Theater in Wien

  • Hallo liebe Paminas und Taminos,
    Obwohl noch ganz neu, traue ich mich hiermit mein erstes Thema zu eröffnen. Ich würde gerne über Inszenierungen an den Theatern in Wien sprechen, eure Erlebnisse und Empfehlungen hören. Geht ihr gerne ins Theater oder meidet ihr es (und aus welchem Grund?) Was habt ihr wo gesehen und wie hat es euch gefallen, oder was wollt ihr euch anschauen?
    Da es hier sehr viele Wiener gibt, und in Wien gleichzeitig eine riesige Theaterlandschaft, bei der es schwer fällt, den Überblick zu behalten, freue ich mich jetzt schon auf eure Beiträge und werde natürlich kräftig mitschreiben. Theater ist neben der Musik meine größte Leidenschaft, ich versuche mindestens 1mal die Woche ein Theater von innen zu sehen und habe auch schon hin und wieder dort gearbeitet - als Regiehospitantin oder -assistentin.
    Ich bin also gespannt!


    Alles Liebe
    Cassiopeia

    "Ja! Ich weiß woher ich stamme!
    Ungesättigt gleich der Flamme
    glühe und verzehr' ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
    Kohle alles, was ich lasse:
    Flamme bin ich sicherlich!"
    (F. Nietzsche)

  • nur um das ganz kurz noch klarzustellen, vielleicht habe ich mich weiter oben missverständlich ausgdrückt: Gemeint sind alle Theater in Wien, nicht das Theater an der Wien, und auch eher Sprechtheater, für Oper gibt es ja schon einen Bereich im Forum.
    Eine gute Nacht
    Cassiopeia

    "Ja! Ich weiß woher ich stamme!
    Ungesättigt gleich der Flamme
    glühe und verzehr' ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
    Kohle alles, was ich lasse:
    Flamme bin ich sicherlich!"
    (F. Nietzsche)

  • Liebe Cassiopeia,
    freut mich, dass es noch andere Theaterfans unter den Paminas gibt! Wir hatten übrigens schon einige Theaterthreads, die sind aber leider alle wieder eingeschlafen.
    Ich war erst heute im Volkstheater ("Tod eines Handlungsreisenden", eine solide Aufführung, aber nicht herausragend), am Montag im Akademietheater bei "Verbrennungen", das mich zutiefst aufgewühlt hat (Die Problematik ist gerade jetzt angesichts der Kriegshandlungen im Gazastreifen mehr als aktuell). Regie und Schauspieler fand ich großartig!
    Am 29. Dezember besuchte ich die Voraufführung von Thomas Bernhards "Der Schein trügt" (schwache Regie, der es vor allem nicht gelang, die ganz spezielle Sprachmelodie von Bernhard zu entwickeln), am 30. Dezember den "Julius" Caesar" und am 31. als launigen Jahresausklang die Silvestergala in der Burg (Nachmittagsvorstellung) Genügt das, um mich in deinen Augen als Theaterfan zu qualifizieren? ;) :D Was hast denn du in letzter Zeit so alles gesehen?
    lg Severina :hello:

