astewes: Unverzichtbare Aufnahmen

  • Hier hat schon viele Jahre sich keiner mehr getraut, was zu veröffentlichen. Vielleicht sind ja alle unverzichtbaren Aufnahmen irgendwo schon aufgetaucht, vielleicht hat sich ja auch die Einstellung zu den Werkeinspielungen geändert. Es gibt heute so viele verschiedene Einspielungen zu so vielen Komponisten, dass mir meine meine Jugend da wirklich kärglich erscheint. Vielleicht erwächst aus dem damaligen Mangel eher der Eindruck der Unverzichtbarkeit ....


    Nun zu meiner Vorstellung: Ich scheue mich nicht, Aufnahmen erneut aufzuführen, wenn sie für mich prägend waren und ich denke, dass sie zum intendierten Kanon gehören .... Jeder kann sich ja ein eigenes Bild machen.


    Nun also: Was beeindruckt mich immer wieder auf Neue oder was hat angefangen, mich in den letzten Jahren so zu beeindrucken, dass ich den Werkeinspielungen das Attribut "unverzichtbar" verleihen würde.

  • Fangen wir mit etwas Frühem an. Jörg Demus und Mitglieder des Collegium Aureum spielen Franz Schuberts Klavierquintett in der Besetzung für Violine, Viola, Cello, Kontrabass und Klavier in A-Dur Deutsch 667 aus dem jahre 1819, oder auch das "Forellenquintett" wegen des Liedvariationssatzes. Ich kann kaum andeuten, wie wichtig mir dieses Werk war. Die Einspieilung, die ich mir dann "zu Weihnachten" schenkte, ersetzte eine Vorgängeraufnahme, die schnell in Vergessenheit geriet. Auch alle späteren Einspielungen, seien es Gilels mit Amadeus, Leonskaja mit Alban Berg, Levine mit Hagen oder diese schreckliche Wichtigtuerei mit Trifonov und Mutter konnten nichts ändern ...


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  • Dann will ich 'mal eine Oper folgen lassen. Eine , der wenigen Opern, die ich tatsächlich regelmäßig gerne höre (nur mit der Koleratur in der Arie der Königin der Nacht bin ich nicht so glücklich, aber Mozart wollte es eben so ... ) ist die Zauberflöte K. 620 aus dem Jahre 1791.


    Die Oper hat alles, was für mich dazugehört. Eine etwas verworrene zauberhafte Geschichte, die man nicht allzu ernst nehmen soll, wunderbare melodische Einfälle, überhaupt unvergessliche Musik. Damit stehe ich wahrscheinlich nicht alleine auf der Welt. Ich meine im Forum gelesen zu haben, dass sie immer noch zu meistaufgeführten Opern überhaupt gehört ....


    Ich liebe die Einspielung mit Karl Böhm, Fritz Wunderlich als Tamino und Dietrich Fischer-Dieskau als Papageno (defintiv die intellktuellere Rolle :))


    Es gibt sie mittlerweile auf Blu Ray, was ich mir gut vorstellen kann, weil schon meine alte Aufnahme recht gut klang.



    Ich hatte mir später einmal eine mit Karajan geholt, die mir aber bei weitem nicht so gut gefiel ....

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  • Lieber astewes, hier ein Tipp, wenn du ihn nicht schon kennst: die ideale Verbindung von klassischer und moderner Oper: Janacek. Höre ich seit 50 Jahren und bin noch nicht müde geworden. Sehr hilfreich sind dabei die Klavierauszüge auf tschechisch und auf deutsch.

    Mitten in der großen natürlichen Barbarei ist es den Menschen manchmal gelungen, kleine, warme, von der Liebe besonnte Plätze zu schaffen. Kleine, abgekapselte reservierte Bereiche, in denen Intersubjektivität und Liebe herrschten (Michel Houellebecq, Elementarteilchen)

  • Ich hatte mir später einmal eine mit Karajan geholt, die mir aber bei weitem nicht so gut gefiel ...

    Hallo astewes,


    es gibt deren zwei, eine von 1950 (mono) und eine von 1981 (Stereo, digital). Ich denke, Du meinst die neuere:

    51EJgAMOl3L._SX300_.jpg Mozart: Die Zauberflöte (Gesamtaufnahme)


    Es ist keine Absicht, sondern Zufall, daß die letztere, digitale viel kleiner im Bild erscheint, aber sie verdient es auch nicht, groß herausgestellt zu werden!


    Die erstgenannte, von EMI-Columbia, ist zwar klanglich klar im Nachteil und unterschlägt auch die Dialoge, dafür aber bietet sie eine Sängerschar, die jedes heutige Opernhaus vor Neid erblassen lassen müßte. Man kann die Mitwirkenden deutlich auf dem Cover lesen, so daß ich mir eine Aufzählung ersparen kann, aber jeder einzelne Name ist klangvoll und erweckt bei denen, die diese Künstler gekannt haben, wehmütige Gefühle. Karajan dirigiert hier zwar auch (für meinen Geschmack) ein wenig (zu) rasch, aber trotzdem bringt er die offenen und versteckten Schönheiten von Mozarts Partitur gebührend zur Geltung.


    Die neuere Aufnahme aus dem Digitalzeitalter sollte man unter "ferner liefen" abhaken. Trotz ihrer unerhörten Brillanz läßt sie (mich) kalt. Da bleiben wir doch lieber bei Böhms Aufnahme mit dem unvergleichlichen Fritz Wunderlich! Ebenbürtig zur Seite stellen möchte ich Böhm aber die fast gleichzeitig erschienene Klemperer-Ausgabe (EMI), die mit einer ebenfalls glanzvollen Besetzung (u.a. Gedda, Janowitz, Berry) aufwarten kann und mit einer überragenden Königin der Nacht: Lucia Popp! Auch hier fehlen leider die Dialoge, aber ansonsten ist sie vom Feinsten. Da gibt es eine kuriose Geschichte: Der EMI-Produzent Peter Andry wollte unbedingt die Dialoge, wenn auch in gekürzter Form, mit einbringen, aber Klemperer fand sie "einfach lächerlich" und blieb, trotz energischer Vorstellungen seitens der Aufnahmefirma, bei seiner Ablehnung. Man dachte zeitweise sogar darüber nach, einen anderen Dirigenten heranzuziehen, aber solcherart an Klemperers Autorität zu rütteln, wagte schlußendlich niemand. Und so blieb es bei einer "musikalischen Zauberflöte", die aber streng genommen nur ein, wenn auch wundervoller, Querschnitt durch Mozarts Musik ist.


    LG Nemorino

    Die Welt ist ein ungeheurer Friedhof gestorbener Träume (Robert Schumann).

  • Karajan dirigiert hier zwar auch (für meinen Geschmack) ein wenig (zu) rasch, aber trotzdem bringt er die offenen und versteckten Schönheiten von Mozarts Partitur gebührend zur Geltung.

    das trifft IMO den Nagel auf den Kopf.


    Es geht um die digital zweite Aufnahme.

    Die neuere Aufnahme aus dem Digitalzeitalter sollte man unter "ferner liefen" abhaken. Trotz ihrer unerhörten Brillanz läßt sie (mich) kalt.


    So geht es mir auch. Ich hatte mir die damals natürlich einmal wegen des Namens Karajan und zweitens wegen der Technik geholt. Die Technik entäuscht tatsächlich nicht. Aber wenn man nur die Ouvertüren (vom Gesang spreche ich hier noch gar nicht) vergleicht, einmal Böhm und einmal Karajan, kann man nur staunen, wieviel Witz und Feinheit Böhm aus der Partitur holt. Interessant ist, dass beide die Berliner Philharmoniker als Klangkörper verwenden ....

