Die Meistersinger, Deutsche Oper Berlin, 18.6. u. 9.7. 2022

  • Umbesetzungen


    Am 18. Juni habe ich die zweite, gestern, am 9. Juli 2022, die sechste Vorstellung der Meistersinger in der Inszenierung des Regieteams Jossi Wieler/Anna Viebrock/Sergio Morabito gesehen. Die Premiere war am 12. Juni. Der etatmäßige Hans Sachs, Johan Reuter, war gestern krank und mußte sehr kurzfristig durch Thomas Johannes Mayer ersetzt werden, der nur drei Stunden Zeit zur Vorbereitung gehabt haben soll. Auch Clemens Bieber (Ulrich Eißlinger) fiel aus. Für ihn sang Timothy Oliver. Die ersten vier Vorstellungen hatte Markus Stenz dirigiert, die letzten beiden John Fiore.


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    Prüfungen


    Die Meistersinger sind eine Prüfungsoper. Stolzing wird viermal geprüft, Beckmesser zweimal, David einmal im dritten Akt und Hans Sachs mindestens einmal im zweiten Akt. Die Regie hat die Handlung aus dem mittelalterlichen Nürnberg in eine Musikhochschule, wo Gesangsprüfungen Alltag sind, verlegt. Das ist durchaus schlüssig. Die kleinen Meister sind das Kollegium, Sachs eher ein Hausmeister – jedenfalls ein unkonventionell gekleideter Außenseiter, bäuchig, barfuß, bärtig.

    Es gibt hübsche Details im ersten Akt. Etwa wenn die Lehrbuben/Studenten Atemübungen machen und Klavierauszüge studieren. David gehört nicht dazu, sondern zum technischen Personal – Chef Sachs. Bestimmendes Requisit sind braun gepolsterte Stapelstühle mit verchromten Beinen. Sie werden herein- u. herausgetragen, geworfen und geschleudert, umgruppiert, verstellen Wege und werden aus diesen geräumt. Halbgott Stolzing wird zur Freiung genötigt, auf einem zu sitzen.

    Die Aula, in der das gesamte Geschehen abläuft, ist wandelbar, zeigt aber die unentschiedene Stilmischung öffentlicher Bauten – hölzerne Kassettentüren links, Beton und graue Stahltüren, die die Technikräume verschließen, rechts.

    Thomas Lehman – der ein wuchtiger Heerrufer im Lohengrin am Haus ist – gibt einen öligen Kothner mit X-Beinen, ungestraft übergriffig gegen männliche und weibliche Studenten. Diesen faßt er ans Mieder, jenen schlägt er den Klavierauszug um die Ohren. Ganz anders Beckmesser, Philipp Jekal, dessen Don Estoban ich aus Zemlinskys Zwerg in allerbester Erinnerung habe: Hier überkorrekt zu den Studenten, die ihm das mit Anhänglichkeit danken, aber ein illoyaler Giftzwerg im Kollegium.

    Walther von Stolzing wird von Klaus Florian Vogt gesungen. Souverän und höhensicher gestaltet er die Partie, aber ich hätte mir mehr Akzente in der Schusterstube und am stillen Herd gewünscht. Was Rosses Schritt, beim Waffenritt – das wird schön gesungen, aber da muß Hufschlag zu hören sein und ein kühler Hauch von Gefahr durch den Raum wehen! Der Ritter ist eine Bedrohung für die Krämer und Händler – hier: Prüfer und Pädagogen. Die merken das ja auch sofort und trachten danach, ihn schnell abzuservieren. Das soll sich auch dem Publikum mitteilen! Der Berliner Stolzing aber will nur gefallen und nicht drohen.

    Der Goldschmied (Rektor?) Veit Pogner ist mit Albert Pesendorfer besetzt. Ein Mann wie ein Baum, der alle um Haupteslänge überragt und mit seinem Baß mühelos dominiert. Mir hat das sehr gut gefallen.

    Ya-Chung Huang gibt den David stoisch, denn er muß einiges einstecken. Seine Lene, Annika Schlicht, behandelt ihn ruppig und schlägt ihn gar. In der Johannisnacht trägt er, wie Beckmesser auch, einige Blessuren davon. Er ist der einzige, der mit einem Fliederstrauß kommt, mit dem er dann dem Stadtschreiber ein paar Hiebe verpaßt. Die Probe in der Schusterstube absolviert er auf einem Bein und hält so sein Gleichgewicht.

    Heidi Stobers Eva klebt förmlich an Stolzing und Sachs, singt rollendeckend und hat mir im Quintett wirklich gut gefallen.

    Mich amüsiert immer, daß Stolzing den Meistern mit Am stillen Herd einen perfekt gebauten Bar serviert, der zudem noch improvisiert ist. Er besteht die Meisterprüfung, noch ehe sie beginnt. Konrad Nachtigall merkt das, kann sich aber kein Gehör verschaffen. Die Meister könnten den Ritter durchwinken, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Aber sie bestehen auf der formalen Freiung, die im Tumult endet. In dieser Inszenierung tut Beckmesser alles, um Stolzings Probe zu torpedieren. Er lärmt, klopft mit den Textmarkern wie wild gegen die Tafel und hat die Studenten auf seiner Seite, die Stolzing verhöhnen.


