, er sei einer jener Menschen, die an Statur gewännen, je näher man ihnen komme

  • Zitat von Damiro

    Also ich tue mich schwer und ächze, wenn ich nach der liebsten oder gar schönsten Klaviersonate gefragt werde.


    Also mir gefällt der quasi- chaotische Approach auf das Thread- Thema bisher sehr gut, denn dieses frägt ja: "was ist denn deine individuelle Rezeption ?"


    Wir sollten Sonsten sammeln, die uns gefallen und sich Gedanken über ihre Eigenheiten machen. Medtner finde eigentlich nicht schlecht, weil er ein gigantes Werk in der Folge von Beethoven ( nicht Brahms !) geschaffen hat, offensichtlich gegen alle Zeitströmung.


    Ein weiteres Werk, was mir seit zwei Jahrzehnten auf der Seele liegt, ist die Sonate von Jean Barraqué, eine serielle Komposition, die bei mir einen ungeheuren Eindruck hinterlässt, ich aber überhaupt keinen Ansatz zum eigentlichen Verständnis habe ….


    Also bleibt‘s irgendwie chaotisch ;)

  • Ja klar meine ich Paul Stewart, sorry.

    Sagen wir mal, ich werde Medtner nicht so einfach feiern und/ oder abhaken^^ 8).

    Und heeey, gerade noch die Son. Remin. mit Malofeev (aus deinem Link, thx) gehört. Supergut !


    Dagegen merke ich schon nach einigen Wochen, wie die d`Indy- Sonate in mir verblasst. Bei ihm hat ja Debussy studiert, u.a.. Und kaum war der 70/71er Krieg vorbei, hat sich d`Indy zusammen mit einem Gesinnungsfreund zu einer mehrmonatigen Deutschlandreise aufgemacht. Z.B. hatten es ihm Goethe und Wagner angetan.

  • Nein, keine Arbeitsverweigerung, nur etwas mehr Zeit gebraucht ! :)


    Alle drei Takes, die du verlinkt hast sind sehr schön und ich habe sie ganz gehört. Wäre ich damals im Konzert von Malofeev gesessen, hätte es mich begeistert (obwohl ich kein junges Mädchen bin ;)). Die elegische Stimmung beim Vortrag des jungen Pianisten, ist greifbar, zieht alle in ihren Bann. Toll ist, dass zeitweise die Mittelstimme Melodieführerin ist.

    Kissin dagegen kommt etwas kühler rüber, sein Spiel ist elegant, der Klang brillant, der Ausdruck verhaltener, trotzdem alles fein differenziert. Gilels treibt den musikalischen Ablauf vorwärts. Er überspielt lyrische Stellen manchmal und kann kurz angebunden sein. Technisch sind alle drei auf der Höhe. Je nachdem, was beim Klavierabend sonst noch vorgetragen würde, gewänne der Vortrag der Reminiscenza oder büsste aber etwas ein.


    Sehr interessant, was du über die Umgebungssituation ab der Zeit schreibst, wo Medtner erst die russische Revolution erlebt, dann Zeit in Deutschland (z.B. Berlin), bis 1928, danach in England und schliesslich in Paris ist. Klar, dass sich damals viele Musiker den neuen Tönen, Skalen und ganz offen dem Jazz zugewandt hatten. Medtner dürfte mit aller Kraft versucht haben, die romantischen Schätze in der Musik (vielleicht könnte man sagen: das romantische Narrativ) trotzdem zu hüten, auch noch zu heben, wobei er sicher noch mit einem treuen Publikum rechnen konnte (nicht nur exilierte Russen). Man wirft Gutes eben nicht so einfach weg.


    Zusätzlich habe ich noch Clips mit Inna Malinina angehört, allerbestes Spiel, von einer LP aufgenommen 1976 ff. Sie spielt die Sonata Reminiscenza, op. 38, 1, dann die "vergessenen Medodien", also op. 38, 2 bis 8 wohl vollständig. Das wird dann doch sehr umfangreich, über 2,5 Std. ! Dabei wurden viele "neue" Stücke ab der Jahrhundertwende eher kurz oder kurz unterteilt, doch längst nicht alle. Die Dame war eine Goldenweiser- Schülerin und hatte 1956 beim Mozart- Wettbewerb in Salzburg den zweiten Preis gewonnen.




  • Ich habe heute in unserem "Musik- und Bibliotheksbüro" reichlich Zeit gehabt, während sich unten fünf Frauen zu einem Weihnachtsbastelnachmittag ausgebreitet hatten. Ich habe also Medtner CDs und Schnipsel von Kissin, Gilels, Malofeev, Stewart und Tozer gehört, dabei biografische Daten mit der Kulturhistorie ab Skriabin, Rachmaninow, Tanejew, aber eben auch Strawinski und Prokofiew verglichen. In der "Nachtwind"- Sonate hörte ich eine komplexere Passage, wo man sich einen Orchesterpart dazusingen hätte können, dann wäre das ein "Klavierkonzert von Rachmaninow" geworden, sagen wir mal 2 a oder 2 b. ;) "Piano News" meint in einer früheren Ausgabe, diese sei Medtners bedeutendste Sonate.


