Bericht über ein Recital von Marc-André Hamelin beim Klavierfestival Ruhr am 5. 6. 2019 in Mülheim/Ruhr um 20.00 Uhr in der Stadthalle, Teil I + II:

  • Bericht über ein Recital von Marc-André Hamelin beim Klavierfestival Ruhr am 5. 6. 2019 in Mülheim/Ruhr um 20.00 Uhr in der Stadthalle, Teil I:


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    Instrument: Steinway


    Programm:


    Ferruccio Busoni:


    Chaconne, Schlusssatz aus der Partita Nr. 2 d-moll BWV 1004, für Violine solo von J.S. Bach, Transskription für Klavier


    Marc-André Hamelin spielte diese Chaconne, die mir persönlich völlig unbekannt war, mit klarem Klang kraftvollen Spiel und zog die Zuhörer sofort in ihren Bann. Wenn man Bach hört, muss man hellwach sein, und in dieser Chaconne musste man es auch bleiben, denn sie war mit rund 15 Minuten recht ausufernd. Aber das Spiel Hamelins war derart spannungsvoll, dass es, wenigstens darf ich das für mich behaupten, leicht war, dem Geschehen zu folgen. Zudem kommt hinzu, dass Variationensätze, das weiß ich von zahlreichen Sonaten Mozarts und Beethovens, bei den großen Meistern, stets so aufgebaut sind, dass sie spannend bleiben. Und das Bach zu den großen Meistern gehört, vielleicht gar der größte ist, wer wollte das bezweifeln. Gleichwohl war dies der einzige Variationensatz in Bachs gesamter Kammermusik und sein längster instrumentierter Einzelsatz überhaupt. Auch der eigenwillige Rhythmus der Chaconne trug dazu bei, die Zuhörer immer bei der Sache zu halten.

    Schon im Thema wurde deutlich, dass Hamelin kraftvoll zupacken kann und dies auch tat, aber auch im weiteren Verlauf merkte man, wie er beinahe unmerklich die dynamische Spannweite nach oben und unten ausdehnte. Natürlich gehe ich davon aus, dass er partiturgerecht spielte, wie ich später anhand des Hauptwerkes noch nachweisen werde.

    Technisch, das konnte man schon bei Busonis Transskription sagen, konnte er jedenfalls aus dem Vollen schöpfen.

    Vor allem wurde dies deutlich bei der hochdynamischen Variation, die in staccatoartigem Rhythmus voranpreschte und die dynamische Skala auf und bei tanzte bei unvermindertem temporalen Vorwärtsdrang.

    Wer sich ein Bild von der ganzen Chaconne machen möchte, der kann sich in diesem YT-Video kundig machen:



    Frederic Chopin:


    Polonaise-Fantaisie in As-dur op. 61


    Nach reichem Beifall für das fürwahr bemerkenswerte erste Werk setzte sich Hamelin wieder an den Flügel, ohne das Podium zu verlassen.

    Dieses Stück war mir schon geläufiger. Ich hatte es schon einige Male von Barenboim, Brendel und Rubinstein gehört. Aber live ist das dann doch noch ganz etwas anderes.

    Wie es heißt, eroberte dieses Werk nur langsam die Herzen der Interpreten, vor allem wegen seiner komplexen Harmonik und seiner komplizierten Form.

    Davon war bei Marc André Hamelin nichts zu spüren. Natürlich hat man es bei einer Beethoven-Sonate leichter, dem musikalischen Fortgang zu folgen. Man weiß, was als nächstes kommt. Dazu werde ich später noch etwas bei der Besprechung des Hauptwerkes sagen. Bei einer Fantasie oder, wie hier gemischt mit den Form-Elementen der Polonaise, ist das schon schwieriger, und deswegen habe ich das Naheliegende getan. Ich habe es einfach genossen, wie sich der Rhythmus änderte, wie eine neue Tonarten auftauchte, neben der Haupttonart As-dur auch B-dur und unvermittelt, nach zwei Dritteln, tauchte auch das Hauptthema wieder auf. Eins war mir klar: man muss das öfter hören. Diese Musik ist so reich an Einfällen, an Melodien, ist so tänzerisch und zeigt einen Weg auf, der von den Formen und den inneren musikalischen Gesetzmäßigkeit der klassischen Sonate wegführt zu kleineren Formen mit weniger strengen Gesetzen.


