Falscher Haydn - Echter Hofstetter ? - Joseph Haydn: Streichquartette op 3 Nr 1-6 Hoboken III:13-18

  • Ich habe die sechs "unechten" Haydn- Quartette op 3 in die Serie der Haydn Streichquartette aufgenommen, und folge hier Joseph Haydn selbst, der sie als authentisch anerkannt hat. Man vermutet hier im algemeinen einen Fehler Haydns, es ist aber auch nicht ausgeschlossen, daß es sich um einen Akt von Altersbosheit handelt, aus Rache dafür, daß zahlreiche Werke fremder Autoren ihm untergeschoben wurden und er daran kein Geld verdient gat. In diesen Dingen war Haydn eher ungemütlich, denn er war - auch wenn das nicht allzu bekannt ist - ziemlichmerkantil veranlagt.

    Auch Hobokken, das Verzeichnis ist das beste Zeugnis dafür,hielt die Werke für echt. Erste Zweifel kamen schon 1939 auf, die endgültige Bestätigung erfolgte erst 1964, wenngleich sie noch 1985 angezweifelt wurde. Der erste Druck enthielt ein Bildnis Haydns, indes war bei zwei Druckplatten von einzelnen Stimmen der Name Romanus Hofstetter entfernt worden.

    Letztlich führte das dazu, daß die Werkem die eigentlich sehr hübsch sind, weder aufgeführt, noch aufgenommen werden - Die Naxos- Aufnahme macht hier eine Ausnahme. Persönlich - das hab ich erst vor etwas einer Stunde festgestellt, habe nur die Quartette 15-16, die ersten beiden fehlen noch - aber nicht lange....

    So - der Thread ist mal installiert - Über die Musik selbst schreibe ich in den nächsten Tagen...


    mfg aus Wien

    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Alfred_Schmidt

    Hat den Titel des Themas von „Falscher Haydn - Echter Hofstetter ? Joseph Haydn: Sreichquartette op 3“ zu „Falscher Haydn - Echter Hofstetter ? - Joseph Haydn: Streichquartette op 3 Nr 1-6 Hoboken III:13-18“ geändert.
  • Das "Serenadenquartett" op.3 Nr.5 war ja viele Jahrzehnte lang eines der berühmtesten Quartette, so dass der titelgebende Satz sogar (zusammen mit dem berühmten Menuett Boccherinis) in dem Film "Ladykillers" als beispielhafte Kammermusik verwendet wurde.

    Gerade dieser Satz liegt nahe an dem enstprechenden aus op.1 Nr. 6 und auch sonst gibt es natürlich Ähnlichkeiten zu Haydns frühen Werken. Auffällig ist allerdings, dass ein dreisätziges Werk (#2) und ein zweisätziges (#4) auftauchen, was es bei Haydns Quartetten sonst nie gibt. Das wäre sehr überraschend, zumal Haydn sowohl in den authentischen Werken aus op.1 und 2 als auch noch stärker in op.9 und 17 sehr eng seinen jeweiligen Mustern mit 5 bzw. 4 Sätzen in den entsprechenden Satztypen und -folgen folgt. Eine Abfolge der Art von Mozarts berühmter A-Dur-Sonate (langsame Variationen - Menuett - schnelles Finale) wie in op.3 Nr.2 gibt es bei Haydn meines Wissens niemals, auch in keinem gemischten Divertimento, Trio oder Klaviersonate. Nun wäre das bei einem so experimentierfreudigen Komponisten wie Haydn noch kein sehr gutes Argument gegen die Autorschaft. Dazu kommt aber die Veröffentlichung erst 1777.

    Haydn hätte vielleicht in den frühen 1760ern so eine Reihe wie op.3 komponieren können, aber nach opp. 9,17,20 wäre für mich ein solcher Rückschritt undenkbar. Und dass Musik 15 Jahre lang in der Schublade oder Esterhazys Musikbibliothek lag, dann aber in Paris gedruckt worden wäre, gab es normalerweise auch nicht.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Ich habe nun die Quartette 3-6 Dieses opus 3 nun - nach Jahren wieder man - gehört und muß sagen: Ich bin begeistert !!!

    Wer immer diese Quartette geschireben haben mag war ein Meister seines Fachs und hat seinen Haydn gut gekannt (und gekonnt)

    An manchen Stellen klingen (für einen Laien) die Quartette "haydnscher" als Haydn.

    Aber man sollte auch nicht völlig ausschliessen, daß sie wirklich von Haydn sind. Immerhin hat Haydn sie ja bestätigt. Dazu weiter unten mehr.

    Die Quartette klingen sehr eingängig, weniger "gelehrt" als manches von Haydn, wobei das von geringer Relevanz ist, wenn man die Enstehungszeit betrachtet. Das berühmte "Serenadenquartett" klingt im namensgebenden 2. Satz schon sehr nach Boccherini. Hier ist wieder anzumerken, daß die sonst bei keinem anderen Werk Haydns der Fall ist.

    Im ursprünglichen Entwurfsverzeichnis von Haydn (von im selbst geführt) waren diese Quartette nicht enthalten, erst in jenem, das von Joseph Elssler d. J. (Andere Quellen nennen hier seinen Bruder Johann Elssler) um 1805 unter Haydns Aufsicht angelegt wurde sind sie enthalten.

    Egal - ab sie nun von Haydn sind, oder Haydn sich geirrt hat (er soll an der neuerlichen Katalogisierung seiner Werke ein ziemliches Desinteresse bekundet haben) oder aber ob ihm die Werke so gefallen haben, daß er sie einfach "anektierte", was ihm selbst im Laufe seines Lebens mit seinen Werken oft in form von unautorisierten Drucken passiert ist - und worüber er sich stets ärgerte - wir wissen es nicht

    Und es ist auch unbedeutend.

