• LXI.




    Von den Göttern ...



    ... war er mir der liebste:
    Raubtiergott -
    so bitter und scharf


    Er kam
    wie das Dickkicht der Träume


    Im Fell tanzten Zedern;
    sein Schlaf roch nach Ambra
    und uraltem Rot


    Spuren schlug er in Wolken,
    und ein Safranmund floh


    Gott ohne Namen,
    ich wittere Stunden -
    bald reißen
    Tauben die Nacht


    Zu Gärten wachsen die Augen,
    und ein Korianderherz bricht


    Doch von den Göttern
    bist Du mir der Liebste:


    Wir schmecken
    das Dickkicht der Träume,


    und Mandelaugen
    fallen wie Reis ...



    (c) 2009, Jörg Borse

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Jaa, lieber klingsor, das finde ich jetzt viel besser: feiner, runder, stimmiger, auch fließender, harmonisch, und das Abgründige, Grausame nur zart angedeutet - jetzt spricht es mich an! Danke!

  • lieber gurnemanz,


    erneut: habe dank! :yes:


    ich freue mich sehr. und ja, auch ich bin zufrieden nun (hoffentlich auch langfristig). war eine schwere geburt .. aber das wußte ich schon vorher. aber es liest sich jetzt 'frei' m.m.n.


    schön, daß du damals deine berechtigte kritik geäußerst hast. sie traf mit meiner 'inneren' zusammen. dank nochmals dafür.


    herzlich
    jörg

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • LXII.




    Heimat



    Bei den Tieren bin ich zuhause,
    bei den Schritten im Schnee


    In meinem Mund wohnt der Regen,
    und Buchen wurzeln im Haar


    Aus Erde klaube ich Silben -
    schon bald
    lern’ ich die Wortspur dazu


    Und manchmal liege ich auch
    bei den Tauben im Nest:
    Dort sammel’ ich Wolken
    und kämme dem Mond
    das fuchsrote Haar


    Oder ich belausche,
    was sich die Wege erzähl’n:
    Von Gärten
    und den Äpfeln im Gras


    Dann witter’ ich Nächte,
    und aus den Rinden
    schneidet man Schlaf


    Ins Moos pflanz' ich Träume -
    doch mein Mund wird schon bald
    die Sterne verlier’n ...


    Nein,
    es lohnt’ keine Ernte:


    Denn nur die Tiere
    bitten für mich!




    (c) 2009, Jörg Borse

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Lieber klingsor,


    hm, hm - diesmal empfinde ich wieder Ambivalentes: die ganze Anlage, mit ihrer Tektonik, finde ich merkwürdig, weiß nicht so recht...


    "Äpfel vergrüben ... Wind": verstehe ich nicht richtig.


    Dagegen: "Und manchmal ... fuchsrote Haar" - tolles Bild, gefällt mir! Auch: "Dann witter' ... Schlaf" - gut!!


    Das nur so spontane Gedanken - vielleicht bin ich, gerade mit einigen anderen Dingen beschäftigt, nicht hinreichend aufnahmefähig?

  • lieber gurnemanz,


    es ist ja irgendwie beängstigend, daß du genau deine finger auf die stellen legst, die ich ebenfalls noch als 'wunden' sehe .. seismologische fähigkeiten sozusagen. :yes:
    tatsächlich habe ich mit der stelle 'äpfel vergrüben ...' auch lange schwierigkeiten gehabt und habe sie noch. aber sie erga(i)b(t) für mich einen inhaltlichen sinn, der möglicherweise bei meiner ersten fassung offensichtlicher war. hier hieß es noch: 'oder ich träume: äpfel ....' (es sollte das phantastische, groteske, unmögliche betont werden in folge der vorausgehenden strophe) und natürlich ein dahinterliegendes sehnen, das nicht erfüllt werden kann, ausdrücken. aber irgendwie hat es mich dennoch stilistisch 'gestört'.


    ich habe es nun deswegen ausgewechselt wie bereits oben eingestellt, werde aber noch weiter überlegen.


    ich denke '..


