Johannes Brahms Werke - Welches sind Eure Lieblingsinterpretationen?

  • Lieber Holger,


    ich habe wegen ABM nochmal bei meinen Aufnahmen geschaut. Der Live-Mitschnitt ist von 1973 und ADD und in der ABM-Box von Aura. Die berühmte Studio-Aufnahme von EMI in mono habe ich tatsächlich in der Nipper-Collection, hier wird als Aufnahmedatum der März 1950 angegeben.


    LG Siamak

  • ich habe wegen ABM nochmal bei meinen Aufnahmen geschaut. Der Live-Mitschnitt ist von 1973 und ADD und in der ABM-Box von Aura. Die berühmte Studio-Aufnahme von EMI in mono habe ich tatsächlich in der Nipper-Collection, hier wird als Aufnahmedatum der März 1950 angegeben.


    Lieber Siamak,


    mit den Aufnahmedaten ist das verrückt! Die werden meist immer falsch angegeben. 1973 wird stimmen - 1977 ist einfach falsch! Ich hatte heute morgen in meine private Discographie geschaut und beim Abschreiben die Lugano-Aufnahme (Rundfunk der italienischen Schweiz) vergessen und aus dem Kopf falsch ergänzt. :D Die Aufnahme habe ich sogar auf LP und auf CD. Noch als Schüler hatte ich im Radio ein Portrait von ABM gehört. Dort wurden Auszüge aus der berühmten EMI-Italiana Aufnahme gespielt (meist wird als Aufnahmedatum 1950 angegeben, weil er natürlich mehrere Stücke aufgenommen hat, aber das genaue Datum ist 26.10.1948). Bekommen habe ich auf LP dann allerdings diesen Mitschnitt aus Lugano. Da war ich ein bisschen enttäuscht. Für einen unerfahrenen Einsteiger ist das einfach die falsche Aufnahme! Das war nämlich ABMs "puristische" Phase Anfang der 70iger, wo er um keinen Preis mehr faszinieren wollte, ein Akt der Selbstdisziplinierung und inneren Reinigung, der auch die EMI-Aufnahme des Carnaval entsprang. Wenn man älter wird, weiß man genau das um so mehr zu schätzen. ABM ist kein Pianist, der es sich selbst und seinen Hörern leicht macht, sondern herausfordert. Wenn man wirklich die umwerfende Wirkung nachvollziehen will, die seine Paganini-Variationen bei Kritikern und dem Publikum damals hervorriefen, dann muss man den Warschauer Mitschnitt hören. Da kann man die "Sensation" dieses Klavierspiels nachspüren. Gegen dieses Feuer und diese aberwitzige Virtuosität wirken alle die Youngstars von heute ziemlich brav und bieder. Die Aufnahmen sind entstanden, weil Michelangeli damals Juror beim Chopin-Wettbewerb war und deshalb einige Konzerte gab. Gewonnen hat den Wettbewerb 1955 Adam Harasiewicz, der später auch sein Schüler wurde (ist auch in einem Filmausschnitt aus Arezzo dokumentiert). ABM wollte aber den Zweitplatzierten Vladimir Ashlenazy auf dem 1. Platz sehen. Deshalb unterschrieb er die Urkunden nicht. Ashkenazy (er hat ABMs Haus in Lugano nach dessen Tod gekauft, in dem er heute wohnt!) erzählt, dass er beim Meister an der Tür klingelte und ihn bat, er möge doch für ihn das Dokument unterschreiben. Da blieb ABM aber stur: "Sie sollten den 1. Preis gewinnen!" ^^ Ich hatte zuerst von diesen Mitschnitten eine grauenvolle Raubkopie aus Italien. Ich dachte schon, die Aufnahme sei so schlecht. Ist sie aber nicht! Es gibt nämlich diese perfekt remasterte Ausgabe aus Schweden (Label Altaro, 2 verschiedene CDs, dies ist die eine):


    Arturo-Benedetti-Michelangeli-Live-in-Warsaw-1955.jpg


    :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,


    herzlichen Dank für Deine sehr ausführlichen und hochinformativen Ausführungen. Eine ergänzende Frage: Wurde die EMI-Aufnahme der Bach-Busoni Chaconne denn auch 1948 anstatt 1950 aufgenommen ?


