BRAHMS: Streichquartette

  • Während bei den anderen Beispielen (wie auch mitunter bei Bach) herausgestellt wird: Alles herhören, ich bin der große Meister des komplexen Kontrapunkts und jetzt nochmal das ganze mit der Umkehrung...

    Klar, aber Bach macht das doch vor allem in Fugensammlungen, oder? Da gehört so etwas eben dazu. In seinen übrigen Werken ist der Kontrapunkt ja viel geschmeidiger eingearbeitet - z.B. in den Violinsonaten mit obligatem Cembalo. Ich finde auch Brahms in seinen Händelvariationen nicht ganz unangeberisch: "schaut her, jetzt mach ich auch das noch". Aber ähnliches lässt sich wohl jedem ehrgeizigen (deutschen) Komponisten vorwerfen....



    Zitat

    Die Stücke, mit denen ich mich am schwersten getan habe, waren wohl die Binnensätze von 51/1.

    Ja, das ist bei mir wohl auch so.



    Summa summarum gehöre auch ich leider zu denen, die von Brahms´Quartetten irgendwie enttäuscht sind - vor allem im Vergleich mit seinen Streichquintetten, die ja wohl wirklich zum allerschönsten gehören, was es in der Kammermusik gibt.

  • Op. 51/1 habe ich bereits mit Freude gespielt (oder jedenfalls zu spielen versucht), der aggressive und widerborstige Tonfall stört mich nicht, zum mentalen Ausgleich kann man sich ja mit einem antagonistischen Satz aus Mendelssohns op. 44 beschäftigen - Felix Meritis fällt bestimmt der passende ein...


    Aber ja! Ich empfehle op. 44/3 Kopfsatz. Akademisch, akademisch, akademisch - aber nicht aggressiv. Allerdings, ob das besser ist...?

  • Die Händelvariationen würde ich ebenfalls als eine der "demonstrativen" Stücke Brahms' sehen. Natürlich gibt es auch sonst viele solcher Stellen, aber verglichen mit dem Ruf als "gelehrter Komponist" finde ich ihn insgesamt eher diskret.


    Ohne Zweifel sind seine Streichquartette (aber eben nicht nur die, ich sehe eigentlich keinen so extremen Unterschied zB zu den Quintetten, verglichen mit den unmittelbar eingängigen? Brahms-Werken wie H-Dur-Trio oder Klavierquintett sehe ich die eher auf der Seite der Streichquartette) weitestgehend "anti-naiv", oft im beinahe übertriebenen Bewusstsein der Tradition und der Vorbilder von Haydn bis Schubert komponiert. Für mich eben aber dennoch (oder deshalb?!) unverkennbarer Brahms. Wie in der "Polyrhythmik" im Kopfsatz des B-Dur oder dem melancholischen Menuett (mit spielerischem scherzando-Trio) des a-moll usw.


    Gombert : "doctrina multiplex, veritas una" war das (alte) Motto meines letzten Arbeitgebers. Wenn man übereinstimmt, vielleicht einfach, weil man die Wahrheit erkannt hat ;)

    Struck by the sounds before the sun,
    I knew the night had gone.
    The morning breeze like a bugle blew
    Against the drums of dawn.
    (Bob Dylan)

  • Die Händelvariationen würde ich ebenfalls als eine der "demonstrativen" Stücke Brahms' sehen. Natürlich gibt es auch sonst viele solcher Stellen, aber verglichen mit dem Ruf als "gelehrter Komponist" finde ich ihn insgesamt eher diskret.


    Nicht ohne Bedeutung in der Einschätzung Brahms´dürfte sein, dass er oft mit seinen Zeitgenossen Dvoràk oder Tschaikowsky verglichen wird, und da lässt sich eine weniger melodisch denn strukturell betonte Kompositionsweise kaum bestreiten. Jedenfalls ist das aus heutigem Blickwinkel so. Zu Brahms Lebzeiten, als Spohr, Onslow und die gemässigteren Werke Mendelssohns das Rückgrat des Kammermusikrepertoires bildeten (im 19. Jahrhundert waren v.a. die Streichquartette op. 44 verbreitet), muss der junge Brahms wie ein Ultraromantiker gewirkt haben.

  • In den letzten zwei Tagen habe ich mir das Quartett in drei unterschiedlichen Interpretationen angehört, heute gerade im direkten Vergleich die von Johannes empfohlene Aufnahme mit dem Lasalle Quartett (von denen habe ich alle Aufnahmen noch auf Vinyl) und die von Cuarteto Casals.