  • Obwohl meine Sammlung an Liedgesang auch sehr überschaubar ist, gibt es doch genau eine Aufnahme, die für mich unverzichtbar ist.




    und auch genau diese Aufnahme mit Gerald Moore aus dem Anfang der 70-er Jahre. Die spätere mit Brendel als Begleitung konnte mich nicht richtig begeistern... Auch hier liege ich wahrscheinlich im Trend. :)


    Die Winterreise ist ein Zyklus, dessen Dichte und Intimität mir sehr nahe kommt. Schubert, der sonst ja eher eloquent und mit intensiven Wiederholungen einherkommt, erreicht hier eine Spartanität im Ausdruck, die für mich ein unvergleichliches Erlebnis darstellt. Immer, wenn ich diese Aufnahme beginne, höre ich sie auch zuende. Mit der Müllerin kann ich dieses Erlebnis nicht nachvollziehen, woran auch immer es liegen mag. Die Einsamkeit des Müllers beim Wandern scheint mir nicht vergleichbar mit der des Protagonisten auf der Winterreise ...


    Ich hatte seinerzeit ein mehrere LPs umfassendes Album mit Fischer-Dieskau und Moore als Begleitung ... Das hat mir insgesamt viel Freude gemacht. Durch das Forum werde ich an ein paar Stellen wieder etwas für Liedgesang sensibilisiert.

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  • Nachdem nun bis auf wenige Ausnahmen meine vokalen Schätze verbraucht sind, möchte ich auf ein in meinen Augen unverzichtbares Meisterwerk hinweisen. John Cage schrieb um 1948 herum seine Sonatas and Interludes for prepared piano. Es sind nicht seine ersten Werke für präpariertes Klavier, aber dieser Zyklus hat etwas ungemein Fesselndes. Die Klangwelt, die sich auftut, hat etwas Faszinierendes und Substantielles, was ich gerne mit dem wohltemperierten Klavier von Bach vergleichen möchte. Ähnlich wie letzteres ist es auch irgendwie völlig unangestrengt und entfaltet seinen Reichtum nicht durch emotionale Ansprache, sondern entwickelt in der Zeit bei der Rezeption einen Reichtum, der einen nicht mehr loslässt.


    Hier habe ich nun mehrere Einspielungen, die ich gerne erwähnen würde. Der mittlerweile pianistisch verstummte Herbert Henck hat 2001 beim Label ecm eine gemacht, die ich empfehlen möchte



    Die zweite CD enthält Klavierimprovisationen von ihm.


    In letzter Zeit begeistert mich ein schweizerischer Pianist mit seiner Vorstellung des Werkes. Cedric Pescia hat 2011 seine Interpretation der Sonatas und Interludes eingespielt


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  • Wenn schon John Cage mit seinen Sonatas und Interludes zu Wort kam, kommt jetzt eine weitere für mich unverzichtbare Aufnahme


    Johann Sebastian Bachs wohltemperiertes Klavier in zwei Bänden.




    in der Interpretation von Glenn Gould aus den 60-er Jahren. Diese Interpretation ist mit großer Sicherheit historisch inkorrekt (man höre sich die etwas langweiligen Einspielungen mit Andras Schiff an, an denen man das Studium der barocken Triller bis zur Überfülle studieren kann) aber ich kenne kaum eine Einspielung, die so geradeheraus die polyphonen Strukturen dieser Musik zum "Klingen" bringt. Für mich die Aufnahme dieser Werke überhaupt!


    Ich kann tatsächlich noch die von Friedrich Gulda aus den 70-gern sehr leiden, damals noch auf Platten gekauft, gibt es die Philips Einspielung auf CD klanglich noch ein wenig aufgebürstet



    Gulda spielt einen Bösendorfer Imperial.

  • Meine nächste große und auch schon sehr lange Liebe sind Beethovens Klaviersonaten. Da gab es eine Ersterfahrung mit der Einspielung von Friedrich Gulda bei amadeo seinerzeit, die für mich immer noch sehr bestimmend ist, wie ich erst beim Hören vor kurzem wieder erfahren durfte.


    Also hier das Plattencover


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    die Aufnahme ist immer noch zu erhalten



    Warum nun für diese schöne Aufnahme ein derartig hässliches Cover herhalten muss, bleibt das Geheimnis der Designabteilung von Decca. Gulda spielt einen "fetzigen" Beethoven, pointiert, rhythmisch schwungvoll und mit viel Dynamik, ein Stil, der zu seiner Zeit polarisiert hat. Die manchmal anzutreffende Behauptung, dass viele Details untergehen, konnte ich eigentlich nicht bestätigen, wenn ich solchen Behauptungen gefolgt bin. Es ist ein kantiger Beethoven, der in sich stimmig und überzeugend ist. Mich kann er immer noch mitreißen ...

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  • Hallo astewes,


    dieser Bitte komme ich sehr gerne nach, allerdings nicht mehr hier (siehe oben

    Ehrlich gesagt, lieber nemorino hat mich die Beteiligung gefreut. Es ist doch schön, sich über seine Lieblingsmusik austauschen zu können. Wenn die Moderation das akzeptieren würde, hätte ich kein Problem damit.

  • Erst in den letzten fünfzehn Jahren oder so hat sich bei mir eine Liebe zu den Werken (insbesondere den Spätwerken) des stillen amerikanischen Komponisten Morton Feldman entwickelt. Es gibt zwei (eigentlich sogar drei) Werke, die sich für mich als besonders unverzichtbar herausgestellt haben. Das erste ist sein "Violinkonzert", was eben gerade nicht so heißt, sondern Violin and Orchestra, eine Komposition aus dem Jahre 1979.


    Die sehr agile und sich in verschiedenen Zeitzonen der Musik zurechfindede Geigerin Carolin Widman hat mir hier die Interpretation geschenkt, die mich glücklich macht. Wie sie in einem Interview an einer Stelle sagt, beziehen sich Feldmans Längen und Wiederholungen direkt auf das Werk Schuberts. Die bei Nicht-Hinhören scheinbar erfahrbare Langeweile entpuppt sich bei konzentriertem Hören als riesiger Spannungsbogen. Mittlerweile kann ich kaum die nächsten Entwicklungen abwarten, als so spannend empfinde ich diese Musik.


    Die klanglichen Subtilitäten des jeweiligen Instrumentes sind bis zu ihren möglichen Grenzen ausgereizt.




    Widmann spricht auf youtube über dieses Werk und seine Einspielung


  • Der Komponist Béla Bartók gehört zu meinen Lieblingskomponisten. Seine Klavierwerke, seine Klavierkonzerte, seine Streichquartette aber auch seine gar nicht so umfangreiche sonstige Kammermusik beinhalten jeweils Schätze ersten Ranges....


    Aber über allem steht für mich seine Sonate für zwei Klavier und zwei Perkussionisten Sz. 110 aus dem Jahre 1937. Es ist eine Auftragsarbeit und wenn ich es richtig weiß, von der Besetzung her ein absolutes Novum. Diese Instrumentierung findet in der Folge Bartók verstärkt Freunde unter den Komponisten. Ich meine mindestens noch 5 weitere umfangreiche Werke in dieser Besetzung zu haben.