  • Eindeutig ein Theaterfan :D
    "Der Schein trügt" habe ich gerade am Freitag gesehen, hat mir auch nicht gefallen, was schade ist, die Schauspieler waren nämlich sehr gut! Man muss aber auch zugeben, dass das Stück nicht gerade Bühnenfreundlich ist... ich habe nicht genau auf die Uhr gesehen, aber es müssten etwa 90 min. gewesen sein, in denen sich Martin Schwab alleine über die Bühne gekämpft hat, bis er dann Unterstützung durch seinen "Bruder" bekam. Das ist für die Regie schon eine Herausforderung.
    Julius Caesar hat mir auch nicht besonders gefallen, ist aber auch schon ein Jahr her, dass ichs gesehen habe. Viele Effekte, wenig dahinter.
    Ins Volkstheater gehe ich gar nicht gerne, ich habe da einfach bisher wenig Gutes gesehen.Peer Gynt war durch den überragenden Raphael von Bargen noch ganz gut anzusehen, auch "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" fand ich gut, aber ansonsten hatte ich wohl eher Pech.
    Jetzt vielleicht mal ein paar Sachen, die mir gefallen haben :) "Fantasma" von René Pollesch war fantastisch ( welch Wortspiel ^^) tolles Thema, tolle Umsetzung! Und man muss bedenken, dass Pollesch seine Stücke erst während der Proben schreibt. Das so etwas großartiges dann dabei rauskommen kann ist verblüffend. Da Pollesch aber oft mit 2 Bühnen arbeitet (Die Bühne ist unterteilt und wenn die Schauspieler im hinteren Teil agieren wird das per Live-Kamera auf eine Leinwand projeziert) ist er sicher auch Geschmacksache.
    "Kleinbürger" war für mich auch ein toller Theaterabend, an dem einfach alles gestimmt hat: Schauspieler, Inszenierung und Stück! Weiß aber gar nicht, ob es noch gezeigt wird.
    Und dann war ich im November/Dezember 3mal im Schauspielhaus, weil ich dort eine Regiehospitanz gemacht habe. Ich finde, dort wird ganz großartiges Theater gemacht, hast du dir dort schonmal was angesehen? Schwarzes Tier Traurigkeit ist sehr zu empfehlen aber auch ein ganz schöner Brocken, geht sehr unter die Haut.
    So, damit verbleibe ich jetzt erstmal, sonst schreibe ich morgen noch und freue mich, schonmal eine Gleichgesinnte gefunden zu haben!
    Alles Liebe
    Cassiopeia

    "Ja! Ich weiß woher ich stamme!
    Ungesättigt gleich der Flamme
    glühe und verzehr' ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
    Kohle alles, was ich lasse:
    Flamme bin ich sicherlich!"
    (F. Nietzsche)

  • Ich bin, seit ich in Wien studiere, ebenfalls zum regen Theatergänger geworden (vorher spielte ich lieber selbst).
    Bisher habe ich in Burg und Akademietheater gesehen


    Julius Cäsar: Inszenierung nicht besonders (Constantin-Film-Kennung, Stimmengewirr auf der Leinwand), da hätte man mehr machen können. Schauspieler teilweise gut (Koch) bis sehr gut
    (Kirchner, Maertens) bis enttäuschend (Simonischek).


    Der Sturm: Schauspieler sehr gut, Idee ganz reizvoll (Inszenierung wars dann doch nicht), einige sehr witzige Stellen; nichts weltbewegendes.


    Wer hat Angst vor Virginia Woolf...?: Grandios! Von Pölnitz und Meyerhoff sind das perfekte Paar. Die Pointen waren hinreisend ausgekostet (inklusive der Beschimpfung eines Paars, das 5 Minuten nach Beginn ging), regelmäßiger Szenen-Applaus. Das andere Paar war naturgemäß Kanonenfutter. Bühnenbild und Inszenierung sehr gut.


    Wallenstein: Enttäuschend. Nicht wirklich schlecht, aber nach vielen Lobeshymnen aus dem Freundeskreis habe ich mir mehr vom Voss erwartet. Er war mir als Wallenstein zu gleichförmig, er zeigte kaum Gefühlregungen. Er war stehts der abgebrühte Kriegsherr. Er wird von allen verraten, seine Reaktion war nicht wirklich erkennbar. Außerdem war er im hinteren Teil des Parkett überweite Strecken der ersten Hälfte kaum zu verstehen, weil er so leise sprach.
    Die anderen Darsteller waren IMO besser (wieder Kirchner, Mann, Nickel).
    Ansonsten eine (obwohl stark gekürzte Fassung) sehr schleppende Aufführung, die "langsam" inszeniert wurde (dauernd irgendwelche Kunstpausen, kaum auf Anschlüsse gespielt). Bühnenbild war beeindruckend (Gewölbe aus Stahlrohren). Applaus gemäßigt.