    Im direkten Vergleich fällt sofort auf, die Spielzeiten der vier Sätze sind bis auf wenige Sekunden identisch. Wenn man dann weiss, dass das Cuarteto Casals intensiv von Walter Levin, dem ehemaligen Primarius des Lasalle, unterrichtet wurde, überrascht das vielleicht nicht. Als nächstes fällt auf, die Spanier spielen technisch besser, vielleicht nicht die Primaria, die zieht aber zumindest gleich, aber die anderen drei sind vom Cuarteto Casals in meinem Ohren einfach besser als die Kollegen vom Lasalle. Sie spielen schlanker und das Ensemblespiel ist auch homogener und transparenter, woran natürlich auch die Aufnahmetechnik ihren Anteil hat. Beim Hören dachte ich dann, vielleicht ist Walter Levin deshalb ein so passionierter Lehrer geworden, weil er mit den jungen Quartetten Dinge umsetzen kann, die er mit seiner Formation in späteren Jahren nicht mehr hinbekam. Nur so ein Gedanke.


    Beide Quartette schaffen es aber, den Brahms in bester Manie zu spielen, besser als viele andere Quartette, die ich kenne. Deshalb wurde das Stück beim zweimaligen Hören wieder aufgewertet. Selbst den 3. Satz, den ich fast für den uninspiriertesten im gesamten Schaffen von Brahms halte, konnte ich in diesen beiden Aufnahmen halbwegs goutieren. Am kommenden Donnerstag spielt in Stuttgart das Artemis Quartett, ich bin gespannt, wie die das hinkriegen. B.a.w. ist die Casals Einspielung meine Referenz.


    P.S. Gestern hatte ich die Aufnahme des Mandering Quartetts gehört, allerdings beim Autofahren, deshalb hier nicht mit einbezogen. Die Brahmsaufnahmen dieses Quartetts sind reizvollerweise mit Quartetten von Freunden/Zeitgenossen von Brahms gepaart (Gernsheim, Herzogenberg, Dessoff). Alle wurden von verschiedenen Kritikern hoch gelobt.


  • Auch ich höre zur Zeit brav die SQ von Brahms. Von op. 51/1 in der neuen Interpretation des Takács-Quartetts bin ich zunehmend eingenommen - das Werk gefällt mir jetzt viel besser denn je zuvor. Beeindruckend mit welchem Drive die Takács die Coda des ersten Satzes spielen! Die Spielkultur ist einfach fantastisch! Das wichtigste: sie forcieren den Ton nicht. Das ist nämlich für mich bei Brahms das schlimmste, da er gerne die Geigen (parallel) crescendo in die hohen Lagen führt. Das kann schnell sehr grell klingen.

  • Seit einigen Tagen (Wochen ?) besitze ich die hier gezeigte Aufnahme (Lizenzausgabe einer CBS oder SONY- Einspielung) - ich habe sie mir wegen des Juilliard String Quartetts gekauft, welches in meiner Sammlung bis dato unterrepäsentiert (oder nicht gar nicht vorhanden ?) ist, bzw war.
    Bis dato habe ich lediglich die Quartette op 51 Nr 1 und 2 gehört - und ich empfand sie als eher "unangenehm" - Derzeit jedoch - während ich den Beitrag schreibe - höre ich erneut die Nr 1 (zum dritten oder vierten Mal) - und kann meine Ablehnung nicht mehr aufrechterhalten - scheinbar muss man die Werke öfter hören um sie zu lieben.....


    mfg aus Wien
    Alfred

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  • Derzeit jedoch - während ich den Beitrag schreibe - höre ich erneut die Nr 1 (zum dritten oder vierten Mal) - und kann meine Ablehnung nicht mehr aufrechterhalten - scheinbar muss man die Werke öfter hören um sie zu lieben.....


    Diese Ansicht hielt ich früher für etwas klischeehaft, inzwischen kann ich aber über weite Strecken zustimmen. Viel von Brhams, das ich jetzt mag oder sogar tatsächlich liebe, konnte ich ursprünglich nicht leiden. Die SQ von Brahms schätze ich inzwischen deutlich mehr, allerdings kann hier von Liebe keine Rede sein. Ich halte die Werke nach wie vor für problematisch und für deutlich weniger attraktiv als das meiste andere aus Brahmsens Kammermusik (trifft mit Einschränkungen auch auf Schumann zu, allerdings).