    Also zwei Klaviere und als würde das nicht reichen noch Schlagzeug dazu. Was für eine klangliche Herausforderung!. Bartok bezeichnete sein Werk anfangs als Quartett. Wir haben es also mit Kammermusik zu tun. Seine ersten beiden Klavierkonzerte waren geschrieben. Alle rhythmischen Erkenntnisse aus diesen beiden Stücken kulminieren in dieser Sonate. Ich hatte das Werk mit Noten damals noch in der Schule durchgenommen. Wenn man die Stellen so häufig gehört hat, kommen sie einem nun ganz natürlich vor. Ein Proportionen regelndes Element, sowohl rhythmisch wie auch von den Tonhöhen (wenn ich das noch richtig weiß) her sind die Fibonacci Zahlen, also im Endeffekt der goldenen Schnitt. Diese inhärente Harmonie meine ich gerade bei sehr häufigen Hören mittlerweile genießen zu können. Die ästhetische Qualität der musikalischen Architektur ist ja gerade etwas, was das häufigere Hören zum Genuss macht.



    Genug geredet! Es gibt eine Aufnahme, die mir besonders am Herzen liegt. Das Klavierduo Kontarsky hat in den 60-er Jahren bei Wergo und Anfang der 70-er bei der DG das Werk eingespielt. Ich habe nur noch die Grammophon Aufnahme zur Verfügung. Auf beiden Aufnahmen sind die Perkussionisten Christoph Caskel und Heinz König die Partner der Konarskys. Ich meine hier eine besonders gelungene Chemie wahrzunehmen.


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    Das Duo hat eine unglaubliche rhythmische Präzision, bei der die beiden Perkussionisten problemlos mithalten können. Obwohl es mittlerweile eine ganze Menge sehr guter Aufnahmen gibt, empfinde ich häufig das Zusammenspiel mit dem Schlagzeug als ein auschlaggebendes Moment in der Musik, was nicht immer optimal gelingt.


    Die Pianistin Martha Argerich scheint das Werk auch zu lieben. Ich habe von ihr mindestens vier Einspielungen mit wechselnden Partnern :)


    Eine weitere gelunge Aufnahme ist die Live-Einspielung auf dem Lugano-Festival von 2010. Ihr pianistischer Partner ist Stephen Kovacevich, mit dem sie das Stück schon einmal dreißig Jahre vorher auf Platte gebannt hatte. Wenn die Perkussionisten vielleicht auch nicht ganz dieselbe Qualität haben wie Caskel/König haben, so ist die Aufnahme ganz ausgezeichnet und natürlich noch zusätzlich ein Live-Erlebnis



    Der erste Satz noch einmal mit Martha Argerich und als pianistischem Partner Nelson Goerner (also doch mindestens fünf Einspielungen:)) ist hier zu hören


  • Frédéric Chopin ist bei mir selten gehört. Ein Werk macht für mich eine Ausnahme und auch gerade diese fast nur in einer Interpretation.



    Die Aufnahme erschien 1972 auf Platte, wurde mir damals geschenkt und ist seitdem "unendlich" häufig gehört worden. Sie gehört für mich zum Bestand des Unverzichtbaren. Pollini hat mit dieser Aufnahme mein Chopin Verständnis geprägt. In den meisten anderen Aufnahmen höre ich immer wieder den Versuch heraus, einzelne Etüden für sich zu gestalten. Das ist gedanklich etwas einfacher und sicher reizvoll bei den kleinen Stücken. Bei Pollini fügt sich mir alles zu einem Werk großer Dimension. Trotz seiner erstaunlichen Technik, tritt er vollständig hinter Klang und Struktur der Musik zurück.



    Um eine Vorstellung von der kristallenen Klarheit seines Spieles zu bekommen, verlinke ich Op. 10 Nr. 1 (jawoll die erste in C-Dur! Die erste Etüde reicht mir nicht selten, um einen Eindruck vom Spiel zu bekommen. Falsch liegen kann man natürlich allemal :)


  • So sehr die musikalische Verwandtschaft zu Chopin über die Generationen hinweg hörbar ist, so ist Messiaen mit vielen seiner Werke bei mir doch gerne und häufig gehört. Sein Quartett, seine frühen Préludes, seine Etüden, seine vielen Vogelstimmen, alles das wird von mir regelmäßig rezipiert und ist im weiteren Sinne unverzichtbar.


    Trotz meiner im Prinzip doch eher areligiösen Haltung sind es gerade die Vingt Regards sur l'Enfant-Jésus für Klavier, die ich auch im engeren Sinne für unverzichtbar halte. Der Zyklus entstand 1944 in Paris gehört sicher auch pianistisch zur anspruchsvolleren Literatur. Die Betrachtungen sind für mich in einem nicht religiösen Sinne von einer höheren Sicht durchwachsen. Ich blicke beim Hören nicht wirklich auf das Jesus-Kind, obwohl es mir an gewissen Stellen fast unvermeidlich erscheint, aber Messiaen transzendiert hier seine Klaviertechnik für eine Schau auf die Welt, die im 20. Jahrhundert für mich kein Äquivalent besitzt und damit dieses Werk unverzichtbar macht. Echter Kitsch, gewaltige Eruptionen, wirkliche Schönheit (hier kann man sicher wie bei den Kitschstellen auch streiten), meditative Ruhe, sogar Vögel sind hörbar (:/). Es mir unklar (aber vielleicht auch nicht wirklich interessant), wie ein solcher Kosmos aus rein religiöser Betrachtung entstehen kann. Da es aber nun so ist, ist es natürlich auch möglich ...


    Kennengelernt habe ich dieses IMO Jahrhundertwerk in der Interpretation von Michel Béroff, die ich immer noch eine der besten finde



    Béroff hat das Werk im September und Oktober 1969 in der Salle Wagram in Paris eingespielt. Die Aufnahme auf CD habe ich mir in den 80-ern geholt und klingt ganz passabel. Ein wenig analoges Remastering hat damals sicher stattgefunden (AAD). Es wäre schön, wenn, ähnlich wie die DG, EMI->Warner bei einer Neuauflage ähnlichen Aufwand im Remastering betreiben würde.


    Ich kenne eine ganze Menge von Neueinspielungen, unter denen auch ein paar Anwärter auf "unverzichtbar" wären. Aber hier steht braucht es noch Zeit.


    Ein Beispiel für die gewaltigen Eruptionen: Betrachtung sechs: par Lui tout a été fait



    und für beginnenden Kitschverdacht ....


    Betrachtung 15: le baiser de l'Enfant-Jésus (ein bisschen Jazz am Ende :))


  • Streichquartette haben mich erst sehr viel später als Klavier und andere Kammermusik begeistern können. Zwar hatte ich mir nach meinem ersten Bartók-Erlebnis auch seine Streichquartette vom Juilliard damals ausgeliehen, aber wahrscheinlich war die Zeit für ein Verständnis nicht reif.


    Die ersten Streichquartette,, die mich beeindruckten und für meine eigene Entwicklung wichtig waren, kamen nur durch einen Zufall in meine Hände. Meine Eltern erhielten damals vom Buch-Club (sowas gab es damals ... :)) irgendwelche Platten, weil sie vergessen hatten zu bestellen. Darunter war eine Einspielung vom Streichquartettwerk Anton Weberns mit dem LaSalle Quartet. Ich kann mich noch sehr genau an den etwas ratlosen Blick meines Vaters erinnern beim ersten (und wahrscheinlich auch letzten) Anhörversuch dieser Platte. Ich bekam sie problemlos ;).


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    So sah sie damals aus (glaube ich ....) Fasziniert haben mich dann die Bagatellen, mehr als sein Streichquartett. Das war eine ganz neue Musik. Was man dort in kürzester Zeit erleben konnte, war unglaublich. Es war auch kein Problem die Musik mehrfach zu hören .... rein zeitlich gesehen :). So habe ich mich in dieses etwas seltsame Werk getaucht. Kurz daruf gab es die ganze Kassette (meine Eltern fanden ihren Sohn nur noch merkwürdig =O ...)


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    Jetzt kamen Schoenberg und Berg dazu, aber .... der Webern bleib lange mein Favorit. Schoenbergs zweites Streichquartett fand ich sogar unausstehlich! Was sollte der Gesang?