    LG Siamak

  • herzlichen Dank für Deine sehr ausführlichen und hochinformativen Ausführungen. Eine ergänzende Frage: Wurde die EMI-Aufnahme der Bach-Busoni Chaconne denn auch 1948 anstatt 1950 aufgenommen ?

    Lieber Siamak,


    hier ist wirklich alles ganz genau vermerkt:



    Die anderen Aufnahmen (Grieg, Albeniz usw.) wurden in Mailand gemacht, die Paganini-Variationen in den berühmten Abbey Road Studios in London (Studio Nr. 3). Der Produzent war David Birknell, der Tontechniker Robert E. Becket. Das Aufnahmedatum ist 26.10.1948. Erstveröffentlichung Parlophone Record Limited 1949. Die Aufnahme in der Box ist mit einem digitalen Remastering von 1992.


    P.S.: "1950" kann natürlich auch einfach das Datum der Veröffentlichung unter dem Label EMI sein (>p<); das Veröffentlichungsdatum ist immer später als das Aufnahmedatum!


    Das genaue Aufnahme-Datum des Lugano-Mitschnitts ist 21.5.1973.


    Einen schönen Sonntag wünschend :hello:

    Holger

  • Hallo,


    7 Phantasien Op.116


    Brahms hielt sich in seinen letzten Jahren während des Sommers jeweils in Bad Ischl auf. 1892 komponierte er 10 Klavierstücke, aus denen letztlich Op.116 und 117 veröffentlicht wurden. Op. 116 setzt sich aus 7 Fantasien zusammen. Das erste, dritte und letzte des Op.116 sind furiose Stücke, welche in Ihrer Attacke und ihrem Zugriff durchaus eine Reminiszenz an den jungen Brahms darstellen. Die anderen Stücke sind sehr in sich gekehrt und voller Zwischentöne. Für mich ist es wichtig, dass der Interpret beide Stimmungsarten, in den energetischen Capriccii und den innigen Intermezzi, herausarbeitet.


    Ich habe einige Stücke der späten Zyklen Brahms’ erstmalig als Schüler mit Artur Rubinstein auf MC gehört.


    Auf CD standen mir nun bei Op.116 7 Aufnahmen zur Verfügung: Anna Vinnitskaya (alpha), Detlef Kraus (Thorofon), Gerhard Oppitz (RCA), Emil Gilels (Praga, live), Julius Katchen (DECCA), Alexander Melnikov (HM), Wilhelm Kempff (DG). Bei zwei Aufnahmen war ich mir sofort sicher, diese unter die 3 Lieblingsaufnahmen einzuordnen. Nach 3 Hörrunden kann ich nun die 3 Lieblingsaufnahmen listen. Ist es nicht nur Zufall, dass hier alle 3 Künstler(innen) der russischen Klavierschule angehören ?


    Anna Vinnitskaya, p


    (alpha classics, DDD, 2015)



    Anna Vinnitskaya ist Schülerin von Evgeny Koroliov und mittlerweile selbst Professorin an der Hamburger Musikhochschule. Ich finde sie von der Sonorität und der eleganten Phrasierung sogar interessanter. IMO sehr sanghaft und doch den polyphonen verläufen gerecht werdend. Sie bringt den Flügel erstaunlich zum Erblühen.


    Emil Gilels, p


    (Praga, ADD, live, 1973)


    Gilels-250039_BIG.jpgDies


    Diese CD habe ich mir damals während eines Aufenthaltes in Faro (Portugal) als Andenken gekauft. Vielleicht etwas übersteuert aufgenommen. IMO trotzdem klanglich sehr gut eingefangen, man sitzt beim Prager Frühling in der 1.-3. Reihe ! Gilels bringt mit seiner Virtuosität die Capriccii zum Glühen, sehr flexibel in der Phrasierung der Intermezzi. man hört lustigerweise einen ‚Schlüssel‘ zu Boden gehen.


    Alexander Melnikov, p


    (HM, DDD, 2007)


    Horn Trio Op.40


    Hier spielt Melnikov wieder den restaurierten Bösendorfer-Flügel von 1875. Mehr noch als die obigen arbeitet er die Stimmführungen aus. Die winzigen Rubati sind traumhaft gesetzt.