    Die Rosenkriege: Das beeindruckenste Theatererlebnis meines bisherigen Lebens. In 7 Stunden werden die Shakespeare-Stücke Henry VI 1-3 und Richard III. mit 18 Darstellern in 60 Rollen zur Aufführung gebracht. Henry VI 1-3 ist stark gekürzt, Richard III. wurde auf 90 Minuten verkürzt.
    Das Ensemble leistet übermenschliches. Obwohl alle hervorragend spielten, ragen vor allem Ofczarek als Richard III., Ratjen als Jack Cade/Bona/Buckingham sowie Hauß als Henry VI. und D.König als Edward IV./Suffolk heraus. Bei den Damen sind Regina Frisch und Johanna Wokalek beeindruckend.
    Obwohl ich die Stücke nicht kannte und den geschichtlichen Background nur ungefähr intus hatte, kannte ich mich während des Stückes immer ganz gut aus. Dies ist auch auf die Figur des Chronisten (Herrmann Scheidleder) zurückzuführen, der die Szenen im breitesten Wienerisch einleitete und ausgelassene Teile erklärte. Er war auch für die Musik zuständig.
    Die Kostüme (500!) waren modern, das Bühnenbild minimalistisch, die Inszenierung war auf das Ensemble zugeschnitten.
    Gespielt wurde mit 2 Pausen. Eine unterteilte die Henry-Stücke, die andere war vor Richard III. Höhepunkt war IMO die zweite Henry-Hälfte. Die erste ist vor allem Handlungstechnisch eher mau, das Unheil muss erst herrausbeschworen werden. Richard III. lebt von Ofczarek und vom beeindruckenden Bühnenbild. In der zweiten Henry-Hälfe ist das Tempo unglaublich hoch, spannende Szenen und Dialoge es treten die einprägsamsten Figuren auf (Jörg Ratjen als Jack Cade und Bona; Oest als Lagerfeld-artiger Ludwig von Frankreich und Klischeelandwirt Alexander Iden). Auch tritt Richard langsam aber sicher in den Vordergrund. Die Stimmung in den Szenen wechseln von brutal, dramatisch, ergreifend bis lustig. Letzteres ist in erster Linie Ofczarek geschuldet, der Richard III. dämonisch und durch und durch böse anlegt, ohne dabei dauernd ein grimmiges Gesicht zu machen. Er lässt Platz für Gesten und Blicke und improvisierte Einwürfe, die deutlich machen: dieser Richard ist ein Monster und er hat Spaß daran. Zum Totlachen, die Interaktionen mit dem Publikum (beim Rausgehen sich schreiend zu einer jungen Damen runterbeugend oder einen Streit mit einem Mann in der ersten Reihe anfangend, der im Programmbuch mitlas "Was liest du denn mit? Ich sags ja eh, ich sag schon was ich muss! Komm mach zu!"). In der nächsten Sekunde todernst, dass einem eine Gänsehaut aufsteigt (solche Wechselspiele sind überhaupt in dieser Inszenierung sehr häufig). Alles steuert auf Richards Vernichtung zu, der die berühmten Worte nach einem Pferd einsam in einem See aus Dreck nur mehr hervorhauchen kann.
    7 Stunden, die wie im Flug vergehen, in einem erstaunlich vollem, aber immer noch schmerzhaft leerem Burgtheater. So großartig, dass ich sogar zweimal ging. Ich habe es nicht bereut.
    Donnernder langer Applaus, viele Bravos und Jubelschreie, für Standing Ovations hat dann die Kraft nach 7 Stunden doch nicht mehr gerreicht.
    Die ersten beiden Teile Heinrich VI 1-3 werden noch 2 mal gespielt, die Langfassung war gestern das vorerst letzte Mal zu sehen.


    Auf meinem Plan stehen noch Don Carlos, König Lear. Interessiert bin ich zudem am "Dem Gott des Gemetzels" und den "Brüdern Karamasov".