    Die Aufnahme mit den LaSalles ist bis heute ein Schatz für mich, der regelmäßig herausgeholt und gehört wird, auch wenn es durchaus bemerkenswerte Neueinspielungen gibt. Mittlerweile habe ich alles auf CD




    Ich möchte noch auf eine sehr schöne Einspielung dieser Werke hinweisen, die wesentlich neuer und klanglich ein wenig ausgefeilter ist. Mir scheint es auch so zu sein, dass die Werke insgesamt mittlerweile mehr im "Mainstream" der Streichquartettensembles angekommen sind. Das Herausfordernde der LaSalle Einspielung geht ein wenig verloren. Ob das nun gut oder schlecht ist, will ich nicht beurteilen.


  • Lieber astewes, hier ein Tipp, wenn du ihn nicht schon kennst: die ideale Verbindung von klassischer und moderner Oper: Janacek. Höre ich seit 50 Jahren und bin noch nicht müde geworden. Sehr hilfreich sind dabei die Klavierauszüge auf tschechisch und auf deutsch.

    Lieber Dr. Pingel , vielen Dank für Deinen Tipp. er scheint etwas in der aufgewühltenb Diskussion untergegangen zu sein. Janacek höre ich sehr gerne. Mit seinen Streichquartetten und Klavierstücken ist er wirklich ein sehr interessanter Repräsentant des Übergangs. Er verschwindet etwas hinter dem riesigen Schatten Bartóks. Von ihm schätze ich Blaubarts Burg, eine wirklich unterhaltsame Kurzoper. Welche Oper von Jancek würdest Du denn für diesen Zweck empfehlen?

  • Ich springe etwas hin- und her. Ich fing mit dem Forellenquintett von Franz Schubert an. Weit über ein Jahrzehnt später wurde mir ein weiteres Werk dieses Komponisten zum Hörverhängnis. Seine Sonate für Klavier in B-Dur D. 960. Valery Afanassiev spielte sie 1985 auf dem Lockenhaus-Festival live ein. Diese Aufnahme war für meine Begriffe so schön, dass ich stellenweise das Hören unterbrechen musste .... Gut, dass eine Hifi-Anlage solchen Emotionen so willfährig entgegenkommt, beim Konzert selbst hätte ich mich mit diesem Wunsch nicht durchsetzen können :)


    Das sind Schuberts Längen, die einen in einen Sog ziehen ....



    Mittlerweile kenne auch hier ganz hervorragende Aufnahmen (Mitsuko Uchida, Simone Dinnerstein), aber diese Urgewalt, die von Afanssievs Einspielung ausgeht, ist für mich einzigartig

  • Lieber Dr. Pingel , vielen Dank für Deinen Tipp. er scheint etwas in der aufgewühltenb Diskussion untergegangen zu sein. Janacek höre ich sehr gerne. Mit seinen Streichquartetten und Klavierstücken ist er wirklich ein sehr interessanter Repräsentant des Übergangs. Er verschwindet etwas hinter dem riesigen Schatten Bartóks. Von ihm schätze ich Blaubarts Burg, eine wirklich unterhaltsame Kurzoper. Welche Oper von Jancek würdest Du denn für diesen Zweck empfehlen?

    Herzog Blaubarts Burg gehört zu meinen Lieblingsopern. Von dieser Sorte hat Janacek mehrere geschrieben: Jenufa, Katja Kabanowa, Das schlaue Füchslein, Die Sache Makropulos, Aus einem Totenhaus. Wenn man die kennt, kann man noch "Die Ausflüge des Herrn Broucek" und Osud (Schicksal) nachschieben. Hinweise findest du reichlich in unserem Opernführer. Für mich steht Bartok eher im Schatten Janaceks, eben weil der nur eine Oper geschrieben hat. Die übrigen Werke von Janacek kenne ich natürlich alle, aber die Opern sind doch sein eigentliches Metier. Es gibt hier im Forum ein riesiges Feld für diesen Komponisten, der seit den Siebzigern auch in aller Welt gespielt wird.

    Für CD/DVDs unbedingt hier im Heimathafen nachsehen, vor allem, was die Interpreten bestrifft.

    Mitten in der großen natürlichen Barbarei ist es den Menschen manchmal gelungen, kleine, warme, von der Liebe besonnte Plätze zu schaffen. Kleine, abgekapselte reservierte Bereiche, in denen Intersubjektivität und Liebe herrschten (Michel Houellebecq, Elementarteilchen)

  • Herzog Blaubarts Burg gehört zu meinen Lieblingsopern. Von dieser Sorte hat Janacek mehrere geschrieben: Jenufa, Katja Kabanowa, Das schlaue Füchslein, Die Sache Makropulos, Aus einem Totenhaus. Wenn man die kennt, kann man noch "Die Ausflüge des Herrn Broucek" und Osud (Schicksal) nachschieben. Hinweise findest du reichlich in unserem Opernführer. Für mich steht Bartok eher im Schatten Janaceks, eben weil der nur eine Oper geschrieben hat. Die übrigen Werke von Janacek kenne ich natürlich alle, aber die Opern sind doch sein eigentliches Metier. Es gibt hier im Forum ein riesiges Feld für diesen Komponisten, der seit den Siebzigern auch in aller Welt gespielt wird.

    Für CD/DVDs unbedingt hier im Heimathafen nachsehen, vor allem, was die Interpreten bestrifft.

    Vielen Dank für die Erläuterungen. Bei Kurzopern ist es auch leichter, über seinen Schatten zu springen. :)

  • Ich sehe schon, bei einem Kurzüberblick über das bisher so Gepostete, dass mein Köfferchen mit Unverzichtbarem gar nicht so klein werden wird. Bei einem möglichen Ausflug auf die einsame Insel werde ich also eher im Reisenecessaire Einsparungen vornehmen. Schließlich und endlich ist es auf der Insel dann auch egal, ob man rasiert ist oder streng riecht... Hauptsache die Musik funktioniert. Flötisten haben gegenüber Pianisten dann noch den Vorteil, dass sie ihr Instrument auf die Insel mitnehmen können ....


    Bei dem nächsten Instrument grüble ich noch, ob es für die Insel transportabel wäre ... Schön wäre es!


    Absolut unverzichtbar sind für mich Bachs sechs Cellosuiten BWV 1007-1012, die nach allgemeinem Verständnis so zwischen 1718 und 1722 entstanden sein sollen. Ganz Genaues weiß man leider nicht ... Es gibt auch keinen Autographen ...


    Diese Suiten habe ich noch in der Schule kennengelernt zusammen mit einem Cello, was der Musiklehrer mir in die Hand drückte .... Aus dem Cellostudium ist nichts geworden. Nicht alle waren unglücklich über diese Entscheidung, aber die Liebe zu diesen Suiten ist geblieben. Zuerst lernte ich natürlich die Einspielungen von Casals kennen, ein Zeitdokument, das man in jedem Falle einmal gehört haben sollte. Ob es nun musikalisch für mich unverzichtbar ist, beantworte ich jetzt erstmal mit nein.


    Ich liebe tatsächlich viele Einspielungen dieser Suiten. Dazu muss man sagen, dass jede Einspielung sich gewaltig von jeder anderen unterscheidet. Zum einen spielt der Klang des Instrumentes eine Rolle (historische Aufführungstechnik oder nicht), aber auch Phrasierungen und Rhythmik sind allgemein so variabel, dass man bei den Einspielungen zwischen einer Tanzveranstaltung und abstrakter Meditation wählen kann ... Kann man dann überhaupt auf eine Einspielung verzichten ... Jein! Mit Tränen in den Augen wähle ich nicht Maisky (vor allem seine zweite), Kim Kashkashian (Transkription für Viola!), Pieter Wispelwey, Heinrich Schiff und Rohan de Saram....