    LG Siamak

  • Hallo,


    Drei Intermezzi Op.117


    Brahms komponierte während seines Sommeraufenthaltes 1892 in Bad Ischl neben den sieben Phantasien Op.116 auch diese drei Intermezzi Op.117. Er bezeichnete sie auch als ‚Wiegenlieder seiner Schmerzen‘. Sie sind durchweg vom Tempo Andante. Das letzte Intermezzo cis-moll vermittelt eine eher düster-melancholische, fast resignierende Stimmung. IMO kommt es bei diesem Tryptichon auf Gesangskunst und Darstellung der feinen Schattierungen an.


    Mir standen insgesamt 11 Aufnahmen auf CD zur Verfügung: Arcadi Volodos (Sony), Geza Anda (Audite), Ivo Pogorelich (DG), Julius Katchen (DECCA), Valery Afanassiev (Denon), Lars Vogt (EMI), Eduard Erdmann (Bayr. Archiv), Paul Baumgartner (Ermitage, live), Radu Lupu (DECCA), Wilhelm Kempff (DG), Mihaela Ursuleasa (Berlin classics). Lars Vogt finde ich ziemlich ‚eindimensional‘. Alle anderen Interpretationen haben IMO den Kern der Werke erfasst und auf ihre Art faszinierend umgesetzt. Aufnahmetechnisch ist die uralte Aufnahme Erdmanns im Nachteil. Es ist letztlich eine geschmacksfrage, welcher der Aufnahmen man den Vorzug gibt. Nach 3 Hörrunden konnte ich mich für 3 Aufnahmen entscheiden.


    Geza Anda, p


    (Audite/WDR, ADD, 1960)


    23408-edition_geza_anda_ii_beethoven_brahms_liszt.jpg


    Geza Anda fasziniert mich mit einem eher ‚klassischen‘ Zugang, formbewusst und eher dezenten Rubati. Sein runder Ton und die wirksame betonung der Bässe hebt ihn IMO deutlich heraus. Aufnahmetechnisch sehr gut eingefangen.


    Ivo Pogorelich, p


    (DG, DDD, 1991)


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    Ich bin ein ewiger Pogo-Fan. Seine mikroskopische sowohl klanglich als auch strukturelle ‚Analyse‘ bringt IMO eine wunderbare Interpretation zu Tage. Sein Anschlag ist so delikat. Ich sah ihn als Konkurrenten zu Valery Afanassiev, der teilweise zu langsam spielt (IMO), außerdem benutzt er deutlich mehr Pedal. Ebenfalls zog ich Pogorelich Arcadi Volodos vor. Volodos ist ein Meister der leisen Abstufungen. IMO klingt Brahms bei ihm zu impressionistisch, fast wie Mompou.


    Mihaela Ursuleasa, p


    (Berlin Classics, DDD, 2009)



    Mihaela Ursuleasa ist IMO eine ‚Jahrhundert-Pianistin‘ gewesen. Auf ihrer Debüt-CD spielt sie hier Brahms Op.117 mit einem derart schönen runden Ton und einer ‚überirdisch‘ empfundenen Synthese von Klangempfinden und organischem Fluss der Motive. Aufnahmetechnisch exzellent. Die Pianistin verstarb 2012 im Alter von 33 Jahren an einer Hirnblutung.


    LG Siamak

  • Hallo,


    2 Rhapsodien Op. 79


    Brahms komponierte diese beiden Klavierstücke während seines Sommeraufenthaltes in Pörtschach am Wörther See 1879. Er führte sie dann 1880 in Krefeld erstmalig öffentlich auf.

    Dem Titel entsprechend entfalten die Stücke eine kompakte klangliche Atmosphäre in den Hauptthemen mit leicht ‚ungarischem‘ Akzent. Während die erste Rhapsodie (h-moll) in Liedform geschrieben ist mit einem sehr lyrisch-wehmütigen Mittelteil, entspricht die zweite Rhapsodie (g-moll) dem Sonatenhauptsatz.