    Frederic Chopin:


    Scherzo Nr. 4 E-dur op. 54


    Auch das Scherzo war mir geläufiger. Ich habe es in meiner Sammlung von Swjatoslaw Richter und Arthur Rubinstein.

    Es ist ein Stück mit ruhigen Sequenzen, aber auch einigen leidenschaftlichen und dramatischen Momenten, mit deinem Trio in cis-moll, das auf ein polnisches Volkslied zurückgeht. Es ist auch das einzige der vier Scherzi mit einer Dur-Tonart.

    Es zeigt auch einige durchaus virtuose Passagen, alles Dinge, die m. E. bei Marc-André Hamelin nur Mittel zum Zweck waren, nämlich einen Bogen zu spannen vom Barock zur Romantik und mit einem Stück nach der Pause fortzufahren, das noch in der Klassik fußt, sich aber auch schon auf die Romantik erstreckt.

    Nach dem zweiten Chopinstück wuchs der Beifall an, und der großartige Pianist musste zwei Mal zurückkommen, bevor ihn das Publikum in die wohlverdiente Pause entließ.

    Das Hauptstück des Abends werde ich heute Nachmittag besprechen, weil es mehr Zeit umfasst, denn ich werde es Stück für Stück mit der Partitur nachhören, da ich es in meiner Sammlung auch von Hamelin habe.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Wer sich ein Bild von der ganzen Chaconne machen möchte, der kann sich in diesem YT-Video kundig machen:

    Lieber Willi,


    da wäre ich auch zu gerne dabei gewesen! Hamelin im Konzert habe ich noch nicht erlebt. Ins Youtube-Video habe ich reingehört: Seine "Chaconne" klingt voll und ganz romantisiert. Ein wenig geht mir da doch der Sinn der Bach-Transkription verloren, weil man von der barocken Satztechnik nicht mehr viel hört. Das Geniale an dieser Transkription ist, dass Busoni es geschafft hat, den Geist Bachs in eine spätromantische Welt so mitzunehmen, dass es trotz Transkription immer noch ein Bach-Stück ist. Aber sehr schön gespielt ist das!

    Diese Musik ist so reich an Einfällen, an Melodien, ist so tänzerisch und zeigt einen Weg auf, der von den Formen und den inneren musikalischen Gesetzmäßigkeit der klassischen Sonate wegführt zu kleineren Formen mit weniger strengen Gesetzen.

    Das ist ja auch keine "Sonate", lieber Willi. Noch im 19. Jhd. erwartete man die Erfüllung von Gattungstraditionen, also eine Polonaise musste eine Polonaise sein. Selbst ein so für Neuerungen aufgeschlossener Komponist wie Franz Liszt war irritiert: "Was hat das eigentlich noch mit einer Poloniase zu tun?" - fragte er (dem Sinne nach) seinen Freund Chopin. "Fantasie" ist in der Romantik die Bezeichnung für den freien Umgang mit der Sonatenform (Schumann Fantasie op. 17), hier ist es der freie Umgang mit der Form einer Polonaise. Das ist aber alles sehr streng durchkomponiert, auch wenn es den Eindruck des Improvisatorischen erweckt. Ich habe die Polonaise-Fantasie von Sokolov im Konzert (in Bielefeld) gehört und zuletzt hier in Münster von Jerome Rose. Das ist eins meiner absoluten Lieblingsstücke von Chopin. Ein unglaubliches Stück! :)


    Ich bin gespannt auf Deine Fortsetzung!