    Was bleibt?


    Der etwas extrovertierte Matt Haimovitz liefert auf dem Label Pentatone ein Einspielung, die ich nun persönlich für unverzichtbar erkläre. Haimovitzens Klang ist voll (er spielt wohl auch gerne offene Saiten - so will es mir erscheinen) und sehr phantasiereich, hin und wieder vergisst man, dass es eigentlich Tanzsuiten sein sollen. Er kitzelt aus dem Cello unglaubliche Klänge (bitte keine Verwechslung mit Lachenmanns Pressionen :)) und bietet genügend klare rhythmische Kulminationspunkte, um der Polyphonie folgen zu können. Der Pentatone-Klang ist sehr nah am Instrument, was hier deutlichen Gewinn bringt, zumal Haimovitz doch eher Cellisten-untypisch wenig schnauft ....;)


    Klanglich wird er durch Barock-Celli unterstützt ...



    Wer nun hier das Spielerische ein wenig vermisst, dem sei eine Aufnahme aus dem Anfang der 60-er empfohlen. Der Franzose Pierre Fournier hat damals eine exzeptionelle Aufnahme für die Grammophon geschaffen, die die Bedeutung durch ein exquisites Remastering würdigt. Fournier spielt für die Zeit typisch auf einem "modernen" Cello, sein Spiel wird gerne als elegant bezeichnet ....



    Hier kann nun getanzt werden. Viel Spaß! Beide Aufnahmen natürlich absolut unverzichtbar :hello:


    Zur Unterfütterung der Vorstellungskraft beim geneigten Hörer


    Pierre Fournier von der Archivproduktion mit der dritten Cello-Suite



    Für die Pentatone Einspielung von Haimvotz fand ich nur einen Trailer



    Hier noch ein kleiner Film von Matt Haimovitz zu den Cello-Suiten. Am Ende vom Film geht er auf seine neue Einspielung mit Barockinstrumenten ein, die sich doch deutlich von der alten Einspielung unterscheidet.


  • Durch diesen Thread lerne ich tatsächlich etwas über meine eigenen kognitiven Verzerrungen (gibt man ja nur ungerne zu). Bei mir ist Schubert tatsächlich weit über fünfzig Jahre in der Rezeption präsent und doch habe ich ihn immer irgendwie für einen mittelmäßigen Komponisten gehalten ... , ein Komponist mit einem gewissen Melodienreichtum und einer gewissen Fähigkeit, die Melodien alle geschickt zusammenzubasteln ... Dabei gelang ihm das Forellenquintett ... In der Popmusik nennt man soetwas ein "One Hit Wonder". Nun ist Schubert, wenn ich jetzt ehrlich zu mir gewesen wäre, aber schon ein "Four Hit Wonder", da ist die Winterreise, da ist die B-Dur Klaviersonate aber da ist ja auch noch das d-Moll Streichquartett "Tod und das Mädchen". Später kam dann sogar noch das Streichquintett dazu .... Warum mich das alles nicht neugierig gemacht hat, kann ich nicht nachvollziehen .... Durch einige Geschehnisse hier im Forum, habe ich meine Schubert rezeption etwas verbreitert und bin an vielen Stellen positiv überrascht worden ...


    Langer Vorrede kurzer Sinn Nr. 4 meiner Aufzählung zählt für mich auch zum Unverzichtbaren ... Kennengelernt habe ich das Streichquartett durch eine Platte vom Melosquartett, eine Einspielung, die ich immer noch erstklassig finde. das Melos heißt nicht umsonst so, Quartette von Schubert und Mendelssohn scheinen denen auf den Leib geschrieben. Mittlerweile besitze ich diese kleine Box



    Die ich ganz ausgezeichnet finde. Leider ist, Grammophon-untypisch, der Klang nicht ausgezeichnet. Die Höhen wirken für die Aufnahmezeit (die 70-er) unklar und scharf. Ob ein Remastering da mehr ergeben würde, kann ich nicht sagen. Ich kann aber, angesichts der Qualität der Interpretation, damit leben.


    Dieses Quartett gehört nun nicht wirklich zu den wenig eingespielten und so ist die Auswahl unüberschaubar. Von denen mir zur Verfügung stehenden ragt für meine Verhältnisse eine doch heraus, und zwar die von Chiaroscuro Quartett, dem Ensemble um die russisch-englische Geigerin Alina Ibragimova. Das Quartett spielt auf Darmsaiten und richtig OPI .... Das ergibt aber hier wirklich Sinn, wie man eigentlich schon nach den ersten Takten hören kann. Klanglich entwickelt sich eine andere Atmosphäre, die für mich auch unverzichtbar geworden ist.



    Das Melos Quartett spielt dieses Werk Schuberts 1990 live in Japan. YT zeigt uns den ersten Satz



    Das Chiaroscuro Quartett kann man im Konzert 2019 live aus der Wigmore Hall mit den Schubert Klassiker ab ca. 32'30'' hören



    Aber auch die Studioaufnahme des ersten Satz ist auf YT zu finden


  • Nicht alle haben den Reisekoffer schon gepackt, wie unser geschätzter Kollege moderato , er musste nur einen Blick in die richtige Ecke des Koffers werfen und schon waren alle unverzichtbaren CDs präsent :) .... Bei mir scheint das ein wenig schwieriger zu werden, schon den Begriff Unverzichtbar dehne ich wohl weiter aus ....


    Jetzt bin ich auf der Insel und habe Musik für das Kosmische, für das Irdische und für die Trauer .... Da fehlt doch etwas. ..... Es fehlt das Unterhaltende! Man könnte einwerfen, dass mit dem Forellenquintett ja schon für ein wenig Unterhaltung gesorgt sei, aber so richtig unterhaltend ist die Geschichte mit der Forelle nun auch nicht ...


    Am Strand d.e.i (der einsamen Insel) den Verlusten nachtrauernd und trotzdem nicht verzweifelnd, ja, den Verlust als Weg nach vorne begreifend, so etwas kann bei mir fast nur Mozart. Die beste Unterhaltung ist immer Zwiesprache mit dem potentiellen Schicksal, mit der Vergangenheit und gleichzeitig mit einer offenen Zukunft ...


    Die Klaviertrios haben mich hier immer glücklich gemacht. Kennengelernt in der Intercord-LP-Box mit dem Abegg-Trio



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    Die Neueinspielung der Familie Barenboim ersetzt diese alte Einspielung sehr gut. Wundervolles Kammermusizieren! Daniel Barenboim hat einen natürlichen Mozart-Ton und man merkt, dass die drei bei der Aufnahme nicht zum ersten Male miteinanderspielen ... ;)



    Die Box enthält mit K. 542 eines meines liebsten Trios überhaupt. Der zweite Satz gehört zum Schönsten, was ich kenne


    Diese Unterhaltungsmusik ist absolut unverzichtbar.


    Damit alle diese Werke genießen können hier noch einmal K. 542 aus dem Web




  • Bei dem Trip in die Einsamkeit fehlen mir doch noch ein paar wichtige Werke.


    Beethoven spielte in vielen Diskussionen über Streichquartette eine große Rolle. Ich lieh mir damals seine Werke vom Juilliard aus, aber wie das so ist mit ausgeliehenen Werken, sie stehen einem gerade dann nicht zur Verfügung, wenn man sie hören möchte. Die ersten eigenen Ausgaben habe ich mir deutlich später geleistet. Es waren Kassetten mit dem Alban Berg Quartett


    So sahen die LP-Boxen damals aus ....


