Der bajuwarische Altgrieche - Carl Orff

  • Also, ich ziehe doch Lucia Popp als Kluge der Schwarzkopf entschieden vor. Gottlob Frick allerdings ist nicht zu übertreffen.

    Owe, war sint verswunden alliu miniu jar! Ist mir mein leben getroumet, oder ist es war? (Walther von der Vogelweide)

  • Zu seinem Todestag am 29. März 1992 habe ich eine Aufnahme der Carmina Burana mitgebracht, die ich selbst auch schon zweimal mit aufgeführt habe:


    Heute ist Carl Orffs 33. Todestag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Heute hat Carl Orff, der am 10. Juli 1895 geboren wurde, einen ziemlich runden Geburtstag. Dazu habe ich diese Box ausgesucht:



    Heute ist sein 120. Geburtstag.


    Liebe Grüße


    Willi :)

    1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
    2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

  • Was Orffs Verbindung zur "Weissen Rose" angeht: er kannte Prof. Kurt Huber persönlich und führte mit ihm einen Briefwechsel über dessen Volkslied-Forschungen, die in gewisser Weise anregend für die "Carmina Burana" waren.
    Für Orff spricht auch, daß er seinem verehrten Lehrer, dem rassisch verfolgten Heinrich Kaminski, über das Jahr 1933 hinaus die Treue hielt.

    Mit der Zeit erfährt man Neues und nimmt auf dieser Basis andere Bewertungen vor. So auch im Fall "Orff und der Nationalsozialismus".
    Der Stand ist gemeinhin: Orff war ein Mitläufer und hat nach dem 1945 gelogen, er sei Mitglied der "Weißen Rose" gewesen.
    Was ist dran?


    Nun: Orff war vom Typ her ähnlich wie Schostakowitsch: Ängstlich bis feig. Das darf man ihm nicht vorwerfen.
    Daß die Nationalsozialisten ein verbrecherisches Unrechtsregime sind, hat der Humanist Orff, der sich für die Literatur von Brecht und Werfel begeisterte, selbstverständlich erkannt. Vorwerfen darf man ihm, wenn er trotz dieser Erkenntnis über das zum physischen und künstlerischen Überleben Notwendige hinaus sich dem Regime angedient hat.
    Hat er?
    Schauen wir genau hin.


    Federführend im Fall "Orff, der Nazi" war der kanadische Historiker Michael Kater. Er ließ über dem Kopf des längst verstorbenen Komponisten eine übelriechende braune Suppe zusammenschwappen, die in der Folge kritiklos nachgebetet und erweitert wurde: Von Anbiederung war die Rede, von Musik im NS-Auftrag und, am schlimmsten, vom Versuch, die Schauspielmusik zu William Shakespeares "Sommernachtstraum", die vom Juden Felix Mendelssohn-Bartholdy stammt, durch eine rein arische zu ersetzen. Dies, so Orffs Kritiker, sei als Teil der von den Nationalsozialisten betriebenen Judenvernichtung zu verstehen, die sich auch auf geistige Werte ausdehnte.


    Was Kater zuerst nicht wusste oder nicht wissen wollte, entdeckte der österreichische Historiker Oliver Rathkolb.
    Ich versuche im Folgenden eine Darstellung des gesamten Komplexes. Zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtübernahme ist Orff 38 Jahre alt. Die breite Öffentlichkeit kennt ihn als Komponisten kaum, seine wenigen veröffentlichten Chorwerke, zumeist für Chor und ein kleines Instrumentalensemble geschrieben, haben überwiegend Texte von Autoren, die den Komponisten in den Augen der Nationalsozialisten verdächtig machen: Franz Werfel und Bertolt Brecht; beide sind Juden, Brecht engagiert sich außerdem für den Kommunismus. Die Nationalsozialisten werden auf Orff aufmerksam, weil er durch sein "Schulwerk" als erstklassiger Musikerpädagoge gilt. Das ist der Hintergrund des Auftrags, für die Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin den "Kinderreigen" zu komponieren.
    Orff ist der NSDAP-Auftrag zuwider, er hat allerdings auch Angst, ihn rundweg abzulehnen. Also bemüht er sich - und das erfolgreich - den NSDAP-Auftrag in einen Auftrag des Olympischen Komitees umzuwandeln. Und dann schreibt er nicht einmal ein neues Werk, sondern lässt seine Mitarbeiterin Gunild Keetman Stücke aus dem "Schulwerk" für diesen Anlass zusammenstellen. Er macht sich seine Finger mit keiner extra für die NSDAP geschriebenen Note schmutzig.
    Ein Jahr später sind die Kritiken der NS-Zeitungen über die "Carmina burana" sehr unterschiedlich: Einige jubeln, andere schreiben von "artfremden Rhythmen" und "bayrischer Niggermusik". Das Märchenspiel "Der Mond" kommt besser an, bleibt jedoch ebenfalls nicht unumstritten.