  • Schumanns Quartette finde ich nun nicht uneingängiger als seine übrige Kammermusik. Wenn man mal einen Reißer wie das Klavierquintett ausklammert, sehe ich keine so großen Unterschiede zwischen zB den Quartetten und den Trios.


    Brahms' Quartette sind vergleichsweise uneingängig, aber ich finde sie nicht problematisch. Und wenn man nicht gerade mit dem H-Dur-Trio vergleicht, sind sie m.E. auch nicht so viel sperriger als zB das 2. und 3. Klaviertrio, das Klarinettentrio oder die Cellosonaten.

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  • Schumanns Quartette finde ich nun nicht uneingängiger als seine übrige Kammermusik. Wenn man mal einen Reißer wie das Klavierquintett ausklammert, sehe ich keine so großen Unterschiede zwischen zB den Quartetten und den Trios.


    Ich schon, obwohl ich "mit Einschränkungen" schrieb. Die ersten beiden Quartette finde ich zwar teilweise faszinierend aber schon sehr unorthodox (sehr seltsam sind die jeweiligen Kopfsätze). Wirklich sehr gut finde ich das dritte Streichquartett. Trotzdem finde ich praktisch alle Kammermusikwerke mit Klavier eingängiger, nicht nur das Quintett, sondern auch das Quartett (mein Lieblingswerk von Schumann), die ersten beiden Klaviertrios und die Volksstücke.


    Auch bei Brahms empfinde ich so, sogar noch stärker. Problematisch finde ich sie natürlich nicht hinsichtlich der Qualität sondern der, wie mir scheint, etwas ängstlichen Fixierung auf die klassische Tradition (Brahms vernichtete ja eine große Anzahl von Quartetten). In keiner anderen Werkgruppe misstraut er der Melodie und dem lyrischen Ausdruck so sehr wie hier.

  • Wenn ich recht erinnere, enthielt meine erste CD mit Brahms' Kammermusik das Trio op.8 und das Quartett op.67. Als ziemlicher Anfänger mit ca. 18 hatte ich keine grundsätzlichen Probleme mit dem Quartett, selbst wenn ich sicher in beiden Mittelsätze gewisse Durststrecken empfunden haben dürfte. Es gab damals aber etliche Musik, bei der das der Fall war, obwohl ich andere Sätze und die Werke insgesamt sehr schätzte. Das c-moll-Quartett müsste ich um dieselbe Zeit herum aus dem Radio mitgeschnitten haben, auch da hatte ich mit den Ecksätzen keine Schwierigkeiten.
    (Schumanns Kammermusik habe ich viel später als weit erfahrener Hörer kennengelernt; hier bin ich jedenfalls sicher, dass ich das 1. Quartett sofort zugänglich gefunden habe.)


    Wie auch immer scheinen mir all das größtenteils persönliche Präferenzen und Geschmacksunterschiede zu sein. Klar, Brahms' op. 8 ist eingängiger als die Streichquartette, aber zB bei den anderen Trios sehe ich das nicht unbedingt. Ich finde auch nicht, dass Brahms' Quartette deutlich strenger auf eine klassizistische Tradition eingeschworen wären als viele andere seiner Werke. Selbst bei einem relativ frühen Werk wie der e-moll-Cellosonate findet man nach dem sehr romantischen Kopfsatz (der m.E. gleichwohl auf Beethovens op.69 und Schuberts Arpeggione-Sonate verweist) ein Menuett und eine Bach-Hommage mit Beinahe-Zitat aus der Kunst der Fuge.

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  • Ja, bei Brahms scheinen wir irgendwie unterschiedlich gepolt zu sein.


    Die 1. Cellosonate hat mich beim ersten Hören bereits restlos begeistert. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich sie zum ersten Mal im Konzert gehört habe (von Sol Gabetta gespielt). Den ersten Satz finde ich extrem romantisch im Ausdruck - sehr sonor. Das faszinierende an dem Werk ist auch, dass es für Amateure sehr gut zu spielen ist (zumindest der Cellopart). Bei der 2. Cellosonate bin ich mir da nicht so sicher :pinch:

  • Ich finde die e-moll-Cellosonate auch eingängiger als die Streichquartette. Ich habe sie nur erwähnt, weil auch ein eher frühes, "romantisches" Werk in den Sätzen 2 und 3 sehr stark traditionsbewusst ist und zwar auf eine Weise, die viele Hörer als sperrig empfinden (im Ggs zur 1. Serenade, die man vielleicht eine flache Imitation finden könnte, aber wohl kaum sperrig). Das Menuett ist melodisch nicht sehr einprägsam, wenig tänzerisch, bildet keinen allzu starken Kontrast zum Kopfsatz in Tempo oder Stimmung (man vgl. dagegen die beiden ersten Sätze von Beethovens op.69!) und auch wenn ich das Finale sehr packend finde, halten andere Hörer es für gekünstelt o.ä.


