Britische Komponisten ab 1860 - überschätzt - unterschätzt ?

  • Vergleichen kann man das durchaus, nur macht das Sinn? Ich denke, dass Großbritannien in der Zeit noch gar nicht soweit war. Das Land war im 19. Jahrh. musikalisch weitgehenst isoliert. Es war noch die große Zeit der Light Opera Gilbert & Sullivan's, Alfred Cellier's, Michael William Balfe's u.a. oder der großen Musikfeste wie der in Leeds z.B., wo Komponisten wie Elgar, Stanford, Parry ihre Zeit hatten. Alles extrem viktorianisch, konservativ Geprägt.

    Die "English Musical Renaissance" begann erst am Ende des 19. Jahrh. bzw. Anfang des 20. Jahrh., die dann Komponisten wie Vaughan Williams, Gustav Holst, Bliss, Howells und viele, viele mehr hervorbrachte.

    An Neutöner à la Birtwistle, Knussen, Turnage, Maxwell Davies die auch international anerkannt waren, war noch lange nicht zu denken.


    Da war der musikalische Mutterboden in Deutschland/Österreich in der Zeit 19./20. doch ein ganz anderer und überhaupt nicht mit Großbritannien zu vergleichen. Daher hat es m.E. nichts mit unter- und überschätzen zu tun.

    Ich schätze Bax, Vaughan Williams und die anderen, ich kann und möchte sie nicht mit Schönberg, Webern oder Berg vergleichen. Das sind zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe, finde ich.

  • An Neutöner à la Birtwistle, Knussen, Turnage, Maxwell Davies die auch international anerkannt waren, war noch lange nicht zu denken.

    Rückblickend kann ja eine Umwertung stattfinden, und vereinzelte experimentelle Komponisten repräsentieren dann die Musikgeschichte des Landes - wie es vor allem in Amerika der Fall ist. Das "Ives-Pendant" Matthijs Vermeulen gilt heute als wichtiger holländischer Komponist. In England fällt mir am ehesten John Foulds ein mit Vierteltonexperimenten, er bleibt aber wohl im Schatten der Konservativen.


    Da war der musikalische Mutterboden in Deutschland/Österreich in der Zeit 19./20. doch ein ganz anderer und überhaupt nicht mit Großbritannien zu vergleichen. Daher hat es m.E. nichts mit unter- und überschätzen zu tun.

    Ich schätze Bax, Vaughan Williams und die anderen, ich kann und möchte sie nicht mit Schönberg, Webern oder Berg vergleichen. Das sind zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe, finde ich.


    Dass sie bei weitem nicht die Bedeutung der drei Wiener haben, ist außer Frage. Ich hätte jetzt auch lieber mit Korngold, Schmidt und Marx verglichen, die allerdings bei uns auch recht gut gepflegt werden, auch im Konzertbetrieb. Dennoch werden die Komponisten der hinteren Reihen in Britannien wohl mehr gepflegt, was ich ohnehin auch als vorbildlich empfinde.

  • Ich glaube, ein nicht zu unterschätzender Faktor ist auch die Schwierigkeit, in der Hülle und Fülle an britischen Komponisten der Spätromantik und Moderne die wirklich herausragenden ausfindig zu machen. Der Tonträgermarkt ist bei den Komponisten von der Insel, wie gesagt, bestens, geradezu idyllisch bestückt. Elgar, Vaughan Williams, Holst und Britten kennt man auch landläufig. Schon bei Parry, Stanford, Walton, Bax und Arnold wird es im deutschsprachigen Raum eher etwas für Experten (so zumindest mein Eindruck). Ganz zu schweigen von Namen wie Bantock, Ireland, Alwyn, Moeran, Bowen, Boughton, Bainton, Dyson, Clifford, Lloyd und unzähligen anderen. Natürlich ist nicht alles erstklassig, aber wirkliche Ausfälle sind mir auch noch nicht untergekommen. Man braucht Zeit und Muße, sich damit zu beschäftigen. Und ich finde es gut, dass man aufgrund der sehr breit aufgestellten Diskographie heutzutage die Möglichkeit hat, dies selbst zu tun, ohne sich auf die (Vor-)Urteile von Musikkritikern verlassen zu müssen, was nun hörenswert sei und was angeblich verzichtbar.

    »Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

  • Elgar, Vaughan Williams, Holst und Britten kennt man auch landläufig.

    Delius und Walton würde ich noch dazunehmen.