    Oder ich belausche,
    was sich die Wege erzähl'n:
    von Gärten
    und den Äpfeln im Wind


    könnte mir gefallen. evtl. tausche ich gärten gegen jahre aus. mal sehen.


    gärten würde eher noch an das verlorengegangene paradies und an 'geordnetes', an 'heimat' erinnern; die jahre an alte zeiten. mal sehen, was mich überzeugt. oder ich komme noch zu einen anderen lösung.


    der rest gefällt mir jedoch und dürfte für mich 'abgeschlossen' sein.


    danke dir für ein weiteres mal an konstruktiver kritik.


    herzlich
    jörg

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Zitat

    Original von klingsor
    Oder ich belausche,
    was sich die Wege erzähl’n:
    Von Gärten
    und den Äpfeln im Gras


    Ja, das gefällt mir viel besser!! "Jahre" statt "Gärten"? Ja, könnte gehn...

  • das freut mich :yes:


    und hier die endfassung mit marginalen änderungen:




    Heimat



    Bei den Tieren bin ich zuhause,
    bei den Schritten im Schnee


    In meinem Mund wohnt der Regen,
    und Buchen wurzeln im Haar


    Aus Erde klaube ich Silben -
    schon bald
    lern’ ich die Wortspur dazu


    Und manchmal liege ich auch
    bei den Tauben im Nest:
    Dort sammel’ ich Wolken
    und kämme dem Mond
    das fuchsrote Haar


    Oder ich belausche,
    was sich die Wege erzähl’n:
    Von Gärten
    und den Äpfeln im Laub


    Dann witter’ ich Nächte,
    und aus den Rinden
    schneidet man Schlaf


    Ins Moos pflanzt mah Träume -
    doch mein Mund wird schon bald
    die Himmel verlier’n ...


    Nein,
    es lohnt’ keine Ernte:


    Denn nur die Tiere
    bitten für mich!




    (c) 2009, Jörg Borse

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • LXIII.



    Kinderspiel



    Träume, Blaukuß
    und Orangen im Mund


    Schlaf in den Bäumen,
    und Murmeln
    auf die Leinen gespannt


    Dazu Schatten, tiefgelb,
    mit Sonne bemalt -
    ein Mond mit Trompete
    und Fische im Glas


    Steckenpferd,
    zwei Vögel aus Weiß -
    ein Puppenherz
    mit Blumen als Pfand


    Dann Zimt auf die Würfel
    und an den Angeln ein Stern -
    Spielzeug-Gott,
    was kostet die Welt?


    Zwei Blüten vielleicht,
    einen Kuß in den Wind? -
    Nur Kinderreim,
    und die Karten gemischt!


    Rosenrot,
    die Augen voll Traum:


    Um die Wette
    singen die Märchen,
    und ein Tod
    dreht sein Lachen dazu




    (c) 2009, Jörg Borse

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Bizarr, bunt, frech, mit bitterer Pointe, gefällt mir gut, lieber klingsor!


    Da Du aber nicht (nur) auf Lob aus bist, wie ich weiß, auch diesmal eine kritische Anmerkung: Du spielst so schön mit Bildern, kindlichen Gegenständen: Da fallen zwei Wörter als Abstrakta etwas aus dem Rahmen (vielleicht ganz bewußt?): "Spielzeug" und "Kinderreim". Das Ganze ist ja "Spiel" und handelt vom "Kind", da wäre es vielleicht besser, die Begriffe selbst in Bilder zu übertragen? Eventuell auch "Tod", auch wenn das hier wohl das entscheidende Schlüsselwort ist. Dabei finde ich gerade die Formunlierung, daß der Tod sein Lachen dazu dreht, eindrucksvoll (Assoziation: Leiermann?)


    Und noch: "Mond mit Trompete": Finde ich besonders gelungen!!