    Ich bestreite nicht, dass es Unterschiede in der Zugänglichkeit gibt, bloß scheinen mir das von meiner eigenen Hörerfahrung und auch, wenn ich mich um ein "objektives" Urteil bemühe, eher Nuancen als riesige Unterschiede, während das andere hier im Thread anscheinend ganz anders erleben.


    Mir fielen als Anfänger die späten Beethoven-Quartette leichter als die frühen und etliche der mittleren. Die sperrigste Beethovensonate ist für mich bis heute op.54, nicht eine von den späten.


    Vielleicht knüpft man als "naiver Anfänger" auch an andere Dinge an als als erfahrener Hörer. Vieles kann man dann später nicht mehr nachvollziehen. Ich bin mir jedenfalls relativ sicher, dass ich zB das dritte Klavierquartett oder das 3. Klaviertrio von Brahms nicht zugänglicher fand als die Streichquartette. Nur waren zB beim op.60 die Ecksätze die "schwierigen", bei op.51/1 dagegen die Binnensätze.

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  • Brahms scheint mir ein Komponist zu sein, der mehr polarisiert als andere, obwohl mir nicht völlig klar ist warum. Die Einschätzung nicht nur seiner Person im allgemeinen sondern auch der einzelnen Werke variiert viel mehr als bei anderen. Ich kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, weshalb der sympathische (aber mit den Ecksätzen verglichen wenig spektakuläre) Mittelsatz der e-Moll Sonate von manchen als sperrig empfunden wird. Vielleicht weist seine Musik einfach mehr Bandbreite an Ausdruck auf als die von anderen Komponisten: von ungehemmtem Melos (1. Streichsextett) bis zu stacheliger Reduktion (3. Klaviertrio). Bei Beethoven ist mMn selbst in den sperrigsten Werken, die Diskrepanz geringer. Jedenfalls ist für jeden was bei Brahms dabei - egal ob man von Schubert/Dvorâk kommt wie ich, oder von Beethoven so wie Du.

  • Vor Edwin Baumgartner bei Tamino und evtl. einigen Diskussionen im englischsprachigen rec.music.classical.recordings hatte ich nie den Eindruck, dass Brahms polarisiert. Zwar ist kaum eines seiner Werke so ein Einsteigerstück wie einzelne Sinfonien von Haydn, Mozart, Beethoven, Dvorak oder gar Moldau und Morgenstimmung, hatte ich, sobald ich breiter klassische Musik hörte, immer den Eindruck, dass Brahms ein unbestrittener und weitgehend auf breiter Front geschätzter Klassiker sei, ähnlich wie Mozart oder Beethoven (im Gegensatz zu Bruckner oder Mahler, die mir vergleichsweise exotisch bzw. "acquired taste" schienen).
    Das Menuett in der Cellosonate finde ich nicht sperrig i.S.v. schwierig, aber es ist recht verhalten, melodisch nicht besonders eingängig, etwas "trocken" würde ich sagen.


    Ich meine, dass zB Beethoven und Mozart eine größere Bandbreite an Emotion und Ausdruck haben als Brahms, aber das hat auch nicht so direkt mit der Zugänglichkeit zu tun. Bei Brahms ist es schon recht deutlich, dass eine unverstellte Romantik wie vielleicht in der Erstfassung von op.8 oder dem ersten (oder auch noch dem zweiten) Sextett später deutlich gezügelt wird. Das führt allerdings nicht immer zur Vermeidung von sanglichen Melodien (die gibt es noch ganz spät zB in der zweiten Klarinettensonate), aber zu stärkerer Konzentration und Kondensation.

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  • Vor Edwin Baumgartner bei Tamino und evtl. einigen Diskussionen im englischsprachigen rec.music.classical.recordings hatte ich nie den Eindruck, dass Brahms polarisiert. Zwar ist kaum eines seiner Werke so ein Einsteigerstück wie einzelne Sinfonien von Haydn, Mozart, Beethoven, Dvorak oder gar Moldau und Morgenstimmung, hatte ich, sobald ich breiter klassische Musik hörte, immer den Eindruck, dass Brahms ein unbestrittener und weitgehend auf breiter Front geschätzter Klassiker sei, ähnlich wie Mozart oder Beethoven (im Gegensatz zu Bruckner oder Mahler, die mir vergleichsweise exotisch bzw. "acquired taste" schienen).


