Katja Kabanova (Janacek), Hamburgische Staatsoper, 23.03.2016

  • Allmählich sollte sich die Intendanz unter Herrn Delnon Gedanken über den schwachen Besuch der hiesigen Opernaufführungen machen, heute Abend schien nicht einmal die Hälfte der Plätze verkauft worden zu sein. Das mag an der relativ unbekannten Janacek-Oper liegen, aber auch für die aktuelle Premierenserie von Rossinis Guillaume Tell gibt es noch massenhaft Karten, zum Beispiel für Ostersonnabend. Ich konnte mich nicht mehr an Katja Kabanova erinnern (im Gegensatz zu Jenufa: Einmal gesehen, nie vergessen), habe diese, wie ich hinterher feststellte, bereits zweimal gesehen, so zuletzt 2002 kurz nach der Premiere der aktuellen Bühnenfassung (Wolfgang Gussmann, Inszenierung: Willy Decker) mit Adrianne Pieczonko als Katja. Heute wollte ich mit der Katja nicht ganz warm werden. Die junge, viel in Basel eingesetzte koreanische Sopranistin Sunyoung Seo überzeugte mich nicht wirklich, wenngleich sie stimmstark auftrat und mit viel Körpereinsatz spielte. Zwischen ihr und dem Liebhaber Boris (Ladislav Elgr) stimmte einfach die Chemie nicht. Schön anzuhören war das zweite Liebespaar Dorottya Lang (Varvava) und Dovlet Nurgeldiyev (Wanja). Bei diesen stimmte alles, was ich bei den Protagonisten vermisste. Das Sujet der Oper berührt nicht oder nicht mehr (untreue Ehefrau geht in die Wolga), im Gegensatz zur Jenufa, in der die Küsterin weitaus differenzierter gezeichnet ist als hier die böse Schwiegermutter Marfa. Renate Spingler beherrschte ihre Rolle gut, ihr fehlte aber doch die Präsenz, um diese Figur mit bösartiger Dämonie über das banale Schwiegermuttergrimmen hinwegzuheben. Katjas schwächlicher Mann Tichon (Bernhard Berchtold) blieb auch stimmlich unter den Möglichkeiten. Im Grunde wird in diesem muskalisch doch reizvollen Werk (musikalische Leitung Christoph Gedschold) viel schauspielerisches Talent gefordert. Nur mit packendem Spiel, starker Bühnenpräsenz und überzeugendem, auch die Seele treffenden Gesang hat diese Oper aber wohl noch Chancen, auch ein breiteres Publikum ins Haus zu locken (dazu gehören auch „Namen“). Der Beifall war freundlich, mit einzelnen Bravos für den Einsatz von Frau Seo, insgesamt aber kurz.

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Lieber Ralf Beck,


    auch heute war die "Katja" in Hamburg recht spärlich besucht. Und ich fand es interessant, dass du die Relevanz der Handlung in deiner Besprechung thematisiert hast: Mir ging das heute Abend auch durch den Kopf, zumal ich vorhin in einem anderen Thread gerade gelesen hatte, Theater solle "betroffen machen" - in der Weise,dass man sich vorstellen könne, selbst betroffen zu sein. Und es sei die Aufgabe Theaterschaffender, Stücke deswegen an die Lebenswelt der Besucher heranzuführen und sich hierfür auch Freiheiten bei der Umsetzung/Gestaltung des Librettos zu nehmen.


    Die Handlung der Janacek-Oper ist so ein Fall: Wer in Deutschland kann sich denn heute noch mit dem Schicksal der Katja identifizieren? Die gesellschaftliche Situation des Geschehens hat mit unserer Lebenswirklichkeit einfach herzlich wenig zu tun. Der Gedanke des "sündhaften" Ehebruchs vor dem Hintergrund religiöser und anderer gesellschaftlicher Dogmen (die Familie ist in der Oper eine lupenreine Ausprägung dieser) hat sich für die Meisten wohl völlig erledigt. Die Problematik des Fremdgehens weist für uns andere Implikationen auf.


    Aber: Trotz "fehlender Aktualisierungsmaßnahmen" war es mir dennoch ohne Weiteres möglich, mich in die Katja (und auch andere Figuren) hineinzuversetzen - weil mir die Handlung ein nachvollziehbares Bild dieses repressiven Umgangs mit dem individuellen Freiheitsverlangen des Einzelnen gezeichnet hat. Insofern war ich durchaus über die historische und kulturelle Distanz hinweg "ergriffen". Immerhin kann jeder ja die destruktive Wucht gesellschaftlicher Unterdrückung dessen vorstellen, was man selbst als für das eigene Leben essenziell ansieht - und damit hat das Sujet dann doch etwas zeitlos Relevantes im ganz allgemeinen Sinne.