    Liebe Grüße

    Holger

  • Zitat von Dr. Holger Kaletha

    Ich habe die Polonaise-Fantasie von Sokolov im Konzert (in Bielefeld) gehört und zuletzt hier in Münster von Jerome Rose. Das ist eins meiner absoluten Lieblingsstücke von Chopin. Ein unglaubliches Stück! :)

    Das mit Sokolov muss irgendwann zwischen 2014 und 2017 gewesen sein. In den alten Konzertbesuchsplänen habe ich das Programm nicht nachgetragen, das er immer später veröffentlicht. Übrigens, 2020 kommt er am 6. April nach Köln, kannst du dir ja schon mal als wichtigen Termin vormerken. Das ist der Montag in der Karwoche, da müsstest du eigentlich Ferien haben, und Sokolov ist, ich denke, mit weiterhin 45 € für die teurere Karte in Köln immer noch unschlagbar günstig, ich denke, in ganz Europa. Vorverkaufsbeginn ist im Dezember. Wenn du bis dahin weißt, ob du kannst, kann ich für dich eine Karte mitbestellen. Ich bekomme si ja als Abonnent immer eine Woche eher.

    Deine Begeisterung für das op. 61 kann ich voll und ganz verstehen. Mich spricht sie auch sehr stark an, vor allem das Hauptmotiv zu Beginn mit den drei Akkorden und seinen Wiederholungen nach jeweiligen Tonketten, und ich werde sie mir sicher später noch einmal anhören, vielleicht mit Rubinstein.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Na, da hast du ja meine und musikwanderers Heimatstadt ein wenig kennengelernt. Die Stadthalle meide ich, weil sie so hässlich ist.

    Es steht dir frei, dir über dies und das keine Meinung zu bilden und so deiner Seele die Unruhe zu ersparen (Marc Aurel)

  • Lieber Dottore,


    ich komme seit vielen Jahren wenigstens einmal jährlich nach Mülheim zum Klavierfestival Ruhr. Die Stadthalle mag von außen "hässlich" sein, innen hat sie jedoch eine vorzügliche Akustik, und wenn man nach draußen geht und auf die Ruhr schaut, dann kann man, wie vorgestern Abend bei herrlichem sommerlichen Wetter, ein munteres Völkchen beobachten, das mit dem Tretboot auf dem Wasser seine Kreise zieht. Das ist auch schon fast Musik.

    In dieser Saison bin ich beim KFR noch in Düsseldorf (Andras Schiff), Unna (Lars Vogt) und Bochum (Igor Levit). Letzterer wird im 2. Schuberts B-dur-Sonate zum Besten geben, und Andras Schiff wrd ein reines Schubert-Programm spielen, D.845, D.850 und D.894.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Das mit Sokolov muss irgendwann zwischen 2014 und 2017 gewesen sein. In den alten Konzertbesuchsplänen habe ich das Programm nicht nachgetragen, das er immer später veröffentlicht. Übrigens, 2020 kommt er am 6. April nach Köln, kannst du dir ja schon mal als wichtigen Termin vormerken. Das ist der Montag in der Karwoche, da müsstest du eigentlich Ferien haben, und Sokolov ist, ich denke, mit weiterhin 45 € für die teurere Karte in Köln immer noch unschlagbar günstig, ich denke, in ganz Europa. Vorverkaufsbeginn ist im Dezember. Wenn du bis dahin weißt, ob du kannst, kann ich für dich eine Karte mitbestellen. Ich bekomme si ja als Abonnent immer eine Woche eher.

    Lieber Willi,


    ich glaube, das wird gehen und es wird mich sehr freuen! :)

    Deine Begeisterung für das op. 61 kann ich voll und ganz verstehen. Mich spricht sie auch sehr stark an, vor allem das Hauptmotiv zu Beginn mit den drei Akkorden und seinen Wiederholungen nach jeweiligen Tonketten, und ich werde sie mir sicher später noch einmal anhören, vielleicht mit Rubinstein.