    Brahms angeblicher Konservativismus geistert aber schon sehr lange herum - ob´s stimmt oder nicht, sei mal dahingestellt - und namhafte Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts waren stramm antibrahmsianisch (Tschaikowsky, Strawinsky, Britten, eigentlich auch Strauss, ...). Im Konzertsaal war er natürlich immer präsent, aber das gilt ja auch für Mendelssohn.


    Das Menuett in der e-Moll Sonate empfinde ich als ähnlich wie den zweiten Satz der Mondscheinsonate: ein Werbeblock im Kinofilm ;)


    Das Vermeiden von sanglichen Melodien ist eben der Stein des Anstosses, denn seine Motive haben für mich nicht die Prägnanz Beethovens. Viel eher ist Brahms - entgegen dem Klischee - ja eigentlich ein genialer Melodiker (was man schon an den zu Volksliedern gewordenen Melodien Brahmsens merkt). Ich jedenfalls ertappe mich immer wieder dabei Brhamssche Melodien auf der Strasse vor mich her zu singen. Brahms hätte also mehr wie Dvorák schreiben sollen und nicht umgekehrt :D

  • Es gibt Werke, für die ich mich (noch) nicht reif fühle. Die brahmsschen Streichquartette gehören dazu. Nach einem ersten Anhören vor vielen Jahren hatte ich die Aufnahme mit dem Quartetto Italiano (*) beiseite gelegt. Andere Kammermusikwerke von Johannes Brahms waren mir zugänglicher. Teilweise spiele ich sie selber, so die Klarinettensonaten op. 120. Jetzt wäre wieder Zeit für einen zweiten Anlauf.


    20 Streichquartette soll Brahms zu Papier gebracht haben, bevor er seine drei Werke dieser Gattung drucken liess. Der Meister hatte lange mit der Form gerungen.


    "Die Kisten mit den alten Skripturen standen lange in Hamburg. Als ich vor zwei oder drei Jahren dort war, ging ich auf den Boden – die ganze Kammer war aufs schönste mit meinen Noten tapeziert, sogar die Decke. Ich brauchte mich nur auf den Rücken zu legen, um meine Sonaten und Quartette zu bewundern. Es machte sich sehr gut. Da hab’ ich alles heruntergerissen – besser, ich tu’s als andere! – und auch das Übrige mitverbrannt."


    Die Partituren haben sich in Rauch aufgelöst. Nicht auszudenken, wenn diese Papiere in der Kiste heute aufgetaucht wären...


    Wenn ich die Beiträge in diesem Thread lese, kommt zum Ausdruck, dass manche Tamino-Mitglieder ihre Vorbehalte zu diesen drei Streichquartetten des aus Hamburg stammenden Wahlwieners haben. Nach meinem erneuten Anhören der drei Quartette op. 51, Nr. 1 & 2 sowie op. 67 in der Interpreation des Quartetto Italiano (Aufnahmen 1976-71), war das, was aus den Lautsprechern gekommen ist, keine leichte Kost. Ich werde diese Musik mir mehrmals zu Gemüte führen müssen und mich in die Literatur einlesen. Ich habe noch Aufnahmen mit dem LaSalle Quartett in der GA aller Brahms-Werke der DG und dem Alban Berg Quartett im Regal stehen.


    * (Für Tamino-Mitglied Johannes Roehl in Beitrag 3 ist die Interpretation des Quartetto Italiano "gemäßigt, klangschön, soft".)

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  • Mit den Brahms Quartetten hatte ich auch lange Probleme. Mir ging es wie Uwe Schoof, der z.B. die Sätze 3 und 4 des 1. Quartetts überhaupt nicht leiden konnte. Inzwischen habe ich mit allen Werken "Frieden" geschlossen. Sie gehören nicht zu meinen Lieblingswerken, aber ich respektiere sie und höre sie gelegentlich, schon alleine dadurch, dass ich Abonennt einer Kammermusikreihe bin. Unter den Neuaufnahmen fand ich die mit dem Belcea Quartett sehr ansprechend (wie eigentlich alles von dieser Formation). Sie wurde auch von der Kritik einhellig gelobt. Einige der weiter oben genannten - Budapest, Italiano, Alban Berg - stehen ebenfalls im Regal.


