Franz Schubert - Sendereihe in 21 Folgen - rbb

  • Rundfunk Berlin-Brandenburg Kultur hat eine Sendereihe mit 21 Folgen zu Franz Schubert zwischen dem 4. Juli und 21. November 2021 gesendet. Jeder Beitrag mit Musik und Redeanteilen dauert zwei Stunden.


    size=470x264.png


    Christine Lemke-Matwey hat verschiedene Aspekte des Lebens und des Werkes des Komponisten beleuchtet sowie die Wirkung seiner Musik untersucht.


    Die Autorin ist Feuilletonchefin der ZEIT. Davor arbeitete sie für den Tagesspiegel und die Süddeutsche Zeitung, schrieb zwei Libretti und zusammen mit Christian Thielemann ein Wagner-Buch. FRANZ SCHUBERT ist ihre dritte große Serie für den rbb. Außerdem gehört sie ins Rateteam der BLINDVERKOSTUNG auf rbbKultur.



    size=320x180.jpg


    Die Texte der Manuskripte und Podcast-Audiodateien sind noch abrufbar.


    https://www.rbb-online.de/rbbk…ungen/franz_schubert.html


    Zur Sendereihe schreibt sie:


    "Wer sich mit Schubert beschäftigt, braucht keinen Anlass. Keine Gedenk- oder Jahrestage, keine Jubelindustrie. Wer sich mit Schubert beschäftigt, ist auf der Suche nach der Musik in sich selbst. Und findet sie in Liedern wie dem "Erlkönig" und in Zyklen wie der "Winterreise", in Kammermusik wie den beiden Klaviertrios, in den späten Klaviersonaten und in Sinfonien wie der "Unvollendeten".


    Franz Peter Seraph Schubert, geboren 1797 in der Wiener Vorstadt, begegnet uns als Komponist gleichsam "nackt", und das ist ganz und gar nicht eskapistisch gemeint, im Sinne eines weltflüchtigen "L'art pour l'art"-Denkens.


    Schubert fehlt das Goldschnitthaft-Altmeisterliche eines Bach, das Revolutionäre eines Beethoven, das Bürgerlich-Lebensweltliche eines Schumann, das entschieden Anti-Modernistische eines Brahms – jedenfalls soweit alles Außermusikalische überhaupt als Erklärungsmodell für die Musik taugt.

    Meister der kleinen Form


    Schubert ist ein Künstler der politischen Restauration, und das heißt: So sehr er das Rampenlicht sucht, so sehr muss er es scheuen. Der Metternich-Staat treibt die Kunst in Nischen, in kleine und kleinste Räume, in intime Formen. Nur dort, wo staatliche Überwachung und Zensur nicht greifen (können), im Privaten, in der Halb-Öffentlichkeit der frühen Zirkel und Salons, ist die Musik frei. Und Schubert mit ihr.


    Die Rückzugsgebärde auf der Suche nach der größtmöglichen Freiheit des künstlerischen Ausdrucks – das müsste dem 21. Jahrhundert in seiner galoppierenden Unübersichtlichkeit mindestens so vertraut sein wie der Schubert-Zeit. Und so müsste uns auch Schubert selbst näher sein, als er es oftmals ist.


    Gerade er, der Liederkomponist, der Meister der kleinen Form. Gerade heute, im Zeitalter virtueller Realitäten. Die 140 Zeichen auf Twitter, die Kurznachrichten, die wir täglich verschicken, die YouTube-Schnipsel, durch die wir uns klicken: Sind das nicht alles Versuche, die Welt da draußen noch irgendwie in den Griff zu bekommen? Und selbst dabei nicht ganz verloren zu gehen?"


    .

    Früher war ich morgens froh, des Abends weint´ ich

    Jetzt da ich älter bin

    beginn ich zweifelnd meinen Tag

    doch heilig und heiter ist mir sein Ende.