    Schon der Auftakt ist magisch! Interessant: Da steht ja "Allegro maestoso". Aber alle (Rubinstein in seiner letzten RCA-Aufnahme, Pollini, Harasiewicz, Blechacz usw.) spielen das Eröffnungsmotiv sehr modern nüchtern hart. Nimmt man dagegen Rubinsteins ältere EMI-Aufnahme, dann hört man da noch den "Maestoso"-Charakter, er spielt das nämlich "pesante". Darauf sprach ich Jerome Rose an - der diese Forte-Figur am Anfang auch "modern" unsentimental spielte. Er meinte lächelnd so ungefähr, modern sei ja auch gut! ^^


    Liebe Grüße

    Holger

  • Ich habe gerade meine Rubinstein-Eröffnung (Aufnahme 4.-6. 3 & 12, 1964), sie stammt aus der braunen Box "The Chopin Collection", und anschließend habe ich eine Richter-Aufnahme auf Youtube gehört. Beide klangen für mich durchaus maestoso, Richter vielleicht noch ein wenig mehr. Ich müsste nachher vielleicht noch einmal meine Richter CD auflegen. Ich weiß aber nicht, ob ich auf der richtigen Spur bin, und ich muss mich ja auch noch um den Bericht des Hauptwerkes nach der Pause (s. o.) kümmern.


    Liebe Grüße


    Willi:)


    P.S. Das mit der Richter-CD war natürlich Unsinn. Darauf ist ja nur das E-dur-Scherzo (s.o.)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ich habe gerade meine Rubinstein-Eröffnung (Aufnahme 4.-6. 3 & 12, 1964), sie stammt aus der braunen Box "The Chopin Collection", und anschließend habe ich eine Richter-Aufnahme auf Youtube gehört. Beide klangen für mich durchaus maestoso,

    Natürlich treffen sie den Maestoso-Ton. Aber höre mal Rubinstein 1934, das ist die Aufnahme, die ich meine, hier bei 38:28 Min.:



    Er spielt die Figur eigentlich genau wie später (in der Wiederholung nimmt er sie wunderbar poetisch ins Leise zurück), aber entscheidend ist die Kontrastwirkung zu dem, was nachher kommt, diese wunderbar aufsteigende Tonfolge, die hier atmosphärisch leicht klingt (viel freier gespielt ist), so dass die Auftaktfigur dann diese Schwere bekommt.


    Liebe Grüße

    Holger

  • Ja, jetzt weiß ich, was du meinst.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Ja, jetzt weiß ich, was du meinst.

    Ich hatte es selbst falsch im Kopf abgespeichert, lieber Willi. Wenn man die Aufnahmen nicht direkt vergleicht, meint man, diese Figur spielt er 1934 anders. Sie wirkt einfach mehr "Maestoso". Aber in Wahrheit ist es die Kontrastwirkung. Rubinstein ist eben ein ganz großer! :) :hello:


    Liebe Grüße

    Holger

  • Diese Kontrastwirkung, lieber Holger, nicht nur im Tempo, sondern auch in der Dynamik und im Rhythmus, war auch eine Stärke und wie ich finde, auch ein Anliegen Marc-André Hamelins am Mittwochabend, und zwar nicht nur bei Chopin, sondern auch in der B-dur Sonate Schuberts, die er nach der Pause spielte, und von der ich morgen berichten werde.


    Liebe Grüße


    Willi:)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Lieber Willi,


    erstaunlich, dass Du Bach-Busonis Chaconne zum ersten mal hörtest. Es gibt viele Aufnahmen: Rubinstein, Pletnev, Berman, Benedetti Michelangeli, Oppitz.


    LG Siamak

  • Diesen Bericht hatte ich zwar im Entwurf längst fertig, aber vergessen, ihn in Reinschrift hier einzustellen.