  • lieber gurnemnaz,


    ganz herzlichen dank fürs gefallen und für die kritischen anmerkungen. :yes: beides ist willkommen. und gerne gehe ich darauf ein.
    das mit dem 'spielzeug-'gott und dem kinderreim stört mich jedoch nicht. ich sehe hierbei auch nicht unbedingt die von dir angesprochene 'problematik'. der begriff des spielzeug-gottes 'spielt' natürlich nicht nur mit dem spielgedanken, sonern auch damit, daß der gott - als gegenpart zum tod - nur ein 'spielzeug' ist - also klein und unbedeutend, machtlos. so wie das ganze gedicht natürlich auch ' bitter' gelesen werden kann - viele motive sind ja nur auf den ersten blick schön, lieb, fröhlich.viele können sich ja auch auf gefangenes oder vergebliches (fische im glas; stern an der angel; küsse in wind, die murmeln auf der leine, die nicht mehr rollen, die würfel, die bald fallen, das herz, das nur ein puppenherz ist etc.) und nicht nur auf alte kinderspielzeuge beziehen. insgesamt ist es m.m.n. eines meiner vielschichtigsten mit einer vielzahl von bedeutungsebenen und metaphorischen anklängen.
    in diesem sinne ist auch der kinderreim zu sehen - bezugnehmend auf den liedcharakter und den - vollommen richtig interpretiert - tod als leierkastenmann. immer die gleiche geschichte, media in vita, nichts als 'kinderlied, reim, das leben als traum'. in diesem sinne auch die vielen traum und schlafbilder. ist somt das geschriebene real, nur ein traum, eine wunschvorstellung? ist es nur ein kinderlied, wird nicht auch die erste liebe angesprochen, das abenteuer leben, das wohl doch bitter endet (es bleibt ja auch in der schwebe, ob das lachen freundlich oder bitter ist am ende des gedichtes zw. des lebens)?


    soweit eine kleine erste mini-interpretation :-)


    herzlich
    jörg

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Lieber Klingsor,


    vielen Dank für Deine schöne Erläuterung, es freut mich, daß Du auch dieses Mal wieder offen auf meine Kritik reagierst! Dein Gedicht beeindruckt mich - habe es heute wiederholt gelesen - durch seinen Reichtum an Anspielungen, es wirkt insgesamt stimmig, und ich verstehe jetzt besser, daß Du "Spielzeug" und "Kinderreim" so läßt wie geschrieben. Daß vieles in der Schwebe und damit mehrdeutig bleibt, spricht - eindeutig - für die Qualität des Gedichts!

  • LXIV.




    Atem



    Nur Stille
    Atmen
    und ein Himmel beginnt


    Durch Saiten
    treten die Seelen
    ein Traum ist gestillt


    Es neigen sich Sterne
    und Lider
    verschließen den Ton


    Ein Hauch über Augen
    auch ein Engel vergeht


    Lippen verhallen


    Stille
    Atem


    nur eine Schwinge
    rührt an




    (c) 2009, Jörg Borse

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • ganz herzlichen dank, lieber gurnemanz, das freut mich wirklich sehr. :yes:


    herzliche restösterliche grüße


    jörg

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • LXV.



    Über Sterne



    Ich will Deine Haare
    über Sterne streichen
    und dort,
    wo Worte
    aus den Augen weichen,
    will ich eins sein
    und genug -
    ein Licht,
    das flieht
    und im Gesicht
    ein Sterben


    wenn es bricht




    (c) 2009, Jörg Borse

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Lieber klingsor,


    was sich schon in Atem andeutete: eine Tendenz zur Reduktion der Mittel, in schlichten, klaren Worten - diesmal wieder melancholischer - und dazu der merkwürdig-schönklingende Reim streichen - weichen als besonderer Reiz - und im Ganzen ein "verständliches" Gedicht, wie ich es gar nicht von Dir gewohnt bin (in Anführungzeichen, weil ich nur ahne, daß sich Komplexeres dahinter verbergen könnte): Das alles spricht mich wieder sehr an. Danke!