    Die zweite Rhapsodie lernte ich erstmalig in der Schule (9. Jahrgangsstufe) kennen. Unser Musiklehrer, welcher sogar das Diplom als Konzertpianist hatte, präsentierte sie und sprach über Geza Anda und seine Sicht ! Meine erste Aufnahme beider Stücke war die DDD-Einspielung Glenn Goulds (CBS) auf MC. Leider habe ich sie nicht auf CD.


    Nun standen mir 5 Aufnahmen zur Verfügung (CDs): Anna Vinnitskaya (Alpha classics), Gerhard Oppitz (RCA), Ivo Pogorelich (DG), Julius Katchen (DECCA) und Radu Lupu (DECCA). Selbstverständlich handelt es sich durchweg um gelungene Einspielungen. Aber schon nach der ersten Hörrunde konnte ich mich für 3 Lieblingsaufnahmen entscheiden !


    Anna Vinnitskaya, p


    (Alpha classics, DDD, 2015)



    Wie schon bei Op.116 bin ich extrem beeindruckt von dieser Pianistin ! Anna Vinnitskaya hat einen betörend schönen runden Klavierton, spielt sehr sonor und scheut nicht vor virtuosen Mitteln. Nichts verschwimmt, alle Binnenstrukturen werden herausgearbeitet.


    Ivo Pogorelich, p


    (DG, DDD, 1991)



    Als ‚Pogo-Fan‘ ein ‚Muss‘ für mich. In der Grundanlage der Interpretation erinnert er mich etwas an Glenn Gould. Pogorelich spielt ‚manirierter‘, dehnt die lyrischen Episoden weit. Aber die Konstruktion fällt nicht auseinander. Sein Klang, sein Ton, seine Anschlagsrafinesse sind IMO einzigartig.


    Julius Katchen, p


    (DECCA, ADD, 1964)



    Julius Katchens übermenschliche Virtuosität und sein sonores Klangempfinden nehmen mich sofort gefangen. Ein Klassiker.


    LG Siamak

  • Hallo,


    Vier Klavierstücke Op.119


    Brahms komponierte das letzte Solo-Klavierwerk zusammen mit den Sechs Klavierstücken Op.118, welche für mich den eigentlichen Abschluss des Brahmsschen späten Klavierwerkes darstellen. Die ersten drei Stücke wurden ‚Intermezzo‘ bezeichnet, das letzte ‚Rhapsodie‘. Während die Intermezzi eine resignative Grundstimmung innehaben, scheint Brahms in der Rhapsodie, auch emotional, ein letztes Mal Energie zu bündeln, quasi als Reminiszenz an die jungen Jahre.


    Mir standen 6 Aufnahmen auf CD zur Verfügung: Gerhard Oppitz (RCA), Lars Vogt (EMI), Julius Katchen (DECCA), Valery Afanassiev (Denon), Radu Lupu (DECCA) und Wilhelm Kempff (DG).


    Nach 2 Hörrunden konnte ich mich für 3 Lieblingsaufnahmen entscheiden.


    Julius Katchen, p


    (DECCA, ADD, 1965)



    Sein Klangempfinden und sein virtuoser Zugriff in der Rhapsodie überzeugen erneut.


    Radu Lupu, p


    (DECCA, ADD, 1976)



    IMO kommen hier die Qualitäten, welche Radu Lupu bei Schubert so herausragend unterstützen, bei diesen Werken zu Gute. Man braucht schon beim ersten Intermezzo ihn nur mal mit Lars Vogt vergleichen. Lupu spielt ungemein bewegter und sonorer. Die Musik atmet und pulsiert, bei Vogt klingt es IMO doch dünn und unbewegt. Für die Rhapsodie hat er die virtuosen Mittel des Zugriffs.


    Valery Afanassiev, p


    (Denon, DDD, 1992)



    Während Afanassiev in den Opp. 117-118 IMO doch zu sehr dehnt, finde ich ihn hier noch adäquat. Sein Ton und Klangempfinden sind außergewöhnlich und die Rhapsodie kommt mit dem nötigen Zugriff.