    Bericht über ein Recital von Marc-André Hamelin beim Klavierfestival Ruhr am 5. 6. 2019 in Mülheim/Ruhr um 20.00 Uhr in der Stadthalle, Teil II:

    Instrument: Steinway


    Nach der Pause stand das Werk auf dem Programm weshalb ich hauptsächlich nach Mülheim gefahren war. Ich höre das Werk beim Schreiben aus dem Gedächtnis gegen von meiner Aufnahme aus meiner Sammlung. Er hatte das Werk im Mai 2017 in der Concert Hall Wyastone Estate, Monmouth, Wales aufgenommen:


    Franz Schubert:


    Sonate Nr. 21 B-dur op. posth. D. 960


    Spielzeiten: 22:00 -10:15 - 4:00 - 8:15 --- 44:30 min:


    Er begann den Kopfsatz, wie ich finde, in einem etwas "kräftigeren Pianissimo", als es auf der Aufnahme erscheint, aber das liegt möglicherweise auch daran, dass ich im Konzert in der dritten Reihe, Mitte, saß und hervorragend hören konnte. Sicherlich kann dieser Lautstärkenunterschied auch auf eine subjektive Wahrnehmung zurückzuführen sein.

    Jedenfalls hatte das Instrument einen hervorragenden etwas helleren Klang als schon mal gehört, und sein Spiel war von ausnehmender Transparenz. Es war jetzt schon klar, dass uns etwas Großes bevorstand. Der Basstriller war betörend leise und geheimnisvoll, m. E. aber nicht bedrohlich. Und was ich bei den Stücken vor der Pause schon über die dynamische Spannweite seines Spiels sagte, traf auch hier zu, aber zunächst erst auf die untere Region der Dynamik.

    Und dann fiel mir noch beim Gegenhören auf, dass er die Pausenfermate in Takt 9 im Konzert nicht so lang gestaltete wie bei der Aufnahme. Vom Tempo her war das sozusagen gleich mit der Aufnahme und interessanterweise bei dem anderen Live-Konzert, das ich vor gut einem Jahr rezensierte, nämlich die ebenfalls überwältigende Vorstellung von Arcadi Volodos am 28. 5. 2018 in Bochum. Das wird insofern interessant, als ich am 11. 7. dieses Jahres ebenfalls in Bochum sitzen werde, um das dritte Live-Konzert anzuhören und zu besprechen, in dem Igor Levit, wohl ebenfalls nach der Pause, die B-dur-Sonate Schuberts spielen wird.

    den zweiten Teil des Themas (Takt 19 bis 35) nahm Hamelin in der "inneren Beschleunigung" nur moderat schneller, ohne jedoch den Grundpuls des Kopfsatzes anzutasten. Man erlebt da beim einen oder anderen Pianisten doch einen kaum erklärbaren Temposprung, und das kann es ja nicht sein, denn das "Molto moderato" gilt für den ganzen Kopfsatz.

    Jedenfalls konnte man hier aber auch feststellen, wie weit das dynamische Pendel dann ab dem Crescendo in Takt 34 nach oben ausschlug, denn bis Takt 33 hielt er vorbildlich das Pianissimo ein.

    Auch das ist nicht immer so.

    Und die Forte-Vorschrift, das war mir schon beim Konzert aufgefallen, die ab Takt 35 auf der Vier gilt, hielt er ebenfalls bis zum Decrescendo in Takt 44 ein. Dann decrescendierte er vorbildlich, um anschließende eine ähnlich begeisternde Steigerung in Takt 46/47 anzuschließen.

    Dann stimmte er ein melancholisches, aber nicht tieftrauriges fis-moll-Seitenthema an, weiterhin im unbeirrbaren Grundpuls des Kopfsatzes und auch weiterhin von einer Klarheit, dass ich die Partitur quasi auf dem geistigen Auge vor mir sah, das Thema zuerst im Bass bedachtsam fließen zu lassen, dann beim Wechsel in den Diskant durch dann durchlaufende Sechzehntel quasi wieder eine innere Beschleunigung auszudrücken.

    Die dynamischen Bewegungen waren bis zum Ende dieser Sequenz moderat. Die Crescendi und Decrescendi schwankten zwischen pianissimo und piano hin und her. Und als das Thema zum B-dur zurückkehrte ab Takt 70 in der Oktavierung, war auch die Melancholie verflogen. Hamelin brachte hier den hohen Bogen wie bei einem Sonnenaufgang zum Leuchten. Erst am Ende dieser Sequenz führte er das hier abschließende Crescendo bis zum Forte, wie es auch in der Partitur steht.