  • lieber gurnemanz,


    sei wieder einmal herzlichst bedankt. deine lobenden worte freuen mich sehr. :yes:


    und du hast - wie so oft - vollkommen recht. diesmal ein 'einfacheres' gedicht. genau dies war auch die absicht. und mit 'streichen/weichen und licht/gesicht/bricht' mein erstes gereimtes. ich probiere gerade in der letzten zeit verschiedene stilistika aus und dazu gehört nun auch die bewußte auseinandersetzung mit der lyrik zu beginn des letzten jahrhunderts. hier vor allem rilke natürlich. mal sehen, was die zukunft noch bringen wird. ich bin selbst gespannt :angel:


    einen herrlichen sonnigen rest-sonntag


    jörg

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • LXVI.



    Glasharfen



    Nächte,
    Schneeschritt
    und Töne aus Glas -
    Lippen,
    um die Himmel gespannt


    Wie Milch brechen Lider -
    Klänge,
    Windspiel,
    und ein Weiß,
    das versinkt


    Aus Silben rinnt Wasser -
    nur zwei Flügel
    singen noch auf


    Dann blässen auch Augen,
    und langsam
    verlieren Scherben den Kuß


    Es sterben die Schwäne,
    und unsere Blicke sind stumm ...


    In Stücken die Töne -
    sechs Strophen,


    in die Himmel gespannt




    (c) 2009, Jörg Borse

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • liebe elisabeth,


    vielen, vielen dank für dein gefallen. ich freue mich wirklich sehr!


    herzlich
    jörg


    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • LXVII.



    Purpur



    Du gehst
    und schenkst mir
    Deine Augen ein,
    und Dein Geschenk:
    ein Ja
    aus Zeit und Mund
    und wildem Wein


    Du gehst,
    und aus dem Schlaf
    der immer bleibt,
    ein Raum,
    ein Atem,
    der verschweigt,
    der meinen Traum betritt


    und einen Tod befreit





    (c) 2009, Jörg Borse

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Lieber Jörg, 67 Gedichte, da wird es langsam Zeit für eine Rückschau. Lange habe ich damit gezögert. Die Krise des Forums Ende April, wodurch gerade auch dieser Thread "Eigenes" hart getroffen wurde, hat meine Bedenken noch einmal verstärkt, gab aber zugleich den letzten Impuls.


    Werden die Gedichte im Zusammenhang gelesen, entsteht eine gewisse Sterilität (und Du weißt, dass das von mir nicht als Kritik gemeint ist). Die Wortwahl ist sehr eingeschränkt, und vor allem wählst Du einen starren Ausschnitt, eine Schnittlinie, an der sich mehrere unterschiedliche Ebenen gegenseitig durchschneiden. "Zerschneiden" und "falten" sind Prozesse, die in den Gedichten oft genannt werden und zugleich Deine eigene Vorgehensweise beschreiben. Mathematisch würde von der Schnittlinie gesprochen werden, entlang derer mehrere Blätter miteinander verheftet sind.


    Ganze Bereiche sind ausgeschaltet, abgedrängt in einen nur durch Schweigen negativ und indirekt vergegenwärtigten Schattenbereich. Kein Wort kommt so häufig vor wie das Wort "Wort" oder "Worte". Mit dem Wort verbunden sind die Sprachwerkzeuge, Mund, Zunge, Rachen, Lippen, die häufig in den Gedichten angesprochen werden. Aber nie wird von "Sprache", fast nie von "sprechen" gesprochen, bisweilen von "besprechen". Fast nie wird von "Gesang" gesprochen, ganz selten von "singen". Eine wichtige Ausnahme ist das Gedicht "Schwanengesang". Es gibt jedoch eine Gruppe von Liedern, "Meerlied", "Hexenlied", "Liebeslied", "Kinderspiel", die mir besonders gefallen. Dort scheint mir Deine Absicht am besten zu gelingen, nicht nur vom Schwingen der Worte zu sprechen, sondern die Zeilen wirklich zum Schwingen zu bringen.


    Noch auffallender ist, dass nie Musik vorkommt. Selten "Ton" und "Töne", noch seltener "Klang", "Klänge" oder "klingen", nie "Musik", "Harmonie", "Melodie", "Fuge", "Rondo" oder sonst eine musikalische Bezeichnung. Auch sonst keine Geräusche. Nichts ist laut oder leise, praktisch nichts wird als "laut" oder "leise" bezeichnet. Keine Musikinstrumente.