    LG Siamak

  • Bei den beiden Rhapsodien op. 79 hatten für mich immer schon die RCA-Aufnahmen von Artur Rubinstein einen Sonderstatus. Rubinstein liebte Brahms seit seiner Jugend. Und er ist in der Tat ein geborener Brahms-Spieler. Er bringt schlicht alle Voraussetzungen dafür mit: den kernigen Ton, der immer empfindsam ist, aber nie sentimentalisierend die Musik aufweicht, diese gewisse herbe Schönheit und Sinn für die dramatische Kraft, ohne jemals zu theatralisieren und natürlich seine typische Natürlichkeit und den Sinn für Form-Klassizität. Heraus kommt so ein wahrlich "exemplarischer" Brahms. Geradezu ideal die Rhapsodie op. 79 Nr. 2:



    Enthalten ist die Aufnahme in dieser preiswerten Box, dazu u.a auch die Sonate Nr. 3 op. 5, eine Rubinstein-Sternstunde. Für mich ist diese Aufnahme aus der Stereo-Frühzeit, in der einfach alles stimmt, immer die Referenz gewesen und sie ist es bis heute auch geblieben:



    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,


    ich hatte als Schüler die Rhapsodien Op.79 mit einigen Stücken aus Op.76 kombiniert mit Schumanns Kreisleriana auf einer MC (RCA).


    LG Siamak

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  • Hallo,


    Sechs Klavierstücke Op.118


    Brahms komponierte genauso wie die vier Stücke Op.119 die sechs Stücke Op.118 während seines Sommeraufenthaltes in Bad Ischl. Wahrscheinlich wurden die Stücke aus Op.118 nach den Op.119 geschrieben. Aus den Briefwechseln mit Clara Schumann geht hervor, dass sie zuerst die Op.119 und dan die Stücke Op.118 zur ersten Einsicht bekam.

    Viele sehen in Op.118 eine Art finale Konzentration an harmonisch und strukturellen Funktionen auf engstem kompositorischen Raum, eine Art resumeé. Unzweifelhaft wird im A-Teil des sechsten Stückes (es-moll) mit dem ‚Dies irae‘-Motiv gearbeitet. Der Mittelteil ist eine Art letztes energisches ‚Aufbäumen‘. Für mich ist dieser Zyklus in der Abfolge ein Abschied von der Klavierbühne. Brahms hat die Stücke nie öffentlich gespielt, dafür aber nicht-öffentlich im Wiener Tonkünstlerverein. Ich höre diese Stücke am liebsten allein, da sie mich komplett vereinnahmen.


    Mir standen 7 Aufnahmen auf CD zur Verfügung: Arcadi Volodos (Sony), Detlef Kraus (Thorofon), Lars Vogt (EMI), Julius Katchen (DECCA), Radu Lupu (DECCA), Valery Afanassiev (DENON) und Wilhelm Kempff. Ich benötigte doch insgesamt 4 Hörrunden über längere Zeit verteilt, um mich für 3 Lieblingsaufnahmen zu entscheiden. Selbstverständlich erfassen alle Pianisten den inneren Kern dieser einzigartigen Werke. Lars Vogt klingt mir doch zu eindimensional. Julius Katchen ist wie immer top, doch IMO teilweise ‚zu virtuos-konzertant‘. Wilhelm Kempff spielt wie auch bei den Opp. 116-119 sehr verinnerlichend und empfindsam. Ich finde, dass er durch die Aufnahmetechnik etwas vernachlässigt wird.


    Arcadi Volodos, p


    (Sony, DDD, 2017)



    Volodos hat die anschlags- und phrasierungstechnischen Mittel, in das Innerste vorzudringen. Vielleicht ist sein Ansatz manchmal zu sehr klangbezogen, fast impressionistisch, aber es ist eine sehr überzeugende eigene Richtung.


    Detlef Kraus, p


    (Thorofon, ADD, 1974)



    Hier verweise ich auf vorherige Besprechungen in diesem Thread. Detlef Kraus hat sich ein Leben lang fokussiert mit Brahms beschäftigt. Das hört man in jedem takt, jeder Nuance. Die kontrapunktischen Verläufe werden hier IMO am deutlichsten herausgearbeitet.


    Valery Afanassiev, p


    (DENON, DDD, 1992)



    Hier haben wir wieder einen eigenen Weg der Darstellung. Afanassiev dehnt die ‚Zeit‘ dieser Stücke. Ich mag das, da es länger dauert, bis es vorrüber ist. Er schafft es, dass die Struktur nicht auseinanderfällt. Was für ein Wunder, wie er den Flügel zum erblühen bringt. Ich habe ihn vor vielen Jahren damit live in Mülheim a.d. Ruhr erlebt.


