Interpretationsvergleiche Klavier - Diskussionsforum

  • Lieber Holger,


    Ich habe einmal eine Frage zum Werk selbst. Ich bin kein ausgesprochener Liebhaber der Werke von FRANZ LISZT sieht man einmal insbesondere von dem Klavierkonzert Nr. 1, den Années de Pélerinage, der Ungarischen Fantasie für Klavier und Orchester (zumal in der fabelhaften Einspielung durch PETER FRANKL!) einigen Ungarischen Rhapsodien und einigen genialen Transkriptionen ab - ich kenne die Werke LISZT's auch zu wenig. Ich schätze mehr die feinsinnige, mehr introvertierte, romantische Klaviermusik CHOPINs als das Virtuosentum LISZTs.

    Nun hätte ich aber eine Frage zu den Ungarischen Rhapsodien: Nach meinem bisherigen Verständnis wurden die Rhapsodien Nr. 1 - 4 für Orchester komponiert, demnach auch die zweite. Hier wird diese aber als Klavierfassung vorgestellt und besprochen. Wie ist das zu erklären? Für eine kurze Aufklärung wäre ich sehr dankbar.


    Viele Grüße

    wok

  • Lieber Wok,


    es gibt unzählige Bearbeitungen der Ungarischen Rhapsodie Nr. 2. Doch zuerst kam die Klavierfassung:


    Composed in 1847 and dedicated to Count László Teleki, Hungarian Rhapsody No. 2 was first published as a piano solo in 1851 by Senff and Ricordi.


    Die verschiedenen Fassungen habe ich nicht mit einbezogen, weil der Sinn ja ein Interpretationsvergleich ist und nicht eine Werkanalyse oder Werkbesprechung. Das wäre - eine natürlich hoch interessante - Erweiterung!


    Wenn Du einen äußerst geschmackvollen eher kontemplativen Liszt magst, dann sei Dir die Box von Jorge Bolet empfohlen (von dem ich von der Ungarischen Rhapsodie Nr. 2 leider keine Aufnahme habe):



    P.S. Als Orchesterversion habe ich die Bearbeitung von Franz Müller-Berghaus von 1873, die Leopold Stokowski dirigiert:



    Schöne Grüße

    Holger




  • Lieber Holger,


    Vielen Dank für Deine erklärenden Ausführungen zu meiner Anfrage bezüglich der Ungarischen Rhapsodien von LISZT. Ich war tatsächlich der Meinung, daß die ersten 4 Rhapsodien ursprünglich für Orchesterfassung komponiert waren. Davon gibt es ja auch unzählige Aufnahmen mit den verschiedensten Orchestern. Dem ist also nicht so. Die zweite Ungarische Rhapsodie wurde also - interessant zu wissen - 1847 für Klavier komponiert und 1851 veröffentlicht. In meiner Jugend hörte ich diese Rhapsodien im Rundfunk fast immer in der Orchesterfassung ohne Klavier, im Gegensatz zu der Ungarischen Fantasie für Klavier und Orchester, die mir schon damals auf Anhieb zusagte, und die ich mir dann später als LP mit dem vorzüglichen - in Deutschland leider zu wenig bekannt gewordenen - Pianisten PETER FRANKL zulegte, der nicht nur dieses LISZT-Konzert ganz hervorragend realisierte, sondern auch sehr stark beachtete Gesamtaufnahmen der Klavierwerke von SCHUMANN und DEBUSSY, und Werkgruppen von CHOPIN und SCHUBERT vornahm.. Auch durch BARTOK-Recitals wurde er sehr bekannt.

    GBY 12500 PETER FRANKL Liszt Hungarian/Chopin Krakowiak


    GBY 12500 PETER FRANKL Liszt Hungarian/Chopin Krakowiak

    von Peter Frankl

    Vinyl



    JORGE BOLET ist mir natürlich bestens bekannt. Er war ja auch ein sehr renommierter CHOPIN- und LISZT-Spieler, und gerühmt wegen sein auf Belcanto und Klang ausgerichtetes, und dabei stets geradliniges und präzises Spiel. Er legte ja auch immer Wert auf darauf, auf seinem BECHSTEIN-Flügel zu spielen. Jedenfalls auch herzlichen Dank für diese Empfehlung.


    Viele grüße

    wok

  • In meiner Jugend hörte ich diese Rhapsodien im Rundfunk fast immer in der Orchesterfassung ohne Klavier, im Gegensatz zu der Ungarischen Fantasie für Klavier und Orchester, die mir schon damals auf Anhieb zusagte, und die ich mir dann später als LP mit dem vorzüglichen - in Deutschland leider zu wenig bekannt gewordenen - Pianisten PETER FRANKL zulegte, der nicht nur dieses LISZT-Konzert ganz hervorragend realisierte, sondern auch sehr stark beachtete Gesamtaufnahmen der Klavierwerke von SCHUMANN und DEBUSSY, und Werkgruppen von CHOPIN und SCHUBERT vornahm.. Auch durch BARTOK-Recitals wurde er sehr bekannt.