    Und nicht ein einziger Eigenname. Das ist so extrem, das nicht ohne Grund das einzige Gedicht, das immerhin einen "Bruder" ansprach, eine heftige Diskussion auslöste. Nie werden "Vater" oder "Mutter" angesprochen. Wenn vom "Kind" gesprochen wird, relativierst Du sofort, dass mit dem Kind auch "gedanken, gefühle, ein (lebens)werk etc. etc." gemeint sein können.


    Der Mensch besteht nur aus "Mund" und "Auge", die sehr oft genannt werden, "Haut" und "Haaren", aber nie die Nase oder die Ohren. Kein Gesichtsausdruck, ganz selten Stirn, Wange oder Schläfe, und wenn mal Herz, Brust oder Arm genannt werden, ist das etwas Besonderes. Es gibt keine Geräusche, keine Gerüche. Der menschliche Körper besteht nur aus zwei Organen. Hin und wieder wird fast wie im Biologie-Buch von "begatten" gesprochen, und was begattet sich da: Verse bzw. Augen.


    Vögel und Fische werden genannt, aber wo sind die Felder, Wälder, Bäume, Sträucher, Büsche und Gräser? Vereinzelt tauchen Rose, Flieder und Mohn auf, oder unbestimmt "Blumen". Auch Bäche, Flüsse, Ströme fehlen vollständig, keine Berge und Hügel. Nichts weist auf alle die Zeugnisse der Technik, mit der wir ständig konfrontiert sind, Häuser, Straßen, Städte, Eisenbahnen, Fernseher oder sonst etwas. Keine Wärme, keine Kälte.


    Die Bilderwelt reduziert sich auf Farben, von denen in der Regel nur die Grundfarben Blau, Rot oder Weiß genannt werden.


    Mit "Weiß" ist aber das Innere Deiner Gedicht erreicht: alles Weiße. Das sind besonders häufig die Wolken und Engel, aber auch Schnee und Milch. Sie haben offenbar eine vor allem symbolisch gemeinte Bedeutung. Deine Gedichte handeln von Sternen, Träumen, Worten.


    Ihnen willst Du eine eigene Körperlichkeit verleihen. "Traumfrucht", "Traumnetz", "Traumteppich", "Traumesfetzen" oder beide Begriffe in eins fassend "Traumengel". Das sind keine geträumten Früchte, Gewebe oder Engel, sondern der Traum selbst gewinnt etwas Realeres, nachdem sonst alle wirklichen realen Landschaften mit ihren Klängen und Gerüchen und den damit verbundenen Gefühlen ausgeschlossen sind.


    So entsteht eine abstrakte Fläche, in der alles miteinander verknüpft, gegeneinander ausgetauscht oder ineinander verwandelt werden kann. Aus Nachtdirnen werden Worthuren, Wolken werden gepflanzt, Reime bluten, "ein Stern wird gekeltert", so reiht sich fast endlos ein Gedicht an das andere. Diese Endlosigkeit scheint mir das Thema der Gedichte zu sein.


    Mit dem Wort "Engel" wird an die "Duineser Elegien" von Rilke erinnert. Aber wie hat sich das Bild der Engel seither geändert! Deine Gedichte beschreiben, wie es unmöglich geworden ist, Engel gestalthaft vor sich zu sehen, voller Gefühle, Trost oder Schreie; wie die Sprache von Rilke, Trakl, George oder Hofmannsthal zwar zitiert werden kann, aber ihren Klang verloren hat. Lebten die Menschen früher in der Zuversicht, dass Engel sie schon vor der Geburt begleiten, ihnen den Eigennamen und Schutz geben, selbst im Fall eines vorzeitigen Todes, dann sind davon heute nur noch überlieferte Worte zurück geblieben. Mit den Worten verbindet sich die Hoffnung, wenigstens aus ihrem Sich-Verfangen auf das Traumnetz zu schließen, in dem sie sich gemeinsam mit den Engeln verstrickt haben.


