Das Kunstlied im Interpretenvergleich

  • Hallo!


    Dem steht nichts entgegen. Schön wäre es allerdings, wenn Du im Sinne des Threads Interpretationen gegenüberstellen und vergleichen könntest.


    Gruß WoKa

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Hallo


    Seit Längerem trage ich mich mit dem Gedanken, "Fahrt zum Hades" von Franz Schubert hier einzustellen. Ein Stück, das sich mir nicht direkt erschlossen hat. Mittlerweile kenne ich viele Interpretationen und habe das Lied schätzen gelernt. Allerdings muss ich gestehen, dass ich den mythologischen Hintergrund des Textes noch immer nicht verstehe. Vielleicht kann mir ja ein einschlägig bewanderter Tamino auf die Sprünge helfen.


    Helmut Hofmann hat das Lied hier beschrieben (Beitrag 147) - hier findet Ihr auch den Text Mayrhofers.

    Wodurch ist Schuberts Ausnahmerang als Liedkomponist begründet?


    Ich möchte mit einer Interpretation von Henk Neven einsteigen, einem holländischen Bariton, den ich selbst erst vor Kurzem entdeckt habe.


    Seine Interpretation entspricht fast genau dem, wie ich das Lied hören möchte. Sie könnte für meinen Geschmack noch etwas dramatischer, düsterer sein (Vergleich beispielsweise Greindl), gefällt mir aber ausgesprochen gut. Na ja, ein Bass bringt da mehr Dunkelheit. Und zuviel Dunkelheit braucht das Lied meines Erachtens nicht zu befürchten.


    Neven orientiert sich zu 100% an der Partitur, was bei manchen Aufnahmen, die ich gehört habe, nicht selbstverständlich ist. Möglicherweise gibt es allerdings auch Unterschiede in verschiedenen Partitur-Ausgaben. Er trifft - für einen Bariton - sowohl die Dramatik, die dieses Lied aufweist ebenso, wie die zeitweiige Leere und Hoffnungslosigkeit des Textes. Auch widersteht er der Versuchung, die die Komposition bietet, gesanglich zu geschmeidig oder zu gefällig zu werden. Beispiel "Da tönt kein Lied...". Die Leere im Ausdruck bei gleichzeitiger gesanglicher Präsenz gefallen mir sehr gut.



    Ich würde mir noch wünschen, dass der Fluss "bald werd ich am Gestad, dem düstern´" dramatisch verbindet. Statt dessen atmet er nach "Gestad", was etwas an Wirkung nimmt. Aber dieser Einwand ist wahrscheinlich schon kleinkrämerisch.


    Ich freue mich auf alternative Eindrücke oder Aufnahmen.


    Gruß Wolfgang

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Allerdings muss ich gestehen, dass ich den mythologischen Hintergrund des Textes noch immer nicht verstehe. Vielleicht kann mir ja ein einschlägig bewanderter Tamino auf die Sprünge helfen.

    Ich glaube nicht, dass sich das Verständnis für dieses Lied allein aus seinem unergründlichen und dunklen mythologischen Hintergrund herleitet. Es ist beim Dichter Johann Mayrhofer (1787-1836) zu suchen. Der Hades wird zu Sinnbild und Ausdruck seines eigenen Leidens. Mayrhofer war Schubert auf unglückliche Weise verbunden. Beide lebten zeitweise auf sehr engem Raum zusammen. Bereits etwa zwei Jahre nach Schuberts Tod unternahm er einen Selbstmordversuch, der scheiterte. 1836 dann stürzte er sich dann aus einem Fenster zu Tode. Mayrhofer war schwerst depressiv. Heute wissen wir ziemlich genau Bescheid über diese Krankheit und ihre Auswirkungen. Mit dem Hades gab er ihr ein Bild. Außerdem war er homosexuell, worauf neuerdings auch geschlossen wird, dass ihn diese sexuelle Orientierung mit Schubert verband.

    Es grüßt Rheingold (Rüdiger)


    Erda: "Alles, was ist, endet."

  • Zu: "Fahrt zum Hades"


    Was es für Zufälle gibt. Seit drei Tagen sitze ich an diesem Lied. Daraus soll ein Thread mit dem Titel "Schubert und Mayrhofer. Liedkomposition im Geist der Freundschaft" werden. Sechs Mayrhofer- Vertonungen Schuberts habe ich schon analytisch betrachtet.