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Dem was du über die Rosenkriege geschrieben hast ist nichts mehr hinzuzufügen, ich fand es auch unheimlich gut! Danke für die Zusammenfassung!


    Beim Sturm hab ich mir mehr erwartet gehabt, weil er so gelobt wurde, aber der ist auch sehr schnell aus meinem Gedächtnis verschwunden gewesen. Trotzdem eine Leistung den Sturm mit nur 3 Schauspielern zu machen!


    Wer hat Angst vor Virginia Wolf am Burgtheater hat mir ehrlich gesagt nicht so gefallen. Vielleicht war ich von der Volkstheaterinszenierung vorbelastet, ich hatte jedenfalls das Gefühl, Jan Bosse hat das Stück nicht ganz ernst genommen (Er sagte auch in einem Interview, für ihn sei das ganze Stück absurd), meiner Meinung aber ist das keine Thematik, die man so ins Lächerliche ziehen muss. Es war mir einfach zu viel. Natürlich wars zum Lachen, das ist nicht die Frage, aber Fakt ist ja, dass es um ein Paar geht, dass sich immer wieder aufs Neue Wunden ohne Ende zufügt und aber trotzdem durch den erfundenen gemeinsamen Sohn nicht ohneeinander kann, zuviel ist da, was sie voneinander abhängig macht. Und die Momente, in denen klar wird, dass da eigentlich unglaublich tragisch ist, was da passiert, die haben mir gefehlt.


    Wallenstein habe ich noch nicht gesehen, möchte ich aber sehr bald!


    Die Brüder Karamasow kann ich dir nur ans Herz legen, ich schaue sie mir nächste Woche zum dritten Mal an! Definitiv eine der Besten Inszenierungen, die ich überhaupt gesehen habe.Beschreiben lässt sich das nicht, ohne hier die ganze Familiengeschichte der Karamasows auszubreiten, also sage ich einfach nur: unbedingt ansehen!


    Vom Lear war ich sehr enttäuscht. Wie dich Voss im Wallenstein enttäuscht hat, so hat er mich im Lear enttäuscht. Ziemlich schwache Darstellung. Aber das Prelude aus der 1. Cello-Suite von Bach wird gespielt :) Und es hat mich von der Inszenierung irgendwie an Operninszenierungen erinnert, bei denen ständig der Chor auf der Bühne ist. Es waren unglaublich viele Leute auf der Bühne, mit Lear tritt immer der halbe Hofstaat auf und man weiß nicht so ganz, was das soll...


    Den Gott des Gemetzels fand ich sehr gut gespielt (mal wieder Meyerhoff und Pölnitz :)), die Inszenierung nicht berauschend. Lustig war aber, dass es bei der Aufführung, bei der ich dort war lauter pannen gab (Kabel aus Telefon gerissen, während jemand gerade damit telefonierte, hastig wieder reingesteckt und gefragt: "Hallo? Halloooo? Ah, Sie sind noch dran, wie schön :D)


    Und für den Don Carlos hab ich Karten, da bin ich mal sehr gespannt!
    Alles Liebe
    Cassiopeia

    "Ja! Ich weiß woher ich stamme!
    Ungesättigt gleich der Flamme
    glühe und verzehr' ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
    Kohle alles, was ich lasse:
    Flamme bin ich sicherlich!"
    (F. Nietzsche)


  • Beim Sturm war dies auch mein Eindruck. Ich wurde auch mit großartigen Kritiken vorbelastet.