    Friedrich Hölderlin

  • Hab schnell mal reingehört, gefällt mir! Danke moderato! :thumbup:


    LG Fiesco

    Il divino Claudio
    "Wer vermag die Tränen zurückzuhalten, wenn er den berechtigten Klagegesang der unglückseligen Arianna hört? Welche Freude empfindet er nicht beim Gesang seiner Madrigale und seiner Scherzi? Gelangt nicht zu einer wahren Andacht, wer seine geistlichen Kompositionen anhört? … Sagt nur, und glaubt es, Ihr Herren, dass sich Apollo und alle Musen vereinen, um Claudios vortreffliche Erfindungsgabe zu erhöhen." (Matteo Caberloti, 1643)

  • Schubert fehlt das Goldschnitthaft-Altmeisterliche eines Bach, das Revolutionäre eines Beethoven, das Bürgerlich-Lebensweltliche eines Schumann.“


    Selten so einen Stuss gelesen. Wollen wir hoffen, dass die Reihe, die von der Anlage her unbedingt lobenswert ist, als solche nicht auch nur solche disqualifizierenden Allgemeinplätze bereit hält…

    "...man darf also gespannt sein, ob eines Tages das Selbstmordattentat eines fanatischen Bruckner-Hörers seinem Wirken ein Ende setzen wird."



  • „Schubert fehlt das Goldschnitthaft-Altmeisterliche eines Bach, das Revolutionäre eines Beethoven, das Bürgerlich-Lebensweltliche eines Schumann.“


    Selten so einen Stuss gelesen. Wollen wir hoffen, dass die Reihe, die von der Anlage her unbedingt lobenswert ist, als solche nicht auch nur solche disqualifizierenden Allgemeinplätze bereit hält…

    Eine typische Feuilletonist(inn)en-Stilblüte! :D Ich hoffe doch, die Sendereihe hat da mehr zu bieten... :hello:

  • Das sind die Überschriften der Kapitel. (Die Nummerierung der PDF-Dateien der Sendemanuskripte weicht zuweilen von der gesendeten Reihenfolge ab.)


    1. Wien ist die Welt, Das Leben in der Stadt
    2. Wen die Schulbank drückt, Schubert lernt und lehrt
    3. Glauben ohne Pfaffen, Schuberts Verhältnis zur Kirche
    4. Goethes Grösse, Die Geschichte einer Fernbeziehung
    5. Gelegenheit macht Lieder, Schuberts Texte
    6. Blick in die Werkstatt, Wie Schubert komponiert
    7. Ha, ein Ich! Das Biedermeier als erste Moderne
    8. Der Einsame, Schuberts Persönlichkeit
    9. Bretter, die kein Glück bedeuten, Schuberts Weg zur Oper
    10. Freunde und andere Männer
    11. Grün ist alle Utopie, Schubert auf Landpartie
    12. Beethovens Bann, Vorbild, Konkurrent, Bruder im Geist
    13. Komponist im Kaiserreich, Schubert der Unpolitische?
    14. Das Wandern, Schuberts Lebensmotiv
    15. Weltflucht, Verzweiflung, Erlösung, Die «Winterreise»
    16. Fluch des Wohllauts, Schubert populär
    17. Therese, Anna, Caroline, Schubert und die Liebe
    18. Krankheit als Metapher: vom Leiden an der Welt, Über den Schmerz in Schuberts Musik
    19. Der Unvollendete, Schubert und der frühe Tod, Die Suche nach dem «wahren» Schubert
    20. Herzenskammermusik, Wie Schubert uns berührt, Was fasziniert heute so viele junge Ensembles an seiner Musik?
    21. Der Krimi um den Nachlass, Die Suche nach Schuberts Handschriften


    Es sind Sendungsmanuskripte. Das beinhaltet einige Eigentümlichkeiten, die man, wenn man mit der Arbeit am Radio nicht vertraut ist, kennen muss.


    Es wurde die eher plakative Nennung gewisser Formulierungen beanstandet und als "feuilletonistische Stilblüten" kritisiert. Ein Ankündigung einer Sendereihe folgt anderen Gesetzmässigkeiten als die einer gedruckten Abhandlung oder Seminararbeit. Da würde ich auch den Rotstift ansetzen, wenn ich solchen Formulierungen begegnen würde. Eine gewisse Provokation und pointierte Schreibe gehört zum Geschäft, wenn man auf eine Sendung hinweist.


    Der Text der Sendungen enthält neben der Ansagen der Stücke auch die wiederholte Nennung des Titels und der Interpreten direkt nach der Ausstrahlung des Werkes. Das mag beim Lesen überflüssig erscheinen. Als Hörer, der während der Sendung einschaltet, schätzt man es, wenn man diese Informationen erhält. Das ist eine Eigentümlichkeit radiophoner Tätigkeit. Man kommt mit diesem Verfahren der Beantwortung möglicher Anfragen zuvor.