    Was ich damit sagen möchte: Das "Betroffenmachen" kann m.E. auch dann funktionieren, wenn ein vordergründig von sehr weit hergeholter Stoff menschlich nachvollziehbar auf die Bühne gebracht wird (und natürlich die Komposition attraktiv ist). Ich sehe da keine grundsätzliche Notwendigkeit zur Veränderung resp. Aktualisierung.

    Vielleicht ist es da ein wenig so wie mit der "Effi Briest": Das "Gesellschafts-Etwas" dieses Romans "betrifft" mich einfach nicht. Dennoch kann ich mit Effi mitfühlen, macht mich ihr Leiden und Zugrundegehen an diesem "Etwas" auf ganz allgemeiner menschlicher Ebene "betroffen", ohne dass für mich der Roman umgeschrieben werden müsste.


    Olesya Golovneva als Katja beeindruckte mich mit einem glaubwürdig-dramatischen und differenziert gestalteten Sopran, der sich mitunter leider in der Tiefe nicht ganz durchsetzen konnte. Ich hätte mir da einerseits etwas mehr Tragfähigkeit der Stimme, andererseits aber auch etwas mehr Nachgeben im Orchester gewünscht, das in dieser Oper recht üppig besetzt ist und mir heute nicht ganz uneingeschränkt gefiel: Einiges wirkte so, als hätte noch eine Probe und damit Souveränität gefehlt. Keine Ahnung, wie schwer die Partitur ist, aber stellenweise klang es bemüht oder sogar unsauber und "geklappert". Aufgeblüht oder sehr fein war der Klang unter dem Dirigat von Johannes Harneit nur selten.

  • Lieber Leiermann, ich hatte mir auch überlegt, in diese Aufführung gegangen zu sein, habe es dann aber gelassen, wie war denn Hanna Schwarz? Sollte sie nicht die Schwiegermutter singen? Das Sujet Katja ist wohl tatsächlich aus der Welt, was ich bei Fontanes Effi nicht finde. Fontane verstößt sie am Ende zwar (was schon im 19. Jahrhundert wohl die Ausnahme war, jedenfalls, soweit ich mich erinnere, verlief die wahre Gesichte, die Fontanes Roman zugrunde lag, durchaus glimpflich ab), im Grunde geht es aber bei Effi und Instetten um zwei Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, denen es nicht gelingt, voeinander zu profitieren (Effi hätte sich auf seinen Bildungshorizont einlassen können, er auf ihre weibliche Empathie). Das ist, finde ich, durchaus zeitlos.

    Oper lebt von den Stimmen, Stimmenbeurteilung bleibt subjektiv

  • Lieber Leiermann, ich hatte mir auch überlegt, in diese Aufführung gegangen zu sein, habe es dann aber gelassen, wie war denn Hanna Schwarz? Sollte sie nicht die Schwiegermutter singen? Das Sujet Katja ist wohl tatsächlich aus der Welt, was ich bei Fontanes Effi nicht finde. Fontane verstößt sie am Ende zwar (was schon im 19. Jahrhundert wohl die Ausnahme war, jedenfalls, soweit ich mich erinnere, verlief die wahre Gesichte, die Fontanes Roman zugrunde lag, durchaus glimpflich ab), im Grunde geht es aber bei Effi und Instetten um zwei Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, denen es nicht gelingt, voeinander zu profitieren (Effi hätte sich auf seinen Bildungshorizont einlassen können, er auf ihre weibliche Empathie). Das ist, finde ich, durchaus zeitlos.

    Tja, Hanna Schwarz... ich habe mich ja eben davor gedrückt, über die anderen Sänger etwas zu schreiben, weil ich mich da meistens zu unsicher fühle. In der Tat sang sie die Schwiegermutti und war für meine Ohren dabei ansprechend präsent. Nun das Glatteis: Ich fürchte, dass ich über mein subjektives Erleben bei ihr nicht recht hinauskomme, ich bin da in einem emotionalen Dilemma. Ich empfand ihre Stimme als "ältlich". Das passt natürlich auch in gewissem Sinne zu ihrer Rolle. Und wie ich eben las, ist sie Jahrgang '43. Insofern ziehe ich da jetzt meinen kleinen Opernbesucherhut einer großen und auch gestern souveränen Sängerin gegenüber. Sie fügte sich zweifellos professionell in das Sängerensemble ein.