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    Es gab drei davon, aber alle waren etwa gleich schön in der Aufmachung ;).


    Das war zum Vollpreis damals schon eine richtige Ausgabe für mich. Wie immer, wenn man viel Geld ausgegeben hatte, wurde dann auch gehört, ... sehr sehr viel gehört. Das Studium ließ mir die Freitheit :P.


    Es war ähnlich wie 15 Jahre vorher bei den Sonaten. Beethoven erschloss sich mir von den Spätwerken her. Die späten Quartette empfand ich als sofort zugänglich (Wenn man die Große Fuge weglässt!), die frühen mussten erkämpft werden. Aber anders, als bei den Klaviersonaten, wo die mittleren durch eine gewisse Virtuosität erfolgreiche Außenwirkung anstrebten, blieb mir der Reiz der mittleren Quartette (sogar weitgehend bis heute) verborgen.


    Ich habe im Laufe der Zeit irgendwo gelesen, dass die späten Quartette Beethovens Gebete seie. Wenn das vielleicht auch nur rudimentär (Dankgesang und so ;)) stimmen oder zu sehr in eine Richtung verzerrt sein mag, so zeichnet diese Quartette IMO eine klare ungekünstelte Sprache aus. Interessant mag es sein, dass wohl viele Zeitgenossen es geradezu anders empfanden. Beethovens späte Quartette kamen wohl nur wegen seiner unangefochtenen Stellung als "Princeps Musicalis" und der Unterstützung seines frisch heimgekehrten Freundes Ignaz Schuppanzigh zur Aufführung ...


    Das macht mich grundsätzlich bei Unverständnis mit irgendwelcher Musik etwas vorsichtig. Nach der Uraufführung meines Lieblingsquartettes Op. 131 wurde im Kommantaren über Debilität und Wirrniss des Komponisten spekuliert :no:


    Mittlerweile gibt es viele und, wie ich finde, auch ausgezeichnete, Einspielungen auf höchstem Niveau. In den letzten Jahren gewann aber ein Quartett fast immer, wenn ich Beethovens Streichquartette einfach nur so hören wollte



    Das englische Belcea Quartett um die Primgeigerin Corina Belcea bietet eine Einspielung, wo ich die Schroffheiten klar wahrnehmen, aber bei den wirklich intimen Stellen auch sinnlich dahinschmelzen kann, also die "unverzichtbare" Aufnahme.


    Die mittleren Quartette nehme ich einfach mal so mit. Man weiß ja nie, wenn man lange auf der Insel bleiben muss ....;) Und wie war das mit dem Unverständnis noch einmal?


    Und für die neugierigen hier das letzte Quartett Beethovens Op. 135 in vier Sätzen, etwas ungewöhnlich gewöhnlich für Beethoven in seiner Spätphase.





  • Klavieretüden gehören ganz allgemein zu meinen Lieblingswerken. Wenn ich mir jetzt ein paar Gedanken über die Gründe mache, so kommt etwas in dieser Art heraus: Sie sind schwierig und sie sind große Kunst (natürlich nicht alle ;)) und dazwischen gibt es einen ursächlichen Zusammenhang. Das macht für mich ihren Reiz aus. Es ist vielleicht eine Art der Bewunderung dessen, was aus Technik entstehen kann, wenn sie vollkommen beherrscht wird. Damit will ich es für diesen Thread bewenden lassen ... Vielleicht kann das ja der eine oder andere nachvollziehen


    Oben habe ich schon mit Chopins Etüden eines der ganz großen Meisterwerke angesprochen, in einer adäquaten Einspielung. Für mich gibt es noch ein zweites Meisterwerk dieser Art, was unverzichtbar geworden ist. Es sind die 18 Klavieretüden von György Ligeti. In den 80-er Jahren war Ligeti häufig im Köln-Bonner Raum unterwegs. Ich habe viele seiner Konzerte besucht und auch den Meister mal am Ende Metronome stoppen sehen , wenn es nicht punktgenau enden wollte ... Er hatte gerade Conlon Nancarrow frisch aus seiner mexikanischen Isolation geholt und angeregt durch dessen rhythmischen Experimente für Player Piano selbst sechs Etüden geschrieben, die damals als unspielbar galten.


    Nun muss man sagen, dass die sogenannte klassische Musik ein Feld rhythmischer Langeweile war, bevor Strawinsky und Bartók sie aus ihrem Dornröschen Schlaf erweckten. Das hatte ich schon damals in der Schule kontrovers diskutiert. Mich konnte aber keiner vom Gegenteil überzeugen. :) Für Jazz-Schlagzeuger wie Alphonse Mouzon war es ein leichtes 7/8 oder 7/5/3 oder 21/17 ;) aus dem Handgelenk zu spielen und in die Musik einzubringen. Auch alte Sitar-Musik kann da mit interessanten Wendungen aufwarten.


    Unspielbar war also die Musik nicht zuletzt wegen ihrer ungeheuren rhythmischen Anforderungen, die ein Pianist durch seine Anschlagskultur hörbar machen musste. Dazu kam Ligetis Credo, so wenig Pedal wie möglich (eigentlich gar nicht :() zu benutzen. Damals war Volker "die Maschine" Banfield der einzige Pianist, der sich das zutraute. Der Spitzname kam aus Kreisen, in denen ich damals verkehrte und drückt eine gewisse scheinbar despektierliche Bewunderung aus. Man konnte sich nicht vorstellen, wie man bis zu fünf rhythmisch zu unterscheidende Schichten mit zwei Händen spielen konnte, wie es die sechste Etüde "Herbst in Warschau" zum Beispiel am Ende erfordert.


    Ich war zu der Zeit in Banfields Konzerten und zutiefst beeindruckt von seiner Fähigkeit, Ligetis Musik zum Klingen zu bringen Ligeti würdigte Banfields Spiel mit einer Widmung einiger Etüden. Die Platte von damals habe ich schon längst als CD und der Eindruck ist bis heute nicht verflogen. Leider spielt Banfield nur die ersten sechs Etüden, mehr gab es damals nicht :(


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    Ligeti komponierte bis 1995 noch zwölf weitere Etüden, die heute in drei Heften zusammengefasst werden. Der emotionale Reichtum dieser Werke stellt sie für mich problemlos neben das Werk Chopins. Klavierwettbewerbe, die der neueren Musik aufgeschlossen sind, nehmen sie mittlerweile auch in des Pflichtrepertoire auf. Sie sind bis heute schon einige Male eingespielt worden. Ich besitze einige dieser Einspielungen. Keiner der Pianisten macht es sicht leicht. Die Luxemburgerin Cathy Krier hat kürzlich eine sehr schöne Einspielung herausgegeben, wie auch der Brite Danny Driver auf dem Hyperion-Label. Beide Aufnahmen sind faszinierend, bei beiden ist der musikalische Gehalt klar hörbar. Da ich mich entscheiden muss, wähle ich Driver, weil er den rhythmischen Impetus durch sein manchmal forcierteres Tempo noch klarer durchscheinen lässt...



    Pierre-Laurent Aimard hat eine vorbildliche Einspielung geliefert, die aber manchmal für mich zu trocken ist ... Trotzdem ist einer des besten Interpreten dieses Werkkomplexes. Er hat sich natürlich viele Gedanken zu dem Werk gemacht. Ein unterhaltsames Video von ihm zur dreizehnten Etüde "L'escalier du diable" ist hier zu hören



    und hier hören wir sie vollständig von ihm gespielt


  • Ich habe noch ein paar unverzichtbare Dinge im Portefeuille .... Im Jahre 1990+ lernte ich Musik von Iannis Xenakis ernsthafter kennen. Ich fand sie von Anfang an ergreifend und so ist es bis heute geblieben...