    Schuberts Begegnung mit Mayrhofer war eine auf der Basis der Freundschaft, die allerdings im Laufe des Zusammenlebens in einem Zimmer Schaden nahm, weil hier zwei Menschen auf engstem Raum zusammenlebten, die in ihrem Charakter fundamental verschieden waren. Mayrhofer war eine höchst problematische Natur und litt - Rheingold hat schon darauf hingewiesen - unter einer schweren klinischen Depression. Sein Selbstmord ist gewiss eine Folge davon, allerdings ist er wohl auch durch die geradezu schizophrene Situation seines Lebens bedingt. Einerseits stand in Diensten der Metternich-Regierung und zwar seit 1832 als "zweiter Bücherrevisor". Seine Hauptaufgabe in diesem Amt war das Erstellen von Gutachten, als Zensor im direkten Sinne war er nicht tätig. Andererseits war er selbst literarisch tätig und verfasste eine ganze Reihe von Aufsätzen in den von ihm herausgegebenen „Beyträgen zur Bildung von Jünglingen“. Darin vertrat er die Auffassung, dass Freundschaft Bürgertugend lehre, die „verfallenden Staaten mit frischem Geiste“ belebe, zum „Schrecken der Tyrannen“ werde, und einer dieser Aufsätze mündet schließlich in emphatische These: „Gleichwie Böden unmöglich wäre Freunde zu seyn, so sey es auch den Guten unmöglich nicht Freunde zu seyn“. Schon früh betätigte er sich als Verfasser von Gedichten. Sie wurde 1824 bei Friedrich Volke in Wien auf der Grundlage einer Subskribentenliste publiziert. Und er war ein Freigeist, Anhänger der Aufklärung und des Freimaurertums. Seine Leitbilder, seine ganze Weltanschauung und seine Ästhetik waren von der Antike und der deutschen Klassik geprägt. Viele seiner Gedichte haben Stoffe aus der antiken Mythologie zum Gegenstand, und Schubert hat eine ganze Reihe davon vertont, seine sog. "Antikenlieder". Das erste davon ist dieses mit dem Titel "Fahrt zum Hades".


    Der „Hades“ wird hier zu einer Welt, in der es nicht nur die „schöne Erde“ nicht mehr gibt, sondern vor allem „kein Lied“ und „keinen Freund“ mehr, - Inhalte irdischen Lebens, die für Mayrhofer von hoher existenzieller Relevanz waren. Stattdessen begegnet er Gestalten der antiken Mythologie, die zum Erleiden von nicht enden wollen Qualen verdammt sind, Tantalus und den Danaiden.

    Vor allem aber wird das „Vergessen“ zum zentralen Thema dieser um die Hades-Welt kreisenden Verse. Schon am Ende der dritten Strophe wird es angesprochen und mit der Assoziation „todesschwangerer Frieden“ versehen. Schlimmer aber noch: Das Vergessen wird als gleich „zweifaches Sterben“ erfahren. Die Aussage der letzten Strophe ein wenig rätselhaft an. Interpreten haben diesbezüglich schon Erwägungen angestellt, Mayrhofer könne hier mit dem „Verlieren“ und „wieder Erwerben“ indirekt die Errungenschaften der Aufklärung auf dem Hintergrund der Metternich-Restauration angesprochen haben.

    Ich halte das für abwegig. Es ist die in der Imagination des Todes sich einstellende erschreckende Erfahrung der Vergänglichkeit, die hier lyrischen Ausdruck findet. Auf sie bezieht sich das den letzten Vers beherrschende Wort „Qualen“, Sie beinhalten die existenzielle Erfahrung des Verlusts dessen, was im individuellen Schaffen erworben wurde und in all dem Streben nach Wieder-Erwerben wieder mit der Erfahrung neuerlichen Verlusts einhergehen muss. Der zentralen Frage nach dem Ende dieser Erfahrung verleiht Mayrhofer durch die Replikation der Fragepartikel „wann?“ eine besondere Eindringlichkeit.


    Es dürfte kein Zweifel bestehen, dass es die im Zentrum dieser Verse stehenden Themen „Tod“ und „Vergänglichkeit“ waren, die Schubert zum liedkompositorischen Griff nach diesen veranlassten. Es sind seine eigenen. Daraus wurde ein Lied, das in seiner Musik stark von der episch-narrativen Sprachlichkeit dieses Mayrhofer-Textes geprägt ist. Heißt: Die Melodik entfaltet sich in der Bipolarität von lyrischem und rezitativischem Gestus, wobei letzterem durchaus eine gewisse Dominanz zukommt. Die strophische Gliederung des Gedichts wird nicht nur in Gestalt von eine Rahmenfunktion erfüllenden Pausen übernommen, die Lied-Strophen werden durch eine alle Bereiche erfassende Eigengestalt der Liedmusik deutlich voneinander abgehoben. Aus dem vierstrophigen poetischen Text macht Schubert dabei ein fünfstrophiges Lied, denn er lässt den Text der ersten Strophe in Gestalt einer variierten Liedmusik noch einmal wiederholen.

    Die Komposition entstand im Januar 1817. In der Melodik ist sie für tiefe Stimme angelegt, und sie soll „Langsam“ vorgetragen werden. Als Grundtonart ist zwar ein „B“ vorgegeben, aber nur bei der ersten Strophe entfaltet sich die Liedmusik im wesentlichen in Rückungen von d-Moll und F-Dur und ihren zugehörigen Dominanten. In den übrigen Strophen weicht im Falle der zweiten und der dritten nicht nur die Taktvorgabe von der ab, die für die erste gilt, insofern nun an die Stelle eine Zweivierteltakts ein Dreivierteltakt tritt, auch die Harmonik beschreibt bis in abgründige Tiefen des Quintenzirkel vordringende Rückungen.