    Und die ab Takt 79 folgende Achteltriolen-Sequenz spielte er sehr anrührend mit moderater Betonung der dynamischen Bewegungen. Auch am Ende des Seitenthemas konnte man deutlich die Pausen vernehmen, die er (ab Takt 94 einfließen ließ und so das von Schubert komponierte Stocken auszudrücken. Erst in der Schlussgruppe konnte man vernehmen, was auch er schon angedeutet hatte: Auch er, wie schon zuvor einige Andere spannte den dynamischen Bogen der Exposition vom ersten Takt im tiefen Pianissimo bis zum Takt 105 im veritablen Fortissimo.

    Und er spielte dann auch die Überleitung zur Wiederholung der Exposition dynamisch mitreißend, indem er ein zweites Mal das krachende Fortissimo erreichte und dann den Fortissimo-Basstriller partiturgemäß leise verklingen ließ. allerdings führte er die Pausenfermate am Ende von Takt 125a im Konzert kürzer aus als in der walisischen Aufnahme von 2017.

    Dann wiederholte er natürlich die Exposition. Und sein Spiel ließ auch im Konzert keine Sekunde nach, es war genauso betörend wie zuvor. Ich habe es schon manchmal gesagt. Es blieben keine Fragen offen.

    Am Ende der Expositionswiederholung spielte er einen anrührenden Ritardando-Übergangstakt 117b zur Durchführung hin.

    Diese spielte er auch in weiterhin moderatem Tempo, hier im Konzertmit einem ebenso traurigen Ausdruck wie schon zwei Jahre zuvor in der Aufnahme. Erst in der wieder fast deckungsgleichen Achteltriolen-Sequenz wurde die Stimmung in ihrer Anmut wieder positiv. Auch die dynamisch nun größeren Ausschläge selbst in dieser anmutigen Passage bildete er sorgfältig ab. Auch den Fortissimo-Akkord zu Beginn von Takt 149.

    Und auch die Rückkehr ins B-dur verleitet ihn nicht, nun freundlichere Töne anzuschlagen, sondern das Gegenteil war der Fall im sich nun nähernden eigentlichen dynamisch-dramatischen Höhepunkt der Durchführung, zunächst durch die insistierenden klopfenden Achtel, dann durch die zunehmend disharmonischen klopfenden Achtelakkorde im Diskant ab Takt 160, die er in eine mitreißende dynamische-dramatische Steigerung führte, vielleicht noch intensiver als in der Aufnahme, aber das mag auch dem Live-Augenblicke geschuldet gewesen sein. Und diese Stimmung zog er, zwar etwas schwächer werdend, noch weiter in den nun folgenden Achtel-Quint- und wechselnd Sextakkorden.

    Auch die leisen Basstriller klangen bei ihm nicht mehr so bedrohlich wie zuvor das disharmonische Lamento. Hinzu fügte er dann die zunehmend leuchtenden hohen Legatobögen, die dann über zwei wahnsinnig leise Basstriller in die anrührende Reprise führten.

    Diese spielte er ebenso ergreifend wie zuvor die Exposition, wunderbar auch seine Absenkung ins ppp in Takt 223 im Basstriller.

    Auch hier meinte ich, wie schon bei dem einen oder anderen Pianisten vorher, in der Steigerung am Ende des dritten Hautthementeils, hier von Takt 234 bis 254, eine noch größere Vehemenz verspürt zu haben als in der Exposition- grandios!

    Auch die weiter Behandlung der dynamischen Bewegungen war vorbildlich. Das Seitenthema spielte er nochmals sehr ausdrucksvoll, aber nicht zu düster, vor allem nicht nach der Rückkehr zum B-dur (hier ab Takt 289).