    Zu Effi: Wenn Instetten sein "Ich muss" aus diesem "tyrannisierende[n] Gesellschafts-Etwas" ableitet, dann kann ich aus heutiger Sicht da nur mit den Schultern zucken. Nein, es gibt dieses "Ich muss" für meine Begriffe nicht mehr für uns. Ich beziehe mich dabei auf diese "freiwillige Unfreiwilligkeit" Instettens im fatalen Gespräch mit Wüllersdorf - ein solches Gespräch würde m.E. heute in meinem Umfeld überhaupt nicht mehr ernsthaft geführt werden können, obwohl es um ganz Grundsätzliches geht.

    Dass Effi und Instetten den Blick auf Gemeinsamkeiten hätten lenken können, auf Verbindendes, das in ihrer Unterschiedlichkeit hätte gefunden werden können, kann ich aber auf jeden Fall gut nachvollziehen - aus heutiger Sicht...!:)

  • Die Katja ist immer ein Sorgenkind; sie wurde hier im Opernführer auch gegen meinen Widerstand nicht aufgenommen. Noch unbekannter ist "Osud", Janaceks zweite Oper nach Jenufa. Natürlich sind die gesellschaftlichen Verhältnisse heute anders, aber das gilt doch für alle Opern!

    Lohengrin, Tannhäuser, Don Carlos: sie werden doch trotz anderer Verhältnisse vor allem durch die Musik ergreifend. Z.B. Nozze di Figaro: schon damals war es durchaus nicht Sitte, sich an das ius primae noctis zu halten, heute bestimmt nicht. Obwohl? MeToo…?

    Ich möchte ein Beispiel aus der Katja zitieren und folge dabei der fantastischen Inszenierung in Münster vor einigen Jahren. Es wurde deutsch mit deutschen Übertiteln gesungen, sodass alles jederzeit verständlich war. Der Schluss (durchaus auf heute zu transponieren): Katja ist von allen verlassen, Freundin Warwara ist nach Moskau gezogen, ihr Mann ist verreist, ihr Liebhaber hat sich getrennt, ihre Schwiegermutter fordert Gehorsam. Sie sitzt am Ufer der Wolga und bewundert die Vögel und die prächtigen Blumen. Plötzlich ein Aufschrei: diese wunderbare Natur ...und ich muss sterben! Der Aufschrei wird im Orchester noch gesteigert. Ich kenne die Oper gut, aber hier muss man sich am Sitz festkrallen. Dann springt sie... und in Münster wird sie klatschnass aus dem Wasser gezogen.

    Ich kann gut Mitmenschen umgehen (Anon.)

  • Hurra, hier muss ich mal dem Dr.Pingel absolut Recht geben, eine auch für mich unglaublich gute Oper, wie schon erwähnt "mit einem ungemein SUGGESTIVEN Schluss" :!:


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Hurra, hier muss ich mal dem Dr.Pingel absolut Recht geben, eine auch für mich unglaublich gute Oper

    Völlig d'accord, die "Katja Kabanowa" gehört auch zu meinen Lieblingsopern von Janáček, ich schätze sie sogar mehr als die hierzulande bekanntere "Jenufa". Dass diese Oper nicht einmal die Hälfte der Hamburgischen Staatsoper zu füllen vermag, ist traurig.

    Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.

  • Jenufa ist sicherlich eine große Oper, aber doch erst der Auftakt zu einer Reihe immer besserer Meisterwerke. Dass die Katja reicher ist als Jenufa, denke ich auch. Ich würde euch dringend empfehlen, euch Osud (Schicksal) anzuschaffen, da gibt es Aufnahmen von Gerd Albrecht und Charles Mackerras. Das ist in jedem Fall auf dem Niveau von Katja.

    Das opum ultimum Janaceks ist für mich das "Totenhaus", die Beichte Schischkows eine der absolut eindrucksvollsten Szenen der ganzen Operngeschichte, von denen es ja durchaus eine ganze Menge gibt. Hier empfehle ich eine DVD der Salzburger Festspiele, die von Claudio Abbado dirigiert wird (oder als CD natürlich die Mackerras-Aufnahme). Hier im Opernführer habe ich eine kurze vergleichende Kritik aller mir bekannten Aufnahmen geschrieben.

    Ich kann gut Mitmenschen umgehen (Anon.)