    Die Titel mögen zuweilen reisserisch erscheinen. Sie wollen den Hörer auf den Inhalt neugierig machen. Als Moderatorin hat man die Absicht, seine Zuhörer an der Stange halten und an sich zu binden. Die Qualität der Wortbeiträge ist dabei ein wichtiger Aspekt, aber nicht nur. Das hier näher auszuführen, würde einen eigenen Thread erfordern. Die Sendereihe erstreckte sich über mehrere Wochen zu festgelegten Zeiten. (Eine Klammerbemerkung: Ein Programm hat seine Sendegefässe und Struktur. Die Verantwortlichen machen dazu im Vorfeld intensive Abklärungen, was wann ausgestrahlt wird. Da wird nichts dem Zufall überlassen. Kommt es zu Änderungen wird das von den Zuhörern nicht geschätzt.)


    Der Text folgt dem gesprochenen Duktus, was in seiner sprachlichen Form nicht einer schriftlichen Abhandlung oder einem Zeitungstext entspricht. Das muss dem Leser bewusst sein, wenn er sich die Inhalte der Sendungen lesend erschliesst. Die Formulierung der Ansage und die Verabschiedung sind ausformuliert.


    Wenn die Manuskripte zugänglich gemacht werden, erfüllt man die Wünsche der interessierten Zuhörer, die sich mit den Inhalten der Sendung intensiv beschäftigen möchten. Dieser Service wird sehr geschätzt. Die Hörer eines Kultursenders unterscheiden sich in dieser Hinsicht von denen anderer Sparten. Sie haben als Stammhörer eine starke Bindung an einen Sender und das Programm.

    Auch als Hörer eines Senders mit Tageshits schaltet man regelmässig seinen Lieblingssender ein. Die Ansprüche sind aber andere. Man will unterhalten werden und nicht durch allzu lange Wortbeiträge im Bedürfnis nach Ablenkung unterbrochen werden.

    .

    Früher war ich morgens froh, des Abends weint´ ich

    Jetzt da ich älter bin

    beginn ich zweifelnd meinen Tag

    doch heilig und heiter ist mir sein Ende.


    Friedrich Hölderlin

  • A propos Schubert im Radio.


    Zum 200. Geburtstag Franz Schuberts im Jahr 1997 hatten Radiostationen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz als Koproduktion täglich während eines Jahres ein musikalisches Werk verbunden mit einem Wortbeitrag gesendet. Mit 365 Teilen à 25 Minuten stellt es die grösste Sendereihe im Hörfunk dar, welche die ARD jemals produziert hatte. ich kann mich erinnern, gespannt auf die Beiträge am Radioempfänger die Sendung verfolgt zu haben. Es wurde jeweils mosaikartig aus dem Leben Franz Schuberts berichtet. Mit diesem Kaleidoskop von Texten aus der Schubert-Zeit, Notizen aus dem Tagebuch des Komponisten, Beiträge aus Zeitungen des biedermeierlichen Wien, Alltäglichem und Eigenartigem ergab sich ein besonderer Blick auf den Menschen Franz Schubert und die Epoche, in der er lebte. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, war der Schauspieler Udo Samel der Sprecher, der in der mehrteiligen Verfilmung des Lebens Franz Schuberts Mit meinen heissen Tränen, das der ORF mit dem Regisseur Lehner produziert hatte, den Komponisten verkörperte. Zuweilen griff Samel selbst in die Tasten.


    Der Musikwissenschaftler, Journalist und Autor Michael Stegemann hatte die Beiträge der Radiosendungen zusammengestellt. (Er hat Biografien zu Camille Saint-Saëns, Franz Liszt, Maurice Ravel und Glenn Gould veröffentlicht.) Es gab zur Sendereihe ein Taschenbuch, das im Piper-Verlag erschienen ist. Das Schubert-Allmanach mit dem Untertitel Eine musikalisch-historische Chronik hat das Projekt begleitet. Darin sind neben der Erwähnung der Musikstücke und ihrer Interpreten auch die Wortbeiträge enthalten. Antiquarisch ist es noch erhältlich.



    41TE8XH001L._SX311_BO1,204,203,200_.jpg

    Früher war ich morgens froh, des Abends weint´ ich

    Jetzt da ich älter bin

    beginn ich zweifelnd meinen Tag

    doch heilig und heiter ist mir sein Ende.


    Friedrich Hölderlin