    Wie anmutig erklang nochmals die Achteltriolensequenz und am Ende der herrlichen Schlussgruppe die herausragend gespielte kurze Coda. Insgesamt war er im Konzert eine halbe Minute schneller als in der Aufnahme und mit 22:00 Minuten exakt gleich lang wie Volodos ein Jahr zuvor, und, wie ich finde, auf dem gleichen Höchstniveau.


    Auch gleich zu Beginn des Andante, in dem er in ähnlichem Tempo unterwegs war wie Philippe Entremont, und klanglich verhielt es sich wie im Kopfsatz, klar und hell und mit melancholischem Ausdruck. Ebenfalls wie im Kopfsatz gestaltete er auch die dynamische Spannweite in der ersten Steigerung ab Takt 9 mit Auftakt, von einem berührenden Pianissimo bis hin zu einem kraftvollen Forte in Takt 12, um gleichdarauf vorbildlich zurückzugehen.

    Hervorragend in jeder Hinsicht auch die erste Dur-Auflösung in Takt 14 bis 17), ein erster absoluter Höhepunkt des langsamen Satzes. Selbstredend gestaltet er auch die dynamischen Bewegungen, die ja auf Pianissimoebene stattfinden, mit entsprechender Sorgfalt, sodass sie trotz der niedrigen Gesamtlautstärke deutlich hervortraten.

    Wunderbar war auch sein nochmaliges dynamisches Zurückgehen in Takt 38 vom Pianissimo ins Piano-Pianissimo, im Übergang zum über irdischen Seitenthema, nochmals die letzten Takte des Hauptthemas (39 bis 419 in einem kaum noch wahrnehmbaren Diminuendo.

    Dann: welch ein feierlicher Hauch wehte durch den Saal und sandte Schauer aus. Ohne das Tempo merklich zu verändern, lässt er den melodischen Bogen dunkel leuchten, und in der oktavierten Wiederholung ab Takt 51 stellt er mit seinem weiterhin beherrschten moderaten Thema unter Beweis, wie viel tiefer die Empfindung doch ist, wenn diese berührende Melodie langsamer fließt und nicht virtuos aufgenommen wird.

    Auch die Rückkehr zur tiefen Oktave (ab Takt 59) gestaltet er in diesem feierlich schreitenden Duktus, in den die von ihm wiederum mit großer dynamischer Spannweite vorgenommenen Steigerungen (ab Takt 67 und ab Takt 71) organisch einfließen.

    Schließlich ist auch der neuerliche Wechsel in die hohe Oktave ein weiteres Beispiel für die Richtigkeit seiner moderaten Tempowahl , und folgerichtig dehnt er das Ritardando am Ende des wunderbaren Themas etwas aus und schließt es mit einem langen Generalpausentakt 89 ab.

    In der Rückkehr zum Hauptthema bleibt er bei seiner klugen dynamischen Disposition, gestaltet die nunmehr klopfenden Sechzehntel in der Begleitung zwar insistierend, aber nicht überbordend.

    Auch die erste dynamische Steigerung (hier ab Takt 98 erfolgt wieder kraftvoll, aber, wie ich meine, etwas zurückgenommen gegenüber derjenigen in Thementeil A.

    Die neuerliche Durauflösung (hier in Takt 103 bis 106) ist wieder "wie von einem anderen Stern", und im ruhigen Fluss geht es nun der zaubrischen Piano-Pianissimo-Coda zu.

    Dies ist ein letzter Höhepunkt dieses einmaligen Satzes in atemberaubender Weise gespielt. Trotz einer Dynamikstufe an der unteren Hörgrenze spielte er die Töne so körperhaft, dass sie gut zu vernehmen waren und mir einen Dauerschauer über den Rücken sandten.


    Das Scherzo war nun wieder im Diesseits angekommen. Klare, helle Töne aus einem durchaus vernehmbaren Pianissimo heraus, ein zum Andante im Verhältnis durchaus passendes Scherzo und kräftige dynamische Bewegung, gepaart mit einem überragende Rhythmus, und jeder einzelne Takt war ins einer Struktur anhand der schier grenzenlosen Technik auf das Beste zu durchhören.