    Zu Virginia Woolf hab ich vielleicht zuwenig geschrieben. Die ersten 2 Stunden sind zum Lachen, die letzten 30 Minuten sind niederschmetternd. Mir hat die Stimmung am Ende gefallen, wo sie völlig kaputt am Boden saß und er ihr aufgeholfen hat. Dass dann das Bühnenbild von neuem aus dem Boden kam, war für mich die Pointe des ganzen Stücks. Ich nenne das das Ragnarök-Syndrom: Man kämpft den ganzen Tag, geht dann zu Bett um am nächsten Tag von vorne anzufangen. Das Paar zerfleischt sich seit 20 Jahren und es geht immer von vorne los. Wer weiß, vielleicht vernichtet in der nächsten nach sie ihn und nciht umgekehrt. INSOFERN hat das Stück schon eine absurde Komponente, die IMO in der Inszenierung sehr gut herauskam. Ich weiß nicht ob ich mir das Stück in einer Inszenierung gefallen hätte, in der das ganze nur als Beziehungsdrama aufgerollt wird. Das ist nämlich generell nicht so meine Sache, weil so was schnell weinerlich wird.


    Wallenstein muss ich dich enttäuschen, das war heute laut Spielplan zum letzten Mal. Ich bin nur froh auf Stehplatz gegangen zu sein, weil für diese müde Darstellung hätte ich nur ungern mein Studentenbudget mit 7 € belastet. Lear werde ich mir wahrscheinlich noch anschauen, weil ich vor allem die Minichmayr mal "live" sehen will und ich von Macbeth durch die schlechten Kritiken abgeschreckt wurde (obwohl mich der alleine wegen Dietmar König reizen würde).

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Tja, so verschieden sind die Geschmäcker: Für mich war der "Lear" eines der überwältigendsten Theatererlebnisse der letzten Saison, ich habe ihn dreimal gesehen. Eine kluge, unaufgeregte Regie von Altmeister Luc Bondy, ein sehr reduziertes Bühnenbild, wie ich es liebe, und grandiose Schauspieler, allen voran Gert Voss, der mich schon lange nicht so überzeugt hat, obwohl ich ihn generell sehr mag (besonders in den Bernhardinszenierungen von Peymann) und vor allem Birgit Minnichmeyer: Alleine ihr Narr lohnt den Besuch dieser Aufführung!
    Cassiopeia, ich hoffe, das kommt nicht "oberlehrerhaft" rüber, wenn ich sage, dass mir in deinem/eurem Alter der "Lear" auch nie gefallen hat. Damit meine ich jetzt nicht "zu jung, zu unreif" und was der Vorurteile mehr sind, aber ich kann anhand meiner inzwischen 32jährigen "Laufbahn" als Theaterfan sagen, dass sich die Wertigkeiten einfach verändern und man zu gewissen Stücken eben eine längere Zeit braucht, bis man den Zugang findet. Umgekehrt sagen mir heute Dramen/Romane überhaupt nichts mehr, die mich mit 20 begeistert haben. Aber ich sag jetzt lieber nix mehr, bevor ich grob missverstanden werde!
    Danke für deine Einschätzung der "Brüder Karamasow", die stehen ganz oben auf meiner Liste, und du hast mir jetzt richtig Lust gemacht!
    lg Severina :hello:

  • Zitat

    Zu Virginia Woolf hab ich vielleicht zuwenig geschrieben. Die ersten 2 Stunden sind zum Lachen, die letzten 30 Minuten sind niederschmetternd.


    Genau das fand ich nämlich nicht. Mir ist selbst nicht ganz klar, worin die Ursache lag, aber ich fand, dass dieser Umschwung der Emotionen nicht gelungen ist, mich hat es nicht niedergeschmettert :rolleyes:
    Naja, und ein Beziehungsdrama wars ja in dieser Inszenierung auch, nur eines, in dem der Zuschauer bewusst eingeplant wird (auch in Form des anderen Ehepaars, dass anwesend ist), dem man dann eine riesige Show liefert... eine zu Große, weil der Bruch dann am Ende nicht mehr realistisch ist.