    Die Naxos Ausgabe der Quartette op 3 Nr 3-6 enthält ein sehr gut informiertes Booklet - und hält sich neutral bedeckt ("Die geschworenen beraten noch") - mit Stand von 1990

    Das Kodaly Quartett hatte zum Zeitpunkt der Aufnahme einen seiner besten Tage und die Akustik des "Phönix-Tonstudios2 ist jener weit überlegen, die von Naxos in diversen Kirchen gemacht wurde...

    Die Quartette 1 und 2 werden - so Gott will - noch heuer angeschafft....


    mfg aus Wien

    Alfred

    -

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Dass der Bookletautor den Fall offen darstellt, mag man verstehen, aber er ist es eigentlich nicht mehr. Das einzige, was für eine Autorschaft Haydns spricht, ist, dass er Pleyels Anfrage "abgenickt" hat. Haydn war alt und hatte keine Lust, sich damit zu befassen und sicher kaum noch einen Überblick, was er mehr als vierzig Jahre vorher komponiert hatte. (Er hat ja auch die Bearbeitungen fremder Hand, die in in opp.1 und 2 hineingerieten, nicht moniert.)


    Ansonsten sind die Belege gegen eine Autorschaft Haydns überwältigend (nach Georg Feder, Haydns Streichquartette, München: Beck 1998, S. 17f.)

    - Haydn führte ab ca. 1764 einen "Entwurfkatalog" (EK), also eine interne Liste seiner Kompositionen (vgl. dem berühmten "Verzeichnüss" Mozarts). Dort sind die meisten der (schon vorher entstandenen) Divertimenti op.1+2 angeführt (selbst "op.1 Nr.0", das erst im 20. Jhd. entdeckt wurde und bei Pleyel fehlte) und die Quartette ab op.9. "Op.3" fehlt dagegen.

    - Es gibt keine Quellen vor der Druckausgabe von 1777, alle späteren Abschriften scheinen auf diese zurückzugehen; die sonstigen frühen Raubkopierer haben op.3 anders als viele andere seiner frühen Werke ignoniert (bzw. es lag ihnen eben nicht vor, weil Haydn keine Quelle für die Stücke war). Stilistisch ist op.3 als Werk Haydns aber eigentlich nur zwischen op.2 und 9, also Anfang/Mitte der 1760er denkbar.

    - Haydn hat nichts bei dem Pariser Verleger Bailleux, der "op.3" herausgab, verlegt, der Verleger hat dagegen noch andere unterschobene Haydn-Werke herausgebracht.

    - Hofstetters Name ist noch auf einigen Drucken erkennbar

    - Hofstetter hatte ein weiteres Opus komponiert, das 1772 unter eigenem Namen in Amsterdam, 1774 in London als von Haydn stammend herausgegeben wurde.

    - Das Finale op.3,3 G-Dur ist angeblich an das Finale aus op.9,5 B-Dur sehr eng angelehnt. Das spricht natürlich für eine Entstehung in den 1770ern.

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Lieber johannes Roehl,

    Es ist sehr beachtlich und lobenswert, was Du da aus unserem kleinen thread gerausgeholt und an Informationen zusammengetragen hast.

    Da gibt es kaum mehr was datu zu ergänzen, vielleicht lediglich, dass das Booklet zur besagten Naxos CD aus der Zeit deren Entstehung stammt, also 1990, das ist 31 Jahre her (erstaunlich, wie alt das Medium CD schon ist') und daß es vielleicht verzeihlich - weil die einzige Rettungsmöglichkeit dieser Werke, sie Haydn weiterhin zuzuschreiben (ähnlich wie der lange Zeit fälschlich Rembrandt zugeschriebne "Mann mit dem Goldhelm"), weil - auch das gilt heute nur mehr bedingt - das Publikum ist lediglich an Kunstschaffenden aus der ersten Reihe interessiert., siehe auch die lange Zeit zugeschriebne "Kindersinfonie", wo selbst die Zuschreibung an Leopold Mozart (nach einer zwischenzeitlichen an MICÄHAEL Haydn) noch nicht absolut sicher ist.


    Er wäre schade, wenn solche Werke in der Versenkung verschwänden, denn ihre Qualität ist erstklassig. Typisch, daß oft die "unechten" Werke ganz vorne an der Spitze der Bekanntheit stehen - solange man sie für "echt" hält

    Danach werden sie zumeist geächtet, da die Interpreten Angst haben als "zweitklassig" zu gelten, wenn sie sowas spielen....


    mfg aus Wien

    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Ich hab noch was - wie ich meine - Interessantes gefunden. Nämlich eine Anmerkung auf dem von Johann Florian Elßler (1769-1843) 1805 unter der Aufsicht von Haydn gemachten Werkeverzeichnis, welches lange Zeit dazu verwendet wurde die Authentizität von op 3 zu untermauern.

    Da heisst es nämlich: (Hervorhebung von mir)


    Verzeichniß aller derjenigen Compositionen. welche ich mich beyläufig erinnere, von meinem 18ten bis in das 73. Jahr verfertigt zu haben.


    mfg aus Wien

    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Ja, das ist eben nicht der sog. "Entwurf-Katalog", den Haydn zeitnah ab 1764 führte, sondern ein mit dem sehr alten Haydn erstelltes Verzeichnis. Ich weiß nun nicht, was Haydn noch anerkannt hat, das inzwischen als inauthentisch gilt, aber ich vermute, dass op.3 die bekanntesten Werke sind. (In anderen Fällen wie den aus op.1 und 2 ausgesonderten Werken, waren es ja durchaus Werke Haydns, nur eben in von anderer Hand arrangierter/reduzierter Form.)

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)