    Viele Grüße,


    Walter

  • LXVIII.



    Malven



    Ein Letztes noch,
    dann laß’ ich
    Deine Augen auf -
    ein Duft, der fällt,
    berührt
    und einen Schnee besingt


    Denn Hand in Hand,
    so werd’ ich
    von den Wangen geh’n -
    ein Himmel, der verstummt
    und, wie von einem Traum geführt,
    nach weißen Malven klingt


    Und an ein Schweigen
    werd’ ich rühr’n,
    das Worte spricht,
    und auch das Gras
    auf eine Schwinge streu’n,
    die einen Tod verführt
    und wie ein Gott versinkt


    Ein Letztes noch,
    dann will ich
    nur noch Abschied sein,
    ein Kuß,
    der tausend Morgen spürt,
    und wieder
    einen Mund begreift,


    doch eine Ampel schwingt




    (c) 2009, Jörg Borse

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Lieber Jörg,


    Es braucht Zeit, dies alles zu lesen. Und zu verarbeiten. Aber die Zeit lohnt sich, habe ich schon gesehen. :jubel:


    LG, Paul

  • Lieber Jörg,


    wo nimmst du das alles nur her, du mußt ein außergewöhnlicher Mensch sein.... :jubel:
    wann kommt den dein Gedichtband endlich raus? :hello:

  • liebe musica,


    einen dank aus tiefstem herzen für deine lieben worte. :yes:
    dein lob macht mich verlegen :O :O :O


    und selbstverständlich werde ich mich melden, sobald ein verlag sich entschlossen hat, etwas zu drucken. ist ja mit lyrik leider nicht einfach heutzutage. ich bin am recherchieren. vielleicht wird es dann doch (nur) der selbstverlag ... aber ich bin z.zt. ein wneig optimistisch. zumindest zwei kleinere zeigen sich interessiert ... drück die daumen :angel:


    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • lieber walter,


    auch dir herzlichen dank für deine erstaunliche analyse und die mühe, dir du dir machtest. ich bin mehr als geehrt - immerhin die erste analyse des veröffentlichten (kleinen) gesamtwerkes. :yes: danke!!


    und zugleich bitte ich um verzeihung, daß ich mich noch nicht eingehender damit befassen konnte und hier respondierte. das hole ich in - berufsbedingter - bälde nach, wenn ich mehr muße und muse habe, denn einiges möchte/will ich dazu noch sagen.
    dies sollte hier nun eine erste rückmeldung sein, damit du nicht denkest, es fehlte mir die höflichkeit. ;)


    herzlich und bis bald
    jörg


    :hello:

    --- alles ein traum? ---


    klingsor

  • Lieber Jörg, das neue Gedicht empfinde ich wie eine erste Antwort, möchte aber zunächst die Gedanken zu den 67 Gedichten mit einem zweiten Teil zuende führen.


    Der Stoff der Gedichte sind ausschließlich Worte und Metaphern und die mit ihnen verbundenen Assoziationen. Schon die zweite Zeile des ersten Gedichts lautet "greife in die Tollkirschnacht". Hier sind die Worte "Tollkirsche" und "Nacht" zu einem Wort verbunden, das keine äußere Realität benennt. Die Tollkirsche kann eine Metapher für Nacht sein, wenn das Dunkle der Nacht auf die Tollkirsche übertragen wird. Mit der Übertragung auf die Tollkirsche wird das Rauschhafte und Verbotene des Dunklen der Nacht deutlich. Werden dann in einem zweiten Schritt das Ursprüngliche (die Nacht) und ihre Metapher (die Tollkirsche) zusammengefügt in ein Wort (Tollkirschnacht) entsteht etwas Neues, das die gesamte Beziehung der Metaphern in sich enthält. Daher zeigen Deine Gedichte keine Träume, denn im Traum träume ich nur von der Nacht oder der Tollkirsche, und das eine kann eine Metapher des anderen sein. Die Gedichte operieren dagegen mit den Elementen, die sich im Übergang der Metapher-Bildung befinden.