    In der "Klugen" stehen dann Worte, die nur zu gut verstanden werden könnten, etwa: "Denn wer viel hat,/ hat auch die Macht,/ und wer die Macht hat,/ hat das Recht, /und wer das Recht hat,/ beugt es auch, /denn über allem herrscht Gewalt." Das ist kein offener Widerstand, aber eine deutliche Antipathieerklärung. Orff hat Glück, dass die braunen Machthaber sie im Kontext des Werks offenbar übersehen. Doch wie steht es um die "Sommernachtstraum"-Musik?


    Tatsächlich unternehmen NS-Organisationen Anläufe, Shakespeares Stück, das im deutschen Sprachraum zu dieser Zeit nahezu verbindlich mit Mendelssohn-Bartholdys Musik aufgeführt wird, für die NS-Bühnen gleichsam zu arisieren. Aufträge der NSDAP ergehen, nachdem Hans Pfitzner empört abgelehnt hatte, an drei Komponisten, von denen zwei, Julius Weismann und Winfried Zillig, als politisch verlässlich eingestuft werden, während man dem dritten, Rudolf Wagner-Regeny, linke
    Attitüden nachsagte, ihn allerdings für einen erstklassigen Komponisten hält, auf den das Regime nicht verzichten will.
    Orff ist nicht unter diesen Auftragsempfängern. Seine erste Befassung mit dem "Sommernachtstraum" stammt aus dem Jahr 1917 und ist das Ergebnis einer sich wandelnden Ästhetik. Mendelssohn-Bartholdys Musik verankert das Stück, so schön sie ist, in einer falschen Zeit und einer falschen Auffassung, nämlich der einer rein romantischen Feerie. Orff hingegen wird von der moderneren Auffassung des deutschen Schriftstellers und Regisseurs Otto Falckenberg geprägt, dessen
    "Sommernachtstraum"-Interpretation einen Brückenschlag zwischen elisabethanischem Theater und Expressionismus versucht. Orffs Konzept ist keine herkömmliche Schauspielmusik, sondern eine Musikalisierung des gesamten Textes, woraus eine Art Oper für Schauspieler entsteht. Dieses Werk ist kein Ersatz für Mendelssohn-Bartholdy, sondern Ausdruck der Shakespeare-Interpretation Orffs.


    Es wäre für den Komponisten auch ein Leichtes gewesen, das 1939 uraufgeführte Stück weiterhin spielen zu lassen, doch Orff zieht es zurück und lässt die neue Version von 1943 nicht einmal aufführen. Erst in den 1960er Jahren nimmt der
    "Sommernachtstraum" finale Gestalt an. Ein NS-nahes Werk kann es damit nur für jene sein, die es partout als solches sehen wollen.


    Bleibt der dunkle Fleck von Orffs Lüge über sein Verhältnis zur "Weißen Rose". Doch die enttarnt Rathkolb als unvollständige Recherche Katers: Der Kanadier vertraute den Aussagen eines Mitarbeiters der Entnazifizierungs-Kommission und forschte nicht weiter nach. Rathkolb hingegen nahm in die schriftlichen Protokolle Einblick, und es stellt sich heraus: Nicht ein einziges Mal hat Orff behauptet, er sei der "Weißen Rose" nahegestanden. Lediglich von seiner Freundschaft mit dem Musikwissenschafter Kurt Huber hatte Orff gesprochen. Huber war Mitglied der "Weißen Rose" und wurde 1943 hingerichtet. Die Freundschaft zwischen ihm und Orff bestand ohne den geringsten Zweifel. Huber hatte Orff in die Bayrische Volksmusik eingeführt, und Orff hatte wissenschaftliche Publikationen Hubers unterstützt, als dieser bereits den Nationalsozialisten suspekt war: Um Huber Geld zu verschaffen, ohne ihn durch Geschenke zu demütigen, verlangte ihn Orff als Mitherausgeber von Bayerischer Volksmusik, die er für den Schott-Verlag machte. Der "Mitherausgeber" war ein Trick, denn an prominenter Stelle hätte Hubers Name nicht aufscheinen können. Somit ermöglichte Orff es seinem Freund, in seinem Beruf Geld zu verdienen.