    Lieber Wok,


    in meiner Jugend und Studentenzeit habe ich viel Radio gehört (WDR 3, SWF 2) - und Peter Frankl wurde sehr oft gebracht wie auch Andor Foldes. Ich glaube, Peter Frankl sah ich auch irgendwann einmal im Fernsehen, mit einem Mozart-Konzert glaube ich. Heute kennt beide ungarischen Pianisten kaum Jemand mehr. Von Andor Foldes habe ich immerhin eine CD und von Peter Frankl leider gar keine! ;( Da fehlt eine Gesamtedition. Wenn die erscheint, lege ich sie mir zu! Wenn wir schon bei den ungarischen Pianisten sind: Auch von Tamas Vasary sind die Liszt-Aufnahmen sehr hörenswert (sein Chopin sowieso!).


    Die unten abgebildete Box kann ich nur sehr empfehlen (für unter 10 Euro derzeit zu haben!) - die Ungarische Rhapsodie Nr. 2 ist leider nicht dabei:



    Schöne Grüße

    Holger

  • Lieber Holger,


    Es ist für mich immer interessant, von einem solchen Klavierexperten wie Dich zu hören!


    Auch ich habe früher in meiner Jugendzeit PETER FRANKL und natürlich auch ANDOR FOLDES, später auch TAMÁS VÁSÁRY häufig im Rundfunk gehört: Da mir die Ungarische Fantasie für Klavier und Orchester auf Anhieb sehr gefiel, und mir auch das LISZT-Spiel von FRANKL schon damals sehr imponierte (zu dieser Zeit hatte er vor allem als LISZT- und MOZART-Spieler schon einen sehr guten Namen), ließ ich mir diese Vox-Aufnahme extra aus den USA kommen, da in Deutschland nicht erhältlich. Sie enthält auch von CHOPIN das Rondo für Klavier und Orchester op. 14, und das Andante Spianato und Grande Polonaise op. 22, beides meiner Meinung nach ebenfalls großartig gespielt. Auf eine Gesamtedition von PETER FRANKL kann man wohl sicher noch lange warten, und wenn, dann kann man dies wohl noch am ehesten in den USA erhoffen. Bis dahin muß man bei Interesse wohl versuchen, noch Einzelexemplare zu ergattern.


    Von VÁSÁRY habe ich wohl einige CHOPIN-Aufnahmen, diese muß ich mir wieder einmal heraussuchen und anhören. Das ehemalige Wunderkind hat im Konzert ja überwiegend LISZT und CHOPIN gespielt. Dafür hatte er einen großen Namen, später wagte er sich dann auch an BEETHOVEN's Hammerklaviersonate und BACHs Goldbergvariationen. Später spielte er dann auch DEBUSSY, RACHMANINOW und MOZART. Fast alle seine Aufnahmen und Konzertauftritte hatten einen Ruf für höchste Werktreue, feine Ausarbeitung und brillante Ausführung, auch für Klangschönheit und Vermeidung von jeder Exzentrik.


    ANDOR FOLDES konnte man sehr oft im Rundfunk hören, vor allem mit LISZT, aber auch CHOPIN. Sein Repertoire reichte aber tatsächlich von BACH bis STRAWINSKY. Er wurde nach der Bekanntschaft mit dem Komponisten aber auch zu einem gepriesenen BARTOK-Spieler. Er war aber auch ein SCHUBERT-Interpret hohen Grades, und die Einspielung dessen Impromptus erfreuten sich durch ihre hohe Sensibilität und Natürlichkeit großer Wertschätzung, ebenso wie die Einspielung der BEETHOVEN-Sonaten, stets absolut werktreu und pianistisch auf allerhöchstem Niveau.


    Es gab in jener Zeit noch einen weiteren herausragenden ungarischen Pianisten, nämlich GYÖRGY SÁNDOR, der aber weniger mit Werken von LISZT und CHOPIN in Erscheinung trat, sondern mehr oder weniger zum BARTOK-Spezialisten wurde.


    Viele Grüße und ein musisches Wochenende


    wok

  • Von VÁSÁRY habe ich wohl einige CHOPIN-Aufnahmen, diese muß ich mir wieder einmal heraussuchen und anhören.

    Lieber Wok,


    Chopins Etüden habe ich in meiner Jugend durch die Varary-Aufnahme kennengelernt - in meinem Elternhaus gab es die LP. Noch heute muss ich sagen: Mit ihrer Klarheit, Natürlichkeit und interpretatorischen Schlüssigkeit gehört sie zu den absoluten Referenzen! Einfach wunderbar! Auch die Nocturnes und alles Andere ist wirklich herausragend - nur die Sonaten liegen ihm nicht so! (Aber eigentlich müssten wir sowas in dem anderen Thread über vergessene Pianisten ausführen!)


    Ein hoffentlich einigermaßen hitzeerträgliches schönes Wochenende wünscht


    Holger