    Lexikalisch gewichtig dann noch Tippett.

    Im moderneren Bereich Birtwistle, Peter Maxwell Davies, Ferneyhough, Knussen, Benjamin, Turnage, Saunders, Adès

  • Peter Maxwell Davies, Ferneyhough, Knussen, Benjamin, , Saunders, Adès findet man nicht mal im Harenberg Konzertführer.

    Das ist deshalb aussagekräftig, weil dieses "IMO" sehr "zeitgenossenfreundliche" Nachschlagewerk, wo sich manch unbedeutender Vertreter der moderne findet (nein ich nenne keine Namen) all diese Namen nicht auftauchen.


    Tippet wird eine Seite gewidmet, wo betont wird, daß sein Rang "im angelsächsichen Raum" unbestritten sei.

    Höhnischer hätte ich es auch nicht formuliren konnen.


    Auch bei Birtwhistle wird deutlich eingeschränkt "Viele halten ihn für den führenden britischen Komponisten der 90er Jahre"

    wobei die Publikation von 2001 ist) - die Einschränkung, daß der Autor das nicht so sieht ist zwar verklausuliert - aber merkbar.


    Ich kenne diesen markanten NAMEN selbstverständlich - aber ich wollte mal nachlesen wann er denn eigentlich gestoreben ist. Da fand ich, daß er noch

    lebt.

    Um meine Bildungslücken einigermaßen zu verkleinern hab ich in einige Clips hineingehört.

    Habe ich mich gewunderrt ? Eigentlich nicht besonders.


    Gewundert haben mich lediglich die Auszeichnungen und Ehrungen

    Früher habe ich mich bei Klassikkäufen (glücklicherweise nur gelegentlich) an Hand von Kritiken oder Preisen zu oreientieren versucht.

    Heute sind "Preise" und "Ehrungen" etc für mich völlig belanglos. Und das sind sie auch.

    Man siehe die heute üblichen Aberkennungen von Ehrendoktoraten, Straßenumbenennungen etc - wenn der "geehrte " nicht mehr dem heitigen Zeitgeist entspricht......

    Wertloser, rostanfälliger Plunder und Trödel....


    Die Wertschätzung durch das Konzertpublikum dürfte hierzulande indes etwas realitätsnäher sein.

    Der Tonrträgermarkt ist hier eine eigene Welt, hier wird viel Gesellschaftspolitik getrieben - und - aus eigener Tasche bezahlt - wenigstens das...


    Ich möchte diese Beiträge indes nicht als "Haßattacke" gegen die moderne Musik verstanden wissen. Diese Ära ist ja allgemein schon vorbei. Man attackiert diese Musik nicht - man ignoriert sie einfach......


    Und solange sie nicht von Steuergeldern subventioniert wird kratzt das keinen Menschen...

    ABER - es ist mir schon daran gelegen, hier festzuhalten, daß nicht alle diese Musik bejubeln, wie es oft in Medien (und auch diesem) den Anschein haben mag.

    Und so bin ich hier der Schutzpatron der konservativen Musikfreunde, welch ich ja laufend - mit unterschiedlichem Erfolg - ins Forum zu locken versuche...


    mfg aus Wien

    Alfred

    Die Hauptaufgabe eines guten Forenbetreibers ist: AN ALLEM SCHULD ZU SEIN

    Tut er das nicht, dann ist er eigentlich überflüssig....


  • Ziemlich schräg. Ich kenne den Harenberg-Konzertführer nicht. Allerdings ist es kein Wunder, dass die jüngeren Komponisten nicht drin sind, wenn die Ausgabe von 2001 ist. Peter Maxwell Davies und Brian Ferneyhough sollten neben Birtwistle natürlich drin sein, aber wenn man sich z.B. eine reclam-Konzertführer-Ausgabe aus den 50er-Jahren anschaut (ich habe extra eine erstanden), dann wird klarer, dass solche Bücher bei relativ aktueller Musik mitunter recht kreativ auswählen. Außerdem bleiben oft in späteren Ausgaben ältere Texte unverändert. Ich könnte mir vorstellen, dass der Text mit Birtwistles Rang sei im angelsächsischen Raum unbestritten und ohne Peter Maxwell Davies und Ferneyhough aus den 70er Jahren stammt und seither nicht aktualisiert wurde. Spätestens seit den 90er Jahren wird Birtwistle im deutschen Sprachraum stark wahrgenommen.