    Zitat

    Cassiopeia, ich hoffe, das kommt nicht "oberlehrerhaft" rüber, wenn ich sage, dass mir in deinem/eurem Alter der "Lear" auch nie gefallen hat. Damit meine ich jetzt nicht "zu jung, zu unreif" und was der Vorurteile mehr sind, aber ich kann anhand meiner inzwischen 32jährigen "Laufbahn" als Theaterfan sagen, dass sich die Wertigkeiten einfach verändern und man zu gewissen Stücken eben eine längere Zeit braucht, bis man den Zugang findet.


    Nein, keine Sorge, ich fühle mich jetzt nicht angegriffen :) Allerdings muss ich sagen, dass ich mit meiner Kritik ganz klar die Inszenierung gemeint habe und nicht das Stück. King Lear habe ich vor ca. 5 Jahren das erste Mal gelesen und ich finde es großartig und in vielerlei Hinsicht unglaublich aktuell (Wie ernst werden ältere Menschen in unserer Gesellschaft genommen? Wieviel Verantwortung nimmt man ihnen ab, um sie zu entlasten, wieviel um selbst davon zu provitieren etc.?).



    So, morgen werde ich mir den Macbeth ansehen und bin schon gespannt. Konntet ihr mitlerweile die Brüder Karamasow anschauen?


    Liebe Grüße
    Cassiopeia

    "Ja! Ich weiß woher ich stamme!
    Ungesättigt gleich der Flamme
    glühe und verzehr' ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
    Kohle alles, was ich lasse:
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    (F. Nietzsche)

  • Der Thread ist ja völlig eingeschlafen, geht denn in letzter Zeit niemand in Wien ins Theater?
    Werde mir heute das Gastspiel von "Faust" aus Hamburg ansehen. noch jemand? Oder vielleicht irgendwas anderes in letzter Zeit gesehen?

    "Ja! Ich weiß woher ich stamme!
    Ungesättigt gleich der Flamme
    glühe und verzehr' ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
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    Flamme bin ich sicherlich!"
    (F. Nietzsche)

  • Also kurz vor den Semesterferien war ich noch in Don Carlos. Primär wegen Ofczarek und Hauß und der Inszenierung von Andrea Breth. Alles in allem eine gute Inszenierung, das Bühnenbild hat mich beeindruckt und eine unheimliche Stimmung erzeugt. Es hatte was von Atombunker unter der Erde und zeigte für mich, dass sich das Regime abkapselt und vor sich hin intrigiert.
    Wieder beeindruckend die von Pölnitz, sowie Petkovic und Bechtolf (unheimliche Ausstrahlung).
    Leider auch hier wieder mit 4 Stunden deutlich zu lang, man war froh als es aus war. Zudem stelle ich fest, dass mir Schiller nicht liegt. Seine Stücke berühren mich nicht, weder beim Lesen noch auf der Bühne. Werde wohl bei Shakespeare bleiben.


    Demnächste möchte ich noch in Gott des Gemetzels und Das Leben ein Traum. Mal sehen was sich sonst noch ergibt.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • Ich gehe meistens nur in Graz ins Theater, wenn das auch gilt... Am Grazer Schauspielhaus kann ich den "Baumeister Solness" nachdrücklich empfehlen, den ich mir gestern zum zweiten Mal angeschaut habe. Ein grandioser Peter Simonischek in der Titelrolle und eine geniale Hilde: die junge Verena Lercher, eigentlich Karenzvertretung für Andrea Wenzl, aber ich hoffe, dass sie bleibt! Wie viele Nuancen sie in ihre Partie eingebracht hat!
    Die Inszenierung von Intendantin Anna Badora ist eine, wie ich sie gern mag: Vom Text ausgehend, eine aufs Wesentliche konzentrierte Bühne und eine glänzende "Personenregie". Die gut gewählte Musik hat die schauspielerischen Leistungen an den Höhepunkten noch verstärkt. Absolut gelungen!