    Belohnungsaufschub


    Gibt es in dieser Inszenierung eine Grundidee, die sich durch die drei Akte zieht? Der barfüßige Sachs ist es nicht, ebensowenig die Crocs, mit denen er statt des Leders hantiert. Zu reparieren hat er sowieso nichts, denn Crocs sind im Spritzgußverfahren gefertigt. Man kann sie nur ersetzen, wenn sie kaputt sind. Beckmesser werden gelbe auf die Füße gezogen, nachdem seine weißen klappen und schlappen.


    Wenn Eva und Stolzing sich schon in der Eingangszene einig sind und einander kaum loslassen können, wenn die Studenten sich in der Johannisnacht, die doch voller Verwirrung, banger Erwartung und diffuser Hoffnung, aber eben nicht voller Erfüllung ist, kopulierend auf dem Boden wälzen, wenn Goldschmiedstochter und Ritter auf der Festwiese die Flugtickets für die Hochzeitsreise schwenken, noch ehe Walther gesungen und gewonnen hat, will mir scheinen, daß wir die Unfähigkeit und Unwilligkeit zum Belohnungsaufschub sehen.

    Die Meistersinger handeln nicht unwesentlich vom Belohnungsaufschub. Fünf Stunden muß das Publikum warten, bis das Preislied endlich komplett ertönt. Immer wieder legt der Komponist den Köder aus, läßt es anklingen und zieht den Hörer in den Bann. Eva weiß eigentlich erst in der Schusterstube, daß Stolzing der ihrige sein wird. Niemandem fällt etwas in den Schoß. Der Ritter muß wohl oder übel die Prüfung durch die Nürnberger über sich ergehen lassen, ehe er die Schönste mit aller Billigung gewinnt, und David erringt Lene nur als Geselle, zu dem Sachs ihn machen muß.


    Doch an diesem Abend werden die schwersten Fragen – doch nun hat’s mich gewählt, zu nie gekannter Qual – gar nicht mehr wirklich verhandelt. Stolzing hat Eva schon gewonnen, wenn sich der Vorhang zum ersten Akt hebt. Sachsens Fliedermonolog klingt schon wie aus der Ferne längst vergang’ner Zeiten, und Beckmessers Werbung ist nicht deshalb vergeblich, weil Eva sich im Laufe des Dramas für Stolzing entscheiden muß, sondern weil die Entscheidung gar nicht ansteht und schon vorweggenommen ist.

    Da wird Terrain aufgegeben, das voller Stolperdrähte und schwer zu traversieren ist. Aber die Lust und die Qual, die Annäherung und die Zurückweisung, die Ungewißheit und die immer auch unvollständige Erfüllung liegen auf ihm und sind anderswo nicht zu gewinnen. Man erklimmt den Berg nicht mehr, sondern läßt sich vom Hubschrauber auf dem Gipfel absetzen.

    So nähert sich Evchen Sachs in der Johannisnacht nicht schüchtern und tastend, so ergibt sich das Könnt’s einem Witwer nicht gelingen? nicht mehr spontan aus der Bedrängnis des Mädchens und Ambivalenz des Verhältnisses zwischen Schuster und Nachbarstochter, sondern die Avancen sind eindeutig und Sachs nimmt sie weitgehend an.


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    Gegen die – sicher fragwürdigen – Ansprüche der Alten, gegen ihre Regeln und Erwartungen wird nicht rebelliert. Man ist von ihnen gelangweilt, und es lohnt nicht, die Auseinandersetzung zu suchen, in der nichts zu gewinnen ist, weil man schon alles hat. Stolzing singt, obwohl er schon gewonnen hat, verweigert die Aufnahme in die Meisterzunft und verschwindet mit Eva für immer. Der dichtet und singt nie wieder.


    Pogner ist in sich zusammengesunken. Die anderen Übriggebliebenen feiern sich selbst. Die Titanic ist gegen den Eisberg gelaufen und sinkt.


    Abgesang


    Es gab gestern viel Beifall für das Orchester unter John Fiore. Das Vorspiel zum dritten Akt war wirklich schön! Ohne Thomas Johannes Mayer – jüngst als Vogt in Schrekers Schatzgräber an der DOB zu hören - wäre die Vorstellung ausgefallen. In Leipzig singt er zur Zeit den Walküren-Wotan. Hier in Berlin ist er besonders im zweiten Akt ein kerniger Sachs. Im dritten ließen Kräfte und Stimme nach, und Souffleuse Hannelore Flörke hatte viel zu tun. Die vereinzelten Buhs am Schluß fand ich unangemessen.

    Vor drei Wochen sang Johan Reuter den Schuster. Seine Stimme klang weicher und geschmeidiger. An seinem Spiel hatte mich die Beweglichkeit des Boxers besonders beeindruckt.


    Am Morgen nach der Oper weiß man, daß man die Bilanz eines Verlusts gesehen hat. Am deutlichsten ist mir das in der Johannisnacht, im zweiten Akt, geworden.

    ..., eine spe*ifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifi*ierbar.
    -- Aydan Ö*oğu*

  • Was sind das für Menschen die einen Sänger , der kurzfristig einspringt ! , ausbuhen !

    Einfach nur zum k...

    Ich habe Vogt live noch nie als Stolzing gehört, halte ihn aber für die Rolle wegen seiner hellen Stimme als nicht optimal besetzt. Als Parsifal oder Lohengrin gefällt er mir gut !

    Danke für den ausführlichen Bericht

    Dirk