    Diese Übergangselemente lassen sich rein formal durch Zusammenschieben als Worte bilden. Tollkirschnacht ist weder eine Metapher noch etwas Reales, sondern eine reine Wortbildung. Wenn der Leser solche Wortbilder dennoch versteht, liegt das an seiner Erfahrung mit der Bildung von Metaphern. Diese Erfahrung ermöglicht es dem Leser, selbst mit einem Wort wie "Tollkirschnacht" Vorstellungen zu verbinden. Er kann es, weil er mit seinem Sprachvermögen gewohnt ist, alle Worte in einem Raum von Worten zu sehen (formal: in einem semantischen Netz). Er kann ein Wort wie "Tollkirschnacht" künstlich in dieses Netz einordnen und semantisch mit anderen Worten verbinden. Dieser innere Raum des Sprachvermögens wird im Gedicht nun wiederum direkt angesprochen, wenn "in die Tollkirschnacht" gegriffen wird. Das Räumliche der Tollkirschnacht ist ihr Ort im Raum der Sprache.


    Mich interessieren diese Zusammenhänge so stark, da ich über die These nachdenke, ob die Worte in dem Sinne als die Elemente der Dialektik verstanden werden können, wie die Zahlen die Elemente der Mathematik sind. Die Dialektik als die Lehre des Gesprächs untersucht, wie im Gespräch unterschiedliche Bedeutungen und Seiten eines Wortes durchgesprochen und dadurch neue Sichtweisen gewonnen werden können. Ich bin fasziniert, wenn ich in den Gedichten ähnliche Zusammenhänge und Sprünge sehe.


    Die Welt der Worte ist mit der Angst verbunden, dass hier alles leer und nichts-sagend wird, wenn es auf die Welt der Worte beschränkt wird. Die Welt der Worte ist für sich eine weiße Fläche ganz ähnlich den reinen mathematischen Strukturen.


    Wie in den mathematischen Strukturen gibt es in der Welt der Worte Lebens- und Todesprozesse. Da sehe ich die innere Frage der Gedichte: Fangen die Worte etwas ein, was in den Worten weiter lebt oder stirbt und über das Sterben hinaus etwas Neues entstehen läßt? Mit Verfangen der Worte ist dann gemeint, wenn dies Einfangen misslingt.


    "Nachts reift kein Wort" (XII). "ernten wir Mond aus den Worten" (XXI) "Worte / weidet man tief" (XXVII) "Dann schert Einer Worte" (XLVII) Das alles sind Bilder über Worte. Hier kehrt in der Beschreibung der Worte alles das vorsichtig wieder, was sonst aus den Gedichten ausgeschlossen ist: Der Duft von Heu und überreifem Getreide, die dionysischen Lüste der Ernte, das Blut und der Schmerz der Zubereitung von Nahrung und Opfertieren, Werkzeuge wie Erntegeräte, Weidmesser oder Schere. Das alles wird notwendig, um zu beschreiben, wie Worte ein eigenes inneres Leben haben können.


    "Wolken fallen in Worte" (XIII). Nicht nur Wachstums- sondern auch Katastrophenprozesse führen zu Worten und sind in ihnen eingeschrieben. Die bunte Bilderwelt etwa von Marc Chagall ist in Gedichte übertragen.