    Im Trio nahm er das Tempo merklich zurück und legte hier viel Wert auf den synkopischen Rhythmus, hervorgerufen durch die stampfenden Forzandopiani, die in Hamelins Lesart durchaus an einen Tanz des "Leibhaftigen" erinnerten. Und auch die kleinen dynamischen Feinheiten (p in Takt 15 und 26) ließ er nicht unbeachtet- grandios.

    Dann spielte er natürlich das Scherzo da capo ed infine la Coda.


    Das Finale Allegro spielte er geringfügig schneller als Philippe Entremont. Dem jeweiligen einleitenden G-Akkord ließ er schön abschwellen. Bei leiser Grundlautstärke (p) arbeitet er auch hier die Steigerungen (zuerst ab Takt 26 mit Auftakt, dann ab Takt 55 und ab 72), sorgfältig heraus, jedoch, ohne dem zu viel Schwere zu verleihen.

    Auch die raschen Wechsel von Staccato und Legato gaben dem Thema die Leichtigkeit und Beweglichkeit, die ihm innewohnt.

    Den überwiegend im Legato entspannt dahin fließende Seitensatz spielte er im Tempo akkurat zum Hauptthema passend und derart transparent und fließend und auch im dynamischen Gefüge so, wie es sich der Komponist wohl gewünscht haben mag.

    Auch der wie ein Blitz hineinfahrende erst hochdynamische Teil des ersten durchführungsartigen Abschnitts fiel nicht aus dem Rahmen. Es kam ihm hier nicht auf extreme dynamische Kontraste an, sondern auf ein harmonisches Gesamtbild, und nach dem Decrescendo ab Takt 183 spielte er den zweiten überwiegen legato artigen zweiten Teil mit wunderbar zartem lyrischen Ausdruck und dynamischem Feingefühl.

    Auch den nächsten, wieder original mit dem Thema beginnenden Abschnitt spielte er in der dann durchführungsartig weitergeführten hochdynamischen Sequenz zwar kraftvoll, aber wieder zum dynamischen Gesamtkonzept passend, wobei die lange Achteltriolensequenz (ab Takt 261 bis 285 mit Unterbrechungen) auf höchstem pianistischen Niveau, was man im Grunde für die ganze Sonate sagen konnte. Auch das lang Decrescendo in der Sechzehntel-Tonleitern-Sequenz (ab Takt 2989 war höchst eindrucksvoll.

    Das dann anschließende, nun wirklich reprisenförmige Thema (ab Takt 312) und dann folgende Seitenthema (ab Takt 360) spielte er wiederum in einer organischen Gesamtbewegung. Vor allem das Seitenthema beeindruckte mich abermals ganz besonders. Nicht immer hört man die Sechtehntelbegleitfiguren im Diskant so transparent.

    Den zweiten durchführungsartigen Abschnitt (ab Takt 430) spielte er in den beiden Unterabschnitten zwar wieder kontrastreich, aber nicht so, dass es etwa aus dem Gesamtgefüge herausfiele.

    Dann ließ er mit der gebotenen dynamischen Zurückhaltung den letzten, hier verkürzten und zur abschließenden rauschenden, wenngleich relativ kurzen Coda folgen.

    Diese spielte er ebenfalls souverän, sodass sie weder dynamisch als auch temporal aus dem Zusammenhang herausfiel.


    Es war eine herausragend gespielte Liveaufführung, die mit stehenden Ovationen gefeiert wurde, gut zwei Jahre nach seiner Aufsehen erregenden CD-Aufnahme, die ich demnächst hier besprechen werde.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • William B.A.

    Hat den Titel des Themas von „Bericht über ein Recital von Marc-André Hamelin beim Klavierfestival Ruhr am 5. 6. 2019 in Mülheim/Ruhr um 20.00 Uhr in der Stadthalle, Teil I:“ zu „Bericht über ein Recital von Marc-André Hamelin beim Klavierfestival Ruhr am 5. 6. 2019 in Mülheim/Ruhr um 20.00 Uhr in der Stadthalle, Teil I + II:“ geändert.