    Ich holte mir damals noch im WDR-Shop am Appellhofplatz in Köln die Doppel-CD


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    mit Kammermusik von ihm. Es scheint diesen Shop nicht mehr zu geben, nur noch Geschäfte mit der Maus :)! Es spielen das Arditti Quartett und einzelne Mitglieder als Solisten und Claude Hellfer Klavier, alles Interpreten allerersten Ranges, und ich weiß nicht, ob es damit zusammenhängt, aber dieses Album ist einfach wunderbar und abwechslungsreich. (Ich glaube ich habe es mittlerweile dreimal in verschiedenen Ausgaben .. Ich konnte nie widerstehen :))


    Wenn ich meine Frau frage, ist es nicht ihre Musik, aber bin ich nun einsam auf der Insel, oder nicht .... ? Warum nun finde ich diese Musik so großartig? Und welche Frage darf man hier nie stellen? Ich finde die Frage ja sowieso meist müßig, aber immer wieder wird diskutiert, was der Komponist nun mit seiner Musik mitteilen wollte. Das hilft bei Xenakis nicht nur nicht weiter, es verbaut geradezu den Zugang. Xenakis will mir nichts mitteilen. Er managt die musikalischen Geschehnisse. Die Musik ereignet sich.


    Was stelle ich mir darunter vor? Nicht häufig genug kann ich den berühmten Pavillion von der Expo 58 zeigen, wo er Bestandteil der Installation war


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    Was will uns der Architekt Xenakis hier sagen ... Sehen wir es einfach so. Der Bau ist wunderschön und seine Gesetze sind mathematisch. Er ist aus sogenannten Regelflächen zusammengesetzt. Natürlich ist er nicht das alleinige Produkt eines mathematischen Gesetzes, aber solche liegen zugrunde. In der Musik ist es ebenso, wie Pythagoras schon wußte und Jean-Philippe Rameau ebenso :).


    Xenakis ist besessen von der mathematischen Grundlegung der Musik. Er geht mit dem Begriff eines stochastischen Prozesses an die Modellierung, ein Begriff, der nicht selten auch das normale Leben gut beschreibt ( und, wenn er markoffsch ist, also ohne Gedächtnis, fühle ich mich an manche öffentliche Auseinandersetzung erinnert ... :P). Xenakis Ansatz ist grundsätzlich nicht seriell. Ich habe irgendwo gelesen, dass er deswegen sehr lange in Deutschland nicht akzeptiert und aufgeführt wurde. Interessanterweise gab es diese Vorbehalte in Frankreich nicht, wo er schon in den 50-ger und 60-er Jahren einer der bekanntesten Komponisten wurde.


    Lassen wir Xenakis Musik also einfach geschehen. Dieses Album schafft es, mich jedesmal über zwei Stunden zu fesseln, wenn ich die Zeit habe ... (oder auch mal keine Zeit )


    Also der kurze Sinn ist wieder einmal, wenn ich nicht mit einer sinnlosen Erwartungshaltung an die Rezeption gehe, ist diese Musik wie ein Naturereignis und lässt einen nicht mehr los. BTW werde ich der Naturdiskussion in dem Mahlerthread mit Interesse folgen, auch wenn ich absolut nichts beizutragen habe ... Beidesmal Natur und beides so anders .... da tauchen Fragen auf...


    Berühmt aus der CD-Sammlung oben ist u.a das Streichquartett Tetras, das viele Einspielungen erfahren hat und häufig aufgeführt wird. Es ist dem Arditti Quartett gewidmet und die Interpretation vom Arditti finde ich immer noch die beste. Das JACK Quartet ist allerdings eng auf den Fersen. Es gibt eine Einspielung aller Streichquartette von Xenakis vom Jack Quartett



    auf der auch noch das 1994 erschienene Ergma zu hören ist, was auf dem 1992 erschienenen Doppelalbum naturgemäß nicht enthalten sein kann. ;)


    Als unverzichtbar lege ich aber noch ein Schnäppchen dazu vom JACK-Quartet. Die haben 2011 in der Wigmore Hall ein Konzert mit Streichquartetten von Ligeti, Cage, Xenakis und Pintscher gegeben, wobei die ersten drei bedeutende und wichtige Statements der SQ-Literatur nach dem zweiten Weltkrieg darstellen. Absolut unverzichtbar und die Einspielung ist grandios.



    Für Interessenten die Einspielung des Arditti Quartettes mit Noten



    und für den Powerhörer alle Streichquartette von Xenakis mit dem JACK-Quartett eine Aufzeichnung von 2014


    XENAKIS: The Complete String Quartets
    performed by the JACK Quartet


    Iannis Xenakis, Tetora
    Iannis Xenakis, Ergma
    Iannis Xenakis, ST-4/1,080262
    Iannis Xenakis, Tetras



    Auf der Doppel-CD befindet sich noch das Cello solo Stück Kottos aus dem Jahr 1977. Hier kann man eine der besten Interpetationen hören von Rohan de Saram



    Leider ist die Akustik etwas mäßig. Mit viel Liebe ist die andere Aufnahme gemacht, auch der Bezug zur Natur wurde ein wenig ausgebaut, wenn vielleicht auch ein wenig kitschig .... Die Interpretation reicht leider nicht an die de Sarams heran.


  • Springen wir fast 20 Jahre zurück. Ich bin wieder in einer aufgeregten Diskussion im Musikunterricht. Ich habe in Musik viel diskutiert. Erdkunde habe ich eher verschlafen ...:sleeping: Es ging dabei irgendwie ums Komponieren ... Ein Kamerad zeigte mir das Album Bremen - Lausanne von Keith Jarrett, was gerade herausgekommen war.


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    Ich kannte schon die Beethovensonaten ... Konnte es also noch besser werden? Zu meiner Überraschung wurde es nicht besser, sondern alles ganz anders.


    Ich hatte immer versucht, den Zauber der beethovenschen Klaviersonaten zu verstehen. Was passierte da eigentlich melodienmäßig und harmonisch? Welche Modulationen sind einfach, welche überraschend und wieso? Wie bauen sich solche Werke auf .... und bei Beethoven häufig von Werk zu Werk anders. Gab mir das blaue Album jetzt Antworten?.... Nicht direk! :)


    Ich war mit diesen Improvisationen tatsächlich irgendwo in einer Vorstufe des Komponierens gelandet, was ich aber erst verstehen musste. Das Entstehen von Musik beim Spiel. In gewisser Weise die Entdeckung der Langsamkeit ...


    Nachdem ich meine Verblüffung und die Enttäuschung meiner Erwartungshaltung überwunden hatte, tat sich mit eine neue Welt auf. Was hatte eigentlich Beethoven gemacht, bevor er notierte? Sicher hat er auf dem Klavier geklimpert und sicher hatte das Ähnlichkeit mit dem, was ich jetzt hier hörte .... Die Welt wurde wieder faszinierend. Ich konnte mich hier durch Täler des iterierten Experimentierens hören bis Stellen unglaublicher Schönheit auf mich zukamen. Es gab aber auch explodierende Komplexität, die vorher nur zu ahnen war...


    In der Kürze einer Teetassenaufschrift: Diese Musik war also wie das Leben. Ich saß also und da und lauschte der Entwicklung nach für die wenigen schönen Stellen.... Ich merkte schnell, Abkürzungen ließen den Wert der Schönheit verblassen. Diese Einsicht von damals, die im Laufe der Jahrzehnte gewisse Wandlungen erfahren hat, ist für mich immer noch prägend.

    Ein paare Jahre später kaufte ich mir die Sun Bear Concerts, ein gigantisches 10-er Album mit Soloimprovisationen von Jarrett. Endlose Trancezustände ohne Wiederholungen:saint:!