    Liebe Grüße,
    Martin

  • Heute Abend stand für mich "König Ottokars Glück und Ende" auf dem Programm. Mein Fazit: Ich bin begeistert. Das Ensemble war fantastisch, Moretti zeigt, dass er einer der ganz Großen ist. Maertens untermauert selbiges wieder. Etwas im Hintergrund, aber gewohnt gut Nicholas Ofzarek. Ein Highlight, die Margarete von Elisabeth Orth: wunderbar wie sie die verhärmt, fallen gelassene Ehefrau gibt.
    Die Inszenierung und das Bühnenbild haben mich schwer beeindruckt. Kusej schafft es den mitunter hohlen Pathos und die Habsburger-Anhimmelei ins Satirische zu verkehren (großartig die Exponiertheit der Rede an Österreich). Hier wird ein österreichischer Mythos entzaubert. Rudolf ist kein Sympathiträger, sondern zeigt deutlich, dass er keinen Deut besser ist als Ottokar. Im Gegenteil, gegen ihn den kühlen Machtmenschen wirkt Ottokar fast schon sympathisch, weil menschlicher.


    Etwas aufgesetzt die Musik (wie im Soundtrack eines Blockbusters und nicht zur Inszenierung passend) und langsam öden mich auch die ewigen Anzüge als Kostüme an. Sie bildeten aber einen herrlichen Kontrast in der Szene zwischen Ottokar und Rudolf in der Ottokar im vollen Königsornat erschien.


    Mit anderen Worten: ein unglaublich toller Theaterabend.



    Mittlerweile habe ich auch Gott des Gemetzels gesehen. Meyerhoff war großartig, die anderen Schauspieler gekonnt und witzig, allerdings nichts außergewöhnliches. Ein nettes, zeitgemäßes und auch dankbares Stück.


    Von ganz anderem Kaliber ist da "Virginia Woolf", das ich mittlerweile dreimal gesehen habe und das mich auch beim 3. Mal noch zu fesseln vermochte. Ein Freund, der am Vortag auch in Gott des Gemetzels war, war sprachlos angesichts der Leistung der beiden Hauptfiguren und der Veränderung, die vor allem Christiane von Pölnitz durchlief. Von unserem Platz in der 5. Reihe konnten wir auch die feinen Nuancen im Spiel der beiden voll auskosten.



    Im Akademietheater hat mir "Die Brüder Karamasow" ebenfalls gut gefallen. Eine unglaublich ästhetische moderne Inszenierung mit großartigem Ensemble (wieder Meyerhoff, aber der Diener und Damen).



    Am 19. steht noch "Das Leben ein Traum" an, weiter habe ich bis jetzt noch nicht geplant.
    Schlingensiefs "Mea Culpa" hätte mich interessiert, ich hatte jedoch keine Zeit. Die Wiederaufnahme im Juni kommt auch ungelegen, weil ich da vorraussichtlich verhindert sein werden.

    Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

  • König Ottokars Glück und Ende war mein allererster Theaterbesuch in Wien, im Oktober 2007! Mir hat es auch sehr gut gefallen, allerdings ist es zu lange her, alsdass ich dazu noch etwas sinnvolles sagen könnte.


    Mea culpa habe ich gesehen und kann die große Begeisterung allseits irgendwie nicht verstehen.... Natürlich: Es ist eine riesige Show und wirklich ein Genuss für die Sinne, aber es fehlt einfach der rote Faden und wenn man sich nicht genau durchliest, worum es eigentlich gehen soll, kommt nur wenig an.
    Ein schöne Idee, aber leider nicht so gut umgesetzt.


    "Das Leben ein Traum" war für mich einer der ganz großen Theaterabende und ich bin schon gespannt, wie es dir gefällt. Es wird ein Cello zertreten :(
    Nein, im Ernst: tolle Thematik, eine Inszenierung, die total nach meinem Geschmack war und ein wahnsinnig guter Nicolas Ofzarek!!

    "Ja! Ich weiß woher ich stamme!
    Ungesättigt gleich der Flamme
    glühe und verzehr' ich mich.
    Licht wird alles, was ich fasse,
    Kohle alles, was ich lasse:
    Flamme bin ich sicherlich!"
    (F. Nietzsche)