    Hiermit ist für mich das Brahmssche Solo-Klavier in diesem Thread abgeschlossen !


    LG Siamak

  • ch hatte als Schüler die Rhapsodien Op.79 mit einigen Stücken aus Op.76 kombiniert mit Schumanns Kreisleriana auf einer MC (RCA).

    Lieber Siamak,


    das waren noch Zeiten! :) Ich hatte mir etliche CDs aus der sehr guten Düsseldorfer Musikbücherei am Hauptbahnhof auf Cassette überspielt. Dazu auch einige Konzerte aus dem Rundfunk aufgenommen. So das Hamburger und Berliner Konzert von Horowitz, die erst Jahrzehnte später auf CD veröffentlicht wurden. Mein an sich sehr gutes altes Cassettendeck (Harman Cardon CD 91C) ist heute leider nicht mehr benutzbar - macht extreme Gleichlaufschwankungen. Da muss man wahrscheinlich nicht nur den Riemen auswechseln, sondern auch den Motor reinigen oder austauschen. Zum Glück habe ich mir die wichtigsten Cassettenaufnahmen noch mit meinem (inzwischen auch schon leider verschrotteten) Yamaha Hifi-CD-Brenner auf CD-Rs kopiert. :hello:


    Schöne Grüße

    Holger

  • Für die


    Sinfonie Nr. 2 D-Dur, op. 73


    nominiere ich:


    -Seitdem ich die Aufnahme kenne, ist sie meine liebste. Der junge Abbado (Aufnahme vom November 1970) betont mit recht breiten Tempi (21'46, 10'20, 5'36 und 9'37) den "pastoralen" Aspekt dieser Sinfonie (in Anlehnung an den gerne einmal getroffen Vergleich dieser Sinfonie zu Beethovens 6.) und kostet die "romantischen Momente" mit Liebe und Hingabe aus. 1988, in seiner späteren Aufnahme, ging er wesentlich "klassizistischer" zu Werke. Auch sehr gut, aber nicht mehr so überzeugend.


    -Diese Aufnahme habe ich detaillierter im Johannes Brahms: Sinfonie Nr. 2 in D-Dur, op. 73 -Thread beschrieben. Faszinierend und hörenswert wegen der flexiblen Tempogestaltung, der Transparenz und der Spielfreude.


    -Für mich eine der am meisten unterschätztesten Gesamtaufnahmen überhaupt (wie leider so einiges, was Semyon Bychkov aufnahm; man denke nur an seinen "Lohengrin", ebenfalls mit dem WDR SO eingespielt).


    Auffallend an den beiden ersten Sätzen ist das transparente Orchesterspiel und die sehr gute Detailbehandlung. Einzelne Instrumente sind in in einer Deutlichkeit zu hören, wie es nur ganz selten der Fall ist. Spätestens, wenn man den dritten Satz, das "Allegretto grazioso (Quasi andantino)-Presto ma non troppo", hört, spürt man den Ausnahmerang dieser Interpretation. Bychkov nimmt das "grazioso" sehr ernst, spielt mit den Tempi und der Dynamik und lässt diesem Satz eine Zartheit, eine Leichtigkeit angedeihen, wie ich sie in dieser Form in keiner anderen Aufnahme gehört habe. Ganz großes Kino. ;) :thumbup:


    Wie so häufig bei großartigen Interpretationen großartiger Werke gibt es etliche, die leider ganz knapp nicht berücksichtigt werden konnten. U.a. seien genannt Günter Wand (1992 mit dem NDR SO), Sir Georg Solti, Sir John Eliot Gardiner, Ernest Ansermet, James Levine (Wien), Pierre Monteux, George Szell, Rafael Kubelik (München), Howard Griffiths, Riccardo Muti, Bernard Haitink (Boston) und Marek Janowski.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Hallo,


    Klaviertrio Nr.1 H-Dur Op.8


    Brahms komponierte eine ‚Urfassung‘, welche er 1854 wenige Monate nach dem Besuch Robert Schumanns fertigstellte. Dem reifen Brahms gefiel außer dem 2. Satz (Scherzo) vieles in seinem Jugendwerk nicht, so dass er die anderen 3 Sätze einer erheblichen revision unterzog und 1889 seinem Verleger Simrock übergab. Das wunderbar schwelgerische Hauptthema des ersten Satzes, welches als erstes vom Violoncello vorgetragen wird, hatte Brahms so belassen.