  • Einen Fürsprecher hatte Brahms in Arnold Schönberg. Lese ich im Internet über die brahmsschen Streichquartette wird auf den Aufsatz aus dem Jahr 1933 verwiesen, den Schönberg über seinen Künstlerkollegen verfasst hatte. Es ist das Manuskript eines Vortrages, den Schönberg am 12. Februar 1933 in Radio Frankfurt hält: »Brahms, der Fortschrittliche« ist sein Titel. 1947 überarbeitete er seinen Text, als er ihn in englischer Sprache herausgab. Enthalten ist er im Band Gesammelte Schriften I, Stil und Gedanke. Aufsätze zur Musik, herausgegeben von Ivan Vojtech, erschienen bei Fischer (1994). Es gibt den Band noch antiquarisch auf Amazon.


    Dieser Aufsatz wird oft zitiert. Leider habe ich den Text nicht im Internet gefunden, dafür sind manche Texte, die sich darauf beziehen, nachzulesen. Schönberg strukturiert seinen Text so:


    "Von Brahms habe ich gelernt:

    1. Ungeradtaktigkeit ...

    2. Plastik der Gestaltung ...

    3. Systematik des Satzbildes.

    4. Ökonomie und dennoch: Reichtum."


    Schönberg nimmt unter anderem auf das Streichquartett op. 51 Nr. 1 Bezug.


    Aus einem Programmheft eines Konzertes des NDR Sinfonieorchesters vom Donnerstag, 25. April 2013 bzw. Freitag, 26. April 2013 entnehme ich diese Zeilen, die Julius Helle verfasst hat:


    Was Schönberg an Brahms insbesondere bewunderte, war die Tatsache, dass er „ohne auf Schönheit und Gefühl zu verzichten, zu einem Zeitpunkt, als alle an ‚Ausdruck’ glaubten, sich auf einem Gebiet als fortschrittlich erwies, das seit einem halben Jahrhundert brachgelegen hatte.“ Mit diesem „Gebiet“ war die strenge strukturelle Konstruktion Brahmsscher Kompositionen gemeint. Wer nämlich einen genaueren Blick in Brahms’ Partituren wirft, kommt aus dem Staunen über ihre komplexe Organisation nicht heraus: Meist sind hier alle Motive und Themen unauffällig durch eine Kernidee (oft eine Tonfolge, seltener ein Rhythmus) miteinander in Beziehung gebracht. Dabei schafft es Brahms, durch ständige Variation und Ableitung aus dieser Substanz großen Reichtum zu entfalten. Schönberg fand für dieses Verfahren den seitdem viel verwendeten Terminus der „entwickelnden Variation“. Es wird vielleicht klarer, was er damit meinte, wenn man es „Variation durch Entwicklung“ nennt: Jeder neue Gedanke erscheint als Ergebnis eines vorhergehenden Umbildungsprozesses, quasi als Variation der Variation usw. Man braucht dieses Prinzip allerdings nicht im Detail nachzuvollziehen, um zu ahnen, warum Schönberg es so ausführlich beschrieb. Denn seine Zwölftontechnik ist gewissermaßen eine letzte Konsequenz daraus. Kurz und knapp sei es einmal so gefasst: Nachdem in der tonalen Musik die Harmonik, also der vertikale Zusammenklang der Töne, das entscheidende Ordnungsprinzip war, ist es in der atonalen Musik die horizontale Entwicklung des Tonmaterials, die den Zusammenhang stiftet. Ein Komponist, der zwölftönig komponiert, erfindet zunächst eine Tonreihe, in der alle zwölf Töne nur einmal vorkommen. Anschließend verändert er diese Reihe auf vielfältige Weise, so dass daraus immer neue Gestalten erwachsen. Bei der Einrichtung der Grundreihe ist aber, so Schönberg, „eine kleine Nachhilfe aus technischen Gründen nötig, welche ungefähr der Arbeit entspricht, welche Brahms von einem guten Komponisten fordert: daß er sein Thema mit Rücksicht auf spätere zu erwartende Gestaltungen so modifiziere, wie es die Entwicklung verlangt.“ – Brahms also ein nicht nur zukunftweisender, sondern in seinen Arbeiten auch stets auf die Zukunft des Materials innerhalb eines Satzes oder Werks bedachter Komponist!


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