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    Beide Alben sind natürlich unverzichtbar und müssen auf die Insel mit. Gott sei Dank gibt es das kiloschwere Album schon lange auf sparsamen und leichtgewichtigen sechs CDs untergebracht. Also, Seesack auf und hinein mit:





    Gut! Das passte gerade noch! Auf der Insel einsam und ohne diese Alben, da bräuchte man ja dann ein Klavier ;)

  • Nun bin ich auf dieser schrecklich einsamen und doch hoffentlich schönen (!) Insel und habe einiges eingepackt. Ein kurzer Überschlag zeigt, dass die Beethoven Streichquartette und Sonaten der größte Anteil sind. Dann kommen noch die Sun Bear Konzerte von Keith Jarrett, alles andere ist mengenmäßig eher leichtes Gepäck ...

    Ach ja, noch die zweite Wiener Schule ...


    Ich kann nun mit der Musik denken, trauern und Zwiesprache mit Kosmos und dem Schicksal halten und mich unterhalten, das ist besonders wichtig auf einer einsamen Insel :)... Da fehlt doch immer noch was .. Ja, das Träumen. Weg von der Insel, virtuell woanders hin!


    Für solche Fälle gibt es nichts Besseres für mich als Gabriel Faurés Nocturnes. In letzter Zeit hat sich für mich die Einspielung von Eric le Sage unverzichtbar gemacht.



    Le Sage spielt etwas trockener als Collard, aber immer mit Sinn für die schönen Melodiebögen. Faurés traumhafte Polyphonie lässt sich durchhören und der wundervolle Klavierklang ....

    Faurés Nocturnes bilden eine Lebenspanne von über 45 Jahren ab, von 1875 bis 1921. Man kann das an einer immer differenzierteren Klanglichkeit und harmonischen Verfeinerung nachvollziehen, man träumt sich also von einer schönen Vergangenheit in eine noch schönere Zukunft .. ;)


    Für den Interessierten: drei Nocturnes, das erste, das letzte und dazwischen die Nummer 6 in Des-Dur aus der zeitlichen Mitte




  • So eine einsame Insel kann richtig einsam sein und wer weiß wie lange man ausharren muss. Ich habe noch keinen Meister der Verzweiflung aufgezählt. Da kommen eigentlich nur Bernd Alois Zimmermann und Dmitri Schostakowitsch in Betracht. Fangen wir dein einfachleit mit dem letzteren an.


    Kennengelernt habe ich seine Streichquartette noch in der Schule. Damals gab es die günstige Ariola/Melodya Ausgabe mit dem Borodin und dem Beethoven Quartett


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    Das war ein Erlebnis! Schostakowitsch schaut auf der LP-Box viel zu freundlich aus! Schon damals wirkten diese Werke wie ein Weg der absoluten Vereinsamung auf mich. Es gab immer wieder ein paar sarkastische Unterbrechungen, aber das letzte Quartett mit seinen sechs Adagio-Sätzen klärt dann endgültig auf. Wir sind völlig alleine. Ich konnte diese Quartette früher nur hören, wenn ich mir den Abend mit etwas Wein reservierte (Ich war schon adoleszent und durfte das natürlich :)). Zu der Einsamkeit kommt noch Verzweiflung hinzu und man fragt sich natürlich: braucht man auf einer einsamen Insel diese Musik noch zusätzlich?


    Die Antwort ist ja! Aber ich würde mir nicht mehr das Borodin/Beethoven Quartett holen. So eindrücklich diese Einspielungen auch sind, präferiere ich seit langem die des Emerson Quartettes. Die Emerson spielen deutlich nüchterner und reflektierter, ich würde sagen mit dem Abstand, den man auf der Insel braucht für eine Selbstreflektion.



    Ich habe mittlerweile einige Einspielungen der Quartette, die alle auf höchstem Niveau sind. Auch das Borodin Quartet (natürlich mit neuer Besetzung ;)) hat diese Werke vor kurzem noch einmal eingespielt. Das Quatuor Danel liefert eine hervorragende Einspielung und und und .... gestern habe ich erleben dürfen, wie eindringlich mich die Einspielung der Emerson berührt, also werden die es wieder einmal ....


    Eigentlich wollte ich nur die Nummern 3, 8, 14 und 15 mitnehmen, aber gestern die 13 gehört großartig und was ist mit 9 und 10, alle müssen mit auf die Insel! :jubel:.


    Hier hören wir die späten Emersons live, eine Aufzeichnung vom Dezember 2018 im Rahmen des Parlance Chamber Concert



    Die etwas jüngeren und weniger weichen Emersons haben dieses wundervoll fugierte Largo 1998 so gespielt


  • Immer noch auf der Insel! So schnell kommt man dann wohl nicht weg... :(


    Sozusagen das Gegenprogramm zu den Streichquartetten oben von Schostakowitsch bildet das Folgende: Felix Mendelssohn schrieb ein paar der schönsten und zauberhaftesten kleinen Kunstwerke, die ich kenne. Sie atmen sozusagen den Geist der Schönheit und leben in einer anderen Welt. Man muss ein Felix Mendelssohn sein, um dort leben zu können.


    Ich spreche von Mendelssohns Liedern ohne Worte. Sie sind hin und wieder als Salonmusik bezeichnet worden. Wenn damit gemeint sein soll, dass es hier um falsche Rührseligkeit ginge, kann kaum etwas falscher sein. Es ist eine Introspektion des Künstlers zu den Quellen seiner Inspiration. Der Melos als übergreifende Idee zu einem musikalischen Kosmos! Für Mendelssohn ist "ein Lied in allen Dingen". Ähnlich wie bei Faurés Nocturnes, an denen der Komponist über sein allerdings langes Leben gefeilt hat, sind die Lieder ohne Worte Mendelssohns lebenslange Begleitung.


    Welche Interpretation zeigt mir nun alle diese Juwelen. Der Interpret muss natürlich über die benötigte Technik souverän verfügen (obwohl nicht wirklich virtuos, sind sie jedoch keineswegs einfache Literatur) aber vor allem benötigt er die Mendelssohn eigene Leichtigkeit, die Fähigkeit zur unglaublich schnellen Assimilation. Er muss für diese zarten Gebilde den richtigen Klavierton haben. Hier gibt es für mich nun genau einen Interpreten, den ich sonst seltener höre, der aber genau diese Fähigkeiten zu haben scheint. Im Jahr 1973 hat Daniel Barenboim diese Werke eingespielt. Sie sind noch zu haben



    Wer Wert auf das schöne alte Cover legt, muss in diesem Fall zum neuen Download oder zur Plattenpressung greifen



    die wiederaufgelegt wurde.


    Hier das frühe kleine Jägerlied Op. 19/3 aus dem Jahre 1829



    oder das venzianische Gondellied, später noch einmal von Richard Strauss verwendet



    aus dem dritten Heft Op. 38 nr. 3 und Nr. 5 (1835-1837)





    etwas dramatischer aus dem vierten Heft Op. 53 Nr3



    aus dem fünften Heft Op. 62 Nr. 3



    und aus dem sechsten Heft Op. 67 Nr. 3



    Mittlerweile habe ich noch andere Einspielungen, die durchaus auch Reize haben, der Barenboim ist hier aber die Droge ;). Auf jeder einsamen Insel brauche ich diese Stücke, wenn auch nur, um zu vergessen, dass und warum ich auf dieser Insel nun einsam bin ...:)


    Der Kölner Pianist Michael Korstick hat diese Werke auch eingespielt. Auch diese Einspielung ist nicht schlecht, aber völlig anders. Um vielleicht einen Vergleich zu haben zeige ich hier noch einmal op. 67 Nr. 3 in B-Dur