    Mich hatte dieses Werk vom ersten Hören an leidenschaftlich gepackt. Und diese Wirkung hat das Werk bis heute auf mich bewahrt. Ich lernte es damals während des Studiums mit der EMI-Aufnahme mit Ulf Hoelscher, Heinrich Schiff und Christian Zacharias auf MC kennen. Leider habe ich diese Aufnahme nicht auf CD.


    Nun standen mir 5 Aufnahmen zur Verfügung: Heifetz/Feuermann/Rubinstein (RCA), Szeryng/Fournier/Rubinstein (RCA), Tetzlaff/Tetzlaff/Vogt (ONDINE), Capucon/Capucon/Angelich (Virgin) und Suk/Starker/Katchen (DECCA). Die frühe Rubinstein-Aufnahme ist als Dokument natürlich beeindruckend, aber klangtechnisch im Vergleich zu den Stereo-Aufnahmen nachteilig.


    Christian Tetzlaff, v

    Tanja Tetzlaff, v’cello

    Lars Vogt, p


    (Ondine, DDD, 2015)



    Es handelt sich hierbei gewissermaßen um eine ‚familiäre‘ Konstellation. Die Geschwister Tetzlaff und Lars Vogt spielen seit langer Zeit zusammen. Bis in die feinsten Nuancen ist das Spiel abgestimmt. IMO eine sensationelle Interpretation und dazu noch exzellente Akustik.


    Renaud Capucon, v

    Gautier Capucon, v’cello

    Nicholas Angelich, p


    (Virgin, DDD, 2003)



    Wie auch bei der obigen Aufnahme spielen die Streicherparts Geschwister. IMO hören wir hier eine ‚französiche‘ Auslegung des Werkes mit eleganter Stimmführung und Klang. Die Aufnahme überzeugt gerade in den lyrischen Momenten.


    Josef Suk, v

    Janos Starker, v’cello

    Julius Katchen, p


    (DECCA, ADD, 1968)


    R-3616887-1337535146-3876.jpeg.jpg


    Hier handelt es sich freilich um einen ‚Klassiker‘ unter den Brahms-Platten. Eine im Prinzip noch sehr romantische Aufführungspraxis mit dem legendären Brahms-Pianisten Katchen. Die Aufnahme entstand etwa 1 Jahr vor seinem frühen Tod. Katchen ist hier im Vergleich zu Vogt und Angelich IMO der dominanteste Pianist und mit dem virtuosesten Zugriff. Tolles Zusammenspiel.


    LG Siamak

  • Lieber AcomA02 ,


    die Tetzlaffs mit Vogt hatte ich mir auch vor kurzen angehört und war ebenfalls sehr angetan. Das war ein Angebot unseres Sponsors, das es leider jetzt nicht mehr gibt. Den Angelich und die Capuçons besitze ich in einer Kassette und werde ich mir in naher Zukunft anhören. Leider habe ich den Katchen nicht. Werde mal im Urwald auf Suche gehen :) Ist denn auf der Katchen CD auch das Trio Nr. 1 drauf? Beim ersten Blick auf das Cover würde man das nicht denken.


    Beste Grüße

  • Lieber Axel,


    ich habe im Netz dieses Cover gefunden, dass dem meiner Doppel-CD entspricht. Ja, der Aufdruck ist verwirrend. Es sind alle 3 Klaviertrios und die 2. Cellosonate drauf.


    LG Siamak

  • Hallo,


    Klaviertrio Nr.2 C-Dur Op.87


    Brahms komponierte dieses Trio etwa 25 Jahre nach der Urfassung des 1. Trios. Der kompakte 1. Satz wurde 1880 und die folgenden 3 Sätze 1882. Brahms führte es öffentlich in Frankfurt a. M. 1882 mit Joseph Joachim und Robert Hausmann auf. Absolut begeistert bin ich vom leidenschaftlichen Variationssatz und dem jubelnden Finalsatz.