    Anklänge an Skriabin gibt es bereits in der op. 5 Sonate, genauso wie in op. 56 (es gibt immerhin 14 Klaviersonaten von Medtner, entstanden bis in die späten 20er Jahre hinein). Dennoch ist das alles Medtner. Das melodische, harmonische und rhythmische Material ist vielfältig und fast immer originell, nur ganz vereinzelt klang es mal kurz nach Salonmusik.


    Ich habe mir jetzt noch folgende CD bestellt:


  • Tamino Beethoven_Moedling Banner
  • Toll, dass du das (gefunden und) reingelinkt hast, lieber Holger.


    Die Reminiscenza- Sonnate ist ein ungeheuer kontrapunktisch gesetztes Werk. Die Musik wirkt streckenweise wie zwei Sonaten gleichzeitig oder etwas versetzt. Das Hauptthema nimmt mich gefangen, und es rührt mich immer wieder.


    Hier spielt Richter vom Blatt und vor kurzem hat Zimerman in der Wuppertaler historischen Stadthalle immerhin die Noten für Brahms- Intermezzi und 2. Klaviersonate, nach der Pause für die Chopin h- moll- Sonate auf die Bühne mitgebracht und in den Flügel vorne reingelegt. So gehts scheint`s auch.

  • Über die Zeit hat sie immer wieder mal geschwächelt (Romantik) und ist dann doch wieder in Glanz erschienen (Anfang und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts)

    Das glaube ich nicht: Klaviersonaten von Weber - Schubert - Mendelssohn - Schumann - Liszt - Brahms - Tschaikowski - Dvorak - Grieg, kenne ich zwar einige nicht, "geschwächelt" stelle ich mir anders vor. Und die Klaviervirtuosen haben sich auch nicht lumpen lassen - sollte mal wieder die "grande" von Friedrich Kalkbrenner anhören:

    https://www.amazon.de/Friedric…1637924144&s=music&sr=1-2

    :)

  • Noch ein Schumann-Zeitgenosse: Wenn ich mich recht erinnere haben mir auf meiner Ferdinand-Hiller-CD die Sonaten tendenziell noch besser gefallen als die anderen Stücke:

    https://www.amazon.de/Klavierw…1637924541&s=music&sr=1-4

    Das kurze romantische Klavierstück hat die Sonate doch nicht ganz erschlagen ... selbst Theodor Kirchner hat zumindest Sonatinen geschrieben, die große Ausdehnung aber nur in der Kammermusik realisiert, glaube ich. Der wäre also quasi ein kleines Argument für Deine These.

    ;)

  • Das glaube ich nicht: Klaviersonaten von Weber - Schubert - Mendelssohn - Schumann - Liszt - Brahms - Tschaikowski - Dvorak - Grieg, kenne ich zwar einige nicht, "geschwächelt" stelle ich mir anders vor. Und die Klaviervirtuosen haben sich auch nicht lumpen lassen - sollte mal wieder die "grande" von Friedrich Kalkbrenner anhören:

    https://www.amazon.de/Friedric…1637924144&s=music&sr=1-2

    :)

    Mir kam es immer so vor, als hätten unsere Romantiker gegenüber dem Beethovenwerk zu viel Respekt. Die Brahmschen Sonaten sind noch in frischer Jugend entstanden. Brahms hat diese Idee später nicht mehr verfolgt. Mendelssohn hat sich irgendwie auch nicht richtig getraut. Sein Op. 6 ist von 1926 (Mendelssohn war ~17) die vier anderen Sonaten sind zwischen 1820 (Mendelssohn war ~11) und 1823 entstanden. Man kann sie also irgendwie als Jugendwerke bezeichnen. Das Thema wird später nicht mehr aufgegriffen, soweit ich weiß.


    Liszt und Reubke sind interessante Phänomene.


    Schubert scheint mir hier die große Ausnahme zu sein. Er hat ja ein beträchtliches Sonatenwerk hinterlassen und sich zeit seines kurzen Lebens mit der Klaviersonate beschäftigt.

    Da geht meine Beurteilung sicher komplett fehl.

  • Toll, dass du das (gefunden und) reingelinkt hast, lieber Holger.


    Die Reminiscenza- Sonnate ist ein ungeheuer kontrapunktisch gesetztes Werk. Die Musik wirkt streckenweise wie zwei Sonaten gleichzeitig oder etwas versetzt. Das Hauptthema nimmt mich gefangen, und es rührt mich immer wieder.


    Hier spielt Richter vom Blatt und vor kurzem hat Zimerman in der Wuppertaler historischen Stadthalle immerhin die Noten für Brahms- Intermezzi und 2. Klaviersonate, nach der Pause für die Chopin h- moll- Sonate auf die Bühne mitgebracht und in den Flügel vorne reingelegt. So gehts scheint`s auch.

    Lieber Damiro,


    von dem Konzert hatte ich schon einen anderen Teil früher entdeckt - das gestern beim Stöbern durch Zufall. :) Richter hat im Alter nur nach Noten gespielt. Er begründet das damit, dass sich sein absolutes Gehör in der Tonhöhe verschoben habe und er anders nicht habe mehr spielen können. Die Sonate muss ich mir nochmals in Ruhe zu Gemüte führen! Den Anfang finde ich auch schon sehr einnehmend! :) :hello:


    Schöne Grüße

    Holger