    Dass Orff sich in der Zeit des Nationalsozialismus nicht als Held gerierte, sondern schlicht so sauber wie möglich überleben wollte, mag indessen noch einen anderen Grund gehabt haben: Der ohnedies ängstliche Komponist war, wie Kater bei neuerlichen Recherchen in Sachen Orff entdeckte, nach den Begriffen der Nürnberger Rassegesetze Vierteljude. Er war überzeugt, dass früher oder später auch Menschen, deren einer Großelternteil Jude war, Repressalien zu spüren bekommen würden. Anders gesagt: Orff stand während der gesamten Zeit des Nationalsozialismus Todesangst aus, wagte aber nicht die Emigration, da er sich an die deutsche Sprache und Kultur gebunden fühlte und ein Ende des Nationalsozialismus vorerst nicht absehbar war. Am Ende setzte Adolf Hitler Orff auf die Gottbegnadeten-Liste der für die deutsche Kultur unverzichtbaren Künstler. Auch dafür konnte der Komponist sowenig wie irgendein anderer, der auf der Liste zu stehen kam.
    Das Bild von Carl Orffs Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus bedarf damit einer neuerlichen Korrektur: Nach der vom Unverdächtigen zum hemmungslos lügenden NS-Komponisten, muss es jetzt vom NS-Komponisten zum korrekt Auskunft gebenden Unverdächtigen verändert werden.


    Mittlerweile hat auch Kater eine andere Position als seine ursprüngliche bezogen und geht davon aus, daß Orffs Handlungsweisen dort, wo sie unter Umständen immer noch unsauber wirken, von der Angst diktiert waren, als "Vierteljude" ins Visiert der Nationalsozialisten zu geraten.
    (Mit Veränderungen und Ergänzungen nach meinem Artikel aus der "Wiener Zeitung".)

    ...

  • Franz Werfel und Bertolt Brecht; beide sind Juden, Brecht engagiert sich außerdem für den Kommunismus.


    Ich korrigiere mich: Bertolt Brecht war kein Jude - da bin ich beim Durchlesen leider drübergefallen. Brecht war den Nationalsozialisten aufgrund seines linken Engagements verdächtig, aufgrund seiner engen Kontakte zu Juden (wie Kurt Weill) und natürlich aufgrund seiner Literatur, de so ziemlich das "Entartetste" war, das man sich denken konnte.


    Die geistigen Beziehungen zwischen Orff und Brecht wären überhaupt einer größeren Studie wert. Meiner Meinung nach hat Brecht in ungeahntem Maß auf Orff Einfluß gehabt - bis in die Formulierungen hinein. Etwa im "Mond":



    "Mein Schatz wollt mir ein Taler geben,
    Ich sollt mit ihm zu Bette gehen.
    Adjes, Herr Schatz, adjes, das ist nit fein,
    B'halt deinen Taler und schlaf allein.


    Ein Taler ist ein Haufen Geld
    Drum kauf ich mir die halb Welt.
    Adjes, mein Schatz, adjes, nimm mir's nit krumm:
    Ein anders Mädel ist nit so dumm."


    Überhaupt klingt der ganze Text der "lebenden Leichen" nach dem frühen Brecht.

    ...

  • In der "Klugen" stehen dann Worte, die nur zu gut verstanden werden könnten, etwa: "Denn wer viel hat,/ hat auch die Macht,/ und wer die Macht hat,/ hat das Recht, /und wer das Recht hat,/ beugt es auch, /denn über allem herrscht Gewalt."


    Hallo Edwin Baumgartner,


    im "Forum klassische Moderne..."
    gibt es das Thema "Oper der Moderne"
    und hier
    den Thread "Oh hätt ich meiner Tochter nur geglaubt..."


    In diesem Thread gibt es in den Beiträgen 47 bis Ende eine Besprechung zu Orffs "Die Kluge" in Verbindung mit der NS-Herrschaft, die eine Vielzahl von Beispielen bringt.


    Viele Grüße
    zweiterbass

    Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

  • Infolge der Pandemie ist in diesem Jahr auch der 125. Geburtstag von Carl Orff "ausgefallen". Die "Wiener Zeitung" hatte dazu einen guten Beitrag veröffentlicht, den ich gern verlinke:


    Carl Orff, Prophet im Gewand des Gauklers

    Mit Orff habe ich mir alle Mühe gegeben. Je mehr ich gehört habe, um so mehr habe ich mich von ihm entfernt. Inzwischen kann ich nichts mehr mit ihm anfangen. Er hat sich für mich überlebt. Es gibt die vielen Überschätzt-Threads, die ich in Teilen für völlig übertrieben halte. Wenn aber überschätzt für einen gilt, dann für Orff.


    In den vergangenen acht Jahren, die seit dieser Aussage verstrichen sind, habe ich emsig daran gearbeitet, sie zu überdenken. Mit Erfolg. Ich hatte mich geirrt und gebe diesen Irrtum nur allzu gern zu. Orff ist mir heute wichtiger denn je. Man muss sich nur auf ihn einlassen. Am meisten lernt man vielleicht doch aus den eigenen Irrtümern. :)

    Es grüßt Rüdiger als Rheingold 1876

  • Die Edition der Deutschen Grammophon zum 125. Geburtstag von Orff, auf die ich schon an anderer Stelle aufmerksam machte, soll auch hier angezeigt werden:


    Es grüßt Rüdiger als Rheingold 1876