    Meine 3 Lieblingsaufnahmen entsprechen quasi Denen des ersten Trios.


    Christian Tetzlaff, v

    Tanja Tetzlaff, v’cello

    Lars Vogt, p


    (Ondine, DDD, 2015)



    Renaud Capucon, v

    Gautier Capucon, v’cello

    Nicholas Angelich, p


    (Virgin, DDD, 2003)



    Josef Suk, v

    Janos Starker, v’cello

    Julius Katchen, p


    (DECCA, ADD, 1968)


    Klaviertrios 1+2


    LG Siamak

  • Für die


    Sinfonie Nr. 3, F-Dur, op. 93


    nominiere ich:



    -Mit seinen sehr rasanten, aber nicht übertrieben schnellen Tempi lässt Chailly den Hörer die Sinfonie stellenweise neu kennenlernen. Was dem dritten Satz vielleicht etwas am Charme fehlt, machen der stark rhythmisch geprägte erste Satz und die Befreiung des Finalsatzes von jeglicher übermäßigen "Erdenschwere" mehr als wett.



    -In dieser Live-Aufnahme vom 14. Februar 1990 begeistert nicht nur die "klassizistische Wucht", sondern insbesondere das perfekt aufeinander abgestimmte, gleichsam liebevolle wie auch engagierte Orchesterspiel. Es ist deutlich zu hören, dass zu dem Zeitpunkt der Aufnahme das Orchester und der Dirigent bereits über sieben Jahre zusammen arbeiteten und sich wunderbar aufeinander einstellten und bestens miteinander harmonierten.



    -Unübertroffen transparent in deutscher Orchesteraufstellung, mit sehr schön fließenden Tempi und der idealen Mischung aus "Strenge" und "Liebe". Michael Gielen und "sein" damaliges Orchester präsentierten sich 1993 in Bestform.


    Das obligate, ehrlich gemeinte "sorry" geht an u.a. Ernest Ansermet, Antal Dorati, Paavo Järvi, George Szell, Rafael Kubelik (SO des Bayer. Rdfs.), Semyon Bychkov, Sergiu Celibidache (Stuttgart) und James Levine (Wien), die es ebenfalls mit ihren hervorragenden Interpretationen verdient hätten nominiert zu werden.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler


  • Bei der


    Sinfonie Nr. 1, c-moll, op. 68


    sind meine Favoriten:


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    -Eduard van Beinum dirigiert das Concertgebouw Orchester, Aufnahme vom Oktober 1958


    Meine liebste Aufnahme des Werkes. Traumhaftes, sonores Orchesterspiel, wunderbarer musikalischer Fluss, sehr feine dynamische Abstufungen und Hingabe ohne Sentimentalitäten kennzeichnen diese (für das Alter) hervorragend klingende Aufnahme.



    Rafael Kubeliks "böhmischer Brahms" vom April 1983 zeigt Brahms aus der Sicht von Dvorak. Nicht übermäßig "schroff", aber durchaus "zupackend", wenn es sein muss, mit Raum und Platz für Lyrik und Harmonik.


    Bei der dritten Nominierung wird es schwierig, denn da musste ich mich zwischen Günter Wand und Günter Wand entscheiden.


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    Die Aufnahme mit dem NDR SO stammt vom 1. Februar 1990 und zeigt eine ideale musikalische Übereinstimmung zwischen Orchester und Dirigenten. "Wucht und Größe" sind hier deutlich spürbar. Letzteres gilt natürlich auch für die 1989 entstandene Einspielung mit dem Chicago Symphony Orchestra, aber die orchestrale Klasse, bei aller Wertschätzung für die NDR Sinfoniker, gibt den leichten Ausschlag zugunsten der Zusammenarbeit mit dem US-Orchester.


    U.a. Karl Böhm (Berlin und Köln), Bernard Haitink (Dresden). Sir Roger Norrington (London), Herbert von Karajan (Wien), Claudio Abbado, Otto Klemperer, Sir Georg Solti und Marek Janowski sowie die im vorherigen Beitrag genannten Dirigenten haben mir mit ihren Interpretationen ebenfalls sehr gut gefallen.

    Grüße aus der Nähe von Hamburg


    Norbert


    Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.

    Gustav Mahler