    Wird dieser innere Reichtum der Worte verstanden, dann ist der Weg geöffnet, auch das Eigene zu finden, was schon immer in den Worten enthalten war und sich nun mit dem verbindet, was mit den Worten eingefangen wird. Es sind "uralte Worte", die bereits eine eigene Geschichte haben. Es liegen gewissermaßen im Innern der Sprache Worte bereit. Deren Gehalt wurde noch nie voll begreiflich. "in Krügen / verschlossene Worte" (LVIII). Das, was dort verschlossen ist, zeigt sich erst dann, wenn die Worte mit Leben erfüllt werden. Ihr Leben spiegelt nicht nur das wider, was es im wirklichen Leben bereits gibt, die Ernte, das Schlachten oder die Schur, sondern es zeigt sich in der Art, wie sich das Scheren der Worte vom Scheren eines behaarten Körpers unterscheidet, was das Besondere der Worte ist. Nicht alle Worte lassen sich scheren. Es ist die Meisterschaft lyrischer Kunst, die Worte zu treffen, die sich scheren lassen. Und nicht alle Vorgänge sind geeignet, um auf diese Weise die Worte von den Dingen zu unterscheiden. Mit großer Berechtigung werden nur solche gewählt, die mit Tod und Leben zu tun haben und daher schon immer zu den religiösen Ritualen gehörten, der Fall, die Reife, die Ernte, die Reinigung. Weitere Vorgänge sind z.B. alle Arten des Badens, Waschens, Reinigens, das Häuten, Trocken, Ausbrennen, Feuer entzünden und löschen, Verflüchtigen und Destillieren. (In der Welt der Zahlen ist an das Zusammenlegen und Wegnehmen, Wiederholen, Vervielfachen, Aufteilen, Potenzieren, im Kreise führen zu denken.)


    Das Eigengewicht der Worte liegt in den Eigennamen. Hier äußert sich zugleich die größte Angst, dass der eigene Name nicht mehr verstanden werden kann, dass ich nicht weiß, wer ich bin, weil ich meinem eigenen Namen fremd gegenüber stehe. Wo läßt sich diese Angst besser ansprechen als in einem Internet-Forum mit seiner Vielfalt von usernames, Trollen und sich selbst und anderen vorgetäuschten virtuellen Identitäten? Sind die Gedichte von "Jörg" geschrieben und wachsen im Garten von "Klingsor"? Wenn der eigene Namen verloren geht, verfangen sich die Worte und finden keinen Halt mehr.


    "Ach, Engel, / warum habt ihr / nicht auch meinen Namen / aufgesagt?" (XIII) "bis Dein Name zerascht" (XVIII) "nichts trennte unseren Namen entzwei," (XX) "So zerschneidet man Namen" (XXXIV) "Dein Name verwelkt" (XL) "auch Namen / mischt man mit Spreu" (LVI) "Deinen Namen / schrieb man auf Luft" (LVII, An J.-A., das einzige Gedicht, in dem immerhin in der Widmung die Initialen eines Eigennamen genannt werden) "Gott ohne Namen" (LXI)


    Das Namen-Lose führt in eine negative Gottes-Erkenntnis. Nicht nur der eigene Namen geht verloren, sondern hier sieht sich der Mensch eins mit der Namenlosigkeit Gottes und erkennt Gott im Verlust des eigenen Namen.


    Das Gefühl des Verlustes des eigenen Namen lässt die Abwesenheit der Engel spüren. Diese Abwesenheit ist das Weiß, das sich in den Wolken, der Milch, dem Schnee äußert. Ein angedeutetes Hölderlin-Zitat soll die Angst vor Verlassenheit nehmen, und hier entsteht Musikalisches: "Im Verneigen sinkt ein Gott dahin ... Und im Hinübertreten / singt / Unsterbliches vorbei" (LX)


    Das Ausweiden der Worte liefert dem Menschen die notwendige Nahrung und gehört zum Opfer an den Gott, zum Dank, dass er im Vorbeigehen seinen Segen gibt.


    Hier öffnen sich weiterführende Fragen: Was geschieht, wenn Worte ungehört bleiben oder nicht erhört werden? Gibt es eine Ästhetik der Worte und der Lyrik, durch die gute und schlechte Gedichte unterschieden werden können? Sind die Reinigungsverfahren der Worte und / oder bestimmte Worte mit Tabus belegt und können unkontrollierbare Kräfte freisetzen (Zahlen-, Buchstaben-, Silben- und Wortmagie), und führt jede logische und künstlerische Erkenntnis zum Zerfall des Erkannten wie der Erkenntnis (im Sinne der Logik des Zerfalls und der Negativen Dialektik von Adorno)? Haben Worte und Gedichte ihre Zeit, und wird der Zusammenhang der Zeit (und der Gedichte?) durch Zählen, Aufzählen und Erzählen hergestellt?


    Viele Grüße,


    Walter