  • Zitat von Helmut Hofmann

    Daraus soll ein Thread mit dem Titel "Schubert und Mayrhofer. Liedkomposition im Geist der Freundschaft" werden. Sechs Mayrhofer- Vertonungen Schuberts habe ich schon analytisch betrachtet.

    Lieber Helmut Hofmann, dazu möchte ich dir nur soviel im Voraus sagen......:hail::hail::hail::hail::hail::jubel::jubel::jubel::jubel::jubel:.....und das in freudiger Erwartung:!:

    Ich liebe viele dieser Mayrhofer Lieder!


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Hallo


    Vielen Dank an Helmut Hofmann und Rüdiger für die Erläuterungen. Mir eröffnen die Ausführungen einen anderen Blick auf das Lied und den Text, der zugrunde liegt.


    Von der recht aktuellen Aufnahme mit Henk Neven zu einer Aufnahme aus dem Jahre 1980. Robert Holl nimmt das Lied noch etwas langsamer als Neven. Für mich durchaus noch angemessen, gibt es doch auch schnellere Aufnahmen. Ich bin ein Anhänger des gerollten "r" in Liedern, wodurch mir diese Interpretation auch entgegen kommt. Auch hier sehr schön die matte Verzweiflung "da tönt kein Lied...".



    Gruß Wolfgang

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo

  • Die Parallelität des Geschehens, das Lied "Fahrt zum Hades" betreffend, mutet in ihrer Zufälligkeit wahrlich geradezu kurios an.


    Gerade habe ich die Betrachtung der Liedmusik der zweiten Strophe abgeschlossen und in den Worten zusammengefasst:

    "Den Emotionen, die sich beim lyrischen Ich bei dieser Imagination der Hades-Welt einstellen, hat Schubert mit seiner Liedmusik einen deshalb so stark berührenden Ausdruck verliehen, weil von der melodischen Linie eine eigenartige Duplizität von markanter Deklamation auf der einen Seite und Anmutung von Müdigkeit, ja Resignation auf der anderen ausgeht, und dies in einer durch die dreimaligen Wiederholungen in der Expressivität gesteigerten Art und Weise.", - ...


    ... da sehe ich, dass Wolfgang Kaercher die Interpretation dieses Liedes durch Robert Holl hier eingestellt hat.

    Die kenne ich zwar, aber prompt habe ich sie nun, die zweite Liedstrophe betreffend, mit der Interpretation verglichen, die der mir unbekannte, in Beitrag 182 vorgestellte Bariton Henk Neven vorgelegt hat.


    Und das Ergebnis ist - gestützt auf meine Analyse der Liedmusik - für mich eindeutig.

    Der Bass Robert Holl gibt die melodische Linie weitaus beeindruckender wieder, und dies nicht nur deshalb, weil dieses Lied ja von Schubert aus guten Gründen für Bass-Stimme komponiert wurde. Das ist vor allem deshalb der Fall, weil er ihre spezifische Struktur in ihrer Ambiguität von deklamatorisch-rezitativischem und gebunden lyrischem Gestus auf markante Weise vernehmlich werden lässt. Das, was ich gerade aus den Noten herausgelesen habe, hörte ich bei ihm wesentlich besser und treffender dargestellt, als dies bei Henk Neven der Fall ist.

  • Hallo


    Eine weitere Aufnahme - neben vielen anderen - , die ich mehrfach gehört habe, stammt von dem 36-jährigen Bariton André Schuen. Die Interpretation ist extrem langsam - wenn auch die Komposition für eine langsame Darbietung geschaffen ist. Den 5:16 von Henk Neven steht Robert Holl mit 5:32 gegenüber. Schuen dehnt seine Interpretation auf 6:10. Ich finde das Lied droht an einigen Stellen "zu zerfallen" weil es durch die extreme Langsamkeit an Dichte verliert. Ich habe die Thematik mit dem gerollten "r" bei Kurt Holl positiv angesprochen. Schuen kann sich offenbar nicht entscheiden. Häufig gelingt es ihm, mit dieser Artikulation die Dramatik zu steigern - vor allem zu Beginn des Liedes. An manchen Stellen - wo es meines Erachtens angebracht wäre - macht er es nicht, wodurch Dramatik und Stetigkeit der Wirkung verloren gehen. Das zeigt sich bei Worten wie "flüstern" oder "düstern". Ich weiß, dass die von mir gewünschte Interpretation früher normal war. Vielleicht äußert sich ein Tamino dazu, ob mein Empfinden nachvollziehbar ist.

    An einigen Stellen gelingt es Schuen allerdings sehr gut, die Dunkelheit und Trübnis zu vermitteln, die das Lyrische Ich umgibt. Er wird teilweise beinahe theatralisch ("Vergessenheit...").



    Gruß Wolfgang

    "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."


    Victor Hugo