Sänger für Bühne und Klangbühne: Der Bassbariton Jean Emile Vanni-Marcoux

  • „Fugitif et tremblant ...“. Les Introuvables du Chant Français, CD Nr. 3: Eine kräftige, etwas spröde klingende Baritonstimme stellt einen Lothario vor meine Augen, dem ich aufs erste Hören die Suche, die Unbehaustheit, die Zerbrechlichkeit abnehme (obwohl er nicht versucht, um jeden Preis fragil zu klingen). Eine Stimme für Träumer, Sehnsüchtige und Wanderer. Der Blick auf das Booklet lässt mich etwas ratlos zurück: Jean-Emile Vanni-Marcoux? Ein Name, den ich noch nie gehört habe, und der mir auch in Fischers und Kestings Büchern über die großen Sänger nicht begegnet ist (von Kesting kenne ich allerdings nur das Einbändige).


    „Touraine est un pays, aux ciel bleu, comme un regard tendre, rien ne de la beau.“ Panurge, der Protagonist aus Massenets gleichnamiger Oper, erzählt von seiner Heimat: In seinen Worten ist sie ein Paradies, alles ist größer und schöner als an anderen Orten. Das wird mit ernsthaftem Pathos vorgetragen, und man mag über diese Figur in ihrer Mischung aus Schlichtheit und Übertreibung lächeln – bis zum Schluss, in dem Panurge die obigen Phrasen wiederholt: Vanni Marcoux beginnt leise und nachdenklich, steigert sich bei „un regard tendre“ und lässt die Schlussphrase „C`est mon pays“ in einem kleinen, gesungenen Schluchzer ausklingen. Kein hohles Pathos, das leicht ins Lächerliche umschlagen kann, sondern vergleichbar mit dem raffinierten Canio-Schluchzer Carusos: Auch ihn bemerkt man erst, wenn er schon vorbei ist.


    „Ecoute, mon ami, je me sens bien malade.“ Mit weicher, trockner, fast tonloser Stimme, schon nicht mehr ganz von dieser Welt, aber nie ins Sentimental-Weinerliche abgleitend - so spricht der sterbende Don Quichotte zu seinem Sancho. Wieder steht eine Figur vor meinen Augen – nicht eine der überdimensionierten Kunstfiguren, wie sie Schaljapin auf die (Klang)bühne stellte, sondern fragiler und persönlicher in ihrer Ausformung. Und am Schluss der Szene noch eine Sängerin, die ich mir auch merken werde – Odette Recquier. Die beiden Stimmen harmonieren wunderbar miteinander.


    Also ein Sänger für Trauer und Weltverlorenheit, für glückliche und unglückliche Narren, für Weise und Visionäre? Auch Hamlets „Être ou ne pas être“ gehört in diese Kategorie. Dann aber etwas völlig anderes: „Ran plan ! plan ! les gas en avant ! J’m’appell’ Jean Pierre et j’suis vivant !“ Trotzig und keck, spöttisch, bitter und fatalistisch – der Ton des Sängers variiert in diesem Lied von Xavier Leroux, in dem sich ein junger Mann trotz der Schrecken des Krieges als lebenslustiger Soldat vorstellt, von Strophe zu Strophe.


    So beeindruckend die Auswahl an Sängern auf den 8 CDs dieser Edition ist – so großartige Sänger wie Edmont Clément, Artur Endrèze, Maurice Renaud und Pol Plançon sind dabei - Vanni-Marcoux ist derjenige, bei dessen Aufnahmen ich immer wieder hängen bleibe. Und in dem Kostüm des Guido Colonna aus Févriers Oper Monna Vanna ziert er auch das Cover dieser Edition.


    Als Jean-Emile Diogène Marcoux wurde er am 12. Juni 1877 als Sohn eines französischen Vaters und einer italienischen Mutter in Turin geboren (Sein Künstlername „Vanni“ ist als Abkürzung von „Giovanni“ zu sehen). Seine Gesangslehrer waren Collini in Turin und Frédéric Boyer in Paris, außerdem studierte er Jura. In Frankreich (Bayonne) debütierte er 1899 als Frère Laurent. An der Oper Covent Garden war er von 1905 bis 1912 zu erleben; 1909 debütierte er an der Pariser Opèra als Guido Colonna in Févriers Monna Vanna , eine Rolle, die ihm ersten Ruhm einbrachte. Nachdem er als Massenets Don Quichotte überaus erfolgreich war, schrieb ihm der Komponist in seiner Oper Panurge die Titelrolle auf den Leib. Auch an der Opéra Comique trat er auf; insgesamt übernahm er wohl überwiegend Bassrollen. Sein Timbre lässt sich in meinen (zugegebenermaßen Laien)ohren nicht unbedingt mit dem anderer Bässe vergleichen; es ist ein hellerer Ton darin; ich höre ihn eher als Bariton, vielleicht können die Experten für Gesang hier weiterhelfen? Weitere Glanzrollen waren Boris, Méphistophéles in Gounods Faust und Scarpia.


    Die Sängerin Mary Garden, die in den USA erfolgreich das französische Repertoire sang, war oft seine Partnerin. Angeblich hegte er die Hoffnung, sie zu heiraten, aber es wurde nichts daraus. In Chicago stand sie oft mit ihm auf der Bühne, und er kehrte, als sie ihre Karriere in Amerika beendet hatte, ebenfalls nach Europa zurück. Von 1948 bis 1951 war er Direktor des Grand Théâtre in Bordeaux. Er starb im Jahre 1962.


    Vanni Marcoux wurde allgemein als singender Darsteller, der auch großes schauspielerisches Talent hatte, gefeiert. Aber anders als manche großen schauspielerischen Talente, deren Wirkung verpufft, wenn man sie nur auf CD hört, ist bei Vanni- Marcoux auch das reine Singen gestisch genug, um die Figuren zu vergegenwärtigen. Mich erinnert der Ausdruck seines Singens etwas an den Jussi Björlings: die eigenartige Mischung aus Energie und Fragilität, ein etwas strenges Pathos, das nie aufgesetzt, sondern ganz natürlich wirkt, und die Darstellung der Figuren mit musikalischen Mitteln bei weitgehendem Verzicht auf außermusikalische Effekte.
    Ein Sänger, der mich sehr beeindruckt hat, und dessen Aufnahmen ich sammeln werde.


    :hello: Petra

  • Hallo Petra,
    du hast einen meiner Favoriten hervorragend präsentiert..
    Ich habe eine CD mit Liedern und Arien (unter anderem aus "Monna Vanna"/"Don Quichotte"/"Cléopatre"/"Hamlet"/"Louise"/"Boris" und vor allem Schuberts "Forelle" und "Lindenbaum"; diese Liedinterpretationen zählen für mich zum Besten.
    Seine Stimme, ein hell timbrierter Bassbariton verleitet aufgrund der hellen Farbe dazu, ihn als Bariton einzustufen, Bassbariton wäre aufgrund seiner Partien (Boris, Don Quichotte) richtiger, sein großer Stimmumfang, ähnlich Adam Didur, machte es ihm möglich, auch Baritonpartien zu singen (er soll ein hervorragender Scarpia gewesen sein).


    :hello:Heldenbariton

    Wie aus der Ferne längst vergang´ner Zeiten
    GB

  • Hallo Heldenbariton,
    ein großes DANKE für den Tipp mit den Schubert-Aufnahmen :jubel: !
    Ich hatte bisher nur nach Opernaufnahmen geschaut, aber als Schubert- und Liedfreund freut mich diese Anregung ganz besonders.
    Ich bin beim Googeln auf ein Recital dieses Sängers gestoßen, auf der ebenfalls zwei Schubert-Aufnahmen mit enthalten sind: Der Lindenbaum und Lachen und Weinen.


    Danke auch für die Erklärung zur Stimmenzuordnung: Mit meiner laienhaften Einschätzung "Bass mit heller Färbung und eher Tendenz zum Bariton" habe ich dann ja so falsch gar nicht gelegen :].


    :hello: Petra

  • Danke für den Thread. Vanni Marcoux zählt für mich zu den ganz großen Interpreten und Sing-Schauspielern. Die beiden bereits erwähnten Schubert Lieder und der Tod des Don Quichotte sind ganz große Leistungen. Es gibt auch eine französisch gesungene Philip-Arie. Sein Golaud in Pelleas et Melisande soll auch Maßstäbe gesetzt haben.


    Muß auch als Schauspieler und Bühnendarsteller beeindruckend sein. Lauri Volpi nannte ihn den "größten Scarpia der französischen Opernbühne." Die Sänger bei denen die Stimme für sich nicht außergewöhnlich sind oft die besten und überzeugendsten Interpreten.
    Es gab/gibt auf Pearl ein Recital und eine CD auf Preiser.

  • Die oben Angeführte EMI Box ist leider bereits aus dem Program von jpc genommen.
    Hier biete ich Ersatz an:

    mit freundlichen Grüßen aus Wien
    Alfred


    Jeder, der versucht aus der großen Herde, die da heißt ›Gesellschaft‹, auszubrechen, ruft das Mißfallen der Herde hervor.

    Francesco Petrarca (1304-1374)